Wunderbare Reise Des Kleinen Nils Holgersson Mit Den Wildgansen
Chapter 6
Aber Akka schien fest entschlossen, den schwarzen Ratten beizustehen. Sie rief Yksi von Vassijaure herbei und befahl ihr, die Gänse nach dem Vombsee zu führen, und als die Gänse Einwendungen machten, rief sie gebieterisch: »Ich glaube, es wird für uns alle das beste sein, wenn ihr mir gehorcht. Ich muß nach dem großen Steinhaus fliegen, und wenn ihr mich begleitet, ist es nicht zu vermeiden, daß die Leute vom Hofe uns sehen, und dann schießen sie auf uns. Der einzige, den ich mitnehmen will, ist Däumling. Er kann sich sehr nützlich machen, weil er gute Augen hat und bei Nacht wach zu bleiben vermag.«
An diesem Tag war der Junge in seiner störrischsten Laune, und als er hörte, was Akka sagte, richtete er sich in seiner ganzen Länge auf und trat, die Hände auf dem Rücken und die Nase in der Luft, vor, um zu erklären, daß er sich nicht dazu hergeben wolle, mit Ratten zu kämpfen, und sich Akka also nach einer andern Hilfe umsehen müsse.
Aber in dem Augenblick, wo er sich zeigte, begann der Storch sich zu regen. Er hatte nach der Gewohnheit der Störche mit gesenktem Kopf und den Schnabel gegen den Hals gedrückt, dagestanden. Jetzt begann es jedoch in seinem Hals zu gurgeln, als lache er. Er senkte den Schnabel blitzschnell, erfaßte den Jungen und warf ihn ein paar Meter hoch in die Luft hinauf. Dieses Kunststück wiederholte er siebenmal, während der Junge schrie und die Gänse riefen: »Was tun Sie denn, Herr Ermenrich, das ist kein Frosch! Es ist ein Mensch, Herr Ermenrich!«
Endlich stellte der Storch den Jungen doch wieder ganz unbeschädigt auf die Erde. Hierauf sagte er zu Akka: »Ich fliege jetzt nach Glimmingehaus zurück, Mutter Akka. Alle, die dort wohnen, waren sehr ängstlich, als ich wegflog. Sie werden sicherlich sehr froh sein, wenn ich ihnen mitteile, daß die Wildgans Akka und Däumling, der Menschenknirps, kommen werden, sie zu retten.«
Damit streckte der Storch den Hals vor, schlug mit den Flügeln und flog wie ein Pfeil von einem straff gespannten Bogen davon. Akka verstand, daß er sich über sie lustig machte, ließ sich das aber nicht anfechten. Sie wartete, während der Junge seine Holzschuhe suchte, die der Storch von ihm abgeschüttelt hatte, dann setzte sie ihn auf ihren Rücken und flog dem Storch nach. Und der Junge leistete seinerseits keinen Widerstand und sagte auch kein Wort, daß er nicht mitwolle. Er ärgerte sich grün und gelb und schlug ein spöttisches Gelächter auf. Dieser eingebildete Gesell mit den langen roten Beinen glaubte wohl von ihm, er sei zu nichts nütze. Aber er würde ihm schon zeigen, was der Nils Holgersson von Westvemmenhög für ein Kerl war.
Einige Augenblicke später stand Akka im Storchennest auf Glimmingehaus. Es war ein großes, prächtiges Nest. Als Unterlage hatte es ein Rad und darauf mehrere Lagen Zweige und Rasenstücke. Das Nest war so alt, daß verschiedene Büsche und Kräuter da droben Wurzel geschlagen hatten; und wenn die Storchenmutter in der runden Vertiefung mitten im Nest auf ihren Eiern saß, konnte sie sich nicht allein an der großartigen Aussicht über einen Teil von Schonen erfreuen, sondern auch an wilden Rosen und Hauslauch.
