Worauf freuen wir uns jetzt? Fröhliche Geschichten

Part 2

Chapter 23,754 wordsPublic domain

„Im Gegenteil, du kannst es kommen lassen, auf der Stelle.“

Ich sank zusammen. Ich tat geistesabwesend.

„Mann, verstell’ dich nicht -- Kassabüchlein -- monatlich zehn Mark -- Kreszenz Hasenfratz -- wir wissen alles --“

„Ihr?“ stammele ich, „wer Ihr?“

Geht die Türe auf: „Lieber Schwiegersohn -- meine Tochter schrieb mir alles -- wir wissen wohl um deine Jugendsünde -- laß das arme Kind nur kommen --“

„Das Kind? Was für ein Kind?“ stotterte ich.

„Dein Kind!“ donnerte sie, „und zum Zeichen, daß wir dir verziehen, habe ich dir auch ein neues Rauchtischchen...“

Der Familienaufsatz

Montag brachte Hans das Aufsatzthema heim: „Der Krieg, eine Geißel der Menschheit.“ „Konzept am Sonnabend abzuliefern“, hatte der Lehrer gesagt. „Schreibt diesmal frei, ganz aus euch selbst heraus.“

„Herrgott, ist bis zum Sonnabend lang“, dachte Hans und schlug die Geißel in den Wind. In den Wind geschlagene Geißeln knallen irgendwann. Beim Hans am Freitag. Es war ein Gewissensknall. Die Familie knallte mit. „Der arme Bub,“ sagte die Mutter, „von heut auf morgen einen ganzen Aufsatz.“ -- „Gott,“ sagte Vater, „ich habe zu manchem verzwickten Geschäftsbrief nicht mal soviel Zeit.“

„Jaja,“ sagte Tante Lotte nachdenklich, „der Aufsatz, eine Geißel der Menschheit.“ -- „Na, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration läuft auch der schwerste Aufsatz“, sagte Onkel Franz. „Setz’ dich nur mal dran, Hans.“

Hans setzte sich von Freitag nachmittag 4 Uhr bis 8 Uhr daran: „Der Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der Menschheit -- Der Krieg, eine Geißel der -- Mutter, weißt du keinen schönen Satz?“ -- „Einen schönen Satz über den gräßlichen Krieg, Hans?“ -- „Er meint einen stilistisch schönen Satz“, sagte Tante Lotte. Und dann klopften Mutter und Tante an Onkels Zimmer: „Onkel, der Bub braucht einen schönen Satz.“ -- „Ach was, mit ’m bißchen Grips und ’m Schuß Inspiration --“ -- „Schuß? Er braucht halt ein wenig Vorschuß, der arme Bub’ -- wenn ich denke: von heut auf morgen eine ganze Geißel --“

Das war um 6¼. Um ½7 wälzte Onkel Franz das zwölfte Buch. „Einen schönen Satz?“ murmelte er. „Schreib mal diesen Satz auf Seite 63, Junge.“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen eines Krieges leuchten wie ungeheure Fanale des Leidens durch die Geschichte.“ -- „Kannst ihn mal der Tante zeigen, Junge.“

Hans zeigte ihn der Tante. Sie kam sofort herüber: „Ein schöner Satz, Onkel Franz, ein wirklich wunderschöner Satz.“ -- „Na, nicht so schlimm, mit ’m bißchen Grips und ’n Schuß Inspiration -- und nun machst du einfach in dem Stile weiter, Junge.“

Hans machte bis um 7 weiter, ohne mit dem zweiten Satz fertig zu werden. „Onkel Franz, bitte noch einen schönen Satz.“ -- „Jetzt kann dir mal die Tante helfen, Junge.“ -- „Tante, bitte, noch einen schönen Satz.“ Tante Lotte blätterte schon seit einer Viertelstunde in ihren alten Albums. „Schreib mal das da“, sagte sie errötend. Und folgsam schrieb Hans in sein Konzeptheft: „Der rosenfingrige Eros kämpft siegreich gegen dräuende Wolken, morgenrotes Blut fließt in Strömen: Krieg überall.“ -- „Kannst ihn mal der Mutter zeigen, Junge“, sagte Tante Lotte.

