Wunderbare Reise Des Kleinen Nils Holgersson Mit Den Wildgansen
Chapter 46
Gegen Abend ließen sich die Wildgänse auf einem grünen Platze nieder, der nach allen Seiten hin abfiel. Sie mußten sich also auf dem Gipfel eines Hügels befinden; ob dieser aber groß oder klein war, das konnte der Junge nicht herausbringen. Er dachte jedoch, sie müßten in einer bewohnten Gegend sein, denn er glaubte Menschenstimmen, sowie das Rasseln von Fuhrwerken zu hören, die auf einer Straße dahinrollten; ganz sicher war er seiner Sache indes nicht.
Er hätte sich schrecklich gerne nach einem Hofe umgesehen, fürchtete aber, sich im Nebel zu verirren, und so entschloß er sich, bei den Wildgänsen zu bleiben. Ringsum tropfte alles vor Nässe und Feuchtigkeit; an jedem Grashälmchen und jedem Kräutlein hingen kleine Tropfen, und der Junge bekam ordentlich einen Regenschauer auf sich hernieder, sobald er sich nur ein wenig bewegte. »Es ist hier nicht viel besser als droben im Felsental,« dachte er. »Aber ein paar Schritte könnte ich doch machen,« dachte er weiter. Und jetzt konnte er auch in ganz geringer Entfernung vor sich ein Gebäude unterscheiden, das zwar nicht umfangreich, aber viele Stockwerke hoch war; der Junge konnte nicht bis zum Dache hinauf sehen. Die Haustür war verschlossen, und das Haus schien ganz unbewohnt zu sein. Ach, es war natürlich nur ein Aussichtsturm, wo es weder etwas zu essen, noch ein gewärmtes Zimmer gab! Aber Nils Holgersson lief trotzdem in größter Eile zu den Wildgänsen zurück.
»Lieber Gänserich Martin,« sagte er, »nimm mich auf den Rücken und trage mich auf den Turm dort drüben hinauf. Ich kann hier nicht schlafen, weil es überall zu naß ist; dort droben werde ich schon ein trockenes Plätzchen finden, wo ich mich niederlegen kann.«
Der Gänserich Martin war sogleich bereit, seinem guten Freunde zu helfen; er trug ihn hinauf auf das Plattdach des Turmes, und da schlief der Junge, bis ihn die Morgensonne weckte.
Als er seine Augen aufschlug und sich umschaute, konnte er zuerst gar nicht begreifen, was er sah, oder wo er sich befand. Er war früher einmal auf einem Jahrmarkt in einem Zelt gewesen und hatte da ein mächtig großes Panorama gesehen; und jetzt war es ihm, als stehe er wieder mitten in so einem großen runden Zelt, mit einer schönen roten Decke über sich, während an den Wänden und am Boden hin eine prächtige weite Landschaft gemalt war, mit großen Dörfern, Wiesen, Landstraßen und Eisenbahnen, ja sogar mit einer ganzen Stadt. Es wurde ihm ja bald klar, daß er sich hier nicht in einem Panorama befand, sondern daß er selbst auf einem Aussichtsturm stand, mit dem roten Morgenhimmel über sich und einem wirklichen Land ringsumher. Aber er hatte jetzt schon so lange nichts anderes als Einöde gesehen, da war es nicht verwunderlich, daß er das, was er jetzt vor sich sah -- eine richtige, dichtbebaute Landschaft, -- für ein Gemälde hielt.
