Worauf freuen wir uns jetzt? Fröhliche Geschichten

Part 4

Chapter 43,571 wordsPublic domain

Sogar General a. D. Festruff, der alte Haudegen, meldete sich, leider in einer Form, die der öffentlichen Wiedergabe Beschränkung auferlegte: „Warum man beim Gehen auf dem Randstein und so weiter und so weiter. Ist mir wurscht. Hochachtungsvoll Festruff, General a. D.“

Die knappste Antwort erfolgte auf die Anfrage an Professor Schrankelmaier: „Adressat seit zwanzig Jahren verstorben. Schwienecke, Briefträger.“

Als konzentriertes Resultat der Umfrage ergab sich: 31 v. Hundert der Befragten erklären das Überschreiten der Randsteinfuge als einen körperlichen Zwangsreflex, 27 vom Hundert als eine seelische Reizhandlung, während die restlichen 42 vom Hundert einer psycho-physischen Mischung den Vorzug gaben. Genaueres ergab sich nicht.

Blieb am Ende noch die offene Frage nach der besten Antwort mit dem Freibezug der „Zweiten-Frühstücks-Röte“ als Preis dafür. Im Schoß der Redaktion ergab sich keine Einigkeit. Schlug einer einen vor: „Gewiß, soweit ganz nett,“ erklärten alle andern, „aber doch nicht or’j’nell genug.“ Also erweiterte man den Wettbewerb: auch Nichtbefragte durften ihre Meinung sagen.

Wieder gab es eine Unzahl Lösungen. Der Redaktionsschoß lag und hörte, nickte und bekannte: „Na ja, aber or’j’nell?“ „Nee, grad so oder doch so ähnlich haben wir’s schon irgendwo gelesen.“

Die Zeit verrann. Einer mußte schließlich doch bepreist sein. Man war verlegen. Man ließ, wie immer, wenn ein Krach in Aussicht stand und im Zusammenhang damit ein Blitzableiter nötig werden konnte, die Setzerjungen kommen.

„Na, Jungens, was empfindet ihr beim Überschreiten einer Randsteinfuge?“ Die Jungen schwiegen. „Nu, der von euch, der auf die Preisaufgabe kam, der wird doch was empfinden?“ -- „Jawoll, Herr Doktor.“ -- „Na?“ -- „Nischt, Herr Doktor.“ -- „Nanu?“ -- „Weil ’n verninft’jer Mensch prinz’b’jell immer nur direktemang uff die Fuge stapft.“

Die Redaktion war baff. Die Redaktion erklärte einstimmig: „Blödsinnig, wahnsinnig, blödsinnig, -- aber or’j’nell.“

Und so sprach man dem Umfragsetzerjungen auch den Umfragpreis zu. Leider hat er ihn abgelehnt: „Gott behiete mir,“ sagte er, „det langt zu, dat ick an dem Mist für det Wurstblatt mitsetze -- nu’ soll ick’t ooch noch lesen? Is nich.“

Das Kugelzimmer

Der Bomhard war sonst nie, was man ein verrücktes Huhn nennt. Aber da erbte er. Massig.

„Kinder,“ sagte er, „ich habe eine Idee.“

„Ah, eine Idee, und die wäre, lieber Bomhard?“ Ideen eines Erben sind ja stets beachtenswert.

„Unsere Zimmer sind alle falsch gebaut, ist euch das noch nie aufgefallen?“

„Gewiß -- natürlich -- grundfalsch sogar -- das heißt -- zu klein, nicht wahr?“

„Nee, zu eckig.“

„Eckig? hm, allerdings, man könnte sie ’n bißchen weniger eckig -- sozusagen ein wenig rund --“

„Nee, ganz rund, eine Kugel ist das beste.“

Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, „Kugel?“ hätten wir ihm ins Gesicht gelacht, „das ist ja zum Kugeln!“ So aber: „Kugel? das ist ja -- ist ja sehr interessant. Lieber Bomhard, möchtest du uns diese ebenso originelle als -- als -- na ja, du weißt schon -- nicht ein wenig näher --“

Im Telegrammstil, aber immerhin leutselig, schmiß er die Begründung hin: „Erde rund -- Himmelskörper rund -- Köpfe rund -- Stämme rund Früchte rund -- alles Vernünftige rund -- man sollte meinen, Menschen hätten von Anfang an nur runde Zimmer -- anstatt dessen -- alles eckig -- toll -- einfach toll --“

„Ja der Tat, wenn man bedenkt, wie oft man sich an Ecken stößt --“

„Nicht nur das -- da ist auch die Ästhetik -- gibt es etwas Vollkommeneres als eine Kugel?“

„Es käme drauf an, was in der Kugel drinnen ist“, wagte ich.

