Zaubermärchen

Part 1

Chapter 13,479 wordsPublic domain

Produced by Jens Sadowski

Albert Ehrenstein

Zaubermärchen

1919

S. Fischer/Verlag/Berlin

Nicht da nicht dort Zweite veränderte Auflage (Drittes bis viertes Tausend)

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

Martyrium Homers Isfendiar Knecht seines Schicksals Traum des achthundertachtundachzigsten Nachtredakteurs Kimargouel Alte Geschichte Erziehungsroman Attentat Fluch Krasser Fall von Soldatenmißhandlung Ausflug Nitimur

Martyrium Homers

Ich protestiere feierlich gegen die unerhört kurzfristige Prophezeiung des genialen Dandy Ovid: »Vivet Maeonides, Tenedos dum stabit et Ida, dum rapidas Simois in mare volvet aquas.« Als ob Homer diese lausigen, durch das nächstfällige Erdbeben gehandikapten Örtlichkeiten nicht um Äonen überleben würde!

Ich protestiere ferner gegen die tolle Verdrehung meines zynischen Freundes Lukian, Homer sei während des Trojanischen Krieges (1193-1184 v. Chr.) Dromedar in Baktrien gewesen. Wahr ist vielmehr das Trottelwort archaischer Pädagogen: »Sieben Städte stritten sich um die Ehre, Homer geboren zu haben: Smyrna, Rhodos, Kolophon, Salamis, Chios, Skyros, Athenai.«

Warum sich aber die diversen Stadtväter so hartnäckig stritten, erfährt die leichtgläubig betrogene Nachwelt allerdings erst durch diesen Film.

1. Bild

Homer dichtet die Ilias und die Odyssee; der alte Mann geht vor seinem Zelte skandierend und die Leier schlagend auf und nieder.

2. Bild

Landgut des Odysseus: Homer trägt seinem König einiges vor. Odysseus läßt dem Sänger durch Sklaven einen Becher Wein reichen und ein Ehrengeschenk übergeben: eine milchstrotzende Kuh. Homer dankt freudig für die wandelnde Gabe, läßt sie durch einen Sklaven heimführen, trinkt und erklärt stolz, weinbesessen, kein Wesen hätte die Gabe mehr verdient als er. Und auf eine Statue des Phoibos Apollon deutend, versichert er, selbst dieser Gott hätte nicht besser, höchstens ebensogut dichten können wie er. Denn Apollon sei nur ein Stämmling des amusischen Zeus, er aber habe die Dichtkunst geerbt, ihn hätten Sänger, Phemios mit Demodokos, gezeugt.

3. Bild

Auf dem Olymp, von ca. neun Musen umtanzt, hört Phoibos Apollon diese frevle Selbstanzeige des Dichters und stürmt durch den weißen Bergnebel nach Ithaka: über die Schultern den Bogen gelegt und den Köcher voll tosender Pfeile.

4. Bild

Drohende Gebärden. Es kommt zum Wettkampf. Odysseus soll zwischen den Dichtern Apollon und Homer entscheiden. Apoll greift nach der Leier Homers. (Was der junge Gott singt, zeigt das)

5. Bild

Achilleus lehnt seinen leuchtenden Schild gegen die Mauer und versucht, mit seinem ungeheuren Eschenspeer anrennend, die Tore Trojas zu durchbrechen. Der Speer zersplittert. Der rasende Achill will die Tore mit seinen Händen aus den Angeln heben. Vergebens warnt, von der Mauer her dräuend, Apollon; der Pelide läßt nicht ab, und wie er des alten Troja wanke Tore auf seine Simsonschultern lädt, benützt ein Pfeil des Gottes die Achillesferse. Griechen und Troer kämpfen in den bekannten malerischen Posen um den Leichnam Achills. Während der dicke Aias die kühnsten Troer tötet, trägt Odysseus, schwer bedrängt, den Leichnam hinab zu den Schiffen . . . Dankbar verleiht Achills Mutter Thetis dem Odysseus die Waffen des Achill.

