Worauf freuen wir uns jetzt? Fröhliche Geschichten

Part 3

Chapter 33,589 wordsPublic domain

Das tat er. Er zeigte mir den Park. Da war eine herrliche Schaukel. Ob ich schaukeln dürfe? Er zuckte die Mathiasschultern: „Meinethalben, wenn dir solche Kinderei noch Spaß macht.“

Sie machte mir über eine halbe Stunde Spaß. Dann kamen wir an einen Weiher mit einem entzückenden Boot. Ob ich rudern dürfe? „Meinetwegen, wenn dir solche Wasserplantscherei Vergnügen macht“, sagte er mit hochgezogenen Mathiasaugenbrauen. Und ich durfte ihn rudern, während er gähnte.

Dann war ein zahmes Reh hinter einem Zaun, ein allerliebstes Reh. Ob ich’s betrachten dürfe? Er nickte nachlässig mit dem Mathiaskopfe: „Meinetwegen, wenn du sonst nichts besseres weißt.“ Und wieder wußte ich eine halbe Stunde lang nichts besseres und konnte mich nicht satt sehen an den großen Rehaugen und den zarten Bewegungen, während der Mathias, mit den Händen in den Hosentaschen, pfeifend um den Zaun ging.

Dann gab es Erdbeeren mit Schlagsahne. Ob er je was besseres gegessen hätte, fragte ich begeistert den Mathias. Da riß er langsam den Mathiasmund auf und sagte gähnend: „Gott, man kann doch alle Schlagsahnen, die man schon verzehrt hat, nicht im Kopfe haben.“

Darauf holte er sich ein dickes Buch und las es, während ich im weichen Grase hinter einer blütenüberschneiten Hecke lag und träumte, träumte...

Ich habe es noch lange Jahre später bekannt: das war mein schönster Tag. Dann bin ich alt geworden und es versanken nacheinander meine Eltern, der Park, der Staatsrat, der Mathias -- nein, den Mathias habe ich gestern in einem Wartesaal wiedergetroffen, sehr vornehm, knapp vorm Staatsrat, glaube ich. Aber er plauderte sehr gütig mit mir, denn bis zu seinem Anschlußzuge hätte sich ihm sonst die Langeweile angeschlossen. Als der Gesprächsstoff auszugehen drohte, sagte ich: „Weißt du noch, Mathias: der gemeinsame Parknachmittag damals bei deinem Onkel, dem Staatsrat --“

„N--ja, erinnere mich dunkel. Aber sprich nur zu, vielleicht daß ich mich dann an die Einzelheiten --“

„Ja, da war vor allem die Schaukel -- dann der Weiher mit dem Boot -- dann hinterm Zaun das Reh -- dann die Erdbeeren mit Schlagsahne -- schließlich im Grase hinter der Hecke --“

„Ja ja, jetzt weiß ich’s wieder: es war gräßlich, nicht -- ah, eben rufen sie den Zug ab -- du entschuldigst --.“

Das blaue Band

Wie soll man sich zum blauen Band stellen?

Hm, es kommt darauf an. Es gibt verschiedene blaue Bänder. Da wäre zunächst ein blaues Band, das unsere Liebste trug, das unserer kinderjungen Liebsten sich um den blonden Haarzopf schleifelte -- ich weiß noch, wie lustig die seidenblauen Bänderenden in den Wind flatterten.

Nein, nicht dieses blaue Band. Ich bitte euch, wer spricht denn heute noch von blauen Liebesbändern.

Dann weiß ich noch ein anderes blaues Band, das ist es französisch: _Le cordon bleu_, sagen sie hinter den Vogesen und verleihen es der Köchin, die am besten kocht.

Das ließe sich schon eher hören, zum mindesten ist es substantieller. Aber noch nicht, wie soll ich sagen -- noch nicht aktuell genug. Habt ihr denn nie von einem dritten blauen Band gehört, dem blauen Bande, das von England ausging, _The blue ribbon_, nach dem ein Hetzen ist und Jagen? --

So will ich euch seine Geschichte erzählen, wenn ihr Zeit habt, die Geschichte vom blauen Band.

