Wunderwelten Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird

Part 15

Chapter 153,622 wordsPublic domain

»Ja, mein Sohn, die Sache ist so: wenn du an keinen Gott glaubst, so werden dir die meisten Leute sagen, du seist sehr vernünftig und hochgebildet; denn die Halbgebildeten sind, wie gesagt, stets in der großen Mehrzahl. Hältst du aber fest am Schöpferglauben, so wird dich diese Mehrzahl verhöhnen, aber die wirklich Gescheiten werden dich für vernünftig und gebildet halten und du wirst es auch sein.«

»Dann will ich doch lieber glauben, wie Sie!« erklärte der gute Mann.

Inzwischen sauste die Sannah weiter durch den Raum und es war kein Ende abzusehen.

30. Schimpansenstreiche.

Um die elektrische Heizung und Beleuchtung zu ermöglichen, sowie zur Entwicklung der Fliehkraft, mußte der elektrische Akkumulator täglich zweimal frisch geladen werden.

Dies besorgten die Affen so pünktlich und mit so viel Eifer, daß der Lord sie ohne jede Aufsicht die Arbeit ausführen lassen konnte, die den Tieren das reinste Vergnügen war.

Allerdings hatte Flitmore die elektrische Krafterzeugungsanlage auch genial eingerichtet: er hatte zwei große zylinderförmige Käfige herstellen lassen, wie diejenigen, die man in kleinerer Ausführung gefangenen Eichhörnchen zur Verfügung zu stellen pflegt. Wenn dann die Eichhörnchen an den Stäben emporspringen, dreht sich die Käfigwalze um ihre Axe und die kleinen Tiere sind unermüdlich in ihrer Beweglichkeit, mit der sie das Gitter in rasche Drehbewegung versetzen.

Genau so war es den Schimpansen offensichtlich der höchste Genuß, sich in ihren Drehkäfigen zu tummeln, ohne daß sie ahnten, daß sie damit eine verdienstvolle Arbeit verrichteten; denn die sinnreiche Konstruktion verwendete die rasche Rotation der Käfige zur Erzeugung elektrischer Energie, die im Akkumulator sich aufspeicherte.

Eines Tages erschollen aus dem Musikzimmer wunderbare Töne, eigentlich gräßliche Mißakkorde, wie wenn ein unmündiges Kind auf einem Klavier herumhämmert, und doch entwickelte der Missetäter eine derartige Fingergewandtheit, daß man auf einen geübten Pianisten hätte schließen mögen, den eine tolle Laune oder plötzlich eingetretener Wahnsinn zu solchen Orgien veranlaßte.

Unsre Freunde waren im Zenithzimmer versammelt bis auf den Diener, der einen Rundgang zu machen hatte; sie waren in Bücher vertieft oder beschäftigten sich mit ihren Gedanken. Bei dieser Katzenmusik aber horchten alle auf.

»Sollte sich John auf dem Flügel üben wollen?« rief Mietje: »So hübsch er Flöte spielt, so fremd ist ihm die Klaviatur; aber wie er ohne alle Kenntnis solche Griffe unternehmen kann, wobei ihm doch die Mißklänge die eigenen musikalischen Ohren zerreißen müssen, ist mir ein Rätsel.«

»Du irrst, meine Liebe,« sagte der Lord, »John ist niemals so keck, daß er das Instrument berühren würde; du weißt, er hat sich noch nie eine ungebührliche Freiheit herausgenommen; darin ist er äußerst bescheiden, beinahe zu ängstlich.«

»Das ist Geisterspuck,« sagte Münchhausen dumpf, »denn im Musikzimmer ist es just Mitternacht.«

»Horch! Da schrillt ja gar die Posaune dazwischen! Es ist ein Duett,« bemerkte Heinz.

»Unbegreiflich!« murmelte der Lord.

»Na! Sehen wir nach,« meinte Schultze, begierig auf die Lösung des Rätsels.

»Ach! Wollten Sie nicht lieber zuvor einige scharfsinnige Hypothesen aufstellen, die geeignet wären, dieses Phänomen wissenschaftlich zu erklären, bestes Professorchen,« bat Münchhausen ironisch.

