Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Natur
Part 9
Wir brauchen nicht weiter in der Reihe hinabzusteigen als bis zum Orang, um hierfür einen entscheidenden Beweis zu erlangen.
Der Daumen des Orang weicht mehr von dem des Gorilla ab, als der Daumen des Gorilla von dem des Menschen abweicht, nicht bloss durch seine Kürze, sondern durch den Mangel irgend eines besondern langen Beugemuskels. Die Handwurzel des Orang enthält, wie die der meisten niederen Affen, neun Knochen, während sie beim Gorilla, wie beim Menschen und dem Chimpanze, nur acht enthält.
Der Fuss des Orang weicht noch mehr ab (Fig. 20); seine sehr langen Zehen und kurze Fusswurzel, kurze grosse Zehe und in die Höhe gerichtete Ferse, die grosse Schiefe der Gelenkverbindung mit dem Unterschenkel und der Mangel eines langen Beugemuskels für die grosse Zehe trennen denselben noch viel weiter vom Fusse des Gorilla, als der letztere vom Fusse des Menschen entfernt ist.
Bei einigen der niederen Affen entfernen sich Hand und Fuss noch weiter von denen des Gorilla, als sie es beim Orang thun. Bei den amerikanischen Affen hört der Daumen auf gegenüberstellbar zu sein; beim Klammeraffen (_Ateles_) ist er bis zu einem blossen von Haut bedeckten Rudiment verkümmert; bei den Sahuis ist er nach vorn gerichtet und wie die übrigen Finger mit einer gekrümmten Kralle versehen -- so dass in allen diesen Fällen kein Zweifel darüber bestehen kann, dass die Hand von der des Gorilla verschiedener ist, als die des Gorilla von der des Menschen.
Und mit Bezug auf den Fuss, so ist die grosse Zehe der Sahuis noch unbedeutender im Verhältniss als die des Orangs, während sie bei den Lemuren sehr gross und völlig daumenartig und gegenüberstellbar ist, wie beim Gorilla; bei diesen Thieren ist aber die zweite Zehe oft ganz unregelmässig modificirt, und in einigen Arten sind die zwei Hauptknochen der Fusswurzel, das Sprung- und Fersenbein, so ungeheuer verlängert, dass der Fuss in dieser Hinsicht dem irgend eines andern Thieres völlig unähnlich wird.
Dasselbe gilt für die Muskeln. Der kurze Zehenbeuger des Gorilla weicht von dem des Menschen durch den Umstand ab, dass ein Bündel des Muskels nicht an das Fersenbein, sondern an die Sehnen der langen Beuger befestigt wird. Die niederen Affen weichen durch eine Weiterführung desselben Merkmals vom Gorilla ab, zwei, drei oder mehre Bündel werden an die langen Beugesehnen befestigt oder die Bündel werden vervielfältigt. Ferner weicht der Gorilla unbedeutend in der Art des Durchflechtens der langen Beugesehnen vom Menschen ab; die niederen Affen sind dadurch vom Gorilla verschieden, dass sie wieder andere, zuweilen sehr complicirte Anordnungen derselben Theile besitzen und dass ihnen gelegentlich das accessorische Muskelbündel fehlt.
Bei all diesen Modificationen muss man sich erinnern, dass der Fuss keines seiner wesentlichen Merkmale verliert. Jeder Affe und Lemur zeigt die charakteristische Anordnung der Fusswurzelknochen, besitzt einen kurzen Beuger und Strecker und einen _Peronaeus longus_. So verschiedenartig die relativen Verhältnisse und die Erscheinung des Organs sein mögen, so bleibt die terminale Abtheilung der hintern Extremität im Plan und Grundgedanken des Baues ein Fuss und kann in dieser Hinsicht nie mit einer Hand verwechselt werden.
Man kann daher kaum irgend einen Theil des körperlichen Baues finden, welcher jene Wahrheit besser als Hand und Fuss illustriren könnte, dass die anatomischen Verschiedenheiten zwischen dem Menschen und den höchsten Affen von geringerem Werth sind als die zwischen den höchsten und niedersten Affen; und doch giebt es ein Organ, dessen Studium uns denselben Schluss in einer noch überraschenderen Weise aufnöthigt -- und dies ist das Gehirn.