Also dieses blaue Band bekam der Mast auf dem Schiff, das am schnellsten durch den Ozean fuhr. _The blue ribbon_ ging von einem Schiff zum anderen. Erst waren sie alle englisch, diese Schiffe. Das erste war ein Zehnknotenschiff. Zum Lachen -- das haben sie damals schnell geheißen. Dann entriß es diesem Schiff ein Dreizehnknoter. Darauf mit einem scharfen Sprung ein sechzehnknotiger Ozeanrenner. Und beim Siebzehnknotigen, dessen Mast das blaue Band umschlang, da war es, daß ein Dichter die Bezeichnung „Windhunde des Meeres“ prägte. Und reihum weiter wanderte das blaue Band, das vielbegehrte, heißumstrittene. Ganze Völker waren an der Jagd beteiligt. Das war eine Freude rechts und ein Jammer links, als hinter zwanzig Knoten das blaue Band von England über den Kanal nach Deutschland flatterte.

Nun ging erst recht das Jagen an. Herunter glitt das blaue Band vom Mast und legte sich beklemmend den Kapitänen auf die Brust: Fahrt zu, fahrt zu, heizt die Kessel, bis sie glühen -- das Band, das blaue Band, wir müssen’s wieder haben! Was sagt ihr -- der Eisberg? Der Teufel soll den Eisberg holen, wenn das blaue Band dahinter schimmert!

Und dann war es, daß das blaue Band pfeilgeschwind durch die Schiffsluke hinunterschoß über Treppen und Gestänge, daß es den Heizern um die Ohren knallte: Vorwärts, vorwärts, schaufelt ein! Daß es um die Kessel schwirrte, bis sie rot vor Zorn erglühten. Daß es im Manometer die Dampfdrucksäule schob und zerrte, bis das blaue Band den roten Explosionsstrich überdeckte...

Und wenn dann der Kessel barst, und wenn dann der Eisberg einen Schiffsleib aufriß, wie man eine Naht auftrennt, so sahen sie den Kessel und den Eisberg, nicht das blaue Band.

Und über das vergurgelnde Schiff wehte das blaue Band weiter übern Ozean.

Herüber und hinüber flatterte es zwischen den Nationen, ohne Rast und Ruh. Und wenn’s des Meeres überdrüssig war, so flog’s aufs Land. So tauschte es den Mast mit rauchenden Kaminen: in der Fabrik erstand soeben eine neue Schraube, die dem besten Schiffe ein paar neue Knoten zulegt; oder es webte blau durchs offene Fenster in ein Erfinderzimmer und legte sich um seine hohe Stirne, just im Augenblicke, wo daraus die Lösung einer neuen Dampfturbine sprang.

Das blaue Band sah einen langen Weg zurück. Weit um die Erde ging der unerbittlich schnurgerade Weg. Meilensteine standen klotzig an den Rändern -- fünfundzwanzig Knoten -- sechsundzwanzig Knoten -- siebenundzwanzig Knoten... Was lag daran, daß da und dort ein Meilenstein auch eine Grabinschrift auf seiner anderen Seite trug?

Als ob die Leichensteine nicht an jedem Fortschrittswege stehen müßten!

Und ein Fortschritt war es, als der dreißigknotige Schiffskoloß dem blauen Bande seine Reverenz erwies. Als der Fünfunddreißigknotige den Golfstrom schnitt, und als das Vierzigknotenschiff mit schwarzem Atem den Wendekreis des Krebses heraufkeuchte.

Nun gab’s kein Halten mehr im Rasen. Erfindung auf Erfindung holte sich das blaue Band aus den Gehirnen. Wütend, immer wütender peitschte es die Meere und die Menschen: fünfzig Knoten, sechzig Knoten, siebzig Knoten.

„Und ich gebe eher keine Ruh,“ sagte Mister Hobbledihoi, „als bis mein ‚Thunderer‘ fünfhundert Kilometer in der Stunde macht.“

Und Mister Hobbledihoi war der Mann, das durchzusetzen. Und eines Tages fauchte sein „Thunderer“ wie ein Geschoß übers Meer. Am Bug, das blaue Band, es ringelte sich vor Freude und schrieb die Zahl 500 in die zerschnittenen Lüfte.

Fünfhundert Kilometer in der Stunde waren überschritten.

