Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling Zweiter Theil
Chapter 12
Was ist ein Kreuz-Luft-Hühnelein? Laßt's auch nur Kreuz-Luft-Putchen sein: Ein Thierlein, das die Henne reucht, Mit welcher sich das Lamm vergleicht Dort bei Jerusalem! ...
... Auf dem Wege sprach Meister März in keinem Wirthshause ein, doch beinahe in jedem Dorfe saß eine gottselige "Schwester", welche mit ihm in die Nebenkammer ging, um dem Lamme für die glückliche Ankunft des Bruders zu danken und uns dann besser bewirthete, als es der Grünbaumwirth in Wanzenau bei allem Reichthum hätte thun können.
Spät in der Nacht kamen wir im Wohnorte und Hause des Meisters März an; eine Schaar andächtiger Frauen und gottseliger Männer sammt zwei jungen, äußerst bleich und fromm aussehenden "Dienern am Worte" waren in einem Hintergebäude des Hauses noch in Gebet und Betrachtungen versunken, Meister März stellte mich denselben vor und ich sah, wie große Augen alle machten und zusammenschauderten, als sie hörten, ich sei ein "Papist aus Dütschland."
Einige liebliche Mädlen und gottselige Wittwen versprachen, für mich, den in den Banden des Irrthums, der Ungnade und des Satans gefangenen Mitbruder inbrünstig zu bitten und ihre Liebe rührte mich dermaßen, daß ich helle Thränen vergoß!
Du weißt, Zuckerhannes, daß ich wohl der geschickteste Schreiner des Zuchthauses bin, ich habe als Gefangener dieses schöne Gewerbe in einer Reihe von Jahren vom Fundamente aus gelernt, doch den ersten Grund dazu legte ich bei Meister März.
Meister März arbeitete nicht selbst; er führte mit einem Gehülfen und Obergesellen das Geschäft und betete, machte Besuche und Reisen, hielt in der großen Werkstätte Versammlungen, gab mir Essen, Trinken, Kleider, ließ mich nicht als Lehrjungen, sondern als Bruder behandeln, betete stündlich um meinen Gnadenstand und suchte mich auf jede Weise zu überreden, der "römischen Abgötterei" zu entsagen.
Er hielt viel auf meinen gescheidten Kopf und meine frommen Gesinnungen und ich darf wohl behaupten, daß ich jetzt einer der reichsten Schreiner des Elsasses und leicht der Schwager meines Meisters wäre, wenn ich es nur über mich gebracht hätte, meinen Glauben abzuschwören!
Nach und nach erzählte ich ihm viele Streiche und Verirrungen meines Lebens, aber er ließ deßhalb nicht nach mit Zudringlichkeit und meinte, der Mensch sei unfähig ein gottgefälliges Werk zu vollbringen, die Werke des Menschen seien ohne Bedeutung und der Glaube allein mache selig, ich aber müsse noch zum Glauben und Gnadenstand gelangen, das habe ihm eine wunderbare Erscheinung schon in Straßburg angekündiget und er sei das Werkzeug, welches mich aus einem heidnischen Gefäße des Zornes zu einem christlichen Gefäße der Gnade mache.
Mein Meister hatte schon manche Seele für "das Wort" gewonnen, bei mir machte er sammt seiner arg verliebten Schwester große Versprechungen, kam doch nicht rasch genug zum Ziele und merkte, daß es mir nur darum zu thun sei, geschwind ein Schreiner zu werden und dann in die sündige Welt hinauszuwandern, in Paris statt in Zion Arbeit zu suchen! ... An der katholischen Religion liegt mir in der That wenig; man vergißt dergleichen Dinge in der Kaserne, wo Evangelische und Juden darüber spotten und im Zuchthause ist es ebenso, aber ich brachte es nicht über mich, meinen alten Glauben abzuschwören, wiewohl ich mit den Lutherischen in ihre Conventikel und Predigten ging, aus Klugheit und zur Unterhaltung die Schriften von Jung-Stilling und Anderen las, auch das alte Testament fast auswendig lernte und Mariotts wässerige Traktätlein fleißig vertheilte.
