Worauf freuen wir uns jetzt? Fröhliche Geschichten
Part 5
„Man könnte es mit dem Verwässern der Aktienmuskelbündel und der Obligationenfettpolster versuchen“, sagte der Spezialist und liquidierte wieder hunderttausend Dollar.
Morgan wässerte und wässerte, wurde aber dadurch nur noch reicher, ohne seine Nerven zu verlieren. Ein Heer von Spezialisten kurierte dran herum. Natürlich wurden da die Nerven ungebärdig und gereizt. Sie bäumten sich und dehnten sich und schnurrten wieder zusammen und zupften und rissen ihn an allen Enden.
Nicht mehr zu ertragen war es. Zwischen seinen Milliarden rannte er herum. An ihren stahlharten Wänden brach sich sein Gestöhne und klatschte mitleidlos auf ihn zurück.
Zerfasert und zersetzt rannte Morgan von den Spezialisten zum Schäfer Ast. Der behandelte ihn genau wie alle andern: drei Nackenhaare ausgerissen, ins Weiße der Augen gestarrt und abermals drei Nackenhaare ausgerissen.
„Es war die höchste Zeit,“ sagte der Schäfer Ast, „denn Sie hatten gerade noch sechs Nackenhaare.“ Und dann stellte er die Diagnose:
„Sie leiden an Ihren Milliarden, Herr Morgan“, sagte er.
„Sie meinen an den Nerven?“
„Ihre Nerven sind wie Spargeln aus dem Miste Ihrer Milliarden herausgewachsen,“ sagte Schäfer Ast, der sich landwirtschaftlich auszudrücken liebte, „schmeißen Sie den Mist hinaus, so hören auch die Spargeln auf zu treiben.“
„Sie können mit dem Misten meinetwegen gleich bei mir den Anfang machen“, setzte er hinzu und rollte einen leeren Mistkarren herbei.
Mit der lumpigen Million, die da hineinging, war es freilich nicht getan. Morgan fing nach allen Seiten auszumisten an. Aber wie er auch verschenkte und verschenkte, noch größer war der Zustrom seiner Dividenden. Er war zu reich geworden, als daß er sich mit Schenken hätte helfen können. Immer unbarmherziger schossen Spargel durch die Beete, zappelten die Nerven am Gerüste, so sich Morgan nannte.
Morgan floh aus Kontor und Börse weit hinaus ins Land. Gleich schoß ihm ein dünner Kupfernerv nach, der tickte, tickte: der Telegraph.
Morgan floh aufs Meer. Erschöpft lehnte er am Mast und murmelte:
„Gott sei Dank, daß in die Ozeanwüste keine Nervendrähte reichen.“
„Tick -- tick -- tick“, machte es oben am Mast und rann in den zuckenden Körper Morgans ein. Es war der Auffangapparat für drahtlose Telegraphie.
Morgan floh unerkannt in die telegraphenlosen Sabiner Berge. Das Leben eines Hirten wollte er da führen. Aber unter seinen Händen organisierte sich sein Schafgewerbe lukrativer, als bei allen anderen Hirten. Daran erkannten sie ihn auch da und riefen:
„Du bist Morgan“, und begannen ihn anzubetteln.
Da erkannte er, daß er sich selber nicht entrinnen könne und floh, ein zuckendes, zerflackerndes Nervenbündel, in die nächste Stadt. Das war Rom.
Seine Leute wollten das erste Hotel für ihn mieten. Aber es war ein Kongreß in der Stadt. Alle Gasthöfe waren überfüllt. In zwei Zimmern eines kleinen Gasthofes landete der Abgehetzte. Fieberschauer warfen ihn ins Bett. Der Hausarzt sah, es ging aufs Ende.
Die Nervenempfindlichkeit hatte derart zugenommen, daß ein umgewendetes Blatt in seinem Buche ihn zum Rasen brachte.
Gegenüber klopfte ein Schuster und sang dazu. Morgan schäumte. „Aufhören, auf der Stelle!“ ließ er ihm sagen. „In Rom gibt’s gegen Klopfen und Singen kein Gesetz“, erwiderte der Schuster und sang und klopfte weiter.
Morgan ließ ihm 1000 Dollar bieten. Der Schuster lachte und machte Fenster und Laden zu. Aber Morgans Nerven wuchsen durch Ladenritzen und durch Glas und hörten den Schuster immer noch.