„Und ich gebe eher keine Ruhe,“ sagte Brinkmann, der Schiffsmagnat, „bis mein ‚Blitzstrahl‘ die drei Nullen mit dem Einser vorne aus den Wassern holt.“

Und Herr Brinkmann war der Mann, das wahrzumachen. Ein Heer von Ingenieuren hetzte er mit Geld und Ehren. Ein Volk verfieberte er zu wütender Begeisterung. Ein Kohlenbergwerk warf er in sein Schiff und zwang es zu den tausend Kilometern in der Stunde. Das war in einer Nacht, als an Bord die tausend Lichter glänzten. Im Luftschiff drüber sahen es die Leute. Und es war ihnen, als blitzte eine riesige Sternschnuppe durch den Weltenraum.

Auf der Kommandobrücke stand der Schiffsherr Brinkmann neben seinem Kapitän. Der Kapitän las beim Scheine einer Glühlampe den Geschwindigkeitsmesser ab und legte salutierend seine Hand an die Mütze.

„Ich gratuliere, Herr Brinkmann,“ sagte er, „der Zeiger hat die Tausend überschritten. Darf ich es der Welt verkünden?“

Brinkmann nickte. Es war ein eisernes Nicken.

Und als jetzt der Kapitän auf einen Knopf drückte, zerriß ein ungeheurer Pfiff die Lüfte. Der sollte es der Menschheit sagen, daß eine Riesentat vollbracht war. Eine Tat, die dieser Eisenmensch auf der Brücke in die Welt warf.

Der?

Ein blaues Band kam auf den Schwingen jenes Pfiffes herangeflattert:

„Mir galt der Pfiff,“ raschelte das Band, „ich danke...“ Und dann ergriff es von dem Schiff Besitz. Und geruhig sah es, wie im nächsten Hafen unter ihm die Kränze und die Sträuße sich zu Bergen häuften, wie die Weihereden stiegen, wie die verstolzte Menschheit sich vor Hochmut in die Brust warf...

Und noch während dem Gerede drunten schaute das blaue Band am Mast nach neuen Siegen aus.

Die kamen. Die stampften gleichmütig über den Schiffskoloß und seinen Herrn. Das war an jenem Tage, als Mister Hobbledihoi die bis dahin allgewaltige Kohle aus seinem neuen Schiffe „Zeitlos“ warf und die elektrischen Ströme, die verschwiegen die Erde umkreisten, zwang, seinen „Zeitlos“ um die Erde zu jagen. Das war, als Mister Hobbledihois „Zeitlos“ beim Sonnenaufgang von Europa fortschoß gegen Westen. Das war, als fünfzehnhundert Kilometer in der Stunde überschritten wurden. Das Wasser kochte vorn am Bug, der die Längengrade in sich hineinfraß. Das Wasser kochte hinten am Kiel, wo die Schrauben wahnsinnig geworden waren. Weit und breit kein kleinstes Fischlein in der Wasserwüste -- sie waren vor dem Donnergang des „Zeitlos“ jäh geflohen. Die schnellsten Vögel riß der Luftwirbel aus ihrem Reich, ihre plattgedrückten Leiber klebten vorn am Buge.

„Mister Hobbledihoi,“ sagte der Kapitän, „Brinkmann ist geschlagen.“

„Ich weiß es und ich ehre ihn, denn ich stehe auf seinen Schultern.“

In diesem Augenblicke kam der König auf die Brücke. Und es war der König, welcher sich verneigte vor dem Schiffsherrn und ihm eigenhändig ein blaues Band ins Knopfloch seines Rockes schlang. Nein, schlingen wollte. Denn ein Windstoß kam und riß es in die Lüfte.

„Wenn wir am Land sind, habe ich ein anderes,“ sagte der König: „nur eine Frage hätte ich.“

„Bitte, Majestät.“

„Warum heißen Sie Ihr Schiff denn ‚Zeitlos‘?“

Der Schiffsherr wies stumm nach der noch immer aufgehenden Sonne, die seit geraumer Zeit nicht um einen Zoll höher gegangen war am Horizonte.

Der König verstand nicht gleich.

„Das bedeutet?“ wandte er sich fragend an den Kapitän.

„Das bedeutet,“ sagte dieser, „daß unser Schiff sich mit der gleichen Geschwindigkeit von Osten nach Westen bewegt, als sich die Erde in der umgekehrten Richtung um sich selbst bewegt, Majestät!“

„Und somit,“ ergänzte der Schiffsherr ruhig, „somit kann es auf unserm Schiff nicht -- nicht später werden, solange wir nach Westen fahren.“

„Und auf unserm Schiff wird es immer Sonnenaufgang sein“, sagte der Kapitän.