»Damit Sie mich nachher wieder auslachen können mit meiner Wissenschaft, oller Spötter? Nee, das gibt's nicht! Ich selber stelle den Augenschein über alle theoretischen Erklärungsversuche.«

»Na, denn man zu!« rief der Kapitän und ging voran, während alle ihm folgten.

Jetzt erscholl ein wahrer Höllenlärm aus dem Musiksaal.

»Da spielt einer mindestens sechshändig!« lachte Heinz.

»Nein! Und die Posaune! Das sind ja unerhörte Töne!« rief die Lady und hielt sich die Ohren zu.

Im Musikzimmer leuchtete eine elektrische Glühbirne, bei deren Schein man Bobs vom Flügel aufspringen sah, während es Dick just gelang, die mißhandelte Posaune vollends ganz auseinander zu reißen.

Bobs war es diesmal in seinem Drehkäfig langweilig geworden, und dem Schlaukopf war es gelungen, die Türe von außen zu öffnen, indem er zwischen den Gitterstäben hindurch über die hölzerne Seitenwand hinabtastete, bis er den Riegel fand, den er zurückschob.

Als er sich in Freiheit sah, öffnete er auch Dicks Gefängnis, und zu allen Schandtaten aufgelegt, begab er sich mit seinem gleichgesinnten Gefährten in das weiter unten gelegene Musikzimmer. Das Öffnen der Verbindungstüren war den intelligenten Affen längst kein Geheimnis mehr.

Hier nun faßten die beiden Verschwörer den schwarzen Plan, einmal selber eine musikalische Unterhaltung zu veranstalten, statt immer bloß als untätige Hörer Professor Schultze Konkurrenz zu machen.

Bobs öffnete den Flügel ohne Schwierigkeit; er versäumte auch nicht, ein Notenheft auf die Pultleiste zu stellen, freilich waren es Noten fürs Cello, doch das berührte ihn nicht, zumal er das Heft verkehrt aufstellte.

Dann hockte er sich auf den Klavierstuhl nieder und begann die Tasten mit einer Virtuosität zu bearbeiten, die seiner ihm natürlich eigenen affenartigen Geschwindigkeit alle Ehre machte.

Dick öffnete inzwischen bedächtig den Instrumentenkasten; das hatte er dem Lord trefflich abgeguckt. Er betrachtete sich die verschiedenen Musikerzeuger und griff dann nach der Posaune, deren Metallglanz ihm in die Augen stach.

O, er wußte genau, wo man das Ding in den Mund nehmen mußte und daß der untere Teil möglichst geschwind auf- und abgeschoben werden mußte, und es gelang ihm richtig durch heftiges Prusten einige entsetzliche Töne hervorzuzaubern, wobei er das Mundstück zu schanden biß.

Als nun aber die ganze Gesellschaft im Zimmer erschien, ahnten die Affen eine Art des Beifalls, die ihnen höchst unsympathisch war; sie nahmen daher schleunigst Reißaus und flüchteten in das anstoßende chemische Laboratorium, wo sie die Regale erkletterten, nicht ohne einige Kolben mit ätzenden Flüssigkeiten herabzustoßen.

Münchhausen folgte ihnen auf dem Fuß und drohte mit einem Stock zu Bobs hinauf, der die Zähne fletschte und höhnisch grinste, als wollte er sagen: »Na, Dicker! Du drohst umsonst: bei deiner Leibesfülle wirst du's wohl bleiben lassen, mir nachklettern zu wollen.«

Dieser sichtliche Hohn mußte natürlich den Kapitän ärgern.

»Warte, du Spötter!« rief er und ergriff das Gestell eines Spiritusbrenners, daß er mit solcher Gewandtheit emporschleuderte, daß die drei Eisenfüße sich schmerzhaft in des Schimpansen schutzlosen Leib einbohrten. Es gab zwar keine Wunde, aber es tat weh!

Bobs kreischte laut auf; er fand das rücksichtslos und anmaßend von einem Menschen, der gar nicht sein Herr war und weder Klavier noch Posaune spielte. Er sann auf Rache.

