Part 2
»Sie haben recht«, erwiderte Flitmore: »Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Es handelt sich hier um eine Entdeckung, die ich zufällig machte, und die mir erst den Gedanken und die Möglichkeit eines solchen Unternehmens gab.
Sie kennen die Schwerkraft und ihre Gesetze und wissen auch, daß die Wissenschaft keine Ahnung davon hat, was diese Schwerkraft ihrem Wesen nach eigentlich ist. Die Anziehungskraft der Weltkörper ist ja wohl eine Erklärung für die Schwerkraft, aber wir wissen eben geradesowenig, was die Anziehungskraft ist und worauf sie beruht. Würde sie auf der Umdrehung oder Rotation beruhen, so müßten wir zum Beispiel gegen die Erdachse angezogen werden, während tatsächlich die Anziehung gegen den Mittelpunkt der Erde sich richtet: es ist eine Zentripetalkraft. Möglicherweise hängt diese Kraft mit dem Magnetismus zusammen und dieser wieder mit der Elektrizität.
Nun wissen Sie, daß es eine positive und eine negative Elektrizität gibt: was die eine anzieht, stößt die andre ab; so gibt es einen positiven und einen negativen Magnetpol, einen Nord- und einen Südpol, und der Zentripetalkraft entspricht eine Zentrifugalkraft. Mit andern Worten, außer der Anziehung gibt es auch eine Abstoßung, und letztere Kraft nenne ich »Fliehkraft«.
Es ist klar, daß, wenn unsre Erde neben ihrer Anziehungskraft auch eine abstoßende Kraft besitzt, erstere bei weitem überwiegen muß in Bezug auf ihre Wirkung auf alle irdischen Körper; denn sämtliche Körper, auf welche die Abstoßungskraft überwiegend wirken würde, müßten sofort von der Erde abgestoßen werden, wären also nicht mehr da. Aus diesem einfachen Grunde bleibt uns diese zweite Kraft verborgen.
Nun habe ich aber durch zufällige Kombinationen eine Elektrizität oder einen magnetischen Strom entdeckt, der diese Fliehkraft darstellt.
Wird der Strom geschlossen, so werden die von ihm durchströmten Körper von der Erde abgestoßen und das mit um so größerer Kraft, je stärker der Strom ist. Bei unterbrochenem Strom tritt die Anziehungskraft der Erde wieder in ihre Rechte.
Meine »Fliehkraft« ist sozusagen die umgekehrte Schwerkraft, ein Magnetismus, der vom Erdmagnetismus abgestoßen wird, und der seinerseits auf diesen abstoßend wirkt.
Das ist das ganze Geheimnis. Alle Versuche, die ich anstellte, hatten den gleichen Erfolg; jeder Körper, den ich mit Fliehkraft lud, und wenn er sonst noch so schwer war, erhob sich in die Luft mit wachsender Geschwindigkeit und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Sie begreifen, daß mir diese Entdeckung den Gedanken nahelegen mußte, ein Fahrzeug herzustellen, das mittelst der Fliehkraft sich dem Bereich der Anziehungskraft unsres Erdballs entziehen könnte.«
Mit großer Verwunderung lauschten unsre Freunde diesen überraschenden Ausführungen und Schultze meinte kopfschüttelnd: »Na, wir werden ja sehen!«