10000 Dollar bot er ihm, wenn er das Klopfen ließe. Der Schuster lachte und hörte auf zu klopfen. Aber noch immer sang er.
„Was verlangst du für deinen verfluchten Gesang?“ ließ Morgan sagen.
„Der Gesang ist mir das teuerste“, antwortete der Schuster und verlangte 100000 Dollar.
Als der Schuster so erledigt war, fingen Straßenbuben zu pfeifen an. Zwei Abgesandte Morgans stellten sich an beiden Straßenenden auf und kauften jedem, der den Mund zu spitzen anfing, jeden Pfiff für schweres Geld ab.
Als so die Straße pfiffefrei war, kamen die Zeitungen heraus. Brüllend stürzten sich die Zeitungsjungen in die Straße. Wieder blieb nichts anderes übrig, als ihnen alle Nummern schon am Straßeneingang abzukaufen. Das war nicht so billig als es aussieht. Denn kaum hatten die Druckereien erfahren, wer die Nummern kaufte, als sie ihre Rotationsmaschinen aufs neue laufen ließen und die herausgeschleuderten Zeitungsbündel alle nach der einen Straße schickten. Es begann ein Kampf zwischen den Rotationspressen und Morgans Geld. Das Geld blieb Sieger.
Schon glaubten Morgans Leute ihren Kampf gewonnen, als es über den Zimmern zu dudeln und zu schleifen anfing. Ein Strohflechter feierte seine Hochzeit. Braut und Bräutigam hatten ein Jahrzehnt für diesen Tag gespart und wollten sich den Tanz, das Essen und die frohe Laune etwas kosten lassen.
Morgans Bote kam heraufgestürzt: „Unser Herr ist außer sich. Ich kaufe euch eure Hochzeit ab. Was kostet sie?“
Der Strohflechter und die Strohflechterin sahen sich an und lächelten glücklich:
„Nein,“ sagten sie, „unser Hochzeitstag ist nicht verkäuflich.“
„Aber bedenkt doch, es ist Morgan, der eure Hochzeit kaufen will.“
„Wir kennen keinen Morgan.“
„Was, den kennt ihr nicht? Er ist der reichste Mann der Welt!“
Da sah der Strohflechter die Strohflechterin zum zweitenmal glückselig an: „Der reichste Mann der Welt?“ lächelte er ungläubig, „nein, mein Lieber, da irrt ihr euch, beim Blut der heiligen Madonna. Denn der reichste Mann der Welt bin heute ich -- hopp, Kinder, einen neuen Tanz!“
„Deine Millionen haben da droben nichts ausrichten können, o Herr“, berichteten Morgans Leute ängstlich vor seinem Bett.
Da ergrimmte das zuckende Nervenbündel, raffte sich zum letzten Male auf und warf ihnen Armleuchter, Uhren, Stühle, Stiefel an den Kopf. Und so gräßlich war er anzuschauen in seiner unglückseligen Tobsucht, daß sie sich entsetzten und flohen. Der wimmernde Milliardär lag allein im Bett.
Der kleine Laufjunge, der auch die Stiefel im Gasthof reinigte, war zur Hochzeit hinaufgeschlichen, stieß die tanzende Braut an und flüsterte ihr zu:
„Du, Maria, unter deinen Füßen liegt einer im Sterben...“
Die Musik hatte schon lange ausgesetzt. Kein neuer Tanz konnte beginnen. Es fehlte ja die Braut. Wo sie nur blieb.
Unruhig stieg der Strohflechter eine Treppe tiefer. Da war eine Tür. Klang hinter ihr nicht ihre Stimme? Vorsichtig klinkte er sie auf:
Ein unsäglich zermürbter Mann lag in den Kissen im Sterben. Die Strohflechterin kniete im Hochzeitsstaat am Bett, wie Mütter an Kinderbetten knien. Sie gab ihm zu trinken. Sie kühlte ihm mit ihrer Hand die verwüstete Stirne. Sie sprach ihm zu, wie man Kindern liebreich zuspricht:
„_Povero -- poverino -- poverissimo..._“
Und der sterbende Milliardär stammelte, wie Gehetzte stammeln:
„_Oh, thank you -- thank you -- I’ll get you a million I’ll get you more_ -- eine Million sollen Sie haben -- mehr sollen Sie haben -- _thank you -- oh, I thank you so much..._“
Nun verstand freilich Morgan kein Italienisch, und die Strohflechterin verstand kein Englisch. So zerstäubte das Millionenversprechen in der Luft des Sterbezimmers.
