Wunderbare Reise Des Kleinen Nils Holgersson Mit Den Wildgansen

Chapter 12

Chapter 123,943 wordsPublic domain

Als Akka dies sagte, richtete sich der alte Widder auf. »Es wäre gewiß besser für euch, im stärksten Sturm umherzufliegen, als hierzubleiben. Aber jetzt sollt ihr euch doch nicht wieder auf den Weg machen, ehe wir euch mit dem besten, was das Haus vermag, bewirtet haben.«

Er führte sie zu einer mit Wasser gefüllten Vertiefung im Boden. Dicht daneben lag ein Haufen Spreu und Häcksel, und er bat die Gänse, es sich gut schmecken zu lassen. »Wir haben einen sehr strengen Schneewinter gehabt,« sagte er. »Die Bauern, denen wir gehören, brachten uns Heu und Haferstroh, damit wir nicht verhungerten. Und dieser Haufen ist alles, was noch davon übrig ist.«

Die Gänse machten sich eifrig über das Futter her. Sie fanden, daß sie es herrlich getroffen hätten, und waren in allerbester Laune. Sie sahen ja wohl, daß die Schafe voller Angst waren; aber da sie wußten, wie leicht Schafe sich erschrecken lassen, glaubten sie nicht, daß es sich um eine wirkliche Gefahr handeln könne. Sobald sie satt waren, dachten sie darum auch an nichts andres, als sich nun an einem guten Schlafe zu erfreuen. Aber da richtete sich der große Widder abermals auf und kam auf sie zu. Die Gänse meinten, noch nie ein Schaf mit so langen, starken Hörnern gesehen zu haben. Und auch sonst sah der Widder merkwürdig aus. Er hatte eine große, knochige Stirn, kluge Augen und eine vornehme Haltung, wie ein recht stolzes, mutiges Tier.

»Ich kann die Verantwortung nicht übernehmen, euch hier schlafen zu lassen, ohne euch zu sagen, daß es hier durchaus nicht sicher ist,« sagte er. »Wir können für den Augenblick keine Logierbesuche bei uns aufnehmen.«

Jetzt erst merkte Akka, daß dies Ernst war. »Wenn ihr es durchaus wünscht, so werden wir uns entfernen,« sagte sie. »Aber wollt ihr uns nicht vorher sagen, was euch bekümmert? Wir wissen nichts, ja wir wissen nicht einmal, wohin wir geraten sind.«

»Dies ist die Kleine Karlsinsel,« erwiderte der Widder. »Sie liegt westlich vor Gotland, und es wohnen nur Schafe und Meeresvögel hier.«

»Vielleicht seid ihr wilde Schafe?« fragte Akka.

»Ja, man könnte uns beinahe so nennen,« antwortete der Widder. »Mit den Menschen haben wir eigentlich nichts zu tun. Es besteht ein altes Übereinkommen zwischen uns und den Bauern eines Hofes auf Gotland; demgemäß müssen uns diese in bösen Schneewintern mit Futter versehen, und dafür dürfen sie die Überzähligen von uns mitnehmen. Die Insel ist so klein, daß sie nur eine begrenzte Anzahl von uns ernähren kann. Aber sonst versorgen wir uns das ganze Jahr hindurch selbst, und wir wohnen in keinen Häusern mit Türen und Riegeln, sondern halten uns in solchen Höhlen wie diese hier auf.«

»Was! Bleibt ihr auch im Winter draußen?« fragte Akka verwundert.

»Jawohl,« antwortete der Widder. »Es gibt das ganze Jahr hindurch Futter genug hier.«

»Das klingt ja fast, als hättet ihr es besser als andre Schafe,« sagte Akka. »Aber was ist das nun für ein Unglück, das euch betroffen hat?«

»Im vergangenen Winter,« sagte der Widder, »war es so bitter kalt, daß das Meer zufror. Da kamen drei Füchse übers Eis herüber, und sie sind seitdem hier geblieben. Außer ihnen ist auf der ganzen Insel nicht ein einziges lebensgefährliches Tier.«

