Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil

Chapter 17

Chapter 173,423 wordsPublic domain

Die Lösung, welche Nro. 401 gibt, ist richtig, fünf Hauptrechner bezeugen es, der Oberlehrer thut dasselbe und beginnt dann eine kleine Prüfung über die Lehre der drei Arten von Hebeln, gewöhnlichen und festen Rollen und Flaschenzügen.

Nro. 349 hat diesen Mittag für sich in der Zelle berechnet, ein Rammklotz von 60 Zentnern, der etwa bei Wasserbauten angewendet würde, und 15' hoch herabfalle, wirke mit der Kraft von 18,000 Zentnern, welche nur Einen Schuh fallen. Der etwas hartköpfige Nro. 334 erbittet und erhält eine Erklärung des "Rades an der Welle" und der Benedict erläutert schließlich den Potenzflaschenzug.

Dann geht der vortreffliche Oberlehrer, welcher mit Pestalozzi Bibel und Kalender für die wichtigsten Urkunden des Menschengeschlechtes hält, daran, den Sonntagsbuchstaben zu erklären, durch den sich der Wochentag eines geschichtlichen Ereignisses sicher bestimmen läßt und ist noch nicht fertig, wie die Glocke ertönt und anzeigt die Lieblingsstunde vieler Zellenbewohner sei wiederum vorüber. Der Lehrer verschwindet, die Schüler setzen das "Grabhemd" wiederum auf, die Aufseher öffnen einen Verschlag nach dem Andern in der Ordnung, daß kein Gefangener dem Andern auf dem Fuße folgt oder gar entgegenläuft, Einer nach dem Andern steuert der Thüre zu, welche in seinen Flügel führt und nach wenigen Minuten steht Nro. 110 wiederum vor der Hobelbank.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei der Schule.

Die Sträflingsschule des Zellengefängnisses zu Bruchsal erregt besonders die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Besucher, weil die Sträflinge einen Grad von intellectueller Bildung und Bildungsfähigkeit entwickeln, den man in den besteingerichteten Gefängnissen anderer Art vergeblich suchen würde.

Die Regierung verdient sich den Dank der Menschheit, indem dieselbe Vieles für die Anstalt überhaupt und deren Schule insbesondere thut, tüchtige Lehrer, indem dieselben unermüdlich und im engen Vereine mit den Geistlichen beider Confessionen dahin arbeiten, aus unwissenden und rohen oder halbgebildeten und eingebildeten Gefangenen Menschen und Christen zu machen und vor geistiger Verdumpfung zu bewahren.

Die Schüler dagegen empfinden auch das ganze Gewicht der Wohlthaten, welche ihnen durch Unterricht gespendet werden und beweisen es durch ihre Anhänglichkeit für die Geistlichen und Lehrer, durch ihren Eifer für die Schule und vor Allem durch die Fortschritte.

Wer nur immer anerkennt, daß in der Bildung an und für sich eine Macht liege, welche die schwer zerstörbare Selbstsucht des Menschen mindestens verfeinern, ihm soviel Klugheit, Ehrgefühl und Selbstbeherrschung gewähre, um nicht leicht ein Verbrechen zu begehen, der wird sich entschieden für eine Sträflingsschule der Art aussprechen, wie dieselbe hier besteht und blüht.

Wir kennen auch keinen Fall, daß ein Gefangener, welcher diese Schule längere Zeit besuchte, wiederum rückfällig geworden wäre und wenn in dieser Anstalt vorherrschend jugendliche Verbrecher untergebracht und ihres Unterrichtes theilhaftig gemacht würden, so würde die Erfahrung lehren, daß die Zahl der Rückfälle sich ansehnlich verminderte.

_Aber leidet der Gewerbsbetrieb nicht durch die Schule Noth?_

Die beste Antwort liegt in der Thatsache, daß der Gewerbsbetrieb des Zellengefängnisses trotz mißlicher Zeitverhältnisse und eigenthümlicher Hindereisse [Hindernisse] mehr blüht, als der jeder andern Strafanstalt des Landes und daß die Blüthe des Gewerbsbetriebes zunächst vom Fleiße und der Geschicklichkeit der Sträflinge abhänge, wird wohl kein Gegner der einsamen Haft läugnen.

