Zarastro: Westliche Tage

Part 11

Chapter 113,618 wordsPublic domain

Die Theorie einer immer strengeren Auslese -- der Natur selber entnommen --, weit entfernt, eine hochfahrende zu sein, ist ja die demütigste der Welt. Keine führt so tief in unser Inneres hinab, um aufs neue dasselbe Schauspiel wie nach außen zu enthüllen. Denn hier sieht sich der Berufene noch einmal einem ganz ähnlichen Kampfe überwiesen. Wie unbegreiflich sind oft seine Schwächen! ebensovielen untergeordneten Wesen vergleichbar sind sie gegen ihn in Aufruhr und sind beständig die Schlingen gelegt. Daß der Gerechte siebenmal des Tages fällt, konnte nur ein Gerechter äußern. Zwar ist sein Merkmal, sich immer wieder aufzurichten und einzuholen. Aber jedes versagen läßt an Boden verlieren, die Gelegenheiten sind gezählt, und eines Tages ist man hinter sich zurückgeblieben. Keiner ist auserwählt, der sich nicht durch eigene Kraft dazu vermochte. Berufener und Auserwählter, wie gefährdet sind beide! Denn so manchen, der seinen behielt, stürzte ein Laster von seiner Höhe.

* * * * *

Und nun kam ein Tag, an dem Montreux, bunt wie ein Jahrmarkt, den tollsten Anblick bot, seitdem es stand. Alle Länder der Erde -- bis auf die paar niedergerungenen -- beflaggten das Ende des Krieges. Und nicht nur an den Dächern und von den Fenstern, den Mauern und Toren, sogar an den Menschen selbst schlugen Fahnen hin und her; von den Jacken, den Hüten, ja den Händen der Kinder zogen Fähnchen auf. Schon sprangen die internierten Offiziere mit sehr deutlicher Siegermiene (kannte man die nicht von Potsdam her?) von den Autos ab. Es war ein allgemeiner Jubel, von Hohn und Verwünschungen untermischt. Wer diesen Tag hier erleben mußte, der erwartete nichts. Dem kündete sich der Geist des Friedens von Versailles und Saint Germain. Das jubelnde Gewoge, die Saturnalien von Fahnen raubte mir die Fassung. Ich lief meinen hervorbrechenden Tränen davon, die Häuser entlang, am Bureau des Hotels vorbei, in mein Zimmer hinauf, wo ich mir den Schleier vom Gesicht riß: ein Klageweib! -- Prophetin meines eigenen Schicksals, als ich zu Anfang dieses Krieges schrieb: »Leute wie wir, werden am Tage des Sieges sich verkriechen müssen, denn immer wird es Jerusalem und seine Kinder sein, um die wir weinen werden.«

Die Hungerblockade blieb von den Siegern, die für Recht und Menschlichkeit gekämpft hatten, über den erdrückten Gegner, auch nach Einstellung der Feindseligkeiten, verhängt. Und es lag, wie Rolland mir vorhergesagt hatte, nicht im Interesse der Sieger, die edle und gepeinigte Opposition in Deutschland zu stützen. Eine unsympathische Regierung als Aushängeschild des deutschen Volkes aufrechtzuerhalten, gehörte vielmehr zu den strategischen Notwendigkeiten dieses Winters der Friedenspräliminarien von Versailles. Da ich kein Kriegsbuch schreibe, seien die nächsten Monate überschlagen.

Während dieser Zeit fuhren die Militaristen aller Länder fort, sich wacker in die Hände zu arbeiten, und über jede Härte und Unmenschlichkeit der Alliierten triumphierten die Anstifter der Verwüstungen und Deportationen. Denn so kam doch ihre Mühle wieder ins klappern, und das Wort von der »erdolchten Front« schnupperte aushorchend in der Luft. Damals wurde ich aufgefordert, so manchen ganz vergeblichen und würdelosen Appell zu unterzeichnen, mit dem Hinweise, früher hätte ich zu protestieren gewußt, jetzt, wo die Untaten von der andern Seite geschähen, schwiege ich mich aus. Ich zog es aber vor, auch hier meine Kundgebung solo zu verfassen; sie erschien in der Neuen Zürcher Zeitung.