Und noch etwas war schuld daran, daß der Junge alles, was er sah, zuerst für ein Gemälde gehalten hatte; von allem, was er sah, hatte nämlich nichts seine richtige Farbe. Der Aussichtsturm, auf dem er sich befand, stand auf einem Berg, der Berg auf einer Insel, und die Insel selbst lag nahe bei dem östlichen Ufer eines großen Sees. Der See aber war nicht grau, wie solche Binnenseen sonst zu sein pflegen, sondern ein großer Teil seines Wasserspiegels schimmerte ebenso rosig wie der Morgenhimmel, und drinnen in den tiefen Buchten blinkte er fast nachtschwarz heraus. Und dann war das Land um den See herum nicht grün; mit allen seinen eingeheimsten Getreidefeldern und den goldigschimmernden Laubwäldern leuchtete es hellgelb herüber, und rings um das Gelbe zog sich ein breiter Gürtel aus schwarzem Nadelwald. Noch niemals war dem Jungen der Wald so schwarz erschienen wie an diesem Morgen; aber er meinte, es komme vielleicht daher, weil der Laubwald innerhalb des dunklen Fichtengürtels so besonders hell glänzte. Jenseits dieser dunkeln Strecke blauten im Osten einige Höhenzüge; aber am ganzen westlichen Horizont wölbte sich ein langgestreckter, glänzender Bogen aus zackigen, verschiedengeformten Bergen von einer wunderbar schönen, sanftglänzenden Farbe, die weder rot noch weiß noch blau genannt werden konnte, -- es gab einfach gar keinen Namen für diese Schattierung.
Doch jetzt wendete der Junge seinen Blick von den Bergen und Nadelwäldern ab und richtete ihn auf die nächste Umgebung. Rings um den See her in dem goldnen Gürtel tauchte allmählich ein rotes Dorf nach dem andern und eine weiße Kirche nach der andern auf, und direkt gen Osten, jenseits des schmalen Sundes, der die Insel vom Festland trennte, lag eine Stadt. Sie breitete sich am Seeufer aus, dicht hinter ihr ragte ein Berg auf, der sie beschützte, und ringsumher lag eine reiche dichtbevölkerte Landschaft.
»Diese Stadt hat es wirklich verstanden, sich eine gute Lage auszuwählen,« dachte der Junge. »Wie sie wohl heißen mag?«
In demselben Augenblick fuhr er heftig zusammen und schaute sich um. Er war ganz in die Aussicht versunken gewesen und hatte deshalb gar nicht gemerkt, daß unten Menschen herangekommen waren.
Jetzt liefen diese Besucher eilig die Treppen herauf. Der Junge hatte gerade noch Zeit, sich nach einem Versteck umzusehen und sich dort zu verbergen; da waren sie auch schon oben.
Es war eine Schar junger Leute, die auf einer Fußwanderung begriffen waren. Sie hatten Jämtland durchstreift und gaben nun ihrer Freude in lauten Worten Ausdruck, daß sie am vorhergehenden Abend Östersund noch erreicht hätten und nun an diesem schönen Morgen die Aussicht vom Östberg auf die Frösö genießen könnten. Von hier aus könne man mehr als zwanzig Meilen im Umkreis umherschauen, nun könnten sie doch noch einen letzten Blick auf ihr liebes Jämtland werfen, ehe sie es verließen.
»Dort unten haben wir Sunne,« sagten sie. »Und dort liegt Marby und dort drüben Hallen. Was wir dort gerade im Norden sehen, ist die Kirche von Rödö, und die andere da unter uns ist die von Frösö.«
Dann unterhielten sie sich über die Berge. Die nächstliegenden seien die Oviksfjälle, sagten die einen, und die anderen stimmten alle damit überein; aber dann waren sie nicht ganz einig darüber, welcher wohl der Klövsjöfjäll und der Anarisfjäll seien, und wo Västerfjället, Almåsafjället und der Åreskutan lägen.
Während sie noch darüber sprachen, zog ein junges Mädchen eine Landkarte heraus, breitete sie auf ihren Knieen aus und studierte darin. Plötzlich schaute sie auf.
»Wenn ich das Jämtland so hier auf einer Karte sehe,« sagte sie, »kommt es mir immer wie ein einziger großer Felsen vor. Ich warte immer darauf, daß mir jemand einmal erzählt, dieses Gebirge habe einst ganz aufrecht dagestanden und bis zum Himmel hinaufgereicht.«
»Das hätte wahrlich ein gewaltiger Berg sein müssen,« sagte eines von den andern und lachte das junge Mädchen aus.