Lange schwieg der König. Dann sagte er:

„Ich hatte einen Vorfahren, der von sich sagen konnte, in seinem Reiche ginge nie die Sonne unter. Ihr habt sein Reich zusammenschnurren lassen auf ein stampfendes Schiff. Auch auf eurem Schiffe geht die Sonne nicht mehr unter. Meines Vorfahrens Reich -- und euer Schiff -- meine Herren, mich dünkt, wir könnten uns die Hände reichen...“

* * * * *

Hier brach der Erzähler ab.

Der zu seinen Füßen saß und horchte, sagte traumverloren:

„Aber dann würden ja die Menschen auf diesem Schiffe auch nicht -- nicht älter werden können?“

Der Erzähler lächelte:

Der Ruhm des „Zeitlos“ hallte über die Erde. Die Menschen rissen sich um einen Platz in den Kajüten.

„Man altert nicht auf diesem Schiffe“, riefen sie, „die Uhr des Lebens kann nicht einen Pendelschlag auf diesem Schiff tun. Auf seinen Planken hat die Zeit die Macht verloren, nicht eine Runzel kann sie neu auf unserem Gesichte ziehen.“

Um solches zu erlangen, war ihnen nichts zu teuer. Und die Schiffswerften der Erde bauten Tag und Nacht an neuen „Zeitlos“-Schiffen.

Und in den Häfen drängten sich die Menschen:

Wir wollen zeitlos werden, zeitlos! schrien sie und stürmten auf die Schiffe...

Aber da war es, daß eine neue Nachricht die aufgescheuchte Welt durchzitterte:

Brinkmann, der Besiegte, hatte sich erhoben. Brinkmann, der Besiegte, hatte ein neues Schiff gebaut. Das hieß er „Die Vergangenheit“. Warum denn „Die Vergangenheit“? Die Antwort spielte der Telegraph um die Erde:

Das neue Schiff läuft schneller als der „Zeitlos“, also schneller auch als sich die Erde um sich selbst bewegt. Mithin...

Die zum ersten Male auf der „Vergangenheit“ fuhren, konnten sich vor Staunen gar nicht fassen: eben, bei der Abfahrt, war die Sonne im Westen in das Meer gesunken. Los schnellte das Schiff vom alten Kontinent, wie vom Himmelsbogen ein Pfeil, den der Allmächtige in den Weltenraum hinausschießt. Und, o Wunder, da sah man die untergegangene Sonne wieder zurückgehen, wieder aus dem Meere aufwärtstauchen, wieder zu einem neuen Nachmittage, nein, einem schon vergangenen Nachmittage rückwärtswandern...

Die Menschen auf dem Schiffe wurden nicht älter. Die Menschen auf dem Schiffe blieben auch nicht stehen in der Zeit.

„Wir werden jünger -- jünger -- jünger!“ riefen sie in überquellender Begeisterung.

„Wir wandern in unsere eigene Vergangenheit hinein!“ schrien sie.

Und so war es.

Die Menschheit, die nicht sterben wollte, flüchtete sich auf das letzte Riesenschiff, auf „Die Vergangenheit“. Kaum, daß sie abgestoßen waren vom Gestade der Gegenwart, schwenkten sie die Hüte, schwenkten sie die Tücher:

„Wir fahren in unser Jugendland, in unser Jugendland zurück!“

Das war ein sonderbares Rückwärtstauchen in die Vergangenheit.

Da hatte man eben zärtlich Abschied genommen von den Seinen, als man über die Schiffstreppe heraufstieg. Und gleich darauf durchlebte man die Abschiedszärtlichkeit von neuem.

Da hatte man ein großes Glück genossen vor der Reise. Und gleich darauf wiederholte sich zwangsläufig alles Glücksgefühl von rückwärts.

„Wie ist mir denn?“ sagten die Passagiere der „Vergangenheit“, „hatte ich diesen Gedanken nicht schon früher einmal gefaßt?“

Und die, welche weiße Haare im Vollbart hatten, sahen mit Erstaunen das vergangene Schwarz von neuem aus den Spitzen in die Höhe gehen und das vertriebene Weiß verkroch sich in die Wurzeln.

