Wunderbare Reise Des Kleinen Nils Holgersson Mit Den Wildgansen

Chapter 27

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Jetzt verstand der Junge. Das war kein gewöhnliches Waldland, über das man nur so hinfliegen durfte. Ringsum waren allerdings Wälder und Berge, diese aber bargen unglaublich viel Merkwürdiges in ihrer Mitte.

Er sah Grubenfelder, wo die Hebebäume am Umfallen waren, weil die Erde durch Grubenlöcher schon ganz durchbohrt war, dann andre Grubenfelder, wo noch immer gearbeitet wurde; von diesen dröhnten dumpfe Sprengschüsse bis zu den Wildgänsen herauf, und in deren Nähe zogen sich die Arbeiterwohnungen wie ganze Dörfer am Waldrande hin. Er sah auch alte verlassene Schmiedewerkstätten, wo er durch die eingestürzten Dächer hindurch auf riesige eisenbeschlagene Hammerstiele und plump gemauerte Essen sehen konnte. Dann kamen wieder große Eisenwerke, wo so eifrig gearbeitet und gehämmert wurde, daß die Erde erzitterte. Tief drinnen in der Waldeinöde lagen still verborgen kleine Weiler, die aussahen, als wüßten sie gar nichts von dem Gelärm um sie her. Dann sah er Luftbahnen, an deren Drahtseilen die mit Erz beladenen Körbe lautlos hin und her glitten. In allen Wasserfällen drehten sich klappernde Räder, elektrische Leitungen führten durch den stillen Wald, und ungeheuer lange Eisenbahnzüge kamen dahergerollt, Züge von sechzig bis siebzig mit Erz und Kohlen, mit Eisenstangen und Stahldraht beladenen Wagen.

Nachdem der Junge dies alles eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, konnte er sich nicht länger zurückhalten.

»Wie heißt denn dieses Land hier, wo nichts als Eisen wächst?« fragte er, obgleich er jetzt wußte, daß die Vögel drunten ihn verspotten würden.

Da fuhr ein alter Uhu, der in einer verlassenen Schmelzhütte eben ein Schläfchen machte, aus dem Traume auf, streckte seinen runden Kopf heraus und rief mit unheimlich krächzender Stimme: »Uhu, uhu, uhu! Das Land hier heißt Bergwerkdistrikt! Wenn hier kein Eisen wüchse, würden bis zum heutigen Tag nichts als Bären und Eulen hier wohnen.«

28

Der Eisenhammer

Donnerstag, 28. April

Der heftige Westwind blies fast den ganzen Tag hindurch, während die Wildgänse über den Bergwerkdistrikt hinflogen; und sobald sie sich gen Norden wenden wollten, wurden sie wieder ostwärts getrieben. Aber Akka glaubte, der Fuchs Smirre versuche ihnen durch den östlichen Teil des Landes zu folgen, deshalb wollte sie nicht nach dieser Seite fliegen, und so drehte sie einmal ums andre wieder um und arbeitete sich mühselig gen Westen zurück. Auf diese Weise kamen die Wildgänse nur sehr langsam vorwärts, und am Nachmittag waren sie noch immer im Bergwerkdistrikt von Westmanland. Gegen Abend legte sich indes der Wind, und die ermatteten Reisenden hofften vor Sonnenuntergang mit Leichtigkeit noch eine gute Strecke zurücklegen zu können. Aber da fuhr plötzlich eine heftige Windsbraut daher, die die Wildgänse wie Bälle vor sich hertrieb, und der Junge, der ganz sorglos dasaß und an nichts Böses dachte, wurde unvermutet von dem Gänserücken aufgehoben und in den weiten Luftraum hinausgeschleudert.

Der Junge war indes so klein und leicht, daß er bei dem heftigen Sturm nicht geradeswegs auf die Erde hinunterfiel, sondern zuerst eine Strecke weit mit dem Winde fortgetrieben wurde, dann erst sank er langsam und flatternd hinunter, gerade wie ein Blatt, das von einem Baum herabwirbelt.