Da stand ein großer Kolben neben ihm. Er hätte ihn auf den Attentäter werfen können; aber so plump handelte Bobs auch nicht in berechtigter Erregung. Er riß den Glasstöpsel heraus, erfaßte die dicke Flasche und goß ihren Inhalt auf den Untenstehenden herab, der sich eben niederbeugte, um ein neues Wurfgeschoß aufzulesen.

»Zu Hilfe, zu Hilfe! Das Untier mordet mich! Bobs überschüttet mich mit Vitriol; er verbrennt mir meinen schutzlosen Schädel!« schrie der Begossene.

Erschreckt eilte Heinz herbei: er glaubte schon den Kapitän in jämmerlich verbranntem Zustand zu finden, vielleicht des Augenlichts beraubt, denn es befanden sich tatsächlich mehrere Kolben mit Schwefelsäure auf den Regalen.

Ein Blick auf Münchhausens triefenden Schädel jedoch beruhigte ihn sofort; auch sagte ihm seine für chemische Dünste geschärfte Nase alsbald, daß es sich lediglich um Weingeist handelte, der allerdings auf der Kopfhaut ordentlich brennen mochte, namentlich auch infolge seiner starken Verdunstung ein Kältegefühl erzeugend, das, zumal wenn noch Schreck und Einbildung dazu kamen, als fürchterliche Verbrennung empfunden werden konnte.

»Beruhigen Sie sich, Kapitän,« rief Heinz dem Geängstigten zu: »es ist glücklicherweise bloß Spiritus.«

»Ich pfeife auf Ihren Spiritus! Vitriol ist's oder irgend eine andre Säure, die mich meines kostbaren Haarschmucks vollends beraubt, falls sie mir nicht den ganzen Skalp vom Schädel wegätzt.«

»Ich garantiere Ihnen, daß nichts dergleichen passiert; aber Sie triefen wie eine Wasserratte! Hier ist ein Handtuch, trocknen Sie sich ab und dann werden Sie sich wohl den Kopf waschen und die Kleider wechseln müssen.«

Das war allerdings notwendig. Münchhausen entfernte sich wie ein begossener Pudel und Schultze rief ihm noch lachend den Trost nach: »Bobs meinte es gut mit Ihnen, Weingeist stärkt ja wohl die Kopfhaut und befördert einen üppigen Haarwuchs.«

»Jetzt haben Sie gut lachen,« sagte Heinz zum Professor, als Münchhausen das Gemach verlassen hatte: »Aber ich sage Ihnen, mir ist der kalte Schrecken in die Glieder gefahren, als ich den Ärmsten so jammern hörte. Sehen Sie, da steht Schwefelsäure, Salzsäure, Karbolsäure und eine Menge andrer gefährlicher Flüssigkeiten. Künftig muß ich das Laboratorium stets abschließen und den Schlüssel zu mir nehmen; die Affen hätten da ein furchtbares Unglück anrichten können.«

»Können sie immer noch,« meinte Schultze und sah zu den beiden Schimpansen empor, die zu oberst zwischen den Kolben kauerten.

Nun aber rief Flitmore die beiden Missetäter und sie kamen alsbald ganz demütig und zahm herab, gewohnt, ihrem Herrn aufs Wort zu folgen.

Strafe mußte sein, das erforderten des Lords Erziehungsgrundsätze; und so wurden die sichtlich zerknirschten Sünder auf zwölf Stunden in Einzelhaft gesteckt. Sie kannten die dunkeln, engen Kästen gar wohl und wußten, daß die Einsperrung wohlverdiente Strafe war; denn sie sprangen freiwillig hinein mit zerknirschten Mienen, duckten sich nieder und ließen sich ohne Widerstreben einschließen.

Als man wieder im Wohnzimmer versammelt war, erschien bald auch Münchhausen in trockener Kleidung. Er blieb dabei, daß die Flüssigkeit, die so brannte, Vitriol gewesen sei: »Glücklicherweise hat sich meine Haut als säurefest erwiesen,« fügte er bei, »und auch meine Kleider haben weiter keinen Schaden erlitten; ein ganz vorzüglicher Stoff, sage ich Ihnen!«

31. Verloren im Weltraum.

Tage- und wochenlang raste die Sannah mit dem Kometen dahin und diese Fahrt durch die anscheinende Leere begann immer mehr etwas Beklemmendes und Beängstigendes auf die Gemüter auszuüben.