Hans zeigte ihn der Mutter. Gleich kam sie aus der Küche. „Ein wundervoller Satz, Tante Lotte“, sagte sie. -- „Jetzt einen Satz von dir, Mutter“, bat Hans. -- „Aber Hans, ich mach’ das Abendessen fertig, ich kann keine schönen Sätze kochen.“ -- „Aber Mutter, irgendeinen Satz wirst du doch --“ Da schlug die Mutter im Kochbuch nach: „Den vielleicht, Hans?“ Und folgsam schrieb der Hans in sein Konzeptheft: „Die durch den Krieg hervorgerufene Knappheit zwingt auch die kriegsfeindliche Hausfrau zur Beschneidung der lukullischen Bedürfnisse ihrer Familie.“ Tante Lotte meinte zwar, der Satz sei ein wenig nüchtern. „Bis auf ‚lukullisch‘“, sagte Onkel Franz.

Dann kam Vater an die Reihe, der vom Geschäft heimkam. Er machte eine Miene, als diktiere er dem Buchhalter: „Im Besitze Ihres sehr geehrten...“ Aber dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und sagte auf und ab gehend:

„Schreib mal, Junge: ‚Die möglichen Kriegsfolgen lassen es rätlich erscheinen, die Konjunktur in Rechnung zu stellen und vorher zu eskomptieren.‘“

Darauf fiel dem Onkel Franz wieder ein Satz ein. Dann wieder Tante Lotte und der Mutter, so daß Hans noch mehrere Male reihum schöne Sätze ins Konzeptbuch schreiben konnte. Und eine Stunde nach dem Abendessen war es Onkel Franz gelungen, aus einem großen Kriegsbuch vom letzten Siebziger Krieg noch einen kunstvoll aufgebauten Schluß herauszuklauben. Worauf sich Hans schlafen legte. Nicht ohne daß er es noch durch die Tür sagen hörte: „Der arme Bub’: von einem Tage auf den andern solchen schweren Aufsatz...“ Damit schlief er befriedigt ein.

Aber im Traum ging’s ihm nicht gut. Er war im Himmel, mitten in einer Volksversammlung. Petrus saß am Pult und sagte: „So, und jetzt erzähl’ mal einer nach dem andern, was er im Krieg erlebt hat.“ Einer trat vor: „Mir ist mein Sohn gefallen...“ Es war ein erschütternder Bericht in einfachen Worten. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Ich bin gefallen in der Sommeschlacht ...“ Stoßweise, wie das Volk spricht, erzählte er die Schrecken seiner Schlacht. „Der nächste“, sagte Petrus. Jemand trat vor: „Was ich mir ein Leben lang ersparte, hat der Krieg verbrannt...“ Mit einer fernen Stimme erzählte er den Russeneinfall seines Dorfes. Noch viele rief der Petrus auf. Sie standen auf und sprachen schlicht und setzten sich. Und jedesmal ging dem Hans ein Rieseln übers Rückgrat. Das ging vom dritten Wirbel in der Wirbelsäule aus. Dort sitzt die Wahrhaftigkeit.

„Hans, was hast du im Kriege erlebt?“ -- „Einen -- einen Aufsatz“, stotterte Hans. -- „Lies mal!“ Und Hans schlug sein Konzeptheft auf und las: „Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale...“ Und er trommelte alle schönen Sätze herunter. Und hinter dem schönen Schlußsatz dachte er stolz: „Was sagen Sie nun, Herr Petrus?“

„Paß mal auf, Hans“, sagte Petrus und schob einen Vorhang auf die Seite. Der Krieg ward sichtbar. Er war aus Marmor. Schrecklich war er anzuschauen in seiner unbändigen Wild- und Nacktheit. „Gib mal dein Konzeptheft, Hans.“ Einzeln riß Petrus die Blätter heraus und steckte sie mit Nadeln an die Statue. Dort verwandelten sie sich in ein Kleid. Und es war aus lauter bunten, zerrissenen Lumpen zusammengesetzt. Unsäglich erbärmlich hing das alles unter dem entsetzlich erhabenen Gesicht des Krieges herab. Und Hans wurde rot im Traum und schämte sich und wachte auf. Schon war es hell.

