Wunderbare Reise Des Kleinen Nils Holgersson Mit Den Wildgansen
Chapter 31
Aber jetzt, in der dunkeln Nacht, flammte an diesen selben Ufern ein großer Kranz von hellen Feuern auf. Überall sah man sie lodern: in Mora am nördlichen Ende des Sees, am Ufer der Sollerö in Vikarby, auf der Höhe über dem Dorfe Sjurberg, auf dem Kirchenplatz ganz draußen auf der Landzunge bei Rättvik, auf dem Lerdalberg, und dann weiterhin auf allen Landzungen und Hügeln bis hinunter nach Leksand. Der Junge zählte mehr als hundert Feuer; er konnte ganz und gar nicht begreifen, wo sie hergekommen wären, und ob nicht Hexerei und Zauberkunst mit im Spiele sei.
Bei dem Schuß waren auch die Wildgänse erwacht, aber sobald Akka einen Blick auf den Strand geworfen hatte, sagte sie: »Die Menschenkinder treiben heute Kurzweil.« Hierauf steckten alle Wildgänse die Köpfe aufs neue unter die Flügel und schliefen sogleich wieder ein.
Der Junge aber betrachtete die Feuer, die das ganze Ufer wie eine lange Reihe von goldenen Kleinodien schmückten, und wie eine Motte wurde er von dem Licht und der Wärme unwiderstehlich angezogen; er wäre gern näher hingegangen, aber er wußte nicht recht, ob er die Gänse ohne Gefahr verlassen könnte. Ein Schuß um den andern tönte zu ihm herüber, und da er jetzt wußte, daß keine Gefahr damit verbunden war, lockten ihn auch diese. Die Leute dort drüben bei den Feuern schienen so vergnügt zu sein, daß sie sich am Lachen und Jubeln nicht genügen lassen konnten, sie mußten auch noch Freudenschüsse abfeuern. Und jetzt wurden bei einem Feuer, das auf einem Berg brannte, überdies noch Raketen abgebrannt. Dort hatten sie ein riesiges Feuer, und es lag hoch droben; aber das war ihnen noch nicht genug, sie wollten es noch schöner haben. Bis hinauf in die Wolken des Himmels sollte man sehen, wie vergnügt sie wären.
Der Junge hatte sich ganz allmählich dem Ufer genähert; da drang plötzlich Gesang an sein Ohr, und jetzt hielt ihn nichts mehr zurück; er rannte dem Lande zu, da mußte er dabei sein.
Aus der Tiefe der Rättviker Bucht führt eine ungewöhnlich lange Dampfschiffbrücke ins Wasser hinaus; am äußersten Ende dieser Brücke stand eine Anzahl von Sängern, die in der späten Nachtstunde ihre Lieder über den See hinklingen ließen. Es war fast, als meinten sie, der Frühling schlafe, den Wildgänsen gleich, draußen auf dem Eise des Siljansees, und sie müßten ihn wecken.