Ehe wir aber die Grösse der Verschiedenheit zwischen einem Affengehirn und dem menschlichen Gehirn zu präcisiren suchen, ist es nöthig, darüber klar zu werden, was im Bau des Gehirns einen grossen und was einen kleinen Unterschied ausmacht; und wir erreichen dies am besten durch eine kurze Untersuchung der hauptsächlichsten Modificationen, welche das Gehirn in der Wirbelthierreihe darbietet.
Das Gehirn eines Fisches ist im Vergleich zu dem Rückenmark, in welches es sich verlängert, und zu den Nerven, die von ihm austreten, sehr klein; von den Abschnitten, aus denen es zusammengesetzt ist -- Riechlappen, Hemisphärenlappen und die folgenden --, herrscht keiner vor den andern so weit vor, dass er sie bedeckte oder undeutlich machte; und häufig sind die sogenannten Sehlappen die grössten Hirnmassen unter allen. Bei den Reptilien nimmt die Masse des Gehirns im Verhältnisse zum Rückenmark zu und die Hemisphären des grossen Gehirns fangen an, über die anderen Theile zu prädominiren, während bei Vögeln dies Vorherrschen noch ausgeprägter ist. Das Gehirn der niedersten Säugethiere, wie des Schnabelthiers und der Beutelratten und Känguruhs, zeigt einen noch entschiedenern Fortschritt in dieser Richtung. Die Grosshirnhemisphären haben nun so sehr an Grösse zugenommen, dass sie mehr oder weniger die Repräsentanten der Sehlappen verdecken, welche verhältnissmässig klein bleiben, so dass das Gehirn eines Beutelthieres äusserst verschieden ist von dem eines Vogels, Reptils oder Fisches. Noch einen Schritt weiter in der Reihe, unter den placentalen Säugethieren, erleidet das Gehirn eine äusserst wichtige Modification, -- nicht dass es äusserlich sehr verändert erschiene, in einer Ratte oder einem Kaninchen gegen das eines Beutelthiers, oder dass die relativen Verhältnisse seiner Theile geändert wären, sondern man findet ein scheinbar völlig neues Gebilde zwischen den Hemisphären des grossen Gehirns, sie unter einander verbindend, in der Gestalt der sogenannten »grossen Commissur« oder des »corpus callosum«. Der Gegenstand erfordert eine sorgfältige Nachuntersuchung; wenn aber die gewöhnlich angenommenen Angaben correct sind, so ist das Auftreten des Corpus callosum bei den placentalen Säugethieren die grösste und am plötzlichsten erscheinende Modification, die das Gehirn in der ganzen Reihe der Wirbelthiere darbietet, es ist der grösste Sprung, den die Natur irgendwo beim Aufbau des Gehirns macht. Denn nun, da die beiden Hälften des Gehirns einmal so mit einander verbunden sind, ist der Fortschritt in der allmählich grösser werdenden Complicirtheit des Gehirnbaues durch eine vollständige Reihe hindurch von den niedersten Nagethieren oder Insektenfressern bis zum Menschen hin zu verfolgen; und diese Complexität besteht hauptsächlich in der unverhältnissmässigen Entwickelung der Hemisphären des grossen Gehirns, und des kleinen Gehirns, aber besonders des erstern, im Verhältniss zu den anderen Hirntheilen.
Bei den unteren placentalen Säugethieren lassen die Grosshirnhemisphären die eigentliche obere und hintere Fläche des kleinen Gehirns völlig sichtbar, wenn das Gehirn von oben betrachtet wird; in den höheren Formen aber neigt sich der hintere Theil jeder Hemisphäre, die nur durch das Hirnzelt (s. S. 112) von der vordern Fläche des kleinen Gehirns getrennt wird, nach hinten und unten und wächst zu dem sogenannten »hintern Lappen« aus, um endlich das kleine Gehirn zu überragen und zu bedecken. Bei allen Säugethieren enthält jede Hemisphäre des grossen Gehirns eine Höhlung, den sogenannten Seitenventrikel, und da dieser Ventrikel einerseits vorwärts, andererseits rückwärts in die Substanz der Hemisphäre verlängert ist, so sagt man, dass er zwei Hörner oder »cornua« habe, ein vorderes, »cornu anterius«, und ein absteigendes Horn. Ist der hintere Lappen ordentlich entwickelt, so erstreckt sich eine dritte Verlängerung der Ventricularhöhle in ihn hinein und wird dann hinteres Horn, »cornu posterius«, genannt.