Er schaute auf die Uhr. 4 Uhr morgens. Schnell in die Kleider. Noch schneller an den Arbeitstisch. Her mit dem Heft. Heraus mit den Aufsatzseiten. Eine neue Seite angefangen. Ha, wie die Feder flog. Nicht einen Augenblick brauchte sie sich zu besinnen. Sie schrieb die Volksversammlung von heute nacht, ohne Aufputz, schlicht, in kurzen Sätzen, stoßweise, wie das Volk spricht...

Als Hans an diesem Morgen in die Schule ging, kam der Balthasar gerannt: „Du, Hans, ich habe keinen Aufsatz, laß mich deinen abschreiben!“

„Aber Balthasar, das geht doch nicht.“

„Du bist ein netter Kamerad, na, warte, ich werd’ mir’s merken.“

Hans wurde heiß. Schon öffnete er den Ranzen, schon griff er nach dem Heft, auf einmal schoß es ihm warm vom dritten Rückgratswirbel, dem Sitze der Wahrhaftigkeit, über das Gesicht.

„Nein, Balthasar“, sagte er fest. Aber da hatte der Balthasar roh hineingegriffen und war davongerannt. Eine Handvoll Blätter schwang er lachend in der Luft. Laut las er unterm Laufen: „Der Krieg, eine Geißel der Menschheit. Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale --“

„Aber Balthasar, das sind ja -- das ist ja --!“

„Kenn’ ich schon -- möchtest mir’s wieder abluchsen -- da wird nichts draus -- in der Religionsstund’ schreib’ ich’s ab.“

Und während in den ersten Bänken der Katechismus abgefragt wurde, schrieb der Balthasar in der letzten Bank aus Raschelblättern ab und ab. Eben war er fertig, als der Aufsatzlehrer eintrat: „Konzepthefte einsammeln!“

Eine Woche verging. Hans war recht still. Stiller als die Seinigen zu Hause. Alle Augenblicke stellte ihn dort jemand auf der Treppe, im Korridor, im Zimmer: „Nun, Hans, ist dein Aufsatz schon zurückgegeben?“ fragte Mutter. -- „Na, Hans“, sagte Onkel Franz, „und der Aufsatz?“ -- „Hans, hast du deine Eins schon abgekriegt im Aufsatz?“ sagte Tante Lotte. -- „Hannes, Hannes,“ sagte am zuversichtlichsten der Vater, „diesmal hat er dich wohl übern Schellenkönig gelobt, dein Aufsatzlehrer, he?“

„Die Aufsatzhefte werden erst am nächsten Sonnabend zurückgegeben“, sagte Hans leise. Fast geduckt ging er weiter. Sie sahen ihm nach:

„Ich weiß nicht, was der Junge hat,“ sagten sie kopfschüttelnd, „wenn uns jemand so geholfen hätte mit den schönsten Sätzen, als wir in die Schule gingen...“

Da war der Sonnabend da. Und da lag der Stoß Aufsatzhefte am Katheder, so hoch, daß des Lehrers Angesicht darüber kaum zu sehen war.

„Zunächst die beste Arbeit,“ sagte der Lehrer, ernst ein Heft in seinen Händen wägend, „Hans, das war deine beste Arbeit. Ganz warm ist mir dabei geworden. Hört mal...“

Mäuschenstill hörte die Klasse Hansens Aufsatz an. Nur der lange Balthasar in der letzten Bank rutschte etwas hin und her.

„Hans, bei dieser Nummer magst du bleiben. Note 1. Wie einem das wohl tut, wenn man all den andern aufgeblasenen Sums -- zum Beispiel den da -- hört mal: ‚Die materiellen, intellektuellen und moralischen Konsequenzen des Krieges leuchten wie riesige Fanale‘ und so weiter und so weiter. Sag’ mal, Balthasar, wo hast du dir denn diesen abgestandenen Schmarr’n zusammengestohlen?“

„Von -- von -- vom Hans!“

„Na, das ist denn doch! -- Hans kann solches aufgepapptes Zeug überhaupt nicht schreiben. Hans, dieser Aufsatz soll von dir sein?“

„Nein, Herr Lehrer.“

Zu Hause sah man es ihm an. Sie umdrängten ihn: „Na, Hans, der Aufsatz ist zurück?“ Hans nickte selig. „Und du hast den Vogel abgeschossen, Hans?“ Hans nickte seliger. „Na, kein Wunder, lieber Hans -- aber danken hättest du uns wenigstens ’n bißchen können...“