Die Sänger huben an mit dem Lied: »Ich weiß ein Land weit droben im Nord!« Dann kam: »Im Sommer gar schön, wenn die Erde sich freut, im Tal bei zwei Flüssen, den großen.« Dann: »Der Marsch geht nach Tuna!« Hierauf: »Freie, große, kecke Männer,« und zum Schluß: »In Dalarna wohnten, in Dalarna wohnen«. Es waren lauter Lieder über Dalarna. Auf der Brücke selbst brannte kein Feuer, und die Sänger konnten nicht weit umhersehen, aber mit den Tönen tauchte vor ihnen und vor allen, die zuhörten, ihr Land auf, schöner und hinreißender, als wenn sie es beim Tageslicht gesehen hätten. Es war, als wollten sie den Frühling also anflehen: »Sieh, solch ein Land wartet auf dich! Willst du uns nicht zu Hilfe kommen? Willst du den Winter noch länger seinen Druck über diese wunderschöne Gegend ausüben lassen?«
Nils Holgersson lauschte dem Gesang unbeweglich bis zum Ende, dann erst eilte er dem Lande zu. Ganz drinnen in der Bucht war das Eis schon geschmolzen; es war aber hier so viel Sand angeschwemmt, daß der Junge ganz gut bis zu einem Feuer hingelangen konnte, das dicht am Uferrain lag. Vorsichtig, vorsichtig schlich er sich immer näher heran, bis er die Menschen, die neben dem Feuer standen oder saßen, sehen und auch hören konnte, was sie sprachen. Und wieder begann er sich über das, was sie sagten, zu verwundern und sich zu fragen, ob er nicht eine Spukerscheinung vor sich habe. Noch nie hatte er Menschen in solchen Anzügen gesehen. Die Frauen trugen schwarze spitzige Mützen auf dem Kopf, kleine weiße Pelzjäckchen, rosa Tücher um den Hals, grünseidene Leibchen und schwarze Röcke mit einem weiß, rot, grün und schwarz gestreiften Vorderblatt. Die Männer hatten runde Hüte mit niedrigem Kopf, blaue Röcke mit rot eingefaßten Säumen, gelbe Lederhosen, die bis an die Kniee reichten und von roten mit Quästchen gezierten Strumpfbändern festgehalten wurden. Der Junge wußte nicht, ob es nur von den Anzügen herkäme, aber er meinte, diese Menschen sähen ganz anders aus als an andern Orten: viel stattlicher und viel vornehmer. Er hörte, daß sie miteinander sprachen, konnte aber lange kein Wort verstehen. Da fielen ihm die schönen Kleider ein, die seine Mutter in ihrer Truhe verwahrte und die seit ewiger Zeit niemand hatte tragen wollen, und er fragte sich, ob er hier nicht am Ende Leute aus früheren Zeiten vor sich habe, Leute, die in den letzten hundert Jahren nicht mehr auf Erden geweilt hätten.
Dies war jedoch nur ein Gedanke, der ihm durch den Kopf ging und gleich wieder verschwand, denn er sah wohl, daß diese Leute hier lebendige Menschen waren. Die Ursache aber, warum der Junge so dachte, ist die, daß sich die Bewohner am Siljansee in ihrer Rede, in ihrer Tracht und in ihren Sitten noch mehr von den vergangenen Zeiten bewahrt haben, als es an andern Orten der Fall ist.
Bald wurde sich der Junge auch darüber klar, daß die Leute dort am Feuer von alten Zeiten sprachen. Sie erzählten, wie es ihnen in ihren jungen Jahren ergangen sei, wo sie auf weiten Wegen in andre Landesteile hätten wandern müssen, um durch ihre Arbeit den ihrigen daheim das tägliche Brot zu verschaffen. Der Junge hörte mehrere Leute ihre Geschichte erzählen; aber später konnte er sich doch am besten an das erinnern, was eine ganz alte Frau aus ihrem Leben mitgeteilt hatte.
Die Geschichte der Kerstis vom Moore
»Meine Eltern hatten einen kleinen Hof in Ostbjörka,« begann die Alte, »aber wir waren viele Geschwister, und die Zeiten waren sehr hart, deshalb mußte ich schon mit sechzehn Jahren in die Fremde hinaus. Wir zogen miteinander, so ungefähr zwanzig junge Leute, von Rättvik aus; im Jahre 1845, am 14. April kam ich zum erstenmal nach Stockholm. Als Mundvorrat auf der Reise hatte ich etwas Brot, ein Stück Kalbfleisch und etwas Käse. Vierundzwanzig Groschen waren mein ganzer Geldvorrat. Die andern Lebensmittel, die ich von Hause mitbekam, packte ich in meinen Reisesack und schickte ihn samt meinem Arbeitsanzug mit einem Bauernwagen im voraus nach Stockholm.
So schlugen wir denn alle zwanzig den Weg nach Falun ein; wir legten täglich drei bis vier Meilen zurück, und so erreichten wir Stockholm am siebenten Tage. Das war noch anders, als wenn die Mädchen sich heutzutage nur auf die Eisenbahn setzen und dann höchst bequem in acht bis neun Stunden an Ort und Stelle sind.
