Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil
Chapter 15
Daß in einer so wichtigen Frage nicht nur die Vernunft, sondern manchmal auch die Leidenschaft im Humanitätsmantel das Wort ergriff, viel Sinnloses, Unwahres und Lächerliches zu Tage gefördert, Mücken zu Elephanten gemacht und die altberühmten Hochschulen des Lasters, nämlich die alten Zuchthäuser als wahre Tugendschulen angerühmt wurden, versteht sich von selbst und mehr als Einer brütete ein sogenanntes "System" aus, das auf den Gedanken hinauslief: "wenn _alle_ Gefängnißbeamte _meine_ Erfahrung und _meinen_ Geist hätten, um _meine_ Klassen unfehlbar durchzuführen, dann wäre aller Noth ein Ende gemacht!" Hätten doch diese "Systematiker" ins eigene oder ins nächste beste Eheleben hineingeschaut, wo die _Gewohnheit des Umganges_ gegen Schattenseiten der Gatten und Kinder _abstumpft_, dann bedacht, daß ihre Pfleglinge Leute voll Irrthümer, Fehler, Leidenschaften und Laster, das vom Gesetz erzwungene Beisammenleben ein vielköpfiges, leidenvolles und verdrießliches, jedes gute Beispiel von vornherein ein zweideutiges sei, sie würden endlich doch den eigentlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, die _unabwendbare mehr oder minder völlige Abstumpfung gegen Recht, Sitte und Religion_ gemerkt und endlich eingesehen haben, daß die Besserung nicht aus Tabellen der Rückfälligen bewiesen werde, für schlechte Gesellschaft kein Kräutlein gewachsen sei und ein schlechter Kerl der Gesellschaft schweren Schaden bringen könne, ohne deßhalb wiederum den Männern des Rechts in die Haare zu gerathen.
Nicht zweideutige Listen von Rückfälligen, sondern getreue und gewissenhafte Berichte über das Leben und Treiben aller Entlassenen möchten entscheiden, ob die Besserung in gemeinsamer Haft kein Unding und in einsamer kein schöner Traum gutmüthiger Menschenfreunde sei! ...
In Preußen wie in Baden sind die Strafanstalten, in welchen gemeinsame Haft besteht, wohl so gut eingerichtet und verwaltet, als in Baiern oder anderswo, in manchen Dingen vielleicht noch weit besser, obgleich kein großes Geschrei damit gemacht wird--doch die uralten Erbschäden jener Haftart lassen sich nie und nimmermehr beseitigen. Was unser Baden insbesondere betrifft, so lese man den vortrefflichen Commissionsbericht Welkers, die Verhandlungen in den Kammern der Landstände, die Schriften der Herren Mittermaier, v. Jagemann, Diez und Anderer, um sich zu überzeugen, daß die badische Regierung sich ein Verdienst um die deutschen Lande, um die Menschheit und bei Gott erwarb, als sie das Zellengefängniß in Bruchsal erbaute und einrichtete, welches jetzt über 5 Jahre Gefangene beherbergt und die einsame Haft, wie dieselbe in Deutschland sich durchführen läßt, unter den mißlichsten Umständen zu Ehren bringt.
Bestände die Besserung darin, daß die Gefangenen sich nicht beim Uebertreten der Hausordnung erwischen lassen und fleißig arbeiten, dann wäre es unnöthig gewesen, ein kostbares Zellengefängniß nach dem Muster von Pentonville aufzubauen, weil Folgsamkeit und Fleiß bei der überwiegenden Mehrzahl der Gefangenen jeder nicht ganz unmenschlich und hirnlos geleiteten andern Anstalt angetroffen werden.
Der großartige Bau zu Bruchsal hat großartige Summen gekostet, die Unterhaltung der Anstalt bleibt kostspieliger als diejenige eines andern Zuchthauses, wiewohl der Gewerbebetrieb in einer Weise blüht, wie nirgends, deßhalb wird die Frage entstehen, ob die Früchte solcher Opfer werth seien?