Auf dem nächsten Schulweg warnte den Hans ein Kamerad: „Du, nimm dich vor dem Balthasar in acht. Er sagt, du hättest ihn mit dem letzten Aufsatz schauderhaft hereingelegt. Und er will dich ebenso verhauen.“

Da straffte sich dem Hans etwas im vierten Rückgratswirbel, wo der Mut sitzt, gleich hinter der Wahrhaftigkeit: „Soll nur kommen!“

Der Hunderter

Ich habe einen sonderbaren Hunderter. Der will nicht aus meiner Kasse. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck auszugeben, er knistert: Nein. Vielleicht kann ihm jemand helfen? Aber dazu muß ich seine Geschichte erzählen.

Der Hunderter gehörte früher meiner Tante. Und noch früher der Frida. Und noch früher, das weiß ich nicht. Niemand weiß, woher ein Hunderter kommt, niemand weiß, wohin er geht. Hunderter sind wie Schienenstrangstücke in Untergrundbahnhöfen: Dunkel, kurzes Blitzen, wieder Dunkel. Das Blitzen meines Hunderters trug sich so zu: Die Frida diente bei meiner Tante. Grundehrlich, stand in ihrem Dienstbuch. Aber das steht in vielen. Was in Dienstbüchern steht, ist nicht so wichtig. Wichtiger ist, was nicht darin steht. Nicht darin stand, daß sie von der stillen Art war. Kein Klappern, kein Geschrei, kaum ein Fragen. Und wenn man selber eben fragen wollte: „Frida haben Sie...“ oder „Frida, ist schon...“, so war schon immer alles fertig. Leise schwangen ihre langen Arme an den breiten Hüften: „Und was jetzt?“ Mit diesem „Und was jetzt?“ ging sie durch das Leben.

Meine Tante wußte, was sie an ihr hatte. Aber einmal fehlte ein Hunderter. Die Tante hatte ihn in die Schreibtischschublade geschoben, als es klingelte. Dabei vergaß sie, den Schlüssel umzudrehen. Dann unterschrieb sie auf dem Gang den Einschreibebrief, während die Frida den Schreibtisch abstaubte. Erst am Abend erinnerte sich meine Tante an den nicht umgedrehten Schlüssel. Der Hunderter war verschwunden.

Drei Tage trug sie’s mit sich ’rum. Das ist länger, als es eine Durchschnittshausfrau trägt. Dann ging’s nicht mehr: „Frida, war sonst jemand in dem Zimmer, als Sie staubten?“ -- „Nein, gnä’ Frau.“ -- „Frida, aus diesem Kästchen ist ein Hunderter fortgekommen.“ -- „Jawohl, gnä’ Frau“ -- Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. -- „Frida, haben Sie den Hunderter genommen?“ -- „Nein, gnä’ Frau,“ Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. -- „Frida, den Hunderter kann niemand anders genommen haben.“ -- „Jawohl, gnä’ Frau,“ Fridas Mund. „Und was jetzt?“ Fridas Arme. „Nur gut, daß Sie’s gestehen, Frida, geben Sie ihn her.“ -- „Ich hab’ ihn nicht, gnä’ Frau.“ -- „Also ist er schon bei einem Helfershelfer?“

Fridas Arme hörten auf zu schwingen. Jetzt erst hatten sie begriffen. Sie weinte. „Gut, ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit,“ sagte Tante.

Dann am nächsten Tage: „Nun, Frida?“ -- „Ich hab’ ihn nicht, ich versteh’s nicht.“ -- „Wär’ mir leid, Frida, wenn ich nach der Polizei...“ Die Frida heulte nicht mehr. Der Hunderter war für sie erledigt. Nur ihre Arme schwangen: „Und was jetzt?“ -- „Für jetzt will ich’s nochmal gut sein lassen, Frida. In acht Tagen ist die Osterbeichte. Was Sie mir nicht beichten, können Sie dem Pfarrer sagen.“

Im Beichtstuhl war die Frida fertig. „Und sonst?“ fragte der Pfarrer. Die Frida schwieg. „Und der Hunderter, Frida?“ redete der Pfarrer gütlich zu. -- „Sehen Sie, Frida, ich mein’s gut mit Ihnen, es kommt sonst kein Friede mehr ins Haus, wenn Sie ihr Gewissen nicht entlasten.“ -- „Jawohl, Hochwürden.“ -- „Nicht drängen darf ich Sie, Sie müssen selber...“