»Wie, wagen es die Füchse, solche Tiere, wie ihr seid, anzugreifen?«

»O nein, bei Tage nicht, da kann ich mich und die Meinigen wohl verteidigen,« sagte der Widder und schüttelte seine Hörner. »Aber bei Nacht, wenn wir in der Höhle schlafen, da schleichen sie heran und überfallen uns. Wir geben uns zwar alle Mühe, wach zu bleiben, aber einmal muß man ja schlafen, und das benutzen sie. In den benachbarten Behausungen haben sie schon alle Schafe getötet, und es waren Herden darunter, die ebenso groß waren wie die meinige.«

»Es ist nicht angenehm, eingestehen zu müssen, daß wir so hilflos sind,« sagte jetzt das alte Mutterschaf, »und es wäre viel besser für uns, wenn wir zahme Schafe wären.«

»Meint ihr, die Füchse werden auch heute nacht kommen?« fragte Akka.

»Es ist nicht anders zu erwarten,« antwortete das Mutterschaf. »Gestern nacht sind sie hier gewesen und haben uns ein Lamm gestohlen, und sie werden nicht ausbleiben, so lange noch eins von uns am Leben ist. So haben sie es bei den andern Herden auch gemacht.«

»Aber wenn die wenigen, die übrig geblieben sind, noch länger hierbleiben, dann sterbet ihr ja vollständig aus,« sagte Akka.

»Ja, es wird nicht mehr lange dauern, bis es keine Schafe mehr auf der Kleinen Karlsinsel gibt,« seufzte das Mutterschaf.

Sehr unschlüssig stand Akka da. Wieder im Sturm umherzufliegen, war kein Vergnügen, aber in einem Haus zu bleiben, wo solche Gäste erwartet wurden, war auch nicht gut. Nachdem sie eine Weile überlegt hatte, wendete sie sich an Däumling. »Sag, möchtest du uns diesmal nicht auch helfen, wie schon so oft?« fragte sie ihn.

»Jawohl,« erwiderte der Junge, »recht gern.«

»Du tust mir zwar leid, wenn du nicht schlafen darfst,« fuhr Akka fort, »aber trotzdem möchte ich dich bitten, heute zu wachen und uns zu wecken, wenn du die Füchse kommen siehst, damit wir wegfliegen können.«

Der Junge versprach, es zu tun. Er wußte ja, daß die andern müder waren als er und also auch mehr Recht zum Schlafen hatten.

Er trat an die Öffnung der Höhle, kroch hier zum Schutz vor dem Sturm unter einen Stein und begann seine Wache. Allmählich klärte sich der Himmel auf, und der Mondschein spielte auf den Wogen. Der Junge trat unter den Höhleneingang und schaute hinaus. Die Höhle befand sich ziemlich hoch an der Felsenwand, und nur ein schrecklich steiler Weg führte zu ihr herauf. Auf diesem würden die Füchse wohl daherkommen.

Füchse sah er nun zwar noch keine, dafür aber etwas andres, das ihm im ersten Augenblick großen Schrecken einjagte. Unterhalb des Berges auf dem schmalen Streifen Land am Ufer hin standen einige Riesen oder andre steinerne Ungeheuer. Oder vielleicht waren es auch Menschen. Zuerst glaubte er, er träume, dann aber war er ganz sicher, daß er noch nicht geschlafen habe. Er sah die großen Männer ganz deutlich, es konnte keine Gesichtstäuschung sein. Einige standen draußen am Ufer, die andern aber ganz dicht am Berge, als ob sie hinaufklettern wollten. Die einen hatten große, dicke Köpfe, andre wieder gar keine. Die einen waren einarmig, und einige hatten hinten und vorne große Höcker.

So etwas Sonderbares hatte der Junge noch nie gesehen; er stand da droben und fürchtete sich so schrecklich vor den Ungeheuern, daß er beinahe vergessen hätte, auf die Füchse aufzupassen. Jetzt aber hörte er eine Klaue auf einem Stein kratzen, und er sah drei Füchse den Abhang heraufkommen. Sobald der Junge wußte, daß er es mit etwas Wirklichem zu tun hatte, beruhigte er sich vollständig und fühlte keine Spur von Angst mehr. Dann dachte er, es wäre doch recht schade, wenn er jetzt nur die Gänse weckte, die Schafe aber ihrem Schicksal überließe, und er wollte es lieber anders machen.

