Worauf freuen wir uns jetzt? Fröhliche Geschichten

Part 1

Chapter 13,584 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch nicht beeinträchtigt wird. Fremdsprachliche Zitate und Passagen in Dialekt wurden nicht verändert.

Der Zensurstempel auf der Titelseite (‚Z‘ über ‚VII‘ in einem Dreieck mit nach unten zeigender Spitze) wurde nicht mit übernommen, da dieser ursprünglich nicht Teil des gedruckten Originals war.

Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

Fettdruck: =Gleichheitszeichen= gesperrt: ~Tilden~ Antiqua: _Unterstriche_

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Worauf freuen wir uns jetzt?

Worauf freuen wir uns jetzt?

Fröhliche Geschichten

von

Fritz Müller

1918

Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.

_Copyright by Otto Rippel Hagen i. W. 1918_

Zeilenguß-Maschinensatz und Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig

Inhaltsverzeichnis

Seite

Worauf freuen wir uns jetzt? 7

In deinem Alter 13

Der Rauchtisch 20

Der Familienaufsatz 27

Der Hunderter 35

Der Spohrer 39

Glück 45

Das blaue Band 49

Die Rundfrage 63

Das Kugelzimmer 70

Schmuckel 76

Jod 84

Morgan 88

Tag- und Nachtärger 96

Worauf freuen wir uns jetzt?

Er kam mit dem Spruch schon auf die Welt. Glitzerig kugelten seine Äuglein aus der Wiege in die Zimmerrunde. „Sieht er nicht aus,“ sagte jemand, „als wenn er fragte: Worauf freuen wir uns jetzt?“

Das blieb ihm. Das saß zu Häupten seiner Wiege, wenn das Fieber sein Körperchen geschüttelt hatte. Das strich ihm die winzigen Fältchen vom Gesicht und sagte: „Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“ Das wurde mit ihm größer, rutschte auf den Dielen mit herum, wo er sich einen Schiefer eingezogen hatte, und wischte ihm die Tränen fort: „Und worauf freuen wir uns jetzt, Maxli, he?“

Das klopfte ihm nach den ersten ängstlichen Schulgang vertraulich auf die Schulter: „Na, Maxli, worauf freuen wir uns jetzt?“

Das wuchs mit ihm und wich ihm nimmer von der Seite. Das sah ihm unausweichlich ins Gesicht, wenn der Ärger aufstieg: „Was ich noch sagen wollte, Max, worauf freuen wir uns jetzt?“

Was Wunder also, daß der Spruch ein Teil von ihm ward. Oder er ein Teil vom Spruch. In solchen Wiegenbrüderschaften lassen sich die Teile nicht mehr sondern, derselbe Herzschlag tickt durchs gleiche Blutgeäder: „Wo-rauf-freuen-wir-uns-jetzt?“

Es ist schon richtig: schlicht und bescheiden, wie der Max war, wurde er kein Großer, wurde nicht berühmt. Eher schon sein Spruch, den sie nach und nach belächelten.

„Hör’ mal, Max,“ sagte einer seiner Freunde, „ein Wahlspruch ist schon recht. Aber er muß auch darnach sein. Zum Beispiel: Morgenstund hat Gold im Mund. Oder: Erst besinn’s, dann beginn’s. Oder: Rom ist nicht an einem Tag erbaut. Siehst du, das sind anerkannte Sprüche.“

„Jawohl,“ sagte Max, „und worauf freuen wir uns jetzt?“

Max sei ja soweit ein guter Kerl, sprach dann dieser Freund herum, aber doch beschränkt. Und es solle ihn nicht wundern, wenn er in der Prüfung nicht bestehe. Wirklich fiel er durch.

„Junge, Junge,“ klagte Maxens Vater, „wohin soll das führen?“

„Zum Erfolg beim zweiten Male. Vater -- und worauf freuen wir uns jetzt?“

Vater seufzte, Mutter strich dem Sohne übers Haar: „Max, nicht wahr, von jetzt ab für nichts anderes als zum Studium zu haben sein, willst du mir’s versprechen?“

„Ja, Mutter -- und worauf freuen wir uns jetzt?“

Tja, er war nicht zu ändern. „Schade um ihn,“ sagten die gesetzten Leute, „er hat eine fixe Idee.“ Und sie behandelten ihn nachsichtig und blieben bei der ihren.