4. Die Fahrt ins Leere.
Es war eine helle Nacht, wenngleich der Mond nur die Hälfte seines beleuchteten Angesichts zeigte, als die kühne Reisegesellschaft ihre abenteuerliche Fahrt antrat. Flitmore ließ noch einige letzte Vorratskisten und Gebrauchsgegenstände in der Sannah verstauen. Auch die von ihm erfundene und in Afrika erprobte Nährmaschine nahm er für alle Fälle mit. In Kolben und Metallgefäßen verwahrte er die chemischen Stoffe, aus denen er mittels der Maschine Tabletten von hohem Nährwert erzeugen konnte. Dies hatte den Vorzug, daß in kleinen Behältern, die nur sehr wenig Raum einnahmen, die Mittel zur Verköstigung auf viele Monate mitgenommen werden konnten. Überdies vermochte er mit seiner Maschine bei einer Landung aus jedem Erdreich, das die für den Pflanzenwuchs nötigen Bestandteile enthielt, diese Bestandteile auszusondern und zu verarbeiten, genau wie es die Pflanzen tun, die Mehl und genießbare Früchte erzeugen. Wozu aber die Halme, Gesträuche und Bäume Monate oder wenigstens Wochen benötigen, das brachte die Nährmaschine in wenigen Stunden zuwege. So schloß diese geniale Erfindung eine Hungersnot aus, auch wenn die reichen Lebensmittelvorräte erschöpft werden sollten, im Falle die Reise sich über alle Erwartungen hinaus verlängern würde.
Besonders wichtig war dem Lord auch sein photographischer Apparat, mit dem er nach dem neuesten Verfahren Lichtbilder in natürlichen Farben herzustellen verstand.
Heinz trug seine geliebte Violine in ihrem Kasten bei sich: er war ein Meister im Geigenspiel und die Zartheit und Gefühlsinnigkeit seines Strichs übertraf selbst das, was man von berühmten Virtuosen zu hören gewohnt ist. Überdies blies er gelegentlich auch Piston mit ebensolch vollendeter Meisterschaft.
Flitmore selber war ein begeisterter Kenner und Freund der Musik. Er spielte nicht weniger als drei Instrumente mit gleicher Fertigkeit, das Klavier, das Cello und die Posaune.
Da Lady Flitmore auf dem Klavier Vorzügliches leistete, John Rieger, der Diener, Flöte blies und selbst Kapitän Münchhausen nicht unmusikalisch war, konnte man hoffen, in der Sannah Konzerte aufzuführen, die sich überall hätten hören lassen dürfen.
Der Lord hatte daher nicht versäumt, für solche willkommene Veranstaltungen in der Sannah ein eigenes, glänzend ausgestattetes Musikzimmer einzurichten, das sogar einen Flügel enthielt, dazu Blas- und Streichinstrumente aller Art, ein ganzes Orchester. Für die nötigen Noten und Partituren war selbstverständlich reichlich gesorgt: da sollte keine Langeweile aufkommen!
Alle waren vor der Eingangspforte der Sannah versammelt, zum Einsteigen bereit, als Flitmores treuer Diener John noch als Letzter erschien, und zwar begleitet von zwei kräftigen Affen, die der Lord den erstaunten Gefährten folgendermaßen vorstellte:
»Sie sehen hier zwei dienstbare Geister, die Schimpansen Dick und Bobs. Der erstere verdankt seinen Namen einem schlechten Wortspiel, da er in der Tat etwas fettleibig ist, also in deutscher Sprache als »Dick« bezeichnet werden kann; der zweite hat eine auffallende Ähnlichkeit mit Lord Roberts, dem Feldmarschall, den wir bekanntlich »Bobs« heißen.
Die Tiere sind äußerst intelligent und gelehrig und sind vorzüglich eindressiert auf das Treiben der Maschine zur Speisung des elektrischen Akkumulators. Sie mögen uns ferner von Nutzen sein, wenn das Schicksal uns auf einen Weltkörper verschlagen sollte, der mit Pflanzenwuchs gesegnet wäre. Da wir in solchem Fall gewärtig sein müssen, lauter uns völlig unbekannte Früchte dort vorzufinden, werden uns die Schimpansen davor bewahren, irgend etwas Giftiges oder Schädliches zu genießen; denn darin ist ihr Instinkt untrüglich.«
Mit vor Erwartung klopfenden Herzen betraten unsre Freunde die unterste Kammer der Sannah, die eher ein Saal zu nennen war, wie alle ihre Räume. Nun mußte es sich bald zeigen, ob eine Erhebung in den unendlichen Raum möglich sei. Und wenn es geschah, -- was würden ihrer für Überraschungen, für Gefahren dort warten?