»O das ist nicht gefährlich!« dachte der Junge noch im Fallen. »Ich sinke so langsam auf den Boden hinunter, wie wenn ich ein Blatt Papier wäre. Gänserich Martin wird schon heruntersausen und mich auflesen.«

Als er unten auf der Erde angekommen war, riß er zuerst die Mütze vom Kopfe und winkte mit ihr, damit der Gänserich sehen könnte, wo er war. »Hier bin ich, wo bist du? Hier bin ich, wo bist du?« rief er und war fast erstaunt, als der Gänserich Martin nicht schon neben ihm stand.

Aber der große Weiße war nirgends zu sehen, und ebensowenig hob sich die Schar der Wildgänse irgendwo vom Himmel ab. Sie waren spurlos verschwunden.

Dies kam zwar dem Jungen etwas sonderbar vor, aber er beunruhigte sich deshalb nicht. Es fiel ihm keinen Augenblick ein, Mutter Akka und der Gänserich Martin könnten ihn im Stiche lassen. Er dachte, der heftige Windstoß habe sie wohl mitgenommen, und sobald sie umdrehen könnten, würden sie zurückkehren, ihn zu holen.

Aber was war denn das? Wo befand er sich denn eigentlich? Zuerst hatte er immer nur zum Himmel hinaufgeschaut, um die Wildgänse zu entdecken, aber jetzt hatte er sich plötzlich umgesehen. Er war gar nicht auf die ebene Erde hinabgefallen, sondern in eine tiefe, weite Bergschlucht, oder was es sonst sein mochte. Es war ein Raum, so groß wie eine Kirche, mit fast senkrechten Felswänden auf allen Seiten, ohne irgend ein Dach darüber. Auf dem Boden lagen einige große Felsblöcke zerstreut, und zwischen diesen wuchs Moos und Heidekraut und kleine, niedrige Birken. Da und dort waren an den Felswänden hervorspringende Felsen, und von diesen hingen zerbrochene Leitern herab. Auf der einen Seite gähnte ein tiefes Gewölbe, das aussah, als ginge es weit, weit in den Berg hinein.

Der Junge war nicht umsonst einen ganzen Tag lang über die vielen Bergwerke hingeflogen. Er erriet gleich, daß diese große Schlucht von Menschen geschaffen worden war, die in alten Zeiten hier Erz aus dem Gebirge gebrochen hatten. »Ich muß gleich versuchen, ob ich hinaufklettern kann,« dachte er, »denn sonst finden mich meine Reisekameraden am Ende nicht mehr.«

Er wollte gerade an die Felswand herangehen, als er sich von hinten angefaßt fühlte und eine rauhe Stimme vernahm, die ihm ins Ohr brummte: »Was bist denn du für ein Geschöpf?«

Rasch wendete sich der Junge um, und in der ersten Bestürzung glaubte er einem großen, mit langem braunem Moos bedeckten Felsblock gegenüber zu stehen; aber dann sah er, daß der Felsblock breite Füße, einen Kopf, Augen und ein großes brummendes Maul hatte.

Der Junge brachte kein Wort heraus, und das große Tier schien auch gar keine Antwort zu erwarten. Es warf den kleinen Wicht um, rollte ihn mit der Tatze hin und her und schnupperte an ihm herum. Es sah aus, als wollte es den Jungen im nächsten Augenblick verschlingen, doch da schien es sich anders zu besinnen und rief: »Murre und Brumme, kommt, kommt! Hier ist ein guter Bissen für euch!«

Augenblicklich kamen zwei zottelige Junge dahergetrottet, die noch unsicher auf den Beinen waren und eine ganz weiche Haut wie junge Hunde hatten.

»Was hast du denn gefunden, Bärenmutter? Dürfen wir es sehen?« riefen die Jungen.