Der Zellenbewohner besucht nicht mehr Unterrichtsstunden als andere Sträflinge, dagegen ist es richtig, daß er Besuche vom Lehrer in der Zelle und bei dieser Gelegenheit besondern Unterricht erhält. Doch Besuche muß er überhaupt eine bestimmte Anzahl empfangen, wenn er nicht zu Grunde gehen soll und daß kein Besuchender, folglich auch kein Lehrer zu lange bei Einem verweile, dafür ist schon durch die Vorschrift gesorgt, daß jeder Beamte täglich eine verhältnißmäßig große Anzahl von Besuchen abzustatten hat.

Das Geheimniß der überraschenden Fortschritte, welche viele Zellenbewohner in Schulkenntnissen machen, liegt hauptsächlich in ihrer eigenthümlichen Lage. Die Einsamkeit verinnerlicht den Menschen, der Mangel an Gesellschaft treibt ihn, sich in arbeitsfreien Stunden selbst zu unterhalten und weil ihm Gelegenheit für schlechte Unterhaltung abgeschnitten, dagegen Gelegenheit zur guten reichlich geboten ist, so greift er eben nach letzterer.

Die Ruhestunden, die arbeitsfreien Tage, manche schlaflose Stunde der Nacht, in welcher das Denken eine Zerstreuung und Wohlthat zugleich wird, werden zumeist der Schule gewidmet und gerade der verhältnißmäßige Mangel an Eindrücken, welche er von der Außenwelt empfängt, stärkt sein Gedächtniß wunderbar für Alles, was in der Schule vorkommt, welche er besucht oder in den Büchern, welche er gelesen.

Sind wir überzeugt, der Gewerbsbetrieb würde wenig oder nichts gewinnen, wenn man die Schulen gesellschaftlich lebender Gefangenen wiederum aufhöbe, so sind wir noch weit mehr davon überzeugt, daß er in Zellengefängnissen bedeutend Noth litte. Gar viele Handwerker bedürfen einiger Kenntnisse im Zeichnen, in Mathematik und Geometrie, Chemie und andern Wissenschaften und je mehr sie davon erringen, desto besser ist es für ihr Gewerbe. Ferner ließe sich möglicherweise das vollständige Fertigen eines Tagwerkes durch Hungerkuren erzwingen, lange jedoch ginge dies nicht an und zum Fertigen guter und vortrefflicher Arbeit gehört eben auch im Zuchthause ein Arbeiter, der gut oder vortrefflich arbeiten kann und--will. Die Schule wird von Sträflingen als eine Wohlthat und Belohnung allgemein anerkannt, ihre Beeinträchtigung oder gar ihre Beseitigung würde gerade bei den Talentvollen den guten Willen zur Arbeit beeinträchtigen oder beseitigen oder derselbe müßte auf eine Weise angeregt werden, welche mehr kostete als die Schule.

_Aber werden die Spitzbuben durch die Bildung, welche sie empfangen, nicht gerade raffinirter und führt die Schule nicht zur Halbwisserei?_

Den ersten Theil dieses Einwurfes würden wir gar nicht beantworten, wenn er nicht schon von mehr als einer Seite gemacht worden wäre.

Wir haben einen Tag in einem gemeinsamen Zuchthause zugebracht und vermieden, pikante Spitzbubenhistörchen aufzuzeichnen, wenn man nicht etwa die maaßlose und keineswegs seltene Unverschämtheit des Patrik vom Hotzenwalde pikant finden will.

