Yussuf Khans Heirat

Part 2

Chapter 23,635 wordsPublic domain

Aus welchen Anlässen Allan Kragh sich in diesem Zug befand, ist eigentlich nicht leicht zu erklären -- richtiger gesagt, der einzige Anlaß, der vorlag, war so bizarr, daß er lächerlich wirkt, wenn man ihn erzählt. Am frühen Morgen dieses Septembertages war er nach Hamburg gekommen, ohne die leiseste Ahnung, wohin er seine Schritte lenken oder was er zunächst unternehmen sollte. Er machte aufs Geratewohl einen Spaziergang um das Viertel gegenüber der Ankunftseite des Hauptbahnhofes, befand sich nach einigem Herumirren unten an der Alster, und dachte schon daran, bis auf weiteres in Hamburg zu bleiben, das eine schöne und anziehende Stadt zu sein schien. Dann verabschiedete er diesen Gedanken wieder und kehrte durch die noch morgenleeren Straßen (die Uhr war etwas über sieben) zum Hauptbahnhof zurück. Er fand ihn mit allen modernen Bequemlichkeiten versehen, ließ sich rasieren, wechselte etwas Geld und nahm ein hastiges Frühstück in dem großen Restaurant ein. Fünf Minuten vor halb acht Uhr wurde von einem galonierten Bediensteten ein Zug nach Paris ausgerufen; Allan verließ das Restaurant, noch immer im Unklaren, was er tun sollte, und ging zu den Billettschaltern. Fahrpläne bedeckten die Wände in militärischen Kolonnen; keine verlockenden Affichen mit Bildern des blauen Meeres und der grünen Wälder, nur Betriebsverordnungen und Ziffern. Vor einem der Billettschalter für den Fernverkehr standen drei Personen, die plötzlich Allans Aufmerksamkeit erregten: Ein junger Mann von vielleicht dreißig, etwa von seiner eigenen Statur, mit einem glattrasierten dunklen Schauspielergesicht, kurzen Koteletten und goldgefaßtem Zwicker; ein alter Herr mit roter Raubvogelnase, gelben, stechenden Trinkeraugen und einem gelbgrauen Schnurrbart; ferner eine junge Dame in grünem Reisekostüm, um den Hals ausgeschnitten, über die Hüften knapp anschließend und so fußfrei, daß zwei Knöpfelschuhe mit grauen Gamaschen zu sehen waren. Ihr Gesicht hatte einen etwas hochmütigen Ausdruck, mit zwei großen grauen Augen und einer etwas geschürzten Oberlippe. Es war äußerst frappierend unter dem Reisehut in schwarz und grün, der wie ein Musketierhut auf ihrem rotblonden Haar saß. Sie hatte drei oder vier amerikanische Zeitschriften in der Hand. Allan verschlang sie mit den Augen: Sie hätte d’Artagnans Geliebte sein können oder eine der schönen blonden Agentinnen des Kardinals. Jetzt eilte der jüngere Herr vom Billettschalter fort; der ältere nahm seinen Platz ein, auf dem Fuß gefolgt von der auffallenden jungen Dame, die einige Goldmünzen zwischen ihren behandschuhten Fingern hielt. Nun ging der ältere Herr, und sie nahm seinen Platz ein. Allan kam ein Einfall, und er folgte nach. Er hörte sie in vollkommen korrektem Deutsch sagen: „Erste einfach, Paris.“ Sie stellte noch ein paar Fragen, die der Mann am Schalter beantwortete. Sie war also eine Deutsche, obwohl sie so amerikanisch aussah. Nun hatte sie ihre Fahrkarte. Allan verließ den Billettschalter und folgte ihr in einiger Entfernung. Er sah sie etwas Reisegepäck aufgeben und die Treppe zum Perron hinuntergehen. Sie war in ihrem raschen, elastischen Gang noch schöner, als wenn sie stille stand. Er sah sie noch dort unten den Zug entlang gehen, dann war sie außer Sehweite. Der galonierte Mann kam durch die Bahnhofshalle gewandert und schrie mit Stentorstimme:

