Yussuf Khans Heirat

Part 16

Chapter 163,700 wordsPublic domain

„Das ist richtig,“ sagte Yussuf Khan, „in meinem Lande kommen ehrbare Frauen nicht zu den Festen der Männer.“

Mrs. Bowlby zuckte bei dieser orientalischen Aufrichtigkeit zusammen. Im Nu vergaß sie Zeremonien und Titel über Dinge, die ihr schon lange am Herzen lagen.

„Und in meinem Lande“, rief sie, „hat kein anständiger Mann hundertfünfzig Frauen auf einmal!“

Yussuf Khan überlegte einen Augenblick.

„Aber habe ich nicht gehört,“ sagte er ernst, „daß eine Frau hundertfünfzig Männer hintereinander haben kann, wenn sie es darauf anlegt?“

Mrs. Bowlby starrte ihn an.

„Wir wollen uns die Hand schütteln,“ sagte sie schließlich. „Das haben Sie gut gemacht! _Demmit_, das ist mir noch nie eingefallen.“

„Jedes Land“, warf der alte Hofdichter ein, „hat seine Sitten, die zwei Meilen von der Grenze lächerlich und unbegreiflich erscheinen. Dies sollte uns lehren, zu bedenken, daß wir alle nichts anderes sind, als Spielbälle des Schicksals, wie der göttliche Zeltmacher es so treffend ausdrückt:

Nur Puppen sind wir auf dem Schachbrett Welt, Ein Spielzeug nur, geschoben und gestellt; Ein Zeitvertreib! -- Und hat’s das Schicksal satt, Zum Kasten wandert, Stück an Stück gesellt!“

Er wiederholte eine Zeile für sich selbst in einer Sprache, die Allan nicht kannte und die etwa klang wie:

„_U danad u danad u danad u_ ...“

Oberst Morrel beeilte sich das Wort zu ergreifen; Poesie gehörte offenbar nicht zu seiner Vorstellung von _hors d’oeuvres_.

„Wäre es nicht an der Zeit zu Tisch zu gehen?“ sagte er. „Ew. Hoheit wissen, daß wir morgen in aller Frühe abreisen.“

Yussuf Khan brach in ein Lachen aus, das Allan überraschte. Eine solche Heiterkeit erwartete man nicht von einem passiven Orientalen. Aber tatsächlich lachte Seine Hoheit so, daß er alle Zähne zeigte, wobei Allan flüchtig bemerkte, daß einer davon ganz überplombiert mit Gold war. Yussuf Khan wischte sich die Augen und sagte noch immer lachend:

„Ihr habt recht, Oberst Morrel Sahib, morgen verliert mich diese Stadt für lange Zeit aus den Augen. Gehen wir also zu Tisch!“

Der Oberst, der diese Heiterkeit, deren Ursache ihm offenbar unbegreiflich war, ganz verblüfft beobachtet hatte, zuckte die Achseln. Yussuf Khan wiederholte:

„Zu Tisch!“

Er führte selbst die Gäste zu der gedeckten Festtafel und wartete, bis alle unter dem niedrigen Baldachin versammelt waren, um dann zu sagen:

„In meinem Lande nehmen wir unsere Mahlzeiten nicht an einem Tische wie diesem ein. Aber als ich mit mir selbst über das Fest zu Rate ging, sagte ich mir zwei Dinge. Ich dachte zuerst: diese edlen Sahibs sind nicht an die Sitten meines Landes gewöhnt, und was das Essen betrifft, so lieben alle Menschen ihre eigenen Sitten am meisten.“

„Das ist wahr,“ sagte der alte Ali, „und mein Schüler spricht gut.“

„Ferner“, fuhr Yussuf Khan fort, „sagte ich mir selbst: was ist schuld daran, daß ich diesen edlen Sahibs Unannehmlichkeiten bereitet habe, die ich sie nun in unwürdiger Weise durch dieses Fest bitten möchte, zu entschuldigen? Ich sagte mir selbst: meine Juwelen, denen von schlauen, kühnen Dieben nachgetrachtet wurde. Wenn nun meine Gäste diese Juwelen zu sehen bekommen, die trotz alldem von einer gewissen Schönheit sind, können sie vielleicht den Grund der Gier der Diebe begreifen und dadurch auch die Unannehmlichkeiten, die sie selbst erdulden mußten. Und deshalb --“

Er brach plötzlich ab und klatschte in die Hände.

