Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil
Chapter 13
Du magst es glauben oder nicht, so ein armer Tropf wie ich kommt nicht leicht zu einem Weibsbilde und hat doch auch sein Fleisch wie Andere, die Fränz war die Erste, mit der ich zu thun bekam. Sie wurde ganz und gar hirnverrückt und wüthend, und ich ein vollkommener Narr! ... Item sie schafft Rath, beredet ihren guten blinden Jakob, ihr einen Heimathschein ausfertigen zu lassen, lügt ihm vor, sie wolle ihre Freundschaft besuchen und in ihrer Heimath eine kleine Erbschaft holen, die sie gemacht habe, der Mann ist voller Freuden, sie geht, in Lenzkirch finden wir uns und reisen nicht gegen Bonndorf sondern durch das Höllenthal nach Freiburg und wutsch dich! saßen wir über dem Rhein, arbeiteten in einer Fabrik in Mühlhausen drüben und lebten wie Vögel im Hanfsaamen!
Nach einigen Monaten hatte ich das Elsaß und die Fabrik und die Fränz genug und wollte sie mir vom Halse schaffen. Aber sie hängte sich an mich wie eine Klette, als sie den Butzen merkte und ich verließ sie bei Nacht und Nebel. 'S freut mich noch, wenn ich mir vorstelle, wie sie am Morgen aufwachte, nach mir griff und nichts fand als das leere Nest, was mag _Die_ für Augen gemacht, geschimpft und geflucht haben!--Ich hatte mich mit Kleidern gehörig ausstaffirt, trug ein wälsches Hemd oder eine Blouse, wie mans dort drüben nennt und ziemlich Geld in der Tasche, denn haushälterisch war die Fränz stets gewesen, das muß ich ihr nachsagen! Ich glaube wahrhaftig, daß ihre Verfluchungen mich verfolgten, denn geliebt hat sie den Donat, sonst würde sie nicht Mann und Kinder verlassen und mir angehangen haben!
Also ich laufe einige Tage, da begegnet mir be- [bei] Karlsruhe drunten ein Mann, fragt woher, wohin und was und da er hört, ich suche einen Dienst, gleichviel was für einen, angagirt er mich als Knecht, das heißt, ich mußte immer Fische nach Karlsruhe schleppen und Fischhäuser hüten. Mir gefiel Alles außer dem frühen Aufstehen, aber die Herrlichkeit dauerte nur kurze Zeit.
Muß ich just an des Großherzogs Geburtstag zu einem Wirth nach Karlsruhe und ihm sagen, er möge zu meinem Herrn fahren und die Fische holen, die bestellt worden seien; dieser läßt den Knecht einspannen und der Mathäubesle, also hieß der Knecht, ein fuchsrother Kerl voll Sommerflecken im Gesichte, der am Titisee daheim war, meint: Landsmann, fahr mit! ... Wir sitzen auf dem Wagenbrett, der Mathäubesle will zufahren, da fängt ein ganz verfluchtes Kanoniren an, der Gaul wird scheu, der Mathäubesle kann's nicht mehr halten, springt über die Leitern hinab, ich will unten durch, bleibe hängen und das wüthende Roß schleppt das Wägele sammt mir einige hundert Schritte weit, wo endlich einige Dragoner stehen und ihm den Weg versperren.
Kannst Dir denken, wie ich zugerichtet war; halbtodt wurde ich in ein fürnehmes Spital getragen. Keinen Fleck am ganzen Leib gabs, der mir nicht wehe that, ich war nur Eine Wunde und Ein Pflaster, lag viele Wochen elendiglich darnieder und wäre wohl nicht davon gekommen, wenn die Karlsruher Aerzte mich armen Kerl nicht so fleißig und sorgfältig besucht und für mich gesorgt hätten, als ob ich nicht der Donatle vom Schwarzwald, sondern ein Prinz wäre.
