Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil

Chapter 18

Chapter 183,481 wordsPublic domain

Sinnend steht er noch einige Augenblicke in der Zelle und blickt zum vergitterten Fensterlein empor, die sechs dicken Eisenstäbe gränzen sich scharf gegen den Nachthimmel mit seinen dunkeln, fliegenden Wolken ab, durch welche zuweilen das weiße oder röthliche Licht eines Sternes scheint oder flimmert und dieses traurige Haus wie die dunkeln Höhen des Schwarzwaldes, das Heimathdörflein, die Städte und Kasernen des Rheinthales überschaut und vielleicht in die Scheiben einer Hinterstube leuchtet, in welcher Meister März mit seinen Gottseligen conventikelt. Benedikt soll halblaut beten, die Hausordnung will es, doch er will nicht und murmelt sehnsüchtige Wünsche vor sich hin.

Dann legt er den Strohteppich zum Schutze gegen den kalten Boden vor das Bett und legt sich nieder, um zu schlafen.

Er hat den Tag über streng gearbeitet und befindet sich bald auf der Brücke zwischen Wachen und Schlafen, doch das langgedehnte Gebrülle einer gedankenlosen oder auch boshaften Schildwache laßt ihn einstweilen die Gedanken ans Einschlafen vergessen.

Man mag ein Zurufen der nicht weit von einander stehenden Schildwachen für zweckmäßig erklären, doch welchen Zweck soll ein mehr als viehisches Brüllen und absichtliches Wiehern haben, welches manche Soldaten allnächtlich auf den Ringmauern zum Besten geben?

Weit entfernt vom Militär kleiner Länder den Geist und die Haltung der Soldaten einer großen Armee und damit viel zu viel zu verlangen, möchte doch nicht zuviel verlangt sein mit der Forderung, daß die Wachkommandanten des Zellengefängnisses häufiger zur Einsicht kämen, gewaltsame Störung des Schlafes vieler Kranken und Gefangenen sei nicht nur etwas Unnöthiges, sondern auch etwas Unzweckmäßiges und Unwürdiges.--

Seufzend wickelt sich der Duckmäuser fester in seinen Teppich, kehrt sich gegen die Wand und der Bibelvers, welcher ihn heute so sehr beschäftigte, kommt abermals und immer wieder ihm in den Sinn. Er schließt die Augen gewaltsam und zählt so lange von Eins bis Hundert rückwärts, bis endlich der Schlaf dem Zählen ein Ende macht, ein Schlaf ohne Erquickung und Ruhe, denn was sich in seinem Gemüthe regt, lebt auch im Schlafe fort und die Gedanken, welche er heute gehabt, spinnen sich in die Traumwelt weiter. Wovon soll ein Zellenbewohner träumen? Von den kleinen Ereignissen der Gegenwart? Sie biethen ihm zu wenig Interesse dar, als daß sie sich häufig in seine Träume verweben sollten. Höchstens die Schule beschäftigt den Träumenden, er setzt manchmal Rechnungen fort oder sieht in lebendigen wunderlichen Gestalten vor seinen Augen vorgehen, was er dort gehört. Meistens träumt er von der Vergangenheit, von den Hauptereignissen seines Lebens, vom Prozesse, der ihn vernichtet oder auch von der Zukunft, einer bessern, freudevollern Zukunft, von einer Welt voll süßer Täuschungen, welche der Klang der Hausschelle am frühen Morgen wegzaubert.

Selten im Sträflingssaale, häufig bereits in der Zelle hat der Benedict geträumt vom Heimathdörflein, von den beiden Schwitten, von den Herzkäfern, dem Saumathis und Straßenbasche und vom Kasernenleben und manchmal ist er entsetzt aufgefahren, wenn die todte Mutter oder der Vater mit dem zerschmetterten Haupte oder dem ledernen Beutel, aus welchem er 50 Gulden herauszählte, vor ihm stand.

