Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil
Chapter 14
"Komm, Donat, geschwind, wir gehen nicht nach Aha, es thut's ein andermal auch, wollen zurück gegen Lenzkirch!" drängt sie. Ganz verwundert zieht sie mich an der Lafette vorbei, wo der Wirth gerade aus dem Fenster schaut und wahrscheinlich ob unsern rothen Gesichtern lacht. Hinter dem Bären schlagen wir die Straße nach Lenzkirch ein, im nächsten Wäldchen steht sie still und sagt gar freundlich:
"Donat, _jetzt_ will ich den größten Beweis von Liebe, den du mir geben kannst und wenn du's _nicht_ thust, adje Parthie!"
Ich hätte damals dem Teufel den Schwanz ausgerissen, wenn die liebe Apel gewunken hätte und schwöre ihr Alles zu thun, außer Stehlen und Umbringen.
"Komm ein bischen hinter die Tannen, wir wollen passen. Es ist hoher Mittag, weit und breit kein Mensch, doch kommt in einigen Minuten ein Maidle von Hinterzarten, das mich schwer erzürnt hat am Georgentag, wo ich auch nach Aha ging und in Hinterzarten einkehrte. Sie hat mir vor einer Stube voll Leut alle erdenklichen Schandnamen gesagt und gemacht, daß ich fort mußte. _Die_ packst du an, schleppst sie in den Wald, im Nothfalle bin ich auch da, sie kennt dich nicht, aber mich, deßhalb komme ich nur im Nothfalle. Ist gar stolz auf ihre Larve; du sollst sie recht demüthigen, das übermüthige Ding; es kommt nichts heraus und zu nehmen brauchst du ihr weiter nichts! ... Hat sie ihren Theil, so lassen wir sie wieder springen, willst du, Herzensdonätle?["]
Ich war stark benebelt, die Sache kam mir recht spaßhaft vor, richtig da kommt das Mädle und sieht aus, wie der Tag im Vergleich zu der Apel. Ich schlich hinter ihm her, die Apel blieb abseits im Walde, das Herz klopfte mir, daß ich fast keinen Athem mehr bekam, die Apel winkt immer wie besessen, endlich fasse ich ein Herz, packe das Maidle und zerre es den Straßengraben hinab in den Wald. Es schrie wie ein Dachmarder, wehrte sich aus allen Kräften, ich riß ihm unversehens eine Granatenschnur mit einem goldnen Kreuze weg, was später im Grase gefunden wurde und warf es zu Boden!--Ihr vermaledeites Geschrei führte zwei Bauernbursche her, die von Lenzkirch die Höhe rasch heraufgestiegen waren. Diese halfen dem Maidle, prügelten mich kreuzlahm, banden mir dann die Hände mit meinen eigenen Hosenträgern und schleppten mich nach Lenzkirch!"--Das ist meine Geschichte und jetzt urtheile du, ob ich einen Raub begangen habe und gerecht oder ungerecht leiden muß! Ich erzählte Alles haarklein, wie es gegangen war, doch mußte halt ein Räuber sein, da half Alles nichts mehr. Mich reut's bis auf's Blut, daß ich nur ein Brösele gestanden habe."
"Nein, bist kein Räuber, armer Tschole, bist halt auch ein Unglückskind!-- Was hätte es dem Maidle geschadet, wenn du zum Ziele gekommen wärest? ... Aber mit der Apel, wie gings da?" fragt der Benedict verächtlich und spöttisch zugleich.
"Ja, die Apel, die Apel! Diese wurde nicht entdeckt und war _vor mir_ in der Neustadt, um mich bei Amt anzugeben. Sie beschwur, daß ich _sie_ bereden wollte, an der Sache Theil zu nehmen; sie habe solches nicht über s'Gewissen gebracht, mich nicht abhalten können, zumal in ihren Umständen und mich deßhalb angezeigt. Ich sei ein schändlicher Kerl und wenn _sie_ nicht gewesen wäre, würde ich schon mehr als hundert Weibsbilder unglücklich gemacht haben. Ist solche Falschheit nicht himmelschreiend? ... Ich weiß woher das kommt!"