»Allerdings; aber deshalb ist er ja auch umgefallen. Hier, seht doch selbst! Es gleicht wahrhaftig einem richtigen hohen Berge mit breitem Fuß und spitzigem Gipfel.«
»Es paßt gar nicht so schlecht für ein Gebirgsland, wenn der ganze Gebirgsstock wie ein einzelner Berg aussieht,« sagte wieder eines von den Umstehenden. »Ich habe zwar schon allerlei Sagen vom Jämtland gehört, aber doch noch nie ...«
»Kennst du die Sage vom Jämtland?« fiel ihm das junge Mädchen eifrig ins Wort. »Dann mußt du sie sogleich erzählen.«
»Und hier ist der allerbeste Platz zum Anhören, hier, wo wir gleich das ganze Land vor uns haben.«
Alle anderen stimmten mit dem jungen Mädchen überein; und ihr Gefährte ließ sich nicht lange nötigen, sondern begann sogleich seine Erzählung.
Die Sage von Jämtland
»Zu der Zeit, wo es noch Riesen in Jämtland gab, geschah es einmal, daß ein alter Bergriese auf dem Hofe vor seinem Hause stand und seine Pferde striegelte. Während er eifrig bei dieser Arbeit war, fingen die Pferde plötzlich vor lauter Angst heftig zu zittern an.
>Was ist denn mit euch los?< sagte der Riese und sah sich um, was die Pferde wohl erschreckt haben könnte. Es waren aber weder Wölfe noch Bären in der Nähe zu erblicken; das einzige, was er entdecken konnte, war ein Wandersmann, der zwar bei weitem nicht so groß und stark war wie er selbst, aber doch recht stattlich aussah und offenbar auch über gute Kräfte verfügte, und der eben den Pfad heraufstieg, der zu der Berghütte führte. Aber kaum war der alte Bergriese des Wandersmanns gewahr geworden, als er auch schon von Kopf bis zu Fuß zitterte, gerade wie seine Pferde; er nahm sich gar nicht Zeit, seine angefangene Arbeit fertig zu machen, sondern lief eiligst in den Saal hinein zu seinem Weib, das an der Kunkel Werg spann.
>Was ist denn los?< fragte die Frau. >Du siehst ja todesbleich aus.<
>Soll ich etwa nicht bleich aussehen,< erwiderte der Riese, >wenn ein Wanderer des Weges daherkommt, der ebenso gewiß, wie du mein Weib bist, Asa-Thor sein muß.<
>Das ist freilich kein willkommener Besuch,< erwiderte das Weib des Riesen. >Kannst du ihm nicht die Augen verhexen, daß er den ganzen Hof hier für einen Felsen hält und an unserer Tür vorübergeht?<
>Es ist zu spät, Zauberkunst auszuüben,< sagte der Riese, >denn ich höre ihn schon die Pforte öffnen und in den Hof hereintreten.<
>Dann rate ich dir, dich verborgen zu halten und mich ihn allein in Empfang nehmen zu lassen,< sagte die Frau schnell. >Ich will mein bestes tun, ihm das Wiederkommen zu verleiden.<
Der Vorschlag gefiel dem Riesen über die Maßen. Er ging in die Kammer nebenan, seine Frau aber blieb auf der Frauenbank in dem Saal sitzen und spann ruhig weiter, als ahnte sie keine Gefahr.
Aber nun müßt ihr wissen, daß es zu jenen Zeiten im Jämtland ganz anders aussah als heutigen Tages. Das ganze Land war eine einzige flache Hochebene, die vollständig kahl und nackt dalag, nicht einmal ein Fichtenwald konnte sich da fortbringen. Es gab weder See, noch Fluß, und auch keine Felder, über die der Pflug hätte gehen können. Ja, zu jener Zeit waren nicht einmal die Berge und Felsenmassen da, die jetzt im ganzen Lande zerstreut liegen, diese standen alle weit drüben im Westen. In dem ganzen großen Lande konnten keine Menschen leben, aber den Riesen ging es dafür um so besser. Wohl kaum ohne ihren Willen und ihr Einverständnis blieb das Land so öde und ungastlich liegen; und deshalb hatte es seine guten Gründe, wenn der Bergriese so erschrak, als er Asa-Thor auf sein Haus zukommen sah. Er wußte, die Asen waren denen nicht hold, die Kälte, Dunkelheit und Öde um sich verbreiteten und die Erde daran verhinderten, reich und fruchtbar zu werden und sich mit menschlichen Wohnungen zu schmücken.