Denn sie hatten ja recht: es galt zu sagen, daß diese ganze Welt ununterschiedlich des Teufels war. Traurig stimmte es nur, daß all die Mahnrufe und das viele Aufbegehren aus den Reihen derer stammten, die vielfach kein Recht dazu besaßen, während sie schwiegen, die wirklich Unschuldigen, abscheulich in Stich gelassenen, Betrogenen, die während des Krieges auf Gefahr ihres Lebens ungenannt und langen Mutes vor Gottes Angesicht das wahre Deutschtum vertraten.

In der Opposition entdeckten sie jetzt alle ihr Herz. Mit welch herrlichem Gefühl und welch aufrichtendem Stolze stand Heinrich Mann der Republik zu Pate! dort riß nicht ein einziger aus; bei dem vielverfolgten Lichnowsky, laut des Friedensvertrages tschechisch gewordenen Magnaten, angefangen, der sich als Deutscher erklärte; was ich wirklich nicht erwähnen würde, hätten nicht so viele Patrioten aus ihren Papieren fremdländische Patente herausgeklügelt und sich mit einem Male als Schweden, Schweizer, Holländer, sogar als Engländer präsentiert. Die beste Illustration für den Nationalismus, die es geben kann.

Jenes Wort, welches mir seinerzeit so verübelt wurde, daß es Boches in jedem Lande gäbe, sollte sich übrigens nur zu sehr bewahrheiten. Jeder Militarist, gleichviel welcher Staatsangehörigkeit, ist ein Boche. Und wenn er Schimpanse zu Aufsehern eines Volkes bestellte, das der Welt einen Grünwald geschenkt hat, so wäre er eben ein Boche; jener Grünwald aber, ob er sich ihn noch so oft holte, ei, der bleibt deutsch.

Als ich um die Blütezeit zum ersten Male wieder das deutsche Ufer des Bodensees sah, war ich von der Pracht seiner Bäume bewegt. Diese wenigstens konnten dem armen und geschlagenen Lande nicht genommen werden. -- Und diese eben hatte es dem andern mit großer Genugtuung meilenweit abgehackt. Es ist ja das typische Merkmal des Militaristen, zu glauben, daß er den andern trifft, wo er sich selber entehrt.

FEBRUAR 1919.

Mit dem Berner Internationalen Sozialistenkongreß, dem seit August 1914 einzigen Ereignis von wahrhaftem Sein, das mitzuerleben mir vergönnt war, schließt dieses Buch.

Hoch über den Bernina-Alpen und dem Julier türmten sich die Wolken zu goldenen Toren und zu glühenden Rossen. Phaeton, wieder erstanden, lenkte sie wieder, die italische Ebene im Angesicht. Die Spuren der Räder, waren sie nicht der Rauch, der am Himmel verflog, während nach Norden hin das Gebirge zu Tod erblaßte? Auch der nach Süden gerichtete Wald starrte unter der Last des Schnees. Doch die Luft wehte so befiedert leicht über ihn hin, und es herrschte ein Licht wie über Palmen. Man hatte Glatteis unter den Füßen und war dem Winter entronnen.

Aber Fortunios Gesicht war wie zerhöhlt von Ungeduld. »Haase ist schon in Bern,« sagte er, »der Kongreß ist im Gang. Wir müssen hinab.«

Da es der erste war, dem ich beiwohnen sollte, verband ich weiter keine Vorstellung mit ihm, als die mehr oder minder langweiliger Reden, und ohne sonderliche Erwartungen betrat ich zum ersten Male den Saal. Kein Delegierter aber drängte von nun an eiliger zu ihm zurück. Oft war er in der Mittagspause noch geschlossen, als ich schon davor wartete.