Als wir in Stockholm einzogen, riefen die Leute einander zu: >Seht, da kommt das Dalregiment!< Und es war auch, als ob ein ganzes Regiment dahermarschiert käme, als wir in unsern Schuhen mit den hohen Absätzen, in die der Schuhmacher mindestens fünfzehn große Nägel hineingeschlagen hatte, durch die Straßen schritten; und da wir die spitzigen Pflastersteine nicht gewohnt waren, traten mehrere von uns häufig fehl und fielen zu Boden.
Wir gingen in ein Wirtshaus, in das >Weiße Roß<, wo die Leute aus Dalarna abzusteigen pflegten und das auf dem Södermalm in der großen Badstraße lag. Die Leute aus Mora wohnten in derselben Straße, in der >Großen Krone<. Jetzt aber mußte eilig etwas verdient werden, das kann ich euch sagen, denn von den vierundzwanzig Groschen, die ich von daheim mitbekommen hatte, waren nur noch achtzehn übrig. Eines von den andern Mädchen sagte, ich solle mich bei einem Rittmeister, der am Hornstull wohne, nach Arbeit umsehen. Dort wurde ich auf vier Tage gedungen, während der ich in seinem Garten graben und pflanzen mußte. Als Lohn erhielt ich vierundzwanzig Groschen, mußte mich aber selbst verköstigen. Da konnte ich mir nur wenig zum Essen kaufen, doch die kleinen Töchterchen der Herrschaft sahen, daß ich hungrig war; sie liefen in die Küche hinein und verlangten noch etwas zum Essen für mich, und so wurde ich doch satt.
Hierauf kam ich zu einer Frau in der Norrlandstraße. Da mußte ich in einer ganz miserabeln Kammer schlafen; die Mäuse zernagten mir meine Mütze und mein Halstuch und fraßen ein Loch in meinen Reisesack. Ich mußte ihn mit einem alten Stiefelschaft, den man mir gab, flicken. In diesem Haus hatte ich nur auf vierzehn Tage Arbeit, und dann mußte ich mit zwei Reichstalern in der Tasche nach Hause wandern. Diesmal nahm ich den Weg über Leksand und hielt mich da in einem Dorfe namens Rönnäs ein paar Tage auf. Ich erinnere mich, daß die Leute dort Hafergrütze kochten, die mit Spreu und Kleie vermischt war. Sie hatten nichts andres, und in jenen Tagen der Hungersnot mußten sie noch froh daran sein.
Ja, in jenem Jahr war es mir nicht gerade glänzend gegangen, aber im nächsten ging es mir noch schlechter.
Seht, ich mußte eben wieder ausziehen, denn sonst hätten sie daheim nichts zum Leben gehabt. Diesmal schloß ich mich an zwei andre Mädchen an, und wir wanderten zusammen nach Hundiksvall. Bis dorthin waren es fünfundzwanzig Meilen, und wir mußten unsere Reisesäcke den ganzen Weg selber auf dem Rücken tragen, denn jetzt hatten wir keinen Bauernwagen, der sie mitgenommen hätte.
Wir hatten gehofft, Gartenarbeit zu finden; aber als wir hinkamen, lag noch überall der Schnee, und mit der Gartenarbeit war es nichts. Da ging ich vors Dorf hinaus auf die großen Bauernhöfe und bat flehentlich, man solle mir doch irgend eine Arbeit geben. Ach, ihr lieben Leute, wie hungrig und müde war ich, bis ich einen Hof fand, wo man mich behielt und mich um acht Groschen am Tag Wolle krempeln ließ! Später fand ich schließlich doch auch Arbeit in den Gärten der Stadt, und da blieb ich bis Juli. Dann aber überkam mich das Heimweh mit solcher Macht, daß ich mich auf den Weg nach Rättvik machte. Ich war ja damals erst siebzehn Jahre alt. Meine Schuhe waren durchgelaufen, und so mußte ich die vierundzwanzig Meilen barfuß zurücklegen. Aber ich wanderte frohen Herzens dahin, denn jetzt hatte ich fünfzehn Reichstaler erspart, und für meine kleinen Geschwister brachte ich ein paar altbackene Weißbrötchen und eine Tüte voll Zuckerstückchen mit, die ich mir zusammengespart hatte. So oft mir jemand zwei Stückchen Zucker in meinen Kaffee gab, warf ich immer nur eines hinein und hob das andre auf.