Die Thatsache, daß es Rückfällige gibt, möchte verleiten, die Frage mit Nein zu beantworten und vom Versuchen mit der einsamen Haft abschrecken, allein nicht die Thatsache an sich, sondern die Ursachen derselben werden entscheiden und je weniger einerseits diese Ursachen in einem notwendigen Zusammenhange mit dem Grundsatze des Einzelsystems stehen, je unläugbarer anderseits die erfreulichen Folgen des Systems vorwiegen, desto mehr wird man obige Frage mit Ja beantworten müssen.
Weßhalb?
Kehren wir zu unsern Geschichten zurück.
Ein kalter, nebliger Herbstmorgen schaut über das Rheinthal, die Thurmuhren von Bruchsal schlagen halb fünf Uhr und lange Reihen erleuchteter Fensterchen leuchten in die nächtliche Gegend hinaus und erregen wehmüthige Gefühle dem Menschenfreunde, der die dunkeln Umrisse des Zellengefängnisses bei der Wanderung aus Bruchsal gen Ubstadt erkennt oder den langgedehnten Ruf der Schildwachen vernimmt, der klagend von der hohen Ringmauer herabtönt. Hinter jedem dieser vergitterten Fenster lebt ein menschliches Wesen, ein Lebendigbegrabener und büßt viele Monde, viele Jahre, vielleicht sein ganzes Leben lang eine That, der Du Dich vielleicht unter gleichen oder auch nur ähnlichen Lebensverhältnissen ebenfalls schuldig gemacht hättest. Er lebt einsam und wie viel liegt in dem Worte einsam!
Auch Du liebst zuweilen die Einsamkeit, hast wohl Zimmermanns schönes Buch über dieselbe gelesen, doch vor gezwungener beständiger Einsamkeit schauderst Du zurück, denn Du weißt ohne den Hugo Grotius jemals gelesen zu haben, der Mensch sei keineswegs für ertödtende Einsamkeit, sondern für die Gesellschaft geboren, er werde nicht durch Vereinzelung sondern durch Mithülfe seiner Nebenmenschen Mensch.
Kurzsichtiges Wohlwollen macht Dich geneigt, den Gegnern der einsamen Haft beizustimmen, wenn dieselben predigen, solche Haftart sei "unseres Jahrhunderts und der Menschheit unwürdig!"
Für Jeden, der niemals selbst gefangen war, bleibt es schwer, sich in die Lage eines Gefangenen und vor Allem eines Zellengefangenen vollständig hineinzudenken; in dieser Schwierigkeit finden wir den vornehmsten Grund, weßhalb es zahlreiche Gegner der Einzelhaft gibt und weßhalb manche Wortführer derselben mit den aberwitzigsten Behauptungen und krassesten Vorurtheilen Anklang bei hochgebildeten, religiösgesinnten und einflußreichen Leuten, geschweige beim gewöhnlichen Volke finden.
Die Durchführung der einsamen Haft ist eine Aufgabe, deren Lösung nur _allmählig_ geschehen und je nach den Eigenthümlichkeiten eines Landes und Volkes sich mehr oder minder eigenthümlich gestalten wird.
_Sklavische Nachahmung ausländischer Gefängnisse_ mögen in Verbindung mit der _sorglosen Wahl der Beamten und Aufseher_ der guten Sache der Einzelhaft bisher wohl den meisten Eintrag gethan und in Preußen vielleicht den hauptsächlichsten Anlaß zur Verpfuschung des Systems abgegeben haben.
Das Zellengefängniß zu Bruchsal wurde bekanntlich nach dem Muster von Pentonville erbaut und eingerichtet, doch sahen wir mit eigenen Augen, wie sehr alle gemachten und reifenden Erfahrungen benutzt und allmählige Verbesserungen eingeführt wurden, welche namhafte Verschiedenheiten zwischen dem englischen Muster und dem deutschen Abbilde begründen.