Übrig blieb von allen Millionen ein gütiges und kostenloses „_Povero -- poverino -- poverissimo_“ zwischen zwei Hochzeitstänzen einer Strohflechterin, und der befreite Dankblick eines zerquälten Milliardärs, der in seiner Sterbestunde das einzige ~geschenkt~ bekam, was er nimmermehr bezahlen hätte können.
Tag- und Nachtärger
Da hatte ich mich wieder einmal schandbar geärgert wegen irgendwas.
„Sie sollten sich doch nicht so ärgern am hellichten Tage“, sagte jemand.
„Am hellichten Tage?“ sagte ich verwundert und ärgerlich zugleich, „wissen Sie vielleicht ein Mittel, um den Ärger aus dem wachen Tag in die dunkle Nacht zu schieben?“
„Ich nicht, aber der Doktor Switschbidiwitsch weiß eines.“
Stracks lief ich zum Doktor Switschbidiwitsch.
„Ist es wahr?“ sagte ich, „daß Sie den Tagärger in die schlafende Nacht hineinzaubern können?“
„Gewiß kann ich das.“
„Dann bitte ich darum.“
„Hm, von welchem Tagärger werden Sie geplagt?“
„Es kommt hie und da ein Manuskript von einer Redaktion zurück.“
„Sonst nichts?“
„Es regnet stets in meinen Ferien.“
„Sonst nichts?“
„Meine Frau ist manchmal anderer Meinung.“
„Sonst nichts?“
„Und hat dazu noch meistens recht.“
„Hm, das letzte läßt sich hören -- aber ich mache Sie darauf aufmerksam, ich kann den Ärger nicht verschwinden lassen -- das kann niemand -- nur in den Schlaf abschieben.“
„Im Schlaf ertrage ich den Ärger gern, wenn nur der Tag von Ärger frei ist.“
„Und ferner möchte ich bemerken, daß sich der in die Nacht geschobene Tagärger zu wandeln pflegt, alle möglichen bizarren Gestalten annimmt.“
„Was liegt daran. Geträumter Ärger kann beschaffen sein wie er mag, wenn ich nur den Tag vom wirklichen Ärger frei bekomme.“
„Hm, was den Unterschied von Traum und Wirklichkeit betrifft --“
„Zur Sache, Herr Doktor, ich spüre schon wieder einen Ärger unterwegs.“
„Nun, wie Sie wollen -- switsch -- bi -- di -- witsch -- switsch -- bi -- di -- witsch -- zwanzig Märker, wenn ich bitten darf.“
Bei „Switschbidiwitsch“ hatte er ein paar magnetische Bewegungen meinen Schläfen entlang gemacht, und bei den „zwanzig Märkern“ verwandelte er die vertikale Handbewegung in eine horizontale.
„Wie, schon fertig?“ fragte ich, die Börse ziehend.
„Wenn Sie im Laufe der nächsten vierzehn Tage den geringsten Ärger empfinden,“ sagte Doktor Switschbidiwitsch ein wenig beleidigt, „zahle ich Ihnen vierzig Mark zurück -- freilich, was die Nacht betrifft...“
Doktor Switschbidiwitsch hatte nicht gelogen. Noch am gleichen Tage liefen mir soviel Dinge über den Weg, über die ich mich sonst totsicher geärgert hätte. Jetzt wunderte ich mich bloß ein wenig. Wunderte mich, wenn ich dreimal hintereinander den Straßenbahnanschluß verpaßte. Wunderte mich, als ich auf drei unter vier angekommenen Briefen schweres Strafporto zu zahlen hatte. Wunderte mich stärker, als meine Frau bei drei hintereinander aufgetretenen Meinungsverschiedenheiten viermal recht bekam. Und wunderte mich schließlich am stärksten darüber, daß ich mich über alle diese Dinge lediglich zu wundern vermochte, und keine Spur zu ärgern.
Ich sah schon, die Sache war in Ordnung: ich würde niemals vierzig Mark von Doktor Switschbidiwitsch erhalten.