6. Bild

Odysseus vernimmt diesen bestechenden Lobgesang mit Rührung, doch Homer bleibt unbewegt, sein Lied

7. Bild

schildert die Liebe Apolls zu Daphne. Wie der verliebte Gott die sich über einer Quelle kämmende Nymphe beschleicht, belauscht, waldein, waldaus verfolgt -- die fast Erhaschte im letzten Augenblick zu ihrer Mutter, der Erde, bittend die Hände erhebt und abwärts neigt und von ihr in dürren Strauch verwandelt wird. So daß der Gott statt des süßen Mädchens den bitteren Lorbeer (daphne laurus) umfängt.

8. Bild

Als Homer geendet, wird in Apollon der Schmerz um die geliebte Daphne neu, er verhüllt sein Haupt, gleichgültig gibt der weinende Gott zu, daß ihn Odysseus für besiegt erklärt, drückt mitleidsvoll die Hand Homers, fährt ihm bedauernd über Augen, Wangen und Schultern und erklärt, da er besiegt sei, habe er nicht die Macht, von Homers Haupt das Schicksal eines Dichters abzuhalten.

9. Bild

Odysseus, ein Ruder auf den Schultern, verabschiedet sich von Homer. Poseidon, dem er den Sohn Polyphemos geblendet hatte, zu versöhnen, muß Odysseus eine Wallfahrt unternehmen, die so lange dauern soll, bis er ein Binnenvolk erreicht, das sein Ruder für eine Schaufel hält. Odysseus empfiehlt den Dichter der Fürsorge Telemachs und Penelopeias.

10. Bild

Aber Telemach ist immer auf der Wildziegenjagd. Und Penelope gibt dem Dichter, da er sich im Hauswesen nicht sehr nützlich macht (ihrer schwersten, blaumaschigen, zahmen Lieblingsstopfgans einen Fuß zertritt), stets kleinere Portionen, bis er endlich schweren Herzens, halb und halb verdrängt durch einen Konkurrenten, den Hausbettler Iros, den Entschluß faßt, den Palast zu verlassen. Penelope schmiert ihm zwei Käsestullen, und Homer geht auf die Wanderschaft.

11. Bild

Da er in frühester Kindheit die Eltern verlor und seine Vaterstadt, die ihn im Greisenalter zu ernähren hätte, nicht kennt, begibt er sich zunächst nach Reich-Asien. Phöniker, denen er dafür die von Odysseus geschenkte Kuh gibt, nehmen ihn mit auf ihrem Schiff.

Die acht Leidensstationen

12. Bild

_1. Smyrna._ Bevor der von langer Seefahrt und Entbehrungen geschwächte Dichter die Stadt betritt, färbt er sein ergrautes Haupthaar und den Bart. Singt auf den Plätzen ums liebe Brot. Aber das Volk verlacht ihn -- die Haarfarbe war schlecht gewesen, hatte ihm grüne Haar- und Bartlocken geliefert. Erschöpft setzt sich der arme, von höhnenden Kindern verfolgte Bettelmusikant im Stadtpark von Smyrna auf eine Bank und schläft ein, an die niedrige Stadtmauer gelehnt. Nicht gerührt durch die Tafel »Diese Anlagen sind dem Schutze des Publikums empfohlen«, langt ein Kamel über die Mauer und frißt, durch die grüne Farbe verlockt, Homers Schädel rattenkahl. Seitdem trägt er eine Perücke.

13. Bild

_2. Kolophon._ Infolge zu starken Kolophoniumgebrauchs und unausgesetzten Harfenschlagens beginnen Homers Finger zu eitern. Er fürchtet, die Hand werde ihm abfaulen, sehnt sich nach Ruhe, Pflege. Geht halb verzweifelt, halb sehnsüchtig einem schönen Weibe nach in den Tempel des Apollon Kourotrophos. Beugt sich und fleht den Gott an, das Weib möge wilde Liebesnächte und frische Jünglinge verschmähen und sich seiner erbarmen. Aber sie neigt sich einem Tempeldiener, und Homer bleibt nichts anderes übrig, als auch weiterhin die Ilias sowie die Odyssee zu verfassen.