In gemeinsamer Haft geben die Meister der Greiferkunde Privatcollegien aus ungewaschenen Mäulern, die Blüthe des Gaunerthums erfreut sich dort einigen Ansehens und fruchtbarer Wirksamkeit, allein keine Sträflingsschule irgend einer Art befaßt sich mittelbar oder gar unmittelbar mit Ausbildung der Spitzbüberei. Freilich lehrt die Physik und noch mehr die Chemie Manches, was sich ein Langfingeriger für die Zukunft hinter die Ohren schreiben könnte, aber jedem Lehrer wird man soviel Verstand und Besonnenheit zutrauen, daß er seinen Stoff zu wählen versteht.

Erheblicher ist die Halbwisserei.

Unter Halbwisserei verstehen wir das _religionslose_ Wissen, somit ziemlich dasselbe, was schon Plato darunter verstanden und worüber er als einer unheilbringenden Erbärmlichkeit geklagt hat. Vom Vorwurfe der Halbwisserei sind bei uns jedenfalls die Sträflingsschulen freizusprechen, denn Geistliche und Lehrer gehen einträchtig zusammen, Einer arbeitet dem Andern in die Hände, die Schule ist nicht nur ein Mittel allgemeiner Bildung, sondern auch allgemeiner religiöser Erhebung.

Eine bereits auf einige tausend Bände angewachsene Bibliothek, deren Bücher vor Allem mit Rücksicht auf löbliche Tendenzen gewählt und mit Rücksicht auf die verschiedenen Confessionen unter die Gefangenen vertheilt werden, unterstützt mächtig die Bemühungen der geistlichen und weltlichen Beamten.

Die sichtbaren Wunder der Natur, die weltbeherrschenden Gesetze der Physik, die einfachen, erhabenen und allbeherrschenden Gesetze der Bewegung der Weltkörper, lauter Dinge, welche jedem Schulknaben, geschweige einem Erwachsenen klar und deutlich gemacht werden können, wie sehr sind diese geeignet, den Menschen zum Herrn und Vater dieser Gesetze zu erheben? Und Abrisse aus der Geschichte, in welcher Gott den lohnenden Vater oder rächenden Amtmann spielt, eine Unthat unter dem Gewichte ihrer Folgen den Schuldigen und die Mitschuldigen begräbt, ohne vorher nach Stammbaum oder Taufschein zu fragen, wie sehr sind diese geeignet, den Verbrecher zum Nachdenken über das eigene Schicksal zu bringen? Jedenfalls mehr als die eigens für Gefangene und Verbrecher geschriebenen Bücher, unter denen wir und viele Andere außer dem von Suringar wenig Erträgliches und Ersprießliches entdeckten. Sträflinge sind schwer vom Glauben abzubringen, daß man die kleinen Spitzbuben fange, die großen dagegen laufen lasse, wissen recht gut, wie es mit dem Werthe Vieler steht, welche frank und frei herumlaufen und ebenso, daß sie keine unartigen Kindlein sind, denen man Religion und Jesusliebe als Brei einreichen könnte, deßhalb geben sie auch nichts auf Bücher, die aus gutmeinenden, aber unklugen oder unerfahrenen Federn zur angeblichen Erbauung von Gefangenen geflossen sind. Im Gegentheil werden Schriften dieser Art Religionslosigkeit und Verstockung eher vermehren als vermindern und besonders in gemeinsamer Haft nicht lange ungerupft bleiben.

Sie [Die] Schule vor Allem erweitert den geistigen Gesichtshorizont und je mehr sich dieser erweitert, desto kleiner fühlt sich der Mensch überhaupt, der Verbrecher insbesondere und wiederum desto größer, weil der Herr und Meister der Welt sich mit ihm abgibt.

_Weßhalb eine ungewöhnliche Ausdehnung des Unterrichtes bei Zellenbewohnern?_

Vom Buchstabenmalen und Zahlen zusammenzählen steigert sich Alles bis zum Auflösen von Gleichungen, Berechnungen des Kreises und Lösungen von Aufgaben, welche einige physikalische, chemische und sogar astronomische Einsichten voraussetzen. Weil Zellenbewohner aus innerm Antriebe gerne lernen und im Lernen so ziemlich ihre einzige Erholung finden, deshalb schreiten Viele auch rasch und sicher fort und sollen sie dafür mit Stillstand bestraft werden, für den sich nirgends ein Grund auftreiben ließe?