Zu den Morgensitzungen ging Frau v. Schreckenburg mit mir. Nachmittags saß ich am Tische mit Fortunios, vor uns die Franzosen. Da waren Renaudel, Cachin, Longuet, Rappaport, Loriot, Faure, dann kam der englische Tisch mit Henderson, Macdonald, Norman Angel. Von dort leuchtete das leichte Gold von Mrs. Snowdens Haar. Sie trug keinen Hut. Der schöne, zarte und energische Kopf war der Lichtpunkt des Hauses. Die Deutschen und Österreicher saßen ganz vorn, zu weit entfernt, um sie zu unterscheiden, es sei denn, daß sie sich erhoben.

Bleich, abgezehrt, den schmalen und ehrwürdigen Kopf ein wenig seitwärts, stahl sich im fahlen Schein des Wintervormittags der, eben von der Bahn gekommene Eduard Bernstein bescheiden herein. Die französischen Sozialisten sahen ihn zuerst, eilten auf ihn zu und begrüßten ihn stürmisch. Daraufhin erhob sich der ganze Saal zu einer Ovation. Wie frohlockte da mein undemokratisches Herz!

Als Viktor Adler auf das Podium trat, gaben wiederum die Franzosen das Zeichen zu einem lang andauernden Applaus. Adler war der Motor des Kongresses. Unerbittlich die Mitte einhaltend, wies er jede Parteilichkeit schroff zurück, von welcher Seite sie auch stammte; ihm war das gleich. Sein blasser Löwenkopf tauchte dann zum Angriff auf: »Un homme politique, mais pas de bonne politique«, forderte er Renaudel heraus. Seine Stimme klang wie Erz. Aber allen Differenzen, Vorwürfen, Ausreden, Angriffen zum Trotz fing eine Einigkeit sich herauszuschweißen an, und wie unter einem glühenden Hammer stoben Funken zu einer Garbe auf. Haß schmolz zu Mitgefühl. -- Zwar wurde jenen deutschen Delegierten, welche die Politik ihres Landes zu verteidigen suchten, prompt die Unmöglichkeit eines solchen Unterfangens zu Gemüte geführt, stellten aber dann ihre Angreifer den deutschen Militarismus immer wieder allein an den Pranger, so wurden sie regelmäßig von Zwischenrufen wie: »Et le militarisme français! et le nôtre! et tous les militarismes!« von der französischen Linken unterbrochen.

Überhaupt war dieser französische Block der beste, der wärmste. Von ihm ging das Unbehagen aus, wenn ausschließlich das deutsche Sündenregister stieg. Scheu, Zartgefühl, Respekt (ja Respekt!) vor dem Geschlagenen (weil geschlagen), sie stammten von dort. Und schon gärte die Atmosphäre wie ein starker Wein. Klug wie ein Erzengel ließ der hochaufgerichtete Huysmans mit dem schönen Donatellokopf bei den Reden, die er französisch und englisch übersetzte, alles Unwesentliche fallen. Oft waren sie lebendiger als im Original. Behender löst kein Eichkätzchen die Haselnuß aus ihrer Schale.

Ach, so viele gute Menschen waren hier! Unbeweglich, als wäre er nur eine Zimmerpalme, hielt sich unser aller A. H. Pax im Hintergrund; und wie Kerzenlicht im Mittagsscheine tauchte bald hier, bald dort Fortunio unauffällig auf.

Hin und wieder kam in Frack und weißer Binde, pour finir sa soirée, ein Attaché gegangen und wirkte in dieser so weit vorgreifenden Luft wie eine Varieténummer aus einer veralteten und komisch gewordenen Welt. Der eine oder andere blieb gebannt, und die Geschniegeltheit fiel von ihm ab.

Die Fürstin Patschouli aber war sehr ungehalten, was sie nicht hinderte, mir zwischen zwei Sitzungen ihren stärkenden Kaffee zu brauen. Sie wollte wissen, wer mich denn so interessierte. Ich nannte einige. »Quels noms!« sagte sie, zum Himmel emporblickend.