14. Bild

_3. Rhodos._ Enttäuscht verläßt Homer Asien. Auf Rhodos wird ihm anfangs guter Empfang bereitet. Aber dann wird er in die Königsburg geführt und, auf einen sanft verblödenden Greis deutend, versichert man ihm, dies sei der Heraklide Tlepolemos, den er in der Ilias von Sarpedons Hand habe fallen lassen. Hierauf erklärt ein Sohn des idiotischen Greises, ein Tlepolemiker, wütend, Homer habe einen Schlüsselroman geschrieben, und dem Dichter wird der fernerweitige Aufenthalt auf der Insel behördlich untersagt.

15. Bild

_4. Chios._ Der gute Wein dieser Insel hebt wieder Homers Stimmung. Er singt seine Lieder vor sich hin. Da nähert sich dem Vertrauensseligen ein Jüngling phönikischen Aussehens: Phron. Bittet den Homer, ihm noch einiges vorzudeklamieren. Der Dichter tut es. Phron lobt ihn, bietet ihm an, selbst auch Homers Gesänge vorzutragen, und zwar allenthalben. Aber Homers Name sei noch jung und unbekannt, an Propaganda werde zwar alles Erdenkliche geschehen, doch dergleichen sei sehr kostspielig, kurz er nast ihm als »Entschädigung und Kostenbeitrag« den pramnischen Käse ab, den ein Bauer dem Dichter geschenkt, mäkelt dann noch an dem Käse und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Phron war -- der erste Verleger.

16. Bild

_5. Skyros._ Die Skyrioten feiern die Hochzeit des Peliden Neoptolemos mit Helenas und Menelaus' Tochter Hermione. Der Sänger Achills wird vom nichtbesungenen trunkenen rauhen Pyrrhus mit Hunden fortgehetzt.

17. Bild

_6. Salamis._ Homer kommt hier gerade zurecht, um einer zu Ehren des dicken Aias und des HEILIGEN Teukros abgehaltenen Prozession als Zuschauer beiwohnen zu können. Da der Kurzsichtige vor den Priestern die Perücke nicht abnimmt, wird er unter Pöbelgeheul von der Insel verjagt.

18. Bild

_7. Athen._ Als Homer vom Prytaneion ausgespeist zu werden verlangt, beantragt Platon, der Sohn des Kassner, den Rhapsoden, da der in seinen übrigens hypermodernen Gesängen Athen zu wenig genannt und auch sonst zu sehr der Unzucht gefrönt, unsittliche Vereinigungen des Zeus mit der Hera, des Ares mit der Aphrodite geschildert habe, durch das Scherbengericht aus Athen zu verbannen. Geschieht.

19. Bild

_8. Jos._ Halb erblindet und auf Vieren wankend, hier und da von mitleidigen Schiffern aufgenommen, irrt Homer von Stadt zu Stadt, von Insel zu Insel. Keine Bürgerschaft will ihn ernähren, er wird immer wieder als lästiger Ausländer abgeschoben, die Stadtväter jeglicher Gemeinde verwahren sich energisch dagegen, daß dieser schnorrende Krüppel ihrer Polis entsprossen sei. Am Strande von Jos ruht er endlich erschöpft aus. Fischerknaben, leere Netze auf den Schultern, steigen aus Booten und necken ihn. Geben ihm ein Rätsel auf: »Was wir gefangen haben, ließen wir zurück. Was wir nicht gefangen haben, tragen wir bei uns.« Homer sinnt verzweifelt, kann die Lösung nicht finden. Ein Phron ähnlicher Knabe: der Sohn des Phron, klärt ihn auf; da sie keine Fische zu fangen vermocht, hätten sie sich am Strande die Läuse gesucht, die gefangenen getötet, die nichtgefangenen unfreiwillig nach Hause mitgenommen . . . Die Lausbuben ziehen ab. Homer schüttelt klagend das Haupt; vor Gram, nun auch geistig gealtert über das einfache Rätsel der Jungen gestrauchelt zu sein, stürzt er sich von den Klippen ins Meer.

20. Bild

Das arme Grab Homers auf Jos. Inschrift: »Hier deckt die Erde das heilige Haupt Homers, der in seinen Liedern die Helden sang.«

21. Bild

Zeigt den Bauch des Regierungsrats Professor Methusalem Leichenstil, der, um schneller zu avancieren, sich allen bildlichen Schmuck des achilleischen Schilds auf den Bauch tätowieren ließ.