Im Nu, plötzlich, wie der Nebel bei einem Sonnenaufgang in den Tropen verschwindet, verschwand eine Hülle aus weißer Seide, die über der Festtafel ausgebreitet gelegen war -- wie es zuging, konnte niemand sehen -- und Yussuf Khans Gäste starrten mit halbgeblendeten Augen auf die Juwelen Nasirabads, die sich in einer Pyramide mitten auf dem Tische auftürmten. Eine nette Tischdekoration! Allan, der Oberst und Herr van Schleeten, die sie schon gesehen hatten, standen stumm da, wieder ganz bezaubert von dem phantastischen Glanz der Steine. Aber der Familie Bowlby, die sie noch nicht gesehen hatte, entrang sich ein dreifacher erstickter Schrei. Mrs. Bowlbys Augen irrten von einem Diadem und Halsband zum anderen, halb mit naiver Bestürzung, halb mit Mißtrauen. Endlich wendete sie sich dem Maharadscha zu, der sie ernsthaft beobachtet hatte, und murmelte, indem sie auf die Familienjuwelen wies, die sie trug:

„Wollen Ew. Hoheit einen Augenblick warten, ich springe nur hinauf und lege das ab!“

Yussuf Khan winkte majestätisch mit der Hand.

„Das wäre töricht, und wir würden Zeit verlieren,“ sagte er, ohne sich auf irgendwelche Versuche zu Höflichkeiten einzulassen. „Nehmen wir Platz!“

Er winkte den Gästen, sich zu setzen. Neben sich placierte er Mr. und Mrs. Bowlby, dann Allan mit Miß Helen, dann den Obersten, Herrn van Schleeten und den alten Ali. Selbst setzte er sich zu allerletzt, indem er den rechten Arm zu dem Baldachin erhob. Im selben Augenblicke tauchten von allen Seiten, wie es schien, aus dem Nichts, Diener mit blinkender schwarzer Haut auf, füllten die Porphyrschalen vor jedem Gaste mit parfümiertem Wasser und stellten vor jeden einen Becher mit einem rosafarbenem Getränk hin.

„Das ist Sorbet,“ sagte Yussuf Khan, „später kommen die Getränke, die die Sahibs lieben, aber zum Willkommengruß wünschte ich den Trank meines eigenen Landes.“

Er erhob das Glas mit einer majestätischen Bewegung und trank es aus.

„Möchte diese unwürdige Mahlzeit euch alle Beschwerden vergessen lassen, die ihr meinetwegen erduldet habt.“

Im selben Augenblicke, in dem er seinen Becher niederstellte, fiel ein Regen von Rosen auf die Festtafel und die Gäste, und im Hintergrunde des Saales begannen die braunen Tänzerinnen einen wirbelnden Tanz, den sie auf ihren seltsamen Instrumenten begleiteten. Während Mrs. Bowlby von ihren Kissen empor schnellte, um sie anzustarren, beugte Allan sich zu Miß Helen herab, die mit träumenden Augen dasaß, als wüßte sie nicht, ob sie wachte, und sagte:

„Se. Hoheit scheint kein weiteres Attentat auf seine Edelsteine zu befürchten, da er sie hier so ausbreitet.“

„Er hat ja die Leibwache um sich,“ sagte sie, ohne ihre Blicke von der Pyramide auf dem Tisch abzuwenden. „Sie haben aber auch gehörigen Respekt vor diesem Mirzl!“

„Ich muß gestehen, daß ich ihn im Verdacht habe, wo immer zwei oder drei versammelt sind und etwas in der Nähe ist, das des Stehlens wert ist.“

„Da müßte er ja hier drinnen sein,“ lachte sie.

Allan fuhr bei ihren leicht hingeworfenen Worten zusammen. Was war ihm doch früher am Abend eingefallen? Und nach welcher anderen Erinnerung fahndete er nur?