Eilig lief er in die Höhle hinein, weckte den großen Widder, indem er ihn an den Hörnern schüttelte und sich zugleich auf dessen Rücken schwang. »Steh auf, Alter, dann wollen wir den Füchsen einen gelinden Schrecken einjagen!« flüsterte er.

Er hatte versucht, so still wie möglich zu sein, aber die Füchse hatten doch ein Geräusch gehört. Als sie den Höhleneingang erreicht hatten, hielten sie an und überlegten. Ganz bestimmt hatte sich eines von den Schafen bewegt. »Ich möchte wohl wissen, ob sie wach sind?« sagte der eine Fuchs.

»Ach, geh nur hinein,« sagte einer von den andern. »Sie können uns jedenfalls nichts tun.«

Als sie tiefer in die Höhle hineingekommen waren, blieben sie stehen und witterten. »Wen wollen wir heute nehmen?« flüsterte der vorderste.

»Heute nehmen wir den großen Widder,« zischelte der hinterste. »Dann haben wir mit den andern leichte Arbeit.«

Der Junge saß auf dem Rücken des alten Widders und sah, wie die Füchse sich heranschlichen. »Stoß nur gerade aus!« flüsterte er. Der Widder stieß zu, und der erste Fuchs wurde Hals über Kopf an den Eingang zurückgeschleudert. »Stoß jetzt nach links!« sagte der Junge und drehte den großen Kopf des Widders in die richtige Lage. Der Widder führte einen gewaltigen Stoß nach links, der den zweiten Fuchs in die Seite traf. Dieser überkugelte sich mehrere Male, ehe er wieder auf die Beine kam und fliehen konnte. Dem Jungen wäre es am liebsten gewesen, wenn der dritte auch noch einen Denkzettel bekommen hätte, aber dieser war schon auf und davon.

»Jetzt werden sie für heute nacht genug haben!« rief der Junge.

»Das glaube ich auch,« sagte der Widder. »Lege dich nun auf meinen Rücken und krieche in die Wolle hinein. Nach dem Sturm, in dem du heute draußen gewesen bist, hast du ein warmes Lager wohl verdient.«

Das Höllenloch

Samstag, 9. April

Am nächsten Tage wanderte der Widder mit dem Jungen auf dem Rücken auf der Insel umher. Diese bestand aus einem einzigen großen Felsen. Sie war wie ein großes Haus mit senkrechten Mauern und einem Plattdach. Der Widder ging zuerst auf das Felsendach hinauf und zeigte dem Jungen die guten Weideplätze, die da oben waren, und dem Jungen kam die Insel gerade wie für Schafe geschaffen vor. Auf dem Berge wuchs nicht viel weiter als Schafschwingel und andre kleine, dürre, gewürzige Kräuter, die Schafe gern fressen.

Aber wer glücklich den jähen Abhang hinaufgekommen war, für den gab es da oben wahrlich auch noch andres zu sehen als nur Schafweiden. Da war zuerst das weite, weite Meer, das jetzt im Sonnenglanz herrlich blau leuchtete und mit schimmernden Wellen daherrollte. Nur an einzelnen Klippenvorsprüngen schäumte es weiß auf. Geradeaus gegen Osten lag die gleichmäßige, langgestreckte Küste von Gotland, und im Südwesten die Große Karlsinsel, die dieselbe Formation zeigte wie die Kleine Karlsinsel. Als der Widder ganz an den Rand der Felsenkuppe trat, so daß der Junge die Bergwand hinunterschauen konnte, sah er, daß sie voller Vogelnester war, und in der blauen Flut unten lagen in friedlicher Vereinigung die verschiedensten Arten von Möwen, Eidervögeln und Lummen und Alken, die eifrig Strömlinge fischten.