„Vier drittel r hoch drei pi ist drin, das weiß ja jeder Schulbub, und die Raumausnützung im Verhältnis zur Wandfläche ist zweimal größer als beim Würfel, Mensch, was meinst du, wie sich in solchem Kugelzimmer atmen läßt!“ Er schnaufte plastisch.

„In einem Zimmer ist nicht nur Luft drin,“ beharrte ich, „da sind auch Möbel. Wie willst du an den Kugelwänden ein Bild, einen Schrank, ein Bett, ein Nachtkästchen --“

„Blödsinnig einfach!“ sagte Bomhard hitzig, „man baut Kugelbilder, Kugelschränke, Kugelbetten, Kugelnachtkästchen, Kugel--“

„Schön, aber den Zimmerboden wenigstens mußt du doch eben und gerade --“

„Fällt mir gar nicht ein, Kugel, alles Kugel --“

„Und wenn diese Möbel nun ins Rutschen kommen?“

„Dummes Zeug, werden angenagelt!“

„Und die Kugelstühle, Kugeltische, Kugelschemel, Kugelkohlenkübel?“

„Werden _dito_ angenagelt!“

Hätte Bomhard nicht geerbt gehabt, weiß Gott, ich hätte mir den Witz, daß ein vernageltes Kugelzimmer auf den _dito_ vernagelten Besitzer schließen lasse, nicht verkneifen können. So beschränkte ich mich auf: „Und die vielen kleinen Sachen, wie Schirme, Stöcke, Federhalter, Bleistifte --?“

„-- haben nach dem Gravitationsgesetz dauernd das Bestreben, nach dem tiefsten Kugelzimmerpunkt zu rutschen“, sagte er vergnügt.

„Aber ist das nicht -- nicht unpraktisch?“

„Im Gegenteil, eminent praktisch! Bedenkt doch den Ärger, wenn in den Würfelzimmern was verloren ging, sagen wir mal, eine Brille, eine Haarnadel, ein Notizbuch, ein Schlips, ein Metermaßstab, ein Geldschein, ein Pantoffel, ein --“

„Jaja,“ nickten wir in Erinnerung, „elende Sucherei --“

„Na, seht ihr, so was ist in meinem Kugelzimmer ausgeschlossen. Mein Kugelzimmer verliert nichts. Mein Kugelzimmer präsentiert von selber jede ausgekniffene Brille, jeden verlorenen Bleistift, jeden verschlampten Pantoffel im Kugeltiefpunkt der Zimmermitte: bitte, bedienen Sie sich.“

„Großartig,“ sagte einer augenzwinkernd, „großartig, bis auf eines.“

„Bitte?“ sagte der Kugelzimmererfinder feindselig.

„Wie willst du mit den von Mutter Natur nun einmal platt konstruierten Füßen --“

„Falsch, grundfalsch! von Natur aus hätten wir nur Kugelfüße. Aber die seit Jahrtausenden platten Würfelzimmer haben auch die Füße platt gedrückt. Meine Kugelzimmer werden sie mit der Zeit schon wieder sphärisch biegen. Und bis dahin kann man sich ja mit entsprechend konstruierten Kugelstiefeln behelfen.“

„Famos,“ sagte der Zwinkerer, „ganz famos, alle Einwände räumt er weg. Seine Kugelzimmer sind theoretisch einwandfrei. Freilich, ob er praktisch einen Kugelarchitekten findet, der --“

„Schon gefunden. Hier der Aufriß. Da der Grundriß, bitte.“ Er entfaltete Blätter, auf welchen lauter Kreise Kegel schoben. Der Zwinkerer schien sie eifrig zu studieren.

„In der Tat -- in der Tat -- schlechterdings vollkommen bis auf -- bis auf die Zwickel.“

Bomhard wurde unsicher. „Welche Zwickel?“ stotterte er.