Bei einer politischen Versammlung kampelten sich die Gegner, daß es im Saale gellte. Dann trat eine kleine Erschöpfungspause ein. Ruhig kam aus einer Ecke eine Stimme: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“ Gelächter. Sie bengsten in Max: „Laß dir’s nicht gefallen -- sprich doch -- Silentium für -- ha, er spricht wirklich --“

„Meine Herren,“ sagte Max, „ich freue mich, daß Sie sich freuen.“ Das Gelächter wuchs, trotzdem einer sagte, ihm dünke, das sei das Gescheiteste gewesen, was die Versammlung bis jetzt ergeben habe. Aber niemand hörte darauf. Sie kampelten sich schon wieder, daß die Haare flogen.

Ein Osterausflug ward verregnet. Mißmutig saßen sie in einer Bauernstube. Max sah im Kreis herum. „Und worauf freuen wir uns jetzt?“ sagte er lächelnd und im inneren Taktmaß des draußen plätschernden Regens. Darob wurden einige wieder vergnügt. Ernst aber hob ein Professor an: „Junger Mann, alles zu seiner Zeit. Gereifte Einsicht muß verstehen, daß die Freude nicht am Platz ist, wenn die Gründe zur Verdrossenheit derart ausreichend sind, daß --“

„Gewiß,“ sagte Max, „aber worauf freuen wir uns jetzt?“

Darauf machte der Professor in seinem Wörterbuch der Psychologie einen neuen Eintrag: Unter Idioten der Freude versteht man...

Das war lieblos. Freundlicher drückten’s seine Freunde aus: „Max ist der reinste Freuden-Cato: _Ceterum censeo_...“

„Ja,“ ward ihnen beigepflichtet, „er rennt mit seinem Spruche gegen das Carthago alles Mißvergnügens an.“

„Ob sein Grundsatz aber standhält,“ zweifelte ein anderer, „wenn’s bei ihm selber um die Wurst geht?“

Er hat standgehalten. Die Bank, die sein Erspartes hatte, fiel. Als er’s erfuhr, zuckte er zusammen und ging an seine Arbeit, fest aber stumm. „Aha, nun hat es ihm sein Sprüchlein doch verschlagen“, sagte einer, der nicht wußte, daß sich ein Spruch auch einwärts wenden läßt.

Nur ein einzig Mal hat auch das Einwärtswenden fast versagt. Das war damals, als ihm einer seine Liebste stahl. Da sank sein Gleichmut, da hob sich ihm die Hand zum Schlage. Freilich, ohne zuzuschlagen. „Nein, nein,“ hat er gemurmelt, „Menschen können einem nicht gestohlen werden, sie stehlten sich denn selber.“ Einen Winter lang hat’s ihn herumgetrieben, bis er gepreßt und scheu zwar, aber dennoch hörbar wieder sagen konnte: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“

Nun aber ist ein Spruch, der nie versagt, kein Spruch mehr, sondern ein Tyrann. Eines Tags verbeugte sich vor dem erschrocknen Max ein Riesenschatten: „Sie gestatten -- bin der Weltkrieg -- und erlaube mir, um Ihren Spruch zu bitten.“

„Meinen Spruch?“ stotterte der Max, „was wollen Sie damit?“

Der Weltkrieg machte eine halsabschneidende Bewegung.

Fuhr der Max auf: „Mit welchem Rechte --?“

„Tun Sie doch nicht so -- bedenken Sie, wenn Sie, wie andre, statt des Spruchs, sich selbst zum Opfer --“

„Mich magst du nehmen -- was liegt groß an mir -- aber alles liegt an meinem Spruch.“

„Dummes Zeug -- zuviel Federlesen mach’ ich schon -- her mit dem Spruch!“ Roh griff er Max ins Herz. Aber heimlich war der Spruch daraus entwichen, flüsternd: „Verzage nicht, Max, auf Wiedersehn!“ Fort der Spruch, ihm nach der Krieg.