Sechs Jahre muß ein Zellenbewohner in der Zelle bleiben, wenn die Strafzeit 9 oder mehr Jahre beträgt. Sechs Jahre sind über 2190 Tage und ebensoviel Nächte eines eintönigen Lebens und eine solche Zahl sollte nicht ausreichen, um den alten Adam abzulegen?--

* * * * *

Mehrere Jahre sind verflossen, seitdem der Benedict das Inwendige eines Sträflingssaales zum letztenmale gesehen. Er sitzt noch immer in der Zelle, ist noch immer hineingebannt in den unerbittlichen Gang des Lebens, welches Jahr für Jahr und Tag für Tag so ziemlich in derselben Weise eintönig vorüberschleicht, wie wir es beschrieben. Aber der leichtsinnige Hobist ist indessen ein stiller, nachdenklicher, ein besserer und im Ganzen glücklicher Mensch geworden, der nicht mehr seine Freilassung für das Höchste hält, weil er aufhörte, die Erde als das Höchste zu betrachten.

Rasch und leicht ging solche Umwandlung keineswegs von Statten. Sie kostete bittere Thränen, schwere Kämpfe, verzweiflungsvolle Nächte, schonungslose Selbstanklagen, tausend vergebliche Vorsätze und mußte Schritt für Schritt mit dem stärksten, unermüdlichsten und grimmigsten Feinde, welchen der Mensch hat, nämlich mit der Selbstsucht im Kampfe liegen.

Als nakte Selbstsucht besiegt, kleidete sie sich in das Gewand der Tugend und Religion, mit Hülfe des Geistlichen entlarvt, mußte der Kampf von Neuem aufgenommen werden. Jetzt ist sie gebunden, gedemüthiget, aber noch nicht getödtet, erst der Tod wird sie vollkommen tödten.

Geht nicht eine alte Sage unter dem Volke, die zertretene Schlange vermöge nicht zu sterben, bevor die Sonne untergegangen?--

Der Duckmäuser ist noch jung und stark, er gehört zu den Gebesserten, insofern man Mienen, Gebärden, Reden, Benehmen, Eifer in Schule und Kirche, das gleichmüthige und heitere Ertragen aller Entbehrungen und Leiden eines einsamen Zellenbewohners, das unbedingte Anheimstellen des eigenen Schicksals in den Willen Gottes, die lebendigen Aeußerungen eines tiefen Bewußtseins der ehemaligen Unwürdigkeit, der gegenwärtigen Schwäche und einer dankbaren Anerkennung der erbarmenden Liebe des Erlösers gegen ihn als Zeichen von Besserung ansehen darf.

Er lebt so, als ob er nicht mehr allein in der Zelle sei, sondern als ob die friedlichen, beseligenden Gestalten des Himmels bei ihm ein und answandelten und als ob der Allmächtige den Fluch der bösen Thaten, die der Benedict verübt, von dessen Haupte hinweggenommen habe.

Aber so wenig wir auf eine Besserung halten, welche erst auf dem Todbette erfolgt oder deren Verdienst dem zunehmenden Alter, der wachsenden Einsicht in das Eitle und Nichtige alles Irdischen, der erkaltenden Begierde, günstiger gewordenen Lebensverhältnissen und andern Umständen hauptsächlich zugeschrieben werden können, so zweifelhaft und jedenfalls für die menschliche Gesellschaft fast unfruchtbar bleibt auch die geistige Wiedergeburt eines Zellenbewohners, so lange derselbe in der Zelle lebt.

Weßhalb?

Er kann in der That gebessert sein, mag in der sittlichen Erstarkung auch große Fortschritte gemacht haben und aufrichtig beschwören, ja auch den Schwur nach der Entlassung treulich erfüllen, daß er niemals wieder in eine Strafanstalt zurückkehre--aber seine Besserung kann immerhin vorherrschend als eine Besserung für das Zuchthaus und nicht als eine für die Welt betrachtet werden.

Zeit und Gewohnheit sind für jeden Leidenden ein Balsam, der Zellenbewohner entbehrt desselben nicht, aber er entbehrt vieler Gelegenheiten und Versuchungen zu Sünden, Lastern und Verbrechen, welche die Welt darbietet.