Der Duckmäuser lebt seit 4 Monden in einer Zelle, sein Haß gegen den Spaniolen führte den Anlaß zur Versetzung dieses langjährigen Gefangenen herbei; mit düstern Ahnungen sah er die eiserne Thür der Bruchsaler "Bastille" hinter sich schließen, doch seine Ahnungen haben sich diesmal nicht erfüllt, vielmehr hat die einsame Haft einen Schimmer von Glück über das Stillleben dieses Unglücklichen verbreitet. ...
Schlag halb 5 Uhr erwachte er aus einem erquickenden Schlafe, sprang aus dem Bette, dessen Seegrasmatratze ihm trotz der Härte ganz anders mundet, als das ebenfalls harte und bald zerriebene Stroh seiner altgewohnten Lagerstätte.
Während er sich bemüht, Kopfpolster, Leintücher und Teppich in die vorgeschriebene Ordnung zu legen, vernimmt er den Wiederhall der Wasserkrüge, welche der Hausschänzer draußen auf dem Gange auf die steinernen Platten stellt, das sich stets wiederholende Rauschen des Brunnens, die Schritte des Aufsehers, der eine Zelle nach der andern aufschließt.
Jetzt öffnet sich die Thüre von Nro. 110, der Aufseher tritt mit der Lampe herein, zündet das Licht an, welches auf dem eichenen Tische steht, ergreift die vordere Stange des in starken Riemen hängenden Bettes, schließt dasselbe an die Wand, wodurch der Raum der Zelle um ein Namhaftes vergrößert wird und entfernt sich mit dem Wasserkruge des Gefangenen.
Dieser schließt zunächst den aus 2 Tafeln bestehenden Tisch--die vordere dieser Tafeln ist mit schwarzem Firniß überzogen und man sieht darauf die Figuren des pythagoräischen Lehrsatzes sammt den halbverwischten Zahlen einer Rechnung--ebenfalls an die Wand, thut Gleiches mit dem Bänkchen, welches ziemlich unzweckmäßig unsern Benedict zwingt, dem durch das Fenster herabdringenden Lichte den Rücken zu kehren und während er einige Augenblicke in den sternenlosen Nebelmorgen hinausblickt, benützen wir die Zeit, um uns ein bischen in diesem Raume umzuschauen.
Die Zelle ist hoch und bildet ein längliches Viereck, dessen gewölbte Decke gut geweißelt, dessen Wände mit hellem Grün angestrichen sind und dem Bewohner gestatten, 8-9 Schritte in die Länge und 4 in die Breite zu thun, wenn es denselben beliebt, in gerader Richtung zu gehen anstatt durch die schräge den Weg zu verlängern. Rechts von der Thüre ist das Bett an die Wand angeklappt, weiter hinten befindet sich ein Kleiderrechen, dort hängt am Nagel ein langer Stock, vermittelst dessen der Gefangene in den Stand gesetzt wird, den obern Flügel seines Fensters beliebig zu öffnen. Die Fensterscheiben sind gut verbleit, die obern hell und rein, die untern hie und da von geripptem oder geblendetem Glase.
Ein Schrank steht auf der entgegengesetzten Seite links von der starken, rothbraun angestrichenen Thüre, an der sich ein Glockenzug, oben die eingeklammerte Nummer der Zelle, unten eine Vorrichtung befindet, welche Jedem gestattet, die ganze Zelle von Außen zu überschauen, während der Gefangene nichts davon bemerkt, sich folglich in jedem Augenblicke beobachtet glauben darf. Der Schalter in der Thüre bleibt geschlossen, wenn der Aufseher nicht etwa Essen und Trinken oder Werkzeuge hereingibt und die Thüre selbst kann nur von Außen geöffnet werden. Oben auf dem genannten Schranke stehen Schreibmaterialien und Bücher, im obersten Gesimse desselben der Wasserkrug, an welchem gleichfalls die Zellennummer hängt, unten ein kleiner Verschlag, in welchem die Eßgeräthe sammt dem Brode verschlossen werden, unten dran steht eine blecherne Waschschüssel; Seife und Kamm liegen neben Aufputzlumpen und zur Seite hängt ein Kehrwisch sammt Schäufelchen. Hinter dem aufgeklappten Tische und Bänkchen steht eine Hobelbank und der übrige Theil der Zelle wird durch Bretter, Klötze, Werkzeuge und angefangene Arbeiten aller Art ausgefüllt. Erwähnen wir noch, daß die Hausordnung an der Wand durch einen grünen Lichtschirm theilweise bedeckt wird und unter derselben ein biblischer Kalender sammt einem Stundenplan für Schule und Kirche hängt, so haben wir so ziemlich alle Gegenstände beschrieben, die sich im Bereiche des Duckmäusers befinden, wenn wir die mit Draht eng übersponnenen Oeffnungen für frische und erwärmte Luft nicht vergessen, welch' letztere Oeffnung durch einen Schieber von Eisenblech beliebig geöffnet und geschlossen werden kann.