Daheim im Dörflein hat meine Mutter von den Lutheranern mir früh viel Arges erzählt; ich verabscheute dieselben beinahe, wie ich die Juden fürchtete, hielt sie für böse Geister, aus welchen einmal der Antichrist erzeugt werde und konnte mich von dem Aberglauben nicht losreißen, ein abgefallener Katholik sei ewig ein Kind der Hölle und des Teufels. Vieles, was ich im Hause meines Meisters sah und hörte, bestärkte mich im Aberglauben der Mutter; Hochmuth und Wollust spielen bei den Muckern eine wüste und unerträgliche Rolle und so oft ich auch versprach, meinen katholischen Glauben fahren zu lassen, wenn man mir noch ein wenig Frist lasse, ebenso oft trat ich zurück, wenn die Frist vorüber war.
Eines Abends, wo der Meister mich schon recht kühl und bissig behandelte, so daß ich gerne fortgelaufen wäre, wenn ich nur einen Paß und Geld gehabt hätte, spottete ich über die Frömmigkeit einer Betschwester, die ich bei einem Andern als ihrem Manne ertappte.
Am andern Morgen kommt der Mann der Betschwester, verflucht meine böse Zunge und babylonische Herzensverwirrung, der Meister März seufzt, verdreht die Augen und lispelt: ["]Benedict, du bist und bleibst ein abgöttischer Papist, entweder nimmst du noch heute meinen Glauben an oder gehst aus dem Hause, denn mein Gewissen duldet es nicht, mich mit einem Unmenschen deiner Art abzugeben, der eine fromme Schwester verläumdet!" Ich antworte patzig, das fromme Männlein wird ganz wüthend, verdammt mich in die unterste Hölle, ich gehe den Bündel zu schnüren und wenn Meister Märzens Schwester mir nicht gesagt hätte, mich augenblicklich aus dem Staube zu machen und ihrer angenehmen Nächstenliebe eingedenk zu bleiben, so würde mich der Gensdarm erwischt haben, denn dieser war keine zehn Schritte mehr vom Hause, als ich zur Hinterthüre hinausschlich.
Ohne Paß und Kleider, besaß ich nichts außer einem Fünflivre, den Mamsell März mir in der Eile zugesteckt hatte, lief gleich einem Feuerreiter Tag und Nacht und kam halbtod [halbtodt] wieder nach beinahe vierteljähriger Abwesenheit in Straßburg an.
Hier blieb ich über Nacht, spazirte bei Kehl über die Brücke und schlug den Weg nach meinem Heimathdörflein ein, um den Rest meines mütterlichen Vermögens oder doch einige Napoleons zu holen und mich damit in die Schweiz zu machen. Glaubst du es, mein lieber Zuckerhannes?
... Schläfst du? ... Nun, s'ist gleich aus; ich reiste zu meinem Vater auf ähnliche Weise, wie du, hungerte am Tage, lief bei Nacht und fand auch eine kühle, böse Aufnahme! Du weißt es! Alles im Dörflein ist todtenstill, wie ich hinkomme, nur einige Hofhunde bellten in die Nacht hinaus, zu Hause lag Alles wie der Vater im Schlafe; ich klopfe, er steht auf, schaut zum Fenster heraus, erkennt mich, rennt fort, um die Flinte zu holen und droht, mich elenden Spitzbuben über den Haufen zu schießen, wenn ich nicht augenblicklich fortgehe.
Die Verzweiflung macht mich rasend, der Teufel zeigt mir einen Bengel, der mitten im Hofe lag, ich packe denselben und schlage so wüthend auf die Thüre los, daß alle Geschwister und die Nachbarn wach werden und laut rufen.