Als Partei interessierte mich ja der Sozialismus so wenig wie jede andere. Aber das Ergebnis der kapitalistischen Ära war ein wirrer Knäuel ineinander verbissener Verbrecher, und es war eine Welt, welche der Sozialismus jedenfalls nicht bereiten half. Er hatte keinen Teil an ihr. Deshalb nur gab es keine andere Brücke als ihn, denn er war nur ein Weg, der weiterführt, indem er zurückgelegt und überwunden wird, niemals ein Ziel.

Woher kam es aber, daß er, der angeblich auf rein materialistischer Grundlage beruhte, er allein unter allen Parteien, ohne Anstoß zu erregen, christliche Gleichnisse anführen durfte. Warum, statt Schamröte in die Stirn zu treiben, war es so rührend, wenn der geistvolle Longuet, der auf dem Podium auf und ab zu gehen pflegte, während er sprach, ein Zitat aus den Evangelien gebrauchte, oder wenn Mrs. Snowden eine Rede mit den Worten schloß: denn wir sind Brüder?

Nach ein paar Tagen kannten wir einander fast alle. Einmal fielen wir an eine Tafel aus im geschlossenen Raum; eine unbändige Heiterkeit bemächtigte sich unser, aber wir blieben sitzen. Ich spielte mich auf die Wirtin auf und machte die Tischordnung, als sei das Essen von mir, A. H. Pax vermißte die Schnäpse, und wir kamen nicht aus dem Gelächter. Etwas in unserer Befreitheit erinnerte dabei ganz deutlich an jenes Gastmahl im Neuen Testament, von welchem der nicht im Feierkleide erschienene Eindringling in die äußerste Finsternis zurückgewiesen wurde. So hatten auch wir keine unsicheren Gestalten hereingelassen.

Ich werde mich schwer hüten zu sagen, wer meine Tischnachbarn gewesen sind. In streng geschiedenen Gruppen, die einander nicht mehr kannten, fanden wir uns im Saale wieder ein. Denn wie der Chor der Gefangenen in »Fidelio« wußte man sich belauscht mit Aug' und Ohr, und vermied es, von Lager zu Lager sich zu grüßen.

Der Sonntag.

Er bildete die große Orgelpause des Kongresses. Um so lebhafter war in der Stadt das hin und her. Als ich die Treppe des Hotels Bellevue hinabging stieß ich mit Kurt Eisner zusammen. Er war schwarz und ganz neu angezogen. Auch der schwarze Schlapphut war neu. Wir wechselten ein paar Worte. Ich kannte ihn zwar noch nicht, aber so hielt man es in jenen Tagen.

Leider war mein Zimmer winzig klein. Um Raum für den Kaffeetisch zu schaffen, mußte das Bett zum Sofa werden, und ich schüttete Kissen gegen die Wand. Um fünf Uhr erschien Haase. Der niedere Kragen, Kleidung, Struktur waren die eines Mannes aus dem Volk. Dabei lag in der Haltung des Rückens und der Schultern eine ungemeine Würde. Aber wenn sie Widerstand und Energie ausdrückten, so sprachen sie auch von rücksichtslosem Verbrauch sich verzehrender Kräfte.

Auf dieser Figur eines Arbeiters saß ein Kopf, ganz beherrscht von stark auseinanderliegenden, majestätisch geweiteten Augen. Psychologisch viel zu neu, um an einen Rembrandt zu erinnern, schien er zugleich durch die Straffheit der bis zum Reißen gespannten Züge und ihr tragisches Kolorit nach begeisterten Evokationen seines Pinsels zu rufen. Wie der Ratsherr einer noch nicht errichteten Stadt -- die Leidenswerkzeuge unsichtbar im Wappen eingetragen --, so blickte, so ging, so bewegte sich Haase, so saß er jetzt in unserer Mitte, die Zeit besprechend und die Gefahren des revolutionären Deutschlands. Wir hörten zu. Es wäre falsch, von Ahnungen zu reden. Die Bangigkeit um einen Mann von Haases Edelsinn und Güte war ganz instinktiv.