22. Bild

Unterrichtsstunde bei Professor Leichenstil. Neben dem Katheder steht, Phron und dessen das Rätsel erklärendem Sohne sehr ähnlich sehend, der Primus Eugen Pelideles. Schnattert: Sieben Städte stritten um die Ehre, Homer geboren zu haben: »Smyrna, Rhodos, Kolophon, Salamis, Chios, Skyros, Athenai.«

Meer wogt gegen das Kathederpodium, auf den Wellen daher treibt ein Leichnam: Homer. Wie der Tränen-Blick seiner toten Augen auf Pelideles fällt, beginnen seine Wunden zu bluten . . . und rauschend über alles und alle stürzt das Wasser der Zeit.

Isfendiar

Es wird berichtet, daß die Stimme sprach gegen Isfendiar Zualkarnain und ihm befahl, seine Lenden todwärts zu gürten. Und da er auf seinen Reisen alle Gegenden und Menschen genossen hatte, sagte er vor sich hin: »O blinder Sklave des Geschickes, wohlan, freue dich endlich, denn nun wirst du erfahren, was nach diesem kleinen Leben sein wird.« Also haderte er nicht mit jener Stimme letzten Befehls, sondern gebot Sklaven, ihm seine zwei Hörner wie für ein Fest zu putzen. Und nachdem er noch vorsichtshalber einen ganzen Wildesel verzehrt hatte, bestieg er ein Eilkamel, um nicht zu säumen und so zu beleidigen den Ruf des ehrwürdigen Todes. Aber seine Dichter, die Nachtigalleulen, begannen auf eine schöne Weise zu klagen und versuchten, sein gleichgültig schauendes Herz mit ihren gelinden Traurigkeiten zu erfüllen und den der neuen Sache Beflissenen wieder an die knappen Habseligkeiten des Lebens zu binden. Das Eilkamel jedoch in dreihöckeriger Weisheit erinnerte sich verzehrter Dattelkerne, und indem es den Dichtern warmen Mist des Lebens ließ für die rauhen Nächte der Zukunft, verschwand es mit dem König der Zeit im Walde. Er aber sprach zu seinem Bart: »Nicht begreife ich die sachte Trauer der Gefährten meines Atemholens. Wenn ich ihnen entgleite, so können sie mich doch zurückhalten in den Bogen und Windungen ihrer schlangengleichen Gedichte. Ich aber habe es schwerer als diese Gezähmten: ich muß etwas tun. Nun habe ich einen ganzen Wildesel gegessen, denn es ist nicht gut, dem Tod angstvoll und mit hungerndem Magen entgegenzutreten. Sollte er mir nicht gefallen, so kann ich, ein Herr, ihm wenigstens mancherlei ins Gesicht rülpsen, wie es sich gebührt. Doch noch sehe ich hier niemanden, der mich töten könnte.« Indem er also seinen Unwillen, auf den Tod warten zu müssen, ärgerlich kundgab, erschien auf dem Wege ein weiser Wildkater und klärte ihn auf: »Nicht dies ist der Weg zum Tode, o König Zweihorn; du könntest allerdings, wenn du schneller ans Ziel gelangen willst, gegen die Bäume reiten. Aber du reite lieber diese zwei Wälder hier seitwärts durch, und wenn du im Waldwinkel an der letzten Lichtung meine Frau siehst, so sag ihr, daß ich sie noch heute besuchen werde.« Da dankte der König dem liebenswürdigen Kater, und als er einen halben Kamelritt weiter wirklich die wildernde Katze erblickte, grüßte er sie höflich und richtete seine Botschaft aus. Dafür belehrte ihn die Wildkatze freundlich über die nahe Möglichkeit eines annehmbaren Todes -- nur eine Parasange weit!

