Yester und Li: Die Geschichte einer Sehnsucht
Part 6
Da begann Kapelli in seinem Atelier einen Heidenspektakel zu vollführen, er trieb Nägel in ein Brett, und die Gäste der Donna Claudia gingen nach Hause.
Von der Straße her drang das Lärmen des erwachten Verkehrs. Die Gemüseweiber riefen mit singender Stimme ihre Waren aus, die Glocke des Kehrichtwagens zeterte.
Ginstermann ging auf und ab, dann trat er ans Fenster und blickte hinaus, um sich die Zeit zu vertreiben.
Aus dem Fenster gegenüber lehnte sich eine Magd, die plumpen Brüste breitgedrückt auf dem Gesims, und warf mit schwingender Bewegung des fleischigen Armes Kartoffelschalen in den Hof. Darauf zog sie sich schleunigst zurück, den Mund aufsperrend, um das Lachen zu verhalten. Sie sah aus wie eine Schießscheibe. Im Hofe wurde eine gutmütig-kreischende Weiberstimme laut, die augenblicklich eine Menge Gesichter an die Küchenfenster lockte.
Eine Zeitlang beobachtete er das Treiben des Hofes, das an die Daseinsäußerungen von harmlosen Tieren erinnerte, dann erwachte wiederum die Melodie von vorhin in ihm, in bestimmterem Rhythmus, mit halbgehörtem Texte, und plötzlich, ohne sich eigentlich über diesen Vorgang klar zu werden, trällerte er vor sich hin:
Juhei, juhei, der Tag ist da, er tanzt als wie ein Narr herum, mit heija--halleluija tanzt er die alten Häuser -- ja alten Häuser um. Juhei!
Juhei, juhei, der Tag ist da, ein wilder, kecker Bengel, mit heija--juhaheirassa hält er mich untern Pumpen -- ja untern Pumpenschwengel. Juhei!
Juhei, juhei, der Tag ist da, mit einem Strauß von Düften, dann hängt er mich mit juhaha an einen hohen Kirchenturm -- ja Kirchenturm zum Lüften. Juhei, Juheirassassassa!
Er wiederholte den Singsang, veränderte die Melodie, dichtete ein paar Strophen dazu, bis er endlich des Spaßes überdrüssig wurde.
Er sah auf die Uhr.
Es war sieben, noch nicht sieben.
* * * * *
Der Wind trug das Singen des Glockenspiels von St. Anna herüber in den Park. Ginstermann stand und lauschte. Bei den einundzwanzig Wunden des Cäsar! es war schon wieder eine Stunde um.
Heute schlief Phöbus auf seinem Kutschenbock, wie seinerzeit am Tage von Gilgal. Jede Minute ging so gemütlich als möglich und trank eine Tasse Schokolade, bevor sie die Parole an die folgende abgab.
Ginstermann promenierte seit Mittag im Englischen Garten, um nicht zu spät zu kommen, wie er sagte. Er hatte hastig und ohne jeglichen Appetit, als habe er das Reisefieber, sein Mittagsbrot eingenommen und war, ohne recht zu wissen wie, in den Park gekommen. Den Vormittag über hatte er sich in den Straßen, auf dem Bahnhofe herumgetrieben, eine solche Menge beobachtend, erlebend, erfindend, daß es geschrieben einen Folianten gäbe, ohne aber seine Ungeduld, seine Langweile nur eine kleine Weile bannen zu können. Eine Zeitlang hatte er bei dem Auslagefenster eines Reisebureaus gestanden, wo die kleinen Zinnschiffe auf gemalten Ozeanen wimmeln, und einen kurzen Ausflug nach Südamerika, Australien und Japan unternommen, mit einigen Zusammenstößen, Seeräuberüberfällen und einer kleiner Robinsonade auf einer niedlichen Koralleninsel in der Südsee.
Es war angenehm, hier zu gehen, auf den gepflegten, reingekehrten Wegen. Durch die halbhohen Wiesen hindurch, deren Gräser und Blumen der Wind leise wiegte, oder unter den hohen Bäumen mit den in der Sonne flitternden Blättern.
