Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil

Chapter 19

Chapter 193,502 wordsPublic domain

Leider machte ein regnischer Sonntag im September den frühlingshaften Ahnungen der Rothen, Röthern und Röthesten des Ländleins durch die "Schlacht" bei Staufen ein Ende und als der Max gar erfuhr, daß Struve in der Nacht mit der Eisenbahn als Gefangener durch die erste Provinz seines Reiches gesaust, da rief er in tiefem Schmerz:

"Mit Deutschlands Einheit ist's Mathäi am Letzten. Das Parlament läßt nicht hängen und köpfen, der deutsche Michel läßt seine besten Männer besiegen, die Elsässer halten uns mit ihren Pralereien zum Narren, rächen wir uns an der schwarzen Schwitt, denn diese trägt an allem Schuld!"----

Gesagt, gethan. Er stand mit einigen Kameraden dem Willibald als einem Abtrünnigen und "Aristokrater" auf den Weg, sie schlugen denselben halbtodt und nahmen sich das Trinkgeld dafür aus seiner Tasche. Schon einige Stunden später saßen Alle im Amtsthurme, doch der Rädelsführer fröhlich und guter Dinge, denn erstens war die Kerkerkost besser als in friedlichen Zeiten, zweitens hegte er keinen Zweifel als politischer Verbrecher behandelt, beurtheilt und, amnestirt zu werden und drittens dann als politischer Märtyrer etwas einträglichere Geschäfte als bisher machen zu können.

Die Untersuchung währte sehr lange; die Richter empfanden damals große Scheu, irgend einem Sohne des souveränen Volkes Unrecht anzuthun und beliebäugelten das Individuum im Spiegel der Allgemeinheit. Doch nach der Mairevolution erwachte der alte Heldenmuth und eine niegesehene Rührigkeit im Verurtheilen und der Max spazirte als Räuber dahin, wohin er gehörte.

"Er hat's noch nicht abgesessen und lebt unter Einem Dache mit Dir!" schloß der Johannesle; siedendheiß fuhr es dem Benedict durch die Glieder, denn der alte Schwarzschwittler regte sich in ihm und konnte es nicht lassen, mit dem Haupte der rothen Schwitt am gleichen Ziel angekommen zu sein und unter Einem Dache zu leben.--

Nach vielen Herzkäfern und Schulkameraden, deren Stolz und Freude er dereinst gewesen, wagte er gar nicht zu fragen, denn der Johannesle besaß keinen Funken jenes Taktes, mit welchem Besucher mit Zellengefangenen reden müssen, wenn sie denselben keine schweren Stunden und schlaflose Nächte bereiten wollen und das Rosele war etwas schweigsam und kurz.

"Hab' oft für Dich gebetet, Benedict und will für Dich jetzt täglich in die Frühmesse gehen. Was ich nicht über Dich vermochte, vermag am Ende dieses wunderliche Haus noch am besten!--Sei getrost, der alte Herrgott lebt noch und weiß, was für Dich gut ist und die großen Herren sind besser als die kleinen. Betrübe Dich nicht zu sehr, weil Du da sitzest, denn daheim und im Lande sieht es so aus und geht es so zu, daß auch ordentliche Leute manchmal fast froh wären, hier oder doch tausend Stunden vom Rhein weg zu sein und Maxes alte Kameraden erzählen genug, wie man im Zuchthaus ungeschorener und besser lebe als in der Freiheit!"--

"Viele, die selbst mitmachten, sind jetzt die ärgsten Anzeiger und Leuteschinder; wenn man's sieht, wie das Land ausgefressen und ausgesogen, dem Armen das letzte Leintuch unter dem Leibe weggerissen wird, weil der "Vollstrecker" oder der Staat Geld braucht und wie nirgends Zutrauen und Verdienst zurückkehren wollen, da wunderts Einen nicht, weßhalb Tausende jetzt auswandern nach Amerika. Am Ende kommst Du auch noch hinein, Benedict, denn seitdem die Gemeinden und der Staat Solche, die im Zuchthaus gewesen wegen Stehlen und Rauben, mit den Politischen nach Amerika spediren, geht das Gerede, alle Zuchthäuser würden allgemach geleert und der Befehlshaber von Amerika habe herausgeschrieben, man solle ihm doch alle Arrestanten schicken, weil es an Händen fehle zum--Arbeiten!"