Dann kam die Nacht. Mit der Nacht der Traum. Und mit dem Traum der erste prophezeite Traumärger.
In der ersten Nacht träumte mir, ich ginge nach dem Frühstück in mein Arbeitszimmer. Da saß schon einer an meinem Schreibtisch. Ein wildfremder Mensch. Und schrieb und schrieb.
„Herr,“ tippte ich ihm ärgerlich auf die Schulter, „hier schreibe ich.“
„Wie Sie sehen, ist das eine falsche Behauptung“, sagte der Fremde, ruhig weiterschreibend, ohne aufzusehen.
„Herr,“ ärgerte ich mich, „dieses Arbeitszimmer habe ich gemietet.“
„Stimmt.“
„Und bezahlt!“
„Stimmt auch.“
„Also arbeite ich auch darin.“
„Das ‚also‘ stimmt nicht.“
„Herr!“ schrie ich, „es ist mein Schreibtisch, auf dem Sie schreiben!“
„Seien Sie vergnügt, daß einmal was ordentliches drauf geschrieben wird“, sagte der Fremde, ohne mit dem Schreiben auch nur einen Augenblick anzuhalten.
Ich ärgerte mich schandbar. Aber es war nichts zu machen. Ich kam zu keinem Federstrich an diesem Morgen und mußte mich entschließen, in aller Frühe an meinen Stammtisch zu pilgern, wo ich meinen Ärger zu ersäufen hoffte, aber weiter nichts als einen dicken Kopf davontrug.
Nun wird man freilich sagen, was liegt an einem dicken Nachtkopf, der am Tage wieder dünn ist? Was liegt an einem dicken Nachtärger, den man beim Morgenkaffee lachend untern Tisch wischt:
„Denk’ mal, liebe Frau, was für komisches Zeug ich heute nacht geträumt...“
Aber ganz wohl war mir bei dieser Überlegung nicht, und ich erwartete mit einigen Bangen die zweite Nacht.
Darin träumte mir, ich hätte meinen Namen zu schreiben. Der weiße Bogen lag schon da. Auch die Feder, die eingetauchte.
„Ein bißchen rasch, wenn ich bitten darf“, sagte der Beamte, dem ich meine Namensunterschrift abzugeben hatte.
Ich setzte zu seinem großen F an und stockte schon nach einem Zug: hm, setzte man den oberen F-haken nach links an oder nach rechts? Es kam mir vor, als hätte ich schon ebensoviele linkshakige als rechtshakige F gesehen. Welche waren recht? Meine Feder zitterte und machte schließlich einen Haken links und einen Haken rechts. Na, der Haken war erledigt, Gott sei Dank. Jetzt den F-Strich durch die Mitte. Wieder stockte ich: zum Donner, machte man jetzt noch den F-Strich, oder war der nicht laut letzter Ministerialverordnung amtlich abgeschafft? Da konnte man sich ja fürchterlich blamieren bei der eigenen Unterschrift. Schließlich machte meine Feder einen solch haardünnen F-Strich, daß er ebensogut mittels eines schemenhaften Traummeineids abgeleugnet hätte werden können. Jetzt der zweite Buchstabe. Ich machte einen i-Strich mit weniger Mühe, als ich gefürchtet hatte. Auf einmal spürte ich -- sehen konnte ich ihn nicht -- den höhnischen Blick des königlichen Beamten, der mir beim Schreiben zusah: macht dieser Mensch das i vor dem r!
„Entschuldigen Sie!“ sagte ich fahrig und versuchte, das i in ein r umzukorrigieren. Das war eine endlose Arbeit. Ich drückte meinen Zeigefinger ächzend durch vor Mühsamkeit. Davon bog sich auch der Federhalter. Mit einem durchgebogenen Federhalter zu schreiben, war erst recht eine Heidenarbeit. Der Schweiß brach mir aus, der geschlängelte Federhalter fing zwischen meinen Fingern zu rutschen an. Aber schließlich stand das r doch da. Es war freilich das sonderbarste r, das ich je geschrieben hatte. Aber immerhin, es war ein r.