Numero Hundertzehn, wie der Vatermörder fortan heißen soll, hat sich gewaschen, vielleicht ein leises Gebet dazu gemurmelt und hängt das Handtuch an den Rechen, als der Aufseher den Schalter öffnet und den gefüllten Wasserkrug hereingibt. Jetzt wird die bekannte Stimme eines Obermeisters im Gange hörbar, der Gefangene spitzt die Ohren und ergreift einen Hobel oder eine Säge oder den Polierlumpen, um an seine Arbeit zu gehen.
Um 6 Uhr rufen die Schildwachen auf der Ringmauer abermals ihr eintöniges Wer da; draußen wird es heller und heller, die Spatzen jagen sich bereits aus ihren Nestern, zwitschern vor dem Fenster ihren Morgengruß herein; das Oeffnen schwerer Thüren, das Fahren eines Wagens, die Frühmeßglocken gewähren dem Ohre des Gefangenen hinreichende Beschäftigung, abgesehen vom Geräusche der Arbeit, den Schritten des über dem Kopfe weggehenden Mitgefangenen, dem Lärm im Gange, dem zeitweiligen Geschelle, welches die Gefangenen eines andern Flügels oder Stockwerkes in den Spazierhof einladet.
Abermals öffnet sich der Schalter, der Aufseher reicht ein halbes Laiblein gutgebackenen, schmackhaften Brodes herein, Nro. 110 langt aus dem Verschlage ein stumpfes Messer sammt Salzbüchse, beginnt zu essen und während er kaut, löscht er die Lampe aus, in welcher eine Mischung von entwässertem Spiritus und Terpentin den Brennstoff bildet, betrachtet den Kalender und streicht ruhig den gestrigen Tag durch--der lebenslänglich Verurtheilte träumt von dereinstiger Befreiung und hat seine Gefängnißtage zählen gelernt, er glaubt, daß ihn jeder Strich im Kalender der schon 10 Jahre entbehrten Freiheit näher bringe:
Die Welt wird alt und wieder jung! Der Mensch hofft immer Verbesserung!
Jetzt läutet's auch hier in den Hof. Nro. 110 schließt den Schieber der Luftheizung, öffnet das Fenster, zieht den Zwilchkittel an über das wollene Unterwammes, ergreift die blecherne Nummer ob der Thüre, hängt dieselbe in ein Knopfloch und setzt eine blauwollene Mütze auf, deren mit 2 Augenlöchern verzierter Schild herabgelassen werden muß und den größten Theil des Gesichtes bedeckt, so daß kein Gefangener das Angesicht des Andern zu sehen im Stande ist. Diese Mütze macht unstreitig einen peinlichen Eindruck auf fremde Besucher und in der ersten Zeit auch auf den Gefangenen, doch ist letzterer bald daran gewöhnt und während der Schaden nicht zu finden ist, welchen diese Mütze bringt, läßt sich ihr Nutzen desto besser absehen und wozu ohne Noth Etwas beseitigen, was für den Grundsatz der _vollkommenen Trennung der Gefangenen_ wesentlich ist? Man hat zwar noch niemals erlebt, daß die Leute einander durch ihr bloßes flüchtiges Anschauen mit ihren Fehlern anstecken und läßt sich nicht läugnen, daß ein Zellenbewohner den vor ihm Hergehenden möglicherweise trotz der Maske am Gange und den Umrissen der Gestalt erkennt, allein Dreierlei läßt sich ebenfalls nicht läugnen, nämlich daß erstens die Maske jedenfalls dazu beiträgt, Anknüpfung von Bekanntschaften zu erschweren, ferner den Gefangenen vor den Blicken neugieriger Besucher der Anstalt beschützt und endlich den großen Vortheil bietet, daß er nach der Entlassung nicht leicht Zuchthausbrüder trifft, welche ihn erkennen und in unangenehme oder gefährliche Lagen versetzen.