Benedict schüttelte etwas ungläubig den Kopf und meinte:

"Für mich gibts keine irdische Hoffnung mehr!--Ich habe schon an Dir, Rosele, mein Loos verdient, weil ich Deine einst so treue Liebe so mißachtete und mißhandelte!--Ich möchte nicht einmal wieder unter die Menschen, denn was habe ich zu erwarten? Gutes wenig, sei es im Badischen oder in Amerika. Lebewohl, Liebe, bete für mich und denke, daß ich endlich doch hier ein anderer Mensch werde!"

Rosele fuhr mit der Schürze über die Augen, winkte dem Unglücklichen noch einmal mit der Hand und wandte sich nach der Thüre, während Johannes einen Besuch im nächsten Jahr nach der Erndte versprach, falls diese gut ausfalle und ziemlich kühl Behütegott sagte.

Der Benedict hat sich eine Minute an den Pallisaden gehalten, als die Beiden gingen, hat gezittert und sich schier die Lippen wund gebissen, um nicht laut aufzuschreien. Doch ist er seiner selbst Meister geworden und still in seine Zelle zurückgekehrt, wo er auf die Kniee fiel und Gott ein heiliges Gelübde machte.

Seitdem ist er allgemach zu einem rechten Christenmenschen geworden, hat tief in sich hineingeschaut wie selten Einer und ernsthaft an seiner innern Läuterung gearbeitet, so daß er nunmehr alle Leiden um Christi willen freudig trägt.

Und wenn heute der herzensgute Fidele vom Grabe auferstünde und seinen Einzigen im grauen Kittel in der Zelle sähe, so würde sein Schmerz durch die Freude überwogen, in diesem zwar einen Verbrecher, aber einen _gebesserten_ Verbrecher zu finden.

Der Max vom Rindhofe hat in der Zelle auch Gelegenheit erhalten, über sich selbst lange und ernstlich nachzudenken und sich selbst gründlich kennen zu lernen. Selbsterkenntniß aber ist und bleibt der Anfang aller Weisheit. Könnte man alle Menschen gleich den Zellenbewohnern zum Nachdenken _zwingen_--die Erde hörte auf, ein großes Zuchthaus zu sein und der Streit, ob man Mitmenschen pennsylvanisch, auburnisch oder nach der alten Methode drangsaliren müsse, damit die Gesellschaft sicher sei, würde als Kennzeichen einer rohen und barbarischen Zeit betrauert werden.

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#AUS DEN BRIEFEN DES SPANIOLEN.#

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#VORBERICHT.#

Der Spaniol ist ein alter Bekannter aus dem ersten Theil und hat vielleicht mancher Leser schon zu erfahren gewünscht, wer und woher er wohl und wie es ihm bisher ergangen sein möge. Einerseits Revolutionär als Grundsatz, gehört er anderseits schon vermöge seiner höhern Ausbildung und gewaltig hohen Verbildung den höhern Volksklassen an.

So unrichtig es wäre, denselben als eine erdichtete Person zu betrachten, so sehr bitten wir auch, in ihm den Ausdruck einer großen Klasse von Menschen zu sehen, welche mehr oder minder bewußt und weitgehend dem Spaniolenthum huldigen. Seine Geschichte ist eine lange, lehrreiche und traurige. Statt ihrer geben wir nur Auszüge und dazu noch _umgearbeitete_ Auszüge aus Briefen des Helden.

Warum?