Das war ein Tag, von einem Gotte, der ein Dichter und ein Maler war, geschaffen. Duftende Blüten, bunte verliebte Falter, ein blauer Himmel, der der Sonne das Feuer in einem einzigen Kusse zurückgab, ein Tag, der einen Engel auf die Erdenkinder hätte neidisch machen können.
Zur Mittagszeit gab es nur wenig Leute. Ab und zu eine Bonne mit Kindern, ein Reiter, der auf den Sandsteigen vorbeistampfte, ein Wagen, ein Mann, der vor sich hinsann. Hinter den Bäumen blinkten die Villen wie eine Reihe weißer, lächelnder Zähne. Die Stadt surrte in der Ferne, eine atemlose, keine Sekunde stillestehende Maschine.
Mit jeder Viertelstunde wuchs in Ginstermann eine sonderbare Angst, die ihn wie ein Schwindel im Kreise drehte. Als ob man zu einem sagte: Noch eine kleine Weile, und die Türe springt auf, und du stehst vor dem Schicksal, das dir deinen Platz im Leben anweisen wird. Es war das nämliche Gefühl, das er empfand, als bei der Premiere seines ersten Dramas der Vorhang in die Höhe stieg, und er das gefüllte Haus in der Dämmerung liegen sah, das gekommen war, ihn zu richten. Und doch war es nichts als ein harmloses Rendezvous mit einer jungen Dame.
Als es zwei Uhr schlug, stieg er zum dutzendsten Male den Hügel hinauf, auf dem der Monopteros, ein schlanker Rundtempel aus weißem Marmor, errichtet war.
Hier würde er sie treffen. In einer Stunde würde sie hier oben stehen . . .
Er blickte über die Wiesen, die Baumwipfel, die Stadt.
All das war ihm wohlbekannt. Jeder Weg, jeder Baum, jeder Turm. Er hatte vorigen Sommer hier oben zu Mittag gegessen, als es ihm nicht sonderlich gut ging, zwei Monate lang.
Er ging unter den Säulen umher und las Namen und Monogramme, die von einem Herzen eingeschlossen waren. Erinnerungen an verliebte Leute. Er bemerkte ein häßliches Wort und rieb es mit einem Steinchen weg, damit nicht ihre Augen zufällig darauf fallen konnten.
Dann stieg er wieder herab und ließ sich auf einer Bank in der Nähe nieder, die ihm erlaubte, den Tempel im Auge zu behalten, ohne daß er den Ausgang sah. Er wollte sie nicht kommen sehen, sondern plötzlich sollte ihre Gestalt ihm aus den schlanken, weißen Säulen heraustreten.
Hier war es sehr still, und er träumte, wie sie aussehen würde, was sie spräche. Vor ihm standen die hohen, ernsten Bäume mit schweren, schattensatten Wipfeln, Büsche zwischen ihren Stämmen, Blumen und allerlei Kraut unter diesen Büschen. Drei Wälder, verschieden an Größe und um so üppiger und farbenprächtiger, je mehr sie sich dem Erdboden näherten. Es hämmerte, es klopfte, knackte da und dort, Fliegen mit schillernden Flügeln summten über den Weg, Vögel schwankten von Ast zu Ast. Das war so eigentümlich, so märchenhaft, daß man wähnte, jede Minute müsse sich das Gebüsch teilen und etwas Sonderbares hervorkommen.
Ginstermann spann sich in diese Märchenstimmung hinein, bis ihn das glucksende Lallen eines kleinen, wie eine Puppe herausgeputzten Mädchens weckte. Das Kind blieb vor ihm stehen, mühsam das Gleichgewicht haltend, und lief plötzlich auf ihn zu und fiel ihm mit jauchzendem Lachen nahezu in den Schoß. Es legte die Fäustchen auf seine Knie und blickte ihn zutraulich mit großen, wasserblauen Augen an, aus denen das wunderliche Traumland seiner Seele schimmerte.
Die Mutter, eine schmale, kleine Frau in Trauerkleidern, eilte mit mädchenhaft flüchtigen Schritten herbei und versuchte die Kleine wegzuziehen.