Reihum im Lande hat der Spruch sich auf die Flucht begeben, immer hart vom Krieg verfolgt und immer guten Muts. Kaum einer, den er nicht besucht hat, am liebsten die Verdrossenen und Schmerzgeschlagenen, die ihn am wenigsten erwarten. Ich habe ihn an Witwenherzen klopfen seh’n: „Mich schickt der Max.“

„Kenn’ ich nicht.“

„Eben darum komm’ ich, von ihm erzählen soll ich, damit auch Ihr auf eine kleine Weil’ mich so gut aufnehmt, wie ich’s bei ihm gehabt.“

Da nahmen sie ihn auf. Freilich nur für eine kleine Weile. Aber lang genug, um, wenn der Krieg aufs neue angepoltert kam: „Wo ist der Flüchtling, daß ich ihm den Hals umdrehe?!“ mit wieder ausgeglich’nem Herzen lächelnd zu erwidern: „Bedaure, schon verzogen, wenn Sie ihn treffen, bitte ihn von mir zu grüßen.“

Er hat ihn nie erwischt, der Weltkrieg, solang’ er auch schon währt. Immer ist er anderswo, als wo er grad’ gemordet werden sollte. Und er hat schrecklich viel zu tun. Wenn mich nicht alles täuscht, demnächst mehr noch als der Weltkrieg. Und immer größer wird er, immer stärker, trotz des Weltkriegs. Wenn ich recht berichtet bin, demnächst größer gar und stärker, als der Weltkrieg selbst. Und es geht ein Tuscheln um im Land, daß die Jagd sich demnächst umdreht. Daß aus dem Verfolgten ein Verfolger wird. Dann aber mag es sein, weil der Spruch um soviel flinkre Füße als der Weltkrieg hat, daß dem der Hals herumgedreht wird vom „Worauf-freuen-wir-uns-jetzt?“

Noch ist es nicht so weit. Noch hat er ihm den Hals nicht umgedreht. Noch hilft er anderen beim Sterben. Vor kurzem seinem eignen alten Herrn, dem Max. Ich selber hab’ ihn sterben sehn. Er ging geschwind durchs Tal der letzten Schmerzen auf den Kamm, der vom Jenseits scheidet. Jetzt stand er droben und überdachte in den Kissen seine eingesunkenen Augen: „Und worauf freuen wir uns jetzt?“

In deinem Alter

Ich habe eine Statistik über Ermahnungen von Eltern an ihre Kinder angelegt. Es gibt Statistiken über dreiundzwanzigtausendachthundertfünfundsechzig Dinge, von der Gewichtsabnahme bei spiritistischen Sitzungen bis zum Senfverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung. Warum also nicht auch einmal eine Ermahnungsstatistik zwischen Eltern und Kindern?

Zuerst dachte ich, solcher Ermahnungen gäbe es so viele wie Sand am Meer. Nämlich, wenn man vom Auftakt ausging. Ich notierte mir:

„Laß das, Hansi...“

„Pfui, Lotte...“

„Schämst dich denn gar nit, Mariele...“

„Nein, jetzt aber so was, Trudi...“

„Fritz, Fritz...“

„Da soll denn doch ein Hageldonnerwetter, Max...“

„Ei ei, Maxeli...“

„Potz Blitz und Karawanken, Junge...“

„Na, warte, Karl...“

„Junge, Junge, Junge...“

Auch die Fortsetzungen waren noch einigermaßen verschieden. Aber der Schluß, der Schluß war stets derselbe. Alle, alle liefen sie in einen einzigen Schlußsatz aus:

„In deinem Alter habe ich...“

Das heißt, was die Eltern in dem Alter ihrer Kinder hatten, waren, taten oder unterließen, ging ja auch wieder scheinbar auseinander, aber in Wirklichkeit war’s doch dasselbe. Denn es kam immer auf eine unabänderliche Bravheit oder Wohlanständigkeit hinaus, ob sie sagten:

„In deinem Alter habe ich nicht soviel Butter auf das Brot bekommen...“, oder

„In deinem Alter habe ich noch gar nicht gewußt, wie ein Theater von innen ausschaut...“, oder