„Schnellzug nach Paris und Holland! Eine Minute!“

Da kam Allan eine barocke Idee. Ohne zu überlegen, was er tat, oder weshalb er es tat, stürzte er zum Billettschalter zurück, an dem er die drei gesehen, riß eine Banknote heraus und rief dem Mann dahinter, der ihn vorhin, als er gegangen war, ohne eine Karte zu lösen, erstaunt angestarrt hatte, zu:

„Paris, einfach, erste!“

„Sie müssen sich aber eilen!“ schrie der Mann zurück. „Der Zug geht um sieben Uhr neununddreißig. -- Sie haben gerade noch vierzig Sekunden.“

Allan stürzte zurück, das Billett in der Hand, während in seinem Kopf sich die Gedanken kreuzten. Das war der helle Wahnwitz ... Sein Gepäck stand in der Garderobe deponiert; er hatte unmöglich Zeit, es herauszubekommen; er mußte natürlich diesen geistesgestörten Einfall aufgeben. -- Oder sollte er das Gepäck hier lassen und später telegraphieren? Das war offenkundig vollkommen irrsinnig ... Es gingen ja noch Züge, aber ... aber sie fuhr mit diesem! Wenn es ihm gelang, ihr von dem Opfer zu erzählen, das er um ihretwillen gebracht, würde sie das vielleicht rühren ... Ohne daß er wußte wie, hatte er die Kontrolle passiert, stürzte Hals über Kopf eine Treppe hinunter, zu einem Zug, der sich eben in Bewegung setzte, während die Schaffner die letzten Türen zuschmetterten. -- Da, gerade noch in der letzten Sekunde war er mit einem Sprung in einem der rückwärtigsten Waggons. Glücklich hinaufgekommen, zauderte er wieder. Das war ja der reine Wahnsinn! Sollte er wieder abspringen? Dann zuckte er die Achseln mit einem Lächeln über sich selbst.

„Fahre ich mit,“ murmelte er vertraulich dem Korridorfenster zu, „dann brauche ich wenigstens keine Polizeistrafe wegen unerlaubten Abspringens zu bezahlen.“

Nachdem er sich überzeugt hatte, daß er sich im letzten Personenwagen befand, machte er sich auf die Wanderung durch die Korridore, um nach der Unbekannten auszuschauen.

Der Wagen, in dem er gelandet war, war ein Waggon dritter Klasse; er ging durch, ohne sich die Passagiere näher anzusehen. Darauf folgte ein durchgehender Waggon zweiter Klasse nach Amsterdam, er drängte sich mit einer gewissen Schwierigkeit hindurch, so voll war er von Passagieren. Darauf kam ein direkter Wagen nach Süddeutschland, beinahe ganz besetzt. Daran schloß sich der Speisewagen. Hier war es verboten, zu passieren, da man sich durch die Küche hätte drängen müssen. Allan versuchte es mit Bestechungen, deren Annahme verweigert wurde, und erhielt den Bescheid, daß er bis Bremen warten müsse, wo man eine Minute Aufenthalt hatte. Er setzte sich an einem Fenster im Korridor des süddeutschen Wagens zur Ruhe, wo er sich von dem Morgensonnenschein durchrieseln ließ und nach Herzenslust die kühle Septemberluft einatmete. Er dehnte die Brust und lachte in sich hinein; das war doch etwas anderes, als auf den ausgetretenen Straßen dieses Provinz-Sybaris herumzustampfen! Plötzlich begannen die Wagen gegeneinanderzurasseln, der Zug wurde langsamer und rollte durch eine Vorstadt von roten Ziegelvillen in Bremen ein. Im Handumdrehen war Allan draußen in der Bahnhofshalle, kaufte sich ein Päckchen Zigaretten, etwas Obst und einige Zeitungen und sprang in das nächste Coupé nach dem hinderlichen Speisewagen.

Er wartete, bis der Zug sich in Bewegung setzte, bevor er seine Forschungen wieder aufnahm. Dieses Mal waren sie von besserem Erfolg gekrönt. Der Wagen hinter dem, in den er aufgesprungen war, war ein Wagen erster und zweiter Klasse nach Paris, und in der dritten Coupéabteilung der ersten Klasse saß die Unbekannte.