Plötzlich öffnet der Vater die Thüre, drückt die Flinte auf mich ab, die Kugel streift aber blos die Achsel ["]... schau da, Zuckerhannes, dies Wundmal ist die ewige Erinnerung an jenen fürchterlichen Augenblick! ... ich haue in blinder, besinnungsloser Wuth mit dem langen, knorrigen Bengel in den dunkeln Hausgang hinein und ehe ich den dritten Schlag thue, packen mich des Liebhardts Knecht und der Hansjörg, der mit mir so lange auf dem Katzenbänklein gesessen, von hinten, der Hannesle stürzt mit dem Lichte und einem alten Säbel aus der Thüre und ... ich schaudere, wenn ich daran denke, du magst dir alles Andere selbst denken!" ... Schaudernd kehrt sich der Duckmäuser ab, schlüpft mit dem Kopfe unter den Teppich und es bleibt ungewiß, ob er weine oder schlafe.
Der altersgraue, finstere und allzuharte, doch sonst brave Jacob lag blutend damals in der Hausflur, der Kopf war ihm auf einer Seite ganz zerschmettert, er stöhnte und röchelte nur noch wenige Augenblicke und verschied, ehe irgend eine Hülfe kommen konnte.
Sein Sohn, der ehemalige Unterlehrer, Dorfhanswurst, Anführer der Altmodischen, Schweinehirt, Hobist und Schreiner ist ein _Vatermörder_ geworden und sitzt als solcher jetzt schon lange Jahre im Zuchthause. Er ist gelassen, gleichmüthig, folgsam, arbeitsam, doch _gebessert_ ist er nicht, schiebt die Schuld seines Unglückes nur auf Andere und wenn er auch zugibt, der Teufel habe ihn schlecht und verbrecherisch gemacht, so weiß er doch nicht, auf welche Weise er der Herrschaft des Teufels zu entrinnen vermöchte.
* * * * *
#DER DUCKMÄUSER LÄßT SICH ETWAS ERZÄHLEN.#
Der Duckmäuser liegt im Schlafsaale und flüstert zum Kameraden hinüber:
"Schau, es geht jetzt ins 10. Jahr--bis Peter und Paule wird's just zehn, daß mich die Gensdarmen geholt haben und darfst glauben, daß ich wenig Freuden erlebte und nur so mitmachte von einem Tag zum andern und war froh, wenn ich recht ermüdet im Schlafsaal lag. Der Zuckerhannes blieb der Erste und Letzte, mit Dem ich mich näher einließ und ihm meine wahre Geschichte erzählte. Er ist ein guter, armer Kerl, hat's auch im Zuchthaus besser gefunden als draußen und sie würden ihn schon wieder gekriegt haben, davor bin ich nicht bange! ... Ist Einer _einmal_ da gewesen, so geht's das zweite Mal viel leichter bei den Rechtsverdrehern und bei denen, die sie schon in den Klauen gehabt haben! ... 'S ist gut, daß er tod ist!"
"Ja, weiß Gott, seufzt der Donat, 'n armer Teufel hockt geschwinder im Zuchthaus, als man eine Hand umkehrt. Bin jetzt das erste Mal da, aber ich hab' meine Sach in Amtslöchern und Correctionshäusern schon mitgemacht und es ist mir wunderlich gegangen, könnte ein Buch davon schreiben!"
"Ei, draußen kannst du doch Einem aus dem Wege gehen, der dir nicht gefällt oder ihm Eins hinter die Ohren schlagen, aber hier? ... Seit der Teufel den Spaniolen hereingebracht hat, ist's mit meiner Ruhe aus; wenn ich den dürren Halunken mit seinen falschen Augen, die eine halbe Stunde weit im Kopf drinnen liegen, nur ansehe, ist mir das Leben verleidet und ich zittere an allen Gliedern und er regiert Alles, leitet Alles, kann's mit den Aufsehern, daß es ein Schade ist. Fünf Jahre war ich nie im Arrest, jetzt komme ich alle Augenblicke hinein und Alles ob dem Spitzbuben!
"Der Spaniol ist ein Teufelskerl und ich meine immer, ich hätte ihn auch schon gesehen in Donaueschingen oder in der Neustadt ... nein es war in Lengkirch, wo er 3 oder 4 verschlossene Wagen mit fremden Thieren commandirte und auf die Freiburgermesse zog... Er mahnt mich an Einen, dem ich auch gerne mit der Holzaxt winkte!"