„In deinem Alter hatte ich noch keine Ahnung von einem Federhut...“, oder

„In deinem Alter ist uns der Schnabel sauber geblieben von...“, oder

„In deinem Alter hätten wir es nicht gewagt, zu...“, oder

„In deinem Alter würden wir uns zu Tode geschämt haben, wenn...“, oder

„In deinem Alter würden wir uns die Finger darnach abgeschleckt haben, wenn unsere Eltern...“, oder

„In deinem Alter wären wir kreuzfroh gewesen, wenn...“, oder

„In deinem Alter hätte man uns verwichst, daß wir nicht mehr stehen, sitzen oder liegen hätten können, wenn wir uns unterstanden hätten...“

Der letzte Satz hat den erhebendsten Eindruck auf mich gemacht. Nämlich, weil die betreffende ungezogene Liesel, an die er mit Augenrunzeln und Donnergepolter gerichtet war, darauf erwiderte:

„Ah, Vater, das muß aber fein gewesen sein.“

Der entsetzte Vater brachte mit Mühe und Not ein „Warum?“ heraus.

„Weil, wenn ihr nicht mehr stehen, liegen oder sitzen konntet,“ sagte Liesel ernsthaft und ganz in einer Vorstellung versunken, „dann habt ihr ja fliegen müssen, Vater.“

Nein, bitte, das war durchaus nicht frech, sondern sachlich. Denn Kinder sind in diesen Dingen immer sachlich. Während die Eltern in Dingen der Ermahnung ... nun, ich habe neulich bei einem Vater, mit dem ich selbst einmal zur Schule ging, merkwürdige Dinge festgestellt.

Da war ich also bei Rechnungsrats eingeladen. Rechnungsrat Übelacker ist ein prächtiger Vater zu seinen Kindern. Aber wenn Gäste da sind, so ermahnt er sie. Er ermahnt sie unter allen Umständen. Vielleicht glaubt er, es gehöre zum guten Ton, oder er sei das seinen Gästen schuldig, oder seinen Kindern, oder sich selber, ich hab’s nie herausbekommen können. Aber mir hat er immer leid getan, wenn wir schon beim Obst angelangt waren und mein Freund, der Rechnungsrat Übelacker, bereits anfing, ungemütlich auf seinem Stuhle hin und her zu rutschen, weil bis anhin die Kinder noch nicht den geringsten Anlaß zur Ermahnung zu geben schienen.

So war’s auch diesmal. Ich konnte es nicht mehr ansehen. Ich nahm mich zusammen und schnitt dem regierungsrätlichen Fritzl eine heimliche Grimasse über den Tisch hinüber. Natürlich lachte er. Ich verlängerte meine Grimasse ins Erstaunte. Natürlich platzte er jetzt fast vor Lachen.

Sofort lösten sich des Regierungsrats gespannte Züge wohltätig, als er jetzt mahnend an seinen Teller klopfen und verkünden konnte:

„Fritz, das muß ich dir denn doch sagen, in deinem Alter habe ich niemals ein so blödsinniges Gelächter aufgeführt -- mach’, daß du vor die Türe gehst, damit -- damit du weißt, wie man sich bei Tisch anständig beträgt.“

Ich dachte mir, es sei sehr unwahrscheinlich, daß man das anständige Benehmen bei Tisch vor der Türe draußen erlernen könne und drückte diesen Gedanken in einer dritten heimlichen Grimasse aus, für mich privat natürlich. Ebenso natürlich schepperte aber der Regierungsratsfritz darüber vor Lachen und ging ein drittel betrübt, ein drittel vergnügt und ein drittel ahnungslos vor die Türe.

„Es ist ein Jammer mit den Kindern heutzutage“, sagte Rat Übelacker etwas unsicher zu mir.

„O,“ sagte ich, „nicht nur heutzutage, es war zu unserer Zeit nicht besser, aber dafür schlimmer.“

„Sooo?“ sagte mein Freund, der Regierungsrat.