Der Junge und Akka konnten gleich sehen, daß hier etwas Außergewöhnliches vorging. Auf dem Rande des Storchennestes saßen nämlich zwei Nachteulen, eine alte graugestreifte Katze und ein Dutzend uralte Ratten mit ausgewachsenen Zähnen und triefenden Augen. Das waren nicht gerade die Tiere, die man sonst in friedlicher Gemeinschaft sieht.
Keines von ihnen wendete sich um, Akka anzusehen oder zu begrüßen. Sie hatten für nichts einen Gedanken, sondern starrten nur unverwandt auf einige lange graue Linien, die da und dort auf den kahlen Winterfeldern zu sehen waren.
Alle schwarzen Ratten saßen ganz still da. Man sah ihnen an, daß sie in der größten Verzweiflung waren und wohl wußten, daß sie weder ihr eignes Leben noch die Burg verteidigen konnten. Die beiden Eulen rollten ihre großen Augen und zuckten dabei unaufhörlich mit den Federkränzen, die diese umgaben. Dabei erzählten sie mit schauerlich krächzenden Stimmen von der Grausamkeit der grauen Ratten und sagten, derentwegen müßten sie jetzt ihre Wohnung verlassen, denn sie hätten gehört, daß diese Tiere weder Eier noch unflügge Junge verschonten. Die alte gestreifte Katze war ganz sicher, daß die grauen Ratten sie totbeißen würden, wenn sie in so großer Zahl in die Burg eindrängen, und sie keifte unaufhörlich mit den schwarzen Ratten. »Wie konntet ihr auch so dumm sein und eure besten Krieger weggehen lassen?« sagte sie. »Wie konntet ihr den grauen Ratten trauen? Es ist ganz unverzeihlich.«
Die zwölf Ratten erwiderten kein Wort; aber der Storch konnte es trotz seines Kummers nicht lassen, die Katze zu necken. »Hab keine Angst, Mausefängerin,« sagte er. »Siehst du nicht, daß Mutter Akka und Däumling gekommen sind, die Burg zu retten? Du kannst dich darauf verlassen, daß es ihnen gelingen wird. Jetzt muß ich mich zum Schlaf zurecht machen, und ich tue es ganz beruhigt. Morgen, wenn ich erwache, wird keine einzige graue Ratte auf Glimmingehaus zu finden sein.«
Der Junge warf Akka einen Blick zu, der andeutete, wie gerne er dem Storch eins auf den Rücken versetzt hätte, als dieser sich jetzt auf den äußersten Rand des Nestes, das eine Bein in die Höhe gezogen, zum Schlafen aufstellte. Aber Akka sah gar nicht beleidigt aus, sie beschwichtigte den Jungen und sagte: »Es wäre sehr schlimm, wenn jemand, der so alt ist wie ich, sich nicht aus größeren Schwierigkeiten als dieser hier heraushelfen könnte. Wenn Sie, Herr und Frau Eule, da Sie sich die ganze Nacht wach halten können, ein paar Aufträge für mich besorgen wollen, dann wird, denke ich, alles noch gut werden.«
Die beiden Eulen waren willig, die Aufträge auszurichten, und Akka befahl dem Eulenmann, die weggereisten schwarzen Ratten aufzusuchen und ihnen zu raten, so schnell wie möglich heimzukehren. Die Eulenfrau aber schickte sie zu der Turmeule Flammea, die in der Domkirche zu Lund wohnte, und zwar mit einem so geheimnisvollen Auftrag, daß Akka ihn der Eulenfrau nur mit flüsternder Stimme anzuvertrauen wagte.
Der Rattenfänger
Es war gegen Mitternacht, als die grauen Ratten nach vielem Suchen endlich ein offenstehendes Kellerloch fanden. Es saß ziemlich hoch in der Mauer, aber die Ratten stellten sich aufeinander, immer eine auf die Schultern der vorhergehenden, und so dauerte es gar nicht lange, bis die mutigste von ihnen durch das Loch springen konnte, sofort bereit, in Glimmingehaus einzudringen, vor deren Mauern so viele ihrer Vorfahren gefallen waren.