Bei den niedrigeren und kleineren Formen der placentalen Säugethiere ist die Oberfläche der Grosshirnhemisphären entweder glatt und eben abgerundet, oder zeigt nur wenig Gruben, welche technisch Furchen, »sulci«, genannt werden und die Erhöhungen oder »Windungen« der Gehirnsubstanz von einander trennen; die kleineren Arten aller Ordnungen neigen zu einer ähnlichen Glätte des Gehirns hin. In den höheren Ordnungen aber, und besonders in den grösseren Formen derselben, werden die Furchen äusserst zahlreich und die zwischenliegenden Windungen relativ in ihren Durchschlingungen mehr complicirt, bis endlich die Oberfläche des Gehirns beim Elephanten, Tümmler, den höheren Affen und dem Menschen ein völliges Labyrinth solcher gewundenen Falten darbietet.
Wo ein hinterer Lappen existirt und seine zuständige Höhle, das hintere Horn, darbietet, da trifft es sich gewöhnlich, dass eine besondere Furche auf der innern und untern Oberfläche des Lappens parallel dem Boden des Horns und neben ihm erscheint, welch' letzterer gewissermaassen über die Decke der Furche gewölbt ist. Es ist, als ob die Grube oder Furche dadurch gebildet worden wäre, dass Jemand den Boden des hintern Horns von aussen her mit einem stumpfen Instrument eingedrückt hätte, so dass der Boden als convexe Hervorragung sich erheben musste. Diese Hervorragung ist nun das, was Hippocampus minor genannt wird; der Hippocampus major ist eine Hervorragung am Boden des absteigenden Horns. Welches die functionelle Bedeutung beider Gebilde sein mag, wissen wir nicht.
Als ob die Natur an einem auffallenden Beispiele die Unmöglichkeit nachweisen wollte, zwischen dem Menschen und den Affen eine auf den Gehirnbau gegründete Grenze aufzustellen, so hat sie bei den letzteren Thieren eine fast vollständige Reihe von Steigerungen des Gehirns gegeben, von Formen an, die wenig höher sind als die eines Nagethieres, zu solchen, die wenig niedriger sind als die des Menschen. Und es ist ein merkwürdiger Umstand, dass, obgleich nach unserer gegenwärtigen Kenntniss ein wirklicher anatomischer Sprung in der Formenreihe der Affengehirne vorhanden ist, die durch diesen Sprung entstehende Lücke in der Reihe nicht zwischen dem Menschen und den menschenähnlichen Affen, sondern zwischen den niedrigeren und niedersten Affen liegt, oder, mit anderen Worten, zwischen den Affen der alten und neuen Welt und den Lemuren. Bei jedem bis jetzt untersuchten Lemur ist das kleine Gehirn zum Theil von oben sichtbar, und sein hinterer Lappen mit dem eingeschlossenen hintern Horn und Hippocampus minor ist mehr oder weniger rudimentär. Jeder Sahui, amerikanische Affe, Affe der alten Welt, Pavian oder Anthropoide hat dagegen sein kleines Gehirn hinten völlig von den Lappen des grossen Gehirns bedeckt und besitzt ein grosses hinteres Horn mit einem wohlentwickelten Hippocampus minor.
