Part 2
Das was ich suchen ging: Suchende Augen! Was mich erschüttert und emporfedert!
Was mir wie schluchzendes Jauchzen nach Innen schlägt: Gefundene suchende Augen!
Hell schwimmen sie mir entgegen, glitzernde Wellen. Ich bade mich, umtastet von ihrem Staunen.
Heilig frierend, bin ich der Sieger, bin der Prophet und der König. -- Denn seht: Ich schöpfe die Frage aus euren Augen, den Glanz und das Leben.
MOTIV AUS DER VORSTADT
Da nun die Stadt im fahlen Dampfe lagert Und schwebend überwölkt von gelber Glocke, Gehalten von den Lichtern tiefer Mauern,
Da dünn der Mond und wirklos in den Wolken magert Und merklos spärlich manche Winterflocke Herniederschneit und bleicht und schmilzt nach kurzem Dauern:
Wer hilft mir tragen dieses matte Scheinen Unwirklicher Gebärden solcher Nächte! Wer zündet mir den Schrei, der dies Gewebe
Traumzager Mächte zerreiße und diesen bleichen, feinen, Spinnfadendünnen Gesichtern Zerrüttung brächte: Daß plötzlich groß und glutdurchzuckt die Nacht auflebe!
ZWEITER TEIL.
IV.
SÜDEN
GEBT MIR PARKETT.
ICH WILL DEN GANGES TANZEN . . .
Gebt mir Parkett. Ich will den Ganges tanzen. Ich bin beschwingt und reif entkernt. Von meinen Füßen kreisle Wüstenwind In eure Unterröcke sanfte Damen. Ich höre Sommer brodeln. Und die Affen Schrieen die ganze Nacht in meinem Haar. Mein Mund ist heiser von dem Rot der Wünsche, Und meine Wellenhand ist blank von Krampf. -- Fallt, Uferlose! Oder atmet Süden. Aus meiner Lenden hochgestrengtem Rausch! -- Ihr dumpfen Feinde meiner Leidenschaft: Ich weiß von Gott nichts als das Amen, Das meine Stirn im Niedersinken lallt. Wenn glänzend fremde Zonen sie besonnten. Und mein Gebet ist das besternte Staunen, Das ich nicht sagen darf: -- Denn alle Weiten Der Ebenen, Meere und der Liebe Blutgestammel Traten wie Traum heraus vor meinen Mund.
IN GELBEN BUCHTEN SOGEN
WIR DER FERNEN . . .
In gelben Buchten sogen wir der Fernen Verspühlte Lüfte, die von Städten wissen, Wo Lüste grünen, angerührt vom Wahnsinn. Wir schwammen auf dem Fieberschiff stromauf Und sonnten unsre Leiber an dem Buhlen Waldheißer Panther, die der Sommer quält. Der Klapperschlange nacktes Schlammgeringel Wand sich verstört, als wir vorüberkamen, Und in verschlafenen Dörfern gurgelte die Lust. Ein warmer, satter Wind strich durch die Palmen. -- Ich sah dich weiß von Schlaf. Und als ich von dir ebbte, hoch gehoben Von meinem stolzen, satt gestürmten Blut: O Sturm der Nächte, der mich Blut-wärts zog Zu kühnen, nie entdeckten Ländergürteln: O schwül Geliebte! Strom der Geheimnisse! Verschlafenes Land! Im Süden! O Sommer-Qual!
TORKELTE MIR VOM KOPF DER
SCHLAF . . .
Torkelte mir vom Kopf der Schlaf, Stieß ich das Fenster auf in die Nacht, Kamen die Süchte mit schneidendem Flügelschlagen Und haben im Niederstürzen mich brandig gemacht.
