Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Natur

Part 11

Chapter 113,427 wordsPublic domain

»Da ich nicht im Stande bin, den Unterschied zwischen den psychischen Erscheinungen eines Chimpanze und eines Buschmanns, oder eines Azteken mit gehemmter Hirnbildung, weder für so wesentlicher Natur anzuerkennen oder aufzufassen, dass ein Vergleich zwischen ihnen ausgeschlossen wäre, noch für einen andern als bloss gradweisen zu halten, so kann ich meine Augen der Bedeutung jener Alles durchdringenden Gleichheit des Baues nicht verschliessen; jeder Zahn, jeder Knochen ist streng homolog; und diese Gleichheit macht die Bestimmung des Unterschieds zwischen _Homo_ und _Pithecus_ zu einer schwierigen Aufgabe für den Anatomen.«

Es ist gewiss etwas sonderbar, dass der »Anatom«, der es für »schwierig« hält, »den Unterschied zu bestimmen« zwischen _Homo_ und _Pithecus_, beide doch auf anatomische Gründe gestützt in verschiedene Unterclassen bringt!«

Kurze Geschichte des Streites über den Bau des Menschen- und Affengehirns.

Bis zum Jahre 1857 stimmten alle Anatomen von Autorität, die sich mit dem Hirnbau der Affen beschäftigt hatten -- Cuvier, Tiedemann, Sandifort, Vrolik, Isidore Geoffroy St. Hilaire, Schroeder van der Kolk, Gratiolet --, darin überein, dass das Affengehirn einen =hintern Lappen= besitze.

Im Jahre 1825 bildete Tiedemann in seinen Icones das =hintere Horn= der Seitenventrikel bei Affen ab und erkannte dasselbe auch in dem Text zu den Icones an, und zwar nicht bloss unter dem Titel »Scrobiculus parvus loco cornu posterioris« (eine Thatsache, die man in den Vordergrund stellte), sondern als »cornu posterius« (Icones, p. 54), ein Umstand, der ebenso absichtlich im Hintergrund gehalten wurde.

Cuvier sagt (Leçons, T. III. p. 103), »die vorderen oder Seitenventrikel besitzen eine Fingerhöhle (hinteres Horn) nur beim Menschen und den Affen ... Ihre Gegenwart hängt von der der hinteren Lappen ab.«

Schroeder van der Kolk und Vrolik und Gratiolet haben gleichfalls das hintere Horn von verschiedenen Affen beschrieben und abgebildet. In Bezug auf den Hippocampus minor hat Tiedemann irrthümlich angegeben, dass er bei den Affen fehle; Schroeder van der Kolk und Vrolik haben aber auf die Existenz eines von ihnen für einen rudimentären Hippocampus minor gehaltenen Gebildes beim Chimpanze hingewiesen, und Gratiolet bestätigt ausdrücklich sein Vorhandensein bei diesen Thieren. Dies war der Zustand unserer Kenntniss über diese Punkte im Jahre 1856.

Diese Thatsachen kannte entweder Professor Owen nicht oder er verschwieg sie ungerechtfertigter Weise. Denn 1857 legte er der Linnean Society eine Abhandlung vor, »On the Characters, Principles of Division, and Primary Groups of the Class Mammalia,« die im Journal jener Gesellschaft abgedruckt wurde und folgenden Passus enthält: »Beim Menschen bietet das Gehirn eine höhere Entwickelungsstufe dar, die bedeutender und stärker markirt ist als die, durch welche sich die vorhergehende Unterclasse von der ihr zunächst stehenden niedern unterscheidet. Es überragen hier nicht bloss die Hemisphären die Riechlappen und das kleine Gehirn, sondern sie erstrecken sich weiter nach vorn als die ersteren und weiter nach hinten als das letztere. Die Entwickelung nach hinten ist so stark ausgeprägt, dass die Anatomen diesem Theile den Namen eines dritten Lappens beilegen; _er ist der Gattung Homo eigenthümlich, und in gleicher Weise ihr eigenthümlich das hintere Horn des Seitenventrikels und der >Hippocampus minor<, welche den hintern Lappen jeder Hemisphäre charakterisiren_.« Journal of the Proceedings of the Linnean Society. Vol. II. p. 19.