Die Frau des Riesen brauchte nicht lange zu warten; nach wenigen Augenblicken ertönten feste Schritte vor dem Hause, und der Wanderer, den der Riese auf dem Pfad gesehen hatte, riß die Tür auf und trat in die Stube. Er blieb jedoch nicht an der Tür stehen, wie sonst die umherziehenden Leute zu tun pflegen, sondern ging geradeswegs auf die Frau zu, die auf der entgegengesetzten Seite des Saals an der Giebelwand saß. Aber wie merkwürdig! Als er meinte, nun habe er ein ordentliches Stück zurückgelegt, war er erst eine ganz kleine Strecke von der Tür entfernt, und es war noch weit bis zur Feuerstelle, die sich mitten in der Stube befand. Der Fremde machte längere Schritte; aber nachdem er wieder eine Weile gegangen war, kam es ihm vor, als sei die Frau und auch die Feuerstelle noch weiter entfernt als bei seinem Eintritt. Im Anfang war ihm das Haus gar nicht besonders groß vorgekommen, und er merkte erst, wie groß es war, als er die Feuerstelle schließlich erreicht hatte; denn da war er so müde, daß er sich auf seinen Stab stützen und ausruhen mußte. Als die Frau des Riesen sah, daß er stehen blieb, legte sie die Kunkel weg, stand von der Bank auf und war mit wenigen Schritten neben ihm.
>Wir Riesen haben große Stuben gern,< sagte sie, >und mein Mann beklagt sich oft darüber, wie enge es hier sei. Aber für jemand, der keine größeren Schritte machen kann als du, muß es sehr anstrengend sein, das Zimmer eines Riesenhauses zu durchschreiten, das begreife ich recht wohl. Laß mich nun wissen, wer du bist und was du von den Riesen willst?<
Augenscheinlich lag dem Wanderer eine heftige Antwort auf der Zunge; aber er wollte sich ohne Zweifel mit einer Frau nicht in Streit einlassen, denn er antwortete ganz ruhig: >Mein Name ist Handfest, und ich bin ein Recke, der manches Abenteuer bestanden hat. Nun habe ich das ganze Jahr daheim auf meinem Hof gesessen und hatte mich schon gefragt, ob es denn gar nichts mehr für mich zu tun gebe, als ich die Menschen sagen hörte, ihr Riesen sorgtet gar zu schlecht für das Land hier oben, so daß es außer euch niemand hier aushalten könne. Da habe ich mich flugs aufgemacht, um mit deinem Manne über diese Sache zu sprechen und ihn zu fragen, ob er nicht für eine bessere Ordnung hier Sorge tragen wolle.<
>Mein Mann ist auf der Jagd,< sagte die Frau, >und wenn er nach Hause kommt, wird er dir selbst Antwort auf deine Fragen geben. Aber das will ich dir doch sagen: wer mit solchen Fragen zu einem Bergriesen kommt, müßte eigentlich ein größerer Mann sein als du. Es wäre gewiß am besten für deinen guten Ruf, wenn du dich gleich wieder aus dem Staube machtest, ohne mit dem Riesen zusammengetroffen zu sein.<
>O nein, da ich nun einmal gekommen bin, will ich auch auf ihn warten,< erwiderte der Mann, der sich Handfest genannt hatte.