»Na, da bin ich also unter die Bären geraten,« dachte der Junge. »Ja, nun kann sich Smirre wohl die Mühe sparen, noch länger hinter mir herzujagen.«

Mit ihrer Schnauze schob die Bärenmutter den Fund ihren Jungen zu; das eine packte ihn auch sogleich mit dem Maule und lief mit ihm davon. Aber es biß nicht hart zu, denn es war ausgelassen und wollte erst eine Weile mit dem Däumling spielen, ehe es ihn umbrächte. Das zweite Junge lief hinter dem ersten her, ihm das Spielzeug abzujagen; es humpelte und trottete aber so schwerfällig daher, daß es seinem Bruder, der den Jungen in der Schnauze hatte, gerade auf den Kopf fiel. Und dann wälzten sich die beiden übereinander, bissen und balgten sich und brummten dazu.

Während die beiden jungen Bären so beschäftigt waren, gelang es dem Jungen zu entwischen; er rannte hurtig zu der Felswand hin und begann hinaufzuklettern.

Aber die beiden Bärenjungen stürzten hinter ihm her, kletterten rasch und behende die Wand hinauf, holten den Jungen ein und warfen ihn wie einen Ball aufs Moos hinunter.

»Nun weiß ich doch, wie es einem armen Mäuschen zumute sein muß, wenn es in die Krallen einer Katze geraten ist,« dachte der Junge.

Noch mehrere Male versuchte er zu entwischen; er lief weit in den alten Grubengang hinein, verbarg sich hinter Steinblöcken und kletterte auf die Birken hinauf; aber wo er sich auch zu verstecken suchte, die jungen Bären fanden ihn überall. Und sobald sie ihn gefangen hatten, ließen sie ihn wieder los, damit er aufs neue entfliehen sollte und sie ihn abermals einfangen könnten.

Schließlich war der Junge so müde und der ganzen Geschichte so überdrüssig, daß er sich platt auf den Boden warf. »Lauf, lauf!« brummten die jungen Bären. »Sonst fressen wir dich!«

»Ja, tut es nur,« sagte der Junge, »ich kann nicht mehr laufen.«

Rasch liefen die beiden Jungen zu der Bärenmutter hin. »Bärenmutter, Bärenmutter!« klagten sie. »Er will nicht mehr spielen!«

»Nun, dann nehmt ihn und verteilt ihn unter euch,« sagte die Bärenmutter. Aber als der Junge das hörte, erschrak er so sehr, daß er das Spiel sogleich wieder aufnahm.

Als es Schlafenzeit war und die Bärenmutter ihre Jungen herbeirief, damit sie sich dicht neben ihr niederlegen sollten, waren sie so vergnügt gewesen, daß sie sich am nächsten Tag an demselben Spiel ergötzen wollten. Sie nahmen den Jungen mit, legten ihre Tatzen auf ihn; so konnte er sich nicht rühren, ohne daß sie erwachten. Sie schliefen auch gleich ein, und der Junge dachte, er werde nach einer Weile einen Versuch machen können, sich davonzuschleichen. Aber der arme Kerl war in seinem ganzen Leben noch nie so hin und her geworfen und gerollt, noch nie so herumgejagt und wie ein Kreisel herumgedreht worden, er war todmüde und schlief deshalb auch gleich ein.

Nach einer Weile kam auch der Bärenvater nach Hause. Er kletterte die Felswand herunter, und der Junge erwachte von dem Gerassel der herabrollenden Steine, als der Alte sich in die Grube hinuntergleiten ließ. Er war ein furchtbar großer Bär mit gewaltigen Gliedmaßen, einem riesigen Rachen, großen, blendendweißen Eckzähnen und kleinen, boshaften Augen. Dem Jungen lief unwillkürlich ein kalter Schauder den Rücken hinab, als er diesen alten Waldkönig erblickte.

»Es riecht hier nach Menschen!« sagte der Bärenvater, gleich als er bei der Bärin angekommen war, und dabei stieß er ein dröhnendes Brummen aus.