Ja, da sitzt ihr nun, ihr Mädchen, und wißt nicht, wie sehr ihr dem lieben Gott dafür danken solltet, daß er uns bessere Zeiten gegeben hat, denn damals folgte ein Hungerjahr auf das andre; alle jungen Leute in Dalarna mußten sich auswärts nach einem Verdienst umsehen. Im nächsten Jahre -- das war Anno 1847 -- wanderte ich wieder nach Stockholm und arbeitete im großen Hornberger Garten. Außer mir waren noch mehrere Mädchen da, und wir hatten jetzt einen etwas besseren Taglohn, mußten aber trotzdem tüchtig sparen. Wir sammelten im Gartenland alte Nägel und Knochen, die wir an den Lumpensammler verkauften. Für das Geld kauften wir uns dann eine Art steinharten Zwieback, wie sie in der Militärbäckerei für die Soldaten gebacken wurden. Ende Juli kehrte ich wieder nach Hause zurück, um daheim bei der Ernte zu helfen. Diesmal hatte ich mir dreißig Reichstaler erspart.
Auch im folgenden Jahre mußte ich auf den Verdienst ausziehen. Diesmal kam ich zu einem Stallmeister, der vor Stockholm wohnte. In diesem Sommer war Manöver auf dem Lagårdsgärdet, und der Kellermeister schickte mich hinaus, die Küche zu überwachen, die er in einem großen Rüstwagen eingerichtet hatte. Und wenn ich hundert Jahre alt werde, wird mir jener Tag unvergeßlich sein, wo ich draußen im Lager vor dem König Oskar auf der Lur blasen mußte. Der König schickte mir einen ganzen Speziestaler zur Belohnung.
Dann war ich mehrere Sommer nacheinander Fährmädchen bei Brunswik; da ruderte ich die Leute zwischen Albano und Haga über. Dies war meine beste Zeit; wir hatten die Luren mit im Boot, und manchmal nahmen die Reisenden selbst die Ruder, damit wir ihnen auf den Luren blasen konnten. Als im Herbst die Fähre eingestellt wurde, ging ich nach Uppland hinauf und half in den Bauernhöfen beim Dreschen. Gegen Weihnachten kehrte ich dann allemal mit etwa hundert Reichstalern in der Tasche nach Hause zurück. Und dann hatte ich beim Dreschen auch noch Saatkorn verdient; der Vater holte es ab, sobald man mit dem Schlitten fahren konnte. Ja, seht, wenn ich und meine Geschwister nicht mit unsern Sparpfennigen heimgekommen wären, dann hätten sie daheim nichts zu leben gehabt, denn die Ernte vom eigenen Boden war meist gegen Weihnachten schon zu Ende, und zu jener Zeit baute man noch nicht viel Kartoffeln. Dann mußte man beim Kaufmann das Korn kaufen; wenn aber die Tonne Roggen vierzig Reichstaler und der Hafer vierundzwanzig Reichstaler kostete, dann galt es haushälterisch zu sein. Zu jener Zeit wurde bei uns feingehacktes Stroh unter das Brotmehl gemischt. Dieses Strohbrot glitt nicht leicht hinunter, das kann ich euch sagen; man mußte ordentlich Wasser dazu trinken, daß man es überhaupt hinunterbrachte.