Jetzt kommt t und z, dachte ich, und wurde aufs neue unsicher: kam zuerst das t, oder kam zuerst das z? Es schien mir im höchsten Grade fraglich. Aber da spürte ich wieder den höhnischen Blick im Nacken und wußte gerade noch rechtzeitig, daß weder das t noch das z kam, sondern das i, das i von vorhin.
Wieder glückte der i-Strich verhältnismäßig rasch. Ach so, fehlte noch der Punkt, der I-Punkt. Na, das ist doch das allereinfachste bei der ganzen Namensschreiberei, der gotteslästerlichen, dachte ich, und machte frischweg einen Punkt. Teufel, war er über’s r gekommen. Ich strich ihn durch und machte ihn ein zweites Mal. Donner, jetzt saß er überm F. Wieder durchgestrichen und gezielt, wie man auf einen Feind zielt, scharf, unerbittlich. Ha, jetzt saß er überm i-Strich. Whupp, kollerte er von seiner Höhe und trieb sich wie ein Billardball ruhelos zwischen den Grund- und Haarstrichen der drei Buchstaben herum. Ich lief ihm nach, ich fing an ihn anzuflehen:
„I-Punkt, lieber i-Punkt, laß dich doch erwischen, laß dich doch ein einziges Mal erwischen.“
I-Punkte scheinen auch im Traume nicht ganz unbarmherzig zu sein. Denn er ließ sich wirklich erwischen, und ich hielt ihn mit beiden Händen über den i-Strich fest. Aber schon fing er wieder zwischen den Händen zu surren an. Gleich würde ich ihn nicht mehr halten können... Es war ein gräßlicher Traum. Ich wachte ärgerlich und schweißgebadet auf.
Wieder folgte ein glockenheller Tag ohne den geringsten Ärger. Wieder kam die Nacht. Ich schob den Schlaf so lang als möglich auf, mit Lesen, mit Summen, mit Liedersingen suchte ich mich im Bette wach zu halten. Aber da schlief ich doch.
Da packte mich schon einer freundschaftlich-dringend am Ärmel:
„Gut, daß Sie da sind. Der Stelzenmaier ist erkrankt. Sie müssen für ihn einspringen.“
„Stelzenmaier? Ich kenne keinen Stelzenmaier“, sagte ich.
„Ist auch nicht nötig. Hauptsache ist, daß Sie gleich seine Rolle übernehmen -- sofort wird Ihr Stichwort fallen, machen Sie sich doch bereit.“
„Aber ich habe doch noch nie auf dem Theater gespielt.“
„Ausgezeichnet, das gibt Ihrer Rolle die beste Natürlichkeit.“
„Aber ich weiß ja gar nicht, welches Stück und welche Rolle, Heiligschockschwerenot...!“
„Das werden Sie alles wissen, wenn Sie vor dem Publikum stehen -- ha, Ihr Stichwort -- rasch!“
Da hatten sie mich schon durch die Kulissen hinausgeschoben in ein grelles mitleidsloses Licht...
Mitten in dieser Nacht mußte ich einen kalten Umschlag nehmen und wagte nicht mehr einzuschlafen. Um das zu erreichen, zog ich den Wecker auf, ließ ihn ablaufen, zog ihn wieder auf, immerzu. Aber schon beim drittenmal veranlaßte meine Gattin meinen Umzug in das Fremdenzimmer.
Hier erwartete ich den vierten Tag, der wieder seraphinenhaft ganz ohne Ärger aufzog. So sehr auch die Erinnerung an die drei Ärgernächte versuchte, sich in den Tag als Ärger einzuschleichen, es gelang nicht. Lächelnd schob der Tag jeden aufsteigenden Ärger mit der flachen Hand gegen Abend zu:
„Dahinein, wenn ich bitten darf, laut Doktor Switschbidiwitsch.“
„Ich weiß schon, was ich die vierte Nacht tue“, dachte ich und beschloß, mir sie in irgendeinem Gasthaus um die Ohren zu schlagen. Da saß ich still in einer Ecke und kämpfte und kämpfte gegen den Schlaf.
Auf einmal war ich nicht mehr im Gasthaus, sondern im Bahnhof am Schwanze einer langen Menschenschlange vor dem Fahrkartenschalter. Wie alle andern trippelte ich vor Ungeduld, wann ich endlich an die Reihe kommen würde. Wie die andern murmelte ich dann und wann: „Den Teufel auch, wenn ich nun den Zug nicht mehr erwische.“
Endlich, nach einer Viertelstunde, bin ich an der Reihe. Ein verärgertes Beamtengesicht mit gesträubtem Schnurrbart fährt mich aus dem Schalter an:
„Na, wohin, -- so reden Sie doch!“
Heiliger Bimbam, jetzt hatte ich den Namen der Station vergessen.