»Dies ist wirklich ein gelobtes Land,« sagte der Junge. »Ihr habt es wahrlich gut, ihr Schafe.«

»Jawohl, es ist schön hier,« sagte der Widder. Es war, als wollte er noch etwas hinzufügen, sagte aber doch nichts, sondern seufzte nur. »Aber wenn du allein hier umhergehst,« fuhr er nach einer Weile fort, »dann nimm dich ja vor allen den Spalten in acht, die über den Berg hinlaufen.« Und das war eine gute Warnung, denn an mehreren Stellen waren tiefe und breite Felsenrisse. Die größte von diesen Spalten heiße das Höllenloch, sagte der Widder, es sei mehrere Meter tief und mehr als einen Meter breit. »Wenn einer da hinunterfiele, dann wäre es aus mit ihm,« fügte der Widder noch hinzu, und dem Jungen kam es vor, als habe er dies mit einer besondern Absicht gesagt.

Nun führte er den Jungen an den Strand hinunter. Da bekam er denn auch die Riesen, die ihn in der Nacht erschreckt hatten, in der Nähe zu sehen. Es waren große Felsengebilde; der Widder nannte sie »Raukar«, und der Junge konnte sich nicht satt daran sehen. Er meinte, wenn es wirklich in Steine verwandelte Zauberer gäbe, müßten sie so aussehen.

Obgleich es unten am Strande auch recht schön war, gefiel es dem Jungen doch noch besser oben auf der Felsenhöhe. Es war ihm unheimlich da unten, weil überall tote Schafe lagen, denn hier pflegten die Füchse ihre Mahlzeiten zu halten. Der Widder und der Junge sahen vollständig abgenagte Skelette, aber auch Körper, die nur halb abgefressen waren, und wieder andre, die die Füchse ganz unversehrt gelassen hatten. Mit Grausen sahen sie, daß die wilden Tiere nur zu ihrem Vergnügen über die Schafe herfielen, nur um zu jagen und zu morden.

Der Widder hielt nicht bei den Toten an, sondern ging still an ihnen vorbei. Aber selbstverständlich sah der Junge die ganze Abscheulichkeit; er konnte nicht anders.

Jetzt stieg der Widder wieder den Berg hinauf; als er aber oben angekommen war, blieb er stehen und sagte: »Wenn jemand, der klug und tüchtig wäre, all dieses Elend hier zu sehen bekäme, dann würde er gewiß nicht ruhen, bis die Füchse ihre gerechte Strafe bekommen hätten.«

»Die Füchse müssen aber doch auch leben,« sagte der Junge.

»Jawohl,« erwiderte der Widder. »Und wer nicht mehr Tiere tötet, als er zu seinem Unterhalt bedarf, der darf wohl am Leben bleiben. Diese hier aber sind Übeltäter!«

»Die Bauern, denen die Insel gehört, müßten kommen und euch helfen,« meinte der Junge.

»Sie sind auch schon mehrere Male hier gewesen,« sagte der Widder, »aber die Füchse versteckten sich in Höhlen und Felsenspalten, wo man nicht auf sie schießen konnte.«

»Ach, mein guter Alter, Ihr glaubt doch wohl nicht, daß so ein armer kleiner Wicht wie ich mit ihnen fertig werden könnte, nachdem weder ihr noch die Bauern sie haben überwältigen können?« sagte der Junge.

»Wer klein und pfiffig ist, kann vieles ausrichten,« antwortete der Widder.

Sie sprachen jetzt nicht weiter von dieser Sache, und der Junge begab sich zu den Wildgänsen, die auf dem Berggipfel weideten. Obgleich er es dem Widder nicht hatte zeigen wollen, war er doch sehr betrübt über das Schicksal der Schafe, und er hätte ihnen gar zu gern geholfen. »Ich will jedenfalls mit Akka und dem Gänserich Martin darüber reden,« dachte er. »Vielleicht können sie mir einen guten Rat geben.«

Etwas später nahm der weiße Gänserich den Jungen auf den Rücken und wanderte mit ihm über den Felsengipfel nach dem Höllenloch. Ganz sorglos lief er über die offne Berghöhe hin und schien gar nicht daran zu denken, wie weiß und groß er war. Er suchte sich nicht hinter Erdhaufen oder andern Erhöhungen zu verstecken, sondern ging ruhig seines Weges weiter. Es war merkwürdig, daß er nicht ein bißchen vorsichtig war, denn es schien ihm während des gestrigen Sturmes gar schlecht gegangen zu sein. Er hinkte mit dem rechten Bein, und der linke Flügel schleifte am Boden, als ob er gebrochen wäre.