So wanderte ich jedes Jahr hin und her, bis ich mich verheiratete, und das war im Jahre 1856. Jon und ich waren in Stockholm gute Freunde geworden. Aber jedes Jahr, wenn ich wieder nach Hause ging, war mir immer ein wenig bänglich ums Herz, die Stockholmer Mädchen könnten seine Gedanken von mir abwendig machen. Sie nannten ihn den schönen Moor-Jon und den schönen Dalmann, das wußte ich. Doch in seinem Herzen wohnte keine Falschheit, und als er sich genug erspart hatte, machten wir Hochzeit.
Während der nächsten Jahre herrschte lauter Freude und keine Sorge bei uns; aber das dauerte nicht lange, 1863 starb Jon, und ich stand mit meinen fünf Kindern allein auf der Welt. Es ging uns jedoch nicht einmal so schlecht, denn in Dalarna waren bessere Zeiten angebrochen. Jetzt gab es Kartoffeln und auch reichlich Getreide. Das war ein großer Unterschied gegen die früheren Zeiten. Ich bewirtschaftete die kleinen Äcker, die ich geerbt hatte, und hatte auch mein eigenes Häuschen. So verging ein Jahr ums andre, die Kinder wuchsen heran, und die von ihnen, die noch leben, sind jetzt vermögliche Leute, Gott sei Dank! Sie können sich gar nicht so recht vorstellen, wie knapp die Leute es hier in Dalarna gehabt haben, als ihre Mutter noch jung war.«
Damit schloß die Alte ihre Erzählung. Während sie gesprochen hatte, war das Feuer niedergebrannt. Jetzt standen alle auf und sagten, es sei Zeit, nach Hause zu gehen. Der Junge ging wieder aufs Eis hinaus, sich nach seinen Reisegefährten umzusehen; aber während er so allein über das Eis hinlief, klang in seinen Ohren noch immer der Vers, den er die Leute auf der Brücke hatte singen hören. »In Dalarna wohnten, in Dalarna wohnen trotz Armut auch Treue und Ehre ...« Dann kamen einige Verse, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, aber den Schluß wußte er noch: »Sie mischten mit Rinde nicht selten ihr Brot, doch mächtigen Herren ward Hilfe in Not bei den armen Männern in Dale.«
Der Junge hatte nicht alles vergessen, was er einst in der Schule von den Männern aus dem Hause Sture und von Gustav Wasa gehört hatte, und er hatte sich immer gewundert, warum sie gerade bei den Dalmännern Hilfe gesucht haben sollten. Aber jetzt verstand er es; denn in einem Lande, wo es solche Frauen gab wie die Alte, die dort am Feuer ihre Geschichte erzählt hatte, mußten ja die Männer geradezu unbesiegbar sein.
32
Vor den Kirchen
Sonntag, 1. Mai
Als der Junge am nächsten Morgen erwachte und aufs Eis hinunterglitt, mußte er hell auflachen. Während der Nacht hatte es geschneit, ja es schneite noch immer, die ganze Luft war voll von weißen Flocken, und solange sie herunterfielen, sah es fast aus, als seien es lauter Flügel von erfrorenen Schmetterlingen. Auf dem See lag der Schnee mehrere Zentimeter tief, die Ufer schimmerten ganz weiß, und die Wildgänse sahen wie kleine Schneewehen aus, soviel Schnee hatten sie auf dem Rücken.
Ab und zu rührten sich Akka oder Yksi oder Kaksi ein wenig; wenn sie aber sahen, daß es noch immer weiter schneite, steckten sie schnell den Kopf wieder unter den Flügel. Sie dachten wohl, bei solchem Wetter könnten sie nichts Besseres tun als schlafen, und darin gab ihnen der Junge vollkommen recht.
Einige Stunden später erwachte er von dem Geläute der Kirchenglocken in Rättvik, die zum Gottesdienst riefen. Das Schneien hatte jetzt aufgehört, aber ein starker Nordwind fegte daher, und auf dem Eise draußen war es bitter kalt. Der Junge war froh, als die Wildgänse endlich den Schnee abschüttelten und ans Land flogen, um sich etwas zum Essen zu verschaffen.