"Ei, die Apel trug eben keine Lust, nach Bruchsal zu kommen" meinte der Duckmäuser.
"Wohl, doch der Hauptgrund ist, weil das liederliche Weibsbild wieder mit einem alten Schatz liebäugelte, der fast der zweite Spaniol war."
"War der Donatle, so lange ich Geld und Sachen zu verkaufen hatte, im Rößle blieben mir noch 10 Batzen übrig, 5 davon gab ich ihr und sie wußte, daß meine Herrlichkeit ein Ende hatte und ich das Hemd vom Leibe verkaufen mußte! Der Kilian von Prechthalen, ein Wittmann, mit dem sie einmal einige Jahre im Lande herumgezogen, hatte einen Brief geschickt und ihr angeboten, mit ihm zu hausen. Die Apollon sagte mir selbst, sie sei entschlossen, ins Prechthal zu wandern, sobald sie ihr Kind der Gemeinde abgeliefert habe. Geben konnte ich nichts mehr, drum verließ sie mich. O die Menschen sind falsch, grundfalsch, Duckmäuser, es gibt keine Ehrlichkeit mehr auf der Welt und der Ehrlichste wird am meisten angeschmiert! Falsch wie Galgenholz hat die Apel, der ich Alles anhing, an mir gehandelt! ... Es möge ihr in der Hölle zehntausend Jahr auf der Seele brennen!"
"Wie lang bist du denn mit der Apel umgegangen?" fragte der Benedict. "Hoh, sieben Monate mindestens zottelte ich aus einem Wirthshaus und einem Orte in den andern."
"Und arbeitetest nicht?"
"Der Fürst wollte keinen Holzschläger meiner Art lautete der Bericht des Försters. Dieser konnte mich anfangs leiden, doch wurde ich bei ihm angeschwärzt, daß ihm die Augen überliefen. Unsereins soll eben kein Freudele haben und wird gleich Alles krumm genommen!" seufzt der Donatle.
"Hast mir auch schon erzählt, wie du den Bauern Schinken aus dem Kamin und Schmalzhäfen aus dem Trog geholt hast, mich wunderts nur, daß du soviel auf deine Ehrlichkeit gibst!" ... lächelte der Vatermörder. "Oh du Daps, entgegnet der Donatle, vertragen sich solche "G'späß" nicht mit der Ehrlichkeit? Dann wären alle Leute Spitzbuben! Was schadet so ein Beinle oder Häsele einem Packer oder Holzhändler oder Wirth? Zudem hat die Apel das Meiste geholt, sie konnte es mit den Weibern und noch mehr mit den Knechten und theilte Alles redlich mit mir!"
"Sauberes Leben das, du ehrlicher Donatle!" meint der Benedict.
"Spotte du nur über mein Unglück, hast's auch nicht besser gemacht! ... Bin eben schief in die Welt gerutscht, die Fränz, der rothe, verdammte Mathäubesle und die Apel, lauter Leute zehnmal nichtsnutziger als ich sind eben an meinem ganzen Unglück Schuld! ... Hab erst am vorigen Sonntage daran gedacht. Ich las in der Kirche, wie sich Ludwig der kleine Auswanderer von einem Schmetterling und Kukuk verführen ließ und im Walde verirrte und dachte gleich, Fränz und Apel und die Fabrikthierer im Unterland seien _meine_ Schmetterlinge, der rothe Mathäubesle mit seinen wüsten Reden und Liedlein _mein_ Kukuk gewesen, die Amtsleute aber _meine_ Sperber und Weihe und so ist's! ... Hätte ich _dein_ Vermögen und _deine_ Mädlen, deine Mutter und den Meister März dazu gehabt, dann wär' der Donatle nicht neben dir, weißt du's? Ich bin kein Spitzbube, aber _du_ bist Einer und ein Mörder dazu!" ... flüsterte der zornig werdende schuldlose Donat. Mit einer sehr unzierlichen Redensart kehrt sich der Duckmäuser um und beginnt zu schnarchen.