Leider war sie nicht allein. Der alte Herr mit der roten Raubvogelnase und dem buschigen, graugelben Schnurrbart, saß ihr gegenüber am Fenster; sie fuhr zurück, er in der Richtung des Zuges. Sie schienen einander fremd zu sein. Allan sah einen Augenblick zögernd in den Wagen; der alte Herr mit der feinen Rotweinnase hatte das Netz auf seiner Seite mit einer Menge Gepäck beladen -- _suitcases_, _gladstone-bags_, Reiseplaids, Fernstecherfutterale und weiß Gott was -- es stand im Verhältnis zum vornehmen Aussehen seines Riechorganes. Die Unbekannte ihm gegenüber hatte zwei kleine Täschchen, eine Hutschachtel und einige Reisekissen. Im Augenblick saß sie in einer künstlerisch berechneten Pose zwischen vier Stück der letzteren hingegossen und schien zu schlafen. Allan starrte bewundernd ihr Rasseprofil an und den Schatten, den ihre Wimpern auf der feinen Wange bildeten; ihr rotblondes Haar, das wellig und reich war, schien ein wenig derangiert. Der fußfreie Reiserock war ein bißchen hinaufgeglitten und zeigte eine schlanke, aber volle Wade über der grauen Gamasche. Nach ein paar Augenblicken andächtiger Versunkenheit trat er ein und setzte sich auf das Sofa des alten Herrn.

Dieser begrüßte sein Erscheinen mit einem Blick des herzlichsten Widerwillens. Er schlug sein Auge zum Netz auf, wie um anzudeuten, daß, wenn Allan (der sich zu allen Teufeln scheren mochte) sein ganz unerwünschtes Reisegepäck dort placieren wollte (was Gott verhüte), er genötigt wäre, seine eigenen, dort befindlichen Habseligkeiten fortzuschieben. Allan zuckte die Achseln mit einer Miene, die der der Rotweinnase an Mitreisendenverachtung nur wenig nachgab, und kundgeben sollte, daß er (der nach internationalen Konventionen das volle Recht hatte, in der Klasse zu reisen, für die er eine Karte gekauft hatte) es aus einer Laune vorzog, während er in diesem preußisch-hessischen Wagen fuhr, sein Reisegepäck, das den Vergleich mit dem des bordeauxnasigen alten Herrn in diesem Zug keineswegs zu scheuen brauchte, von der Garderobe des Hamburger Hauptbahnhofs verwahren zu lassen. Nach diesem Austausch von Florettblicken ließen sich die beiden Herren in Ruhe auf ihren Plätzen nieder; die Raubvogelnase im Schutze des Hamburger Fremdenblattes, Allan ohne Bedeckung. Die Augenwimpern der jungen Dame, die sich ein paar Sekunden eine Ahnung gehoben hatten, ohne daß jemand es gesehen, nahmen ihre frühere entzückende Lage auf den Wangen wieder ein.

Der Zug sauste weiter, und die Wolken leuchteten im Septembersonnenschein. Allan versank in vage Träumereien, während seine Augen über sein Visavis hin und her wanderten.

Man war nun etwa auf halbem Wege von Bremen nach Osnabrück (die Uhr zeigte ungefähr zehn), als plötzlich ein Kondukteur erschien, um die Billette zu markieren und Platzkarten auszufertigen. Allan reichte sein Billett hin, das besichtigt wurde; der alte Herr mit der Raubvogelnase desgleichen. Die Unbekannte in der Fensterecke schlief noch immer. Der Kondukteur räusperte sich und ließ ein paar vergebliche „Gnädige!“ hören. Sie rührte sich nicht. Allan glaubte eine Chance zu sehen. Er beugte sich vor und legte seine Hand vorsichtig auf jene Stelle ihres grünen Reisekostüms, wo man die Rundung des Knies ahnte. Sie schlug die Augen auf, starrte einen Augenblick Allans Hand an, die dieser noch nicht zurückgezogen hatte und fuhr mit einer Miene so unverkennbaren Widerwillens auf, daß Allan zurückprallte, während eine lebhafte Röte sich über sein Gesicht verbreitete. Der Kondukteur lächelte diskret und wiederholte sein: „Gnädige!“ Die Unbekannte reichte ihm ihre Fahrkarte, während ihre Augen damit beschäftigt waren, Allan zu morden; worauf sie plötzlich vom stummen Spiel zur Sprechszene überging. Und zwar auf englisch. -- Allan war ein wenig erstaunt, da sie auf dem Bahnhof in Hamburg perfekt deutsch gesprochen hatte. Sie mußte doch voraussetzen, daß er ein Deutscher war. Sie wandte sich an den alten Herrn mit der Raubvogelnase.