Da die Abhandlung, in der diese Stelle vorkommt, keinen geringern Zweck hat, als den, die Classification der Säugethiere umzugestalten, so konnte wohl vermuthet werden, ihr Verfasser habe unter dem Eindruck einer besondern Verantwortlichkeit geschrieben und die Angaben, die er vorzubringen wagte, mit besonderer Sorgfalt geprüft. Und selbst wenn dies zu viel erwartet hiesse, Uebereilung oder Mangel an Gelegenheit zur gehörigen Ueberlegung kann zur Entschuldigung etwaiger Irrungen nicht vorgeschoben werden; denn die angeführten Sätze wurden zwei Jahre später in der vor der Universität Cambridge gehaltenen »Read-Lecture«, 1859, wiederholt.

Als die im obigen Auszug cursiv gedruckten Behauptungen zuerst zu meiner Kenntniss gelangten, war ich nicht wenig über einen so directen Widerspruch mit den unter gutunterrichteten Anatomen geläufigen Lehren erstaunt. Da ich aber natürlich glaubte, dass die vorbedachten Angaben einer verantwortlichen Person irgend welche thatsächliche Begründung haben müssten, hielt ich es für meine Pflicht, den Gegenstand von Neuem, schon vor der Zeit, wo es mein Beruf war, in meinen Vorlesungen darüber zu lesen, zu untersuchen. Das Resultat meiner Untersuchung war der Beweis, dass die drei Behauptungen Owen's, dass »der dritte Lappen, das hintere Horn des Seitenventrikels und der Hippocampus minor der Gattung Homo eigenthümlich« seien, den offenbarsten Thatsachen widersprechen. Ich theilte diesen Schluss meinen Zuhörern mit; da ich aber keine Neigung hatte, in einen Streit mich einzulassen, der, mochte sein Ausgang sein, welcher er wolle, der englischen Wissenschaft nicht gerade zur Ehre gereichen konnte, wandte ich mich zusagenderen Arbeiten zu.

Die Zeit kam aber bald, wo ein längeres Beharren in meinem Schweigen mich eines unwürdigen Betrugs an der Wahrheit schuldig gemacht hätte.

Bei der Versammlung der British Association in Oxford, 1860, wiederholte Professor Owen jene Behauptungen in meiner Gegenwart; natürlich widersprach ich ihnen sofort direct und ohne Einschränkung mit dem Versprechen, dies sonst ungewöhnliche Verfahren an einem andern Orte zu rechtfertigen. Dieses Versprechen löste ich durch die Veröffentlichung eines Artikels in der Januar-Nummer der Natural History Review, worin ich die Wahrheit der drei folgenden Sätze vollständig nachwies (a. a. O. S. 71):

»1. Dass der dritte Lappen dem Menschen weder eigenthümlich noch charakteristisch ist, da er bei allen höheren Quadrumanen existirt;«

»2. dass das hintere Horn des Seitenventrikels dem Menschen weder eigenthümlich noch charakteristisch ist, da auch er bei den höheren Quadrumanen vorhanden ist;«

»3. dass der _Hippocampus minor_ dem Menschen weder eigenthümlich noch charakteristisch ist, da er sich bei gewissen höheren Affen findet.«

Ferner enthält der Aufsatz folgende Stelle (S. 76):