Die halbe Kost fing just an, mir recht zu schmecken, da wurde ich aus dem Spital entlassen und durfte nicht mehr zum Fischhändler, sondern wurde heimgewiesen mit dem Zeugniß, daß ich arbeitsunfähig sei und mich zuerst erholen müsse. Eines Theils war es mir nicht recht, denn der Fischhändler hatte ein Prachtsweib und dieses war zu mir in den ersten Tagen in die Kammer gekommen und hatte Dinge geredet, die mir klärlich zeigten, ein junger, starker Schwarzwälder sei ihr weit lieber als so ein alter, abgelebter Stockfisch, der ihr Mann hieß. Sie hätte mich gut gehalten, die Arbeit war ohnehin nicht weit her und große Lust zum Arbeiten hat mich mein Leben nie geplagt, wenn es nicht sein mußte. Anderseits gefiel mir aber auch das Herumziehen und als ich beim Sternen die Steig hinausging und mich wieder von meinen Bergen umschlossen sah, freute es mich gewaltig, doch dachte ich wieder ans Fortgehen nach einigen Wochen und die Sache kam so, daß ich bald gern ging von wegen der Fränz.
"Wie ist's denn der alten Schachtel gegangen?" fragt der Duckmäuser begierig.
"Besser als sie's verdiente!["] ... Nachdem ich sie verlassen, zog sie einige Tage im Breisgau herum, wurde mit dem längst abgelaufenen Heimathsschein erwischt, heimtransportirt und zunächst zur Abkühlung 8 Tage in Schatten gesetzt. Dann wurde der Jacob in die Neustadt citirt, befragt, ob er sein entlaufenes Weib wieder wolle, er sagte Ja und sie ging mit ihm heim. Da sie alle Schuld auf mich geschoben hatte, bekam ich bei der Heimkunft auch meinen Theil und mußte 14 Tage sitzen. Zum Jacob wollte und durfte ich nicht mehr, wollte auch nichts mehr von der Fränz wissen. Geld hatte ich keines, Schaffen wollte ich nicht so schwer, essen und trinken hält Leib und Seele zusammen und um Etwas zu bekommen, langte ich zu, wo war, anfangs mit erschrockenem Herzen, bald kecker. Die Mutter war todt, der Stiefvater warf mich aus dem Hause, ein Handwerk konnte ich nicht, Taglöhnern kostet Armschmalz, ich zog in der Gegend herum, wurde auf dem Michaelimarkt in der Neustadt arretirt und auf 2 Jahre zu den Blaukitteln nach Bruchsal geschickt. Dies war schlimm, doch schlimmer war's, als ich nach 16 Monaten begnadiget wurde und mit Laufpaß heim mußte. Ein paar Zwilchhosen, ein Wamms von Sommerzeug, ein grobes Hemd, welches mir die Strafanstalt gab nebst einem paar Schuhen und einer Kappe, die ich einmal einem Besoffenen vom Schädel gerissen, war nebst 42 Kreuzern Alles, was ich auf Erden besaß, wie ich heimkam.
Wie konnte ich in solchem Aufzuge Arbeit suchen, mich vor den Leuten sehen lassen oder auch nur in die Kirche gehen? Die Fränz, kein Mensch wollte Etwas von mir wissen und doch war mir die Lust am Stehlen vergangen. Es gehört Spitzbubenglück dazu, ich hatte keine Fiduz und keine Courage mehr, um gleich wieder zuzugreifen. Ich ging hinüber in die Neustadt, trank mit den letzten 12 Kreuzern Muth und begab mich gerade zu auf das Amt, um zu melden: "ich _wolle_ nicht mehr stehlen, aber ich _müsse_ es, wenn ich keinen Heimathschein und keine Kleider sammt einigen Batzen bekäme, um _anderswo_ Arbeit zu suchen; im Grunde wär's mir lieber hier, aber niemand wolle mich beschäftigen." Ein Herr vom Amte zog mitleidig den Geldbeutel, der Amtmann gab mir einen Rock, denn ich heulte wie ein Schloßhund und um Martini darf man auf dem Swarzwalde [Schwarzwalde] kein Zwilchwamms und sonst nichts tragen, wenn man nicht erfrieren will. Ein Schreiben an den Bürgermeister verschaffte mir Alles, was ich brauchte, sogar mehr, nämlich Grobheiten, weil ich nicht zuerst zum Bürgermeister, sondern gleich vor die rechte Schmiede gegangen war. Ich kannte den Vogt schon, er war ein unmenschlicher "Packer," der ja wußte, woran ich war und doch kein Zeichen that, als ob er mir helfen wolle.