Yussuf Khan, der Mrs. Bowlby mit tiefem Ernst beobachtet hatte, sagte:

„Es ist unbestreitbar, daß einige der Tänzerinnen, die der Besitzer dieser Karawanserei aufgetrieben hat, nicht des Reizes entbehren. Aber ich für meine Person finde weit größeres Gefallen an Eurer Tochter, die mir herangewachsen genug scheint, um verehelicht zu werden.“

Mrs. Bowlby stieß einen Schrei aus, wie ein in der Schlinge gefangener Papagei und wandte sich jäh von den Tänzerinnen ab, die in einem Zyklon von nackten Gliedern und blinkendem Gold umherwirbelten.

„Helen!“ rief sie. „Helen, du darfst kein Wort von dem hören, was er sagt!“

„Nein, Mama.“

„Sie sollten sich schämen!“ fuhr Mrs. Bowlby an Yussuf Khan gewendet fort. „Sie sollten sich die Augen aus dem Kopfe schämen! Wo Sie hundertfünfzig Weiber haben, die Sie Frauen nennen, Sie sollten sich schämen, meinem armen, unschuldigen Kinde Fallstricke zu legen!“

„Diese hundertfünfzig Frauen“, sagte Yussuf Khan, „sind schon lange in meinem Palast. Ueberdies können sie weggeschickt werden, wenn es nötig ist. Vielleicht ist es leichter, eine Frau zu lieben als hundertfünfzig.“

Mrs. Bowlby umklammerte ihren Sorbetbecher, wie um ihn ihm an den Kopf zu werfen und starrte ihn sprachlos an. Yussuf Khan fuhr ebenso ruhig wie immer fort:

„Mein Geschlecht zählt achtundvierzig Ahnen, und von meinem Palast und meinen Besitztümern legen diese Juwelen ein wenn auch unwürdiges Zeugnis ab. Wäre der Juwelenkünstler, der zur Linken meines Lehrers sitzt, nicht von einem Weibe betört worden, worum wir ihn alle beneiden müssen, hätten diese Juwelen ein anderes und gewinnenderes Aussehen.“

„Helen!“ schrie Mrs. Bowlby mit erstickter Stimme, „Helen, höre nicht auf ihn!“

Miß Helen wollte etwas antworten, und die schwarzen Diener erschienen eben in feierlicher Prozession mit einer Reihe Silberschüsseln in den erhobenen Händen, als Allan eine Idee durchzuckte. Die Erinnerung, nach der er gesucht hatte, war aufgetaucht, und im selben Augenblick war die Idee gekommen -- wahnsinnig, aber!! Er beugte sich hinter Miß Helens Rücken zu Oberst Morrel vor. Er flüsterte dem Obersten zwei Fragen zu, worauf dieser ihn anstarrte wie einen Wahnsinnigen, bis er endlich die Sprache wieder fand.

„Ja, was zum Henker soll das heißen?“ brüllte er. „Sind Sie denn ganz toll?“

Allan erhob sich von seinem Platz.

„Was das heißen soll?“ rief er, indem er mit blitzenden Augen auf Yussuf Khan deutete. „Das soll heißen, daß der Mann, der da sitzt, gar nicht Yussuf Khan, Maharadscha von Nasirabad ist!“

Er hatte kaum diesen Satz herausgeschleudert, als an die Eingangstür des Festsaals geklopft wurde. Sie öffnete sich, und drei wunderliche Gestalten erschienen auf der Schwelle.

Zuerst kam der Mann, der behauptet hatte, einem Feste in seinem eigenen Hotel nicht beiwohnen zu können -- der Direktor des Grand Hotels Hermitage. Dann kam eine Frau, bei deren Anblick Mrs. Bowlby zurückprallte wie vor dem Anblick einer Klapperschlange, und schließlich ein Mensch im zerdrückten Anzug und nicht ganz reinem Kragen, der eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Maharadscha von Nasirabad aufwies.

XIII

Yussuf Khans Heirat

Der Direktor des großen Hotels brach das Schweigen, das durch seinen und den Eintritt der anderen zwei Personen in den Festsaal entstanden war. Er wendete sich an Oberst Morrel und sagte mit einer entschuldigenden Betonung auf jedem Wort, das er sprach:

„Herr Oberst, Sie müssen mein Eindringen in Ihre Gesellschaft verzeihen. Sie können sich denken, daß es nicht ohne zwingende Gründe geschieht. Ich werde das, was vorgefallen ist, so kurz und deutlich erzählen, als ich kann.