Bei vielen dieser Geschöpfe, wie beim Saimiri (_Chrysothrix_), überragen die Grosshirnlappen das kleine Gehirn im Verhältniss noch mehr und reichen viel weiter nach hinten als beim Menschen (Fig. 17, S. 89); und es ist vollständig sicher, dass bei allen das kleine Gehirn hinten völlig von wohlentwickelten hinteren Lappen bedeckt wird. Die Thatsache kann von einem Jeden nachgewiesen werden, der den Schädel irgend eines Affen der alten oder neuen Welt besitzt. Denn da das Gehirn bei allen Säugethieren die Schädelhöhle vollständig erfüllt, so leuchtet ein, dass ein Abguss des Innern vom Schädel die allgemeine Form des Gehirns wiedergeben wird, in jedem Falle mit so kleinen und für unsern gegenwärtigen Zweck völlig bedeutungslosen Differenzen, wie sie in Folge des Mangels der das Gehirn einhüllenden Häute am trocknen Schädel auftreten. Macht man nun solch einen Abguss in Gyps und vergleicht ihn mit einem ähnlichen Abguss eines menschlichen Schädels, so springt sofort in die Augen, dass der Abguss der Grosshirnkammer, der das grosse Gehirn des Affen darstellt, ebenso vollständig den Abguss der das kleine Gehirn darstellenden Kleinhirnkammer überragt und bedeckt, wie er es beim Menschen thut (Fig. 21). Ein nicht sorgfältiger Beobachter, der vergisst, dass ein so weiches Gebilde wie das Gehirn seine Gestalt in dem Moment verliert, wo es aus dem Schädel genommen wird, kann wohl allerdings den unbedeckten Zustand des kleinen Gehirns eines herausgenommenen und verzerrten Gehirns für die natürlichen Verhältnisse der Theile halten; sein Irrthum muss ihm aber selbst klar werden, wenn er versuchen wollte, das Gehirn in die Schädelhöhle wieder zurückzubringen. Anzunehmen, dass das kleine Gehirn eines Affen im natürlichen Zustande hinten unbedeckt sei, ist ein Missverständniss, das nur dem zu vergleichen wäre, wenn sich Jemand einbilden wollte, dass die Lungen des Menschen immer nur einen kleinen Theil der Brusthöhle einnehmen -- weil sie dies thun, sobald die Brust geöffnet ist und ihre Elasticität nicht länger durch den Luftdruck neutralisirt wird.
Der Irrthum ist um so weniger zu entschuldigen, als er jedem deutlich werden muss, der den Durchschnitt des Schädels irgend eines über den Lemuren stehenden Affen untersucht, selbst ohne sich die Mühe zu geben, einen Abguss zu machen. Denn in jedem solchen Schädel findet sich eine sehr deutliche Grube, wie beim menschlichen Schädel, die die Ansatzlinie des sogenannten _Tentorium_ oder Hirnzeltes andeutet, einer pergamentartigen Scheidewand, welche im frischen Zustande zwischen das grosse und kleine Gehirn eingeschoben ist und das erstere abhält auf das letztere zu drücken (s. Fig. 17, S. 89).
Diese Grube deutet daher die Trennungslinie zwischen dem Theil der Schädelhöhle, der das grosse Gehirn enthält, und dem an, der das kleine Gehirn enthält; und da das Gehirn die Schädelhöhle vollständig erfüllt, so leuchtet ein, dass die Verhältnisse dieser beiden Theile der Schädelhöhle uns sofort über die Verhältnisse ihrer Contenta aufklären. Nun liegt beim Menschen, bei allen Affen der alten und der neuen Welt, mit einer einzigen Ausnahme, wenn das Gesicht nach vorn gerichtet ist, diese Ansatzlinie des Tentorium, oder der Eindruck der seitlichen Sinus, wie sie technisch genannt wird, beinahe horizontal und die Grosshirnkammer überragt unwandelbar die Kammer für das kleine Gehirn oder springt hinter dieselbe vor. Beim Brüllaffen oder _Mycetes_ (s. Fig. 17) geht diese Linie schräg nach oben und hinten und das grosse Gehirn ragt fast gar nicht vor, während bei den Lemuren diese Linie, wie bei den niedrigen Säugethieren, noch mehr in derselben Richtung aufsteigt, so dass die Kammer für das kleine Gehirn bedeutend jenseits der Grosshirnkammer vorspringt.