>Ich habe dir nach meinem besten Wissen geraten,< sagte die Riesin, >tu nun eben, was du nicht lassen kannst. Setze dich indessen hier auf die Bank, dann will ich dir einen Willkommtrunk holen.<
Die Frau ergriff ein gewaltiges Methorn und begab sich damit in den hintersten Winkel der Stube, wo das Metfaß lag. Auch dieses kam dem Gaste nicht besonders groß vor; als aber die Frau den Zapfen herauszog, stürzte der Met mit so lautem Brausen in das Methorn, wie wenn ein Wasserfall ins Zimmer hereingerauscht käme. Das Horn war bald voll. Aber als die Frau den Zapfen wieder in das Faß hineinstecken wollte, kam sie nicht zustande damit; der Met schäumte wild hervor, riß ihr den Zapfen heraus und floß auf den Boden. Die Frau machte noch einen Versuch, den Zapfen wieder hineinzustecken, aber es mißlang ihr abermals. Da rief sie den Fremden zu Hilfe.
>Siehst du denn nicht, daß mir der Met ausläuft, Handfest? Komm her und steck den Zapfen in die Tonne!<
Der Gast eilte ihr sofort zu Hilfe; er nahm den Zapfen und versuchte, ihn in das Spundloch hineinzudrücken; aber der Met riß ihn wieder heraus, schleuderte ihn weit weg, schoß mit unverminderter Gewalt heraus und überschwemmte den Boden.
Handfest versuchte es ein Mal ums andre, den Zapfen hineinzustecken, aber es gelang ihm nicht, und schließlich warf er den Zapfen weg. Der ganze Boden war nun mit Met bedeckt, und damit man doch wenigstens im Zimmer sein konnte, zog der Fremde tiefe Furchen, in denen der Met fließen konnte. Er machte in dem harten Felsengrund Rinnen, wie Kinder im Frühling durch den Sand Furchen ziehen, damit das Schneewasser ablaufen kann, und da und dort stampfte er mit dem Fuße tiefe Löcher, in denen die Flüssigkeit sich sammeln konnte. Die Frau sah ganz ruhig zu; und wenn der Gast aufgeschaut hätte, würde er entdeckt haben, daß sie seiner Arbeit verwundert und auch entsetzt zusah.
Aber als er fertig war, sagte sie spöttisch: >Ich danke dir schön, Handfest. Ich sehe, du tust, was in deiner Macht steht. Sonst hilft mir mein Mann, den Zapfen einzusetzen; aber es kann ja nicht jedermann so stark sein wie er. Da du nun dies nicht tun kannst, wäre es wohl am besten für dich, wenn du gleich jetzt deines Weges zögest.<
>Ich gehe nicht, ehe ich mein Vorhaben ausgeführt habe,< sagte der Fremde, aber er sah beschämt und niedergeschlagen dabei aus.
>Dann setze dich dort auf die Bank,< sagte die Frau. >Ich will den Kessel aufs Feuer stellen und dir einen Teller Grütze kochen.<
Sie tat, wie sie gesagt hatte; als aber die Grütze beinahe fertig war, wendete sie sich an den Gast und sagte: >Ich sehe eben, daß ich fast kein Mehl mehr habe, um die Grütze gehörig dick zu machen. Meinst du, du seiest stark genug, die Mühle zu drehen, die dort neben dir steht; ein paar Drehungen genügen schon, und es ist Korn zwischen den Steinen. Du mußt jedoch deine ganze Kraft zusammennehmen, denn die Mühle geht nicht gerade leicht.<
Der Gast ließ sich nicht lange bitten, sondern suchte die Handmühle zu drehen. Sie kam ihm nicht besonders groß vor; als er aber den Griff erfaßt hatte und den Stein im Kreise herumdrehen wollte, ging sie so schwer, daß er sie nicht bewegen konnte; er wendete seine ganze Kraft auf, brachte aber trotz aller Mühe die Mühle nur ein einziges Mal im Kreise herum.
Mit stummer Verwunderung sah die Riesenfrau zu, während er sich abmühte; und als er die Mühle losließ, sagte sie: >Ja, ich bin von meinem Mann her freilich bessere Hilfe gewöhnt, wenn die Mühle nicht gehen will. Aber es kann ja niemand von dir fordern, daß du mehr tun sollst, als deine Kraft vermag; du wirst jetzt aber doch wohl selbst einsehen, daß es am besten für dich wäre, wenn du nicht mit dem zusammen träfest, der auf dieser Mühle mahlen kann, soviel er Lust hat.<
>Trotzdem habe ich im Sinne, auf ihn zu warten,< erwiderte Handfest ganz leise und sanft.