„Nun, diese Hohlräume zwischen den aneinander liegenden Kugelzimmern sind doch unnütz, platterdings unnütz.“

Bomhard erbleichte: „Allerdings -- allerdings -- ich werde darüber nachdenken -- ich werde sie wegkonstruieren oder sonst eine Lösung -- eine praktische Lösung...“ Er ging verstört.

„Mensch!“ berannten wir den Zwinkerer, „du hast kein Herz, kein Kugelherz. Du hättest ihm mit seinem Kugelwahne ruhig glücklich werden lassen sollen, wo er doch die Gelder dazu hat.“

„Seh ich nicht ein, da wir mit unsern Wahngebilden auch nicht glücklich werden dürfen.“

„Erlaube mal, wir haben keine Wahngebilde --“

„Allerdings,“ sagte er sarkastisch, „solange wir nicht erben, müssen wir sie schlafen lassen, müssen wir sie zurückstopfen, verstecken in den Hohl--“ Er brach ab.

„Warum schweigst du?“

„Weil ich sonst die Lösung, die Bomhard sucht, vergeblich suchen wird, verraten hätte.“

Recht bekam er. Bomhard fand die Lösung nicht. Er hat eine Unmenge vergnüglich lächelnder Architekten mit einer Unmenge Geld versorgt. Probekugelzimmer standen auf und rollten durch das Land. Wie sie aber standen und die zweite Kugelzimmerzelle an der ersten sich zum Hausbau fügen sollte, ließ er sie des Zwickels wegen gleich erschlagen. Er selber konstruierte unzählige Kreise auf unzähligen Bögen. Aber die Zwickel dazwischen, die nutzlosen Hohlräume grinsten immer spitzer und verbogner: „He, und wir? was willst du aus uns machen, he?“

Vergrämt hat er sich angeschickt zu sterben. Der Zwinkernde ist an seinem Bett gesessen. „Man hat mir mitgeteilt,“ sagte Bomhard schwach, „daß du eine Lösung wüßtest, um die Hohlraumzwickel --“

„Ist noch Geld da?“

„Leider nicht, alles verzwickelt.“

„Gut,“ murmelte der Zwinkerer befriedigt, „dann können anderer Menschen Hirnhohlräume nicht mehr vom Erbrest angestopft werden.“ Laut aber sagte er: „Die alte Wäsche von den Kugelzimmern hätte man in den Zwickeln ganz bequem --“

„Gott,“ stammelte der Sterbende, „daß ich daran nicht gedacht -- wer denkt auch, wenn er erbt, an seine alte Wäsche!“ Und sein letztes Wort war in Verklärung: „Also doch vollkommen!“

Schmuckel

Der Schmuckel war immer ein heller Kopf gewesen. Schon in der Schule sagte der Herr Lehrer zu den anderen Schülern: „Den Schmuckel seht euch an, so fix wie der im Rechnen sollten alle werden.“ Aber nicht nur im Rechnen war es so. So einen deutschen Aufsatz schmiß er aus dem Handgelenk ins Heft, daß es nur so schnackelte. Von der Geographie gar nicht zu reden, wo die Nebenflüsse links und rechts des Rheins förmlich aufeinander schnalzten. Heißt das, wenn der Schmuckel sie aufsagte. Bei den andern schob sich zwischen der Kinzig und der Murg ein „Äh“ und zwischen der Nahe und der Mosel eine Einsagpause, und zwischen Lahn und Wupper gähnten ganze Reihen ausgelassener Nebenflüsse.

Wenn aber der Inspektor kam, vor dem man doch ein bissel glänzen wollte, wurde der Schmuckel in der Geometrie aufgerufen. So ein Inspektor ist Paraderösser sicherlich gewöhnt. Aber wie der Schmuckel in die Arena ritt, wenn der Lehrer scheinheilig sagte:

„Na, jetzt könnte vielleicht der -- der -- Schwiefke -- nein, der war schon daran -- nun, sagen wir mal, der Schmuckel noch sein Paralleltrapez konstruieren, von dem gegeben ist die Mittellinie, die Höhe, ein Winkel im Schnittpunkt der Diagonalen ...“