Daß die Abende dürftiger flammen! Und die Nächte windig und düster durchbrannt! -- Ehemals in verschlafenen Wasserbuchten Weiß kamen die Träume und zitterten silbern zum Land,
Zogen die Vögel in sonnigen Streifen Unter dem Nachtlicht nach Norden verweht, Unsere Glieder tranken das Buchtengrün, Und die Wälder der Tiefe vermählten uns spät. --
Haben wir uns im Rausche verloren, Müde verspühlt vom Wasser, als Schlaf auf uns fiel? -- Meine Gesänge durchhallen die Meere Und rufen nach Dir, meine Nächte versilberndes Spiel!
DEINE HAARE WAREN MIR SOMMER
UND GARTENGLÜCK . . .
Deine Haare waren mir Sommer und Gartenglück, An die Vorstadt gebaut. Weite und Wehen. Da fand ich Traum und Körper. Und den Wind, Der meine frühen Nächte überflammte. -- Nun gleite ich manchmal kühl in Booten, Mit hartem Hals: Und ich begreife, daß ich einsam bin.
ICH BIN EIN HAUS
AUS TIEF GEFÜGTEM GLAS . . .
Ich bin ein Haus aus tief gefügtem Glas. Nun kommen alle Menschen, kühl wie Schatten, In meine Brunst und feiern weiche Feste. Glanz, meine Kuppel, die im Klaren tönt, Ein leiser Riß durchzittert ihre Stimme: Du Ferne. Gleitende. Du Klang im Wind!
Die Wagen, die in wachen Straßen Schwebten, Wissen um deinen Gang In zager Nacht.
In dunklen Türmen, die den Abend riefen, Versammeln sich die ungekühlten Fernen:
Ich wünsche Dich! Das Eis zerriß in Schollen: So schrien meine Hände Nach dem Zwei!
Schon krönten junge Lauben meinen Schlaf, Doch schrille Lichter blendeten den Frühling. -- O Taumellose. Groß. Im Städtewald!
WIR FANDEN GLANZ, FANDEN EIN MEER,
WERKSTATT UND UNS . . .
Wir fanden Glanz, fanden ein Meer, Werkstatt und uns. Zur Nacht, eine Sichel sang vor unserm Fenster. Auf unsern Stimmen fuhren wir hinauf, Wir reisten Hand in Hand. An deinen Haaren, helles Fest im Morgen, Irr flogen Küsse hoch Und stachen reifen Wahnsinn in mein Blut. Dann dursteten wir oft an wunden Brunnen, Die Türme wehten stählern in dem Land. Und unsre Schenkel, Hüften, Raubtierlenden Stürmten durch Zonen, grünend vor Gerüchen.
EINE FRANZÖSIN IM SÄCHSISCHEN
SCHWARME . . .
Eine Französin im sächsischen Schwarme, Kühne Frühlinge züngelt ihr Blick, Seichte Gewässer Spielen die Finger über den Tisch, Träumen die Winde von ihrem Gelächter, -- Doch das Café, die Musike und wir und mein flackernder Stift Kreisen belichtet, verebben, mit Bücklingen fließend, Und lassen gekräuselt Im Lächeln Madonna zurück.
NACHTWACHE. ROT.
EIN ATEM RINGT IN UNS . . .
Nachtwache. Rot. Ein Atem ringt in uns. Ein Wind will auf. Voll Fremde, Heimweh-Schluchzen. Wir suchen irr. Nach Fleisch, nach Welt. Nach Lachen. Wir sind umragt von uns. Der Durchbruch stockt. Die Fesseln. Schwer das Blut. Versenkt die Brunst, die stöhnt und aufwärts möchte.
Wir wollen Glanz und Weite, helle Höhen, Vom Meer umweht. Und Küsse, tief ins Fleisch Lechzende Jagd durch flammende Gebirge Nach Panthern, Affen, Frauen Und nach Schlaf. Nach süßen Nächten, die uns schlafen lassen. Wir sind nach Inseln toll in fremden Welten. Denn wir sind außer uns: Vor unsrer Enge! Und bauen immer heiß an unserm Traum.
MEINE NÄCHTE SIND HEISER
ZERSCHRIEEN . . .