Die graue Ratte saß eine Weile im Kellerloch und wartete, daß sie angefallen werde. Das Hauptheer der Verteidiger war allerdings abwesend, aber sie nahm an, daß die zurückgebliebenen schwarzen Ratten sich nicht ohne Kampf ergeben würden. Mit klopfendem Herzen horchte sie auf das kleinste Geräusch; aber alles blieb ganz still. Da faßte der Anführer der grauen Ratten sich ein Herz und sprang in den kalten, dunklen Keller hinein.
Eine graue Ratte nach der andern folgte dem Anführer. Alle verhielten sich sehr still, und alle erwarteten, die schwarzen Ratten aus einem Hinterhalt hervorbrechen zu sehen. Erst als so viele in den Keller eingedrungen waren, daß keine mehr Platz auf dem Boden hatte, wagten sie sich weiter.
Obgleich sie noch nie in dem Gebäude selbst gewesen waren, fanden sie den Weg doch ohne jegliche Schwierigkeit, und sie fanden auch sehr bald die Gänge in den Mauern, deren die schwarzen Ratten sich bedient hatten, um in die obern Stockwerke zu gelangen. Ehe sie diese schmalen und engen Treppen hinaufkletterten, lauschten sie wieder sehr aufmerksam nach allen Seiten. Daß sich die schwarzen Ratten so gänzlich zurückhielten, war ihnen viel unheimlicher, als wenn sie sich zu offnem Kampfe gestellt hätten. Sie konnten ihrem Glück kaum trauen, als sie das erste Stockwerk ohne Unfall erreicht hatten.
Gleich beim Eintreten schlug ihnen der Duft des Korns entgegen, das in großen Haufen auf dem Boden lag. Aber es war für sie noch nicht an der Zeit, ihren Sieg zu genießen. Mit der größten Sorgfalt durchsuchten sie zuerst die düsteren, kahlen Gemächer. Sie sprangen in der alten Schloßküche auf den Herd, der mitten auf dem Boden stand, und wären im nächsten Raum beinahe in einen Brunnen gestürzt. Keine einzige der schmalen Lichtöffnungen ließen sie unbeachtet, aber nirgends stießen sie auf schwarze Ratten.
Als nun dieses Stockwerk ganz und gar in ihrer Gewalt war, begannen sie, sich mit ganz derselben Vorsicht des zweiten zu bemächtigen. Wieder mußten sie eine mühevolle gefährliche Kletterpartie durch die Mauern machen, während sie in atemloser Angst erwarteten, daß der Feind über sie herfalle. Und obgleich sie der herrlichste Duft von den Kornhaufen lockte, zwangen sie sich doch, in größter Ordnung die frühere Gesindestube mit ihren mächtigen Pfeilern zu untersuchen, den steinernen Tisch und den Herd, die tiefen Fensternischen und das Loch im Boden, durch das man in früheren Zeiten siedendes Pech auf den eindringenden Feind hinuntergegossen hatte.
Aber die schwarzen Ratten waren und blieben unsichtbar. Die grauen suchten nun den Weg nach dem dritten Stockwerk mit dem großen Festsaal des Schloßherrn, der eben so kahl und leer war wie alle andern Gemächer des alten Hauses, und sie drangen sogar bis hinauf ins alleroberste Stockwerk, das nur aus einem einzigen großen, öden Raum bestand. Der einzige Ort, an den sie nicht dachten und den sie nicht untersuchten, war das große Storchennest auf dem Dache, wo gerade in diesem Augenblick die Eulenfrau Akka weckte und ihr mitteilte, daß die Turmeule Flammea ihrem Wunsche willfahrt habe und ihr das Erbetene schicke.
Nachdem die grauen Ratten also gewissenhaft die ganze Burg durchsucht hatten, fühlten sie sich beruhigt. Sie nahmen an, daß die schwarzen Ratten davongezogen seien, ohne an Widerstand zu denken, und frohen Herzens hüpften sie auf die Kornhaufen hinauf.