Man hat die Zellenbewohner schon mit Klosterbewohnern verglichen und dadurch einen hinkenden Vergleich mehr zu Papier gebracht.

Ein Zellenbewohner kann zwar so weit gelangen, daß er seine Strafe gleichsam aus freiem Entschlusse auf sich nimmt, doch kein freier Entschluß, den Versuchungen der Welt zu entfliehen, sondern ein Verbrechen hat ihn in die Einsamkeit getrieben, der Spielraum seiner Freiheit ist geringer, als der jedes Bruders eines jeglichen Ordens, seine Lage ist vielfach schwieriger als die des Trappisten und der Austritt aus der Zelle steht in keiner Weise in seiner Macht.

So wenig wir denen beistimmen, welche wähnen, ein Zellengefangener besitze keine Gelegenheit Beweise seiner Besserung abzulegen, so geben wir doch zu, daß die _vollständige Besserung_ eines Zellenbewohners sich _erst nach der Entlassung_ zu bewähren vermöge.

Ein gebesserter Sträfling soll aber nicht blos kein neues, von wandelbaren Gesetzen verpöntes Vergehen sich mehr zu Schulden kommen lassen, sondern überhaupt ein guter Mensch, treuer Familienvater und rechtschaffener Bürger sein.

Saufen, Spielen, Verschwenden, Betrügen, Ehebrechen, Faulenzen, Weib und Kinder und Mitmenschen mißhandeln soll er als trauriges Privilegium jenen Vielen überlassen, welche mit und ohne Glacéhandschuhe erhobenen Hauptes an Strafanstalten vorüberwandeln und gleich jenem Pharisäer jubeln: "Herrgott, was bin ich für ein prächtiger, vortrefflicher Kerl!--Noch niemals habe ich ein gemeines Verbrechen begangen, welches mich in eine Strafanstalt führte!"

Will eine Regierung sich vollkommen überzeugen, ob Zellenbewohner auf eine Weise gebessert werden, daß die menschliche Gesellschaft wirklichen Nutzen davon hat, so muß sie nach unseren Ansichten genaue Nachrichten über das Leben und Treiben aller Entlassenen von Zeit zu Zeit einziehen. Freilich, wo Leute erst dann in die Zelle gelangen, wenn sie im Laster bereits alt wurden, auch in diesem Falle oft nur kurze Zeit zu bleiben haben oder durch Hungerkost und Dunkelarrest für die nächste Zeit von Verbrechen abgeschreckt, dagegen der Besserung weit schwerer zugänglich gemacht werden, da läßt sich nicht allzuviel hoffen, doch jedenfalls würde sich herausstellen, daß jugendliche Verbrecher, welche 2 bis 3 Jahre in einer Zelle zubrachten, nicht wieder in eine Strafanstalt zurückkehrten und durch ihr Leben keinen Grund zur Befürchtung baldiger Rückkehr darbieten.

Damit wäre aber die Einzelhaft als eine für den Staat und die Gefangenen gleich wohlthätige Einrichtung gerettet, insofern von Besserung im strengsten Sinne des Wortes die Rede ist.

Ruhig und friedlich lebt der Benedict nunmehr in seiner Zelle und schaut wohlgemuth auf Alles zurück, was er in ihr durchgemacht hat.

In der ersten Zeit überraschte ihn die Neuheit seiner Lage, er hatte sich Alles viel fürchterlicher vorgestellt, als er es fand und dem leiblichen Tode würde er gleichmüthig ins Auge geschaut haben.

Es ist ein gewaltiger Irrthum, zu glauben, der Tod komme Verbrecher schwer an. Viele sterben ganz ruhig, weil auch der nahende Tod ihnen die tiefe Ueberzeugung nicht nimmt, daß sie weit eher Märtyrer als Verbrecher seien und zehnmal eher den Himmel als die Hölle oder auch Keines von Beiden zu erwarten hatten. Eine Hauptkrankheit aller Gefangenen ist die Schwindsucht, Schwindsüchtige sind bekanntlich die Letzten, welche an die Nähe ihres Todes glauben und haben auch keinen schmerzhaften Tod.