Wo war man? Wohin eilte man? Im Unendlichen! Ins Endlose!

Niemand verhehlte sich die furchtbare Gefahr, in der alle schwebten, das schreckliche Schicksal, das ihnen drohte.

Vorerst gelang es ja immer noch mittelst der reichen Vorräte an gepreßtem Sauerstoff und Ozon eine gesunde Luft in den Zimmern zu erhalten. Aber niemand konnte wissen, wie lange diese Fahrt noch dauern werde und ob sie überhaupt zu einem Ziele führe.

Ja, nach menschlicher Voraussicht schien es höchst unwahrscheinlich, daß in absehbarer Zeit ein Weltkörper erreicht werden könne, der menschlichen Wesen die notwendigsten Lebensbedingungen gewähren würde. Wer wußte denn überhaupt, ob es solche in der Fixsternwelt gebe, der man zueilte?

Nur das Vertrauen, daß sie unter höherem Schutze standen, und daß ein Gott sie lenke, der auch in der Unendlichkeit Wege weiß, hielt die Ärmsten noch aufrecht, die sich wie Gefangene in den Räumen ihres Fahrzeugs vorkamen.

Wer konnte wissen, ob es nicht eine lebenslängliche Haft werden sollte, die allerdings nicht lange dauern konnte, da binnen weniger Wochen ihr Leben verlöschen mußte, wenn keine Erlösung kam.

Dann sah wohl eins das andre sterben, ohne ihm helfen zu können, und zuletzt war alles still und tot! Eine kleine Kugel mit menschlichen Leichnamen irrte dann durch das Weltall, um schließlich vielleicht in eine ferne Sonne zu stürzen und in einem Augenblick in glühende Gase aufgelöst zu werden mit allem, was sie enthielt!

John allein blieb im Innersten ganz ruhig und vergnügt, weil er nicht so klar sah und meinte, sein Herr wisse wohl, wo er hinfahre und wo er landen werde.

Inzwischen sparte Flitmore die Sauerstoffvorräte so viel als möglich, um die Endkatastrophe so weit hinauszuschieben, als es nur immer anging. Die Folge davon bekamen alle zu spüren: es war eine schlechte, sauerstoffarme Luft, die ihre Lungen bedrückte und auch der Stimmung sehr wenig zuträglich war.

Wahrhaftig! So mußte es den Unseligen zumute sein, die in einem Unterseeboot eingeschlossen waren, durch einen Unfall verhindert, an die Meeresoberfläche zurückzusteigen und dem langsamen Erstickungstod ins Auge sehend!

Mit allerlei Arbeiten, mit Unterhaltung, Konzerten und Lesen guter Bücher wurde die Zeit verbracht; aber immer wieder schweiften die Gedanken ab, gefangen von der bangen Frage: was wird aus uns werden?

Schultze beobachtete immer wieder den Sternhimmel und stellte Berechnungen an, eine Arbeit, die ihm, wenn auch wenig Trost, so doch einige Ablenkung gewährte.

»Wir fahren auf das Sternbild des Centauren zu,« sagte er eines Tages nach Abschluß einiger Beobachtungen und Berechnungen, »und zwar direkt auf den Stern Alpha Centauri, der dem irdischen Sonnensystem, so viel man bis jetzt weiß, der nächste ist. Die Annäherung läßt sich schon mit bloßem Auge wahrnehmen: Alpha Centauri ist deutlich als Doppelstern erkennbar; mehrere Sternbilder sehen schon wesentlich anders aus, als sie sich von der Erde aus ausnehmen, und einige Sterne gewinnen an Größe und Lichtstärke ganz sichtlich.«

»Es ist für uns von großem Interesse, wenigstens die Richtung unserer Fahrt kennen zu lernen,« meinte Flitmore: »Aber haben Sie auch die Aberration in Betracht gezogen?«

»Ich habe daran gedacht, aber in diesem Falle kann eine Aberration gar nicht stattfinden, da die Sannah sich direkt nach dem Sterne Alpha bewegt.«

»Was ist denn das, wenn ich mir zu fragen die Erlaubnis herausnehmen darf, die Aperition?« frug John.