Vor zwanzig Minuten wurde ich in das Bureau gerufen, mit dem Bedeuten, daß meine Anwesenheit unumgänglich notwendig sei. Ich eilte hinunter und fand diese Dame, in der ich Mrs. Langtrey erkannte, die einige Zeit im Hotel gewohnt hat, und diesen Herrn, der eine gewisse Aehnlichkeit mit Sr. Hoheit hat (der Direktor verbeugte sich in der Richtung von Yussuf Khan). Ich traute meinen Augen nicht, als ich Mrs. Langtrey sah, die, wie wir wissen, vor zwei Tagen ein kühnes Attentat auf die Juwelen Sr. Hoheit versucht hatte, über das einer der Gäste Sr. Hoheit die ausführlichsten Aufklärungen geben kann. (Der Direktor verbeugte sich leicht gegen Herrn van Schleeten, der ganz starr dasaß, die Augen auf Mrs. Langtrey geheftet). Bevor ich noch meine Bestürzung aussprechen konnte, sagte Mrs. Langtrey: ‚Ich weiß genau, was Sie sagen wollen. Es ist unnötig. Ich bin Mrs. Langtrey, die in Ihrem Hotel gewohnt hat; das ist der Maharadscha von Nasirabad, der vor fünf Tagen geraubt wurde.‘ ‚Wie können Sie es wagen, zu behaupten, daß dieser Mensch der Maharadscha ist,‘ rief ich aus, ‚ich weiß doch, daß der Maharadscha gerade jetzt ein Abschiedsfest in meinem Hotel gibt!‘ ‚Der Maharadscha,‘ erwiderte Mrs Langtrey, ‚ein sauberer Maharadscha! Der Mensch, der heute abend in Ihrem Hotel das Fest gibt, ist nicht mehr Maharadscha als Sie selbst oder der Portier hier. Ich verlange augenblicklich in den Festsaal hinaufgeführt zu werden.‘ Jetzt wurde mir die Sache zu bunt, und ich wollte die Dienerschaft rufen, um Mrs. Langtrey aus dem Hotel zu weisen, als sie mir zuvorkam und sagte: ‚Tun Sie nicht etwas, was Sie bereuen würden! Wir wollen nur ungerne mit Hilfe der Polizei eindringen, aber wenn es notwendig ist, werden wir es tun.‘ Nach dieser Aeußerung glaubte ich nichts anderes machen zu können, als die Gesellschaft hierher zu begleiten, wie sie es wünschte.“

Der Direktor verstummte. Der Oberst blickte wie ein Schlaftrunkener um sich, bald starrte er den Direktor, bald Allan an, bald die zwei Personen, die auf den Thron von Nasirabad Anspruch erhoben. Der zuletzt Erschienene, der Mann in Mrs. Langtreys Gesellschaft mit dem zerdrückten Frack, ergriff das Wort:

„Wie lange werde ich noch warten müssen, bis dieser Verbrecher, der mein Aussehen gestohlen hat, in Ketten gelegt wird?“ sagte er. „Fünf Tage bin ich in seinen und seiner Bande Händen gewesen, und nun ich wiederkomme und finde, daß er meinen Namen, wenn auch nicht mein Hab und Gut, gestohlen hat, werde ich behandelt, als wäre +ich+ er. Oberst Morrel Sahib, wie lange werde ich noch warten müssen, daß der Verbrecher in Ketten gelegt wird?“

Der Oberst starrte von ihm zum Maharadscha am Tisch, ohne eine Silbe hervorbringen zu können. Er kannte den Maharadscha seit vielen Jahren; am Tische saß ein Yussuf Khan, an den er sich von tausend Gelegenheiten her erinnerte, in der Türe stand ein Mann mit eingefallenen Wangen und zerknitterter Kleidung, der wohl eine gewisse Aehnlichkeit mit dem anderen Yussuf Khan hatte, aber auch nicht mehr als das.