»Aber bitte, lassen Sie die Kleine doch,« sagte Ginstermann, »ich fühle mich sehr geschmeichelt, daß sie Zutrauen zu mir hat.«
»Sie belästigt Sie. Herzchen, Du belästigst den Herrn!«
»Nein, nein, aber keineswegs. So hübsche Kinder belästigen mich nie.«
Die junge Mutter nahm neben ihm Platz, sich nochmals entschuldigend. Ihr Wesen hatte etwas Gedrücktes, Hoffnungsloses an sich, als sei sie mühsam der Verzweiflung entronnen. Ihr schwarzes Kleid war abgetragen und spielte an den Armen und der Brust ins Grünliche. Mit krankhafter Schamhaftigkeit versuchte sie die Schuhe unter dem Rocksaum zu verbergen, da sie rissig waren.
Ginstermann nahm das Kind auf die Knie und schaukelte es, dabei trällernd:
Die Schweden sind kommen -- habn's Pulver mitg'nommen . . .
Die Kleine lachte und klatschte vor Vergnügen mit den Patschhändchen.
»Sie wird ihnen lästig fallen,« hub die Mutter wieder an, ihm mit einem Blicke ihrer traurigen, verschleierten Augen dankend.
»Sie sehen ja, daß das Vergnügen ganz auf meiner Seite ist. Was verlangen Sie für das Kind? Ich kaufe es Ihnen ab. Drei, fünf Millionen?«
Aber das Weib lächelte nicht. Sie blickte den Weg hinunter zu einem kleinen Manne in komisch kurzem Gehrocke, der heftig hustete.
»Es läuft auf jeden Herrn zu, denn es hat keinen Vater.«
Sie sagte das mit einer Stimme, die ihren ganzen Schmerz ausdrückte.
Denn es hat keinen Vater, wiederholte Ginstermann innerlich.
Er fuhr fort, das Kind zu schaukeln, dann sagte er:
»Wer ein solches Kind hat, darf eigentlich nicht traurig sein.«
Sie blickte immer noch zu dem hustenden Männlein hinunter.
»Ach,« sagte sie, »er hätte mich ja sicher geheiratet. Er ist gestorben. Er war drei Tage krank, dann ist er gestorben. Nun ist er tot.«
Das Mädchen jauchzte und fuhr mit gespreizten Fingerchen nach Ginstermanns Gesicht.
»Fällt es Ihnen noch nicht lästig?«
»Ach nein. Hören Sie doch diese Stimme! Wie eine Glocke. Und dieses Haar, das sie hat, feiner wie Seide.«
»Darf ich Sie etwas fragen, ja? Und Sie werden mir Ihrer Überzeugung gemäß antworten?«
»Bitte, bitte.«
Ob er an ein Wiedersehen im Himmel glaube!
Dabei sah sie ihm direkt in die Augen.
»Nun auf jeden Fall doch! Da gibt es doch einfach keinen Zweifel.«
Auf ihrem Gange wohne einer, ein Doktor, ein Schriftsteller, der sage, nur die Dummen glaubten es noch. Seine Hausfrau habe es ihr erzählt.
»Ja, ein Schriftsteller,« entgegnete Ginstermann, »die glauben alle nichts. Ich kann Ihnen aber etwas sagen, Sie brauchen gar nicht so lange zu warten.«
Das verstünde sie nicht.
Sehr einfach. In ein paar Jahren hätte sich ihr Kind entwickelt, und aus dem Kinde würde alsdann der Vater heraustreten. Zum Beispiel an der Bildung der Stirne, an einer Bewegung, in der Stimme würde sie ihn erkennen. Und somit in ihrem Kinde auch dessen Vater erblicken.
Sie sann vor sich hin, beglückt von dieser Eröffnung und sah im Geiste das Kind heranwachsen und seinem Vater gleichen.
Dann erzählte sie Ginstermann leise, in unvollständigen Sätzen, die Geschichte ihrer Liebe, um sich das Herz dadurch zu erleichtern. Sie war Telephonistin und ihr Bräutigam Zeichner in einer Möbelfabrik. Er war sehr geschickt. Sie hatten sich durchs Telephon kennen gelernt. Schon als sie das erste Mal seine Stimme gehört, habe sie ihn lieb gewonnen. Und eines Abends war er hinter ihr hergekommen und hatte gerufen: 23--75. Das war die Nummer seines Geschäfts. Sie sei auf den Tod erschrocken. Und dann hätten sie einander geliebt. Aber dann sei er krank geworden, nur drei Tage krank gelegen und gestorben. Und sie habe ihre Stellung verloren, als das Kind kam und sei nun Kontoristin. Gegenwärtig habe sie Urlaub, drei Tage.