»Wie kannst du dir so etwas Dummes einbilden,« erwiderte die Bärin und blieb ganz ruhig auf ihrem Platze liegen. »Es ist zwar ausgemacht, daß wir den Menschen keinen Schaden mehr zufügen; aber wenn einer hierherkäme, wo ich und die Jungen unsern Aufenthaltsort haben, dann wäre bald nicht mehr so viel von ihm übrig, daß du es riechen könntest.«

Der Bärenvater legte sich neben der Bärin nieder; er schien aber mit der Antwort, die sie ihm gegeben hatte, nicht recht zufrieden zu sein, denn er schnupperte und witterte immer wieder von neuem.

»Hör doch auf mit diesem Geschnupper!« sagte die Bärenmutter. »Nachgerade solltest du mich doch so gut kennen, daß ich den Jungen niemand nahe kommen lasse, der ihnen etwas zuleide tun könnte. Erzähl mir lieber, was du getan hast, denn ich habe dich ja seit acht Tagen nicht mehr gesehen.«

»Ich habe mich nach einer andern Wohnung für uns umgesehen,« begann der Bärenvater. »Zuerst ging ich nach Wärmland hinein, um von den Verwandten in Nyskoge zu hören, wie es ihnen ginge. Aber diese Mühe hätte ich mir sparen können, denn sie sind gar nicht mehr dort. In dem ganzen Wald ist nicht eine einzige Bärenhöhle mehr bewohnt.«

»Ich glaube, die Menschen wollen den ganzen Wald für sich allein haben,« erwiderte die Bärin. »Selbst wenn wir sie mitsamt ihrem Vieh ganz in Frieden lassen und uns von nichts als von Preiselbeeren, Ameisen und Kräutern nähren, dürfen wir nicht im Walde bleiben. Ich möchte wissen, wo wir eigentlich hin sollen, um einen sichern Aufenthaltsort zu finden.«

»Hier in dieser Grube ist es uns freilich seit Jahren ausgezeichnet gegangen,« sagte der Bärenvater. »Aber seit das große Klopfwerk dicht neben uns errichtet worden ist, kann ich es eben hier nicht mehr aushalten. Schließlich habe ich mich dann noch östlich vom Dalälf, in der Nähe von Garpenberg umgesehen. Dort gibt es auch noch viele Grubenlöcher und andre gute Schlupfwinkel, und es kam mir vor, als könnte man dort ziemlich sicher vor den Menschen sein ...«

In dem Augenblick, wo der Bärenvater dies sagte, richtete er sich auf und fing wieder an zu schnuppern. »Es ist doch merkwürdig, sobald ich von Menschen spreche, steigt mir dieser Geruch wieder in die Nase,« sagte er.

»Dann geh und sieh selber nach, wenn du mir nicht glaubst,« sagte die Bärin. »Ich möchte wohl wissen, wo hier ein Mensch verborgen sein sollte?«

Schnuppernd ging der Bär in der Höhle umher. Schließlich kehrte er unverrichteter Sache zu der Bärenmutter zurück und legte sich neben ihr nieder.

»Hab ich nicht recht gehabt?« fragte sie. »Aber du meinst natürlich, außer dir habe niemand Augen und Ohren.«

»Bei der Nachbarschaft, die wir haben, kann man nie vorsichtig genug sein,« sagte der Bär ruhig. Aber plötzlich fuhr er mit großem Gebrüll empor: Unglücklicherweise hatte einer von den jungen Bären seine Tatze auf Nils Holgerssons Gesicht hingeschoben, dies hatte dem Jungen den Atem benommen, und er hatte niesen müssen.

Jetzt konnte die Bärin den alten Bären nicht mehr beschwichtigen. Ein Junges flog nach rechts, das andre nach links, und dann sah er Nils Holgersson, ehe dieser sich aufrichten konnte.