_Erstens_ erfordert eine _lange_ Geschichte viel Druckpapier, noch mehr Schreibseligkeit und am meisten Geduld beim Leser. Der Herr Verleger besitzt zweifelsohne Papier genug, aber die Zuchthausgeschichten sind schon ihrem Inhalte nach etwas dick und sollen mindestens der Form nach nicht allzudick werden, damit sie sich leichter Platz machen in der elenden Zeit. Ferner hat möglicherweise schon Mancher gedacht, der Verfasser müsse ein recht schreibseliger Mensch sein, zumal er sich zuweilen wiederholt, allein Ein Beweis vom Gegentheil wird durch großartige Beschneidung der Geschichte des Spaniolen geliefert und manche Wiederholung mit der Furcht entschuldigt, daß der Leser diese Schrift als eine vorzugsweise für Unterhaltung berechnete ansehe, mit der Erfahrung, daß Kopfzerbrechen und Nachdenken keine Lieblingsleidenschaft des Publikums sei, mit der Gewißheit, daß man gewisse Dinge nicht oft genug sagen könne und vor Allem mit Vertrauen auf die berühmte deutsche Tugend der Geduld.

_Zweitens_wäre die Darstellung der innern Entwicklung und äußern Schicksale des Spaniolen sehr lehrreich und wohl auch unterhaltend, allein der genauem Veröffentlichung stehen größere Bedenken entgegen als bei allen übrigen in dieser Schrift vorkommenden Geschichten. Daß wir es dadurch mit Rezensenten, Schön-, Schwarm- und Rottengeistern der Gelehrtenrepublik, ja mindestens mit drei Viertheilen der Welt verdürben, wäre noch leicht zu verdauen. Wir fragen so wenig nach allen Interessen unserer Person als nur immer möglich und weil es auf dem unvermeidlichen Totenbette doch Eins ist, ob man sein Lebenlang Champagner oder Batzenvierer getrunken, Havannahcigarren oder Pfälzerkneller geraucht und auf Eiderdunen oder auf einem Spreuersack Nachts schnarchte, so würden wir uns nicht einmal sonderlich grämen, wenn man uns eines schönen Tages zum zweitenmal, aber dießmal um einer _guten heiligen_ Sache willen an der Cravatte packte; wenn diese dadurch gefördert würde, könnte die winzige Person darob ganz fröhlich zu Grunde gehen.

Allein nicht unsere Person, sondern die des Spaniolen müssen wir verschleiern und diese auch weniger um ihretwillen, sondern wegen anderer Leute. Wir müßten nolens volens Vieles dichten, dürften Namen von Orten und Personen, Zahlen und manche Thatsachen nicht laut werden lassen, ohne Anstoß und Schaden zu verursachen und müßten dieselben doch laut werden lassen, um gehörige Lichtfunken in die dunkle Geburtsstätte des Spaniolenthums zu werfen. Solcher Widerspruch ist schwer zu lösen.

Dagegen bietet die Geschichte unseres Helden Anknüpfungspunkte und Thatsachen in Menge, um mindestens nachzuweisen, wie weit die Entchristlichung aller öffentlichen und gesellschaftlichen Zustände, die Protestantisirung des katholischen Volkes gedieh und wie namentlich das katholische Erziehungswesen kaum Spuren von christlichem geschweige kirchlichem Geiste an sich trug in einer Zeit--welche in manchen Gegenden noch nicht zur Vergangenheit geworden. Gegenwärtig, wo es Tausenden einleuchtet, wohin die Entchristlichung der Völker und die Protestantisirung katholischer Christen führe und wo aus den Denkschriften der Oberhirten der oberrheinischen Kirchenprovinz ein Wächterruf des Himmels an sämmtliche Dusler unter dem Monde erklingt, da wird es Pflicht, alle Kraft aufzubieten, um einer bessern Zukunft eine Gasse machen zu helfen.