„Sir, ich vermute, Sie verstehen meine Sprache? Ich spreche die Ihre nicht.“

Lüge, dachte Allan, aber warum?

„Ich spreche Ihre Sprache,“ sagte der alte Herr.

„Danke. Wissen Sie, ob dieser junge Mensch dort sich noch andere Freiheiten gegen mich herausgenommen hat, während ich geschlafen habe?“

Der alte Herr warf Allan einen Dolchblick zu und sagte:

„Das weiß ich nicht, ich habe Zeitung gelesen.“

„Es ist gut. Ich danke Ihnen.“

Sie brach in einen Strom von indigniertem Amerikanisch aus: Eine Dame konnte also in Europa nicht allein mit der Eisenbahn fahren, ohne vom ersten besten beleidigt zu werden? -- Warum gab es keine Damencoupés? Man sollte glauben, daß Leute, die die Mittel hatten, erster Klasse zu reisen, Gentlemen wären.

Der alte Herr hörte ihr mit sichtlicher Billigung zu. Allan, der kaum wußte, ob er schlief oder wachte, begann eine stammelnde Entschuldigung:

„Madame, gestatten Sie mir, Ihnen zu erklären ...“

„Wie können Sie es +wagen+, mich anzusprechen?“ rief sie.

Das war Allan doch zu stark. Er erhob sich mit der ironischsten Miene, die er aufbringen konnte -- er fühlte, daß seine Wangen vor Verblüffung und Zorn noch ganz rot waren -- und sagte mit einer untertänigen Verbeugung:

„Gestatten Sie mir, Sie in einem Punkte zu korrigieren, Madame. Wenn Sie es vermeiden wollen, noch mehr Gentlemen von meiner Art zu treffen, steht dem kein Hindernis im Wege: Das nächste Coupé ist ein Damencoupé.“

Mit so viel Würde, als man aufbringen kann, wenn man mit einem Stock, vier Zeitungen und einem Obstsack beladen ist, verließ er das Coupé. Ein langes, eiskaltes „_im--per--ti--nence_“ der Unbekannten durchbohrte seinen Rücken mit einem letzten Stich.

Der erste Mensch, den er im Korridor erblickte, war zu seiner Ueberraschung niemand anders als der dritte des Trios, das er beim Billettschalter in Hamburg gesehen -- der dunkle Mann mit dem Schauspielergesicht, den Koteletten und dem goldgefaßten Zwicker. Als Allan aus der Coupétür trat, hatte er einen Augenblick den Eindruck, daß dieser Herr die ganze Szene drinnen verfolgt hatte und daß ein halb unmerkliches Lächeln um seine Mundwinkel zitterte. Aber im nächsten Augenblick waren seine Augen schon gerade durch die offene Türe seines eigenen Coupés gerichtet, in fernschauende Bewunderung der Heidelandschaft dort draußen versunken. Allan warf ihm einen kurzen Blick zu und ging an ihm vorbei den Korridor hinunter. Die anderen Wagenabteile waren mehr oder weniger voll, mit Ausnahme des Damencoupés, über dessen Existenz er die Unbekannte eben aufgeklärt hatte. Er kehrte zu dem Abteil zurück, vor dem der Mann mit dem Zwicker postiert war und fragte mit einer leichten Handbewegung:

„Sie gestatten?“

„Natürlich.“

Der Mann mit dem Schauspielergesicht neigte artig den Kopf. Allan ging hinein, warf sich auf das unbesetzte Sofa und zündete eine Zigarette an, nachdem er sich vorsichtig vergewissert hatte, daß er sich in einem Rauchcoupé befand.