»Charles«, sagte Mietje zu ihrem Gatten: »Ich will mich in das oberste Stockwerk begeben und unsre Annäherung an den Mond beobachten.«
»Vortrefflich«, stimmte Flitmore ihr zu: »Wollen Sie vielleicht so freundlich sein, meine Frau zu begleiten, Heinz? Wir wollen unterdessen betrachten, wie die Erde aussieht, während wir uns von ihr entfernen. Wenn da nichts mehr zu sehen ist, kommen wir auch nach oben, und das wird bald der Fall sein; denn nach meinen Berechnungen werden wir schnell die Geschwindigkeit des Lichts erreichen, 300000 Kilometer in der Sekunde.«
»Na, na!« rief der Professor zweifelnd.
»Steigen Sie die Treppe hinauf, Sie alter Zweifler«, sagte der Lord; »wie Sie sehen, befindet sich Okular und Spiegel des Teleskops dort oben in der Nähe der Decke. Es ist dies freilich etwas unbequem für den Beobachter, aber was wollte ich machen, wo es gilt nach unten Ausschau zu halten.«
»Wissen Sie auch, was oben und unten ist?« rief Heinz, der eben durch die obere Luke in der Decke das Gemach verließ, dem Lord herab.
Niemand begriff, was er damit meinte; aber der Gedanke, der dem jungen Gelehrten soeben aufgeblitzt war und ihn zu dieser merkwürdigen Frage gebracht hatte, hatte seine volle Berechtigung, wie die Zurückbleibenden binnen Kurzem erfahren sollten.
Heinz hatte inzwischen die Luke hinter sich verschlossen und stieg mit Lady Flitmore weiter hinan von Stockwerk zu Stockwerk, bis die 14 drei Meter hohen Treppen überwunden waren und sie im obersten Saal anlangten.
Flitmore verschloß während dieser Zeit den Eingang zum untersten Raume hermetisch und überzeugte sich, ob alles in Ordnung und nichts vergessen worden sei.
Der Professor saß bereits auf dem obersten Absatz der Stiege am Okular des Fernrohrs.
»Nun denn, in Gottes Namen und im Vertrauen auf des Allmächtigen Schutz!« rief der Lord feierlich: »Meine Herren, ich schließe den Strom.«
Da geschah etwas völlig Unerwartetes.
Mietje und Heinz vernahmen in diesem Augenblick ein dumpfes Geräusch, das sich durch das ganze Fahrzeug fortpflanzte.
»Was bedeutet das?« fragte die Dame.
»Es purzelt alles durcheinander«, sagte Heinz lachend: »die Herren lernen jetzt oben und unten aus praktischer Erfahrung unterscheiden, sie sind jedenfalls alle herabgestürzt.«
»Wieso?« frug Mietje erschrocken: »Hat mein Mann den Eingang nicht rechtzeitig verschlossen? Unmöglich! Sie meinen doch nicht, daß sie herausgestürzt sind, während die Sannah sich erhob?«
»Nein, nein! Überhaupt bei der guten Auspolsterung der Räume hat es keine Gefahr, und was wir vernommen haben, ist nur das Durcheinanderpoltern der Kisten und Ballen in den unteren Vorratskammern; denn aus den gummibelegten Sälen kann kein Ton bis zu uns dringen.«
Die Lady schüttelte den Kopf; sie begriff nicht recht und dachte nur, die Abfahrt sei mit einem starken Ruck erfolgt, der dort unten einiges durcheinandergeworfen habe. Freilich, ganz unerklärlich blieb es dann immer noch, daß hier oben auch nicht die geringste Erschütterung zu spüren gewesen war.
Was war geschehen?
Die Männer dort unten waren sich selbst nicht klar darüber, während das Ereignis sich mit einer erschreckenden Plötzlichkeit abspielte.
Dem Professor auf seinem Sitz am Plafond war es plötzlich, als habe er einen Purzelbaum gemacht und stehe nun auf dem Kopf; und doch hatte er sich nicht geregt.