Aber kaum hatten sie die ersten Weizenkörner verzehrt, als da unten im Hof vor der Burg der weiche Ton einer kleinen scharfen Pfeife ertönte. Die Ratten hoben die Köpfe aus dem Korn, lauschten unbeweglich, sprangen ein paar Schritte vor, als wollten sie die Haufen verlassen, kehrten aber wieder um und begannen aufs neue zu fressen.
Wieder erklang die Pfeife mit starkem, durchdringendem Ton. Und jetzt geschah etwas Merkwürdiges. Eine Ratte, zwei Ratten, ja ein ganzer Trupp ließen die Körner los, sprangen aus den Kornhaufen heraus und liefen auf dem kürzesten Weg, so schnell sie konnten, in den Keller hinunter, um aus dem Hause hinauszukommen. Es waren jedoch noch viele graue Ratten zurückgeblieben. Diese dachten an die Mühe, die es sie gekostet hatte, Glimmingehaus zu erobern, und sie wollten es nicht wieder verlassen. Aber die Pfeifentöne nötigten sie noch einmal, und da mußten sie ihnen folgen. In wilder Eile stürzten auch sie aus den Kornhaufen heraus, rannten durch die engen Löcher in den Mauern und purzelten in ihrem Eifer, hinunterzukommen, übereinander.
Mitten auf dem Hofe stand ein kleiner Knirps, der auf einer Pfeife blies. Rund um sich her hatte er schon einen ganzen Kreis von Ratten, die ihm entzückt und hingerissen zuhörten, und mit jedem Augenblick strömten neue herbei. Sobald er die Pfeife nur eine Sekunde lang verstummen ließ, sah es aus, als ob die Ratten Lust hätten, sich auf ihn zu werfen und ihn totzubeißen, aber sobald er blies, waren sie unter seiner Macht.
Als der Knirps alle grauen Ratten aus Glimmingehaus herausgepfiffen hatte, begann er langsam zum Hofe hinaus und auf die Landstraße zu wandern; und alle grauen Ratten folgten ihm, weil ihnen alle die Pfeifentöne so süß in den Ohren klangen, daß sie nicht widerstehen konnten.
Der Knirps ging vor ihnen her und lockte sie mit sich auf den Weg nach Vallby. Unaufhörlich blies er auf seiner Pfeife, die aus einem Tierhorn gemacht zu sein schien, obgleich das Horn so klein war, daß es in unsern Tagen kein Tier gibt, aus dessen Stirn es hätte gebrochen sein können. Es wußte auch niemand, wer die Pfeife verfertigt hatte. Aber die Turmeule Flammea hatte das Horn in einer Nische der Domkirche zu Lund gefunden; sie hatte es dem Raben Bataki gezeigt, und diese beiden hatten miteinander ausgerechnet, daß dies eines von jenen Hörnern sein müsse, die in früheren Zeiten von den Menschen verfertigt worden waren, die sich Macht über Ratten und Mäuse verschaffen wollten. Der Rabe aber war Akkas Freund, und von ihm hatte sie erfahren, daß Flammea einen solchen Schatz besaß.
Und es war in der Tat so, die Ratten konnten der Pfeife nicht widerstehen. Der Junge ging vor ihnen her und blies so lange, als die Sterne am Himmel strahlten, und die ganze Zeit liefen die Ratten hinter ihm her. Er blies beim Morgengrauen, er blies beim Sonnenaufgang, und noch immer folgte ihm die ganze Rattenschar und wurde weiter und immer weiter von den großen Kornböden auf Glimmingehaus weggelockt.
5
Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg
Dienstag, 29. März
Es muß zugegeben werden, daß in ganz Schonen, wo doch so viele prächtige Schlösser sich erheben, keines von allen so schöne Mauern hat wie der alte Kullaberg.
Der Kullaberg ist niedrig und langgestreckt, er ist durchaus kein großes mächtiges Gebirge. Auf dem breiten Bergrücken liegen Wälder und Felder, und da und dort eine mit Heidekraut bewachsene Fläche. Es ist da oben weder besonders schön noch besonders merkwürdig, und es sieht da gerade so aus wie auf jeder andern hochgelegenen Gegend in Schonen.