Weßhalb sollen Schwerverurtheilte, deren jugendliches Alter vielmaligen Schulbesuch gesetzlich sanctionirt, ohne ihre Schuld und noch mehr wider ihren Willen in den Mitteln des Fortschreitens zur Bildung und Besserung verkürzt werden? Die in der That ganz vortreffliche Hausordnung von Bruchsal ermuntert und belohnt sogar den Schulfleiß, erkennt in der Schule überhaupt ein mächtiges Mittel gegen geistige Verknüpfung und Versumpfung und daß es in ihr nicht gar zu hochgelehrt hergehe, dafür ist schon gesorgt, weil die meisten Sträflinge einen ziemlich armseligen und manche gar keinen Schulsack in die Zelle bringen.

Die Lehrer haben mit dem ABCschützen und Dummen überflüssig genug zu thun und sollen sie nun auch mit den weiter Fortgeschrittenen und Talentvollen dazu verurtheilt werden, Papageienrollen zu spielen und in diesem Jahre durchaus dasselbe zu schreien, was sie im vorigen Jahre geschrieen?

Wenn ein entlassener Zellenbewohner ungefähr weiß, was jeder ordentliche Realschüler zu wissen vermag, so weiß er noch lange nicht zuviel und wird durch das Gewicht seines Wissens schwerlich in den Pfuhl des Lasters und der Verbrechen hinabgedrückt!--

Während wir diesen etwas langgerathenen Gedankenspaziergang machten, arbeitete Nro. 110 in seiner Zelle rüstig fort und zuweilen tritt ein Werkmeister oder Aufseher herein, nicht sowohl um die Arbeit zu besichtigen, denn der Benedict arbeitet zu vortrefflich, als daß viele Besichtigung nöthig wäre, sondern um Etwas zu fragen oder die Leimpfanne zu bringen.

Der Fleiß der Gefangenen wird in der Zelle leichter und besser controllirt, als in jedem Sträflingssaale und zwar auf eine Weise, daß der Zellenbewohner nichts davon weiß. Der Controllirende tritt zur Thüre, hebt einen kleinen Schieber in die Höhe und überschaut mit Einem Blicke die ganze Zelle, wahrend Nro. 110 vergeblich sich abmühen würde, durch dasselbe Fensterchen auf den Gang hinauszusehen. Nicht Eine Minute des Tages oder der Nacht ist er sicher, unbeobachtet zu sein und das Peinliche dieser Lage wird gerade dadurch gemildert für den Bessern und geschärft für den Schlechtern, weil er niemals Gewißheit davon hat.

Ein gefangener Taglöhner hat sein Zellenleben in ergötzlichen Reimen beschrieben, von denen einige charactristische hier ein Plätzlein finden mögen:

--Einmal ist der Obermeister kommen: "Du willst nicht sputen hab' ich vernommen? Hättest große machen sollen Dich soll gleich der Kukuk holen!"-- "Ich will lieber machen kleine Das ist die Rede, die ich meine!"-- "Du hast hier kein Recht, Seist du Meister oder Knecht, Mußt jetzt thun, was ich Dir sag' Oder hast gehabt zu Mittag, Und zu Nacht wirst auch nichts kriegen, Kannst noch in den Turm hinabfliegen! Dort kannst Du sitzen oder stehen Und wie es Dir noch sonst wird gehen. Dann thut man Dich in den Zwangstuhl schnallen Das wird Dir auch nicht gut gefallen!" Ich sah auf mein Spulrad hin Und dachte: "wenn nur dieser Mann wieder ging!" Aber er ließ sich nicht vertreiben Und ließ auch das Dräuen nicht bleiben. "Wenn ich noch eine einzige Klage hör', Dann komme ich wieder zu Dir hieher!" Das ist sein letztes Wort, Dann ist er fort. Ich dacht: Nun ist er doch einmal gangen, Das war ja mein einzig Verlangen! Hab mich wieder zum Rad gesetzt Und gespult, daß ich hab' geschwitzt. Hörte ich nur laufen im Gang, So glaubte ich: jetzt kommt der saure Mann!-- Einmal hab' ich gesungen, Da kam er gleich gesprungen: "Hör' ich dies noch einmal hier, Dann gibt man nicht zu essen Dir!" Darauf sah ich ihn im Hof in seinem grauen Rock Und eilte was ich konnte in den zweiten Stock, Mache die Thüre eilends zu, Daß ich hab' vor diesem Manne Ruh. Er hat mir schon zu schwer gedräut, Ihn zu sehen, ist mir keine Freud'! Allein ich hab' vor ihm recht Respekt, Doch bin ich gern von ihm weit weg; Doch hat er mir noch nichts zu leid gethan Er kann doch sein ein guter Mann!