»Obgleich endlich Schroeder van der Kolk und Vrolik (a. a. O. S. 271) ausdrücklich bemerken, dass >der Seitenventrikel von dem des Menschen durch sehr mangelhafte Entwicklung des hintern Horns unterschieden ist, in welchem nur ein Streifen als Andeutung des Hippocampus minor sichtbar ist<, so zeigt doch ihre Fig. 4 der zweiten Tafel, dass dies hintere Horn ein völlig deutliches und unverkennbares Gebilde ist, völlig so gross, als es oft beim Menschen ist. Es ist um so merkwürdiger, dass Professor Owen die ausdrücklichen Angaben und Figuren dieser Verfasser übersehen haben sollte, als bei Vergleichung der Figuren augenscheinlich wird, dass sein Holzschnitt des Chimpanzegehirns (a. a. O. S. 19) eine verkleinerte Copie der zweiten Figur auf der ersten Tafel Schroeder van der Kolk's und Vrolik's ist.«

»Gratiolet bemerkt indess ganz richtig (a. a. O. S. 18): >unglücklicherweise war das von ihnen als Modell genommene Gehirn bedeutend verändert (profondément affaissé), weshalb die allgemeine Form des Gehirns auf diesen Tafeln in einer völlig incorrecten Weise wiedergegeben ist.< Es wird allerdings bei einer Vergleichung eines Durchschnitts des Chimpanzeschädels völlig klar, dass dies der Fall ist; und es ist sehr zu bedauern, dass eine so incorrecte Figur als typische Darstellung des Chimpanzegehirns genommen wurde.«

Von dieser Zeit an hätte wohl dem Professor Owen die Unhaltbarkeit seiner Stellung so klar sein müssen, wie jedem Andern; weit davon entfernt aber, die grossen Irrthümer, in welche er gerathen war, zurückzunehmen, bestand er auf ihnen und wiederholte sie: zuerst in einer vor der Royal Institution am 19. März 1861 gehaltenen Vorlesung, welche in der Nummer des Athenaeum vom 23. desselben Monats genau wiedergegeben war, wie Prof. Owen in einem Briefe an dies Journal vom 30. März zugiebt. Der Bericht des Athenaeum war von einer Zeichnung begleitet, die ein Gorillagehirn darstellen sollte, die aber in der That eine so ausserordentlich falsche Darstellung war, dass sie Prof. Owen in dem erwähnten Briefe thatsächlich, wenn auch nicht ausdrücklich zurücknimmt. Beim Verbessern dieses Fehlers fiel aber Prof. Owen in einen andern Irrthum von viel tieferer Bedeutung. Seine Mittheilung schliesst nämlich mit dem folgenden Satze: »In Bezug auf das wahre Verhältniss, in welchem das grosse Gehirn das kleine bei den höchsten Affen bedeckt, verweise ich auf die Abbildung des nicht präparirten Chimpanzegehirns in meiner >Reade's< Vorlesung über die Classification etc. der Säugethiere, S. 25, Fig. 7. 8^o. 1859.«

Es würde nun nicht zu glauben sein, wäre es nicht unglücklicherweise wahr, dass diese Figur, auf welche das vertrauende Publicum ohne ein Wort der Erklärung »in Bezug auf das wahre Verhältniss, in dem das grosse Gehirn das kleine bei den höchsten Affen bedeckt«, verwiesen wird, genau jene unanerkannte Copie der Figur Schroeder van der Kolk's und Vrolik's ist, auf deren gänzliche Ungenauigkeit vor Jahren Gratiolet hingewiesen hatte, dessen Ausspruch durch mich in jener Stelle meines oben citirten Aufsatzes in der Natural History Review zu Prof. Owen's Kenntniss gebracht worden war.

Ich lenkte von Neuem die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Umstand in meiner Erwiderung an Prof. Owen, Athenaeum, 13. April 1861; die verworfene Figur wurde aber noch einmal und ohne die leiseste Andeutung ihrer Ungenauigkeit von Prof. Owen in den Annals of Natural History, June 1861, reproducirt.