Solch eine kleine, unverschämte Hexe! Amörrica, Amörrica! Hol’ der Teufel Amörrica und alle Amörrikanerinnen. Ferner mochte der Teufel ihn selbst holen und alle anderen Idioten, die sich auf sogenannte Abenteuerfahrten einließen, von falschen Irrlichtern gelockt. Und schließlich mochte er ihn selbst noch einmal holen, weil er von seinem Gepäck in Hamburg weggereist war, um sich ohne allen Anlaß von einer unverschämten, kleinen, schönen, verdammten Hexe beschimpfen zu lassen....

Seine ärgerlichen Betrachtungen dauerten ein paar Stunden. Der Zug sauste durch Osnabrück mit einigen Augenblicken der Pause in dieser friedenschließenden Stadt; er brauste weiter gegen Köln; Leute wanderten dem Speisewagen zu, um sich an dem Zwölfuhrdiner zu erquicken; unter anderen sah er die Amerikanerin und den alten Herrn mit der Raubvogelnase hinpilgern, jetzt im eifrigen Gespräch; aber Allan hatte das Interesse für das Ganze verloren. Die Septemberluft, die eben noch klar und blau gewesen, wie die Luft bei einem Abenteuer sein muß, war nunmehr kalt und von abstoßender Farbe; die Sonne ohne jede Wärme. Der Herr mit dem Zwicker kam in den Wagen und vertiefte sich in das Studium eines illustrierten Katalogs. Hie und da warf er einen verstohlenen Blick auf Allan, den dieser jedesmal mit einem herausfordernden Starren erwiderte. Schließlich ging Allan in den Korridor hinaus und hatte da wohl dreiviertel Stunden lang den Kopf zu einem Fenster heraushängen lassen, als der Agitator des Speisewagens ihn mit seinem: Wünschen die Herrschaften zu dinieren? aus seiner mißmutigen Laune riß. Er machte eine rasche Toilette und steuerte durch die Korridore dem Speisewagen zu.

Im Waggon neben seinem eigenen hatte er noch einen kleinen Chok; die heißblütige Amerikanerin wandelte gerade in ladylikem Balancegang durch den Korridor. Hinter ihr wurde der bordeauxnasige alte Herr sichtbar, dessen Riechorgan leuchtender denn je war; im Munde hatte er eine frischangezündete Havanna, deren rote Spitze neben besagtem Organ nur unbedeutenden Effekt erzielte. Allan trat rasch in ein Coupé, um das Paar vorbei zu lassen; als die junge Dame passierte, entging ihm jedoch nicht ein Blick aus ihren grauen Augen -- aber -- o Wunder! Sah er recht? Diese Augen schienen nun fast freundlich mit der Ahnung eines Lächelns ganz tief drinnen. Sie fegte mit einem Rauschen von Seidenunterkleidern vorbei. Der alte Herr, dessen Augen einen befriedigten Sultanglanz angenommen hatten, watschelte hinter ihr drein, ohne einen Blick für Allan oder überhaupt etwas anderes als den weidenschlanken Rücken der Amerikanerin. Allan starrte ihnen nach, und zuckte zusammen, als er am Ende des Korridors den Herrn mit dem Schauspielergesicht erblickte, der die beiden mit dem hundertsten Teil eines Lächelns durch seinen goldgefaßten Zwicker musterte. Allan sah ihn einen Augenblick an und ging weiter.

Der Speisewagen war beinahe ganz besetzt; unten in der Ecke zunächst der Küche fand sich noch ein Tisch für zwei, der frei war. Der weißbejackte Agitator von vorhin wedelte mit einer Serviette quer über den Wagen, um anzudeuten, daß es ihm mit unerhörter Schwierigkeit gelungen war, Allan einen Platz an diesem Tisch zu reservieren. Allan ließ sich nieder, sah die Speisekarte an und ging sodann zur Weinliste über. Er war eben zu der Ueberzeugung gekommen, daß Graacher Auslese der richtige September- und Reisewein ist, als sich jemand an dem anderen Platz am Tisch niederließ. Er sah auf. Mit einer unlogischen Ueberraschung erkannte er in seinem Tischkameraden den Mann mit dem goldgefaßten Zwicker und dem Schauspielergesicht.