Im gleichen Augenblick kollerten Lord Flitmore und sein Diener die Treppe herauf oder vielmehr herunter, wie es nun aussah, und kamen auf Schultze zu liegen.
Wie eine Bombe platzte gleichzeitig Münchhausen herab, glücklicherweise in einiger Entfernung, so daß seine Leibesfülle keinen der andern traf, sonst hätte es ein Unglück gegeben.
Dank seinem Fettpolster und dem Guttaperchaüberzug der Decke nahm er bei dem Sturz aus drei Meter Höhe keinen Schaden.
Sämtliche Möbel des Zimmers stürzten ebenfalls herab und kamen zum Teil auf die zappelnden Männer zu liegen und über alles hinweg turnten die erschreckten Schimpansen.
»Da hört sich aber doch alle Wissenschaft auf!« grollte Schultze, als Flitmore und John die glücklicherweise so gummiweichen Sessel von sich abgewälzt hatten und den Professor von der Last ihrer eigenen Körper befreiten.
Alle drei richteten sich auf und Schultze stellte mit Befriedigung fest, daß keiner verletzt war.
Dann sah er sich um.
»Weiß der Kuckuck!« rief er, »wir stehen auf dem Plafond. Wahrhaftig, die Decke ist zum Fußboden und der Fußboden zur Decke geworden. Schauen Sie doch: die Treppe hängt verkehrt herab und das Teleskop ist nach oben gerichtet. Da! Sehen Sie! Die Erde schwebt über uns, ah! herrlich!«
In der Tat bot die mondbeschienene Erde einen prächtigen Anblick; sie entfernte sich mit rasender Geschwindigkeit und schon sah man durch das große Fenster die Umrisse der britischen Inseln wie auf einer Landkarte sich aus dem weißglänzenden Meer erheben.
»Na! So helfen Sie doch mir erst auf die Beine«, rief Münchhausen unwirsch, während er sich vergeblich bemühte, den großen Kautschuktisch von sich zu wälzen, der seinen Bauch beschwerte.
Lachend befreiten ihn Schultze und John und richteten ihn dann mit großer Anstrengung auf.
»Ich hab's!« rief in diesem Augenblick der Lord. »Nein! daß ich auch das nicht in Rechnung zog! Wahrhaftig, Heinz Friedung beschämt uns alle. Hat er uns nicht noch zugerufen: »Wissen Sie auch, was oben und unten ist?« Er allein hat die Folgen geahnt, die aus der Loslösung von der Anziehungskraft der Erde sich ergeben mußten.«
»Schafskopf, der ich bin!« rief Schultze und glaubte im Augenblick selber an die Richtigkeit seiner Behauptung: »Das ist ja sonnenklar! Stößt die Erde uns ab, so ist auch die Richtung nach der Erde für uns nicht mehr unten, sondern oben! Lord, entweder müssen Sie die Einrichtung Ihrer sämtlichen Zimmer völlig umändern oder Sie müssen zusehen, ob Sie ihre ganze Sannah zu einer Umdrehung veranlassen können, sonst stehen Ihre sämtlichen Stiegen auf dem Kopf.«
»Das ist meine geringste Sorge«, erwiderte Flitmore. »Die Treppen sind leiterartig und leicht gebaut, bestehen aus Aluminium und lassen sich aushaken. Wir können sie ohne große Mühe umdrehen; aber ich sorge, ob Mietje und Heinz keinen Schaden nahmen, und wie wird es in meinem chemischen Laboratium aussehen! Die Röhren und Gläser alle in Scherben. Schade! Ein Glück, daß die elektrischen Glühbirnen an den Wänden und nicht an den Plafonds angebracht waren, sonst ragten sie jetzt aus dem Fußboden empor und wären durch die stürzenden Möbel zertrümmert worden.«
Es wurde beschlossen, zunächst nach der Lady und Heinz zu sehen.