Dies war denn doch den ursprünglichen Verfassern der Figur, Schroeder van der Kolk und Vrolik, zu viel. In einem an die Akademie zu Amsterdam, deren Mitglieder sie sind, gerichteten Briefe erklären sie, obgleich entschiedene Gegner jeder Form von Theorie einer progressiven Entwickelung, vor Allem die Wahrheit zu lieben, und dass sie es daher für ihre Pflicht halten, auf die Gefahr hin, einer ihnen missliebigen Theorie eine Stütze darzubieten, bei erster Gelegenheit öffentlich Prof. Owen's Missbrauch ihrer Autorität zurückzuweisen.

In diesem Briefe räumen sie freimüthig die Richtigkeit der oben erwähnten Gratiolet'schen Kritik ein und stellen in neuen und sorgfältigen Figuren den hintern Lappen, das hintere Horn und den Hippocampus minor des Orang dar. Nachdem sie diese Theile in einer Sitzung der Akademie demonstrirt hatten, fügen sie ferner hinzu: »la présence des parties contestées y a été universellement reconnue par les anatomistes présents à la séance. Le seul doute qui soit resté se rapporte au pes Hippocampi minoris ... A l'état frais l'indice du petit pied d'Hippocampe était plus prononcé que maintenant«.

Prof. Owen wiederholte seine irrigen Behauptungen bei der Versammlung der British Association 1861, und erneuerte ohne besondere Nöthigung den Streit bei der Versammlung in Cambridge 1862, wobei er nicht eine einzige neue Thatsache oder einen neuen Beweis beibrachte, auch nicht im Stande war, dem übereinstimmenden, schlagenden Zeugnisse zu begegnen, das die mittlerweile vorgenommenen Zergliederungen zahlreicher Affengehirne (von Prof. Rolleston[34], Mr. Marshall[35], Mr. Flower[36], Mr. Turner[37] und mir selbst[38]) zu Tage gefördert hatten. Nicht zufrieden mit der ziemlich kräftigen Zurückweisung dieses beispiellosen Verfahrens in Section D der Versammlung hiess Prof. Owen die Veröffentlichung eines Berichtes über seine Angaben für gut, in den »Medical Times« vom 11. Oct. 1862, der eine seltsame Entstellung der meinigen enthielt (wie aus einem Vergleich mit dem Bericht der »Times« über die Discussion zu ersehen ist). Ich füge den Schluss meiner Entgegnung in derselben Zeitschrift vom 25. October bei:

»Wäre dies eine Sache der Ansicht oder eine Sache der Erklärung von Theilen oder von Bezeichnungen, wäre es selbst eine Sache der Beobachtung, wobei das Zeugniss meiner Sinne gegen das einer andern Person stände, so würde ich beim Erörtern dieses Gegenstandes einen andern Ton annehmen. Ich würde in aller Bescheidenheit die Wahrscheinlichkeit zugeben, dass ich im Urtheilen geirrt, im Erkennen gefehlt, oder von Vorurtheilen geblendet wäre.

Niemand behauptet aber, dass dies ein Streit um Ausdrücke oder Ansichten sei. So neu und aller Autorität bar manche von Prof. Owen's aufgestellten Definitionen gewesen sein mögen, man kann sie annehmen, ohne dadurch die Hauptzüge der Frage zu alteriren. Obgleich daher specielle auf diesen Gegenstand gerichtete Untersuchungen während der letzten zwei Jahre von Dr. Allen Thomson, Dr. Rolleston, Mr. Marshall und Mr. Flower, lauter Anatomen von Ruf in England, und von Schroeder van der Kolk und Vrolik (die Prof. Owen unvorsichtig genug auf seine Seite zu ziehen versuchte) auf dem Continent angestellt worden sind, so haben doch alle diese geschickten und gewissenhaften Beobachter einstimmig die Genauigkeit meiner Angaben bestätigt und die völlige Grundlosigkeit der Behauptungen Prof. Owen's bezeugt. Selbst der ehrwürdige Rudolph Wagner, den Niemand progressionistischer Neigungen anklagen wird, hat seine Stimme für meine Angaben erhoben, während nicht ein einziger Anatom, gross oder klein, Prof. Owen unterstützt hat.