In diesem Augenblicke öffnet sich die Thüre von Nro. 110 und einer der beiden Obermeister steht vor Benedict. Er ist nicht mehr der alte Dräuer, über welchen der Taglöhner klagte, sondern ein ganz freundlicher ordentlicher Mann, der mit Blicken mehr ausrichtet als Andere mit vielem Lärm. Die Arme über die Brust gekreuzt, den rechten Fuß vorgestellt steht er ganz ruhig da und redet mit unserm Schreiner vom Wetter und den Rheinschnaken, diesen Moskitos der Rheinebene, deren Stich eben keine angenehme Empfindungen, wohl aber kleine Beulen erzeugt und die den Weg durch alle Kleider und die dicksten Teppiche hindurch zu finden wissen, während ihr Gesumme in Schlaf lullt.

Tabaksqualm verscheucht diese kleinen, blutgierigen Ungeheuer, aber der Gefangene darf nicht rauchen und muß sich begnügen, die Schnaken todzuschlagen [todtzuschlagen], wenn sie angefüllt von Blut träge an den Wänden sitzen und nicht weit zu fliegen vermögen. Wahrend der Obermeister den Ankläger der Schnaken anhört, überschaut er mit einigen Seitenblicken Alles und wenn Etwas am unrechten Nagel hängt, nicht vorschriftsmäßig aufgestellt oder hingelegt ist, darf der Zellenbewohner einer Ermahnung gewiß sein, wenn aber gar irgend ein _Verstoß gegen die Reinlichkeit_ aufzutreiben ist, dann bleibt eine Zurechtweisung nicht aus.

Wieviel Schweiß und Aerger haben die kleinen Ziegelplatten des Zellenbodens den Benedict schon gekostet, den feinen, ungesunden Staub abgerechnet, der sich von denselben ablößt!

Jetzt versteht er sein Geschäft besser, der Obermeister vermag nichts zu entdecken, was der Reinlichkeit widerspräche, denn es fehlt zwar nicht an Sägspänen, Hobelspänen, Gerüchen des Holzes und der Politur, zumal das obere Fenster geschlossen ist, aber in welcher Schreinerwerkstätte der Welt fehlt es an diesen Dingen? Oder wo gibt es irgend eine Schusterboutique, aus welcher der Geruch von Leder und Pech verbannt ist oder einen Webstuhl, in dessen Nähe es nicht von Zeit zu Zeit nach Schlichte riecht?

Arme und reiche Handwerker sind an solche Dinge gewöhnt, die sich nicht vermeiden lassen, Gewohnheit stumpft gegen den schlimmen Einfluß derselben ab, weßhalb soll und wie soll der Zellenbewohner dagegen geschützt werden?

Tadeln ist in allen Dingen leicht, Verbessern häufig schwer.

Frische Luft und Reinlichkeit sind für die Gesundheit des Gefangenen wichtige Artikel, in Bruchsal ist in dieser Hinsicht das Möglichste geleistet, die Ziegelplatten der Zellenböden möchten freilich nicht viel taugen, aber sie sind nun einmal da, lassen sich nicht über Nacht wegbringen und leicht ohne große Kosten durch etwas Besseres ersetzen, dagegen läßt sich die Reinlichkeit jedes Einzelnen leicht controlliren.