Plötzlich klopfte es. Die Stimmung und Geborgenheit unseres Zusammenseins war mit großem Geklirre dahin. Bestürzt sah ich Eisner eintreten, den ich doch gebeten hatte. Aber eine so andere Zone des Geistes brach mit ihm ein. Er trug sich wie am Morgen komplett in Schwarz, kein Stäubchen, vom schwarzen Schlapphut bis zu den Stiefeln (wie um die Reporter lügen zu strafen, die seine nachlässige Kleidung verkündet hatten). Halb Wotan, halb Konfirmand -- grau, nur der schüttere Bart und die müde Farbe des Gesichtes. -- Fortunios und ich saßen jetzt zu dritt auf dem Bett, und alle allgemeineren Themen traten vor dem besonderen der bayrischen Revolution zurück.

Eisners romantische Schwäche für Bayern verriet sich sogar in einem hin und wieder freiwillig angeschlagenen Dialekt, dessen Unnatur etwas rührendes hatte. Und so war es mit der Revolution; sie war das Abenteuer seines Herzens, sein Geniestreich; was aber an dem Bilde fehlte, war die Kenntnis Bayerns: die Bayern, die sich hinreißen lassen, sind nicht dieselben, die sich wieder eines anderen besinnen . . .

Etwas an München wird vielleicht noch lange bewirken, daß neue Sterne darüber aufgehen, etwas bewirkt aber, daß sie schnell wieder zu verlöschen drohen, günstige Konstellationen geraten dort sogleich mit entgegengesetzten in Brand. Eisner erzählte wie ein Rhapsode und besaß kein Ohr für das vielfältige Rauschen der mitten im Sturm entrissenen Meeresmuschel. Dies gab seinem Liede den schrillen und beängstigenden Ton. Haase das Wort abschneidend, erzählte er von dieser und jener Episode, die alles verderben sollte, und wider erwarten alles gelingen machte. Und Haase ließ ihn, wie ein älterer Bruder gewähren. Bei ihm war die Basis viel breiter; er wirkte harmonisch wie eine Orgel, die Macht war die Sache für ihn, für Eisner dagegen war sie die Arie, seine Bravourarie, an die sein Ohr sich fing. Nur wer näher zusah, gewahrte inmitten der scheinbar selbstgefälligen Glorie den erloschenen, weltabgewandten Blick und die bereite, heroische Absage an das Leben. Zu Haase gewendet: »Das wäre der Gipfel meiner Laufbahn,« sagte er, »mit blauweißen Fahnen gegen Preußen zu ziehen.«

Aber »Fahnen« hatte er gesagt. Fahnen, Feste, Ansprachen, solcher Art waren die sündenlosen Waffen, zu welchen er griff. Für so ehrwürdige Ansichten belehrte ihn die rohe Kugel eines besseren, und schlug sich dies musische Haupt gegen das Pflaster zu Tode.

Spät verließen wir an jenem aufregenden Abend meine Zelle: die beiden Delegierten gingen noch zu einer Ausschußsitzung; viel zu erschöpft und aufgewühlt, um allein zurückzubleiben, aß ich mit Fortunio zu Nacht. Lange sprachen wir noch von den beiden. Er meinte, Eisner sei viel zu feinfühlig, als daß ihm entgangen wäre, wie sehr wir Haase vorgezogen hatten. Nun hatte ich einen neuen Grund, bedrückt zu sein.