Meine Nächte sind heiser zerschrieen. Eine Wunde, die riß. Ein Mund Zerschneidet gläsernes Weh. Zum Fenster flackerte ein Schrei herein Voll Sommer, Laub und Herz. Ein Weinen kam. Und starke Adern drohten. Ein Gram schwebt immer über unsern Nächten. Wir zerren an den Decken Und rufen Schlaf. Ein Strom von Blut wellt auf. Und spült uns hoch, wenn spät der Morgen grünt.
V.
JUGEND
HART STOSSEN SICH DIE WÄNDE
IN DEN STRASSEN . . .
Hart stoßen sich die Wände in den Straßen, Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht, Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.
Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind, Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten, Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind, Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.
Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren, Es müßten Pantherinnen sein, gefährlich zart, In einem wild gekochten Fieberland geboren. Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.
Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen. Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt. Wir leuchten leise. -- Doch wir könnten brennen. Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.
WIR WACHEN SCHON EIN WENIG
HELLER AUF . . .
Wir wachen schon ein wenig heller auf, Wenn uns der Mittag um die Stirnen lodert, Wir sind schon etwas kühner und heißer gespannt. Wenn wir im Spiegel erstrahlen noch jung von Schlaf, Unsere Glieder betastend, prüfend das Spiel unserer Sehnen, Sehen wir jedesmal silbriger uns erstarkt. Die Häuser kommen, geflaggt mit Licht, Leicht und befedert trägt uns das Pflaster, Alle Passanten flammen auf und sind nah. Elektrisch fühlen wir: Wir sind da! Wir können schon sehen. Wir können verstehen. Wir können schon zeichnen In unsern Augen, Hart und zum Schreien wahr. Und unterscheidend, entscheiden wir uns: Wir haben uns unsre Verachtung gemerkt schneidend, Und unser Ja. Nachts, Heimlich, Kommen wir mit unsern Brüdern zusammen. Wir haben den Wein aus dem Kreise verbannt: Rausch ist unsre Gemeinsamkeit, unser Wunsch und das Schweben der Tat, Beide umflackerten unsere Heimlichkeit. Ein Wille schießt aus uns. -- Erblaßt vom Warten: Wir wissen schon den Tag. Wir fiebern schwer. Und sind verdammt, verschwiegen uns die Zeit zu kürzen. Wir sind in Gärten und Terrassen müßig hingelehnt, Und oft will heiß das Blut nach unsern wilden Händen stürzen, Weil sich der Tag zu langsam weiter dehnt.
DIE NÄCHTE EXPLODIEREN IN
DEN STÄDTEN . . .
Die Nächte explodieren in den Städten, Wir sind zerfetzt vom wilden, heißen Licht, Und unsre Nerven flattern, irre Fäden, Im Pflasterwind, der aus den Rädern bricht.
In Kaffeehäusern brannten jähe Stimmen Auf unsre Stirn und heizten jung das Blut, Wir flammten schon. Und suchen leise zu verglimmen, Weil wir noch furchtsam sind vor eigner Glut.
Wir schweben müßig durch die Tageszeiten, An hellen Ecken sprechen wir die Mädchen an. Wir fühlen noch zu viel die greisen Köstlichkeiten Der Liebe, die man leicht bezahlen kann.
Wir haben uns dem Tage übergeben Und treiben arglos spielend vor dem Wind, Wir sind sehr sicher, dorthin zu entschweben, Wo man uns braucht, wenn wir geworden sind.
AUFBRUCH DER JUGEND
Die flammenden Gärten des Sommers, Winde, tief und voll Samen, Wolken, dunkel gebogen, und Häuser, zerschnitten vom Licht. Müdigkeiten, die aus verwüsteten Nächten über uns kamen, Köstlich gepflegte, verwelkten wie Blumen, die man sich bricht.
Also zu neuen Tagen erstarkt wir spannen die Arme, Unbegreiflichen Lachens erschüttert, wie Kraft, die sich staut, Wie Truppenkolonnen, unruhig nach Ruf der Alarme, Wenn hoch und erwartet der Tag überm Osten blaut.