Mit dem Heimathschein und einigen Batzen Geld zog ich ab, verkaufte in Freiburg den Rock des Amtmanns, weil ich ihn doch nicht ohne gehörige Hosen tragen und auch nicht zurecht machen lassen konnte und zog jämmerlich bis hinab nach Ettlingen, denn dort war Arbeit genug zu finden, weil eben die große Spinnerei gebaut wurde. Weil meine Papiere richtig waren, kümmerte sich die Polizei nicht um meinen Anzug und leeren Geldbeutel, denn Arbeit hatte ich auf der Stelle. Eine Wohnung zu finden, war keine Kleinigkeit, ich wurde an vielen Orten abgewiesen und wie eben die Armen am liebsten den Armen helfen, fand ich zuletzt bei blutarmen Leuten auch eine Wohnung. Kost konnten sie mir nicht geben, wollte auch keine, denn Kleider waren vor Allem nöthig; Kleider kosten Geld und mein Taglohn war nicht gar groß. Ja, der Donat _kann_ arbeiten und hungern, _wenn er muß_; drei geschlagene Monate sah ich kein Stücklein Fleisch und keinen Tropfen Wein, sondern erhielt mich fast nur bei Brod und Milch, schlief dabei recht gut und konnte das schönste Weibsbild ansehen, als ob ich ein Klotz geworden wäre! ... Nach drei Monaten hatte ich aber nicht nur Kleider, sondern auch das ganze Wohlwollen der Werkmeister und insbesondere das der Tochter meiner Hausleute, ohne daß ich letzteres wußte, weil sie nie ein Bröselein davon verlauten ließ, wenn sie aus ihrem Dienst von Karlsruhe auf Besuch herüberkam. Als die Fabrik so weit fertig und Maschinen eingerichtet waren, saß ich einmal recht bekümmert nach 12 Uhr bei einem der letzten Sandhaufen in der Sonne und dachte an die Zukunft, da kommt auf einmal der Director der Spinnerei auf mich los, ein braver Herr, der mich oft im Auge gehabt, jetzt aber just fast das erstemal mit mir redete und sagte: "Donat, weil Er als Fremd so lang und fleißig hier gearbeit hat, will ick Ihn in die Spinnerei nehmen als Lehrlink. In 3 Mond kann Er die Sack, kriegt täglich 36 Kreuzer. Wenn Er keine dumme Deutsch ist, bekommt Er dann ein Maschin und verdient schön Geld! Was sagt er zu der Sack?"
Kannst Dir einbilden, Duckmäuser, daß ich da stand wie aus dem Himmel gefallen und zehnmal in Einem Brumm "Ja" sagte; ich muß roth und recht einfältig dreingesehen haben, denn der Herr lachte und meinte:
"Nehm' er nix für ungut, ich bin ein Franzos und sprecke etwas heroisch, bin hitzig, aber ick fresse keine Deutsch und meine es nit so böse!"
Der Herr Director wurde mein zweiter Schutzengel, wie der Pfarrer mein erster gewesen; sein Auge blieb stets auf mich gerichtet, er gab mir viele Ermahnungen und hielt mich von Vielem ab, denn der Teufel juckte wieder hollops in mir. Die Spinnerei wollte mir nicht gefallen, die Lehrmeister waren lauter Franzosen und neidisch, einen Deutschen zu lehren. Der Herr Director machte, daß ich als Zuschläger in die Schmiede kam, wo ich einen andern Director und täglich einen Gulden erhielt. Konnte es nicht lange aushalten, bekam Blutspeien und wurde fremd. Eben stand ich in meiner Kammer, um das Bündele zu schnüren, da ließ mich der alte Director kommen und machte mich herunter, weil ich so mir nichts dir nichts davonlaufen wollte, ohne ihm ein Brösele zu sagen und fuhr mich dann an:
"Gestern hab' ick die Mann, der an das laufende Maschin war, entlassen. Er liebt die Sauf und soll nit unglücklick werden. Will Er sick besser halten, als der Vorgänger, so thu' ick Ihn an seine Stell. Er bekam taglik einen Gulden zwölf Kreuzer, Ihm geb' ick acht und vierzig Kreuzer täglik, aber nock eine Gehilf, will Er?"