Er wanderte umher, als sei durchaus keine Gefahr zu befürchten, biß da und dort einen Grashalm ab und sah sich gar nicht um. Der Junge lag auf dem Gänserücken ausgestreckt und schaute zum blauen Himmel empor. Er war das Reiten jetzt so gewohnt, daß er auf dem Gänserücken stehen und liegen konnte.

Da der Gänserich und der Junge so sorglos waren, bemerkten sie natürlich die drei Füchse nicht, die jetzt auf dem Berggipfel auftauchten. Und die Füchse, die wohl wußten, daß es beinahe unmöglich ist, einer Gans auf offnem Felde beizukommen, dachten im ersten Augenblick gar nicht daran, auf sie Jagd zu machen. Da sie aber nichts andres zu tun hatten, sprangen sie schließlich in eine der langen Felsenspalten hinein und versuchten, sich an die Gans heranzuschleichen. Sie gingen dabei so vorsichtig zu Werk, daß der Gänserich auch nicht einen Schein von ihnen sehen konnte.

Als sie nicht mehr weit von dem Gänserich entfernt waren, machte dieser einen Versuch, aufzufliegen. Er schlug mit den Flügeln, aber es gelang ihm nicht, vom Boden wegzukommen. Daraus folgerten die Füchse, der Gänserich könne nicht fliegen, und sie eilten rascher vorwärts. Sie hielten sich nicht mehr in der Kluft versteckt, sondern liefen auf die Hochebene hinaus. Hier verbargen sie sich, so gut sie konnten, hinter Erdhaufen und Felsstücken und kamen so immer näher zu dem Gänserich hin, ohne daß dieser merkte, daß Jagd auf ihn gemacht wurde. Schließlich waren sie ihm ganz nahe, jetzt konnten sie den Sprung wagen, und mit einem großen Satz warfen sie sich alle drei zugleich auf ihn.

Im letzten Augenblick mußte der Gänserich aber doch etwas gemerkt haben, denn er sprang rasch zur Seite, und die Füchse verfehlten ihn. Aber das war nicht von großer Bedeutung, denn der Gänserich hatte nur ein paar Meter Vorsprung, und dazu war er lahm. Der Ärmste lief zwar, was er konnte, und Gänse können ja ungeheuer schnell laufen, selbst einem Fuchs kann es schwer fallen, sie zu fangen.

Der Junge saß rücklings auf dem Gänserücken und rief und schrie den Füchsen zu: »Ihr habt euch am Schaffleisch zu fett gefressen, ihr Füchse, ihr könnt ja nicht einmal eine Gans fangen!« Er reizte und ärgerte sie; das machte sie ganz toll und hitzig, und sie rannten jetzt sinnlos vorwärts.

Der weiße Gänserich aber lief geradeswegs auf die große Kluft zu. Als er sie erreicht hatte, schlug er mit den Flügeln, und drüben war er! Gerade da hatten ihn die Füchse eingeholt.

Der Gänserich lief, nachdem er über das Höllenloch hinübergekommen war, ebenso schnell vorwärts wie vorher. Doch kaum war er einige Meter weiter gelaufen, als der Junge ihm auf den Hals klopfte und sagte: »Jetzt kannst du anhalten, Gänserich!«

In diesem Augenblick hörten sie hinter sich ein paar wilde Schreie, ein Kratzen von Krallen und das Aufschlagen von mehreren Körpern. Aber von den Füchsen sahen sie nichts mehr.

Am nächsten Morgen fand der Leuchtturmwächter auf der Großen Karlsinsel ein Stück Rinde unter seiner Haustür, auf dem mit krummen, eckigen Buchstaben geschrieben stand: »Die Füchse auf der kleinen Insel sind in das Höllenloch gefallen. Mach, daß du hinkommst!«

Und das tat der Leuchtturmwächter auch.