Leider reiste Haase schon am nächsten Morgen ab, und wir andern saßen wie gewöhnlich im »Volkshause«, als, eine große Stille entstand, weil Eisner das Podium betrat. Es war aber der Morgen jenes Tages, an dem er seine denkwürdige und verhängnisvolle Rede zugunsten der Gefangenen hielt. Sie begann mit einer schonungslosen Preisgabe der deutschen Kriegführung, deren Verbrechen er nicht beschönigte, deren Recht, etwas zu fordern, er vielmehr verneinte. Dann eine abrupte Wendung nehmend, stellte er fest, daß in keinem Lande die Gegner des Krieges so tief gelitten hätten wie die deutschen, und mit jedem Worte wurde sein tonloses und dabei scharfes Organ gebieterischer. Es war unerhört, wie Eisner jetzt über sich selbst hinauswuchs. So buchstäblich war der Geist über ihn, daß seine Person nur mehr wie ein von ihm verlassener und vergessener Schatten die Tribüne behauptete. Was nun verlautete, war ein Plädoyer für Deutschland, wie es niemals ergreifender formuliert wurde. Seine kalte Stimme beibehaltend, die in die Gemüter schnitt, enthüllte er die ganze Tragik seines unglückseligen Volkes. »Die Stimmen derer, welche im Kampf um die Ideen einer besseren Welt namenlos in den Kerkern verblichen,« rief er schneidend den fremden Delegierten zu, »drangen nicht bis zu euch! Stumm verbluteten sie.«

Im Namen jener neuen und besseren Welt verlangte er die Freigabe der zurückgehaltenen Gefangenen.

Man hielt den Atem an.

Da stand ein Entronnener aus eben jener Schar stummer Blutzeugen für die Ideen der Gewaltlosigkeit der Wahrheit und der Menschenliebe. Dies war ihr Los wie vor 2000 Jahren!

In Eisner hatte der Kongreß wohl seine eindrücklichste Figur. Mochte er durch seine Parteilichkeit für Renaudel bei den Radikalen einigen Widerspruch erregen, so stellte sich bald heraus, daß er gerade dadurch seine Vorschläge durchzudrücken verstand, wie überhaupt die Taktik eine große Rolle bei ihm spielte.

Als ich das Haus verließ, standen Fortunios unten an der Treppe und schienen auf jemanden zu warten. Ich wandte mich um; Eisner ging langsam, allein und vollkommen versonnen die Treppe herab. Er hielt eine rote Nelke mit etwas abstehender Geste, wie um sie zu schützen, daß sie nicht zu Schaden komme. Steif, fast geziert, die Schultern mit barocker Würde tragend, bot er einen wahrhaft phantastischen Anblick. Wir begrüßten ihn. Er sah uns erloschenen Auges an und erwiderte kein Wort. Hätten aber urplötzlich die Türen sich geteilt und Teppiche unter den Füßen der mit großem Zeremoniell vorgeführten Esther entrollt, ich wäre nicht erstaunt gewesen. Assuerus! dachte ich. Ein fast gespensterhaft abstrakter, beschämend unverjudeter, rein biblischer Jude stand da vor uns. Und siehe! -- Hier war zum ersten Male wieder dasjenige Israel, aus welchem merkwürdigerweise der Begriff des Christentums mit der Gestalt seines Stifters, der Begriff des unjüdischen also, die Welt der Mystik, des erblassens, der Gotik hervorging. So dachte ich, stockenden Herzens . . .

Ich sah Eisner noch einmal, als er im Begriffe stand, mit Renaudel nach Basel zu fahren. »Wenn ich stürze,« sagte er, »ist in München der Bolschewismus unvermeidlich. Die geistige Verwirrung der Jugend ist zu groß.« Überhaupt sprach er sehr oft von seinem Sturz. Ich glaube, die Entfernung ließ ihn die allgemeine, wie seine besondere Situation sehr scharf und nüchtern übersehen.

Gerade die Illusionen, die phantastischen Züge in diesem bedeutenden Menschen, die springenden Schatten machten ihn zu der Shakespeareschen Gestalt, als die wir ihn heute sehen. Wir aber, die in Bern Zeugen der ungeheuren Wirkung seines Auftretens waren, welche Werbekraft für Deutschland er dort entfaltete, welch stürmische Sympathien für Deutschland er dort erweckte, oh welch bitterlichen Eindruck machte es auf uns, in München nicht etwa die Züge dieses heldenhaften Vorläufers, nein, das unbesonnene Leutnantsgesicht seines Mörders in den Auslagen vorzufinden, dessen hirnloses und unheilvollstes Verbrechen die Schrecken der Räteregierung und alle Greuel, die von links, und dann von rechts daraus erfolgten, verursachte. Mag ein Herr Studiosus die Frei(spruch)kugel gegen mich drehen, dafür, daß in diesem wahrscheinlich vielgelesenen Buche diese Wahrheit steht.