Ginstermann hörte ihr von Mitleid ergriffen zu. Er schmiedete Pläne, auf welche Weise man das arme Weib erfreuen könne. Hätte er Geld gehabt, so würde er ihr soviel als möglich zugestellt haben: Ein Freund ihres Bräutigams, der Möbelzeichner K. habe diese Schuld abzuzahlen. Er bitte wegen der Verzögerung um Entschuldigung. Auch beschäftigte ihn der Gedanke, auf die Direktion zu gehen und dem Beamten die Nichtswürdigkeit seiner Handlungsweise vorzuhalten, ein junges Mädchen deshalb zu entlassen, weil es der Stimme seiner Natur gefolgt war.
»Wenn Ihnen die Kleine aber lästig wird --? -- -- Es regnete ein wenig und ich hatte den Schirm aufgespannt, an jenem Abend. Da kam er hinter mir her und sagte: 23--75. Ach, ich bin auf den Tod erschrocken --«
In diesem Momente schlugen die Uhren drei.
Ginstermann erschrack, die Töne durchliefen seinen ganzen Körper.
Er stand hastig auf und sagte, bebend vor Erregung:
»Entschuldigung, ich muß gehen. Es ist drei Uhr. Um drei Uhr muß ich gehen. Auf Wiedersehen.«
Zwischen den Säulen auf dem Hügel war noch nichts zu sehen. Kein Schatten, nicht der Verdacht eines Schattens.
Drei Uhr und nichts zu sehen. Ginstermann wurde von einer lähmenden Angst befallen und hielt den Schritt an.
Wie ein Blitz fuhren ihm hundert Möglichkeiten durch den Kopf, die sie abgehalten haben mochten, und die eine verblieb hartnäckig als die wahrscheinlichste: Sie wollte nicht, sie hatte es sich anders überlegt. Was sollte sie mit ihm?
Nun hatte er drei Tage gefiebert, und seine Sehnsucht hatte sich die Flügel lahm geflogen nach diesem Moment -- und sie kam nicht.
Er stand und blickte mit bitterem Lächeln zu Boden.
»Gut! Es war vorbei. Das Leben hatte ihn genarrt!«
Aber plötzlich schrak er zusammen. In dem Bilde, das unbewußt seine Netzhaut spiegelte, hatte sich etwas geändert.
Sie stand oben.
Sie stand wirklich und wahrhaftig oben.
Schlank und weiß stand sie zwischen den schlanken, weißen Säulen und blickte über die Wiese.
Es fiel Ginstermann nicht ein, hinauf zu eilen. Er blieb ruhig hinter seinem Busche stehen und beobachtete sie.
Sie ging langsam im Kreise umher, dann blieb sie stehen und schrieb mit dem Sonnenschirm auf den Boden. Sie wartete.
Ist es nicht köstlich, dachte Ginstermann, sie wartet! So steht jemand, der wartet! Oder schreibt man sonst mit dem Schirm auf den Boden? Oder steht man sonst in solch nachdenklicher, nachlässiger Haltung?
Er götzte sich eine Weile an diesem Gedanken, dann eilte er, was er konnte und langte ganz außer Atem oben an.
»Da sind Sie ja!« sagte sie und lächelte.
Ihre Stimme klang klarer und voller als neulich, da sie krank gewesen. Mit einem kurzen verstohlenen Blick überflog sie sein verändertes Äußere.
Er schämte sich nun, es kam ihm vor, als beleidige er sie durch diese spießbürgerliche Rücksichtnahme, und er verwünschte Anzug und Hut.
»Ja, da bin ich«, sagte er, indem er ihr die Hand gab. Es fiel ihm sonst nichts ein, all die hundert Anreden, die er sich zurecht gelegt hatte, waren in seinem Kopfe verschwunden wie durch ein Loch.
Sie habe schon gedacht, er sei irgendwie verhindert.