Und er hätte ihn auch mit einem Happ hinuntergeschluckt, wenn sich die Bärenmutter nicht ins Mittel gelegt hätte. »Rühr ihn nicht an! Das ist den Jungen ihr Spielzeug. Sie sind den ganzen Abend so vergnügt mit ihm gewesen, daß sie ihn nicht aufaßen, sondern für morgen früh aufgehoben haben.«

Aber der Bär stieß die Bärin weg. »Mische dich nicht in das, was du nicht verstehst!« brummte er. »Merkst du denn nicht, daß es schon von weitem nach Menschen riecht? Sogleich werde ich ihn fressen, sonst spielt er uns irgend einen schlimmen Streich.«

Wieder sperrte er das Maul auf. Indessen aber hatte der Junge ein wenig nachdenken können, und dann hatte er in aller Eile seine Zündhölzer aus seinem Ränzel herausgerissen -- das war das einzige Verteidigungsmittel, das er hatte. Er rieb eins an seinen Lederhosen an und steckte dem Bären das brennende Streichholz in den Rachen.

Der Bär fauchte, als ihm der Schwefelgeruch in die Nase stieg, und damit war die Flamme gelöscht. Der Junge hielt schon ein zweites Zündholz bereit, aber merkwürdigerweise griff ihn der Bär nicht wieder an.

»Kannst du viele solche blaue Blumen anzünden?« fragte der Bär.

»So viele, daß ich den Wald einäschern könnte,« antwortete der Junge, denn er glaubte, er könne den Bären dadurch in Angst versetzen.

»Könntest du vielleicht ein Haus oder einen ganzen Hof anzünden?« fragte der Bär.

»Das wäre keine Kunst für mich,« prahlte der Junge, in der Hoffnung, sich bei dem Bären in Respekt zu setzen.

»Das ist gut,« sagte der Bär. »Dann mußt du mir einen Dienst leisten. Jetzt bin ich froh, daß ich dich nicht aufgefressen habe.«

Damit nahm der Bärenvater den Jungen ganz sachte und vorsichtig zwischen die Zähne und begann mit ihm die Felswand hinaufzuklettern. Es ging unbegreiflich leicht und hurtig, obgleich der Bär so groß und schwer war, und sobald er oben angekommen war, rannte er eiligst in den Wald hinein. Auch hier ging es rasch vorwärts; es war klar, der Bär war wie dazu geschaffen, sich einen Weg durch dichte Wälder hindurch zu bahnen. Sein plumper Körper schob sich durchs Gestrüpp hindurch, wie ein Boot durch das Röhricht im Wasser hindurchgleitet.

»Sieh dir nun das große Klopfwerk dort unten an,« sagte der Bär zu dem Jungen.

Der große Eisenhammer mit seinen vielen mächtigen Gebäuden lag am Rande eines Wasserfalls. Riesige Schornsteine sandten schwarze Rauchwolken empor, die Feuer der Schmelzöfen züngelten hell auf, alle Fenster und Luken waren erleuchtet. Da drinnen waren die Hämmer und Walzwerke im Gang, und es wurde mit voller Kraft gearbeitet, daß einem von dem Gerassel und Gedröhne die Ohren gellten. Rings um die Werkstätten herum lagen ungeheure Kohlenställe, große Schlackenhaufen, Packhäuser, Bretterstapel und Werkzeugschuppen. Eine kleine Strecke davon befanden sich lange Reihen von Arbeiterwohnungen, schöne Villen, Schulhäuser, Vereinshäuser und Kaufläden. Aber dort war alles still und wie eingeschlafen. Der Junge sah nicht dorthin, er hatte nur Augen für den Eisenhammer. Der Boden ringsumher war kohlschwarz, der Himmel wölbte sich herrlich dunkelblau über den aus den Schmelzöfen herausschlagenden Flammen, der Wasserfall rauschte weißschäumend herunter, die Gebäude selbst standen riesengroß da und stießen Licht und Rauch und Feuer und Funken heraus. Es war das großartigste Bild, das der Junge jemals gesehen hatte.

»Du willst doch wohl nicht behaupten, daß du so ein großes Gebäude in Brand stecken könntest?« fragte der Bärenvater.