Wer die mitten über den Kamm des Berges hinlaufende Landstraße einschlägt, sagt sich unwillkürlich: »Dieses Gebirge verdient seine Berühmtheit gar nicht. Es gibt hier nichts Sehenswertes.«
Aber dann geschieht es vielleicht, daß er vom Wege abweicht und an den Rand des Berges tritt und über den schroffen Abhang hinabschaut, und da entdeckt er auf einmal so viel Sehenswertes, daß er kaum weiß, wie er alles auf einmal betrachten soll.
Denn der Kullaberg steht nicht wie andre Gebirge auf dem Festlande mit Ebnen und Tälern ringsherum, sondern er hat sich gleichsam so weit ins Meer hineingestürzt, als er überhaupt konnte. Nicht das kleinste Stückchen Land liegt unten am Berg, das ihn gegen die Meereswogen schützte; diese können ganz dicht bis an die Felsenwände heran, können sie auswaschen und nach Belieben formen.
Deshalb stehen die Gebirgswände dort auch so reich verziert da, wie das Meer und dessen Mithelfer, die Winde, sie zugerichtet haben. Da sind schroffe, tief in die Bergseiten hineingeschnittene Schluchten und schwarze hervorspringende Felsen, die unter den beständigen Peitschenschlägen des Windes blankgescheuert sind. Da sind einzelstehende Felsensäulen, die senkrecht aus dem Wasser aufragen, und dunkle Grotten mit engen Zugängen. Da finden sich steile nackte Felswände und sanfte bewachsene Abhänge, dann wieder kleine Felsenvorsprünge und Buchten, sowie kleine Rollsteine, die mit jedem Wogenschlag rasselnd umhergespült werden. Da sind auch stattliche Felsentore, die sich über dem Wasser wölben, und spitzig aufragende Steinblöcke, die beständig mit weißem Schaum überspritzt werden, und wieder andre, die sich in schwarzgrünem, unveränderlichem stillem Wasser spiegeln. Da gibt es in den Felsen eingemeißelte Riesenkessel und gewaltige Spalten, die den Wanderer verlocken, sich in die Tiefe des Gebirges bis zur Höhle des Kullamanns hineinzuwagen.
Und an allen diesen Schluchten und Felsen, oben darauf und an allen Seiten hin, wachsen und klettern Pflanzen und Zweige und Ranken empor. Bäume wachsen auch da, aber die Macht des Windes ist so groß, daß auch die Bäume sich in rankenartige Gewächse verwandeln müssen, damit sie sich an den Abhängen halten können. Die Eichenstämme haben sich niedergelegt und kriechen förmlich am Boden hin, während ihr Laub wie ein dichtes Gewölbe über ihnen steht, und kurzstämmige Buchen stehen wie große Laubzelte in den Schluchten.
Die merkwürdigen Bergwände mit dem weiten blauen Meer davor und der schimmernden scharfen Luft darüber, das alles zusammen macht das Kullagebirge den Menschen so lieb, daß den ganzen Sommer hindurch große Scharen von ihnen jeden Tag hinaufziehen. Schwerer wäre zu sagen, wodurch es für die Tiere so anziehend wird, daß sie sich jedes Jahr zu einer großen Spielversammlung da vereinigen. Aber dies ist eine Sitte, die seit uralten Zeiten beibehalten ist, und man hätte damals dabei sein müssen, als die erste Meereswoge am Kullaberg zu Schaum zerschellte, um erklären zu können, warum gerade er vor allen andern zum Versammlungsort gewählt wurde.
Wenn die Zusammenkunft stattfinden soll, machen die Edelhirsche, die Rehe, die Hasen, die Füchse und die übrigen wilden Vierfüßler die Reise nach dem Kullagebirge schon in der Nacht zuvor, um nicht von den Menschen gesehen zu werden. Gerade vor Sonnenaufgang ziehen sie alle nach dem Spielplatz, einer mit Heidekraut bewachsenen Ebene links vom Wege, nicht besonders weit von dem höchsten Gipfel des Gebirges entfernt.