Kannst denken, wie froh ich war und es kam noch besser, denn die Käth, also hieß die Tochter der Hausleute, kam nach Hause, weil sie krank gewesen war und den Dienst bei der Herrschaft verloren hatte, bei der sie 6 Jahre in Einem Zug gedient hatte. Sie hatte die "Durchschlechten" gehabt, war noch sehr schwach, doch ein braveres Mädle wächst im ganzen Unterland nicht; ich wurde in sie ganz anders verliebt als in die Fränz, betrachtete die Käth wie eine Heilige, sie und der Herr Director haben mich vor Vielem bewahrt! --Vier Monate später führt der Satan den rothen Mathäubesle auch nach Ettlingen und dieser leichtsinnige Passagir wurde mein Freund, weil er mein Landsmann war, zog mich zum Saufen und Spielen, so oft er konnte und war mit den Weibsleuten nicht heikel! ... Untreu wurde ich der Käth nicht oft, aber nach 6 Monaten verfehlten wir uns und ich wäre ein schlechter Kerl, wenn ich sagte, _sie_ sei schuld daran gewesen. Sie hat mich oft genug davor gewarnt und mir die Leviten gelesen, aber die Beste hat schwache Stunden und ich war in diesem Punkte kein Held wie Du, wenn's wahr ist!
Als die Eltern die Sache merkten, sollte ich auf einmal aus dem Hause und ging auch, weil ich das Heulen und Schimpfiren nicht mehr sehen konnte. Alle Sonntage traf ich mit der Käth in Busenbach zusammen, doch die Eltern waren ihr auf den Socken und wollten auch dies nicht mehr leiden.
Eines schönen Morgens muß ich vor Amt, der Asessor schnauzt und bellt mich an, ich müsse binnen 3 Tagen die Fabrik und den ganzen Amtsbezirk verlassen, wo nicht, so müßte mich der Gensd'arme holen. Ganz vertattert frage ich warum und da sagt er mir, ich hätte ein Mädchen mit einem Kind und sei auch schon in Bruchsal gesessen.
"Ja, das ist wahr, sage ich, aber darf ein Mensch, der seine Strafe erstanden und sich ehrlich und redlich ernähren will, nirgends mehr arbeiten?"--"Er kann arbeiten, wo Er will, aber in diesem Amtsbezirk ist's mit Ihm Mathäi am Letzten!"--Jetzt sage ich, der Asessor soll mir in den Heimathschein schreiben, weßhalb ich nicht mehr hier arbeiten dürfte, er aber sagt, ich habe es gehört, was zu thun sei und soll mich packen!
Ich besann mich auf dem Heimwege und blieb in der Fabrik.
Acht Tage später werde ich richtig auf die Wachtstube gerufen, sind da 2 Gensd'arme, führen mich vor Amt und der Asessor sagt, ich müsse jetzt 24 Stunden ins Loch und wenn ich in 8 Tagen nicht fort sei, lasse er mich heimtransportiren.
Bei der Rückkehr in die Fabrik nahm mich der Herr Director ins Verhör, wo ich gewesen sei und weil ich für ihn durchs Feuer gegangen wäre, entdecke ich ihm Alles haarklein und erfuhr wieder, was das für ein braver Mann war. Er spricht mir Muth ein, meint, wenn es Jedem der 1400 Menschen, die in der Fabrik arbeiteten, an der Stirne geschrieben stünde, was er schon gethan habe, müßte er Manchen fortschicken. Ich soll ihm und der Käth folgen und brav für mein Kind sorgen. Die acht Tage verstrichen und kein Mensch dachte daran, mich auf den Wald zu jagen.
Gehe ich an einem Sonntage Mittag von Busenbach nach Ettlingen, die Käth ist bei mir und hat unser Kind auf dem Arm, kommt uns just der Asessor mit 2 Herren entgegen, stellt mich auf dem Wege, thut aber ganz leutselig, erzählt Alles den andern Herren und sagt zu mir: "Er wisse, daß ich immer Kostgeld für mein Kind zahle, habe auch ein gutes Lob von den Herrn in der Fabrik, solle nur brav bleiben und für mein Kind sorgen und so fortmachen!"