Der Oberaufseher wünscht freundlich guten Abend und eilt zu Nro. 109 hinüber. Ein Herbsttag geht rasch vorüber, ehe man sichs versieht, ist die Dämmerung da. Die verschiedenen Zeiten des Jahres und Tages, die Wechsel der Witterung üben auf den Menschen Einfluß aus und wenn dieser Einfluß bei vielen Zellenbewohnern noch bemerkbarer wird als bei andern Gefangenen, so rührt dies wohl daher, weil ihr äußeres Leben ein ziemlich armes und einförmiges ist. Ein kurzer, trüber Herbsttag stimmte den Benedikt trübe und melancholisch, der Abend brachte ihm gar schwermüthige Gedanken. Er dachte an das Abendläuten, Lichteranzünden und an die Heimgärten im fernen Dörflein und war froh, als der Aufseher den Schalter öffnete, um den Wasserkrug zum letztenmal für heute in Empfang zu nehmen und das Licht anzuzünden.

Er griff wiederum zum Hobel, um die Grillen durch Arbeit zu verscheuchen, doch wollte es ihm nicht recht gelingen und zuweilen tief aufseufzend blickte er durch die Gitter zum dunkeln, sternenleeren Nachthimmel empor.

Abermals öffnet sich die Thüre und der Arzt tritt herein.

Dieser muß nicht nur seine Kranken, sondern auch alle Gesunden fleißig besuchen und fast noch mehr Seelenarzt als Leibesarzt sein.

Weil die Einzelhaft eine neue und aus fernen Landen zu uns gekommenne [gekommene] Einrichtung ist, welche je nach Clima, Lebensweise und Charakter eines Volkes Verschiedenheiten der Durchführung erheischt, über deren Art und Zweckmäßigkeit lediglich die Erfahrung allmählige Belehrung zu geben vermag, muß besonders auch der Gefängnißvorstand ein denkender und mit vielseitiger Bildung ausgerüsteter Mann und nicht etwa ein alter ausgedienter Soldat sein, wie dies manchmal in England stattfindet. Gediente Soldaten geben gute Oberaufseher und Aufseher; wo die Ordre anfängt, hört gemeiniglich ihr Denken auf, je nach der Ordre hauen sie den Gefangenen ebenso bereitwillig in Krautstücke als sie denselben noch als menschenähnliches Wesen passiren lassen und so vortrefflich solche Eigenschaft untergeordneten Werkzeugen ansteht, so mißliche Folgen würde sie nach sich ziehen, wenn der Vorstand einer _Besserungsanstalt_ ein abdecretirter Schnurrbart wäre, der Menschen jeder Art als Maschinen betrachtete und bald im Vollgefühle seiner Unwissenheit und Ohnmacht Fünfe gerad sein ließe oder blind und brutal in Alles hineinblitzte und hineindonnerte, was nicht ganz nach seinem Kopfe ginge.

Weil Menschen und die allseitigen Wirkungen von Einrichtungen bis ins Kleinste studirt, Alles auf bestimmte Zwecke gerichtet und alle Zwecke Einem großen Zwecke untergeordnet werden müssen, deßhalb muß der Vorstand ein organisirender Kopf und weil ein Arzt jedenfalls am meisten Gelegenheit besitzt, sich theoretische und praktische Kenntnisse über den Menschen und das Volk, Krankheiten des Leibes und der Seele und unserer gesellschaftlichen Zustände zu erwerben, endlich weil Zellenbewohner in mancher Beziehung Ausnahmsmenschen werden und Einem Arzte sehr viel zu schaffen machen, wenn auch der Krankenstand ganz unbedeutend bleibt, deßhalb möchte es gut und zweckmäßig sein, wenn auch der Gefängnißvorstand ein Arzt ist.