»Da die Erde sich mit ungeheurer Geschwindigkeit durch den Weltraum bewegt,« erklärte der Professor, »so ändert sich der Standpunkt des Beobachters mit der Erde fortwährend. Richtet man nun ein Fernrohr auf einen Stern, so braucht der Lichtstrahl, der das äußerste Ende des Teleskops, das Objektiv, trifft, einige Zeit, um bis zum untern Ende, dem Okular, zu gelangen.

Diese Zeit ist zwar sehr kurz, aber doch ist die Erde inzwischen weitergeeilt und die Richtung des Fernrohrs hat sich verschoben. Um daher den Stern überhaupt durch das Fernrohr sehen zu können und ihn dauernd zu beobachten, muß man dem Rohr eine andere Richtung geben, als die Strahlen des Sternes eigentlich verfolgen: das Okular muß in der Richtung der Erdbewegung um so viel zurückliegen, als sich die Erde vorwärts bewegt in der Zeit, die das Licht braucht, um den Weg vom Objektiv bis zum Okular zurückzulegen. Dadurch tritt eine scheinbare Verschiebung des Sternes ein, das heißt, man sieht ihn nicht genau an der Stelle des Himmels, wo er sich eigentlich befindet, oder vielmehr befand, als das Licht von ihm ausging, das jetzt unser Auge trifft.

Wenn sich nun der Beobachter geradewegs auf den Stern zu bewegt, so findet keine Aberration statt; am größten ist diese, wenn man sich in senkrechter Linie zu den von ihm ausgehenden Strahlen fortbewegt.«

»Wir reisen also nun zu solch einem Stern?« fragte John weiter: »Können wir bald dort sein?«

Schultze lächelte achselzuckend: »Was heißt bald? Weißt du, wie weit diese Fixsterne von der Erde entfernt sind? Alpha Centauri soll ihr am nächsten stehen, und doch berechnet man seine Entfernung auf 4½, mindestens aber 3½ Lichtjahre.«

»Was ist das, wenn Sie gestatten, ein Lichtjahr?«

»Das ist der Weg, den das Licht in einem Jahre zurücklegt, nämlich die Kleinigkeit von 9463 Milliarden Kilometern.«

»Und das nennen Sie dann eine Kleinigkeit? Das tun Sie wohl sozusagen aus Spaßhaftigkeit?«

»Ja, ja, mein Sohn; denn solche Zahlen sind so ungeheuerlich, daß man seinem Humor etwas aufhelfen muß, wenn man von ihnen redet, sonst steht einem der Verstand still. Oder willst du dir etwa eine Vorstellung davon machen, was das bedeutet: Alpha Centauri ist 30000 bis 40000 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt?«

John schüttelte hilflos den Kopf: »Und das sollte sozusagen unser nächster Fixstern sein?«

»Jawohl! Es kann ja welche geben, die dem Sonnensystem näher stehen, doch man hat bis jetzt keinen entdeckt, das heißt keine geringere Entfernung durch Messungen festgestellt. Alpha Centauri ist 9000mal weiter von der Erde entfernt als Neptun, also 277000mal so weit wie die Sonne. Ein Expreßzug würde 1250000 Jahre brauchen, um ihn zu erreichen.«

Rieger machte große Augen. »Eine Million Jahre?« stammelte er: »Und da sollen wir hin?«

»Warum denn nicht? Nur daß wir einige Millionen mal schneller reisen als ein Expreßzug. Die Amina, unser Komet, ist ein flinkeres Beförderungsmittel, wie du siehst. Wenn ich übrigens vorhin von Kleinigkeiten redete, so ist das nicht bloß Spaß gewesen, denn Sirius, der helle Hundsstern, ist acht bis neun Lichtjahre von der Erde entfernt, 1300mal so hell und 40000 bis 50000mal so groß wie unsere Sonne; der Polarstern ist 40 Lichtjahre, Canopus, der hellste Stern am südlichen Himmel, gar 269 Lichtjahre entfernt, er leuchtet 10000 bis 15000mal so hell als die Sonne und ist 1½ Millionen mal so groß; das ist das mindeste: er kann auch hundert-, tausend- oder millionenmal größer sein; das entzieht sich unserer Berechnung. Deneb im Schwan kann ebenso groß oder noch größer sein als Canopus, und das gilt auch von Rigel, dem hellsten Stern im Sternbild des Orion, an seiner untern Ecke rechter Hand.