Aber dieses Zusammentreffen mit dem jungen Mann aus Schweden, der seine absurde Behauptung fast im selben Augenblicke hinausgeschleudert hatte, in dem sie in so eigentümlicher Weise von anderer Seite vorgebracht wurde! Er stand noch total konfus da, als das Schweigen gebrochen wurde: Der Maharadscha am Tische wollte sprechen, aber Allan Kragh fiel ihm höchst unartig ins Wort.

„Oberst Morrel,“ sagte er. „Ich stellte kürzlich zwei Fragen an Sie, die Sie, wie ich sah, wahnwitzig fanden. Gestatten Sie, daß ich sie noch einmal wiederhole?“

Der Oberst nickte starr, vermutlich ohne aufzufassen, was Allan sagte, so verblüfft starrte er noch immer die beiden Kronprätendenten an.

„Ich habe Sie gefragt,“ sagte Allan, „ob Se. Hoheit, der Maharadscha, Gelegenheit hatte in Nasirabad seine Zähne plombieren zu lassen? Wollen Sie mir diesmal ausdrücklich darauf antworten?“

Der Oberst wendete seinen starren Blick ihm zu.

„Zähne plombieren,“ schrie er. „Das ist wirklich nicht die rechte Zeit für Geschwätz und Dummheiten.“

„Es sind vielleicht nicht solche Dummheiten, wie Sie glauben,“ sagte Allan. „Ich ziehe aus Ihrer Antwort den Schluß, daß Se. Hoheit keine Gelegenheit hatte, seine Zähne in Nasirabad plombieren zu lassen. Und in London?“

„Jetzt hören Sie aber, junger Freund --“

„_All right._ Also auch nicht in London. Nun weiß ich aber, daß der Mann, der hier am Tische sitzt, einen Backenzahn hat, der mit einer Goldplombe überzogen ist. Kann er dies widerlegen, entfällt einer der Gründe für meine Behauptung, daß er nicht der Maharadscha von Nasirabad ist. Ich gebe ihm hiermit Gelegenheit, es sofort zu widerlegen.“

Yussuf Khan sprang mit blitzenden Augen vom Tische auf.

„Ich weiß nichts von der Gastfreundschaft der Sahibs,“ sagte er, „wenn sie die Gastgeber sind. Aber wenn jemand in meinem Lande zu mir, seinem Gastgeber, so spräche, wie dieser junge Mann zu mir spricht, ich würde ihn mit Hieben und Schlägen von meinen Dienern aus dem Hause jagen lassen. Bin ich ein Pferd, daß ich mir auf einen Wink in den Mund schauen lasse? Man treibe diese Menschen hinaus, die ich nicht kenne und die sich hier eingedrängt haben wie freche Bettler, und zugleich mit ihnen diesen jungen Mann, der mich beleidigt hat, wie ich noch nie beleidigt wurde!“

Er betrachtete Allan und die ungebetenen Gäste mit blitzenden Augen. Der Oberst richtete sich auf und war im Begriff seinen Wunsch zu erfüllen, als Allan ihn mit einer Geste und einem leisen Lächeln aufhielt.

„Oberst Morrel,“ sagte er, „einen Augenblick! Ich will mich gerne in der Weise, wie Se. Hoheit es wünscht, hinausjagen lassen, aber unter einer Bedingung. Ich glaube, daß Mrs. Langtrey und ihr Begleiter sich mir anschließen werden, wenn sie diese Bedingung hören.“

Er wandte sich dem Maharadscha am Tisch zu:

„Benjamin Mirzl, du Sonne der Rechtgläubigen und aller Verbrecher König, habe die Gewogenheit, deiner schwarzen Leibwache selbst den Befehl meiner Verjagung zu geben! Ich weiß zufällig, daß sie nicht englisch spricht!“