Solche Rede gefiel mir sehr wohl und wenn ich alles überlege, muß ich sagen, daß ich mein Glück selbst mit Füßen getreten habe und ein Narr gewesen bin, mehr auf den rothen Mathäubesle, als auf den Herrn Director und andere Leute gehört zu haben, die es gut mit mir meinten. Ich hatte eine neue Heimath gefunden und wenn ich gescheidter gewesen wäre, würde ich darnach gestrebt haben, die Käth zu heirathen, die längst wieder in einer Küche zu Karlsruhe stand. Für mein Kind zahlte ich immer redlich das Kostgeld, aber statt bei meinem schönen Verdienst zu sparen, zog ich mit dem rothen Kaiben und Fabrikmenschern herum und habe mehr als Eine Nacht ganz durchgesoffen und gespielt und allgemach Schulden bekommen.
Wenn das Fabrikglöckle zur Arbeit rief, war ich oft voller Schlaf und halbbesoffen dazu und hätte einmal leicht bei meiner Maschine das Leben verloren, wenn nicht der Herr Director mich im letzten Augenblicke gepackt und irgendwo hingelegt hätte, um den Rausch auszuschlafen. Die Käth kam an Sonntagen, so oft sie konnte, hielt mich vom Saufen ab, wir Beide sollten nur Einen Schoppen trinken, gab mir die besten Vermahnungen, ich plärrte oft vor Rührung und fluchte oft wie ein Türke, denn ein Hitzkopf bin ich, Duckmäuser! ... He, schläfst Du?"
"Warum nicht gar, doch mach's kurz, in der Stadt draußen brummelt die Lumpenglocke und bis halb Fünfe ist's dann nimmer so lang!"
"Auch gut, wills kurz verlesen!["] ... Mein Mädchen predigte umsonst, der Herr Director stellte mir Himmel und Hölle vor, aber der rothe Mathäubesle und Andere bekamen immer mehr Gewalt über mich, ich triebs immer ärger und ärger und wurde endlich entlassen. Die Käth weinte sich schier die Augen aus dem Kopf, die Eltern schimpften kannibalisch, aber jetzt war Hopfen und Malz verloren, der Asessor schnitt ein böses Gesicht, that fuchsteufelswild und ich zottelte eben wieder in den Schwarzwald hinauf.
Daheim bekam ich Arbeit beim Fürsten als Holzschläger und hielt's ein Vierteljahr mit dem Waldleben recht gut aus, obwohl die Arbeit ganz anders war als in der Fabrik, wo eigentlich der Arbeiter nur Befehlerles spielt bei der Maschine. In meinem Ort lobten mich die Leute sehr, weil ich so lange fort war, gut gethan und rechtes G'häs mitgebracht habe und als ich das Saufen wieder anfing, hätte mich ein Vorfall belehren können, daß ein armer Tropf schon deßhalb nicht versaufen sollte, was er auf und anbringt, weil man gleich glaubt, er habe das Geld dazu gestohlen.
Kommt eines Abends--es war just beim Nachtessen und ich spedirte die Kartoffel Nro. Dreißig ins Unterquatier!--kommt so ein Gensd'arm, schaut mich an, fragt wer und was, sieht meine Uhr an der Wand und nimmt sie weg, muß ihm mein Trüchle öffnen; er nimmt einen Rock, zwei paar Hosen, ein paar nagelneue Stiefel, drei Hemder, einen Hut, Schirm, endlich einen Stutzen und zuletzt mein Geld, es waren 18 Gulden 12 Kreuzer--und die Hausleute hattens in Verwahrung, weil ich das Trüchle nicht gut schließen konnte. Auch der Donat selbst gefiel ihm so, daß ich im Amtsgefängnisse übernachtete und zwar 6 mal. Man hatte dem Accisor unseres Ortes 50 Gulden gestohlen und 100 dabei liegen lassen und ich stand im Verdachte, wieder "gekratzt" zu haben. Aber ich konnte nachweisen, woher all' meine arretirten Sachen waren, es stellte sich heraus, daß der eigene Schwager des Accisors die 50 Gulden weggekratzt habe--es war auch ein Lediger, der gern ein Mäßlein lupfte, wie ich und ein Spezel von mir, ein völlig g'scheidter Kerl und nicht so schlecht, wie der rothe Mathäubesle, der doch nie im Zuchthaus war!--kurz, ich wurde nach sechs Tagen wieder frei, der Amtmann sagte gleich, ich hätte beim Accisor nicht gestohlen, denn ich würde die 100 Gulden auch eingesackt haben und ich glaube, er hätte Recht gehabt, wenn mir nicht die rechte Spitzbubencourage überhaupt mangelte.