Ganz schön und leicht und ohne alle Gewissensscrupeln war der Zuckerhannes gestorben, einen ähnlichen Tod wünschte sich auch der Benedict.

Doch nicht der Tod, sondern ein neues Leben sollte ihm in der Zelle werden. In den ersten Monden der Zellenhaft gerieth er, gleich einem frisch eingefangenen, erwachsenen Thiere, das in einen engen Käfig gesperrt wird, in einen Zustand großer Empfindlichkeit und Reizbarkeit, den er mit unsäglicher Mühe beherrschte, um sich nicht bei den Vorgesetzten von vornherein das Spiel zu verderben. Er suchte sich beliebt zu machen und es gelang ihm, wie es ihm noch überall gelungen. Sein chronisches Seelenübel, Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, fand jedoch nicht Pflege und Nahrung genug, dem Spiele einer lebhaften Phantasie überlassen, gerieth der vielbelesene Kopf zuweilen mit der rauhen Wirklichkeit in Fehde und weil er stets den Kürzern zog, machte sich die wachsende Reizbarkeit zuweilen Luft.

Das kurze Wort, der scharfe Blick eines Aufsehers konnte ihn in solcher Gemüthsstimmung beben machen und was Beamte und Geistliche der Anstalt, in der er früher gewesen, niemals gehört hatten, hörten die des Zellengefängnisses: schwere Anklagen gegen Gott und Welt, Gesetze, Richter, Zeugen, alle Menschen, welche ihm jemals etwas Böses zugefügt haben sollten.

Ein so entschuldbarer und schon so lange mißhandelter Mensch seiner Art gehörte freigelassen, das verstand sich von selbst--er machte Bittschriften und die Beamten mußten dieselben wohl entgegennehmen, wenn sie Schlimmes nicht schlimmer machen wollten. Natürlich lautete die Antwort kurz und gut, man fühle sich in keiner Weise veranlaßt, seine Begnadigung derzeit zu befürworten.

"In keiner Weise!"--["]also haben die Beamten und der Geistliche nicht für mich geredet! ... Verderben ihnen!" dachte der enttäuschte Benedict und schwor ingrimmig, keines Menschen Wort und Mienen mehr zu vertrauen. Er suchte sich in die ehemalige Gleichgültigkeit hineinzulügen, den Besuchern mit kalter Höflichkeit und schlauer Berechnung entgegen zu kommen, doch seine Jugend- und Lebenserinnerungen leisteten ihm beständig Gesellschaft, alle Gestalten derselben lebten und wandelten draußen herum, diesen gegenüber mochte er nicht gleichgültig bleiben und wenn er die Eisenbahn pfeifen hörte, welche glückliche Menschen seiner Heimath zutrug oder an stillen Sonntagen die Parademusik hörte, weinte er oft Thränen stiller Verzweiflung.

Ein unbedachtsamer Hitzkopf war er sonst nie besonders gewesen, aber jetzt wurde er es, weil er das Feuer, das in ihm zehrte, nicht zu bemeistern vermochte. Er redete, was er fühlte, ohne sich lange zu besinnen und gar Manches, was er in ruhigeren Stunden verdammte.

Endlich versank er in einen Zustand stiller Trauer und hoffnungsloser Schwermuth. Er würde sich vielleicht aufgehängt haben, wenn das Hängen nicht ein gar zu gemeiner Tod und der Selbstmord überhaupt kein Akt tapferer Feigheit wäre. Er hatte angefangen, ernster und gründlicher als je in sich selbst hineinzuschauen und der Ich, welcher aus ihm heraus ihm selbst entgegengrinste, zeigte eine so schreckliche Gestalt, daß der Benedict nahe daran war, an Gott und an sich selbst zu verzweifeln.