Da war nun der Junge zwischen den Bärentatzen eingeklemmt, und er war überzeugt, wenn er überhaupt mit dem Leben davonkommen sollte, mußte er dem Bären Respekt vor seiner Geschicklichkeit beibringen. »Ein großes oder kleines Gebäude, das ist mir ganz einerlei,« sagte er deshalb. »Ich kann es gut in Brand stecken.«

»Dann will ich dir etwas sagen,« fuhr der Bär fort. »Meine Vorfahren haben von der Zeit an, wo der Wald hier heranwuchs, in dieser Gegend gewohnt. Ich habe das Jagdgebiet und die Weideplätze, die Höhlen und Schlupfwinkel von ihnen geerbt und mein ganzes Leben lang in Ruhe und Frieden hier gewohnt. Im Anfang störten mich die Menschen nur wenig. Sie kamen daher, hackten an den Bergen herum, holten etwas Erz heraus und bauten am Wasserfall einen Eisenhammer und einen Schmelzofen. Der Hammer dröhnte nur ein paarmal am Tage, der Schmelzofen wurde nie länger als ein paar Mondwechsel lang geheizt, und darein konnte ich mich schon finden. Aber seit die Menschen vor einigen Jahren dieses Klopfwerk da errichtet haben, das Tag und Nacht hindurch gleichmäßig weitergeht, kann ich es nicht mehr aushalten. Früher waren nur ein Fabrikdirektor und einige Schmiede da, aber jetzt sind eine Unmenge Leute hier, und ich bin nie mehr sicher vor ihnen. Ich glaubte schon, ich müßte fortziehen, aber jetzt hab ich etwas Besseres herausgefunden.«

Der Junge überlegte, was der Bärenvater wohl ausgeheckt habe; aber er hatte keine Zeit mehr, zu fragen, denn jetzt nahm ihn der Bär wieder zwischen die Zähne und trottete mit ihm dem Hügel zu. Der Junge konnte nichts sehen; aber an dem zunehmenden Getöse erriet er, daß sie sich dem Eisenhammer näherten.

Der Bärenvater kannte den Eisenhammer genau. In dunkeln Nächten war er oft herumgestreift und hatte beobachtet, was da drinnen vorging, und sich gefragt, ob man denn niemals mit der Arbeit aussetze. Er hatte mit den Tatzen an den Mauern zu rütteln versucht und nur gewünscht, so stark zu sein, daß er das ganze Gebäude mit einem Schlage zerschmettern könnte.

Der Bär war von dem schwarzen Boden nicht leicht zu unterscheiden, und wenn er sich überdies im Schatten der Mauern hielt, schwebte er nicht gerade in Gefahr, entdeckt zu werden. Jetzt ging er ohne Furcht zwischen die Werkstätten hinein und kletterte auf einen Schlackenhaufen; hier stellte er sich auf die Hinterbeine, nahm den Jungen zwischen die Vorderbeine und hob ihn in die Höhe. »Probiere, ob du in das Haus hineinsehen kannst!« sagte er.

In dem Eisenhammer waren sie gerade beim Bessemerblasen. Oben an der Decke hing eine große schwarze, runde, mit geschmolzenem Eisen gefüllte Kugel; in diese wurde ein starker Luftstrom hineingepreßt. Und als diese Luft mit furchtbarem Getöse in die Eisenmasse hineindrang, stob ein ganzer Funkenschwall heraus. In Strahlen, in Garben, in langen Dolden fuhren die Funken empor. Sie hatten die verschiedensten Farben, waren groß und klein, brachen sich an der Wand und flogen in dem ganzen Saale herum. Der Bärenvater ließ den Jungen das prächtige Schauspiel genießen, bis die Leute mit dem Blasen fertig waren und der rote flüssige, schönglänzende Stahl aus der runden Kugel heraus in ein paar Gefäße floß. Dem Jungen kam alles, was er da sah, wundervoll vor; er war ganz hingerissen davon und hatte fast vergessen, daß er zwischen zwei Bärentatzen gefangen saß.