Die Züge des Maharadscha nahmen, während Allan sprach, einen furchtbaren Ausdruck an. Er verließ seinen Platz und kam mit langsamen Schritten auf die Gruppe zu, die in der Nähe des Eingangs stand. Seine Augen waren durchbohrend auf Allan geheftet und funkelten wie die eines Königstigers. Er blieb vor Allan stehen und fixierte ihn einen Augenblick mit einem Ausdruck solchen Zornes, daß der Oberst eine Bewegung machte, um einzuschreiten; es sah aus, als wollte er Allan auf der Stelle niederschlagen. Im selben Augenblick geschah jedoch etwas ganz anderes. Der Maharadscha machte an ihnen allen vorbei einen Riesensprung, nicht unwürdig des königlichen Raubtieres, dem er glich; und bevor jemand sich noch gerührt hatte, lag der Saal in Stockfinsternis versunken; sie hörten die Eingangstüre zufliegen und das Einschnappen eines Riegels. Für einen Augenblick war alles ein wüstes Durcheinander; Rufe ertönten von Mrs. Bowlby, vom Obersten, von der schwarzen Leibwache, vom Direktor und den eben eingetroffenen ungebetenen Gästen. Dann kam ein Ausruf der Befriedigung von jemand, dem es gelungen war, den Kontakt zu finden, und der Saal lag wieder im Licht da. Ein Gewimmel von Armen und Beinen bearbeitete die Türe mit Schlägen und Stößen; verschiedene Ausrufe des Obersten, der mitten im Kampfgewühl war, deuteten an, daß nicht alle Schläge den Türspiegel trafen. Endlich flog die Türe auf, und eine wilde Jagd begann die Treppe hinunter in die große Halle. Zum Glück für den zukünftigen Ruf des Hotels war die Halle bis auf ein paar Bedienstete und den Portier ganz leer. Der Direktor schleuderte ihm mit Tigergebrüll eine Frage zu, und nach einem Augenblick des erstaunten Starrens kam die Antwort von dem würdigen Portier mit der Benediktinerfigur:

„Der falsche Maharadscha? Der Maharadscha ist vor einem Augenblick die Treppe hinuntergekommen und ... nun ja, er schien ein bißchen unsicher auf den Beinen. ‚Will b--bißchen an die f--frische Luft‘, hat er uns zugemurmelt, Sir, und uns ein wenig unsicher angesehen. Wir hörten Rufe oben aus dem Festsaal und dachten uns: Jetzt sind die Gäste in Stimmung gekommen, und --“

Im nächsten Augenblicke waren sie an dem würdigen Portier vorbei, wie ein Koppel Hunde, die die Fährte gefunden haben. Leider führte diese Fährte nicht weiter als bis zum Monmouth Square. Der patrouillierende Polizeikonstabler rapportierte, daß er vor zwei Minuten einem asiatischen Gentleman, der etwas bezecht zu sein schien, in ein Auto geholfen hatte, das dann zur Wohnung dieses Herrn, Grosvenor Hotel, fortgerollt war.

Der Oberst sah Allan an, während er sich den Schweiß von der Stirne wischte.

„Der verdammte Schurke,“ murmelte er. „Das drittemal! Und auf ein Haar wäre es ihm geglückt ... Hol’s der Teufel -- ich kann nicht umhin, den Kerl zu bewundern.“

„Gehen wir wieder hinauf,“ sagte der Direktor. „Seine Hoheit ... Seine wirkliche Hoheit kann Entschuldigungen und Erklärungen verlangen.“

Er, der Oberst und Allan gingen die Treppe wieder hinauf; Herr van Schleeten hatte an der Jagd auf den falschen Maharadscha nicht teilgenommen. Die Leute auf dem Monmouth Square starrten die drei Herren an, von deren Gesichtern der Schweiß troff, trotzdem sie in Frack und weißer Krawatte waren. Im Festsaal angelangt, bot sich ihnen eine bunte Szene.

Links von dem Eingange stand die Familie Bowlby unter dem Präsidium von Mrs. Bowlby, die mit ausgebreiteten Röcken bereit war, ihr Haus zu verteidigen, wie die Henne ihre Küchlein. Sie führte eine eifrige, leise Konversation mit ihrem Mann und ihrer Tochter und schleuderte hie und da einen herausfordernden Blick auf Mrs. Langtrey. Mrs. Langtrey stand mitten im Saale mit stolzer Haltung und einem unergründlichen Lächeln. Ihre Augen hingen an Yussuf Khan -- dem nun anerkannt richtigen -- und auf ein Kissen an der Festtafel gesunken, die Nasenfarbe von Chateau Lafitte in Haut Sauterne verwandelt, saß ein Herr mit dickem, gelbgrauem, jetzt schlaff hängendem Schnurrbart, dessen Augen nichts anderes sahen als Mrs. Langtrey -- Herr van Schleeten.