"Verdammt, ich kann heut nicht schlafen, 's geht mir jedesmal so, wenn ich Beize kochen muß, das Geschäft ist zu leicht für mich! brummte der Duckmäuser;--weißt Du was, Donat, erzähle mir deine Geschichte, ich erfahre dann wieder, wie's draußen bei ordentlichen Leuten zugeht und lerne Dich kennen!"
"Kann auch nicht schlafen, Du hast mir Deine Sache auch ausführlich erzählt, eine Ehre ist der andern werth! ... Wer hat heute Nacht die Wache?"
"Der alte Moritz, der sieht nichts und hört nichts und wenn er kommt, rieche ich ihn von weiten."
"Riechen? ich habe noch nichts gerochen! meinte der Donat."
"Hoho, warte nur, bis Du ein, zwei, drei, fünf Jährle hockst, dann wirst Du Schnaps oder Tabak auf hundert Schritte riechen durch allen Gestank hindurch! ... Fange nur ruhig an, wir stecken die Köpfe unter den Teppich und ich halte die Ohren zu Dir, wie der Pfarrer, wenn er Beichte hörte!"
"Ja, Du mußt mir aber _mehr_ glauben als er, er glaubt Keinem mehr, weil die Meisten ihn anlügen, und die vor Allem, die Begnadigung wollen. Der Stoffel hat mir erst gestern gesagt, er habe im Beichtstuhle mehr Gutes als Böses gebeichtet und zwar so, daß bei seinen Gutthaten jedesmal ein kleines Häkchen war, daß sie halb und halb wie eine Sünde aussehen! ... Er spielt den heiligen Crispin, der den Reichen Leder stahl, um den Armen Stiefel zu machen; es war gut, daß dieser nicht im Badischen lebte, wo sie allgemach das Almosengeben bei drei Gulden Strafe verbieten, wenn man sein eigen Sach' herschenkt!"
"Nur zu, das gibt Rekruten fürs Zuchthaus! lachte der Duckmäuser. Wenn's Bettele verboten wird, wird das Stehlen erlaubter! ... Doch, fange an, kannst schon ein bischen laut reden, das Murmelthier schnarcht wie besessen, daß man sein eigen Wort kaum hört!"
"Das Beste ist, daß man Gedanken nicht einsperren kann, ich hocke da, doch meine Gedanken streifen den ganzen Tag herum, und am liebsten nach dem Unterland oder das Höllenthal hinauf gegen Lenzkirch, denn dort ist meine Heimath, nämlich in jener Gegend, die für so rauh und wüst verschrieen wird und mir doch hundert Mal besser gefällt, als der Breisgau mit allem Wein und Obst und Kesten und der großen, schönen Stadt Freiburg dazu. Ich sehe wahrhaftig mein niederes Strohdach und die langen braunen, hölzernen Wände, den Milchbrunnen, den Misthaufen beim Hause und die Halde worauf es still und heimelig steht und hinabschaut in das Thal mit den zerstreuten Häusern. Ringsum lauter Tannenwald und dunkle Höhen, statt Trauben Tannenzapfen, statt Aprikosen und Kesten, Schlehen und Elzbeeren und statt Welschkorn und Tabak einzelne Hafer- und Kartoffelfelder, die selten gut ausgeben. Aber wie schön ist's, wenn der haushohe Schnee schmilzt, die würzige Frühlingsluft aus den Tannenwäldern herüberweht und die blitzenden Bächlein durch die Matten eilen, mit ihrem würzigen Grün, den gelben, rothen und weißen Blumen! ... Holz, Vieh, Milch und Schmalz gibt's bei uns auf dem Walde und kunstfertige Leute dazu und in so mancher Strohhütte steckt mehr Geld und Gut und vielleicht auch Bravheit, als hier wohl in manchem Herrenhause."