Dieser prachtvolle Stern von rein weißem Licht mag 500 Lichtjahre entfernt sein, also 30 Millionen mal so weit als die Sonne, die er 20000mal an Lichtstärke übertrifft. Wenn wir auf einem Blatt Papier die Entfernung von der Erde zur Sonne mit 1 Millimeter bezeichneten, so brauchten wir einen Bogen von 30 Kilometer Länge, um den Abstand Rigels im gleichen Verhältnis einzuzeichnen. Begreifst du nun, daß die Entfernung von Alpha Centauri eine Kleinigkeit ist?«

»Allerdings, sozusagen nach der Verhältnismäßigkeit betrachtet.«

»Nun gibt es aber möglicherweise unter den Fixsternen riesige Sonnen, gegen die auch diese unausdenklichen Kolosse nur Sonnenstäubchen sind; denn von den 100 Millionen Fixsternen, die vorhanden sein mögen, sind uns nur etwa von 60 die Parallaxen bekannt.«

John, der begierig jedes ihm unbekannte Wort aufschnappte und nach seiner Weise verketzerte, fragte wißbegierig: »Und was dürfte dann unter dieser benannten >Polaraxe< zu verstehen sein?«

»Ja, wie soll ich dir das jetzt klar machen? Siehst du den Punkt hier mitten an der Decke? Also von einem Ende dieses Saales richte ich ein Fernrohr dorthin, du eines vom andern Ende aus. Diese Fernrohre sind gegen einander geneigt in einem Winkel, dessen Spitze der beobachtete Punkt ist. Nun, dieser Winkel, den die Linien bilden, die von dem Punkte durch unsere beiden Fernrohre gehen, im Verhältnis zu der Entfernung dieser von einander, ist die Parallaxe des Punktes. Wir können also ebenso sagen, seine Parallaxe ist der Neigungswinkel, den unsere beiden auf den Punkt gerichteten Teleskope zusammen bilden im Verhältnis zu ihrer Entfernung von einander.

Wenn wir nun die Entfernung von einem Ende des Saales bis zum andern kennen und die Winkel, die unsere Fernrohre mit dem ebenen Fußboden bilden, messen, so können wir die Höhe des Dreiecks berechnen, das der Punkt an der Decke mit den beiden Punkten bildet, an denen die durch unsere Teleskope gehenden Strahlen des beobachteten Punktes den Fußboden treffen. Wir können also ausrechnen, wie weit der betreffende Punkt vom Fußboden entfernt ist.

Nun siehst du wohl, mein Freund, daß wenn wir statt des Punktes an der Decke durch unsere Fernrohre einen Stern betrachten, der Tausende von Millionen Kilometer entfernt ist, die Neigung unserer Rohre gegen einander so unendlich klein wird, daß sie gleich Null erscheint. Wir können also für den Stern keine Parallaxe finden.

Je weiter wir jedoch von einander entfernt sind, desto mehr werden sich die Teleskope gegen einander neigen, wenn wir sie auf denselben Punkt richten. Man könnte also hoffen, die Parallaxe eines Sterns zu finden, wenn man ihn in der gleichen Sekunde auf zwei weit von einander entfernten Punkten der Erde beobachtet, deren gegenseitiger Abstand bekannt ist, und wenn beide Beobachter den Winkel messen, den die Richtung ihrer Teleskope mit der Ebene bildet. Ebensogut kann man dies erreichen, wenn ein einzelner Beobachter von demselben Ort aus den Stern zu verschiedener Nachtzeit beobachtet, wenn die Umdrehung der Erde seinen Standpunkt um etliche tausend Kilometer verschoben hat.