Zudem trägt der Gefangene die vielbeschrieene Maske, die von Dickens überschwänglicher Einbildungskraft seltsam genug ein "Grabhemd" genannt wird, nur auf dem Wege in Hof, Badzellen, Schule oder Kirche, somit selten länger als einige Minuten.
Jetzt öffnet sich die Thüre von Nro. 110, Nro. 109 ist bereits 10-15 Schritte voraus und 110 folgt ihm in der Art, daß der Abstand vom Hintermann 111 ebensoviele Schritte beträgt.
Lauernd steht der Aufseher des dritten Stockwerkes an einem Platze, von wo aus ihm nicht die leiseste Bewegung der in den Spazierhof gehenden Bewohner des ersten Stockwerkes zu entgehen vermag und wenn Einer seine Schritte nicht gehörig beschleunigt oder gar Lust zum Umherschauen zeigt, verweist ihn die Stimme des Aufpassers augenblicklich in die Schranken der Hausordnung.
Nro. 110 eilt durch den Gang die Treppe hinab in den Hof. Eine frische Morgenluft weht von den Hügeln herüber, dessen Bäume mit ihren vielfarbigen Blättern, dessen Weinberge und blumenlose Wiesen ihn an die Herbstmorgen auf dem Lande mahnen. Krächzend eilen einige Raben dem Walde zu, er hört das Krähen einiger Hähne in der Nachbarschaft, das unaufhörliche Gezänke zahlreicher Vögel im Hofe und auf dem Dache. Die Bäume, Sträucher und Blumen, die Holzstöße und Faßdaubenpyramiden im Hofe dieses Flügels-- dieser ganze Anblick gewährt einen Schimmer von Freiheit.
Schon ist Nro. 110 in das runde Häuschen eingetreten, von welchem die zahlreichen, etwa 10´ hohen Mauern der Spazierhöfe ausstrahlen, welche vielleicht mit einer versteinerten Sonnenblume verglichen werden können, deren meiste Blätter in regelmäßigen Zwischenräumen herausgerissen wurden.
Nro. 110 eilt in den bereits offenstehenden, für ihn bestimmten Spazierhof, dessen eine Mauer mit einem ziemlich langen Regendache von Eisen, dessen beide Mauern an ihrer Mündung durch ein hohes eisernes Gitter verbunden sind und dessen Boden mit gelblichem Sande aufgefüllt ist.
Eifrig eilt er zwischen dem Gitter und dem geschlossenen Thürchen hin und her, schaut zuweilen nach den Wolken, die grau und schwerfällig gegen Westen ziehen, nach der Schildwache, die in ihren Mantel gehüllt still und stumm von der Ringmauer herabschaut, um den visitirenden Korporal oder die Ablösung zu erwarten oder nach dem Zellenflügel, dessen Fenster im matten Scheine des über die Berge schauenden Morgenrothes schimmern oder er verfolgt den trägen Gang der Spinne, eines andern Insectes, welches an der Mauer herumkriecht.
Oben in seinem Häuschen hört er den Aufseher hin- und hergehen, der alle Spazierhöfe und Spaziergänger mit Einem Blicke oder Einer Wendung überschaut, hört die eiligen Schritte der Nebenmänner und diese Art von Mittheilung ist wohl die einzige, welche in den Spazierhöfen stattfindet.
Die Wände zu verschreiben, Zettel in den nächsten Hof zu werfen, ein Duett im Husten anzustimmen sind Dinge, welche so wenig ungeahndet bleiben, als wenn Einer von seinem Zellenfenster in den Hof herabschaut.