Die schwarzen Diener und die Leibwache hatten sich in einem Kreis versammelt, wie eine Krähenkolonie über das Passierte schnatternd. Yussuf Khan -- der richtige -- stand, noch etwas schlapp, mit einem geleerten Weinglas in der Hand da und war der Gegenstand zärtlicher Worte und entschuldigender Bitten von seiten seines alten Lehrers.

„Beim Propheten, mein Sohn, ich schäme mich wie ein Dieb, der im Basar auf frischer Tat ertappt wurde! Ich, ich selbst, dein Lehrer, ließ mich zwei Tage von diesem frechsten unter den Betrügern täuschen. Sogar seine Sprache war die deine, nur poetischer, worin ich eine Frucht der Lehren sah, die ich dir beizubringen bemüht. Mein Hochmut darüber machte mich noch blinder gegen seinen wirklichen Charakter, wofür Allah mir gnädig sein möge. Wahrlich, beim Propheten! Ich schäme mich! Wäre nicht dieser junge Mann mit dem wunderbar scharfen Falkenblick gewesen, du wärest jetzt vertrieben, und er, der Betrüger wäre in wenigen Wochen, wenn wir unser Land wiedersehen, nach dem ich mich sehne, wie der Hirsch nach der Quelle, auf den Thron von Nasirabad erhoben worden. Ueberaus treffend sagt der göttliche Zeltmacher --“

Der Maharadscha unterbrach ihn, ohne die treffende Aeußerung des göttlichen Zeltmachers abzuwarten.

„Ohne Zweifel“, sagte er, indem er sich aufrichtete, „hat der junge Mann, der mir unbekannt ist, jetzt das Verdienst, daß der Betrüger entlarvt wurde, aber ich hatte jemanden in meiner Gesellschaft, der bereit war, ihn zu entlarven. Sie wollte nur ihren Zeitpunkt wählen.“

„Mein Sohn, ich bedauere, daß du mir den Schmerz bereitest, den Worten des göttlichen Zeltmachers nicht so gerne zu lauschen wie der elende Betrüger, Sohn Scheitans. Aber du sagtest +sie+? Meinst du die Frau, die in deiner Gesellschaft kam?“

„Wie du sagst. Sie, die in meiner Gesellschaft kam, die von diesem Betrüger und Menschenräuber zu meiner Gefängniswärterin ausersehen war, die sich meiner in meiner Gefangenschaft erbarmte, und von der ich gleich noch mehr mit dir und Oberst Morrel Sahib sprechen werde. Fünf Tage war sie meine Wächterin, nur anfangs von dem Verbrecherkönig abgelöst. Ihre Milde zugleich mit der Festigkeit ihres Willens war bewunderungswürdig, und die Zeit in meinem Gefängnis, wo sie über mich wachte, war mir süßer als alle Stunden, die ich in der Gesellschaft anderer Frauen verbracht habe. Sie war fest wie die Hand des Reiters, wenn sie den Zügel hält, und sanft wie sie es ist, wenn sie das Fohlen streichelt. Heute -- doch später mehr davon. Du sagtest, daß wir schon in einigen Wochen unser Vaterland wiedersehen werden? War denn die Zeit für Eure Abreise schon bestimmt?“

„Sie war von Oberst Morrel Sahib für morgen bestimmt, der es gestern als eine Gnade von Sr. Exzellenz dem Minister erwirkte, daß wir diese Stadt mit unversehrter Ehre und Turbans verlassen dürfen. Von solchen Dingen wie die, die unsere Anwesenheit hier verursacht hat, hat diese Stadt noch nie gehört, und sowohl die Bevölkerung hier wie Oberst Morrel Sahib sind mit Recht über mich empört, der ich dir ein so elendes Vorbild gewesen. Ach, du kannst in Wahrheit auf deinen Lehrer anwenden, was der göttliche Omar von seinen Lehrern sagte:

Die hellsten Leuchten von den klügsten Köpfen, Die von den Sternen selbst die Weisheit schöpfen, Da liegen sie ...“

„Da kommt Oberst Morrel Sahib,“ schnitt Yussuf Khan ab. „Das ist gut. Ich will sogleich mit ihm von dem sprechen, was mir am Herzen liegt.“