Grell wehen die Fahnen, wir haben uns heftig entschlossen, Ein Stoß ging durch uns, Not schrie, wir rollen geschwellt, Wie Sturmflut haben wir uns in die Straßen der Städte ergossen Und spülen vorüber die Trümmer zerborstener Welt.
Wir fegen die Macht und stürzen die Throne der Alten, Vermoderte Kronen bieten wir lachend zu Kauf, Wir haben die Türen zu wimmernden Kasematten zerspalten Und stoßen die Tore verruchter Gefängnisse auf.
Nun kommen die Scharen Verbannter, sie strammen die Rücken, Wir pflanzen Waffen in ihre Hand, die sich fürchterlich krampft, Von roten Tribünen lodert erzürntes Entzücken, Und türmt Barrikaden, von glühenden Rufen umdampft.
Beglänzt von Morgen, wir sind die verheißnen Erhellten, Von jungen Messiaskronen das Haupthaar umzackt, Aus unsern Stirnen springen leuchtende, neue Welten, Erfüllung und Künftiges, Tage, Sturmüberflaggt!
_NACHWORT_
Am 26. September 1914 fiel der Leutnant und Kompagnieführer E. W. _Lotz_ auf dem westlichen Kriegsschauplatz.
E. W. Lotz wurde 1890 in Culm a. d. W. geboren, lebte in Wahlstadt, Karlsruhe, Plön und im Kadettenkorps Lichterfelde. Mit 17 Jahren wurde er Fähnrich im Infanterie -Regiment Nr. 143 zu Hamburg, nach dem Besuch der Kriegsschule in Cassel Leutnant im gleichen Regiment. Anderthalb Jahre war er Offizier, dann nahm er den Abschied.
Das Gedichtbuch »Wolkenüberflaggt« wurde von E. W. Lotz im Sommer 1914 für den Druck vorbereitet. Es enthält im wesentlichen Gedichte aus seinem letzten Lebensjahr.
Die Herausgabe des gesamten literarischen Nachlasses, soweit er bei kritischer Durchsicht der Veröffentlichung wert erschien, habe ich mir für die Zeit nach dem Kriege vorbehalten.
Henny Lotz
INHALT
ERSTER TEIL I. Glanzgesang
Glanzgesang 5 In deinem Zimmer 7 Der Tänzer 8 Licht 9 Frühlingsatem 10 Die Luft steht grünverschleiert . . . 11 Der Zärtling 12 Begreift! 13 Der Schwebende 14
II. Wolkenüberflaggt
Wolkenüberflaggt 17 Ich flamme das Gaslicht an . . . 18 Weiß über den Weiten 19 Schlaf-wach 20 Abendspiel 21 Und schöne Raubtierflecken . . . 22 Ich schleppe meine Stunden . . . 23 Spät über den Häusern . . . 24 Deine Hände 25 An Ernst Stadler 26
III. Bilder
Die Heide-Touristen 29 Elbstrand 30 Erster Mai 31 Der Prophet 32 Die Straße 34 Keine Sterne 35 Erscheinung 36 Motiv aus der Vorstadt 38
ZWEITER TEIL IV. Süden
Gebt mir Parkett. Ich will den Ganges tanzen . . . 41 In gelben Buchten sogen wir der Fernen 42 Torkelte mir vom Kopf der Schlaf . . . 43 Deine Haare waren mir Sommer und Gartenglück . . . 44 Ich bin ein Haus aus tief gefügtem Glas 45 Wir fanden Glanz, fanden ein Meer, Werkstatt und uns . . . 46 Eine Französin im sächsischen Schwarme . . . 47 Nachtwache. Rot. Ein Atem ringt in uns . . . 48 Meine Nächte sind heiser zerschrieen . . . 49
V. Jugend
Hart stoßen sich die Wände in den Straßen . . . 53 Wir wachen schon ein wenig heller auf . . . 54 Die Nächte explodieren in den Städten . . . 55 Aufbruch der Jugend 56
_Nachwort_ 57