„Ja, ich erinnere mich an zwei Buben, die einem Gaste gegenübersaßen, der einen kleinen unscheinbaren Haarbüschel auf seiner Nasenspitze hatte.“

„Soo?“

„Ja, und so oft das auftragende Mädchen die Türe öffnete, bewegte sich dieser kleine Haarbüschel im Zugwind zuerst empört, dann ergebungsvoll und schließlich fröhlich.“

„So?“

„Ja, und das machte den beiden Jungen einen solchen Heidenspaß, daß sie sich beinahe kugelten vor Lachen.“

„So, am Tisch?“

„Freilich, so daß der Vater schließlich sagen mußte, das sei ja ein schandbares Betragen, und als er so jung gewesen sei, habe man Kinder mit derartiger Aufführung jämmerlich verhauen, und er solle sofort vor die Türe gehen, damit er besseren Anstand lerne, der Heinrich.“

„Der Heinrich?“

„Ja, natürlich, der Heinrich, denn es ging doch nicht gut an, mich als eingeladenen Jungen auch vor die Türe zu setzen.“

„Dich? und der andere --?“

„Der andere? aber das warst doch natürlich du, Heinrich.“

„Soso -- hm ja -- soso --“

In diesem Augenblicke schien das anwesende Erziehungsfräulein Nasenbluten zu kriegen. Wenigstens ging sie mit dicht angepreßtem Taschentuch auch rasch vor die Türe. Und es war mir nur schleierhaft, warum sie dabei das ganze Gesicht zudecken mußte.

Gleich darauf schien der Frau Regierungsrat ein Apfelbröckchen in den unrechten Schlund gekommen zu sein, so daß sie ein merkwürdig komisches Gesicht machen mußte und von ihrem Gemahl einen unbeschreiblichen Blick erhielt. Was sie veranlaßte, ebenfalls ein wenig vor die Türe zu gehen.

„Da wir jetzt unter uns sind,“ begann der Regierungsrat unbehaglich, „so muß ich dir schon sagen...“ Ich merkte sofort, daß es eine umfängliche Predigt werden sollte und sagte:

„Komm, alter Junge, sei nicht tragisch -- dein Sohn ist im übrigen ein famoser Kerl.“

„Famoser Kerl, wieso?“

„Ei, er hat kein Wort davon gesagt, daß ich mit meiner Gesichterschneiderei an seinem Gepruste schuld war.“

„Du? Nun, da muß ich denn doch sagen -- hm ja, ich meine, ich glaube, du hättest diese Geschichte, an die ich mich übrigens gar nicht mehr erinnere, nicht gerade jetzt -- und im übrigen vermute ich, daß ich damals nicht so entsetzlich geprustet habe, wie mein Fritz vorhin -- wenn du’s schon erzählen mußtest, dann hättest du doch wenigstens auch diesen Unterschied --“

„Aber Heinrich, dann hätte ich ja auch den andern Unterschied --“

„Welchen andern Unterschied, bitte?“

„Nun, ~du~ hast damals, als du vor die Türe gehen mußtest, nicht vergessen, darauf aufmerksam zu machen, daß eigentlich das luftbewegte Haarbüschelchen auf des Fremden Nase dran schuld war, während dein Fritzl heut’ mich nicht verraten hat, sondern erheblich netter war, als du in seinem Alter damals --“

„Hem, hast du auch fernerhin die Absicht, alte Freunde derart bloßzustellen --?“

„Mit Vergnügen, solange sie nicht zugestehen wollen, daß sie im Alter ihrer Söhne ganz genau so frech, so dumm, so nichtsnutzig, so unbekümmert und so -- kreuzvergnügt gewesen waren, gottseidank, als eben diese Söhne.“

Der Rauchtisch

Rauchtische sind eine merkwürdige Erfindung. Ich glaube, Nichtraucher haben sie erfunden.

Zu meinem Geburtstage versetzte mir die Mutter meiner Frau mittels Eilgut unter Wertangabe einen Rauchtisch. Gut, daß „Rauchtisch“ auf dem Frachtbrief stand. Ich hätte ihn sonst für einen Telegraphenapparat mit Gestell gehalten. Aber was ich für einen Morseticker ansah, war ein Kerzenhalter. Hol’ mich der und jener, wenn die Aschenschale früher keine Streifenspule war.

„Fehlt nur noch der Draht“, murmelte ich.