Wenn die gröbsten Irrthümer in Bezug auf Punkte, die so leicht aufzuklären sind, wie diese Frage über die hinteren Lappen, mit dem Schein der Autorität vorgebracht werden, so ist es nicht zu verwundern, dass Gegenstände der Beobachtung, nicht gerade sehr complicirter Natur, die aber doch eine gewisse Sorgfalt verlangen, noch schlechter weggekommen sind. Jemand, der die hinteren Lappen an irgend einem Affengehirn nicht sehen kann, ist nicht leicht in der Lage, eine besonders werthvolle Meinung in Bezug auf das hintere Horn oder den Hippocampus minor abzugeben. Sieht Jemand die Kirche nicht, so wäre es verkehrt, seiner Ansicht über ihr Altargemälde oder ein gemaltes Fenster beipflichten zu wollen; ich halte mich daher nicht für verpflichtet, hier auf eine Discussion dieser Punkte einzugehen, sondern begnüge mich damit, den Leser zu versichern, dass das hintere Horn und der Hippocampus minor jetzt nicht bloss beim Chimpanze, dem Orang und dem Gibbon, sondern bei allen Gattungen der Paviane und Affen der alten Welt, wie auch bei den meisten der neuen Welt, mit Einschluss der Sahui's, und zwar gewöhnlich wenigstens so gut entwickelt wie beim Menschen, oft sogar besser, gesehen worden sind[31].
In der That führt uns das reichliche und zuverlässige Zeugniss, welches wir besitzen (und wir haben hier die Resultate sorgfältiger auf die Erörterung dieser speciellen Fragen gerichteter Untersuchungen geschickter Anatomen vor uns), zu der Ueberzeugung, dass hintere Lappen, hinteres Horn und Hippocampus minor -- weit davon entfernt, eigenthümliche und für den Menschen charakteristische Gebilde zu sein, für die man sie immer und immer wieder erklärt hat, selbst nach der Publication der klarsten Beweise vom Gegentheil -- gerade diejenigen Gebilde sind, welche die ausgeprägtesten Hirncharaktere darstellen, die der Mensch mit den Affen gemeinsam hat. Sie gehören zu den deutlichsten Affeneigenthümlichkeiten, die der menschliche Organismus darbietet.
In Bezug auf die Windungen bieten die Affengehirne alle Uebergänge von dem beinahe glatten Gehirn des Sahui bis zum Orang und Chimpanze dar, die nur wenig unter dem Menschen stehen. Und es ist äusserst merkwürdig, dass, sobald alle Hauptfurchen auftreten, die Art ihrer Anordnung mit der der entsprechenden Furchen beim Menschen identisch ist. Die Oberfläche eines Affengehirns stellt eine Art von Umrisszeichnung des menschlichen dar; bei den menschenähnlichen Affen werden immer mehr und mehr Details eingetragen, bis endlich das Gehirn des Chimpanze und Orang dem Baue nach nur in untergeordneten Merkmalen von dem des Menschen unterschieden werden kann; hierher gehört die grössere Aushöhlung der vorderen Lappen, die constante Anwesenheit von Furchen, die dem Menschen gewöhnlich fehlen, und die verschiedene Lage und relative Grösse einiger Windungen.
Was also den Bau des Gehirns anlangt, so ist klar, dass der Mensch weniger vom Chimpanze und Orang verschieden ist, als diese selbst von den Affen, und dass der Unterschied zwischen den Gehirnen des Chimpanze und des Menschen fast bedeutungslos ist, wenn man ihn mit dem zwischen dem Gehirn des Chimpanze und eines Lemurs vergleicht.
Es darf indessen nicht übersehen werden, dass eine sehr auffallende Verschiedenheit in Bezug auf absolute Masse und Gewicht zwischen dem niedrigsten Menschengehirn und dem Gehirn des höchsten Affen vorhanden ist, -- eine Verschiedenheit, die um so auffallender wird, wenn wir uns daran erinnern, dass ein erwachsener Gorilla wahrscheinlich beinahe zweimal so schwer ist als ein Buschmann, oder als manche Europäerin. Es darf bezweifelt werden, ob ein gesundes Gehirn eines erwachsenen Menschen je weniger als ein- oder zweiunddreissig Unzen gewogen hat, oder ob das schwerste Gorillagehirn schwerer als zwanzig Unzen gewesen ist.