Der Inspektor müßte nicht der Inspektor gewesen sein, hätte er nicht gewußt, daß diese Paralleltrapezgeschichte die allerverschwefelste Aufgabe im ganzen Dicknether, Ausgewählte Konstruktionen für Mittelschulen war, und -- unter uns -- ~ihn~ wenn der Lehrer jetzt aus Versehen, anstatt des Schmuckels an die Tafel gerufen hätte, er wäre aufgesessen, glatt aufgesessen, statt anderen aufsässig zu sein. Und es brach ihm jetzt wahrhaftig ein gelinder Schweiß aus, wenn er daran dachte: wenn jetzt der Schmuckel stecken blieb, und wenn ein anderer Schüler auch nicht weiter wußte, und wenn der Lehrer auch verdattert würde, und wenn es dann seine verdammte Schulinspektorpflicht sein würde, selbst an das verflixte Paralleltrapez zu treten: „Aber Herr Kollege, ist ja kinderleicht -- das macht man so und so und so...“

Unnütze Sorge. Der Schmuckel, der fixe Schmuckel, war schon mitten in der Konstruktion und turnte mit der Kreide und dem Zirkel auf dem Paralleltrapez herum, daß einem ganz schwindlig wurde -- Winkel rissen ihre Mäuler auf -- Parallele spielten Fangeinmandel, ohne sich zu kriegen -- Diagonalen kreuzten sich mit Würde, wie die Bandeliere auf der Brust eines Napoleonssoldaten -- Kongruenzen führten Menuette auf, und Mittellinien schmiß er an die Tafel, ohne Rast und ohne Wenn und ohne „Äh“... ja, so einer war der Schmuckel.

„’n verdammt fixer Kerl!“ preßte es dem Inspektor heraus, trotzdem ein Schulinspektor „verdammt“ und „fix“ und „Kerl“ eigentlich nicht sagen durfte, sondern höchstens „bemerkenswert“ und „anstellig“ und „Individuum“.

Nach der Schule hat sich der fixe Schmuckel mit dem Paralleltrapez nicht weiter aufgehalten, sondern hat fix eine Stelle bekommen, hat fix verdient, hat sich fix verheiratet, war der fixeste Häuseragent geworden weit und breit. Es mag ja sein, daß der Schulinspektor damals sich noch einen ganz andern Bauchaufschwung als bis zum Häuseragenten von dem Musterschüler Schmuckel erwartet hatte. Etwa einen Gelehrtenaufschwung, Dichteraufschwung oder so was. Aber derartige Aufschwünge erfordern Wenn und Aber, „Ähs“ und lange Pausen der Überlegsamkeit zwischen hinein. Womit der fixe Schmuckel sich aber wirklich nicht aufhalten konnte, wenn er’s fix zu einem fixen Kerl mit einem fixen Bankkonto bringen wollte.

Und das hatte er nun. Sogar eine fixe Frau zu seiner fixen Häuseragentur. „Das muß man sagen,“ sagten die Leute, „ein patenter Häusermakler ist er, dieser Schmuckel, wahnsinnig patent!“ Denn von dreißig Jahren an sagt man nicht mehr fix, sondern patent. Das gehört sich so, und außerdem ist es patenter. Patent ist übrigens hinter dreißig Jahren jeder Mensch, der etwas auf sich hält. Schmuckel aber war unter den patenten Häusermaklern eben auch wieder derjenige, wo -- mit einem Wort, er war wahnsinnig patent. Man hätte auch „furchtbar patent“ oder „rasend patent“ oder „blödsinnig patent“ sagen können. Aber das waren andere Häusermakler auch zur Not. Schmuckel allein war wahnsinnig patent.

„Wenn du irgendeinem Hausmakler ein Haus zu verkaufen gibst,“ hieß es, „was hat der für Bedenklichkeiten und Geschichten. Dagegen der Schmuckel -- eins zwei drei, hat’s schon wegverkauft.“

„Ja, und gar wenn du ihn eins kaufen lässest, brauchst du nicht einmal bis drei zu zählen -- hat’s schon gekauft für dich, bevor du überhaupt noch selber wußtest, daß du ein Haus gewollt hast -- wahnsinnig, einfach blödsinnig wahnsinnig, dieser Schmuckel.“ „Blödsinnig wahnsinnig“ ist der höchste Orden, der für Fixigkeiten zu verteilen ist.