Ich will nun nicht etwa den Vorschlag machen, wissenschaftliche Differenzen durch allgemeine Abstimmung zu entscheiden, ich glaube aber, dass soliden Beweisen etwas Anderes als leere und grundlose Behauptungen entgegengestellt werden muss. In den zwei Jahren nun, durch welche sich dieser Streit hinschleppt, hat Prof. Owen nicht gewagt, ein einziges Präparat zur Begründung seiner oft wiederholten Behauptungen vorzubringen.

Die Sache steht daher so: Meine Angaben sind nicht bloss in Uebereinstimmung mit denen der besten älteren Autoritäten und aller neueren Untersucher, sondern ich bin auch völlig bereit, sie an dem ersten besten zur Hand kommenden Affen zu demonstriren; Prof. Owen's Behauptungen dagegen stehen nicht bloss in directem Widerspruch mit alten und neuen Autoritäten, sondern er hat auch kein einziges Präparat beigebracht und kann keines beibringen, wie ich hinzusetzen will, was sie rechtfertigt.«

Ich verlasse nun den Gegenstand für jetzt. Im Interesse meines Berufes würde ich mich freuen, für immer schweigen zu können. Unglücklicherweise ist es aber ein Gegenstand, bei dem nach Allem, was vorgefallen ist, keine Verwechselung oder Confusion von Ausdrücken möglich ist; und wenn ich behaupte, dass der hintere Lappen, das hintere Horn und der Hippocampus minor bei gewissen Affen existirt, so behaupte ich entweder etwas, das wahr ist, oder von dem ich wissen muss, dass es falsch ist. Die Frage ist hierdurch eine Frage persönlicher Wahrhaftigkeit geworden. Ich für meinen Theil will keinen andern Ausgang des gegenwärtigen Streits annehmen, so traurig er auch ist.

Fußnoten:

[34] On the Affinities of the Brain of the Orang. Nat. Hist. Review, April, 1861.

[35] On the Brain of a young Chimpanzee. Ibid. July, 1861.

[36] On the Posterior lobes of the Cerebrum of the Quadrumana. Philosophical Transactions, 1862.

[37] On the anatomical Relations of the Surfaces of the Tentorium to the Cerebrum and Cerebellum in Man and the lower Mammals. Proceedings of the Royal Society of Edinburgh, March, 1862.

[38] On the Brain of Ateles. Proceedings of Zoological Society, 1861.

III.

Ueber einige fossile menschliche Ueberreste.

Ich habe in der vorhergehenden Abhandlung zu zeigen mich bemüht, dass die =Anthropini=, oder Familie des Menschen, eine wohl umschriebene Gruppe der Primaten bilden. Zwischen ihr und der unmittelbar folgenden Familie der =Catarhini= fehlt in der jetzigen Schöpfung irgend eine Uebergangsform oder ein Verbindungsglied ebenso vollständig, wie zwischen den =Catarhini= und =Platyrhini=.

Es ist nun aber eine allgemein angenommene Lehre, dass die anatomischen Abstände zwischen den verschiedenen jetzt existirenden Formen der organischen Geschöpfe verkleinert oder selbst zum Verschwinden gebracht werden, wenn wir die lange und vielgestaltige Reihe von Pflanzen und Thieren mit in Betracht ziehen, welche den jetzt lebenden vorausgegangen sind und die wir nur in ihren fossilen Resten kennen. In wie weit diese Ansicht gegründet ist, in wie weit sie andererseits nach dem gegenwärtigen Zustande unserer Kenntniss die wirklichen Thatsachen überschätzt und eine Uebertreibung der sicher aus diesen zu ziehenden Schlüsse enthält, dies sind Punkte von grosser Bedeutung, auf deren Discussion ich mich aber für jetzt nicht einlassen will. Dass überhaupt eine solche Ansicht von den Beziehungen ausgestorbener zu lebenden Wesen ausgesprochen worden ist, reicht hin, uns zu der scrupulösen Untersuchung zu führen, in wie weit die neueren Entdeckungen menschlicher Ueberreste im fossilen Zustande jene Ansicht unterstützen oder ihr widersprechen.