Die Frida war zum zweitenmal im Beichtstuhl fertig und wollte sich erheben. „Wie ist es, Frida, wollen Sie mir nicht den Auftrag geben, daß es Ihnen Ihre Frau nach und nach vom Lohn abzieht?“ Durch das Gitter glaubte er ein Nicken zu erkennen. Aber es waren nur Fridas Arme: „Und was jetzt?“ -- „Und jetzt gehen Sie ruhig nach Haus. Ich will mich auch persönlich noch für Sie verwenden, daß Sie nicht entlassen werden.“

Sie wurde nicht entlassen. Jeden Monat zog ihr die Tante zwei Mark am Lohn ab. Und fünfzig Monde sind in vier Jahren glatt vorüber. Vier Jahre aber sind nicht allzulang, wenn man mit schlenkernden Armen dient: „Und was jetzt?“

Dann starb die Tante. Ich war ihr Erbe. Kurz vor ihrem Ende hat sie mir die Geschichte mit Fridas Hunderter vertraut. Wenn sie’s nicht getan hätte, ich glaube, wir hätten Frida gebeten, bei uns in Dienst zu treten, sie war gar so tüchtig. Aber so... So war’s schon besser, daß sie die Arme wo anders schlenkerte, wo man es nicht wußte.

Jahre kamen, Jahre gingen. Arme schlenkerten, wurden müd, und neue Arme traten an die Stelle, junge Arme, junge Hände. Solche Hände meines jüngsten Sohnes spielten einmal an einer Schreibtischschublade. Es ging schwer, er zog und zog... „Jetzt hab ich’s endlich, Vater,“ kam er angerannt, „schau, das da war dazwischen.“ Er hielt einen zerknitterten Hunderter in der Hand.

Was bin ich gelaufen, was hab’ ich geschrieben -- ich habe sie nicht mehr aufgefunden, die Frida. Vielleicht ist sie tot. Vielleicht schlenkert sie in einem fernen Dienst die langen Arme: „Und was jetzt?“

Jetzt? Ja, jetzt liegt der Hunderter in meiner Kasse. Es ist ein sonderbarer Hunderter. Er will nicht hinaus. So oft ich mich bemühe, ihn zu einem Extrazweck hinauszugeben, und wäre es der beste -- mein Hunderter knistert: Nein.

Vielleicht kann ihm jemand helfen?

Der Spohrer

Als die Schule einen Teil vom Hansi von uns schälte, merkten wir’s erst gar nicht. Eines Tages aber schrie es von der Straße: „Miller!“

Mutter rührte ruhig weiter um im Kochtopf. Was ging sie der Miller an?

„Mi--iller!“ schrie es ärger.

Meine Arbeit am Schreibtisch fing ein wenig an zu stocken. ‚Miller?‘ dachte ich dunkel zwischen zwei Sätzen, ‚der Name kommt mir fast bekannt vor -- na, im Grunde: was geht mich ein Miller an?‘ Whupp, holte schon die Feder aus zum nächsten Satz.

„Mi--i--i--ille--e--er!“ klirrte jetzt das Fenster neben meinem Schreibtisch. Auf damit, den ärgerlichen Kopf hinausgestreckt -- stand da ein kleiner, runder Kerl auf der andern Straßenseite, blaurot im Gesicht vor lauter Millerrufen und machte eben seine Händchen hohl zu einem verstärkten Millergedröhn.

„Willste wohl!“ drohte ich hinab, „was ist denn los?“

„Ich geh zum Schlittenfahr’n -- der Miller soll ’runterkommen mit sei’m Schlitt’n!“ brüllte das Kerlchen herauf.

Nein, dieser unverschämte Bengel! Dem sollte ich wohl seinen Boten machen, um aus irgendeinem Stockwerk über uns oder unter uns irgendeinen Miller --

„Du, Mann,“ sagte hinter meinem Rücken die seltsam bedrängte Stimme meiner Frau, die aus der Küche hergekommen war, „du Mann, ich glaube, er meint unsern -- unsern Hansi.“

„Unsern -- unsern --?“ stammelte ich verbindungslos.

Der kam plötzlich aus dem Kinderzimmer hereingeschossen.