>Nun, dann setze dich dort auf die Bank, während ich ein Bett für dich zurecht mache,< sagte die Frau; >denn in diesem Falle wirst du hier übernachten müssen.<
Sie richtete ihm aus vielen Kissen und Decken ein Lager her und wünschte ihm gute Nacht. >Du wirst das Bett ziemlich hart finden,< sagte sie, >aber mein Mann liegt jede Nacht auf so einem Lager.<
Als Handfest sich nun in dem Bett behaglich ausstrecken wollte, fühlte er so viel Unebenheiten und Vertiefungen unter sich, daß von Schlafen keine Rede sein konnte; er wälzte und drehte sich von einer Seite auf die andere, konnte aber durchaus nicht einschlafen. Schließlich warf er in hellem Zorn ein Kissen dahin und ein Polster dorthin, und dann schlief er ruhig bis zum Morgen.
Als die Sonne durch die Dachluke herein schien, stand er auf und verließ das Haus der Riesen. Er ging über den Hofplatz und durch die Pforte; als er jedoch diese wieder hinter sich zumachte, stand plötzlich die Frau des Riesen neben ihm.
>Ich sehe, du willst nun doch deiner Wege gehen, Handfest,< sagte sie, >und das ist gewiß auch das klügste, was du tun kannst.<
>Wenn dein Mann in einem solchen Bett schlafen kann, wie du mir für diese letzte Nacht bereitet hast,< sagte Handfest mißmutig, >dann will ich mich nicht mit ihm einlassen, denn dann muß er ein Mann von Eisen sein, mit dem es niemand aufnehmen kann.<
Die Riesin lehnte an der Pforte. >Jetzt, wo du außerhalb meines Hofes bist, Handfest,< sagte sie, >will ich dir doch sagen, daß deine Reise zu uns Riesen durchaus nicht so unehrenvoll für dich abgelaufen ist, wie du selbst zu denken scheinst. Es ist gar nicht merkwürdig, daß du den Weg durch meine Stube lang fandest; da bist du über die ganze Hochebene, die Jämtland genannt wird, hingegangen. Desgleichen war es auch nicht verwunderlich, daß du den Zapfen nicht in das Faß hinein brachtest, denn aus dem Faß ist dir alles Wasser entgegengeströmt, das von den Schneebergen herabläuft. Und als du das Wasser auf dem Boden in Rinnen leitetest, hast du Furchen und Vertiefungen geschaffen, die jetzt Flüsse und Seen sind. Es war kein geringer Beweis deiner Stärke, daß du die Mühle einmal im Kreise herumgebracht hast, denn zwischen den Steinen war kein Korn, sondern Kalksteine und Schiefer, und mit der einen Drehung hast du soviel gemahlen, daß die ganz Hochebene mit guter fruchtbarer Erde bedeckt worden ist. Daß du in dem Bett, das ich dir zurecht gemacht habe, nicht hast liegen können, verwundert mich auch nicht; denn ich habe große eckige Berggipfel hineingelegt; diese hast du nun über das halbe Land hingeschleudert, und vielleicht sind dir die Menschen dafür nicht so dankbar wie für das andere, was du getan hast. Ich sage dir jetzt Lebewohl und verspreche dir, daß ich und mein Mann von hier fortziehen werden an einen Ort, wo du uns nicht so leicht aufsuchen kannst.<