"Wenn Du so anfängst, dann werden wir vor Morgen nicht fertig; rede nicht lang von der Heimath, sonst muß ich an meine denken, nein, _die_ ist schön! ... Der Mensch ist halt auch wie das Vieh, er geräth am besten, wo er daheim ist und ist ihm dort am wohlsten, wenn's in Sibirien wäre!--O Gott!"--
"Sibirien? Ja, das badische Sibirien nennt man meine Gegend und noch mehr die rechts gegen den Schluchsen und Feldberg zu. Meinethalben, ich möchte doch mein Lebenlang gern als der ärmste Holzschläger oder Kohlenbrenner dort leben! Jetzt will ich erzählen, wie Du es wünschest, aber wie wünschest Du es? Ich kann halt nicht viel besser reden, als mir das Maul gewachsen ist und man kriegt so wunderliche Gedanken!"
"Thatsachen will ich, lauter Thatsachen!" flüsterte der Duckmäuser.
"Aha, Thatsachen! weiß was das ist, wer ins Zuchthaus soll, erfährts! Herrgott, wie haben sie mich mit den verdammten "Thatsachen" gequält, die Leuteschinder und am Ende doch wegen Etwas verurtheilt, was gar keine Thatsache ist! ... will also mit Dir reden, wie es der Asessor haben wollte, lauter Thatsachen! paß auf!"
Gerade wie der Zuckerhannes hatte ich auch keinen Vater, daß heißt, der Halunke wollte nichts von mir wissen. Meine Mutter war bei Lenzkirch daheim und diente in Freiburg in der Salzgasse und später in der Egelgasse. Sie soll ein hübsches "Mensch" gewesen sein und ich glaube es, denn ihre schwarzen Augen und Haare und ihr kurzer stämmiger Leib blieb, als die rothen Backen längst verschwunden und der Mund nicht viel mehr lächelte. Die Studenten, Offiziere und andere Herren waren ihr sehr auf den Fersen, sie wußte davon zu erzählen, aber sie wollte lange gar keinen Liebhaber und am Ende doch lieber Einen, der sich offen mit ihr sehen ließ, als so einen Vornehmen, der nur ins geheim lockt und schmeichelt und jede Gans weiß, wohinaus das Ding will. Am Ende bekam sie ein Unteroffizier am Bändel, der ihr ganze Packe Briefe und Gedichte schrieb, in der Dämmerung niemals im Hausgange fehlte, lauter Liebes, Gutes und Süßes gelobte und nicht ruhte, bis ich da war. Er gab um Heirathserlaubniß ein, sagte und schwur es wenigstens, doch war er noch kein Einständer und als das Regiment nach Carlsruhe kam, war meine Alte petschirt und heulte sich fast die Augen aus dem Kopf. Sie that mich zu meiner Großmutter im Haus auf der Halde, das ich Dir beschrieb und ich verlebte dort meine besten Tage. Die Zeit, wo ich den ganzen Tag eine Rotznase hatte und im bloßen Hemd herumklunkerte, ist die schönste gewesen und ich wollte nur, daß ich wieder ein "Hemmetklunker" wäre! ... Ich ging ins achte Jahr und hatte schon einigemal die Schule besucht, wenn der Weg nicht verschneit war und auch die Mutter oft gesehen, die mir jedesmal die Nase alle Augenblicke putzte und mir Gutseln oder Butterwecken brachte, was ich um mein Leben gern aß, da legte sich die Großmutter hin und starb. Ich durfte nicht mehr in der Hinterstube bleiben, wo ich wie im Himmel gelebt, denn die andern Leute auf der Halde hätten mich zwar behalten, allein die Mutter war unten im Dorfe verheirathet und nahm mich zu sich.
Der Gang von der Halde war der Gang in mein Unglück.
Meine Mutter hatte einen Wittwer geheirathet, der für einen Uhrenmacher in Lenzkirch arbeitete, jedoch nicht in Lenzkirch sondern daheim.
Dieser Wittwer besaß eine durstige Gurgel, einen Humor, wie ihn der Teufel nicht besser haben kann und 3 Kinder von der frühern Frau, die er unter den Boden gebracht hatte mit Schimpfen und Schlagen.
Er zeigte mir, was es heiße, einen Stiefvater zu besitzen und plagte mich sammt der Mutter um die Wette, prügelte seine eigenen Kinder dazu und wer von Allen geschimpft, geschlagen, gestoßen wurde und kaum mehr als ein Kreuzschnabel zu fressen bekam, der war ich ... Meine Mutter mußte es vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hören, daß sie ein Soldatenmensch und ich ein Bankert sei und wenn der Stiefvater besoffen von Lenzkirch kam, gab es oft die ganze Nacht keine Ruhe.