Auf dem Heimwege--am Tage Mariä Geburt wars!--traf ich ein Weibsbild, das ich schon früher gekannt hatte und nicht viele Flausen machte. Diese Apollon war viel jünger und netter als die Fränz, dafür aber schlimmer, wollte überall sein, wo es lustig zuging, vertrieb mir die Lust zur Arbeit, machte mich leichtsinnig und allgemach ging alles Geld fort, ich verkaufte alle meine Sachen, vergaß die Käth sammt meinem Kinde ganz und gar!
Höre Duckmäuser, Du hast Recht, es ist nicht das Aergste, daß Du den Alten umbrachtest, ich begreife, daß die Hannette oder Hindania oder wie das wälsche Mensch hieß, Dir weit mehr Gedanken macht!
Die Käth kam aus dem Unterland herauf, um mich zu besuchen, es wurde mir gesagt und ich ging so lange fort, bis ich glaubte, daß sie die Höllensteige wieder hinab sei.
Sie hinterließ mir bei der Adlerwirthin Wünsche für mein Glück und was ich suche, das werde ich schon finden, soll nur das Kostgeld für das arme Kind nicht ganz vergessen, sie bringe es nicht auf und ich kennte ja die Armuth ihrer Eltern!--Will's mir doch das Herz zersprengen, wenn ich jetzt in meinen Ketten an die Käth denke! ... Wie verlassen war _ich_ an Vater und Mutter, wie oft und viel habe _ich_ deßhalb schon geplärrt und jetzt mache ich's gerade wie der schlechte Unteroffizier!--Gottlob, daß der Vater der Käthe keiner ist, wie mein versoffener Stiefvater, der jetzt von seinen Buben in den alten Tagen gehauen wird trotz einem Tanzbären!-- Käthe's Kind hat einen guten Großvater, er trug es immer auf den Armen herum, ohne daß er mich je leiden konnte und habe ihm doch mein Lebenlang nicht ein Augvoll Böses gethan! ... Ich fand bald, was ich suchte, nämlich das Zuchthaus, wohin mich eine That brachte, zu welcher ich von der erzliederlichen Apollon in der Besoffenheit beredet wurde. Wurde wegen Raub verurtheilt, Gott weiß, daß ich nie an Raub dachte, obwohl ich vielleicht bald wieder zum Stehlen gebracht worden wäre. Man hat mir nicht geglaubt, doch Du wirst mir glauben, Duckmäuser, denn wozu sollte ich hier lügen, wo Stehlen und Rauben fast Ehrensache sind? Verurtheilt bin ich, kann nichts daran ändern und denke eben, ich hab' die schwere Strafe an der Käth verdient und an meinem Kind, an denen ich schlecht genug handelte... Wegen Raub bin ich verurtheilt, doch höre, wie Alles zuging, pure Thatsachen!