Aus dem Trübsinn riß ihn der würdige Geistliche.

Er ließ sich das ganze Leben des Gefangenen erzählen, zeigte ihm, was er gewollt und gethan, anderseits was Gott gewollt und gethan habe und verwies auf die Tröstungen der Religion.

Ein erklärter Feind der Religion, Geistlichen und rechtschaffener Menschen war Nro. 110 niemals gewesen, kannte die Lehren der katholischen Kirche und wußte, wie tief die Wurzeln liegen, welche dieselbe mindestens noch beim Volke getrieben. Die äußern Gebräuche hatte er als Gefangener niemals vernachläßiget, aber religiös gesinnt konnte er nicht werden unter Menschen, die Mangel an Religion für die höchste Tugend erklärten. Ohne daß er es merkte und wollte, übten die Religionsspötter doch Einfluß auf ihn, als Betbruder zu gelten, däuchte ihm eine Unklugheit und halbe Schande.

Nachdem er in der Zelle genug geflucht, gewüthet und sich den Tod gewünscht, begann er zu beten.

Schule, Kirche, gute religiöse und andere Schriften machten einen wohlthätigen Eindruck auf ihn, eine herzhafte Generalbeichte wurde der Anfang zur Besserung.

Langsam und allmählig, wie der Benedict hochmüthig, leichtsinnig, diebisch und liederlich geworden, lernte er Demuth kennen und üben, die Sünden zuerst als eine unpraktische Dummheit und dann erst recht als eine Beleidigung der Majestät Gottes kennen, die Sehnsucht nach irdischen Gütern, Genüssen und Ehren minderte sich, je mehr sich ihm die Gestalten des Himmels offenbarten und auf dem Pfade zur Versöhnung mit sich selbst, der Welt und Gott ward ihm mannigfache Hülfe.

Hat er nicht einen Briefwechsel mit seinen Geschwistern angefangen, an welche er lange Jahre nicht geschrieben? Wurden die Antworten nicht eine reiche Quelle des Trostes und der Ermunterung für ihn? Erfuhr er nicht unter andern, der Vater habe noch einige Stunden gelebt und Zeichen der Verzeihung gegen das Bild an der Wand gemacht, welches den Benedict als Hobisten darstellte? Schöpfte der Unglückliche nicht daraus den Trost, der Vater habe ihn noch bei Lebzeiten nicht für seinen absichtlichen Mörder gehalten?

Am ersten Montage des Septembers 185... wurde Nro. 110 unvermuthet ins Besuchzimmer abgeholt. Er schrak ganz zusammen und die Kniee zitterten ihm, als er durch die kühlen Gange geführt wurde und erinnerte sich, auf diesem Wege sei er in die Anstalt hereingekommen.

Richtig liegt auch das Besuchzimmer im Vorderbau beim Eingange und der Gefangene, welcher Besuch empfängt, sieht die Thüre, die ins große Zuchthaus hinausführt.

Das Besuchzimmer des Zellengefängnisses ist so eingerichtet, daß der Gefangene nicht das Mindeste von den Besuchern in Empfang zu nehmen vermöchte, wenn auch gar keine Aussicht vorhanden wäre. Die Leute sehen einander mit Mühe, geschweige daß sie sich die Hand zu geben vermöchten und die Stimme ist wohl das Hauptsächlichste, woran sie sich gegenseitig erkennen. Hausordnungswidrig darf sich auch keine Stimme vernehmen lassen, denn zwischen den bis zur Decke eng verpallisadirten Käfigen der Besuchenden und des Besuchten steht ein Aufseher, so lange sie zusammen reden und diese Aufseher sind ausgewählte, pflichttreue Diener, wie man sie wohl selten in einer Strafanstalt beisammen trifft.

Für die übertrieben scheinende und in der That harte Einrichtung des Besuchzimmers finden wir nur Einen haltbaren Grund: man will die Angehörigen, Freunde und Bekannten der Zellenbewohner von Besuchen _abschrecken_.