Die Geschichte des Spaniolen enthält Thatsachen genug dafür, wie es lange Jahre namenlich mit dem _Erziehungswesen_ in einem Lande aussah, von dessen Bewohnern zwei Drittheile katholisch getauft worden. Wir wählen diejenigen heraus, für welche wir im Nothfalle einstehen können, sei es, daß wir mit Andern Aehnliches oder ganz Gleiches erlebten oder Beweise beizubringen vermögen. Erkenntniß der Fehler ist der Anfang zum Besserwerden. Nebenbei soll Anderes, wenn auch nur flüchtig berührt werden, was darauf hinzielt, dem Staate und der Kirche mindestens mit gutem Willen beizuspringen und wenn dieser oder jener Punkt katholisch getaufte Museumslazzaroni, Gänsekielimperatoren, Säbelbedienstete, Volksbildner und Kleinbubenprofessoren, Kammerzeuse und andere Giganten der Aufklärung und Bildung ärgert oder in gelinde Wuth versetzt, so wissen wir keinen bessern Rath, als daß diese Herren das Buch mit fachgemäßer Entrüstung an die Wand werfen, den Spaniolen für einen pechschwarzen Demokraten und seinen Briefsteller für alles Mögliche halten, was ihnen just einfällt und beliebt.

Heilsamen Verdruß unter Namenchristen zu erregen, halten wir für großes Verdienst.

_Drittens_ endlich ist die Geschichte des Spaniolen eine sehr _traurige_. Nun kann man zwar dem Schmerz eine Schellenkappe aufsetzen und in Trauermusik recht freundliche und lustige Stellen einflechten, zudem hat der Held über seine eigene Geschichte genug gelacht und es dauerte gewaltig lange, bis er zur Einsicht kam, seine Geschichte sei Eine zum Weinen--doch es gibt Schmerzen und Musiken, die sich mit Schellenkappen nicht vertragen und wo aus dem lustigen Aufjauchzen das tiefe innere Wehe nur noch herber heraustönt und der Spaniol ist ein ernster Christenmensch geworden, der nur mit einer ernsten Lebensbeschreibung zufrieden sein könnte. Damit nun vorliegende Briefe und der Schluß der Zuchthausgeschichten nicht gar zu traurig ausfallen, sind dieselben aus der Zeit genommen, wo der Held derselben nicht mehr in der Zelle zu B. und nicht mehr in dem engen, schwülen Kerker ungläubigen Aberglaubens seufzte, sondern wiederum den Wanderstab ergriffen hatte und wenn nicht im Himmel des Kinderglaubens, doch im Vorparadiese eines durch Nachdenken und Gebet neuerrungenen Glaubens an Christum den Gottessohn und die menschheiterlösende Mission der Weltkirche Jesu Christi weilte. Was den Inhalt der Briefe betrifft, so verhalten wir uns zu denselben wie ein guter Rathsherr zu den Ansichten seines Bürgermeisters. Wir nicken abwechselnd Ja und rufen: Einverstanden!

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#I.#

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--Es ist ein sonderbares Gefühl, wenn man eine lange Reihe von Monden keinen Schritt ohne Ordre und Wächter thun darf, eingezwängt in den eintönigen Gang einer unerbittlichen Hausordnung und in den kleinen Raum von 8 Schritten Länge und 4 Schritten Breite, welchen eine Zelle einnimmt. Freilich gewöhnt sich der Mensch daran, eine Art Maschine zu werden und das eigene Wollen mehr oder minder aufzugeben; die anfangs beengende Zelle erweitert sich allmählig und wird aus einem öden Behälter zum freundlichen Stübchen, in welchem man sehr glückliche Stunden zu leben vermag--doch wie viele düstere und wildbewegte Tage, wie viele bange und verzweiflungsvolle Nächte muß man durchleben, bis es so weit kommt, einen Schimmer äußern Glückes zu genießen! Wie Alpdruck lastet die Einsamkeit auf dem Gemüthe und erdrückt jede frohe Regung in den ersten Monden der Haft. Später kommt das Nachsinnen und Nachbrüten, die Zelle bevölkert sich mit alten Gestalten der Vergangenheit, sie weisen die Schuld unserer Leiden von sich ab und auf uns selbst, der Teufel und der Engel in uns beginnen ihre geheimnißvolle Zwiesprache und diese Zwiesprache steigert sich zum folternden, herzzerreißenden Streit und verzweiflungsvollen Kampfe. Unentschieden wogte in mir der Kampf und Streit, erst am Ende des zweiten Jahres wurden die Stunden seltener, in denen der Böse mir gräßliche Gedanken, finstere Entschlüsse, blutige Hoffnungen in die Ohren flüsterte und ich tagelang der Gesellschaft Jenes mich erfreute, der Allen Alles werden kann und soll und im Grunde der einzige wahre Freund bleibt, welchen der Mensch auf dieser Welt zu erwerben vermag.