Jetzt wird geschellt, die halbe Stunde des Spazierganges ist vorüber, in derselben Ordnung, wie die Gefangenen gekommen, gehen sie auch wieder in ihre Zellen zurück.
Nro. 110 hat Fenster und Thüre offengelassen, die Zelle ist vollständig gelüftet, er schlägt die Thüre zu und geht daran, den Boden zu reinigen, der aus Ziegelplatten besteht. Durch das viele Gehen löst sich von diesen Ziegelplatten ein feiner Staub ab, der jedoch nur dann sehr ungesund werden mag, wenn der Zellenbewohner ein unreinlicher Bursche ist, was bei den Falkenblicken des Obermeisters und Aufsehers nicht wohl angeht.
Unser Gefangener reinigt die Zelle, schließt das Fenster, öffnet den Schieber der Luftheitzungsöffnung aus welcher eine wohlthuende Wärme herausströmt und geht dann wieder an seine Arbeit.
Abermaliges Schellen, das Zuschlagen der Schalter der Zellenthüren verkündiget die Austheilung der Morgensuppe; Nro. 110 rüstet sein Schüsselchen, der Aufseher öffnet den Schalter, füllt dasselbe und schlägt rasch wieder zu, um weiter zu gehen.
Der Zellenbewohner ißt und arbeitet dann mehrere Stunden; von Zeit zu Zeit tritt ein Werkmeister oder Aufseher herein und bleibt einige Augenblicke, um Etwas anzuordnen oder nachzuschauen.
Um 10 Uhr öffnet sich die Thüre, der Director mit seinem freundlichen, wohlwollenden Gesichte tritt herein.
Jene Art von Besuchen, wie sie in England gang und gäbe sind, wo der Aufseher die Thüre aufreißt, der Beamte sein stereotypes: %"is all right?"% herabschnurrt und sofort weiter geht, wenn der Gefangene nicht ein besonderes Anliegen vorzubringen hat--solche Besuche, welche lediglich einer polizeilichen Controlle entsprechen, sind für den Gefangenen fast werthlos, für den Beamten sehr bequem, in Bruchsal glücklicher Weise unbekannt.
Besuche der Beamten tragen hier den Charakter einer Wohlthat an sich, sind ein mächtiges Mittel der Erholung, geistigen Anregung, Bildung, Versöhnung mit der Strenge des Schicksals und der Gesetze, der Besserung. Täglich in viele Zellen eilen, welche die verschiedenartigsten Menschen beherbergen, die verschiedenartigsten Gemüthsstimmungen antreffen, sich Lunge und Leber herausreden, aus verschiedenartig erwärmten Zellen in die eisige Zugluft der Gänge hinaustreten, Gerüche aller Art und Staub ebenfalls einathmen--es ist ein Geschäft, das im Laufe weniger Jahre die Gesundheit des kräftigsten Mannes erschüttert, ein Geschäft, welchem sich schwerlich Einer unterzöge, der nicht eine bedeutende Portion ursprünglicher Menschenliebe im Herzen hat.
Was bei andern Gefangenen selten oder nie der Fall sein wird, ist bei Zellenbewohnern der Fall: die ins Einzelnste gehende Controlle jedes Einzelnen, das Lesen seiner Untersuchungsakten, Briefe und Besuche unter vier Augen gewähren dem einsichtsvollen Beamten eine mehr oder minder vollständige Kenntniß jedes einzelnen Gefangenen.