Dieser Grund ist allerdings haltbar, weil ein Zellenbewohner wahrend seiner ganzen Haft mehr oder minder in einem empfindsamen, leicht erregbaren Zustande sich befindet und durch nichts leichter als durch Besuche in eine gewaltige und manchmal unheilbringende Aufregung versetzt wird.

Wer weiß, welchen Eindruck der jetzige Besuch auf den Benedict gemacht hätte, wenn er nicht bereits zum religiösen Halt in sich gelangt gewesen wäre!----

Er hat am Besuchzimmer später nichts ausgesetzt, denn er fühlte sich unwürdig, den beiden Lieben, welche ihn besuchten, näher zu treten und die Hand zu reichen und mußte sich im ersten Augenblicke an einer Pallisade halten, um nicht zusammenzubrechen. Standen doch ihm gegenüber der älteste Bruder, der Johannesle, welcher Zeuge der allerersten Arretirung in der Apotheke gewesen und neben ihm----das Rosele!

Stumm, von seltsamen Gefühlen bewegt, schauten sich diese drei Menschen an, so gut es möglich war, dann brachen sie in ein lautes Weinen und Schluchzen aus und endlich begannen sie zu reden, anfangs ohne recht zu wissen was und wovon. Der Benedict faßte noch zuerst Muth und Besinnung und erzählte ihnen sehr Tröstliches von seinem Zellenleben, was die Beiden ruhig machte.

Wie groß und mannhaft ist der Johannesle geworden und jetzt verheirathet, wie sehr hat das Rosele gealtert und wie manche Thräne mag über diese braunen, gefurchten Wangen geflossen sein! Das Weib des Straßenbasche ist todt, doch der alte Mann lebt noch, sie pflegt ihn und ist ledig geblieben bis zur Stunde. Der Mensch liebt nur einmal recht in seinem Leben, alles Späterkommende ist mit Lumperei vermischt!--

Daheim im Dörflein hat das Jahr 1848 die rothe Schwitt vollständig ans Ruder gebracht und der Willibald ist Obmann des Sicherheitsausschusses gewesen. Es gab nur Demokraten, welche soffen und schrieen und Einige, welche in Winkeln herumkrochen, das Maul hielten und erst nach der Ankunft der Preußen auf die frühern "Maulhelden," um deretwillen doch eine Armee ins Land rückte und das Pulver nicht sparte, tapfer schimpften. Dafür wurden diese Bürgermeister und Gemeinderäthe; nur Einer ging leer aus und meinte, er hätte es eher als Alle verdient. Dieser Eine war der Sohn des alten, längst vermoderten Fidele, der Max vom Rindhofe, der Taufpathe der rothen Schwitt.

Dieser Taugenichts, an welchem übrigens ein Heli von Vater, eine dem positiven Christenthum bereits entfremdete Schule und vor Allem schlechtes Beispiel Vieles versündiget, hatte die Zukunft der rothen Schwitt als Anführer derselben anticipirt, bevor die Februarrevolution ausbrach und alle Rothschwittler und Rothschwittlerinnen des Landes zu Ehren brachte.

Den gewöhnlichen Weg vom leichtsinnigen Müßigänger zum genußwüthigen Lumpen, von diesem zum kleinen und allgemach zum großen Verbrecher und entschiedenen Feinde Gottes und der Menschen durchmachend, lernte Max das Innere vieler Wirthshäuser, Spitäler und Gefängnisse kennen und benahm sich im Heimathdörflein so, daß selbst die ärgsten Rothschwittler nicht gerne mehr mit ihm sich abgaben.

Seit den Märztagen führte der Willibald das große Wort im Dörflein, das sich wie an den meisten Orten in drei Parteien theilte, nämlich in eine lärmende und herrschende, in eine feigherzig schweigende und unentschlossen abwartende und endlich in die Windfahnenpartei, welche sich heute zu dieser morgen zu jener neigte, heute das einige Deutschland und den Großherzog, morgen die Republik hochleben ließ.