„Pfui,“ sagte meine Frau, „Geld willst du auch noch!“

„Ja,“ bekannte ich, „auch für eine Banknotenpresse könnte man es halten.“

„Schäm’ dich, jeder Laie sieht doch, daß --“

„Laie? Ja, das ist es: ein Rauchtisch für Nichtraucher.“

„Mann, Mann, ich werde meiner Mutter schreiben, daß sie selbst kommt und --“

Ha, Daumenschraubenmuttern! Ich erschrak. Schweiß brach aus. Ich wurde feig. Ich hob drei Finger. Ich verleugnete meinen gesunden Rauchverstand. Ich schwor, daß es ein Rauchtisch sei. Ein moderner Rauchtisch. Ich schwor, daß nur ein Idiot den Streichholzständer für einen Morsedrücker halten könne. Unleugbar sei es allerdings, daß das Gestell aus drei Makkaroni in Todeszuckungen bestünde. Aber das sei eine geniale Stilidee des Rauchtischarchitekten. Ich schwor, in meinen ausschweifendsten Träumen hätte ich mir immer so etwas gewünscht.

„Ist gut,“ sagte meine Frau mißtrauisch, „nun schwöre noch, daß du ihn täglich benutzen wirst.“ Was war zu tun? Gott, was schwört der Mensch nicht alles, wenn er in Gefahr ist.

Ich benutzte ihn täglich. Zunächst als Handtuchhalter. Damit war er zugedeckt, unsichtbar und gnädig.

Aber meine Frau kam hinter die Gnade und das Handtuch, entfernte beides und zwang mich, angesichts des Tischchens zu rauchen. Davon wurde mir schlecht. Ich tat es den drei Makkaroni gleich und phantasierte. Es kam der Arzt.

„Denken Sie, Herr Doktor,“ sagte meine Frau, „das Nikotin ist ihm ins Blut gegangen, er hält das da für einen Briefkasten mit Gestell.“

„Unglaublich,“ sagte der Arzt, „eine türkische Gebetsmühle für einen Briefkasten zu halten!“

Empört holte meine Frau einen andern Arzt. Ich konnte ihn einen Augenblick allein sprechen: „Doktor, seien Sie barmherzig, befreien Sie mich von diesem Ding da!“

„Es ist doch ein ganz netter Schirmständer,“ sagte er, „na, wenn Sie ihn durchaus nicht haben wollen, könnten Sie ja im Fieber --“

Ich verstand, und schlug im Fieber den Rauchtisch kurz und klein. Nach dem Anfall lagen die Makkaronifüße unter meinem Bett. Die Rauchtischplatte war hinter den Bücherschrank gekugelt. Die Aschenschale hatte sich auf das Gardinenbrett geflüchtet, während der Kerzenhalter sich durch das offene Fenster auf den Aschenhaufen niederließ.

Ich hielt die Sache für erledigt und genas. Ich wußte nicht, daß eines Weibes Liebe die zerrissensten Dinge wieder zusammenleimt: an meinem Namenstag stand der reparierte Rauchtisch als Neugeschenk neben meinem Bett und grinste verdrehter und hämischer als je.

Freunde rieten mir zu einem Umzug. Bei Umzügen verschwänden oft die unglaublichsten Dinge, sagten sie. Also wurde umgezogen. Während meine Frau die Möbelträger hin und her schob, rannte ich mit dem Rauchtisch auf den Speicher, ließ ihn in die hinterste Ecke verschwinden und schmiß Lumpen drauf und Hobelspähne.

Der Möbelwagen war gepackt. Der Kutscher wollte knallen. „Noch nicht“, sagte meine Frau und ging zum letztenmal spähend durch die Räume. Ha, gewonnen -- leer kam sie zurück.