Und als er sich über diese Strecke hinweggesetzt hatte, traf er richtig dort einen Mann, an Stärke gleich einem ausgewachsenen Löwen. »Nächstens lasse mich nicht so lang warten,« brüllte der Mann. »Mein Name ist Rustan. Ich bin dein Vater. Und da ich dich ins Leben gesandt habe, schickt es sich auch, daß ich dich töte.« Begann auch sogleich dem unpünktlichen Sohn die Hörner aus dem Kopf zu drehen, und Isfendiar Zualkarnain ehrte den Vater, getreu dem Gesetz des Propheten. Er wagte es nicht, diesen Tod am Barte zu zupfen, noch auch ihm den vorbereiteten Esel ins Gesicht zu rülpsen. So benommen war er von den Schmerzen des Lebens.

Knecht seines Schicksals

Auch über Analama, der auf der Insel Quo-uk mit den Schwänen lebte, kam das mannbare Alter, er mußte den grauen Chroglu überschreiten und fiel in das verfluchte Königreich Uttarakuru. Wie das immer so ist, meldete sich die Königstochter unpäßlich, und ihm blieb nichts anderes übrig, als mit den Ungeheuern des Blutflusses Uhuru zu kämpfen. Sein Sinn aber stand nicht nach Streit, sondern nach den sanften Gelöstheiten des Daseins. Er sehnte sich nach intimen Wangen, Frauenhaar, Schenkeln von himmlischer Güte. Die Königstochter aber tat andauernd unpäßlich. Da blieb auch Analama der Ströme seines Blutes nicht länger Herr. Er fand, daß die Norne Langeweile die Zeit stickt, wollte die gefrorene Zeit töten -- und aß nur seine Uhr auf. Er wollte alle Weiber vernichten -- und riß nur etlichen Mädchen mit besonders aufreizenden Waden die Zöpfe aus. Die keusche Königstochter blieb andauernd unpäßlich. Analama drückte sich mit seinen eigenen Fingern famos die Augen aus, nichts mehr vom Sein zu sehen. Die Königstochter zertrat seine Augen und empfahl dies Püree ihren Katzen. Analama verließ sich. Die Königstochter brachte die gesetzlichen Thronerben: junge starke Hunde zur Welt.

Traum des Achthundertachtundachtzigsten Nachtredakteurs

Und Schahrazad bemerkte das Grauen des Tages und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch als die achthundertundachtundachtzigste Nacht da war, fuhr sie also fort: »Ich vernahm, o glücklicher König, daß im Lande der besoffenen Ströme ausnahmsweise ein geiernasiger Jüngling lebte, der gern im Schlaf ertrank, und da er wenig arbeitete, Hunger trieb. Seine Sehnsucht und Begierde ging gleichwohl nach dem Faulen unerreichbarer Gewürze, und wegen dieser seiner dicken Gewohnheit nannten ihn die Ungläubigen Schinkenstern.

Als er eines Tages seinen Magen nach den Marzipaninseln traumwandeln ließ, überfiel ihn ein Schnellzug und ließ nicht ab, ihn davonzutragen, bis alle Kohlen verdampft waren. »Dies ist nicht das Land des Safrans und der Wohlgerüche,« jammerte der Entführte, als er sich nach einem wahnwitzig schrillen Pfiff in einer robusten Halle ausgesetzt sah. Weil es notwendig war, brach er die Dämmerung seines Geistes ab und suchte nach einem Sofa, wo er sein Haupt niederlegen könne. Weiter strichen seine Pläne nicht, und indem er an einem Hotelportier vorbeiging, erreichte er es, mehrere Meldezettel ausfüllen zu dürfen. Nachdem er diese Dämonen besiegt hatte, warf er sich in den Schlaf, ob ihm vielleicht die Deutung der zu erwartenden Träume seine innersten Gedanken enthülle. Doch der Schlaf spie ihn rücksichtslos, traumlos wieder ins Leben aus, und als der Unglückliche zum abertausendsten Male kläglich im Raume erwachte, veranstaltete er einige Augenblicke der Besonnenheit. Aber ehe er etliche Vernünftigkeiten ausgeheckt hatte, verdrängte der Schrei nach einer Buttersemmel das Gekrächz seiner Seele. Als er dann, noch verdauungsmatt, seinen Kopf aufzusetzen versuchte, fand sich dieser nicht, und so beschloß er, seine Leiblichkeit vorläufig dem Hin und Her des Zufalls zu schenken. Keinesfalls war er jedoch geneigt, allzu hündische Arbeit zu tun, und wollte lieber den Verhandel mit der Erdenwelt abbrechen. Er begann also über die Oberfläche der fremden Straßen als ein gemäßigter und nicht ganz zielloser Spaziergänger hinzugleiten. Seine Augen grasten ruhig die Erscheinungen ab und fielen schließlich in die Blätter, aus denen zahlreiche Toren sich über den Gang der Gestirne zu unterrichten versuchten. Da schlug in ihn ein schnelles Erinnern, und seine futterwitternde Geiernase, die ihm aus einem Spiegel entgegengrinste, bestärkte ihn zu einer seellosen Zeit in gewissen Betrachtungen.