Aber solche Entfernungen erwiesen sich zu klein, es war keine meßbare Neigung der Beobachtungsrichtungen zu einander festzustellen; also die Fixsterne zeigten keine merkliche Parallaxe.

Nun wählte man eine weit größere Grundlinie des Dreiecks: man beobachtete die Sterne in Zwischenräumen eines halben Jahres. Bei der ersten Beobachtung befand sich dann der Beobachter am einen Ende der Erdbahn, bei der zweiten am andern; das bedeutete einen Abstand von 300 Millionen Kilometern der beiden Beobachtungspunkte von einander.

Groß war die Verblüffung, als auch da keine meßbare Parallaxe der Fixsterne zu finden war! Erst mittelst äußerst verfeinerter Instrumente gelang es Struve 1836 und Bessel 1839 die erste Fixsternparallaxe zu messen. Man fand für den Stern 61 im Schwan auf diese Weise eine Entfernung von 9½ Lichtjahren. Bessel dankte seinen Erfolg dem von Fraunhofer hergestellten vorzüglichen Heliometer. Das ist derselbe Fraunhofer, dem wir vorzüglich auch die Fortschritte der Spektralanalyse verdanken.«

John schnappte auch dieses Wort sofort auf und sagte bescheiden:

»Wenn es Ihnen nicht zuviel sein dürfte, Herr Professor, meine Wenigkeit auch über diesen mir noch dunkeln Punkt aufzuklären, so wäre ich besonders dankbar, was ich schon lange wünschte, zu erfahren, was es mit dieser Speck-Strahl-Anna-Liese für eine Bewandernis hat.«

»Auch das sollst du wissen,« lachte Schultze: »Schau, wenn man einen Lichtstrahl durch geschliffenes Glas gehen läßt, so löst er sich auf in farbige Bänder und Streifen. Das nennt man nun ein Spektrum. Je schmäler der Lichtstrahl ist, desto deutlicher ist sein Spektrum und da beobachtet man zwischen den farbigen Bändern mehr oder weniger breite dunkle Linien, die sogenannten »Fraunhoferschen Linien«, benannt nach ihrem Entdecker. Ferner unterbrechen auch helle und farbige Linien das Spektrum, und Kirchhoff und Bunsen wiesen nach, daß man aus diesen Streifen, Linien und Bändern genau die Stoffe erkennen kann, die sich als glühende Gase in einer Lichtquelle befinden; sogar nach Menge und Mischung können sie erkannt werden.

Auf diese Weise weiß man die Stoffe, welche in der Sonne und den Sternen enthalten sind: Das Spektroskop verrät sie uns.

Aber noch mehr hat es uns verraten. Wenn eine Lichtquelle sich rasch bewegt, so verschieben sich die Spektrallinien gegen das violette Ende des Farbenspektrums, wenn sich die Lichtquelle nähert, gegen das rote Ende, wenn sie sich entfernt. Daraus hat man bei den Fixsternen, die sich auf die Erde zu oder von ihr weg bewegen, sogar die Schnelligkeit der Bewegung berechnen können.«

»Ich meinte aber, die Fixsterne bewegen sich nicht,« wandte John ein.

»Das glaubte man wohl früher; jetzt aber weiß man, daß sie ihre Eigenbewegung haben. Diese läßt sich auch durch das Teleskop beobachten, wenn sie senkrecht zur Gesichtslinie gerichtet ist. Da gibt es Sterne, die schon in 200 Jahren um eine Vollmondsbreite am Himmel vorrücken, was in Wirklichkeit Millionen und aber Millionen Kilometer bedeutet, angesichts ihrer großen Entfernung. So scheint Arcturus zum Beispiel mit 670 Kilometern in der Sekunde hinzurasen, was tausendmal schneller ist als das schnellste Geschoß; auch Alpha Centauri hat eine große Eigenbewegung.«

»Aha!« rief John verklärt: »Jetzt verstehe ich, warum man sie Fixsterne heißt: weil sie wohl so fix dahinsausen.«