„Nach -- nach --“, stotterte ich. Die Schweißperlen standen mir auf der Stirne. Der Name fiel mir um alles in der Welt nicht ein. Die Leute hinter mir drängten ungeduldig:
„Wir kommen nicht mehr mit -- wir kommen nicht mehr mit -- der Mensch dort vorne soll doch -- soll doch -- kruzitürkennocheinmal...“
„Nach -- nach“, setzte ich verzweifelt wieder an.
„Nach -- nach -- wohin Sie halt meinen, Herr Sekretär.“
Hinter mir halb Höllengelächter:
„Ein solcher Depp -- habt’s jetzt schon ein solchen Deppen g’sehn...“ Und halb Wutgeheul:
„Der Kerl ist ein Schuft -- der hat sich nur hineingedrängt, damit wir unsern Zug versäumen -- haut ihn!“
Fäuste hoben sich. Ich fiel unter den Tisch vor dem Fahrkartenschalter. Jemand hob mich auf und sagte:
„Es tut mir leid, wir schließen jetzt die Wirtschaft -- Sie müssen nach Hause gehen.“
Zerschlagen wanderte ich durch die Straßen. Schon dämmerte der Morgen. Ich lief schnurstracks zum Doktor Switschbidiwitsch.
„Eigentlich habe ich jetzt keine Sprechstunde,“ sagte er, „aber wenn es dringend ist --“
„Es ~ist~ dringend,“ sagte ich, „ich pfeife auf den ärgerlosen Tag -- der Nachtärger bringt mich um -- ich möchte meinen alten Tagärger wieder haben.“
„Das wird nicht so leicht gehen -- es sei denn, daß es mir gelänge, das ärgerliche Tageis durch einen besonders dicken Tagärger zu brechen.“
„Tun Sie’s, Herr Doktor, tun Sie es sofort -- ich gehe sonst in der nächsten Nacht darauf.“
Er machte wieder ein paar magnetische Striche längs meiner Schläfen, diesmal aber nach der umgekehrten Richtung. Dann zupfte er mich am Ohr.
„Na, ärgert Sie das vielleicht?“
„Keine Spur.“
Jetzt gab er mir einen Hirnschnalzer mittels Daumen- und Mittelfinger, daß alles krachte.
„Das wird Sie aber ärgern, nicht wahr?“ sagte er.
„Keine Idee“, sagte ich traurig-milde.
„Na, ich sehe schon, bei Ihnen hat sich die Tagesärgerlosigkeit in der kurzen Zeit so eingefressen, daß ich es mit dem stärksten Mittel probieren muß.“
Abermals machte er mit seinen Händen die vertikalen magnetischen Gegenstriche an meinen Schläfen und streckte dann plötzlich beide Hände horizontal aus:
„Hundert Mark, wenn ich bitten darf!“ sagte er energisch.
Irgend etwas in meinem Gehirn knackte.
„Das ist denn doch eine Unverfrorenheit!“ brauste ich auf, „hundert Mark! wo Sie noch nicht einmal erfolgreich --“
„Gewonnen!“ lachte Doktor Switschbidiwitsch, „das Eis ist gebrochen -- Sie haben Ihren soliden Tagärger wieder -- gehen Sie nach Hause -- Sie werden heute nacht vortrefflich traumlos schlafen -- hier ist die Quittung über hundert Mark -- Sie müssen es nicht tragisch nehmen -- eine Heilung von der Heilung ist stets ein wenig teurer, wissen Sie...“
Von =Fritz Müller= erschienen:
Bei =Otto Rippel=, Hagen i. W.
=Der Sepp im Krieg.= 8. Tausend.
=Hinter der Front.= 5. Tausend.
=Vergnügliche Geschichten.= 11. Tausend.
=Klassengold.= 5. Tausend.
=Ich dien.= 5. Tausend.
Bei =Eugen Salzer=, Heilbronn a. N.
=Das Land ohne Rücken.= 14. Tausend.