Nun erkennen Frauen sonst die öffentlichen Eigenschaften ihrer Männer selten an. Nicht so Schmuckels Frau, ein stilles, kleines und verträumtes Dingchen. Gegen andere sprach sie sich freilich nicht so aus. Aber wenn sie sich selber fragte, was sie eigentlich von ihrem hin- und hergehetzten fixen Manne habe, so sagte sie sich insgeheim: „Wahnsinnig wenig, blödsinnig wahnsinnig wenig.“

Nun aber begab es sich, daß besagter Schmuckel einen Weinkeller hatte. Einen wahnsinnig patenten Weinkeller. Was schließlich für einen erfolgreichen Häusermakler nicht mehr als recht und billig ist. Vor allem billig. Denn Schmuckel kaufte auch seine Weine einfach rasend wahnsinnig blödsinnig billig ein.

Und weiterhin begab es sich, daß er sich einmal selbst in den Keller begab, um einen solchen rasenden Wein am Spundloch zu probieren -- nein, um einen solchen Wein am rasenden Spundloch -- nein, es ist zum rasend werden: um einen solchen Wein am Spundloch rasend zu probieren.

Als er den Becher untern Hahn hielt und diesen aufgedreht hatte, fiel ihm ein solider Holzschlegel gegen die linke Schläfe. Pumm, wurde die Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo die patente Fixigkeit zu sitzen pflegt, eine Idee auf die Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch nicht der Rede wert. Aber es genügte dennoch, um Schmuckels Denkapparat nach einer andern Richtung einzuschalten.

Der Wein lief in den Becher, bis er überfloß, während Schmuckel sinnend vor dem Spundloch saß und dachte: „-- und wenn ich damals in der Schule nicht so fix gewesen wäre... hm ja, es konnte immerhin doch sein... hm ja, und wenn ich die Konstruktion mit dem Paralleltrapez auch nicht so fix gekonnt hätte... hm ja, und genau genommen, weiß man ja nicht einmal, ob alle diese fixen Lehrsätze auch ganz richtig sind... hm ja, man braucht nur anzunehmen, daß wir keine körperhaften Menschen, sondern -- hm ja -- zweidimensionale Menschen wären, die auf -- hm ja, hm ja -- auf Eierschalen lebten... hm ja, so daß der pythagoräische Lehrsatz keinen Sinn hätte... hm ja, dann würde auch das Paralleltrapez ein Blödsinn...“

Unterdessen lief der Wein und lief und stand schon knöcheltief im Keller.

„-- hm ja, und wer weiß, ob ich dann ein fixer Häusermakler geworden wäre, der hin und her verkauft und den ganzen Tag nur auf der Hetze ist... hm ja, so daß für mein kleines Frauchen eigentlich nichts übrig bleibt von mir, als ein bißchen Fixigkeit... hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten... hm ja, ja hm, dafür aber glücklich wären -- hm ja, furchtbar glücklich, wahnsinnig glücklich, blödsinnig glücklich... nein, ist ja Unsinn, einfach glücklich, das genügte --“

Hier war es, daß der Wein ihm an die Waden reichte, und daß das Schmuckelsche Dienstmädchen herunterkam, um nachzuschauen, wo ihr Herr solange bliebe: „Aber gnädiger Herr,“ rief sie, „was machen Sie denn da?“

„Ich habe darüber nachgedacht, Kathi wenn ich nicht immer so fix gewesen wäre... hm ja, es hätte doch sein können... hm ja, und wenn wir zweidimensional auf Eierschalen lebten... hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten... hm ja, und wenn ich dann mit meiner Frau viel glücklicher wäre... hm ja, Sie verstehen, Kathi --?“

Da wurde die Kathi auch besinnlich, setzte sich auf einen Kellerstuhl und sagte langsam: „Hm ja, freilich kann ich Sie verstehn, Herr Schmuckel... hm ja, und wenn Sie dann mit Ihrer Frau so glücklich wären... hm ja, auf zwei sinidale Eierschalen ... hm ja, hm ja...“

Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen schon bis beinahe an die Knie, als die stille, kleine und verträumte Frau Schmuckel auch herunterkam, um nachzusehen, was aus ihrem Mann und der Kathi geworden wäre: „Aber Kinder,“ rief sie, „was macht Ihr denn da?“

„Wir haben darüber nachgedacht, liebe Frau, wenn ich nicht so fix geworden wäre, so wahnsinnig -- so fürchterlich wahnsinnig fix, weißt du... hm ja, und wenn wir dann auch weniger verdienten --“

„Hm ja, auf zwei simidale Eierschalen nämlich, gnädige Frau, hm ja“, erläuterte die Kathi.