Der Schwarzwälder brummt noch einige Redensarten, sieht, daß der Patrik mit hellen, offenen Augen zu ihm hinüberstarrt und den Kautabak lustig von einem Backen in den andern wirft, von Zeit zu Zeit in eine Düte spuckend, die er im Schreinermagazin gefunden haben mag. "Iech ha der's gs'ait, ma cha nüt mitem Duckmüser ha, s'isch e Chalb wia der Amtma vu Instetten!" sagt der Patrik, dessen scharfe Ohren Alles gehört hatten.
Der Patrik ist nach Geburt und Art ein "Hotzenwälder" neuern Schlages, bei dem außerordentlich viel Ungeschlachtheit und ungezähmte Leidenschaft sich mit Mutterwitz vermählen, während von biederer Frömmigkeit und Rechtschaffenheit der ehrwürdigen Altvordern bei ihm blutwenig verspürt wird. Pauperismus und Sittenverwilderung fanden sammt der Aufklärung den Weg auch in die Thäler der ehemaligen Grafschaft Hauenstein, welche in neuester Zeit das Calabrien des badischen Oberlandes zu werden droht; mindestens steht eine Diebsbande dieser Gegend nach der andern vor den Geschwornen in Freiburg, an Brand, Mord und Todtschlag hat es schon früher nicht gemangelt und mit der uralten, schönen malerischen Tracht scheint auch die uralte Einfachheit des Lebens, der Sitte und die fromme Gesinnung täglich mehr zu verschwinden.
Der Patrik stolperte aus seinen Bergen in das wohlhabende fruchtbare Hügelland des Kleckgaues, diente an verschiedenen Orten, am längsten beim Posthalter in Instetten, wo er als Hausknecht sich unmäßig in den guten Rothen verliebte und zuletzt fortgejagt werden mußte, weil er soff, daß er manchmal einen Güterwagen für eine Baßgeige hielt und mit dem theuern Hafer umging, als ob er vom Himmel herabregne. Er lungerte dann einige Zeit im "Züribieth" herum, trieb Alles, was der Brief vermochte und kam zuletzt mit den Landjägern in eine so schiefe Stellung, daß er gerathen fand, sein Glück wiederum "im Dütschland" zu probiren. Leider jedoch ereilte diesen Sohn Teuts, dem die Treue zum Rothen nicht nur aus den Augen blitzte, sondern auch aus der Kupfernase schimmerte und die Liebe zur Trägheit unsäglich tief im Herzen saß, nicht das Glück, sondern das Unglück und jetzt erzählt er dem Donatle, was er im Zuchthause schon hundertmal erzählt hat, nämlich die "wahrhaftige und kurze" Geschichte seiner "unsäglichen Schuldlosigkeit."
Rauh und eckig wie die tosenden Waldbäche und Felsen seiner Heimath ist Patriks Sprache; man glaubt eine Sägemühle krächzen zu hören und ein Pommer oder Mecklenburger würde keine Silbe davon verstehen, wenn er nicht etwa Hebels allemannische Gedichte an springenden und singenden Theeabenden mit wüthenden Beifall radebrechte; dabei flucht der Patrik trotz dem derbsten Hochbootsmann und braucht Bilder, vor denen selbst der Idyllendichter Voß von Heidelberg bis Eutin fortgaloppirt wäre.