=Fröhliche Wissenschaft.= 7. Tausend.
Bei =Egon Fleischel & Co.=, Berlin.
=O Frida!= Novellen. 2. Tausend.
=Zweimal ein Bub.= 3. Tausend.
=Die andre Hälfte.= 2. Tausend.
=Kurzehosengeschichten.= 10. Tausend.
Bei =Huber & Co.=, Frauenfeld (Schweiz).
=Alltagsgeschichten.= 2. Tausend.
Bei =C. F. Amelang=, Leipzig.
=Die eisernen Kameraden.= 2. Tausend.
Bei der =Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung=, Hamburg.
=Fröhliches aus dem Kaufmannsleben.= 45. Tausend.
=Fröhliches aus dem Krieg.= 20. Tausend.
Rippels Deutsche Hausbücher
(Umfang und Ausstattung wie vorliegender Band)
Jeder Band gebunden 1.70 M.
Teuerungszuschlag 50 Pf. -- Bisher erschienen:
Wie die große Zeit kam. Erlebtes und Empfundenes von Fritz Müller, Rich. Voß, L. Schulze-Brück, Auguste Supper, Hans v. Zobeltitz. 5. Tausend.
Die bekannten Schriftsteller und Schriftstellerinnen schildern uns in diesem Buche, was sie in jenen unvergeßlichen Augusttagen erlebt und empfunden und welch herrlicher Geist in Ost und West, in der Stadt und auf dem Dorfe das deutsche Volk beseelte.
Nach der Schlacht. Ein Kriegsbuch von Helene Christaller, Otto Frommel, Hermann Hesse, Paul Natorp, Rich. Nordhausen, Fritz Philippi, L. Sternberg, Paul Wüst. 5. Tausend.
.... So ist denn „Nach der Schlacht“ ein sehr lesenswertes, inhaltreiches und abgerundetes Werk geworden, keine laute, aber doch sehr eindringlich wirkende literarische Gabe.
Kölnische Zeitung.
Stille Opfer. Den deutschen Frauen und Jungfrauen in großer Zeit von Helene Christaller, Agnes Harder, S. Ch. v. Sell, Auguste Supper. 21. bis 23. Tausend.
Den vielen Tausenden, die in dieser Zeit dem Vaterlande ihr stilles Opfer darbringen müssen, wird dieses Büchlein eine Herzensstärkung sein, das sie in ihrem Schmerze aufrichtet, stark und fähig macht für die hehre Aufgabe der Zukunft.
Auguste Supper, Vom jungen Krieg. Erzählungen.
„In fesselnder kraftvoller Schilderung bringt A. Supper in ihrem sehr geschmackvoll ausgestatteten Bändchen eine gute Auswahl gehaltvoller Erzählungen.“
Die schöne Literatur.
Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.
Helene Christaller, Wir daheim. Ein Kriegsbuch. 19. Tausend.
„Ich wollte, man könnte es in Tausenden von Exemplaren ins Ausland schleudern, besonders auch unter die Neutralen, damit sie aus diesen tief empfundenen lebenswarmen Skizzen ein Wirklichkeitsbild gewännen von dem kämpfenden Deutschland daheim.“
Christl. Welt.
Fritz Müller, Der Sepp im Krieg. Bayerische Geschichten. 8. Tausend.
„Das sind Perlen neudeutscher Erzählungskunst! Die Geschichten, so einfach und schlicht sie an sich sind, gehören zu dem Besten, was die deutsche Kriegsliteratur bis jetzt hervorgebracht hat. Wir können sie mit bestem Gewissen allen denen empfehlen, denen der klare, unerschöpfliche Born des deutschen Gemüts und des tiefinnerlichen deutschen Volkshumors eine Offenbarung bedeutet.“
Der Reichsbote.
Fritz Müller, Hinter der Front. Erzählungen von zuhause. 5. Tausend.
Das sind eigenartige Kriegsgeschichten von daheim, weit hinter der Front. Kein Pulverdampf und Kanonendonner wird vernommen und doch bringen uns diese tief empfundenen Erzählungen die große Zeit so nahe und zeigen uns, welch herrlicher Geist das deutsche Volk beseelt und welche Opfer es zu bringen imstande ist.
Helene Christaller, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an... Erzählungen. 6.-7. Taus.