Ich werde mich bei Erörterung dieser Frage auf jene fragmentären menschlichen Schädel aus den Höhlen von Engis im Meusethal in Belgien und des Neanderthals bei Düsseldorf beschränken, deren geologische Verhältnisse Sir Charles Lyell mit so viel Sorgfalt untersucht hat[39]. Gestützt auf seine Autorität, nehme ich als ausgemacht an, dass der Schädel von Engis einem Zeitgenossen des Mammuth (_Elephas primigenius_) und des wolligen Rhinoceros (_Rhinoceros tichorhinus_) angehörte, mit deren Knochen zusammen er gefunden wurde, dass ferner der Neanderthalschädel von grossem, wennschon unbestimmtem Alter ist. Was auch das geologische Alter des letzteren Schädels sein mag, so halte ich es (nach den gewöhnlichen Grundsätzen paläontologischer Folgerungen) für völlig sicher, anzunehmen, dass nur der erstere bis jenseits der unbestimmten biologischen Grenze hinüberführt, welche die gegenwärtige geologische Epoche von der ihr unmittelbar vorausgehenden trennt. Und es kann auch darüber kein Zweifel bestehen, dass sich die physikalisch geographischen Verhältnisse Europas seit der Zeit wunderbar geändert haben, in welcher Knochen von Menschen, Mammuths, Hyänen und Rhinocerossen bunt durch einander in die Höhle von Engis geschwemmt wurden.

Der Schädel der Höhle von Engis wurde von Professor Schmerling entdeckt und mit anderen gleichzeitig ausgegrabenen menschlichen Ueberresten in seinem werthvollen Werke beschrieben: »Recherches sur les ossemens fossiles découverts dans les cavernes de la province de Liège,« 1833 (S. 59 und folgende), aus welchem die folgenden Stellen, unter möglichster Wahrung der genauen Ausdrucksweise des Verfassers, ausgezogen wurden:

»An erster Stelle muss ich bemerken, dass diese menschlichen Ueberreste in meinem Besitz, ganz wie die Tausende von Knochen, die ich neuerdings ausgegraben habe, durch den Grad der Zersetzung charakterisirt sind, dem sie unterlegen sind und der genau derselbe ist wie bei Knochen ausgestorbener Arten. Alle, mit wenig Ausnahmen, sind zerbrochen; einige sind abgerundet, wie es häufig bei den Resten anderer Arten gefunden wird. Die Brüche sind senkrecht oder schräg; keiner ist erodirt; ihre Farbe weicht nicht von der anderer fossiler Knochen ab und schwankt vom weisslich gelben bis zum schwärzlichen. Alle sind leichter als frische Knochen, mit Ausnahme derer, die kalkig incrustirt sind und deren Höhlungen mit Kalk erfüllt sind.

Der Schädel, den ich auf Taf. I, Fig. 1 und 2 habe abbilden lassen, ist der einer alten Person. Die Nähte beginnen zu verschwinden; alle Gesichtsknochen fehlen und von den Schläfenbeinen ist nur ein Fragment des rechten vorhanden.

Das Gesicht und die Basis des Schädels war schon vor der Ablagerung des Schädels in der Höhle getrennt; denn wir waren nicht im Stande, diese Theile zu finden, obgleich die Höhle planmässig durchsucht wurde. Der Schädel fand sich in einer Tiefe von anderthalb Metern (beinahe 5 Fuss) unter einer aus Ueberbleibseln kleiner Thiere bestehenden Knochenbreccia verborgen, die einen Rhinoceroszahn und mehrere Zähne von Pferden und Wiederkäuern enthielt. Diese oben besprochene Breccia (S. 31) war einen Meter breit (3¼ Fuss ungefähr), und erhob sich zur Höhe von anderthalb Meter über den Boden der Höhle, deren Wänden sie innig anhing.