In wie vielen schattenreichen Gebäuden der gute Hotze schon herumwanderte, ehe er in den grauen Kittel schlüpfte, verschweigt er dem Donatle klüglich; es ist spät, er macht die Sache kurz und sein vom Brummbaß des Murmelthieres beschütztes Geflüster ließe sich etwa übersetzen wie folgt:
"Man hätte mich auf den Grund schlagen sollen neun Monate vor meinem Geburtstage, nämlich in der Gestalt meines Vaters, der die Dummheit beging, einen Kerl auf die Welt zu setzen, welchem das Unglück wie der eigene Schatten folgt. Die Mutter hat's mir oft prophezeit, ich sei für das Kreuz geboren und habe ein grausiges Kreuz auf dem Hirnschädel gehabt und im Meerfräulein zu Laufenburg hat einmal ein Käshändler mit dem Vater gewettet, daß ich noch lange vor ihm am Galgen oder im Zuchthause stürbe ob schuldig oder unschuldig, denn die Constellation der Gestirne--davon versteht ein Kalb deiner Art freilich nichts!--sei bei meiner Geburt die schlimmste von allen erdenkbaren Constellationen gewesen. Bin jetzt 27 Jahre und 13 Herbstmonate auf der Welt und weiß, daß der Teufel morgen allen Leuten die Füße abschlüge, wenn ich heute Schuster würde, drum ist mir auch alles Eins und der Vater hat mich nichts lernen lassen ... Hör' nur Einen Spuk, Donatle, dann hast genug und wirst dich nicht mehr verwundern, weßhalb ich auch hier alle Schick ins "schwarze Loch" komme. Sitze also im Engel zu Lottstetten und versaufe den letzten Rappen, damit er mir nicht aus dem Sack fällt und schlendere dann wohlgemuth auf der Straße nach Instetten ... der Fußweg über die Wiesen war so schmierig wie das fünfte Element im Polakenland!--weiter und denke an meinen alten Schatz, mit der ich in der Weihnachtsnacht hinter der Klosterkirche von Rheinau zum erstenmal zusammentraf. Ganz in Gedanken versunken laufe ich den Berg hinan, merke gar nicht, daß ich einem leeren Güterwagen begegnete, bis ich hinter mir rufen hörte. Hört ein gescheidter Mensch in einer Gegend, wo auf der einen Seite Wald und weit und breit kein Mensch zu sehen ist, hinter sich Halt brüllen, so schaut er sich nicht um und springt, daß ihm die Schrittstecken wackeln. Wiewohl ich nun der dümmste Gedanke meines Vaters bin, war ich doch gescheidt genug, diesmal zu springen und erreiche das Höchste ganz athemlos, weil mein Verfolger immer fort brüllt und auch springt. Doch was geschieht? Mir entgegen kommt gerade ein Gensd'arme, der mich im Verdachte hatte, daß ich ihm einmal in Instetten im Finstern Eins aufs Dach gab ... es war Einer, der mich früher ins Bürgerstüble brachte und von dort in den Thurm von wegen einer Trudel, der ich Nachts in die Kammer gestiegen bin! Unser Gensd'arme sieht mich kaum, nimmt er's Gewehr von der Achsel, macht am Hangriemen herum und schreit ebenfalls Halt!-- Außer den beiden Haltschreiern sah ich weit und breit nur mich, denke an die Prophezeiung meiner Mutter selig, springe über die Straße links in die Felder und sehe im Umschauen, daß der verdammte Grünrock mir nichts dir nichts auf mich anlegt, als ob ich ein Hase wäre. Ganz verwundert bleibe ich stehen, denke: Patrik, aha, die Constellation ist wieder da! Der Gensd'arme kommt und brüllt: Halt Spitzbube, Ihr seid arretirt. Gleich darauf keucht ein schwäbischer Fuhrmann, den ich auch nicht leiden mochte, weil er nie in der Post zu Instetten, sondern im Engel zu Lottstetten einstellte, auf mich los und schreit ebenfalls: Hab' ich dich Spitzbube, liederlicher!
"Hört, Ihr Hagelsketzer, ich bin kein Spitzbube!" sage ich mit der größten Mäßigung und war mir schon nicht wohl dabei, weil ich meinen Heimathschein in Bülach drüben liegen gelassen hatte.