Und was das Sonderbarste war! Sie erlebten jetzt die Wirkung vor der Ursache.

Eines Jungen Wangen fingen rot zu brennen an. „Uh,“ heulte er, „uh“, und hielt sich die Backe. Und danach erst bekam er von seinem Vater die Ohrfeige, und wieder danach beging er jenen Streich, für den die Ohrfeige vermeint war. Alles war jetzt umgekehrt wie früher.

Erst kam die Sättigung, und wenn man trotzdem aß, so stellte sich der Appetit am Schlusse ein. Man gab sich einen Kuß und fragte danach erst, ob man sich einen geben dürfte. Man legte sich des Morgens ausgeruht ins Bett und schlief sich müd zum Abend vor, stand auf und fing die Arbeit an und wurde munter, immer munterer. Man machte die Entdeckung, daß man mit einer Arbeit fertig war, und war im Handumdrehen erst am Anfang, wo man an dem Federhalter kaute...

Wieder stand Brinkmann neben dem Kapitän auf der Schiffsbrücke.

„Es ist sonderbar,“ sagte der Kapitän, „ich habe darüber nachgedacht und finde, daß jetzt die Welt gerade infolge des rasenden Fortschritts rückwärts geht.“

„Ich denke, wir treiben hier keine Philosophie, Kapitän“, sagte Brinkmann, der Eisenmann.

„Nein,“ sagte der Kapitän, „wir treiben Schnelligkeit, und wir selber treiben mitten in der Schnelligkeit, ein wenig hilflos, will mir schei--“

Es knitterte vom Mast. Ein Funkspruch wurde überbracht. Brinkmann las.

„Rasch, Kapitän,“ sagte er, „steuern Sie sofort zum Pol. Ich erhalte hier eine sonderbare Nachricht von meinem alten Feind, dem Mister Hobbledihoi -- ich muß sehen, ob das wahr ist...“

Und dann flog die „Vergangenheit“ zum Pol.

Der war auf einer Insel. Dort hielt die „Vergangenheit“. Brinkmann und der Kapitän nahmen ihre Fernrohre an die Augen.

„Sehen Sie ihn, Kapitän?“

„Ja, ich sehe Mister Hobbledihoi haarscharf auf der Erdachse sitzen.“

„Auf einem Stuhle, glaub’ ich?“

„Ja, ein Klavierstuhl, der sich ohne Ende dreht. Wie rasend dreht sich der Mensch um die Polachse, warten Sie, von -- von Ost nach West --“

Da tat Brinkmann, der Eisenmann, einen fürchterlichen Fluch.

„Kapitän, Kapitän, nun hat uns dieser dennoch überwunden!“ schrie er.

„Wieso?“

„Zum Teufel, verstehen Sie denn nicht: so oft sich dieser Mensch auf dem Klavierstuhl herumgedreht hat, so oft sich seine Beine einmal um die Polachse geschlenkert haben, hat er dasselbe getan, dasselbe, was wir --“

„Was wir in einer Erdumschiffung taten -- in der Tat, das hat er, und bei jeder Drehung wird er in viel, viel kürzerer Zeit um einen Tag jünger, als wir es auf unserer ‚Vergangenheit‘ jemals werden können.“

Und dann sahen sie mit ihrem Fernglas, wie der Mann sich auf dem Klavierstuhl schneller drehte, immer schneller.

„Weiß Gott,“ schrie Brinkmann, „jetzt ist er gut um dreißig Jahr jünger, als ich ihn das letzte Mal sah.“

„Nein, um vierzig“, sagte der Kapitän.