Wo Er weilt, herrscht Friede und Seligkeit, wo Er fehlt, Unruhe und Qual. Dies ist in allen Menschenwohnungen der Fall, doch der Zellengefangene empfindet es lebhafter als jeder Andere, weil ihm die zahllosen Zerstreuungen fehlen, durch welche die Freien das bange Herz in süße Gedankenlosigkeit einwiegen.

Die Freien, welche Ironie!--Die äußere Freiheit bleibt für den Herrn des größten Thrones und für den Bürger der freiesten Republik leerer Schein, hohle Redensart, wo die innere fehlt. Es gab und gibt wohl noch Könige, abhängiger und elender als der verlassenste Bettler ihres Reiches, und Gefangene, freier und glücklicher als die Gesetzgeber des freiesten Staates. Innere Freiheit ist die Quelle der äußern. Ein Volk, unter welchem viele innerlich Freie sich befinden, kann keine schlechte Regierung haben und von vornherein niemals in die scheinbare oder wirkliche Notwendigkeit versetzt werden, sich gegen dieselbe aufzulehnen und zu empören. Revolutionen sind Zeugnisse für tiefgehende Krankheiten der Völker und Folgen unbehaglicher Zustände, welche durch die Krankheiten ins Leben gerufen wurden.

Und krank, sterbenskrank ist unsere Zeit; sie liegt darnieder am Mangel an innerer Freiheit, näher am Mangel an positiver Religion und am Ueberflusse an einem Heidenthum, das weit ärger ist als das alte, weil man es kein unbewußtes und argloses nennen darf. Es strebt den ganzen Organismus des Staatslebens und der Gesellschaft zu vergiften und hätte denselben seit 300 Jahren schon mehr als dreimal vergiftet und ertödtet, wenn nicht die Kirche gegen alle Angriffe und Verfolgungen kirchlicher und politischer Revolutionen Stand gehalten hätte.

Doch--ich gerathe wieder auf Dinge, von welchen ich mindestens diesmal nicht reden wollte. Es ergeht mir wie alten Soldaten und den meisten Fachmenschen, welche jahraus jahrein von ihren Feldzügen und Geschäften reden und unwillkürlich immer wieder darauf gerathen, ob sie wollen oder nicht. Sollte ich mich entschuldigen, so wüßte ich nichts anzuführen, als daß ich eben leider ein entschiedener und im Kampfe nicht unerfahrener Soldat des Heidenthums gewesen und dadurch zum Verbrecher geworden bin.

Mein Herz zittert, sobald ich länger bei diesen Erinnerungen verweile. Sie liegen hinter mir als ein langer, banger Fiebertraum voll von gräßlichen Gestalten, drohenden Gefahren und niederschmetternden Erinnerungen. Ich weiß, daß du mir verzeihest und Dank weißt, wenn ich später über die Nachtseiten meines Lebens rasch hinwegeile. Es geschieht nicht, weil ich mich des Bekenntnisses, sondern weil ich mich meiner Verirrungen und Sünden schäme--mich selbst verachten und Gottes Barmherzigkeit anstaunen muß, der einen Unhold meiner Art zu sich rufen und aus einer Art moralischem Ungeheuer, dessen größte Tugend im Stolze auf seine Ungeheuerlichkeit bestand, wiederum zu einem Menschen, zu einem Christen werden ließ. Er würde es wohl nicht gethan und als gerechter Gott mich den Folgen meiner Unthaten überlassen haben, wenn nicht Er am besten gewußt hätte, daß weniger Selbstsucht als verwundete und verkehrte Liebe für meine Mitmenschen und nicht Bosheit, sondern frühgenährte Eitelkeit des Herzens mich auf einem Wege forttrieben, auf welchen ich mich nicht selbst brachte, sondern als Kind darauf gebracht wurde.