Der Spielplatz ist von allen Seiten von runden Felskuppen umgeben, die die Tiere vor jedermann verbergen, der nicht gerade zufällig an diesen Platz gerät. Und im März ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß sich irgend ein Wanderer dorthin verirren sollte. Alle die Fremden, die sonst auf den Felsen herumstreifen und an den Gebirgswänden hinaufklettern, haben die Herbststürme schon vor vielen Monaten fortgejagt. Und der Leuchtturmwächter draußen auf dem äußersten Vorgebirge, die alte Frau im Kullahof und der Kullabauer und sein Hausgesinde gehen nur ihre gewohnten Wege und laufen nicht auf dem einsamen Heideland herum.
Wenn die Vierfüßler auf dem Spielplatz angelangt sind, lassen sie sich auf den runden Felsenkuppen nieder. Jede Tierart bleibt für sich, obgleich selbstverständlich an einem solchen Tag allgemeiner Burgfriede herrscht und kein Tier Angst zu haben braucht, von einem andern überfallen zu werden. An diesem Tag könnte ein junges Häschen über den Hügel der Füchse hinspazieren, ohne auch nur einen von seinen langen Löffeln einzubüßen. Aber die Tiere stellen sich doch in abgesonderten Scharen auf; das ist alte Sitte.
Wenn alle ihre Plätze eingenommen haben, sehen sie sich nach den Vögeln um. Es pflegt an diesem Tag immer schönes Wetter zu sein. Die Kraniche sind gute Wetterpropheten, und sie würden die Tiere nicht zusammenrufen, wenn Regen zu erwarten wäre. Obgleich aber die Luft klar ist und nichts die Aussicht hemmt, sehen die Vierfüßler doch keine Vögel. Das ist merkwürdig. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, und die Vögel sollten doch unterwegs sein.
Was den Tieren auf dem Kullaberg dagegen auffällt, ist die eine oder andre kleine dunkle Wolke, die langsam über dem ebnen Land hinzieht. Und siehe da, eine dieser Wolken steuert jetzt plötzlich auf das Ufer des Öresund und auf den Kullaberg zu. Als die Wolke mitten über dem Spielplatz ist, hält sie an, und gleichzeitig beginnt die ganze Wolke zu zwitschern und zu klingen, als bestünde sie aus nichts als Tönen. Sie hebt und senkt sich, aber immerfort singt und klingt sie. Plötzlich fällt die ganze Wolke auf einen Hügel herab, die ganze Wolke auf einmal, und im nächsten Augenblick ist der Hügel vollständig von grauen Lerchen bedeckt, schönen rot-grau-weißen Buchfinken, gesprenkelten Staren und graugrünen Meisen.
Gleich darauf zieht noch eine Wolke über die Ebne hin. Sie hält über jedem Hof an, über jeder Arbeiterhütte und jedem Schloß, über Marktflecken und Städten, über Bauerngütern und Bahnhöfen, über Fischerdörfern und Zuckerfabriken. So oft sie anhält, saugt sie vom Boden eine kleine aufwirbelnde Säule von Staubkörnchen auf. Dadurch wächst und wächst die Wolke, und als sie endlich vollständig ist und nach dem Kullaberg steuert, ist es nicht mehr eine einzige Wolke, sondern eine ganze Wolkenwand, die so groß ist, daß sie von Höganäs bis Mölle einen Schatten auf die Erde wirft. Als sie über dem Spielplatz anhält, verdeckt sie die Sonne, und es muß eine gute Weile Sperlinge auf einen der Hügel regnen, bis die, die ganz innen in der Wolke geflogen waren, wieder einen Schimmer vom Tageslicht wahrnehmen können.