Dies sagte sie leichthin, in verletzend gleichgültigem Tone, der Ginstermann augenblicklich die Fassung zurückgab.
»Ich würde nicht verfehlt haben, Sie das wissen zu lassen,« entgegnete er.
Sie gingen den Hügel hinab und blieben an der Wegkreuzung stehen, unwillkürlich.
»O, das ist ja gleich«, sagte Fräulein Schuhmacher und schlug den Fahrweg ein.
Sie begannen zu plaudern. Anfangs tasteten sie unsicher nach einem Gesprächsthema, das Interesse für jeden besaß und jedem gestattete, etwas dazu zu geben, und huschten sie über die Oberfläche einer Menge von Fragen hinweg, bis sie schließlich in glattes Geleise kamen.
Ginstermann war nicht vollständig bei der Sache. Ein Chaos von Gefühlen wirbelte in ihm. Ist es nicht herrlich, neben ihr zu gehen, dachte er.
Ein Mann macht eine Reise um die Erde und spricht nach seiner Rückkehr zum erstenmal wieder mit seiner Geliebten. So kam es ihm vor.
Nachlässig schlenderte er neben ihr her, den Hut in den Nacken gerückt, die Hände in den Hosentaschen, wie er es bei guter Laune zu tun pflegte. Er war nicht bedrückt durch ihre Nähe, wie früher, er fühlte sich befreit, ohne die peinigende Unruhe, unter der er zu leiden hatte, wenn er fern von ihr war. Er schlürfte sein Glück mit dem lachenden Leichtsinn eines, der nicht daran denkt, daß der Becher einen Boden hat.
Es war ihm auch gar nicht darum zu tun, die Seele dieses Mädchens auszuhorchen. Wozu sollte sein Verstand das ergründen, was sein Herz längst wußte. Er war ihr Freund, mochte sie seine Gefühle erwidern oder nicht, und er war selig in dem Gedanken, einen Menschen zu wissen, dem er sich ohne die Scham des Schenkenden geben konnte, wie er war.
Sein Inneres glich jenem Fleckchen Land, durch das sie schritten, erschauernd unter der gütigen Sonne, Leben und Blüten quellend.
Kommst du nach Hause, Wanderer, so sage, du habest einen gesehen, den das Leben mitten auf den Mund küßte, dachte er, als jemand an ihnen vorüberging.
Emanzipation? Welches seine Meinung über die Emanzipation des Weibes sei?
Er nahm dieser Frage gegenüber seine feste Stellung ein. Diese Stellung suchte er ihr zu charakterisieren. Er vertrat die Frauenbewegung in ihrer radikalsten Form, wenngleich er da und dort seine Bedenken hegte. Die soziale Stellung des Weibes hielt er für einen Punkt sekundärer Bedeutung, mehr war es ihm um die Erweiterung des Erkenntnisvermögens der Frau zu tun. Die Frau müsse es vor allem lernen, ihre Kinder zu erziehen. Sie müsse begreifen lernen, daß das seelische Wohl des Kindes vor sein leibliches Wohl gehe.
»Die Tatsache ist betrübend«, sagte er, »daß der seelische Zusammenhang des erwachsenen Kindes und seiner Mutter ein lediglich auf natürlichen Gesetzen basierter ist; ein gezwungener also, kein aus einem freien Bedürfnis heraus entstandener.«
Dann sprach er von dem Verhältnis des Weibes zum Manne, das kein von der Natur vorgeschriebenes, in seelischem Sinne natürlich, sondern von der Kultur erwünschtes sei.
Das waren für ihn alte Dinge, über die er Bücher geschrieben hatte, und er dachte vieles andere, während er sprach.
Wie schön die Nachdenklichkeit sie macht, dachte er. Es ist nicht Schönheit im Sinne der Welt, es ist eine neue Art von Schönheit, für die man besonders entwickelte Augen haben muß. Und man weiß nicht, liegt sie in der Linie ihres Profils, liegt sie in der durchsichtigen Tiefe ihrer Augen, darüber die Wimpern sprühen. Man braucht es auch nicht zu wissen. Wie ist es, dachte er, findet ein Mann in einem Weibe, dessen Seele er liebt, seine Schönheit heraus, er, sonst kein anderer, oder liebt ein Mann nur das Weib, das seinen unbewußtesten Schönheitsgesetzen nach schön ist?