Dieser müßte ein Heuchler erster Größe sein, wenn er mondenlang, jahrelang eine falsche Rolle spielen, sich nicht _unwillkürlich_ in seinen Reden, Geberden, Handlungen als derjenige zeigen sollte, welcher er wirklich ist. Er wird offen, vertraulich, manchmal bis zur Unverschämtheit offen und vertraulich gegen die Beamten aus dem ganz einfachen und einleuchtenden Grunde, _weil er keine andere Gesellschaft hat._ Wo Sträflinge beisammen leben, kann der Beamte sich nicht leicht mit Einzelnen besonders abgeben, muß Einen wie den Andern behandeln und der Gefangene findet gar keinen Grund, weßhalb er einem Beamten Blicke in sein Innerstes gestatten, sich dadurch in den Augen desselben herabsetzen sollte, zumal das natürliche Interesse ihn auffordert, nur seine Lichtseiten leuchten zu lassen, um sich Wohlwollen zu erwerben. So gewöhnlich Verstellung und Heuchelei in gemeinsamer Haft sind, so leicht eine mehr oder minder falsche Rolle hier mit Glück gespielt werden mag, weil der in der Heuchelei liegende Zwang nur ein sehr vorübergehender ist--so selten mag in Zellengefängnissen in die Länge und mit Glück geheuchelt werden. Es wird für den Zellenbewohner zur psychologischen und moralischen Nothwendigkeit, sich so zu geben, wie er ist und dieses setzt die Beamten in Stand, _Jeden nach seiner eigenthümlichen Art und Weise zu behandeln._ Je mehr aber Einer nach seiner Art und Weise behandelt wird, desto mehr wird er uns seine Zuneigung und sein Vertrauen zeigen.
Durch nachläßige, taktlose oder unmenschliche Behandlung der Zellenbewohner von Seite der Beamten und Angestellten mag wohl die gute Wirkung des Einzelsystems sich häufig genug in das Gegentheil verkehrt haben und man bürdete dem System die Schuld untauglicher Angestellten und Beamten auf, nicht zu vergessen des Wahnes, man bedürfe keiner besondern Bildung, um als Beamter unter Sträflingen zu wirken, könne jeden Schreiber und Tabellenheld dazu brauchen ... Ein geistreicher und berühmter Rechtsgelehrter sagte uns vor einiger Zeit, die einsame Haft sei eine "Pferdekur;" wir stellen Solches keineswegs in Abrede, meinen jedoch, bei Menschen, welche mehr oder weniger Thierisches und Unterthierisches an sich tragen, schade eine Pferdekur wenig und der Schmerz derselben werde um so erträglicher und fruchtbringender, heilsamer, je geschickter der Arzt sei!
Der Duckmäuser ist heute verstimmt, der Morgen ist so trüb und unfreundlich, Wind und Wetter, die verschiedenen Zeiten des Tages und der Nacht, des Jahres, manchmal auch der Wechsel des Mondes üben einen so großen Einfluß auf das Gemüth Einsamlebender aus!
Er thut heute, was er als alter Gefangener selten oder niemals zu thun pflegt, fängt nämlich an, nachdem er eine kleine Abhandlung über eingelegte Schreinerarbeit zum Besten gegeben, über die lange Dauer seiner Gefangenschaft zu reden und von der Wahrscheinlichkeit, daß er wohl hier sterben müsse.
Die Hausordnung gibt jedem andern Gefangenen Hoffnung auf Berücksichtigung von Gnadengesuchen, wenn die Hälfte der zuerkannten Strafe überstanden ist --doch was geht dies einen Gefangenen an, dessen Todesstrafe in _lebenswieriges_ Gefängniß umgewandelt wurde? Für ihn ist die Zelle in der That ein Sarg, er ist ein Lebendigbegrabener und dennoch bleibt er ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft, denkt lieber an die Erde als an den Himmel und findet in den Besprechungen dieses einen Ersatz für die Entbehrung der Genüsse, welche jedem Bettler zu Gebote stehen.
Die Einsamkeit vermehrt den Alpdruck des vernichtenden Wortes: "lebenswierige Gefangenschaft", er hat die Bedeutung dieses schauerlichen Wortes erst in neuerer Zeit recht fühlen gelernt!
Was soll der Director thun? Dem Unglücklichen den Schein jeder Hoffnung nehmen und die düstere Stimmung desselben vermehren? Nein, er redet von der _Möglichkeit_ dereinstiger Befreiung, von Auswanderung nach Amerika und scheidet aus der Zelle, einen Glücklichen hinter sich zurückzulassen.