Die Deckenluken waren nun zu Falltüren im Fußboden geworden und die Treppen, die zu Aufstieg berechnet waren, galt es nun hinabzuklettern. Hiezu mußten sie erst ausgehängt und umgedreht werden, eine Arbeit, die zwar Mühe kostete, aber doch gelang.
Bei dem Abstieg jedoch kamen neue Überraschungen: die Decken und Fußböden der Zimmer erschienen durchaus nicht eben noch wagrecht: sie zeigten bedenkliche Neigungen und Steigungen. Als die ersten fünfzehn Meter überwunden waren, hörte der Abstieg überhaupt auf: von da ab waren Decke und Fußboden der Zimmer nicht einfach vertauscht, sondern zu Seitenwänden geworden; die Decken- und Fußbodenluken waren hier einfache Türen und es bedurfte gar keiner Treppe mehr, um sie zu erreichen. Anfangs zeigten sich die neuen Fußböden, die bisher Zimmerwand gewesen waren, nach unten geneigt, im späteren Verlauf jedoch wurden sie mehr und mehr zu ansteigenden schiefen Ebenen und zuletzt schien auf einmal wieder alles in Ordnung, man konnte die folgenden Treppen belassen, wie sie waren, und statt des Abstiegs begann nun ein Aufstieg zu den letzten fünf Zimmern. -- Kapitän Münchhausen schüttelte den Kopf, während er keuchend seine Leibesfülle die Treppen emporschleppte: »Ihre Sannah ist rein verhext, Lord!« rief er: »Ich komme aus diesen Verhältnissen nicht mehr draus.«
»Sonderbar, in der Tat, sonderbar«, gestand Flitmore.
»Nein! Ganz natürlich,« belehrte der Professor überlegen; denn sein fleißiges Nachdenken hatte ihn des Rätsels Lösung finden lassen. »Unsre Sannah ist sozusagen selbständig geworden, ein von der Anziehungskraft der Erde emanzipiertes Frauenzimmer, ganz modern! Sie hat nun ihre eigene Zentripetalkraft und ihr Mittelpunkt ist für uns fortan jederzeit unten und ihre Oberfläche überall oben. Sie ist ein Planet für sich oder sagen wir ein Planetoid; sie ist in die Reihe der Weltkörper eingetreten, großartig, was?«
»Sie haben recht, Professor!« stimmte Flitmore zu. »Und, sehen Sie, in diesen oberen Räumen ist alles in Ordnung geblieben, nur daß sich Decke und Fußboden gegen den Mittelpunkt neigen. Ein Glück, daß mein chemisches Laboratorium sich hier befindet. Da ist kein Stück beschädigt, nur etwas zusammengerutscht sind die Sachen, alles gegen die Mitte hin. Wir müssen zusehen, wie wir uns mit dieser Lage der Dinge zurechtfinden und uns so bequem als möglich einrichten. Es ist wahrhaftig fatal, daß ich diese Folgerungen in meine Berechnungen nicht einbezogen habe, sonst hätte ich Fußböden und Decken sämtlich als konzentrische Kugeln angeordnet und so allein wäre unter den obwaltenden Verhältnissen alles topfeben. Jetzt ist die Sache durch und durch verpfuscht.«
»Na, schadet nichts, lieber Lord!« tröstete der Kapitän: »Große Unannehmlichkeiten entstehen uns daraus nicht, nur einige Arbeit, bis Sie in Ihrer Schreinerei die Hobelbank vom Plafond abgeschraubt haben und in der Schmiede den Amboß von der Wand, bis schließlich alles in die gebührende Lage zurückversetzt ist.«
Oben angekommen, fanden sie Mietje und Heinz vergnügt beieinander. Heinz hatte der Lady inzwischen den Vorgang erklärt, wie er sich ihn ganz richtig bedacht hatte, und beide freuten sich, daß alles ohne Schaden für die andern abgelaufen war.
5. Im Weltenraum.
Über den Erklärungen und dem Geplauder, das sich nun lebhaft erhoben hatte, war die Beobachtung der Weiterfahrt völlig vergessen worden, bis Mietje daran erinnerte.