„Ein Junge ist er jetzt, ein Junge!“

„Wahrhaftig, nicht mal mehr ’n Bart.“

„In den Windeln liegt er, in den Windeln!“

* * * * *

„Und jetzt, Kapitän, was sehen Sie jetzt?“

„Jetzt sehe ich gar nichts mehr.“

„Das ist doch nicht möglich -- schauen Sie schärfer!“

„Keine Täuschung -- leer ist der Klavierstuhl, rattekahl leer.“

„Kreuzteufel, wie erklären Sie das, Kapitän?“

„Wie ich mir das erkläre? Ei ganz einfach -- der Mann hat sich durch die Schnelligkeit über seine eigene Geburt hinausgelebt -- weg ist er -- nicht mehr wiederkommen tut er.“

„Aber wenn wir ausstiegen, Kapitän -- wenn wir den Klavierstuhl in der anderen Richtung drehten?“

„Was futsch ist, das ist futsch und wird nicht mehr lebendig.“

„Kapitän, drehen Sie um -- wir fahren heim.“

„Mit welcher Geschwindigkeit?“

„Mit -- mit einer -- vernünftigen.“

„Vielleicht fünfzig Kilometer über Erdachsengeschwindigkeit?“

„Zum Teufel mit der Übererdgeschwindigkeit -- wir fahren einfach fünfzig Kilometer in der Stunde.“

„Sehr wohl.“

Brinkmann wollte gehen. Da löste sich vom Mast ein blaues Band, ein blaues Schleifchen. In zierlichen Spiralen schaukelte es dem Kapitän zu Füßen. Der hob es auf.

„Meister,“ rief er Brinkmann nach, „Meister, das blaue Band ist vom Mast gefallen -- was soll ich tun damit -- soll ich’s wieder --?“

Der eiserne Brinkmann drehte sich um:

„Das blaue Band“, sagte er langsam. „-- Sie haben ein junges Mädel zu Hause, nicht wahr, Herr Kapitän?“

„Ja, allerdings.“

„Dem flechten Sie’s ins Haar, Kapitän...“

Die Rundfrage

In der Redaktion war es schwül. Der Verleger hatte angeklingelt: täglich der alte Schnee im Blatt, ob das eine Leistung sei -- hopla, meine Herren, mal ’nen Bauchaufschwung, Rundfrage oder so was, aber fix und or’j’nell, wenn ich bitten darf...

Die Redaktion stützte den Kopf in die Hand: Rundfrage? Als ob die andern Blätter nicht schon alles Denk- und Undenkbare rundgefragt hätten vom Säugling bis zum Sarg! Hm, ob vielleicht jenseits des Säuglings unabgegrastes Rundfragsland sich dehnte? Etwa: „Wie denken Sie über vorgeburtliche Erziehung?“

Die Redaktion schlug im Konkurrenzregister nach. Richtig: „Aufsehenerregende Umfrage über Vorgeburtserziehung durch die Redaktion der ‚Morgenröte‘.“ Diese „Morgenröte“ schnappte aber auch schon alles weg!

Dann vielleicht jenseits des Sarges? Etwa: „Wie denken Sie über ein Fortleben der Seele nach dem Tode?“ Wenn man nur gleich wüßte, ob man’s im Register unter _F_, _S_ oder _T_ zu kontrollieren hatte. Ha, da stand es: „Rundfrage über die Unsterblichkeit“, veranstaltet von der „Abendröte“, von der „Mittagsröte“, von der „Nachmittagsröte“, von der „Five-o’clocks-tea-Vorabend-Röte“. Alles dagewesen --

Ha, da kam ihm ein Gedanke:

„Herr Kollege, was sagen Sie zu der or’j’nellen Idee einer Umfrage über ‚Wie denken Sie über Umfragen?‘“

„Mensch, lesen Sie denn nicht die Konkurrenz? ‚Umfrage über Umfragen‘, letzte Woche veranstaltet von der Vormittagsröte --“

„Na, denen können wir nicht nachklappen. Aber was ganz Apartes: ‚Wie denken Sie über Rundfragen über Rundfragen über Rundfragen?‘ -- he, Kollege?“

„Sie sollten ein halbes Stündchen an die frische Luft gehn, Kollege. -- Aber wir wollen mal die Setzerlehrlinge befragen -- die sind nicht so ausgekocht.“

Die Setzerlehrlinge machten es wie die Redaktion und stützten ihr Haupt in die Hand. -- „Na, Heinrich, haste dir noch nie Gedanken über irgendwas Merkwürdiges gemacht?“

„Wenn ick uff’m Randstein langjehe, muß ick’s immer mit de Fieße so inrichten, dat ick nich uff ’ne Fuge komme; warum mag det woll so sind?“

Noch am gleichen Tage knatterte die Setzmaschine den Umfragbogen in den Schmelztiegel, der sie an die Druckerschwärze weitergab:

Randstein-Fugen-Tritt-Vermeidungs-Umfrage.