Für den letzten Tag war eine Rede Macdonalds über den Bolschewismus angesagt; aber der Tag verging, ohne daß er hervortrat. Die Lichter brannten schon lange, und es war Abend geworden, als man ihn endlich erblickte. Es sprachen viele, deren Organ im Halse stecken und auf die langweiligste Weise eins mit demselben blieb. Der deutsche Dolmetsch ging deshalb schwer auf die Nerven. Bei jenen Delegierten hingegen, welche die Rednergabe besaßen, hob sich nach wenigen Minuten die Stimme von ihnen fort, um wie ein Albatroß ganz für sich allein die gewichtigen Schwingen auszubreiten. Dieser Prozeß vollzog sich auch bei Macdonald. Sein Organ erfüllte den Saal mit Wohllaut, als käme es gar nicht von ihm, sondern hinge nur infolge eines rhythmischen Gesetzes mit seiner Miene und den Bewegungen seiner Arme zusammen. Die Rede war ein Warnungsruf an den hohen Rat in Versailles, die Zeichen der Zeit zu verstehen, und sie verglich den Bolschewismus mit einem Brande, der, hier halb erstickt, dort scheinbar gelöscht, immer wieder hervorbrechend und unter der Asche weiterglimmend, an der Verblendung des Imperialismus seine Nahrung fand.

Da ich kein Wort verlieren wollte, schlängelte ich mich langsam durch die Zuhörer, hart bis zur Rampe vor, und hatte so zum ersten Male den ganzen Zuschauerraum vor Augen. Der Saal verlor auch bei Lampenschein nichts von seiner Schmucklosigkeit. Unschön war er und kahl. Sein Glanz, seine Erlesenheit waren rein innerlich. Sie gingen von den Menschen aus, welche hier tagten. Nicht die Zartheit freilich, noch der Reiz eines seit Generationen vor rauhen Kontakten geschützten Lebens, sondern Anstrengung, Leidenschaft und Begeisterung durchleuchtete sie so stark, daß jenseits dieses alltäglichen Raumes alle Alltäglichkeit, jenseits seines nüchternen Scheines alle Nüchternheit zu liegen schien. Der Winter der Menschheit sank hier zu Grabe. Von Feuerzungen war die Luft durchbebt, und eine Pfingstatmosphäre brauste durch die Türen über die Treppen dahin, bis hinab in die Gassen des nächtlichen Bern. Und sie würde, ob auch der kommende Morgen diesem Fest das Ende bereitete, nach allen Himmelsrichtungen wehen. Ich zweifelte daran nicht. Ich hoffte schon wieder!

Natürlich waren auch geringere zugegen. Aber nicht sie gaben den Ausschlag. Hier herrschte der Wert. Rang und Vortritt waren hier durch das Talent, das Verdienst, die Lauterkeit bestimmt, und ein Wille zur Güte hatte sich durchgerungen.

Mit einem Blick des Hohnes war ich vorhin an Telramund vorbeigegangen, alle Krallen gezückt, weil er sich vermessen wollte, mich zu grüßen, und fast wäre ich dabei über seine Bocksfüße gestolpert. Nein! Hier richtete der nichts aus. Hier war er schachmatt. Warum kam er denn her? -- -- Auch er -- zum ersten Male fiel es mir auf -- hatte allen Sitzungen beigewohnt und war einer der regelmäßigsten Besucher gewesen. Oh, nicht nur er! -- Die ganze Rotte saß ja hier! -- und die Kontrolle war doch so streng! Aber die Rotte war vollzählig hier! -- Durch die Ritzen der Türe hätte sie noch einzudringen gewußt. Wo hatte ich die Augen gehabt all die Tage hindurch, ich Verblendete! Im Ernst wähnend, hier würde die Schwelle zu einer neuen Welt gelegt, derweil sie täglich zerfiel.