»Paßt auf!« sagte sie: »Wir nähern uns mit rasender Geschwindigkeit dem Mond.«
Alle schauten nach oben.
»Allerdings,« sagte Heinz, »er sieht schon ganz stattlich aus, aber merkwürdig düster.«
»Hollah!« rief Schultze: »Das ist ja unsre Erde! Dunkel erscheint sie in der Tat; aber die Umrisse von Europa und Afrika lassen sich ganz deutlich unterscheiden.«
Es war wirklich ein entzückender Anblick! Die Erde erschien als flache Scheibe, etwa zehnmal so groß als die scheinbare Größe des Vollmonds, und die mondbeleuchteten Kontinente zeigten sich wie auf einem Erdglobus: Europa, Afrika und ein Teil von Asien waren ganz zu übersehen und über Indien und Persien leuchtete schon die Morgensonne, so daß die Küsten deutlich dem staunenden Auge erschienen.
»Was ist das wieder für ein Spuk!« polterte der Kapitän: »Ich meine doch, hier sollten wir den Ausblick direkt auf den Mond haben und die Erde ließen wir auf der andern Seite! Werter Lord, Sie haben mich sozusagen als Kapitän und Steuermann Ihrer Sannah angeheuert, aber mit solch einem vertrackten Fahrzeug weiß ich wahrhaftig nicht umzugehen. He, Professor! Sie Alleswisser, wie erklären Sie nun wieder diese Absonderlichkeit?«
»Herrlich!« erwiderte Schultze begeistert: »Als echter Planet, der sich seiner Bedeutung im Weltall bewußt ist, dreht sich unsre Sannah um ihre eigene Achse und das in ungefähr zwei Erdenstunden. Passen Sie auf, in einer Stunde etwa sehen wir da oben wieder den Vollmond aufleuchten, und sobald wir außer dem Bereich des Erdschattens sind, wechseln bei uns Tag und Nacht stündlich; wir brauchen uns aber nur zu rechter Zeit in ein andres Zimmer unter der Oberfläche unsres Planeten zu begeben, um ewigen Tag zu genießen und unendliche Nacht, ganz nach Belieben!«
»Ich muß gestehen,« sagte Flitmore, »das alles kommt mir ganz überraschend; meine astronomischen Kenntnisse sind nicht weit her und ich habe diese Umstände nicht in Rechnung gezogen.«
»In der Tat,« lachte Schultze! »Auch über die Fortbewegungsgeschwindigkeit Ihrer Sannah täuschten Sie sich. Mit der Lichtgeschwindigkeit ist es einmal sicher nichts; sonst hätten wir den Mond schon längst hinter uns.«
»Halt!« wandte der Lord ein: »Sie vergessen, daß wir uns noch in der Anfangsgeschwindigkeit befinden, die beständig wächst; überdies habe ich mit Absicht nur einen ganz schwachen Strom unsre Hülle durchkreisen lassen, damit wir unsern Nachbarn, den Mond, mit Muße betrachten können.«
»Wissen Sie, was uns begegnen wird?« fragte der Professor »Wir werden als Bewohner eines regelrechten Planeten den Gesetzen der Gravitation unterworfen werden, das heißt unsere Sannah wird in elliptischer Bahn um die Sonne kreisen und dann sind wir hilflose Gefangene bis wir nach Verbrauch unseres Sauerstoffvorrats ein klägliches Ende nehmen.«
»Sie sind ein unheimlicher Prophet, Herr Professor,« rief Mietje: »Hoffentlich wird Ihre Voraussage nicht in Erfüllung gehen.«
Schultze zuckte die Achseln: »Die Gravitationsgesetze erleiden keine Ausnahme; jeder Weltkörper ist ihnen unterworfen; und da unser Weltschiff zu solch einem Weltkörper im unendlichen Raume geworden ist, muß er wohl samt uns allen ein Opfer dieser Gesetze werden.«