„Hm ja, und wenn wir dann erst glücklich geworden wären, liebe Frau... hm ja, einfach glücklich, schlecht und recht...“

Hier war es, daß sich die stille, kleine Frau still zu ihrem Mann gesetzt hatte, daß sie langsam ihr gutes Köpfchen zu ihm neigte: „Ach ja, lieber Mann, glücklich wenn wir wären... hm ja, wir sind ja glücklich... glücklich um und um... und ich wünsche mir nur, daß es jetzt so bliebe... hm ja, mein lieber Mann, hm ja...“ Und sie verlebten zum ersten Male selige Minuten ungetrübten Glückes.

Unterdessen lief der Wein und lief, und er stand ihnen jetzt schon glücklich bis an die Lenden, als auf einmal ein zweiter solider Holzschlegel von dem großen Weinfaß herab auf Herrn Schmuckels rechte Schläfe fiel. Pumm, wurde die Stelle seiner vierten Gehirnwindung, wo die patente Fixigkeit zu sitzen pflegt, wieder eine Idee auf die andere Seite gerückt. Es war selbst mikroskopisch nicht der Rede wert. Aber es genügte dennoch, um den alten Schmuckel wieder einzuschalten:

„Was ist denn das für eine Schweinerei!“ schrie er aufspringend, „fix, den Hahn zu -- fix, Kathi, holen Sie die Feuerwehr -- nein, Kathi, bleiben Sie, fix, Frau, fix, die Eimer her und wieder eingefüllt ins Faß -- fix, Kinder, fix -- zum Donnerwetter, sag’ ich: fix...!“

Jod

Es ist kein Zweifel mehr. Die Wissenschaft hat’s festgestellt:

Das Blut wird von der Schilddrüse stündlich mit ein drittel millionstel Gramm Jod gespeist. Ohne dieses Jod wird der Mensch ein Idiot trotz aller Schulen, allen guten Willens. Ein Hundertstel Gramm Jod mehr in unserm Blut, und wir fliegen dahin mit lockigem Haar, blitzenden Augen, überschäumender Lebenslust. Ein Tausendstel Gramm weniger, und mit erloschenen Augen schleicht ein Kümmerling zum Grabe.

So die Wissenschaft. Wie das Leben?

Unsere Schulzeugnisse müssen eine neue Spalte kriegen:

Fritz Kugelmaier, Jodgehalt: Befriedigend.

Hans Stoppinger, Jodgehalt: Sehr gut.

Max Steinhofer, Jodgehalt gleich Null. Aufsteigen in die nächste Klasse nur bei energischer Nachhilfe in der Jodzufuhr gestattet.

Die Begegnungsformel „Wie geht es Ihnen?“ ist veraltet. „Und wie steht’s mit Ihrem Jodinhalt?“ wird es hinfort heißen müssen.

„Sage mir, wieviel Jod du hast, und ich sage dir, wer du bist.“

Ein Beamter hat in einer Stellung ganz versagt. „Kein Wunder,“ wird der Personalreferent angefahren, „wie konnten Sie einen Menschen mit solchen Jodverhältnissen...!“

Der künftige Adolar erklärt der künftigen Kunigunde seine Liebe. „Schön, mein Herr,“ sagt sie, „darf ich um Ihre Hand bitten.“

„Aber,“ stottert er, „eben darum wollte ich Sie bitten -- au!“ Denn sie hat mit der Pinzette aus seinem Ringfinger ein Tröpflein Blut entnommen, es im Reagenzröhrchen mit Säuren aufgeschüttelt und die Stirn gerunzelt: „Mein Herr, Ihr Antrag ehrt mich, aber bei Ihren dürftigen Verhältnissen --“

„Ich muß doch bitten, ich habe --“

„-- viel zu wenig Jod, mein Herr -- der nächste, bitte.“

Der Nürnberger Trichter wird das Zeitliche segnen müssen. Eine Reichsjodanstalt wird aufgehen. Jodärzte werden von Injektionszelle zu Injektionszelle rennen, mit Spritzen:

„Unter uns, Herr Kollege, wie könnten Sie den Mann nach Tabelle _B_ mit so wenig Jod injizieren -- der Mann ist Wagenführer und muß etwas leisten!“