Ist es nicht unglaublich, dachte er, wie gut Breite und Höhe und die Farbe des Hutes mit der Form ihres Kopfes, dem Teint ihres Antlitzes harmonieren?
»Allgemein gesprochen«, schloß er seine Ausführungen, »freut es mich, daß das Weib strebt, weil ich hoffe, daß der Mann dann um so mehr streben wird.«
»Wie oft gab es das«, ergriff Fräulein Schuhmacher das Thema wieder, »daß ein Mann wirklich und wahrhaftig als Freund, als Kamerad mit einer Frau lebte? Ich befürchte, nicht oft. Sprechen Sie heute als Weib mit einem Manne, und Sie werden fühlen, daß er Ihnen etwas verbirgt, daß er Ihnen etwas vorenthält von seiner Meinung, irgend etwas, das ich nicht sagen kann, ja, daß er sie gar nicht für ernst nimmt, Ihre Bemerkungen erst ausbaut, zur Höhe führt, und Ihnen dadurch beweist, wie wenig Sie berechtigt sind, sich an so etwas heranzuwagen. Ich empfinde das und bin betrübt deshalb. Und ich glaube, alle Frauen empfinden es. Dieses Lächeln der Überlegenheit hassen wir, weil wir merken, wie berechtigt es ist. Deshalb arbeiten wir, nur deshalb, wir wollen uns eine Gleichstellung mit dem Manne in jeder Hinsicht erringen.«
Dieses Zugeständnis aus dem Munde eines jungen Mädchens zu hören, machte Ginstermann einigermaßen verwundert. Hier war wirklich ein Weib, das den grundlosen Dünkel seines Geschlechts, sich für etwas Höheres zu halten, überwunden hatte.
Fräulein Schuhmacher blickte einem Falter nach, der über die Wiese gaukelte, dann fuhr sie fort: »Und die Gelehrten wollen wissen, daß das Weib nie konkurrenzfähig mit dem Manne werden könne. Welches Weib soll da nicht verzagen?«
O wozu sprechen, dachte Ginstermann. Wozu sprechen? Er war gekommen, lediglich, um neben ihr einherzugehen, das süße Gefühl ihrer Nähe zu empfinden, die Blumen am Wege anzusehen, die Schwalben in der Luft zu verfolgen. Wenn sie nun sprach, so hörte er nicht ihre Worte, nur ihre Stimme. Nie hatte er noch eine solche Stimme gehört. Das koste, ohne kosen zu wollen. Das war wie ein weicher, weicher Arm, der sich um den Nacken schlingt. Ihre Worte waren wie Teppiche, so weich, so sanft. Sie hat Elfenbein in ihrer Stimme, Elfenbein, sagte er jubelnd zu sich, als er das gefunden.
Andererseits aber war er ärgerlich, sich so passiv zu verhalten. Er, der sich nichts Herrlicheres wußte, als ein lebendiges Gespräch, er, der ewige Kampflustige, er, der um sich zu unterhalten, die Stühle seines Zimmer rings um sich stellte und mit ihnen konversierte.
Welch herrlicher Tag doch heute war! Wie? und welche Mühe es gekostet hatte, die Stunden zu vertreiben. Seit fünf Uhr morgens.
Ich werde mich bei ihr bis auf die Knochen blamieren, dachte er, und gleichzeitig, wie er sie neben sich gehen sah, die Harmonie ihrer Seele in den Augen, dem Antlitze, dem Gange, wenn man doch ihre Hand fassen könnte und ihr sagen: Sehen Sie es denn nicht?
Aber wozu das wiederum? Man mußte stets daran denken, daß man Proletarier und sie eine vornehme Dame war. Wozu also?
Sie konnten ihn mit glühenden Zangen zwicken, er würde doch nicht reden. »Vergessen Sie nicht, Fräulein Schuhmacher«, antwortete er ihr, »daß es sich in erster Linie absolut nicht um eine intellektuelle Ausbildung handelt, nicht darum auch, Kunstwerke zu schaffen, sondern um eine Steigerung und eine Verfeinerung der Empfindung. Wo bleiben da ihre famosen Gelehrten?«
Ein Lächeln strahlte aus ihren Augen. »O, ich weiß«, sagte sie, »man müßte ja sonst verzweifeln. Hierin sind unsere Fähigkeiten denen des Mannes gleich. Ja, vielleicht -- ja vielleicht . . .« Sie brach einen Zweig und roch an den Blättern.