"Erzspitzbube, Halunke!" antworten die Beiden ganz besessen, sind keine drei Schritte mehr vom Leibe und während ich vor Erstaunen die Hände über dem Kopfe zusammenschlage, klirrt eine Kette, ich reiße die Augen auf und was meinst, Donat, was mir Unglücksmenschen passirt war? Im Vorbeistreifen am Güterwagen blieb eine Wagenkette an mir hängen und vor lauter Gedanken an die Rheinauerei und später vor Angst und Schrecken hatte ich den Butzen gar nicht bemerkt. Es war eine schöne schwere Kette und habe nachher alle Sterne vom Himmel herabgeflucht, weil der Kaib von Fuhrmann nicht schlief, während sonst Güterfuhrleute oft von einem Wirthshaus zum andern fahren, ohne ein Auge aufzumachen. Dieser heillose Streich war noch das Geringste; der heimtückische Schwabe hatte auch noch seine Brieftasche und die silberbeschlagene Tabakspfeife in die Tasche meines Manchesterkittels gesteckt, während ich sinnend an ihm vorüberstreifte. Der Gensd'arme und der Schwabe konnten mich nicht leiden, 's war offenbar ein abgekartetes Spiel, um mich ins Elend zu bringen, ich zeigte mich bereit, dies hundertfach zu beschwören, doch der Amtmann half den Beiden und ich, armer, armer Tropf, der ich gehofft hatte, im Adler zu Instetten"--
"Jetzt ist's genug, ihr Waschweiber, ich will meine Ruhe, ich bin nicht im Zuchthaus, um euer Sumsen zu hören!" ... schrie das Murmelthier mit zornrothem Antlitz, stand im Hemde im Hintergrund des Saales gleich dem Rachegeist der Hausordnung und trommelte wüthend auf dem zusammengeschrumpften Schmeerbauche herum.
"Ob _Ihr_ auf der Stelle in Euer Nest geht? Ob ich kommen soll? Wartet nur, das wird Euch eingetränkt! Die Ruhe auf solche Weise stören, Nachts um Zwölfe krakehlen, als ob Ihr der Gockler in diesem Saale wäret?!["]
Ob dieser Philippika streckte Mancher den Kopf in die Höhe, der Aufseher, der alte Moritz stand mit rothem Kopfe unter dem Guckfenster, sein grauer Schnurrbart richtete sich in die Höhe, wie die Stacheln eines Stachelschweines, das seinen Feind erschießen will. Das erschrockene Murmelthier, ein wahres Bierfaß auf zwei wandelnden ungeschälten Stecken rannte mit einem Harrassprunge in das Bett, die Bretter brachen zusammen und jammervoll saß der Edle auf den Trümmern seines Glückes, nachdem er dreimal von oben nach unten gekugelt!
"Herr Moritz entschuldigen, _nicht_ mein College da war der Ruhestörer, sondern _die_ dort hinten, vor Allem der Duckmäuser, der nicht eine Minute schweigt und all meine Warnungen verachtet, weil er mich nicht als legitimirten Aufseher des Schlafsaales anerkennt. Er hat den Donat zum Plaudern verführt und dann den Patrik! ... Offenheit ist meine Sache, der Wahrheit die Ehre, an Zeugen wird's nicht fehlen! ... Es wird ruhig sein, ich garantire Ihnen, mein Herr!" Diese Rede des Spaniolen besänftigt den alten Moritz, der sich mit der ernsten Mahnung ans Strafbuch in den Gang zurückzieht.
"Oh, wäre ich in einer Zelle, der Kerl wird sonst noch kalt durch mich!" murmelt der Duckmäuser und knirscht mit den Zähnen.
"Der Spaniol ist ärger als die Apel, der Teufel soll ihm heute Nacht noch das Genick brechen!" sagt der Donat leise vor sich hin.
"Siehst du, Donat, die Constellation? Morgen gehts wieder ins schwarze Loch mit Hungerkost und Gänsewein, Alles von wegen der Strohlshagelsconstellation!" ... "O Vater, du Hornvieh, ich möchte dich noch unterm Boden auf den Grund schlagen, du bist schuld an Allem!"... seufzt der Patrik und kehrt sich auf die andere Seite.
"Wann, o wann hört der Lärm und Gestank dieser Marterhöhle für mich auf!" flüstert Martin der Wirthssohn leise vor sich hin und läßt einen tiefen Seufzer fahren, während die Augen trostlos durch die vergitterten Scheiben in die sternenleere, schwarze, traurige Regennacht hinausstarren.