--Ja, einen großen Theil meiner Schuld schiebe ich keineswegs mit dem höflichen Dichter den Gestirnen zu, sondern muß und darf meine Eltern, Lehrer und die Gesellschaft überhaupt dafür verantwortlich machen. Dabei vergesse ich nicht, daß Eltern unter allen Umständen Eltern bleiben und daß die meinigen hinsichtlich ihrer natürlichen Gaben und thätigen Liebe für uns Kinder vortreffliche Menschen waren. Ich muß dieselben mit mir beklagen und nicht minder meine Lehrer, welche als Söhne und Träger der Bildung einer dem positiven Christenthum abholden und feindseligen Zeit eben auch zu dem gemacht worden waren, was sie aus mir und meinen Mitschülern machten: _Namenkatholiken, Unchristen, Heiden._

Man sollte vermeinen, Eltern und Lehrer in christlichen Staaten erachteten es für die erste Pflicht, junge Seelen Christum kennen und lieben zu lehren, die Glaubenssätze und Gebräuche der Kirche so gründlich als möglich zu erklären und denselben handelnde Christen in ihrer Person zu zeigen. Solch heilige Pflicht wäre nicht allzuschwer zu erfüllen. Das Kind faßt Christum, weil sein Gemüth reine Liebe begreift und die natürliche Liebe, welche es für seine Ernährer und Lehrer empfindet, bildet die Uebergangsbrücke der übernatürlichen Liebe zum Himmlischen und Göttlichen. Ferner wären dogmatische Auseinandersetzungen für Kinder zwar unnütz, denn das Kind zweifelt nicht, sondern glaubt und vertraut und der erstarkende Verstand entwickelt mit der Zeit aus dem lebendigen Glauben an den Gottessohn alle Glaubenssätze als bloße Folgerungen aus jenem Glauben von selbst, doch eine oft wiederholte Erklärung aller Gebräuche der Kirche, in deren kleinsten eine unendlich tiefe Bedeutung liegt, sollte eben so sehr zur Obliegenheit der Eltern als der Lehrer werden. Endlich sind die meisten Erzählungen vom Leben der einzigächten Helden der Menschheit, der Helden des sittlichen Willens, nämlich der Heiligen für jedes Kinderherz so verständlich, anziehend und rührend, daß in keinem Hause eine Legendensammlung fehlen und nirgends dieselbe bestäubt in einem Winkel liegen sollte. Zuletzt liegt in der Befolgung der Vorschriften unserer Religion der ächte Stein der Weisen, das Geheimniß des zeitlichen und ewigen Glückes und wenn Eltern und Lehrer nicht einmal an ihre Kinder und Schüler, sondern nur an sich selbst und ihren handgreiflichen Nutzen, nicht an das Jenseits, sondern nur an den Augenblick und das Irdische dächten, würden sie darnach _streben_, ihren Kindern handelnde Christenmenschen zu zeigen, durch eigenes Beispiel zur Nachahmung reizen und an das Gute gewöhnen.

Zu all diesem gehört keine besondere Gelehrsamkeit, es kostet nicht viele Zeit und würde eher zu Ersparnissen als zu Ausgaben verhelfen.

Allein wie sieht es in protestantischen und katholischen Familien und Schulen mit der Pflege des Christenthums aus?