Dieser lächelte Allan wiedererkennend zu und begann dann zum Fenster hinauszusehen. Allan betrachtete eine Weile die Zirkusnummer des Kellners mit Schüsseln und Tellern zwischen den Tischen; jedesmal, wenn der Zug sich in einer Kurve seitlich neigte und er selbst vom Schwung auf eine Seite geschleudert wurde, dachte er mit einem Kitzeln in der Magengrube: Jetzt geht die ganze Bescherung zum Teufel! Aber kein einziges Mal gab es auch nur einen Fleck auf dem Tischtuch. Plötzlich stand der Kellner mit einem Suppenteller vor seinem Platz. Allan schnitt eine unwillkürliche Grimasse und schüttelte den Kopf. Suppe um diese Tageszeit! Der Mann mit dem Zwicker lächelte wieder leise, während er seinen Löffel in die Suppe tauchte.

„Sie sind kein Freund der deutschen Speiseordnung?“ sagte er.

„Nein, weiß Gott.“

„Der deutsche Wein sagt Ihnen besser zu?“

„Allerdings. Trinken Sie vielleicht ein Glas mit mir?“

Allans Laune stieg rasch um einige Grade, sowie er den Mund geöffnet hatte; er begann zu erfahren, daß der Mensch ein Gesellschaftstier ist, auch wenn er auf eigene Faust auf Abenteuer auszieht. Der Fremde verbeugte sich leicht.

„Mit Vergnügen, wenn Sie mir gestatten, Ihre Liebenswürdigkeit später zu erwidern.“

Allan winkte dem Kellner, ein Glas zu bringen. Er und der Fremde tranken sich zu.

„Sie sind Skandinavier?“

„Warum glauben Sie das? Hört man es mir an?“

„Das eigentlich nicht, aber Ihr Aussehen sagt es mir, und dann noch so irgend etwas Unbestimmtes. Ich möchte sogar wetten, daß Sie entweder Schwede oder Norweger sind.“

„So?“

„Die Dänen erlernen nie unser a -- sie meckern. Und da Sie das nicht tun --“

Allan nickte ohne die Hypothese des Fremden zu bestätigen. Allerdings war er ja ziemlich groß und schlank, aber da er dunkel war, hätte ihn das nicht verraten müssen, wenn seine Sprache es nicht besorgt hätte. Der Mann mit dem Zwicker, der nun seine Suppe verzehrt hatte, beugte sich vor und knüpfte die Konversation wieder an. Allan betrachtete sein Gesicht, das energisch und intelligent war; die Augen unter den Zwickergläsern schienen durchaus nicht von Kurzsichtigkeit geschwächt. Es war unleugbar ein sympathisches Gesicht. Einmal, als der Fremde nach einer Aeußerung, die er selbst gemacht hatte, in ein Gelächter ausbrach, bemerkte Allan im Flug, daß einer seiner Backenzähne über und über mit Gold plombiert war. Eigentümlicherweise grub sich dieser kleine Zug, so wie es bei solchen kleinen Zügen oft der Fall ist, in sein Gedächtnis ein; und obgleich er für den Augenblick kaum an die Sache dachte -- er konnte ja nicht ahnen, daß er den Mann je wiedersehen würde -- sollte es bei einer späteren Gelegenheit von einer Bedeutung werden, die er jetzt unmöglich vorausahnen konnte. Plötzlich merkte er, daß er so ganz damit beschäftigt gewesen war, den Fremden zu beobachten, daß er ganz vergessen hatte, zuzuhören, was dieser sagte; er zuckte zusammen, als er das Wort Paris mit fragender Betonung hörte und nahm in der Eile an, daß sein Tischgenosse ihn gefragt hätte, wann man dorthin käme.

„Ich weiß nicht,“ sagte er.