An diesem Tage war in Rättvik Konfirmation, und die Konfirmanden, die schon früh zur Kirche gekommen waren, standen in kleinen Gruppen an der Kirchhofmauer. Sie waren alle in ihren Sonntagsgewändern, und ihre Kleider waren so neu und bunt, daß man sie schon von weitem leuchten sah.
»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich die Kinder dort sehen kann!« rief der Junge.
Die alte Wildgans hielt dies offenbar für einen sehr natürlichen Wunsch, denn sie ließ sich so tief wie möglich hinabsinken und flog dreimal um die Kirche herum. Es wäre schwer zu sagen, wie die Kinder in Wirklichkeit ausgesehen hätten; aber als Nils Holgersson die Knaben und die Mädchen von oben herab betrachtete, meinte er, noch nie so viele schöne junge Menschenkinder beisammen gesehen zu haben. »Ich glaube nicht, daß es in des Königs Schloß schönere Prinzen und Prinzessinnen geben kann,« sagte er vor sich hin.
Es hatte in der Tat tüchtig geschneit. In Rättvik waren alle Felder mit Schnee bedeckt, und Akka konnte nirgends ein Plätzchen entdecken, wo sie sich mit ihrer Schar hätte niederlassen können. Da besann sie sich nicht lange und flog südwärts gen Leksand.
In Leksand waren wie gewöhnlich alle jungen Leute auf Arbeit ausgezogen. Es waren also hauptsächlich alte Leute daheim, und als die Wildgänse dahergeflogen kamen, wanderte eben ein langer Zug von lauter alten Frauen durch die stattliche Birkenallee, die zur Kirche führt. Sie kamen auf den weißen Wegen durch die weißstämmigen Birken in schneeweißen Mänteln aus Schaffellen, weißen Pelzröcken, gelb oder schwarz- und weißgestreiften Schürzen und weißen Hauben, die das weiße Haar dicht umrahmten.
»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die alten Leute ansehen kann!« rief der Junge.
Das schien der alten Anführerin wohl ein natürlicher Wunsch, denn sie ließ sich so weit, wie sie es wagen konnte, herabsinken und flog dreimal über der Birkenallee hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie die alten Leute in der Nähe ausgesehen hätten, aber dem Jungen war es, als habe er noch niemals alte Frauen mit einem so klugen und freundlichen Ausdruck gesehen. »Diese alten Frauen sehen aus, als hätten sie Könige zu Söhnen und Königinnen zu Töchtern,« sagte der Junge vor sich hin.
Aber in Leksand war es auch nicht besser als in Rättvik. Überall lag tiefer Schnee, und Akka wußte sich keinen andern Rat, als weiter gen Süden nach Gagnef zu fliegen.
In Gagnef hatte an diesem Tage vor dem Gottesdienst ein Begräbnis stattgefunden. Der Leichenzug hatte sich etwas verspätet, und dann hatte das Begräbnis auch noch länger gedauert, als man gedacht hatte. Als die Wildgänse dahergeflogen kamen, waren noch nicht alle Leute in der Kirche, mehrere Frauen gingen sogar noch auf dem Kirchhof umher und besuchten ihre Gräber. Sie trugen grüne Leibchen mit roten Ärmeln, und auf dem Kopfe hatten sie farbige Tücher mit bunten Fransen.
»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die Bauernweiber ansehen kann!« rief der Junge.
Dies hielt die alte Gans wohl für einen natürlichen Wunsch, denn sie flog dreimal über dem Kirchhof hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie sich die Leute in der Nähe ausgenommen hätten, aber als der Junge die Frauen von oben her durch die Bäume des Kirchhofs hindurch sah, erschienen sie ihm wie lauter schöne Blumen. »Sie sehen alle aus, als seien sie im Garten eines Königs gewachsen,« dachte er.
Aber selbst in Gagnef fand sich nirgends ein freies Feld, und so blieb den Wildgänsen nichts andres übrig, als sich noch weiter südwärts nach Floda zu wenden.