Am 13. Juni heuer, es war an einem Sonntagmorgen und wunderschönes Wetter, beredet mich die Apollon sie zu begleiten, sie wolle nach Aha 'nauf, um eine alte Kamerädin zu besuchen. Wir gehen; der Himmel wölbte sich wie ein seidenes Sonnendach über die Berge, alle Matten prangten mit Millionen Blumen, der Titisee glänzte wie ein Metallspiegel, die alten braunen Hütten mit ihren Strohdächern sahen aus, wie großmächtige Aschenhaufen, wo die Buben und Mädle, der neumodischen steinernen kalten Paläste Johannisfeuer angezündet hatten, die Luft wehte mild und frisch aus den noch dampfenden Thälern am Feldberge, man hörte nichts als den Klang der Glocken, der durch die Tannenwälder zitterte, zuweilen einen Vogel oder einen Schuß oder einen Peitschenknall und hätte die Gegend für ausgestorben halten können, wenn nicht die stämmigen Mädle mit den gelben Strohhüten und altfränkischen Juppen mit ihren Burschen und das Herrenvolk aus Lenzkirch auf der Straße hin- und hergewandelt und aus allen Kirchen die Anhöhen hinauf und ins Thal hinab heimgegangen wären. Ich rauche gemüthlich das Pfeifle, betrachte Alles und sage endlich zu der Apel, die in Einem Zug fortschwätzt, ohne daß ich auf sie hörte: "Apel, ich glaubte, es ginge in eine Kirche; mir ist's, als ob meine Mutter auferstanden wäre, dort zwischen den Weißtannen immer herüberschaute und sagte: "Donatle, denk an Gott und bete, hast Niemanden auf der Welt!"["]
Die Apel lacht laut auf und sagt: Hab's schon gemerkt, daß ein halber Narr neben mir wandelt. Du weißt, daß ich geschworen habe, erst wieder in d'Kilch zu gehen, wenn ich die Granatenhalsschnur habe, nach der du mir das Maul schon hundertmal wässerig gemacht hast. Gehe meinethalben in die Kilch oder zu der bucklichen Hanne, du Tropf und laß mich mit Frieden, hast mich doch nicht gerne!
"Apel sage ich--du kriegst die Halsschnur, sobald ich Geld habe. Aber wir hätten nach der Kirche auch noch den Weg nach Aha gefunden!"
Jetzt wird sie ernstlich böse, geht auf die andere Straßenseite, sagt: "Geh' in die Schweiz und werde Kapuziner, du Lalle! Ist da draußen nicht auch die Kilch? Bin ich schlechter als die Andern, die den ganzen Tag den Rosenkranz drillen? Na, na, die wüste "Unterländersau" steckt dir im Kopf, hast die Apel satt und willst anderes Futter, du schlechter, ehrloser Kerl!"
Sie sagt kein Wort mehr, ich habe nicht übel Lust, ihr von wegen der "Unterländersau" den Hals zuzuschnüren, daß ihr die Lälle zum bösen Rachen heraushängt, aber sie springt voraus, nachher reuts mich wieder und mache gutes Wetter. Ich sah wohl, daß die Apel mein Unglück sei, doch ich habe Niemanden auf der Welt und ein Weibsbild _muß_ ich haben!--Wir laufen und laufen wieder selbander und kommen bald zum Rößle, wo es die Steig hinabgeht und links über die sumpfigen Matten durch Hinterzarten den Wald hinein, bergauf bergab nach Aha 'nauf. Sie wollte haben, daß ich mit ihr in den Sternen hinabginge und dort Forellen bezahlte, denn die Forellen der Posthalterin sind im ganzen Land berühmt und das Herrenvolk, das mit dem Eilwagen fährt, frißt im Sternen Forellen und sauft Markgräfler dazu, daß ihm der Ranzen zerspringen möchte. Die Apel that gar gern wie Herrenmenschen thun, war auch in der Hoffnung, wo man den Weibern nichts abschlagen soll, aber _ich_ ging dennoch nicht in den Sternen, der Teufle führte mich in das Rößle ob der Steig und die Apel blieb nicht draußen und lief nicht allein weiter, wie sie gedroht hatte.
Wir fressen einen Kalbsbraten, 's war ein Stück so groß wie ein Roßkopf, dazu ein Scheffel Salat; der Wein ist ganz gut, die Apel und ich bürsten, daß es eine Art hat, obwohl wir nicht mehr einen Brabanter im Vermögen besitzen.
Auf einmal geht die Apel hinaus, steht vor dem Rößle, hält die Hand über die Augen, stiert immer auf den Weg, der von Hinterzarten durch die Matten führt, kommt herein und thut wie ein Narr, daß ich bezahle und mit ihr fortgehe.