Er besaß zwar keine Feder der Fülle, aber an Schalttagen drangen tollkluge Worte aus ihm. Wenn er auch bezweifelte, daß diese seltenen Schalttage je sein ganzes Jahr anstecken würden, war er sich doch einer bescheidenen Kenntnis einiger, aber bei weitem nicht aller Gesetze der Interpunktion bewußt, und verdammte sich kalten Herzens dazu, von seiner Durchschnittssprache zu leben. Dieszwecks legte er Zylinder an, und ehe er sich noch hatte warnen können, verscholl er in einem Verlagsgebäude. Er hätte besser getan, sich des Zephirs der Welt zu berauben. Denn als er vor den Journalisten der Zeit trat, zersetzte ihn der Druckgewaltige folgendermaßen: »Du gehörst zu den weltfremden Siriusochsen und bildest dir zwar nicht den Besitz des Stilmonopols ein, bist aber trotzdem stolz darauf, als erster den Ipunkt unter dem I befestigt zu haben. Ich kann jedoch nur eine rechtschreiberische Schreibmaschine brauchen.« Da ließ sich der Verräter Schinkenstern sterben, er antwortete: »O, König der Zeitung, ich höre und gehorche, Ich war ein Ifrit von den Marids der Dschann und bin bereit, den Eid auf das Zeilenhonorar abzulegen. Ich habe es eilig, ins Nichts zu hasten. Ich war mitunter die Zunge der Dinge. Werde ich es weniger sein, wenn ich mich zur Stimme des Rindviehs mache? Möge ich bald an einem Druckfehler sterben!« »Ich sehe, du gehörst zu den schwachen Zugtieren, die, statt ein Ende zu setzen, ihren unüberwindlichen Magen anklagen, o Halbdichter!«

Es wird berichtet, daß der Geiernasige zunächst zum Besprechungsliteraten herabsank, einer jener vielen Kritikastraten und Verschnittenen wurde, die eifersüchtig den Harim des Ruhmes bewachen. Er ward eine kahle Negation, legte sein Gehirn bloß, exhibitionierte mit der raschwachsenden Glatze der Weisheit, aber seine Seele war im Übersatz. Er schrieb nur Kartoffeln, und die Worte der Dichter verdienten, mit Nadeln in die Spitzen seiner Augenwinkel geschrieben zu werden. Da bemerkte er endlich das Graue seines Tages und hielt inne in dem verstatteten Leben. Allah übersetze ihn nicht!

Kimargouel

Kimargouel, der berühmte, ja komponierte Verfasser des »Erysichthon« und der steilen »Agaoue«, war in seinen frühroten Tagen ein strebsamer Mensch. Autochthon, Ureinwohner, dem 23. Bezirke Wiens entsprungen, kaufte dieser Hellene als Obergymnasiast energisch ein Lotterielos. Während -- Ritualmord und Pogrom -- seine arisch-mosaischen Mitschüler erbarmungslos, reihenweise von Hannibal und dem schwitzenden Prosaiker Vergilius Tacitus hingeschlachtet wurden, bat er egoistisch, für einen Augenblick austreten zu dürfen, und begab sich auf die Weltreise. Mitnichten aus seiner nachmaligen, posthumen Produktion -- weder aus dem explosionistischen Gedichtband »Graue Spucke«, noch aus der apathischen Skizze »Vieldüstere Barke« -- ließe sich diese Tatsache entnehmen.