„Hü!“ will der Kutscher rufen. Springt über die Straße eine Katze mit einem gestohlenen Fleischstück. Schreiend hinter ihr eine Köchin. Die Katze das Stiegenhaus hinauf, Stock um Stock. Die Köchin ihr nach, Stock um Stock. Man hört’s vom Dach herab rumoren. Auf einmal --

Durch das offene Speicherfenster saust elegant die Katze, landet unbeschädigt mit dem Fleischstück auf dem Pflaster --

„Mistviech, elendig’s!“ schreit’s herunter. Durch die Dachluke saust, gleich elegant geschwungen, das Rauchtischchen. Geschickt fängt es der Oberpacker auf: „G’hört das noch dazu, gnä’ Frau?“

Da stand es also auch in der neuen Wohnung und glotzte weiter hämisch. Ich gab ihm Püffe über Püffe. Es hielt sie aus und glotzte. Täglich warf ich meine Stiefel nach ihm. Es glotzte. Ich arrangierte einen kleinen Hausbrand. Das erste, was gerettet wurde, war der Rauchtisch. Ich bat meinen Neffen, chemische Experimente mit fressenden Säuren auf dem Rauchtisch auszuführen. Die Säuren fraßen alles, nur nicht meinen Rauchtisch.

Immerhin, zum Lackieren müsse er, sagte meine Frau. Ich besuchte den Lackierer. „Mann,“ sagte ich, „daß das Handwerk jetzt mit Arbeit überhäuft ist, weiß ich. Ich könnte es verstehen, wenn das Stück erst nach Monaten an die Reihe käme. Ja, ich würde es sogar begreifen, wenn es überhaupt nie fertig würde.“

Er sah mich prüfend an. „Nee, mein Lieber,“ sagte er, „Sie fangen mich nicht, Sie Handwerkslästerer!“ Am nächsten Tage teilte er telephonisch mit, daß der Tisch lackiert sei. Ich war es auch.

„Kathi,“ sagte meine Frau, „holen Sie ihn ab.“

„Kathi,“ sagte ich, sie heimlich auf die Seite nehmend, „wenn Sie ihn unterwegs verlieren sollten -- hier sind drei Mark -- Sie verstehen.“

Für drei Mark versteht die Kathi irgend etwas. Heulend kam sie heim. „Gnä’ Frau -- huhu -- stehen lassen in der Straßenbahn -- huhu --!“

Meine Frau versteht keinen Spaß. Nicht für drei Pfennig. „Kathi, wenn’s nicht mehr zum Vorschein kommt, ziehe ich am Lohn fünf Mark ab -- marsch, ins Fundbureau!“

Kathi sah mich an. Ich zwinkerte ihr zu, ich käme doppelt auf. Also holte sie das Fundstück von der Straßenbahn ab und verlor’s ein zweitesmal erheblich gründlicher.

Darauf rückte es meine Frau in die Morgenzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden hat und wiederbringt, erhält zehn Mark.“ Und ich in die Abendzeitung: „Wer ein verlorenes Rauchtischchen gefunden hat und behält, erhält zehn Mark.“

Zwei Tage später werde ich im Kaffeehaus vom Skat hinausgerufen. Die Tändlerin Kreszenz Hasenfratz stemmte die Arme in die Lenden: „Sie also sind der verruckte Herr, der wo zehn Mark zahl’n will, wenn ich ihm das Tischerl nicht in seine Wohnung trag’...“

Es kam ein unwiederbringlicher Vertrag zustande. Ich halte mich mit Fug für rauchtischalpbefreit. Aber am nächsten Ersten steht die Kreszenz Hasenfratz wieder mit angestemmten Armen im Kaffeehausgang: „Herr Doktor, so wenig Platz wie ich jetzt hab’ für meine Tandelsachen -- darf ich also wieder um zehn Mark Monatsmiete --“

„Sie -- Sie sind --“

„Regen Sie sich nicht künstlich auf, Herr Doktor, wenn Sie’s nicht aufbewahrt hab’n woll’n, kann ich’s ja morgen wieder Ihrer Frau Gemahlin --“

Seitdem muß ich den Rauchtischschrecken monatlich beschwören. Zehnmarkweise. Als ich das Lösegeld zum siebtenmale in mein Kassabüchlein eingetragen hatte, kommt meine Frau ins Zimmer.

„Mann, ich weiß wohl, was du einträgst“, sagt sie erhaben.

„Um Gottes willen --“

„Sei getrost, ich verzeihe dir.“

„Du liebe Frau,“ sag’ ich erfreut, „ich brauch’ es also nicht mehr kommen lassen?“