Die Verhältnisse eines Zellengefängnisses drängen von selbst darauf hin, daß entweder der Doctor vielfach zum thatsächlichen Vorstande und der Vorstand zu seinem Figuranten würde oder daß Beide sich in die Haare gerieten, wobei der Staat und die Gefangenen am Schlechtesten bestünden, wenn der Vorstand ein alter Soldat oder ein einseitiger Fachmensch überhaupt wäre.

Ein ehemaliger Offizier, der ein bischen vom Rechnungsfache verstünde, möchte sich zum Vorstande einer Anstalt mit gemeinsamer Haft vortrefflich eignen, schwerlich dagegen zum Leiter eines Zellengefängnisses.

Nro. 110 gehört zu jenen vielen Zellenbewohnern, welche ihren leiblichen Zuständen große, oft arg übertriebene Aufmerksamkeit zuwenden und denen ein bischen Mattigkeit in den Gliedern oder Reißen im Kopfe leicht Gedanken an schwere Krankheiten und das gefürchtete Brett der Anatomie erregte. Sie plagen und quälen den armen Doctor mit ihren Einfällen und Fragen und wenn er nicht darauf einzugehen Grund findet oder gar darob lächelt, dann halten sie ihn für einen halben Unmenschen, geht er darauf ein, für einen ganzen Dummkopf und macht er die Sache mit einem Thee oder einer Arznei statt mit Krankenkost ab, für einen vollendeten Tyrannen.

Heute weiß der gute Benedict sehr viel von Magenknurren zu erzählen und weil der Doctor ihn mit den violetten Knödeln tröstet, welche morgen aufgetischt werden, wird er melancholisch und redet von Todesahnungen, welche ihm jener wiederum auszureden sucht.

Kaum ist der Arzt fort, so tritt der Aufseher herein und lößt das Bett von der Wand ab. Unser Gefangener arbeitet noch einige Zeit und bringt es über das Tagwerk hinaus, dann läutet es wiederum in allen Flügeln auf einmal, wiederum klirren die Eßkessel, wiederum eilen die Aufseher der Küche zu, Benedict hört, wie sein Aufseher von Zelle zu Zelle geht, die Schalter zuschlägt und gute Nacht wünscht, bald fliegt auch sein Schalter auf, sein Schüsselchen wird gefüllt, der Schalter fährt zu und Benedict betrachtet wehmüthigen Blickes die Königin der Zuchthaussuppen, eine braune, ihm gar fad vorkommende "Wasserschnalle."

Doch--in der Kaserne bekam er Abends gewöhnlich Nichts, jetzt ist er hungrig, dort drinnen im braunen Schränklein findet er Salz, er salzt und ißt die Suppe. Nicht lange darnach tritt der Werkmeister zum letztenmal für heute herein, er nimmt die schneidenden Instrumente aus der Zelle weg, der Korb mit Hobelspänen wird in den Gang hinausgestellt, man sagt sich gute Nacht. Bald verhallen die Schritte der forteilenden Werkmeister und Aufseher draußen im Gange, alsdann herrscht Todtenstille, höchstens die fallenden Tropfen einer Brunnenröhre, die Schritte eines Nachbars, das starke Husten oder Aufseufzen desselben unterbricht diese Stille.

Leise und unhörbar schleichen die Aufseher in Filzschuhen oder in Socken durch die Gänge, kein Mensch sondern die Einsamkeit will mit dem Benedict eine ernste, schwermüthige Unterhaltung beginnen, eilig greift er nach dem reichhaltigen Lesebuch von Döll, dann nach der belehrenden "Menagerie" von Drugulin und ließt, dort über die Gasarten, was übermorgen in der Schule verhandelt werden soll, hier über die Wildschweinjagd mit Wurfspießen im fernen Indien.

Plötzlich lärmt die Hausschelle durch die Todtenstille und befiehlt, daß alle Lichter gelöscht werden, alle Gefangenen sich zu Bette legen müssen. Eilig legt Benedict sein Buch weg, klappt Tisch und Bank wiederum an die Wand und löscht die Lampe aus.