Der Mann mit dem goldgefaßten Zwicker sah ihn überrascht an.

„Sie wissen nicht, ob Sie nach Paris fahren?“ wiederholte er. „Dieser Zug geht auf jeden Fall hin, wenn Sie es nicht wissen sollten!“

Allan wandelte eine plötzliche Lust an, mit sich selbst und seiner heutigen Heldentat zu brillieren.

„+Das+ weiß ich,“ sagte er ernst. „Aber ich weiß hingegen nicht, ob ich nach Paris fahre. Ich weiß es ebensowenig, als ich weiß, warum ich überhaupt mit diesem Zug fahre.“

„Sie wissen nicht, warum Sie mit diesem Zug fahren?“

„Nein, oder warum ich überhaupt fahre.“

„Donnerwetter! Sie pflegen ganz einfach in einen Expreß einzusteigen, ohne zu wissen, wohin er geht?“

„Ich habe es wenigstens heute morgen getan.“

„Donnerwetter! Darf ich fragen: Finden Sie bei solchen Reisegewohnheiten Zeit zu vielem Packen?“

„Heute morgens nicht, das muß ich gestehen -- ich war gezwungen, mein Gepäck in der Eile in Hamburg zurückzulassen.“

Und Allan ließ mit einer Gleichgültigkeit, eines Phileas Fogg würdig, die rote Kontramarke aus dem Hamburger Hauptbahnhof durch die Luft flattern. Nr. 374 stand in gotischem schwarzen Druck darauf. Der Fremde starrte den Zettel und ihn mit einer Achtung an, die unter diesen Verhältnissen höchst schmeichelhaft war, und trank nach noch einem Donnerwetter einen Schluck aus seinem Rheinweinglas; Allan füllte es mit Mäzengefühlen nach. Im selben Augenblicke kam der Fisch; nachdem sich der Mann mit dem Zwicker vom Kellner hatte vorlegen lassen, nahm er den Faden wieder auf.

„Verzeihen Sie, wenn ich indiskret bin: Sind Sie wirklich aus einer bloßen Laune von Ihrem Gepäck mit einem Zug weggereist, an dem Sie kein besonderes Interesse hatten?“

Er fixierte Allan, der jetzt gerade der Gegenstand der Obsorge des Kellners war und für den Moment für nichts anderes Augen hatte als für das Essen.

Es lag ein eigentümlicher Ausdruck der Spannung in den Augen des Fremden; und wenn Allan aufgeblickt hätte, hätte er sehen können, wie sein Visavis dem Kellner eine eigentümliche Grimasse schnitt: ein Vorschieben der Lippen und zwei kurze Signale mit dem Kopf in der Richtung nach Allan. Aber Allan hatte kein Auge für diese Grimasse, und ebensowenig sah er, was darauf folgte: Der Kellner drehte hastig den Kopf, fixierte ihn und zog die Augenbrauen in die Höhe, wobei er den Mann mit dem goldgefaßten Zwicker ansah. Dieser formte hastig ein Wort mit den Lippen, das der Kellner offenbar verstand, denn er zog die Augenbrauen noch höher, und zum ersten Male während des ganzen Mittagessens zitterte seine Hand. Das Ganze hatte kaum fünfzehn Sekunden gedauert. Allan, der noch überlegte, ob er seinem Tischkameraden die Episode mit der unbekannten Dame in Hamburg mitteilen sollte, sah endlich auf.

„Eigentlich hatte ich einen Grund,“ sagte er, „mein Gepäck so im Stich zu lassen, aber -- nun ja, ich weiß nicht recht, ob ich wagen kann, ihn Ihnen zu erzählen. Aber es ist derselbe Grund, der mich veranlaßte, diesen Expreßzug zu nehmen -- und der ist etwas delikater Natur.“

Der Herr mit dem Zwicker konnte gerade noch dem Kellner, der aufmerksam gelauscht hatte, eine fast unmerkliche Geste machen, bevor dieser mit den Schüsseln wieder verschwand. Dann hob er sein Glas.

„Gestatten Sie mir, zu fragen, ob Sie Bordeaux oder Burgunder vorziehen,“ sagte er.