Gibst du nur den einzigen Satz zu, daß ein Christenthum ohne einen Gottessohn ein leeres Gerede sei, hinter welchem sich ein mit christlich klingenden Redensarten verbrämtes Heidenthum breit macht, so wird den Satz Niemand umstoßen können, daß bei weitem in den meisten Häusern und Schulstuben das heranwachsende Geschlecht zu Heiden statt zu Christen und weit eher für Wirthshäuser, Spitäler, Irrenanstalten und Gefängnisse denn für ein glückliches Familienleben, weil für die Kirche und den Himmel herangezogen werde.

Ich bin ein trauriges Beispiel dafür geworden. So wenig meine Erziehung in Haus und Schule einigen Antheil am Verdienste meiner Rückkehr zum Glauben besitzt, ebensowenig verhindert sie bei vielen Tausenden, daß diese werden, was aus mir, dem Liebling der Eltern und Lehrer, geworden.

Pietät verbietet mir, meine leiblichen Eltern von einer ungünstigen Seite zu schildern. Kinder ihrer Zeit und Opfer der Weisheit der Zeit, trug Alles, was angeborne Herzensgüte des Vaters und Sanftmuth der Mutter, günstige Lebensverhältnisse und erfahrne Weltklugheit bei ihnen vermochten, nicht genug zu einem dauerhaften häuslichen Glücke, wenig zum Gedeihen der menschlichen Gesellschaft und noch weniger dazu bei, denselben in der Todesstunde Trost und in den Augen Gottes besonderes Ansehen zu verschaffen. Und meine Eltern gehörten nicht nur zu den angesehensten und gebildetsten, sondern in der That zu den edelsten Persönlichkeiten meiner Vaterstadt, wie meine Lehrer zu den kenntnißvollsten und besten des Landes.

Der Vater war Arzt; ein religiös gesinnter Arzt ist wohl heute noch so selten denn ein gläubiger Jurist, ein frommer Lieutenant oder ein gottbegeisterter Handlungsreisender. Er besuchte die Kirche nur am Geburtsfeste des Landesherrn und galt als feiner, aufgeklärter Kopf, der wenig redete und mindestens vor uns Kindern niemals gegen die Religion und selten genen [gegen] diesen oder jenen Geistlichen zu Felde zog. Er überließ das Beten, Kirchengehen und die religiöse Erziehung seiner Kinder der Mutter und den Lehrern. Diese glaubte aufrichtig an einen _Gott_, aber weder an den Jehova des alten noch an den dreieinigen des neuen Bundes, sondern an den Gott innerhalb der Grenzen der Vernunft, an den des Zeitgeistes, der seine Bibel in den "Stunden der Andacht" gefunden. Er spielt in der Geschichte unseres Geschlechtes und im Leben des einzelnen Menschen genau dieselbe Rolle, wie ein gutherziger Onkel oder schwacher Vater irgend eines Theaterstückes, worin ein leichtsinniger Sohn oder Neffe einen dummen und schlechten Streich nach dem andern macht, den guten Alten auf jede beliebige Weise ärgert und quält und am Ende von allerlei Noth getrieben liebend und vertrauend in die stets ausgebreiteten Arme des Gerührten sinkt.

Man könnte diesen Gott den absoluten Heli nennen, der so oft vom Stuhle fällt und stirbt als es dem Menschen beliebt gegen den Willen desselben zu handeln.

Meine Mutter glaubte auch an _Christum_ und würde Straußens mythische Nebelgestalt oder gar Daumers Menschenfresser mit Abscheu zurückgewiesen haben--aber _ihr_ Christus war nur ein liebenswürdiger, großer Wohlthäter des Menschengeschlechts, den die gottlosen Juden peinigten und kreuzigten, weil eben Juden nichts von Weisheit, sondern nur das Geldzählen und Dukatenbeschneiden verstanden und schon damals Jeden der Ihrigen verfolgten, der für die benachbarten Gojims ein zu lautes Wort einlegte. Daß das Menschengeschlecht wegen des unschuldigen Apfelbisses in Ungnade gefallen, blieb ihr so unbegreiflich als die Nothwendigkeit, daß sich ein Schuldloser für das Menschengeschlecht mit Erfolg opferte.