Der Park war nun belebt. Zwischen den Büschen leuchteten die hellen Gewänder der Damen. Wagen und Radfahrer glitten die Straße dahin, als zöge sie ein rascher Strom. Man vernahm Plaudern und Lachen, gedämpft durch das Laub und die warme Luft, bald nah, bald ferne, bald schien es aus der Luft zu kommen, bald aus der Erde.
Ein Reiter überholte sie in flinkem Tempo. Es war Maler Ritt. Er wandte ihnen, indem er den Hut lüftete, sein Gesicht zu und verzog es zu einer indiskret lächelnden Grimasse. Es schien, als sei der Teufel in elegantem Reitdreß, geschniegelt und gebügelt an ihnen vorbeigeritten. Um ihnen seine Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen, gab er dem Pferde die Sporen, so daß es unvermittelt in Galopp überging.
Eine Weile sprachen sie von ihm. Fräulein Schuhmacher gestand, wie ganz anders dieser Mann, dessen Bilder sie bewunderte, ja verehrte, in ihrer Vorstellung lebte, bevor sie ihn persönlich kennen lernte.
»Er ist mir sehr unsympathisch,« urteilte sie, »ja er widert mich an. Ich kenne ihn nicht, aber es steht fest, daß ich mich nicht in ihm täusche. Ich glaube nicht, daß er Charakter besitzt. Es gibt so wenig Menschen mit Charakter, finde ich, Frauen wie Männer. Die meisten haben die Seele einer Dirne, bei der es aus- und eingeht.«
Ginstermann dachte nicht mehr an die bunten Falter und Blumen, an die Schwalben da droben, er hörte zu.
»Ich kenne überhaupt nur einen Mann«, fuhr sie fort und blickte Ginstermann an: »Das ist mein Bruder.«
Und sie begann von ihrem Bruder zu erzählen, dessen Vorzüge im hellsten Lichte ihrer abgöttischen Schwesterliebe strahlten. Sie wurde nicht müde, ihn zu loben und schien gar nicht zu bemerken, daß ein Teil dieses Lobes auf sie selbst zurückfiel.
Ginstermann freute sich über diesen Beweis ihres Vertrauens und wußte sie durch Fragen zu veranlassen, fortzufahren. Der Ton, in dem sie seine Verdienste rühmte, war voll von aufrichtigster Verehrung, so daß er, eine kleinliche Eifersucht überwindend, schließlich dahin kam, diesen Beneidenswerten selbst zu verehren und zu lieben.
Nicht nur, daß er sich bis zu dem, was sie Charakter nannte, durchgerungen hatte, da war noch etwas anderes:
»Wenn ich ihm in die Augen sehe«, sagte sie, »so brauche ich nicht in Angst zu sein, seine Vergangenheit darin zu entdecken, dann er hat keine Vergangenheit.«
Das durchfuhr Ginstermann wie ein Stich. Er mußte an die Zeit denken, wo er sich betäubte, um nicht zu verzweifeln.
Seine Fröhlichkeit war wie fortgeblasen. -- Er fühlte zwischen sich und dem Mädchen eine Mauer emporwachsen, die sie für alle Zeiten trennen würde.
Er war nahe daran, ihr zu sagen: Sehen Sie her! Sehen Sie mir in die Augen. Graut es Ihnen? O, wenn sie es nicht sehen, so will ich Ihnen sprechen davon, sprechen!
Und doch fand er nicht den Mut dazu, er war zu feige.
Der Himmel verdüsterte sich, und wie ein riesiges Schattenbild zog seine Vergangenheit langsam darüber.
Stumm schritten sie nebeneinander her. Sie mit Gedanken an ihren Bruder, er mit Gedanken an sich beschäftigt. Sie gingen voneinander entfernt.
Im Hintergrunde stampfte die große Maschine, die wippenden Zweige streuten Goldstaub auf den Weg.