Dies ist ein sehr bemerkenswerther Umstand, der uns einst wohl helfen wird, den grossen Abstand, welcher in Bezug auf intellectuelle Fähigkeit zwischen dem niedersten Menschen und dem höchsten Affen besteht, zu erklären[32]; er hat aber wenig systematischen Werth, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil (wie schon aus dem über den Schädelinhalt Gesagten zu schliessen ist) der Gewichtsunterschied des Gehirns zwischen dem höchst entwickelten und niedersten Menschen sowohl relativ als absolut viel grösser ist, als der zwischen dem niedersten Menschen und dem höchsten Affen. Der letzterwähnte Unterschied wird, wie wir gesehen haben, durch zwölf Unzen Hirnsubstanz absolut, oder durch 32:20 relativ ausgedrückt; da aber das grösste bekannte menschliche Gehirn zwischen 65 und 66 Unzen wog, so ist der erstgenannte Unterschied durch mehr als 33 Unzen absolut, oder durch 65:32 relativ zu bezeichnen. Systematisch betrachtet sind die Differenzen im Gehirn bei Menschen und Affen nur von generischem Werthe, -- seine Familienmerkmale liegen hauptsächlich in seinem Gebiss, seinem Becken und seinen unteren Extremitäten.
Wir mögen daher ein System von Organen vornehmen, welches wir wollen, die Vergleichung ihrer Modificationen in der Affenreihe führt uns zu einem und demselben Resultate: dass die anatomischen Verschiedenheiten, welche den Menschen vom Gorilla und Chimpanze scheiden, nicht so gross sind als die, welche den Gorilla von den niedrigeren Affen trennen.
Indem ich aber diese bedeutungsvolle Wahrheit ausspreche, muss ich mich gegen ein sehr verbreitetes Missverständniss verwahren. Ich finde in der That, dass sich der, wer nur einfach zu lehren sucht, was uns die Natur in diesen Dingen so klar zeigt, dem aussetzt, seine Meinung falsch dargestellt und an seiner Ausdrucksweise so lange herumgedeutelt zu sehen, bis er zu behaupten scheint, dass die anatomischen Unterschiede zwischen dem Menschen und selbst den höchsten Affen gering und unbedeutend sind. Ich benutze daher diese Gelegenheit, im Gegentheil ausdrücklich zu versichern, dass sie gross und bedeutend sind, dass jeder einzelne Knochen des Gorilla Zeichen an sich trägt, durch welche er leicht von dem entsprechenden Knochen des Menschen unterschieden werden kann; und dass jedenfalls wenigstens in der jetzigen Schöpfung kein Zwischenglied den Abstand zwischen _Homo_ und _Troglodytes_ ausfüllt.
Es würde nicht weniger unrecht als absurd sein, die Existenz dieser Kluft zu leugnen; es ist aber wenigstens ebenso unrecht als absurd, ihre Grösse zu übertreiben und, sich mit der zugegebenen Thatsache ihrer Existenz beruhigend, jede Untersuchung über die Weite oder Enge derselben zurückzuweisen. Man mag sich, wenn man will, immer daran erinnern, dass kein verbindendes Glied zwischen dem Menschen und Gorilla existirt, man soll aber nicht vergessen, dass zwischen dem Gorilla und dem Orang, oder dem Orang und dem Gibbon eine nicht weniger scharfe Trennungslinie besteht und hier ebenso vollständig irgend welche Uebergangsform fehlt. Ich sage: nicht weniger scharf, wenn sie auch etwas enger ist. Die anatomischen Verschiedenheiten zwischen dem Menschen und den menschenähnlichen Affen berechtigen uns sicher zu der Ansicht, dass er eine besondere, von jenen getrennte Familie bildet; da er aber weniger von ihnen abweicht, als sie von anderen Familien derselben Ordnung verschieden sind, so haben wir kein Recht, ihn zu einer besondern Ordnung zu erheben.