Aber jetzt taucht doch die größte von allen diesen Vogelwolken auf. Sie ist aus Scharen gebildet, die von allen Seiten herbeigeflogen kamen und sich miteinander vereinigt haben. Sie hat eine tief graublaue Färbung, und kein Sonnenstrahl dringt durch sie hindurch. Düster und schreckeneinjagend wie eine Gewitterwolke zieht sie daher, erfüllt von unheimlichstem Spuk, von gräßlichem, schreiendem, verächtlichem Gelächter und unglückprophezeiendem Gekrächze. Die Tiere auf dem Spielplatz sind froh, als sie sich endlich in einen Regen von flügelschlagenden, krächzenden Vögeln: von Dohlen, Raben und dem übrigen Krähenvolk auflöst.
Hierauf erscheinen am Himmel nicht nur Wolken, sondern eine Menge andrer Striche und Zeichen. Dann zeigen sich im Osten und Nordosten gerade punktierte Linien. Das sind die Waldvögel von den Göinger Bezirken, die Birk- und Auerhühner, die in langen Reihen, mit einem Abstand von ein paar Metern zwischen den einzelnen Vögeln daherfliegen. Und die Sumpfvögel, die sich auf Måkläppen vor Falsterbo aufhalten, kommen jetzt über den Öresund in allerlei sonderbaren Flugordnungen gezogen: in Triangeln oder langen Schnörkeln, in schiefen Haken oder in Halbkreisen.
Bei der großen Versammlung, die in dem Jahre stattfand, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, kam Akka mit ihrer Schar später als alle andern, und das war nicht zu verwundern, denn Akka hatte, um den Kullaberg zu erreichen, über ganz Schonen hinfliegen müssen. Außerdem hatte sie sich, sobald sie erwachte, zuerst nach Däumling umgesehen, der ja viele Stunden lang gegangen war, den grauen Ratten auf der Pfeife vorgeblasen und sie damit weit weg von Glimmingehaus gelockt hatte. Das Eulenmännchen war mit der Botschaft zurückgekehrt, daß die schwarzen Ratten gleich nach Sonnenuntergang daheim eintreffen würden, und es war also keine Gefahr mehr, wenn man die Pfeife der Turmeule verstummen ließ und den grauen Ratten erlaubte, zu gehen, wohin sie wollten.
Aber nicht Akka war es, die den Jungen entdeckte, wie er mit seinem langen Gefolge dahinzog, und die sich ganz schnell auf ihn herabsenkte, ihn mit dem Schnabel erfaßte und mit ihm in die Luft hinaufstieg, sondern Herr Ermenrich war es, der Storch. Denn auch Herr Ermenrich hatte sich aufgemacht, ihn zu suchen, und nachdem er ihn ins Storchennest hinaufgebracht hatte, bat er ihn um Verzeihung, daß er ihn am vorhergehenden Abend so unehrerbietig behandelt hätte.
Der Junge freute sich sehr darüber, und er und der Storch wurden recht gute Freunde. Akka war auch sehr freundlich gegen ihn und rieb ihren alten Kopf mehrere Male an seinem Arm. Aber am vergnügtesten wurde der Junge doch, als Akka den Storch fragte, ob er es für rätlich halte, daß sie Däumling mit auf den Kullaberg nähmen. »Ich glaube, wir können uns auf ihn ebensogut verlassen wie auf uns selber,« sagte sie. »Er wird uns den Menschen sicher nicht verraten.«
Der Storch riet sogleich sehr eifrig, Däumling mitzunehmen. »Gewiß müssen Sie Däumling mit nach dem Kullaberg nehmen, Mutter Akka,« sagte er. »Es ist ein Glück für uns, daß wir ihn für alles, was er heute Nacht unseretwegen ausgestanden hat, belohnen können. Und da ich mich noch immer über mein gestriges unpassendes Benehmen gräme, werde ich selbst ihn auf meinem Rücken nach dem Versammlungsort tragen.«
Es gibt nicht viel, was besser schmeckt, als von solchen gelobt zu werden, die selbst klug und tüchtig sind, und der Junge hatte sich noch nie so glücklich gefühlt als jetzt, wo die Wildgans und der Storch auf diese Weise von ihm sprachen.