Über die Pyramiden stolpernd oder hintanzend, des Aufenthalts im paßverpesteten Mangohain satt, kehrte er heim in eine jähweiße Villa am tollgrünen Meer »Breitensee«, das, den Herrn zu grüßen, schäumend über die Ufer trat. Einziges Denkmal seiner Fahrten und Fahrscheinhefte ist das einer bibliophilen Elite geweihte, bekanntlich in japanische Götterhaut gebundene »Tagebuch eines Faulenzers«. Wer je in diesen Annalen, in den schlohweißen, von solchem Unflat wie Druckerschwärze nirgends angekränkelten, leeren Großfolioseiten gelesen hat, weiß, daß dieser illuster schmale, ephebenschlanke Prachtband so was Profanes wie Aufzeichnungen selbstverständlich nicht enthält, da dergleichen, und ganz besonders ein Tagebuch, ja auch eines echten Faulenzers durchaus unwürdig wäre. Irgendwo in einer geheimnisschweren Ecke allerdings, sozusagen als Randleiste unter barocken Riesenlettern: den so wechselnden Titeln seiner Büchlein, ist in winzigen Buchstaben die schmerzsaure Weisheit dokumentarisch niedergelegt: »Meine Weltreise? Ich irrte im Irrfeld. Ich fiel von A nach B!« Aber das ist doch wohl mehr biographisches Kuriosum und keineswegs jene »-ische Reise«, die das deutsche Publikum seit Seume und Goethe mit Recht von seinen rüstigen Lebensverklärern fordern darf. Ich bitte Sie: ein Klassiker hat doch Verpflichtungen!

Doktor Oranke natürlich, sein mitleiderregender Verleger, durch eine chimborassohohe Monatsrente an Kimargouels schriftstellerisches Schicksal befestigt, entatmend vor Schreck und Scheck über die sterile Produktivität, die von Kimargouel multimillionärisch-luxuriös projektierten Ipunktsammlungen dieses Liebling-Autors seiner früh verwitweten Freundin, verlor seine gütig philanthropische Gesinnung im Hasard an einen Restauflagenkäufer. Festgelegt nun durch den unseligen Alleinbesitz von Menschenhaßaktien, wollte Doktor Oranke der nebenbuhlerischen Liebhaber-Ausgabe, dem ansonst für letale Phthisis sich entscheidenden Kimargouel kein zweites Leben vorschießen. Kimargouel blieb nichts übrig, als sich in einem deutsch-österreichischen Prytaneum ausspeisen zu lassen und daran zu verhungern; er verhustete ratenweise, aber in sparsamen Dosen seine sanft eiternden Lungenflügel. Im Endtraum bat ihn keuchend ein herkulischer Dienstmann aus der Wurlitzergasse, der geile Riese Atlas, für einen Augenblick austreten zu dürfen und setzte ihm das Firmament ins Genick. Unter diesem massiven Zylinder währte die Todesangst und Agonie, das Aussterben Kimargouels vom 29. Februar bis zum 1. April -- wie jedermann aus dem ithyphallischen Wortnachlaß weiß, aus der soeben in mehreren Exemplaren erscheinenden Reim-echolalie »Rast unter der Himmelslast«.

Den letztgenannten Tag verbrachte Kimargouel in hellsichtiger Anschauung seines Skeletts, die Knochen zählend.

Sein Ultimo, sein sonderbarer Lebensabend, sein stilgemäßer Eingang ist wohl allen noch in schwermütiger Erinnerung. Wie der Gefeierte, plötzlich wie ein Expressionist, tatsächlich stockend, aber doch rhythmisch aus seiner trauerschwarzen Waldvilla kongenial hinanschritt und antikisierend, ovidische Metamorphose, sich scheinbar wandelnd überging und entschwand in eine von unbedruckt-schlohweißen Plakatüberklebseln bedeckte Litfaßsäule, die allsogleich ein mißfarbig schwarzer Aussatz umzog; enträtselt wurden nur Annoncen seiner Bücher und die in einer merkwürdigen Antiquafraktur abgesetzten mystischen Urworte »Enschedé en Zoonen«.

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