I. Haben Sie in Ihrer Jugend vermieden, auf Randsteinfugen zu treten?

_a_) wenn ja, 1. warum? 2. mit welchem Erfolg?

_b_) wenn nein, hat sich diese Neigung 1. später eingestellt? 2. in welchem Alter? 3. mit welchen Begleiterscheinungen? normal? abnorm?

In der Ersten-Frühstücks-Ausgabe der Zweiten-Frühstücks-Röte erschien der Umfragbogen. Dann begann der zweite Umfragsauftakt, das Verschicken an sämtliche hervorragende Leute an der Hand eines gleichlautenden Begleitbriefes:

Hochverehrter Herr und Meister!

Aus der Fülle des uns täglich zuströmenden psychologischen Materials hat eine eigenartige Menschheitsfrage immer dringlicher ihr Rätselhaupt erhoben, eine Frage, die, so unscheinbar sie erscheint, vielleicht in ihrer gründlichen Beantwortung dennoch geeignet ist, unabsehbares Licht in dunkle Seelentiefen zu werfen. Indem wir Ihnen die restlose Zergliederung dieser Frage in dem beiliegenden Fragebogen unterbreiten, sind wir uns bewußt, daß vor allem Ihr umfassendes Wissen und durchdringender Geist, verehrter Herr und Meister, geeignet erscheint usw.

Wir werden das Ergebnis der Rundfrage systematisch aufarbeiten und veröffentlichen, ebenso wie wir nicht verfehlen werden, die auf Grund einer Separatumfrage innerhalb des Schoßes unserer Redaktion sich ergebende beste Antwort mit einem Freibezug unserer „Zweiten-Frühstücks-Röte“ für ein ganzes Jahr auszuzeichnen...

Für die führenden Köpfe des Landes begann eine nachdenkliche Zeit. Denn das verstand sich, daß sie ihre laufenden Arbeiten sofort zugunsten dieser Umfrage zu unterbrechen hatten. In einem raschen Hochschwall begannen alsdann die Umfragantworten einzulaufen. Sie wurden zunächst ohne Zusatz in der Reihenfolge ihres Einlaufs in der „Zweiten-Frühstücks-Röte“ veröffentlicht.

Professor Schmalzbrunner war der erste, der sich so vernehmen ließ: „In umgehender Umfragserledigung und umseitiger Überreichung des ausgefüllten Umfragbogens erlaube ich mir, die Redaktion der ‚Zweiten-Frühstücks-Röte‘ zu der lichtvollen Erfassung des Zeitgeistes an der Stirnlocke um so mehr zu beglückwünschen, als ich selbst schon lange die Absicht hatte, der nunmehr auch von Ihnen angeschnittenen psychologischen Frage eine gründliche Untersuchung angedeihen zu lassen, auf welchen Umstand ich Sie bitte, in Ihrem redaktionellen Teile aus Gründen des geistigen Erstgeburtsrechts ausdrücklich hinzuweisen...“

Geheimrat Nasenschaber schrieb: „Vor Ausfüllung des Umfragbogens bitte ich um gefällige Mitteilung, ob sich etwa auch Geheimrat Hinthinlang an der Umfrage beteiligen wird, in welchem Falle ich unter Berücksichtigung der minderwertigen Qualitäten dieses Herrn leider nicht in der Lage wäre, auch nur vorübergehend unter dem gemeinsamen geistigen Dache einer Umfrage meine gemessene Zeit zuzubringen. Im übrigen habe ich gegen eine öffentliche Notiznahme von meinem Vorbehalt, den ich meinem Rufe schuldig bin, nichts einzuwenden usw.“

Professor Doktor Spalthaar teilte mit: „Ich beantrage die Absendung eines Vorfragebogens behufs Feststellung des Materials, aus welchem besagte Randsteine in jedem einzelnen Falle angefertigt waren, da es nicht unwahrscheinlich ist, daß je nach der granitenen, zementenen, kalkigen oder kunststeinigen Beschaffenheit derselben die ursächliche Festlegung der Fugenvermeidung des schreitenden Fußes, dessen Beschuhungsart aus Leder, Holz, Filz oder Stroh, beziehungsweise seine Unbeschuhung in Parallelkoinzidenz mit dem Material des Randsteins...“