Mit Max hielten es nur einige Schnapslumpen und Solche, welche auch bereits aus Erfahrung wußten, wie Gefängnißsuppen und Zuchthausbrod schmecken. Das Dörflein hat während der langen Abwesenheit des Benedict traurige Fortschritte in Liederlichkeit und Verarmung gemacht, trotz den Anstrengungen derer vom alten Schrot und Korn und der Jungen der schwarzen Schwitt seinen guten Ruf jährlich mehr eingebüßt und ist das Haus des Brandpeterle nebst einigen andern aus einer Schule der Laster zur Verbrecherschule geworden.

Was man wenig überlegt und selten gelten lassen will, nämlich die Mitschuld der Gesellschaft an den Verbrechen der Einzelnen ließe sich gelegentlich dieses Dörfleins bis ins Einzelnste nachweisen, mit Namen, Thatsachen und sogar mit Zahlen belegen und spielte der Name eines Pfarrverwesers der Nachbarschaft dabei leider eine ebenso erhebliche als unläugbare Rolle. Wir können uns hier nicht näher darauf einlassen und melden zunächst nur, daß die Lumpen und Schlechten begreiflicherweise der Gesellschaft und dem Staate nicht einige Mitschuld, sondern übertreibend die Hauptschuld an ihren Lumpereien, schlechten Streichen und Verbrechen aufbürdeten und beim Ausbruche des Lärmes freudenroth und blutigroth schillerten und redeten, weil sie vermeinten, nunmehr sei das goldene Zeitalter der "Bürger" Schurk und Compagnie vor der Thüre und bereit waren, Alles zu thun, was ihren alten Gegnern zuwider und arg und ihren Wünschen entsprechend war.

Doch der Willibald trat sogleich an die Spitze der Liberalen, die in einer Woche zu vollblütigen "Demokratern" wurden und statt mit dem Max und dessen engern Freundeskreis zu fraternisiren, warf man ihm die bittere Wahrheit haufenweise ins Gesicht und durfte in Gegenwart der alten Freunde kaum ein Gläslein im Hirzen trinken, ohne in Gefahr und wegen seines bösen Maules manchmal in den Fall zu gerathen, eine unfreiwillige Reise durch die Luft zu machen. Der Max, darob erbost, liebäugelte einige Zeit mit den alten Freunden seines Vaters, welche aus ruhigen Bürgern zu heillosen "Aristokraten" geworden. Diese machten es ihm gerade wie die Windfahnen; sie scheuten sich, ihm und seiner Sippschaft offen entgegenzutreten und ließen sich nur durch die Unverschämtheit, mit welcher er Jeden mit "Du" und "Bürger" anredete, in die Häuser eindrang und schmarotzte, zuweilen bewegen, ihm nicht mit schweigender Verachtung zu begegnen, sondern gleich den Demokratern mit Dreschflegeln zu winken.

Kurz und gut, der redegewandte Max mit den Seinigen gelangte zu keinem Einfluß, fand Alle gegen sich und schimpfte heidenmäßig auf Alle. Als im Spätjahr 1848 die Nachricht kam, wie Struve im Interesse der Freiheit, Bildung und des Wohlstandes _Aller_ im Oberland die _Einzelnen_ traktire, Beamte in Ketten schlage, ganzen Dörfern mit Brand und Mord drohe, Einzelne fange, Gelder des Staates einsäkle und zahmgewordenen Kammerlöwen mit dem Sarras winke, um sie zu patriotischen Liebesgaben an die soziale Republik aufzumuntern, da schwoll dem Max das Herz in freudigbanger Erwartung, seine Sippe steckte die Köpfe zusammen, die Demokrater kratzten hinter den Ohren, die Aristokrater ließen schwere Seufzer fahren und gruben Nachts Löcher im Keller, die Windfahnen vertilgten mehr Wein, Bier und Schnaps als je, um beim etwaigen Einzuge des "Statthalters und der Statthalterin" dauerhafte Gurgeln zum Vivathochschreien zu haben.