„Na, wenn Sie schon so kritisch sind, so muß ich Ihnen sagen, Herr Kollege, daß es von Ihnen Unsinn war, an den Mann auf Nummer 37 soviel Jod zu wenden, wo die Magistratstabelle nur die Hälfte vorsieht.“

Der künftige Friedenskongreß. Verschiedene Regierungen beharren auf Erörterung der Schuldfrage. Andere widersprechen. Der Kongreß droht schon zu scheitern. Da erhebt sich der Professor Spyribingel: „Meine Herren, die exakten Forschungen der Wissenschaft ergaben, daß, wenn Napoleon zwei Milligramm Jod weniger im Blut gehabt hätte, er es höchstens zum Stadtkommandanten von Ajaccio hätte bringen können. Die ganze Geschichte Europas wäre eine andere geworden. Es hätte kein 1914 gegeben. Ich beantrage die Schlamperei des Impfarztes von Ajaccio für schuldig am Ausbruch des Weltkrieges zu erklären...“

Es ~ist~ klar, daß von da ab alle Herrschenden der Erde abzutreten haben werden. Herrschen wird von da ab nur mehr seine Wissenschaft, der Pinsel -- Jodpinsel selbstverständlich.

So weit wäre alles gut und wissenschaftlich in der Welt geworden. Aber eine Besorgnis habe ich doch. Nein, keine Besorgnis, sondern eine Angst: gesetzt den Fall, es stürbe einmal Hindenburg -- mög’ es lange nach dem Kriege sein -- und gesetzt den Fall, man hätte ihn seziert -- jetzt noch die Blutprobe -- es erbleichet das Konsilium, und ein Raunen geht durchs Haus der Wissenschaft, daß es klingt, als bröckelten die Wände: „Um Gottes willen, meine Herren, nicht verlauten lassen, daß wir den Weltkrieg mit Null Komma Null Gramm Jod gewonnen haben...“

Morgan

Man hat Bücherbretter voll Rezepte geschrieben über „Wie man reich wird“. Aber es gibt nur ein Rezept dafür: keine Nerven haben.

Als Morgan anfing, Eisenbahnsysteme und Millionen aufzuschachteln, hätte einer seinen Körper mit dem Ultramikroskop durchsuchen dürfen: nicht die Spur von Nerven.

Keine Nerven? -- Dummes Zeug, womit hätte er denn da Lust gefühlt und wäre aufgezuckt in Schmerzen? -- Ei, mit den Eisenbahnsträngen, die für seine Rechnung vom Atlantischen Ozean an den Stillen Ozean liefen.

Diese Stränge zogen ihm die erste Milliarde in den kräftig pulsierenden Kassenschrank. Daß Morgan an Stelle eines Herzmuskels einen feuerfesten Kassenschrank besaß, darf ich als bekannt voraussetzen. Auch daß dieser Schrank so konstruiert war, um gemünztes Blut hineinzulassen, aber keins heraus.

Nach der ersten Bahnmilliarde fing es in den Dividendenkanälen zu diesem Kassenschrank an, da und dort ein wenig weißlich aufzuglänzen.

„Doch keine Nerven?“ fragte er besorgt den Hausarzt.

„Hm, es kann auch Stahl sein, weißer Stahl von Ihrem neuen Eisentrust, Herr Morgan.“

Morgan war beruhigt und häufte jetzt Milliarden, wie er vorher Millionen häufte. Nach dem Bahntrust und dem Stahltrust kam der Schiffahrtstrust. Das weißliche Geäder trat auf der Auskleidung seiner Dividendenblutbahn deutlicher hervor.

„Also doch Nerven?“ rief Morgan und packte seinen Hausarzt am Geldbeutel.

„I bewahre, die Kielwasserbahnen Ihrer Schiffe sind es.“

Es waren aber doch die Nerven, die still und zähe mitten durch die Aktienmuskelbündel und die Obligationsfettpolster durchgewachsen waren.

Man holte einen Nervenspezialisten.

„Schade,“ sagte der und liquidierte hunderttausend Dollar, „schade, ein paar Jahre früher, wenn Sie mich gerufen hätten, würde man sie ziehen haben können.“

„Und jetzt?“ fragte Morgan angstvoll.