Die Mutter schlug mich nie, aber tausend Mal sagte sie, um meinetwillen allein müsse sie leben wie ein Hund und es gereue sie, mich nicht in die Dreisam geworfen oder erwürgt zu haben, bevor ich recht auf der Welt war! Dafür mag der Teufel dem Unteroffizier danken!
Die Leute im Dorfe waren nicht so arg wie die Landleute des Zuckerhannes, ich bekam es besser und trieb mich die meiste Zeit in andern Häusern herum, wo ich zu essen genug bekam, weil man wußte, wie mich der Stiefvater behandelte und mich sammt der Mutter bedauerte, die sich tagaus tagein schinden und plagen mußte und das ganze Jahr keine gute Stunde dafür bekam. Der Pfarrer sah das Elend und sprach sie von dem wüsten Kerl weg, der aber konnte mit dem Hauswesen und den 3 Kindern nicht allein fertig werden und weil meine Mutter sich doch nicht ganz scheiden lassen konnte, ließ sie sich durch seine Bitten und Versprechungen bethören und zog wieder mit mir zu ihm. Bald fing der alte Tanz wieder an, meine Mutter bekam auch ein Kind und dann gleich noch eines und seitdem konnte auch sie mich nicht mehr leiden und ich irrte Tag und Nacht aus einem Hause ins andere, wo man mir einen Platz am Ofen gönnte und etwas Warmes gab. Solches war auch nicht überall der Fall, ich mußte auch von fremden Leuten bittere Dinge hören und Schläge hinnehmen, doch hatte ich meine bestimmten Häuser und suchte mich wohl daran zu machen durch Viehhüten oder Botengänge nach Lenzkirch oder in die Neustadt oder was man mich sonst hieß.
Ich besuchte auch die Schule und betete fleißig, denn oft genug sagte die Mutter "Donatle, bete und denke an Gott, du hast sonst Niemanden auf der Welt, ich kann Deine Mutter nicht sein, das siehst Du!"
Gottlob, daß sie unter dem Boden ist, meine Kette da brächte sie sonst hinab; sie ist schon lange todt und habe ihren Leichenzug nicht gesehen, Gott schenke ihr die ewige Ruhe und Glückseligkeit! Auf der Welt hat sie wenig Gutes gehabt und war doch keine böse Frau, nur zu gut für den schlechten Stiefvater!
Ich war bald 14 Jahre alt, da wurde unser Pfarrer versetzt und _den_ Tag, wo der neue zum ersten Mal in die Schule kam, vergesse ich in meinem Leben nicht! Das fortwährende Schimpfiren und Verlästern der Geistlichen ist nicht schön und recht, es gibt gute Herren unter ihnen und der neue war Einer davon.
Er betrachtete mich genau, weil ich gar elend dreinsah und keinen Fetzen an mir trug, den ein Lumpenmann hätte nehmen mögen, fragte mich, wer und woher und dies und das und heißt mich am andern Tage ... es war just ein Donnerstag und wir hatten "Vacanz"... in den Pfarrhof kommen.