Der Wanderer hörte dies alles mit wachsendem Zorne an, und als die Riesenfrau ausgesprochen hatte, griff er nach dem Hammer, den er in seinem Gürtel trug. Aber ehe er ihn herausziehen konnte, war die Frau verschwunden, und da, wo das Haus der Riesen gestanden hatte, war nichts mehr zu sehen als eine graue Bergwand. Aber was nicht verschwunden war, das waren die mächtigen Flüsse und Seen, denen Handfest auf der Hochebene einen Weg geschaffen, sowie das fruchtbare Erdreich, das er gemahlen hatte. Nicht verschwunden waren außerdem noch die prächtigen Berge, die dem Jämtland seine Schönheit verleihen und allen denen, die es besuchen, Kraft und Gesundheit, Freude, Mut und Lebenslust schenken; deshalb ist wohl auch von allen Taten, die Asa-Thor vollbracht hat, keine lobenswerter als die, welche er in jener Nacht ausführte, als er Felsenmassen hinausschleuderte, vom Frostviksgebirge im Norden bis zum Helagsberg im Süden, von den Ovikshöhen bis jenseits des Storsee, ja bis zu den Sylarna, den hohen Bergen an der Reichsgrenze.«
47
Die Sage vom Härjedal
Dienstag, 4. Oktober
Nils Holgersson wurde unruhig, weil die Reisenden gar so lange auf dem Aussichtsturm blieben. Der Gänserich Martin konnte seinen Gefährten nicht abholen, solange die Fremden da waren, und der Junge wußte doch, daß die Wildgänse so rasch wie möglich südwärts reisen wollten. Mitten unter der Erzählung war es ihm freilich gewesen, als höre er Gänsegeschnatter und laute Flügelschläge; vielleicht waren das die Wildgänse, die weiterflogen. Aber der Junge hatte nicht an die Brüstung zu treten gewagt, um zu sehen, wie es sich verhielt.
Als die Gesellschaft endlich gegangen war und der Junge sich aus seinem Versteck herauswagen konnte, sah er keine Wildgänse drunten auf dem Boden, und kein Gänserich Martin kam, ihn zu holen. Er rief: »Hier bin ich! Wo bist du?« so laut er konnte; aber die Reisegefährten zeigten sich nicht. Es fiel ihm zwar keinen Augenblick ein, sie könnten ihn verlassen haben; aber er fürchtete, es sei ihnen ein Unglück zugestoßen, und er überlegte eben, auf welche Weise er sie ausfindig machen könnte, als sich plötzlich der Rabe Bataki neben ihm niederließ.
Der Junge hätte nie gedacht, daß er Bataki jemals mit einem so frohen Willkommen begrüßen würde, wie er jetzt tat. »Lieber Bataki,« sagte er, »wie herrlich, daß du kommst! Du kannst mir vielleicht sagen, was aus dem Gänserich Martin und aus den Wildgänsen geworden ist.«
»Jawohl, und ich komme gerade in ihrem Auftrag,« antwortete der Rabe. »Akka hat einen Jäger auf dem Gebirge umherstreifen sehen, deshalb wagte sie es nicht, auf dich zu warten, sondern ist vorausgeflogen. Setze dich jetzt auf meinen Rücken, dann wirst du gleich wieder bei deinen Freunden sein.«
Der Junge setzte sich eiligst auf Batakis Rücken, und Bataki würde die Wildgänse auch bald eingeholt haben, wenn ihn der Nebel nicht daran verhindert hätte. Aber es war, als hätte die Morgensonne den Nebel wieder geweckt. Kleine, leichte Nebelschleier, die sich verdichteten und mit erstaunlicher Schnelligkeit ausbreiteten, stiegen plötzlich vom See, von den Feldern und aus dem Walde auf, und schon nach ganz kurzer Zeit war die Erde ringsum von weißen, wogenden Nebelmassen verhüllt.
Da droben, wo Bataki flog, war vollständig klare Luft und strahlender Sonnenschein; aber die Wildgänse waren offenbar mitten in den Nebelmassen, da die beiden sie mit keinem Auge entdecken konnten. Der Junge und der Rabe riefen und schrien aus vollem Halse, aber sie erhielten keine Antwort.
»Das ist doch ein rechtes Mißgeschick,« sagte der Rabe schließlich. »Aber wir wissen ja, in welcher Richtung sie fliegen, und sobald der Nebel sich verzieht, werde ich sie schon ausfindig machen.«