„Warum habt ihr nicht gesagt, daß mich der Spohrer ruft?!“ sagte er gekränkt, holte sich seinen Schlitten und zog mit dem Spohrer ab. Weder der Hansi noch der Spohrer warfen einen Blick zurück zum Fenster, wo die Mutter noch lange neben dem Vater stand und ihnen nachsah. Nachsah, bis der Schlitten und der Hansi und der Spohrer um die letzte Ecke bogen.

„Der Miller“, sagte sie langsam und bemühte sich, mich anzulächeln. Aber da stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sie fuhr sich an den Lenden hinab, als habe sich daran zum erstenmal ein Stück von ihrem Hansi abgeblättert.

„Der Spohrer“, gab ich ihr zur Antwort und fuhr mir über die Schläfe, als habe sich da was Fremdes angesetzt.

An diesem Morgen hat Mutter noch unzählige bittere Miller in die Mittagssuppe eingerührt. An diesem Morgen drängten sich ganze Trupps von unverschämten, kugelrunden Spohrern durch die Zeilen meiner Arbeit.

Von da ab wuchs der Spohrer drohend in unsere Familie hinein. Gewisse weiche Stellen fingen an sich zu verknorpeln. Der Spohrer selber kam nicht mehr. Nur seinen Schatten warf er lang und länger.

„So, und jetzt muß ich zum Spohrer“, erklärte der Hansi immer wieder nach dem letzten Mittagessenbissen. Wir hätten’s ihm verbieten können, hätten wir uns nicht, hellgesichtig schweigend, eingestanden, daß verbotene Liebe üppiger ins Kraut schießt, als erlaubte. So begnügten wir uns, den Spohrer still zu hassen. Bis eines Tages Hansi sagte: „Der Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Sofort spürten wir, wie wir dem Spohrer gut wurden: Doch ’n ordentlicher Kerl, der uns gab, was uns gehörte. Und wir hätten auf ein Haar vergessen, uns beim Hansi zu erkundigen, warum der Spohrer plötzlich ein gemeiner Kerl wäre.

„Weil er -- weil er mir seinen Radiergummi nicht geschenkt hat“, platzte Hansi heraus.

„Aber Hansi, deshalb ist er doch nicht gemein“, fühlten wir uns verpflichtet, für den Spohrer einzutreten.

„Ja, und dann -- und dann ist er auf meine Feder mit dem Fuß draufgetreten, der -- der gemeine Kerl!“

„Aber Hansi, das kann Zufall sein und --“

„Und dann -- und dann -- und überhaupt, der Spohrer ist ein gemeiner Kerl!“ Der Hansi heulte.

Zu Weihnachten schenkte ihm die Tante Elsa eine besondere Mütze. Nur einmal setzte er sie auf. Das zweite Mal weigerte er sich: „Der Spohrer lacht mich aus damit“, sagte er.

Der Frühling kam. Das Maifest wurde fällig. Aber es regnete und regnete. Der Spohrer sollte mit dem Fuße aufgestampft und gesagt haben: „Wenn’s nur grad extra weiterregnen tät!“ Der Hansi war empört. Denn nun war es klar, daß an dem Regen nur der Spohrer schuld war, dieser ganz gemeine Kerl.

„Der Spohrer hat mir eine ’neing’haut!“ klagte er ein andermal.

„Wirklich, Hansi?“

„Ja -- beinah -- der -- der gemeine Kerl!“

„Beinahe eine ’neingehauen, Hansi?“ beharrte ich, „das sieht fast so aus, als ob du ihm schon vorher eine hineinge--“ Aber da war er schon aus dem Zimmer, der beinah hineingehauene Hansi.

In der nächsten Woche zögerte er immer bis zur letzten Minute mit dem Schulgang.

„Hansi, was hast du?“ forschte die Mutter.