Kannst Dir denken, daß ich den Tag kaum abwarten konnte und hoffte, Etwas zu kriegen. Als ich zu ihm hineintrat, fragt er mich, ob ich den Weg nach Bonndorf wisse, ich sage: ja; dann fragt er, ob ich einen Brief an den Herrn Stadtpfarrer in Bonndorf besorgen wolle und ich sage: gern! Da mußte ich mich in ein anderes Zimmer setzen, die Köchin brachte mir Etwas zu essen und ein Glas Wein, daß ich meinte, jetzt auch einmal ein großer Herr zu sein. Nachher gab mir der Pfarrer noch einen Sechser und meinte, ich solle in Bonndorf etwas essen, doch ich hatte gegessen, einen Sechser in meinem Leben noch nicht gehabt und der Wein gab mir Kraft und Muth, daß ich gar nicht spürte, was für ein Wind von Sankt Blasien herpiff [herpfiff] und daß ich baarfuß herumzottelte. Ich flog wahrhaftig, denn in Bonndorf glaubte ich wieder Etwas zu bekommen, bekam auch einen Zwölfer und einen Brief retour. Als ich den Brief abgab, fragt der Herr, ob ich meinen Sechser gebraucht habe, ich zeigte ihm den Fetzen Papier, den ich zwischen Lenzkirch und Bonndorf gefunden, worin ich mein Geld eingewickelt hatte und streckte es hin, damit er es wieder nehme. Doch ließ er mir nicht nur das Geld, sondern schenkte mir auch einen Rock, ein paar Hosen und bezahlte den Schneider, der mir eine prächtige Montur daraus zuwege machte; kurz, der Pfarrer wurde mein Vater, ihm zu Liebe lernte ich besser in der Schule und es war ein großes Unglück, daß der gute Herr sehr bald aus der Gegend fortkam, denn er hat mir oft gesagt, ich müßte eine gute Profession lernen und wenn dieses geschehen wäre, läge ich nicht in einer Kette hier!
Kann's nicht beschreiben, wie gut der Mann gegen mich elendes Kind gewesen ist, Gott wirds ihm entgelten und ich will froh sein, wenn er nichts von mir erfährt!
Ich möchte noch Vieles sagen, lauter Thatsachen, Duckmäuser, könnte die halbe Nacht allein vom Pfarrer erzählen und thäte es lieber als das Andere, denn der Weg, den ich jetzt betrat, war kein guter. Aus der Schule entlassen, trieb ich mich einige Jahre in der Gegend herum, und trieb bald Dieses, bald Jenes, um leben zu können und den Stiefvater nicht um Etwas ansprechen zu müssen. Es ging mir gerade, wie den Hasen des Fürsten von Donn'schingen im Winter, nämlich es war Winter und ich hatte nichts zu beißen und zu nagen, da kamen ein Mann und eine Frau aus einem Zinken nicht weit von meinem Orte--ich traf sie in der Sonne zu Neustadt, nein, es war in der Post, ich sehe noch immer den dicken Posthalter mit der großen rothen Nase, wie er mit dem Schoppen herwatschelt und jedesmal sagt: "Gesegne's Gott, 's ist ächtes Breisgauergewächs!"--Also die Beiden brachten mir's zu und sagten nach längerem Hin- und Hergerede: "Weißt du was, Donatle? 'S ist Winter, hast Uebel Zeit, dein Stiefvater ist ein Lump, du hast erfahren genug wie er uns anfeindet, aber du bist ein änstelliger [anstelliger] Bursche, kein Mensch will sich Deiner erbarmen, komm zu uns, bis es besser wird. Du arbeitest, was es zu arbeiten gibt, viel ist's jedenfalls nicht und wenn Du auch Nichts kriegst, hast Du doch zu essen und ein Obdach!"
Das kannst Du glauben, daß ich mich nicht lange besann, sondern einschlug; es war besser als Holzmachen oder Schneeschaufeln oder Leiternmachen, was ich schon thun mußte. Ich ging auf der Stelle mit dem Glasjakob und seiner alten Fränz, mit der ich ein Stück biblische Geschichte durch machte, bloß daß die Sache einen unbiblischen Ausgang nahm.
Die Fränz hatte 48 Jahre auf dem Buckel, graue Haare und Runzeln genug, keine drei ganze Zähne mehr und eine Nase wie ein Ulmerkopf, kurz es war ein altes, wüstes, ungattiges Thier und hatte außer dem ältesten Sohne, der 2 Jahre älter als ich war und längst mit dem Reff auf dem Buckel als Glashändler im Unterland hausirte, noch 5 Kinder und die beste Seele von der Welt zum Manne.
Sie konnte recht gut meine Mutter sein, doch bald machte sie es wie Putiphars Frau und weil ich nicht der Joseph, sondern der Donat bin, hing sie mir bald am Halse und ich wurde bis über die Ohren in sie verliebt.