In Floda saßen die Leute schon in der Kirche, als die Wildgänse dahergeflogen kamen; aber gleich nach dem Gottesdienst sollte eine Hochzeit stattfinden, und der ganze Hochzeitszug stand draußen auf dem Kirchenhügel. Die Braut trug eine goldene Krone auf dem aufgelösten Haar und war so über und über mit Blumen und bunten Bändern und Schmucksachen behängt, daß einem die Augen ordentlich weh taten, wenn man sie ansah. Der Bräutigam trug einen langen blauen Gehrock, Kniehosen und eine rote Mütze. Die Leibchen und Rocksäume der Brautjungfern waren mit Rosen und Tulipanen bestickt, und die Eltern und Nachbarn gingen in ihren bunten Bauerntrachten mit im Zuge.
»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, daß ich die jungen Leute sehen kann!« bat der Junge.
Und die Anführerin ließ sich so weit, als sie es nur wagen konnte, hinabsinken und flog dreimal über dem Kirchenhügel hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie die Hochzeitsleute in der Nähe ausgesehen hätten, aber so von oben aus meinte der Junge, eine so schöne Braut und einen so stolzen Bräutigam und einen so stattlichen Hochzeitszug könne es gewiß sonst nirgends geben. »Ich möchte wissen, ob der König und die Königin schöner aussehen, wenn sie in ihrem Schlosse umhergehen?« dachte er in seinem Herzen.
Hier in Floda fanden die Wildgänse endlich ein vom Schnee befreites Feld und mußten also nicht noch länger nach Futter suchen.
33
Die Überschwemmung
1.-4. Mai
Mehrere Tage lang herrschte in den Gebieten nördlich vom Mälar entsetzliches Wetter. Der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt, der Wind heulte, und es regnete in Strömen. Die Menschen und Tiere wußten wohl, daß es so sein mußte, wenn es Frühling werden sollte, trotzdem aber erschien ihnen dieses Wetter fast unerträglich.
Nachdem es einen Tag lang geregnet hatte, fingen die Schneemassen in den Wäldern im Ernst zu schmelzen an, und die Frühlingsbäche begannen zu rauschen. Alle Wasserpfützen auf den Höfen, das stillstehende Wasser in den Gräben, das Wasser, das zwischen den Grashügeln auf den Mooren und in den Teichen hervorquoll, alles miteinander kam in Bewegung und suchte sich einen Weg nach den Bächen, um nach dem Meere mitgenommen zu werden.
Die Bäche liefen so rasch wie nur möglich nach den Mälarflüssen, und die Flüsse taten ihr bestes, ihrerseits die Wassermassen dem Mälar zuzuführen. Und dann warfen an ein und demselben Tage alle kleinen Seen in Uppland und im Bergwerkdistrikt ihre Eisdecken ab. Dadurch füllten sich die Bäche mit Eisschollen, und das Wasser in ihnen stieg hurtig bis zu den Uferrändern. So vergrößert stürzten sich die Flüsse jetzt in den Mälar, und es dauerte nicht lange, da hatte dieser so viel Wasser aufgenommen, als er überhaupt fassen konnte. Reißend und wild schäumend drängte er seinem Ausfluß zu; aber der Norrstrom ist eine enge Wasserstraße, die das Wasser nicht so hurtig durchfließen lassen konnte, wie es nötig gewesen wäre. Überdies wehte ein sehr starker Ostwind, die Meereswellen brachen sich hoch aufschäumend am Ufer und standen dadurch dem Strom hindernd im Wege, als dieser sein Süßwasser in die Ostsee ergießen wollte. Da nun die Flüsse dem Mälar unaufhörlich neues Wasser zuführten, der Strom aber seine Fülle nicht so rasch hinausführen konnte, blieb dem großen See nichts andres übrig, als über seine Ufer zu treten.
Der See stieg sehr langsam, wie wenn er den schönen Ufern nur ungern Schaden zufügen würde. Da diese aber überall sehr niedrig und flach sind, hatte das Wasser schon nach kurzer Zeit das Land weit überschwemmt, und mehr brauchte er nicht, um allerorten die größte Aufregung hervorzurufen.