Die diesen menschlichen Schädel enthaltende Erde zeigte keine Spur einer Störung; Zähne vom Rhinoceros, Pferd, Hyäne und Bär umgaben ihn von allen Seiten.

Der berühmte Blumenbach[40] hat die Aufmerksamkeit auf die Verschiedenheiten gelenkt, die die Schädel verschiedener Rassen in Bezug auf Form und Grösse zeigen. Dies wichtige Werk würde uns wesentlich geholfen haben, wenn nicht das Gesicht, ein zur Bestimmung der Rasse mit grösserer oder geringerer Genauigkeit wesentlicher Theil, an unserem fossilen Schädel gefehlt hätte.

Aber selbst wenn der Schädel vollständig gewesen wäre, sind wir doch überzeugt, dass sich darüber mit Gewissheit etwas nach einem einzigen Exemplar nicht hätte sagen lassen. Denn in ein und derselben Rasse sind individuelle Abweichungen bei Schädeln so zahlreich, dass man, ohne sich groben Irrthümern auszusetzen, von einem einzelnen Fragment eines Schädels keinen Schluss auf die allgemeine Form des zugehörigen Kopfes ziehen kann.

Um indess keinen Punkt bezüglich der Form dieses Schädels zu vernachlässigen, wollen wir bemerken, dass von Anfang an die lange und schmale Form der Stirn unsere Aufmerksamkeit auf sich zog.

In der That nähern die geringe Erhebung der Stirnbeine, ihre geringe Breite und die Form der Augenhöhle den Schädel mehr dem eines Negers als dem eines Europäers. Auch sind, wie wir glauben, die in der verlängerten Form und dem vorstehenden Hinterhaupte liegenden Merkmale in unserem fossilen Schädel nachzuweisen. Um aber allen Zweifel hierüber zu entfernen, habe ich die Contouren eines Europäer- und eines Negerschädels zeichnen und die Stirnen darstellen lassen. Taf. II, Fig. 1 und 2 und die Fig. 3 und 4 derselben Tafel werden die Verschiedenheiten leicht erkennbar machen; und ein einfacher Blick auf die Figuren wird instructiver sein als eine lange und ermüdende Beschreibung.

Zu welchem Schlusse wir auch über den Ursprung des Menschen, dem dieser Schädel angehörte, kommen mögen, eine Ansicht können wir wenigstens aussprechen, ohne uns einer fruchtlosen Controverse auszusetzen. Ein Jeder mag die ihm am wahrscheinlichsten scheinende Hypothese annehmen. Ich für meinen Theil halte es für bewiesen, dass dieser Schädel einer Person von beschränkten geistigen Fähigkeiten angehörte, und hieraus schliessen wir, dass er einem Menschen von niederer Civilisation angehörte, ein Schluss, der durch einen Vergleich der Stirngegend mit der Hinterhauptsgegend gerechtfertigt wird.

Ein anderer Schädel eines jungen Individuums wurde am Boden der Höhle neben einem Elephantenzahn entdeckt; der Schädel war bei seiner Auffindung ganz; im Augenblick aber, wo er emporgehoben wurde, fiel er in Stücke, die ich bis jetzt nicht wieder zusammenzusetzen im Stande war. Auf Taf. I, Fig. 5 habe ich aber die Knochen des Oberkiefers abbilden lassen. Der Zustand der Alveolen und der Zähne zeigt, dass die wahren Backzähne das Zahnfleisch noch nicht durchbrochen hatten. Einzelne Milchbackzähne und einige Fragmente eines menschlichen Schädels rühren von derselben Stelle her. Fig. 3 stellt einen menschlichen obern Schneidezahn dar, dessen Grösse in der That merkwürdig ist[41].

Fig. 4 stellt einen Oberkieferknochen dar, dessen Backzähne bis auf die Wurzeln abgerieben waren.

Ich besitze zwei Wirbelbeine, einen ersten und letzten Rückenwirbel.