14

Zwei Städte

Die Stadt auf dem Meeresgrunde

Samstag, 9. April

Es war eine stille, klare Nacht. Die Wildgänse brauchten nicht in einer der Höhlen Schutz zu suchen; sie schliefen oben auf dem Felsengipfel, und der Junge hatte sich neben den Gänsen auf dem kurzen, trockenen Grase ausgestreckt.

Der Mond schien hell in jener Nacht, so hell, daß der Junge lange nicht einschlafen konnte. Er besann sich, wie lange er nun schon von Hause fort war, und als er nachrechnete, waren seit dem Beginn seiner Reise gerade drei Wochen verflossen. Und da fiel ihm ein, daß heute der stille Sonnabend vor Ostern war.

»Heute nacht sind alle Hexen vom Blocksberg unterwegs,« dachte er und kicherte ein wenig. Vor dem Nöck und dem Wichtelmännchen fürchtete er sich wohl ein wenig, aber an die Hexen glaubte er ganz und gar nicht.

»Wenn in dieser Nacht das Hexenpack unterwegs wäre, dann müßte ich es doch sehen. Bei so vollständig hellem und klarem Himmel könnte sich nicht der kleinste Punkt durch die Luft bewegen, ohne daß ich ihn wahrnähme,« dachte er weiter.

Während er nun zum Himmel aufschaute und an alles dies dachte, wurde ihm ein sehr schöner Anblick zuteil. Ziemlich hoch über dem Horizont segelte der Vollmond rund und hell dahin, und über ihn hin flog ein großer Vogel. Er flog nicht am Mond vorüber, sondern tauchte so auf, als flöge er gerade aus ihm heraus. Ganz schwarz hob sich der Vogel von dem hellen Hintergrunde ab, und seine Schwingen reichten von dem einen Rand der Mondscheibe bis zum andern. Sein Körper war klein, der Hals lang und schmal, die Beine hingen lang und dünn herab, und der Junge erkannte bald, daß es ein Storch sein mußte.

Ein paar Augenblicke später ließ sich auch wirklich der Storch, Herr Ermenrich, neben dem Jungen nieder. Er neigte sich über ihn und stieß ihn mit dem Schnabel an, um ihn zu wecken.

Der Junge setzte sich sogleich auf. »Ich schlafe nicht, Herr Ermenrich,« sagte er. »Aber warum sind Sie mitten in der Nacht unterwegs, und wie steht es auf Glimmingehaus? Wollen Sie mit Mutter Akka sprechen?«

»Die Nacht ist zu hell zum Schlafen,« antwortete Herr Ermenrich. »Ich bin daher über die Karlsinsel geflogen, um dich, meinen Freund Däumling, zu besuchen, denn ich habe von einer Fischmöwe gehört, du seiest heute nacht hier. Nach Glimmingehaus bin ich noch nicht gezogen, sondern wohne noch in Pommern.«

Der Junge freute sich über die Maßen, daß Herr Ermenrich ihn aufgesucht hatte. Sie plauderten eine Weile über alles mögliche wie alte Freunde. Plötzlich fragte der Storch den Jungen, ob er nicht Lust hätte, in dieser schönen Nacht einen Ausflug zu machen?

Doch, das wollte der Junge von Herzen gern, wenn der Storch ihn nur bis zum Sonnenaufgang wieder zu den Gänsen zurückbringen wolle. Herr Ermenrich versprach es, und sogleich ging es auf die Reise.

Wieder flog Herr Ermenrich geraden Weges auf den Mond zu. Höher und höher ging es hinauf, das Meer versank unter ihnen; aber sie schwebten gar leicht dahin, es war fast, als lägen sie ganz still.