Jetzt ließ der Bärenvater den Jungen auch in das Walzwerk hineinsehen. Ein Arbeiter nahm eben ein kurzes, dickes Stück Eisen aus dem Ofen heraus und legte es dann unter eine Walze. Als die Eisenstange unter der Walze wieder hervorkam, war sie zusammengepreßt und in die Länge gezogen. Rasch ergriff sie ein andrer Arbeiter und steckte sie unter eine härtere Walze, die sie noch länger und dünner preßte. So ging es von Walze zu Walze; die Eisenstange wurde gestreckt und gezogen und schlängelte sich schließlich als ein mehrere Meter langer rotglühender Draht am Boden hin. Aber während das erste Stück Eisen also gepreßt wurde, hatten die Arbeiter ein zweites aus dem Ofen herausgenommen und unter die Walzen gelegt, und nachdem dieses halbwegs fertig war, holten sie ein drittes. Unaufhörlich schlängelten sich neue rotglühende Drähte wie zischende Schlangen auf dem Boden hin. Dem Jungen gefiel dies alles außerordentlich gut; aber noch besser gefielen ihm die Arbeiter, die leicht und behende die glühenden Stangen mit ihren Zangen packten und sie unter die Walzen hinunterzwangen. Wie spielend hantierten sie da mit dem glühenden Eisen. »Das ist eine richtige Mannesarbeit, das muß ich sagen,« flüsterte der Junge vor sich hin.

Jetzt ließ der Bär den Jungen auch in die Schmelzhütte und in die Eisenschmiede hineinsehen; da sperrte er vor Verwunderung Mund und Nase auf. »Diese Leute haben keine Angst vor Hitze und Flammen,« dachte er. Schwarz und rußig waren sie auch, und sie kamen ihm wie eine Art Feuermenschen vor, weil sie imstande waren, das Eisen nach Belieben zu biegen und zu formen. Er konnte sich gar nicht denken, daß gewöhnliche Menschen wirklich solche Macht hätten.

»So geht es da drinnen Tag um Tag, Nacht um Nacht weiter,« klagte der Bär und legte sich auf den Boden. »Nein, es ist auf die Dauer nicht zum Aushalten, das wirst du begreifen. Deshalb bin ich goldfroh, daß ich der Sache jetzt ein Ende machen kann.«

»So, das könnt Ihr,« fragte der Junge. »Wie wollt Ihr denn das anfangen?«

»Nun, ich meine, du sollst die Gebäude hier in Brand stecken,« sagte der Bär. »Dann bekäme ich Ruhe vor dem ewigen Spektakel und könnte in meiner alten Heimat verbleiben.«

Dem Jungen lief es eiskalt den Rücken hinunter. Also deshalb hatte der Bärenvater ihn hierhergebracht!

»Wenn du das Klopfwerk anzündest, dann schenke ich dir das Leben, wenn du aber nicht tust, was ich will, wird es bald aus mit dir sein.«

Die großen Werkstätten hatten dicke Backsteinmauern, und der Junge dachte, der Bärenvater habe gut befehlen, das Gehorchen sei ihm von selbst unmöglich gemacht. Im nächsten Augenblick jedoch erkannte er, daß es vielleicht doch nicht so ganz unmöglich wäre. Dicht neben ihnen lag ein Haufen Stroh und Hobelspäne, die er leicht anzünden konnte; neben den Spänen ragte ein Stapel Bretter auf, und die Bretter reichten bis dicht an einen großen Kohlenschuppen heran. Der Kohlenschuppen stieß an die Werkstätten; und wenn diese in Brand gerieten, griff das Feuer bald auf das Dach des Eisenhammers hinüber. Alles, was brennen konnte, fing dann Feuer, die Mauern barsten vor Hitze, und die Maschinen würden vollständig zerstört.

»Nun, willst du, oder willst du nicht?« fragte der Bär.

Der Junge wußte, daß er sofort nein sagen sollte; aber er wußte auch, daß ihn dann die Bärentatzen, die ihn noch immer festhielten, mit einem einzigen Griff zerdrückten. Deshalb sagte er: »Ich muß es mir zuerst etwas überlegen.«

»Nun, so tu es,« brummte der Bär. »Aber ich will dir noch etwas sagen. Das Eisen ist es, das den Menschen eine solche Macht über uns Bären verliehen hat, und auch aus diesem Grunde will ich der Arbeit hier ein Ende gemacht haben.«