Von jetzt an vernimmt man nur noch das Schnarchen des Murmelthieres aus dem Abgrunde der zerbrochenen Bettlade sammt dem Geschnarche eines halben Dutzends Anderer, die schwer gearbeitet oder den Schnupfen haben. Einige reden im Schlafe, weinen, fluchen, schlagen um sich und der schwere, schwüle Dunst dieses Saales tragt wohl dazu bei, auch die Traumwelt der Gefangenen mit wilden, düstern Gestalten und Bildern zu bevölkern. Aus jenem Verschlag im Hintergrunde, dem von Zeit zu Zeit Einer zuschleicht, wehen Moderdüfte über die Schläfer.
#BRUCHSAL.#
Wer auf der Eisenbahn zwischen der altberühmten Musenstadt Heidelberg und dem schönen Karlsruhe fährt, wird selten ermangeln, bei der Station Bruchsal nach einem großen Bau hinüberzuschauen, welcher gleichzeitig an die Pracht und an das Elend unseres Jahrhunderts mahnt.
Er sieht einige freundliche Häuser durch einen baumlosen Garten geschieden, in gleichen Abständen hinter einander stehend, an eine hohe graue Ringmauer sich anlehnend, die mit Thürmen besetzt ist, zwischen denen Schildwachen auf und abgehen. Vom Thore führt ein mit Schieferplatten gedecktes Gebäude einem Thurme zu, von dessen hohen Zinnen der Blick weithin durch die Rheinebene bis Mainz schweifen mag und von diesem Thurme mit seinen im Sonnenglanz blitzenden großen Fensterscheiben strahlen vier lange, aus röthlichen Sandstein errichtete Gebäude aus, alle gleich hoch, alle mit derselben Anzahl länglicher, vergitterter Fenster und Stockwerke versehen. Das Ganze erinnert an eine mittelalterliche Burg oder noch eher an die aus dem Revolutionskrater des Jahres 1789 verjüngt erstandene Bastille, welche aus dem Völkerbienenstock und Wespennest Paris in das stille, idillischschöne Rheinthal wanderte. Es lehnt sich an einen niedern Höhenzug, von welchem Weinberge, Obstbäume, Felder und Matten starr hinabschauen in das fremdartige, geheimnißvolle Leben, welches sich in den Höfen still und einförmig hin und her bewegt.
Diese mit großen Kosten, aber auch für Jahrhunderte errichtete Masse von Gebäuden, gleichsam den Anfang einer neuen und großartigen Vorstadt Bruchsals abgebend, bildet ein Ganzes, dessen Beschreibung uns um so mehr überzeugte, daß wir ein zu Stein gewordenes Abbild der Idee der Zweckmäßigkeit vor uns haben, je mehr jene ins Einzelnste einginge.
Hier ist wohl der _einzige_ Platz in Deutschland. _wo die Einzelnhaft mit jener Folgerichtigkeit durchgeführt wird, welche die Härten des amerikanischen Systems vermeidet, ohne den Grundgedanken der vollkommenen Trennung der Gefangenen zu beeinträchtigen._
Es ist ein Wunderbau und ein großer, fruchtbarer Gedanke in ihm lebendig geworden, der Gedanke, _die Gesellschaft nicht nur vor ihren Feinden zu bewahren, sondern diese oft weit mehr unglücklichen als verbrecherischen Feinde zu beständigen Freunden der Menschheit und Gottheit zu machen._
Die ersten unvollkommenen Anfänge eines derartigen Baues entstanden in der Quäkerstadt jenseits des Meeres; die Ersten, welche das einzigrichtige Mittel ergriffen, um die für die Gesellschaft und die Verbrecher gleich großen Gefahren des gemeinschaftlichen Zusammenlebens der Sträflinge abzuwenden, waren Männer, welche noch heute zu den Edelsten unseres Geschlechts gezählt werden und deren Ruhm in einem bessern Jahrhundert den zweideutigen Ruhm der meisten Kriegshelden so hoch überfliegen wird, als der völkerbeglückende Geist christlicher Liebe über der finstern Gewaltthätigkeit thierischer Rohheit und Selbstsucht steht.