Als Herr Ermenrich sich auf die Erde hinabsinken ließ und anhielt, war es dem Jungen, als sei erst eine unbegreiflich kurze Zeit vergangen; und doch hatte der Storch einen ganz bedeutenden Weg zurückgelegt, denn in demselben Augenblick, wo er den Jungen auf die Erde setzte, sagte er: »Dies ist Pommern. Jetzt bist du in Deutschland, Däumling.« Der Junge war über die Nachricht, daß er sich in einem fremden Lande befinde, ganz verdutzt. Das hätte er nie gedacht. Schnell sah er sich um. Er stand auf einem einsamen, mit weichem, feinem Sand bedeckten Meeresstrand. Auf der Landseite lief eine lange Reihe oben mit Strandhafer bewachsener Dünenhügel hin, die zwar nicht sehr hoch waren, dem Jungen aber die Aussicht ins Land hinein vollständig versperrten.

Herr Ermenrich stieg auf einen Sandhügel hinauf, zog das eine Bein in die Höhe und legte den Hals zurück, um den Schnabel unter die Flügel zu stecken. »Während ich mich ausruhe, kannst du eine Weile am Strande umherwandern,« sagte er zu Däumling. »Aber verlaufe dich nicht, damit du mich wiederfinden kannst.«

Der Junge wollte zuerst einen der Dünenhügel erklettern, um zu sehen, wie das Land dahinter aussehe. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht, als er mit der Spitze seines Holzschuhs an etwas Hartes stieß. Er bückte sich, und da sah er auf dem Sande eine kleine von Grünspan durch und durch zerfressene dünne Kupfermünze. Sie war so schlecht, daß sie ihn nicht einmal des Aufhebens wert deuchte, und er schleuderte sie mit dem Fuße weg.

Aber als sich der Junge wieder aufrichtete, wie grenzenlos überrascht war er da! Keine zwei Schritte vor ihm erhob sich eine dunkle Mauer mit einem großen turmgekrönten Tor.

Vor einem Augenblick, als er sich nach der Münze bückte, hatte sich das Meer noch glänzend und glitzernd vor ihm ausgebreitet, jetzt aber war es durch eine lange Mauer mit Zinnen und Türmen verdeckt. Und gerade vor dem Jungen, wo vorher nur einige Tangbänke gewesen waren, öffnete sich das große Tor in der Mauer.

Der Junge war sich ganz klar darüber, daß dies eine Art Geisterspuk sein mußte. Aber er dachte, davor brauche er sich wahrlich nicht zu fürchten. Was er sah, war ja gar nicht unheimlich oder grauenhaft. Die Mauern und Türme waren prächtig gebaut, und jetzt regte sich auch gleich der Wunsch in ihm, zu sehen, was dahinter sei. »Ich muß untersuchen, was das ist,« dachte er, und damit ging er durchs Tor.

Unter dem kleinen Torgewölbe saßen in bunten, gepufften Anzügen, langstielige Streitäxte neben sich, die Wächter und spielten Würfel. Sie waren ganz in ihr Spiel vertieft und gaben nicht auf den Jungen acht, der hastig an ihnen vorbeieilte.

Dicht am Tor war ein freier, mit glatten Steinfliesen gepflasterter Platz. Ringsum standen hohe, prachtvolle Häuser, und zwischen diesen öffneten sich lange, schmale Straßen.

Auf dem Platz vor dem Tor wimmelte es von Menschen. Die Männer trugen lange, pelzverbrämte Mäntel über seidenen Unterkleidern, federngeschmückte Barette saßen ihnen schräg auf dem Scheitel, und über die Brust herunter hingen ihnen wunderschöne Ketten. Alle waren herrlich gekleidet, es hätten lauter Fürsten sein können.

Die Frauen trugen spitze Hauben und lange Gewänder mit engen Ärmeln. Sie waren auch prächtig geschmückt, aber ihr Staat konnte sich bei weitem nicht mit dem der Männer messen.

Dies alles glich ja ganz den Bildern in dem alten Märchenbuch, das Mutter ab und zu einmal aus ihrer Truhe holte und ihm zeigte. Der Junge wollte seinen Augen nicht trauen.

Aber noch viel merkwürdiger als die Männer und die Frauen war die Stadt selbst. Jedes Haus hatte einen Giebel nach der Straße zu, und diese Giebel waren so reich verziert, daß man hätte glauben können, sie wollten miteinander wetteifern, welcher von ihnen am schönsten geschmückt sei.