„Der Spohrer paßt mir an der Eck’n auf -- mit’m Stecken -- der -- der gemeine Kerl!“

Es wurde immer schlimmer. Unser ganzes Familienleben verspohrerte durch den Hansi. Wir lebten in einer fortwährenden Angst dahin, der Spohrer hätte -- der Spohrer wäre -- der Spohrer könnte -- der Spohrer würde. Nichts Schlimmes gab es auf der Welt, das nicht dem Spohrer zuzutrauen gewesen wäre. Der Spohrer lastete auf uns mit Schicksalsschwere. Morgens, wenn Hansi erwachte: der Spohrer. Mittags, wenn er von der Schule heimkam: der Spohrer. Abends, wenn ihm Mutter am Bettchen seine letzte Sorge vor dem Sandmann abnahm: der Spohrer, immer nur der Spohrer... Nur ein Trost war da für uns spohrergeschlagene Eltern: von dem dunklen Spohrerhintergrunde hob sich hell und strahlend unser Hansi ab.

Eines Tages hat man mich wo eingeladen. Es stellt sich mir ein anderer Eingeladener vor. „Spohrer“, sagt er und verneigt sich. Mir ist, als wenn mich einer mit der Lanze in die Seite stäche.

„Doch nicht ~der~ Spohrer?“ fährt es mir heraus. Und da war es wirklich ~dem~ Spohrer sein Vater. Ich hätte es übrigens gleich erkennen können, so klein und rundlich, wie er war, dachte ich.

„Ich hätte es übrigens gleich erkennen können, so lang und hager, wie Sie sind“, sagte im selben Augenblick der alte Spohrer zu mir.

Und dann erzählte er mir ein langes und ein breites über meinen Hansi. „Denken Sie,“ sagte er lächelnd, „mein Söhnchen sagt mir, Ihr Hansi behandle ihn ~zu~ schlecht.“

„So, inwiefern denn!?“ sage ich beinahe beleidigt.

„Ja, seinen Bleistift habe er zertreten, sagt er -- dann habe er ihm einmal beinah eine ’neingehauen -- und auf dem Schulweg passe er ihm auf, der -- der gemeine Kerl!?“ fügte er vergnügt mit der Stimme seines Söhnchens bei. Und dann ernster: „Wenn Sie überhaupt jetzt in unsere Familie hineinsehen könnten, so hörten Sie nur: Der Miller hat -- der Miller ist -- der Miller wird -- mit einem Wort, wir sind vermillert auf und ab.“

Wir lachten beide. Und beide stellten wir an diesem Abend lachend fest, daß die Krankheit unserer Söhnchen durchaus nicht auf die Schule beschränkt sei. Daß auch das Leben von uns Alten dicht durchsetzt von Spohrern und von Millern sei.

„Jaja, Herr Spohrer,“ bekannte ich auf dem Heimweg, „solang die Welt steht, wird sie auch verspohrert --“

„-- Und vermillert sein,“ fiel er rasch ein, „es gehören immer zwei zu einer -- einer stillen Liebe.“

Glück

Als ich ein Bub war, ein verstaubter Stadtbub, kriegte Vater einen Brief. Er schaute lange auf die Unterschrift: „Der ist von einem alten Schulkameraden,“ sagte er, „der Glück gehabt hat -- Herr im Himmel, was hat der Glück gehabt -- jetzt ist er Staatsrat und hat einen Parkbesitz da draußen vor der Stadt.“ Dann erst las er den Brief. Es war eine Einladung auf den nächsten Sonntag.

Aber da gerade hatte Vater Dienst. Und Mutter hatte kein Ausgehkleid, das halbwegs staatsratswürdig war. „Und ich?“ sagte ich glitzernd. Da sahen sie an mir herab: Ja, mein Anzug wäre noch fast neu, und was das Benehmen anbeträfe -- „eben brav sein und bescheiden, wie du’s in der Schule sein mußt -- nicht etwa kriechend -- wir sind auch was, wenn wir auch kein Staatsrat sind -- du hast da einmal einen Klassenkameraden mitgebracht -- Mathias, glaub’ ich -- der trägt den Kopf aufrecht, weiß was er will und läßt sich gar nicht extra imponieren -- an dem nimm dir ein Beispiel.“

Das war nicht alles. Der Lehren waren noch ein Dutzend mehr. Aber nur diese behielt ich. Denn wie ich in den Park des Staatsrats eintrat, war auch der Mathias eingeladen. Er stelzte auf mich zu und sagte knapp: „Bin hier fast jeden Sonntag -- der Staatsrat ist mein Onkel -- komm.“

Der Staatsrat gab mir die Hand, sagte, es sei schade, daß meine Eltern nicht gekommen wären, und nun solle ich vergnügt sein -- „Mathias, nimm dich seiner an!“