Noch niemals gab es eine große Erfindung, niemals blitzte ein ins Völkerleben eingreifender neuer Gedanke auf, wogegen sich nicht zahllose Widersacher erhoben hätten. Jede neue Erfindung und Einrichtung ist eine Kriegserklärung gegen diejenigen, welchen dadurch ins Handwerk gegriffen wird, deren Nutzen, Eitelkeit, Denkfaulheit, bequeme Gewohnheiten bedroht erscheinen. Ungefährlich werden die Liebhaber des alten Schlendrians, je mehr die Zeit eine neue Erfindung oder Einrichtung bewährt. Je weniger Bürgschaften für solche Bewährung vorliegen, desto schwankender, zweifelhafter, unentschiedener werden dann auch diejenigen sich verhalten, deren Besonnenheit und weitschauender Blick sich nicht damit verträgt, das schadhafte Alte mit ungeprüftem Neuen zu vertauschen, insbesondere wenn das Alte noch verbesserlich erscheint und das Neue nur mit großen Opfern und Gefahren eingeführt zu werden vermag.
In Amerika ist die Verwerfung gemeinsamer Haft längst entschieden und der Streit dreht sich dort nur noch um die Frage, ob die _scheinbare_ und _halbe_ Trennung der Gefangenen durch das sogenannte Schweigsystem oder die _wirkliche_ und _vollständige_ durch das System absoluter Vereinzelung räthlicher und fruchtbringender sei, eine Frage, welche auffallend erscheinen würde, wenn man nicht wüßte, daß die Erfahrung viele Bedenken, Vorurtheile und Gefahren der einsamen Haft wirklich oder scheinbar bestätigte.
Einerseits wurden die Forderungen und Erwartungen zu hoch gespannt, anderseits die Leistungen zu gering befunden, weil eben die Lösung der Frage der einsamen Haft nur durch Versuche allmählig geschehen und dabei nicht leicht vermieden werden kann, daß verkehrte Maßregeln und untaugliche Leute den Vielen Waffen in die Hand geben, die das Kind gerne mit dem Bade ausschütten.
England und Frankreich mit andern Ländern, in Deutschland Preußen voran scheinen von der Unverbesserlichkeit der gemeinsamen Haft längst überzeugt; jenes sendet seine Verbrecher mit altgewohntem Krämergeiste baldmöglichst nach Australien, um jene einst so glücklichen Eilande mit dem Gifte europäischer Verdorbenheit zu beglücken und sich selbst das zweibeinige Ungeziefer weit vom Leibe zu schaffen; die Franzosen ergriffen den Gedanken der einsamen Haft mit gewohnter Lebendigkeit und führten ihn an manchen Orten ins Leben, doch einerseits würde die allgemeine Einführung der Zellenhaft viele Millionen verschlingen und anderseits tobte die federnmordende Feldschlacht zwischen Liebhabern des Schweigsystems und der Zelle, wobei sich die Anhänger des Alten und Bestehenden vergnüglich die Hände rieben und sich hinter das Flicken machten.
In Preußen zunächst, wo die Regierung auch im Gefängnißwesen Großes leistet und wacker für Vereine für entlassene Gefangene kämpfte, hat der edle Julius insbesondere eifrig gewirkt für einsame Haft. Es wurden Zellengefängnisse nach englischem Muster gebaut, die folgerichtige Durchführung der einsamen Haft leider auch nach englischem Muster aufgegeben. Einzelne in andern Ländern redeten und schrieben Vieles von bisher unentdeckten Verbesserungen der gemeinsamen und noch weit mehr von der abscheulichen Kostspieligkeit und der menschenmörderischen Abscheulichkeit der Einzelhaft.
In allen Ländern Europas erhoben sich die edelsten und gelehrtesten Männer _für_ seltener auch _gegen_ die Einrichtung, gegen deren Einführung der Kostenpunkt die einleuchtendste und beliebteste Einwendung blieb.