»Was ist denn das, wenn ich mir zu fragen die Erlaubnis herausnehmen darf,« nahm nun John Rieger, der Diener, das Wort, »diese verhängnisreiche Kraft, woselbst Sie Gravisionskraft nennen?«
»Das ist diejenige Kraft,« klärte der Professor den Wißbegierigen auf, »die alle Planeten, das heißt die Weltkörper, die sich um die Sonne drehen, in ihren Bahnen erhält. Der unsterbliche Isaak Newton hat als erster die Gesetze dieser Kraft festgestellt, die im Grunde nichts anderes ist, als die Schwerkraft: alle Weltkörper ziehen einander an und je größer ihre Masse ist, desto stärker ist ihre Anziehungskraft.«
»Dann aber müßte doch sozusagen einer auf den andern fallen,« warf Rieger ein: »voraussichtlich die kleinen auf die größeren, wie zum Beispiel der Mond auf die Erde und die Erde auf die Sonnen.«
»Sehr scharfsinnig bemerkt, mein Sohn!« lobte Schultze; »aber der Mond wird nicht bloß von der Erde, sondern auch von der Sonne angezogen und alle Weltkörper ziehen einander gegenseitig an. Dazu bewirkt die Anziehungskraft die elliptische Bewegung der Planeten um die Sonne und durch diese Eigenbewegung überwinden sie wieder bis zu einem bestimmten Grad die Anziehungskraft, so daß es eben diese Kraft ist, die in ihren Folgen das Weltall im Gleichgewicht erhält. Allerdings kommen auch Störungen in der regelmäßigen Umlaufbahn vor, wenn zwei Himmelskörper sich auf ihren Wegen nähern und dadurch eine verstärkte Anziehung aufeinander ausüben. Dadurch wird die Berechnung sehr verwickelt.
So hat man berechnet, daß die Erde mindestens elf Bewegungen ausführt: 1. dreht sie sich in 24 Stunden um sich selbst, das nennt man ihre Rotation; 2. bewegt sie sich um die Sonne mit einer Geschwindigkeit von 29450 Metern, also beinahe 30 Kilometern, in der Sekunde; 3. eilt sie mit dem ganzen Sonnensystem dem Sternbild des Herkules oder der Leier zu; 4. schwingt die Erdachse; 5. verändert sich die Form der Erdbahn um die Sonne, indem sie sich bald der Kreisform nähert, bald wieder der Form einer langgestreckten Ellipse; 6. dreht sich diese Ellipse selber in ihrer eigenen Ebene in einer Periode von 21000 Jahren; 7. dreht sich die Erdachse in 25765 Jahren in einem Kreis; 8. die Anziehungskraft des Mondes, dem wir auch Ebbe und Flut verdanken, läßt den Pol des Äquators in 18 Jahren und 8 Monaten eine kleine Ellipse beschreiben, da der Mond eine Anschwellung der Erdmasse am Äquator hervorruft, die eine Art Ebbe und Flut auch des festen Landes darstellt; 9. die Lage des Schwerpunktes unseres Erdballs verändert sich allmonatlich ebenfalls infolge der Mondanziehung; 10. die Planeten, namentlich Jupiter und Venus, verursachen Störungen der Erdbahn; 11. der Mittelpunkt der jährlichen Umdrehung der Erde um die Sonne liegt nicht im Mittelpunkt der letzteren, sondern ist veränderlich. Es wäre übrigens leicht, noch mehr Bewegungen auszurechnen.«
»Du siehst, John,« sagte Flitmore lachend, »wenn du in einem fahrenden Schnellzug auf und ab spazierst, die Hände schlenkernd und dabei die Finger bewegend, so machen deine Finger 15 Bewegungen mit und der Bazillus, der in deinem kreisenden Blute deiner Fingerspitze schwimmt, gar 17.«
»Aber was sagen Sie, Lord, zu der Befürchtung unseres Professors, daß wir nun ewig um die Sonne kreisen werden?« fragte Heinz Friedung.