Woher die Kindlein kommen

Chapter 2

Chapter 21,735 wordsPublic domain

Aber schaut, liebe Kinder, dort die untergehende Sonne spendet uns Trost in solchem Leide, sie hält uns eine mächtige Predigt von der Unvergänglichkeit des Lebens. Denn so wie sie jetzt niedersinkt und Dunkelheit zurückläßt, aber strahlend am Morgen wieder emporsteigt zum neuen Tage, so wird auch ein verstorbenes Kindlein neu erwachen zu schönerem Leben. Und gleich wie die Sonne nach langem Winterschlafe neues Leben aus der toten Erde hervorzaubert, so daß Blättlein und Blümlein sprießen überall, so wird auch Gott die in ihm Entschlafenen erwecken zu herrlichem, ewigem Leben.

Und die Sonne, die das zu stande bringt, ist unser Herr Jesus Christus. Er selber ist das Leben, durch ihn hat Gott die Welt und auch uns erschaffen, und seine Verheißung lautet: Ich lebe, und ihr sollt auch leben! Und nun denkt euch, wiewohl er der Sohn des allmächtigen Gottes ist, ist er doch ein armes kleines Kindlein geworden, wie wir. Mit Schmerzen hat ihn Maria geboren, und nicht in vornehmem, prächtigem Haus, sondern in einem Stall zu Bethlehem. Bleich und müde lag sie da, als die Hirten kamen, um das Jesuskindlein anzubeten. Und so ist durch das Wunder der Geburt der Herr Jesus unser Bruder geworden, unser wahrhaftiger und leiblicher Bruder. War schon vorher die Geburt eines Menschen etwas Hohes und Heiliges, so ist sie es noch viel mehr, seit der Herr Jesus als kleines Kindlein zur Welt gekommen. Und bedeutete es schon vorher eine hohe Ehre und Würde für die Frauen, dem lieben Gott helfen zu dürfen bei der Erschaffung neuer Menschen, so jetzt noch viel mehr, seit Maria gewürdigt wurde, den König aller Könige unter ihrem Herzen zu tragen!« --

Unterdessen war die Dämmerung hereingebrochen. Die Kinder saßen da in tiefem Entzücken. Noch nie hatte ihnen jemand so herrliche Dinge erzählt. »O Onkel, wenn du nur immer da bleiben würdest!« brach jetzt Hannchen das Schweigen. Es schlang seine Ärmchen kosend um den Onkel und wollte ihm auf die Knie klettern. Er aber stellte die Kleine sanft auf den Boden und erhob sich. »Bleibt ruhig da,« mahnte er, »ich gehe jetzt leise hinauf, und wenn euer Mütterchen es erlaubt und wohl genug ist, will ich euch alle rufen.«

Mit großer Herzlichkeit wurde er droben empfangen und gleich zum Bett seiner Schwester, die die Mutter der Kinder war, geführt. »Ist alles gut gegangen?« war seine erste Frage. »Gott sei Dank,« antwortete sie freudig, »der Arzt ist sehr zufrieden. Wir haben ihn zur Vorsorge kommen lassen, aber er brauchte nicht einzugreifen. -- Aber nun hör' mal, Theophil, seit wann bist du eigentlich hier, dein Zug kam doch vor vier Uhr an, und jetzt ist's bald sieben?« Der Onkel lächelte schalkhaft und sagte: »In eurer prächtigen Gartenlaube bin ich gesessen, da ist es so schön!« »Ganz allein?« »Ganz allein mit deinen sechs Kindern und ihren Cousinen. Ich habe ihnen eine Geschichte erzählt!« -- »O, du goldiger Bruder, drum war es so still seit zwei Stunden; nicht einmal von Hannchen, dem Wildfang, habe ich einen Laut gehört. Was erzähltest du denn?« »Etwas sehr Schönes: Wie der liebe Gott die Kindlein erschafft!«

Groß und verwundert blickte Frau Hotze ihren Bruder an; »ist es dein Ernst, Theophil?« »Mein völliger Ernst! Du kennst ja seit langem meine Überzeugung in dieser Hinsicht; wir wollen unsern Kleinen das köstliche Geheimnis nicht so lange vorenthalten, bis Kameraden auf der Straße es ihnen, vielleicht auf eine gar unschöne Weise, beibringen. Und da ich wußte, daß du erst kürzlich die gleiche Ansicht geäußert, habe ich die Gelegenheit ergriffen und den Kindern erzählt von den Wundern des Lebens!«

Da verklärte dankbare Freude der Mutter Antlitz. »O du lieber Bruder, komm her, daß ich dir danke. Welch großen Dienst hast du mir getan. Schon lange paßte ich auf eine Gelegenheit, meine Kinder in dieses Geheimnis einzuweihen, aber sie wollte sich nie bieten. Dazu braucht es eine ruhige Stunde, aber wo findet man die in unserm lebhaften, arbeitsreichen Haushalt? Habe herzlichen Dank! Doch nun bring mir die Kinder, die lieben, damit sie ihr Schwesterchen sehen und ich sie umarme, denn nun verlangt es mich doppelt nach ihnen.«

Das ließ sich der Onkel nicht zweimal sagen, und bald stand er wieder vor der Laube im Garten, wo die Kinder eifrig flüsternd im Halbdunkel saßen und klopfenden Herzens auf den großen Moment warteten, da man sie rufen würde. »Nun dürft ihr alle kommen«, sagte er mit gedämpfter Stimme, »aber seid ja recht ruhig!«

Das letztere hätte der Onkel nicht zu sagen brauchen, denn ganz von selbst gingen alle auf den Zehenspitzen über die Kieswege, dann leise über die Treppen hinauf, und jetzt standen sie vor der geheimnisvollen Türe. Keines wagte zu öffnen, fast hörbar klopften die Herzen. Da drehte sachte der Onkel den Riegel, und im stillen Gänsemarsch traten sie über die Schwelle und sahen die Mutter, etwas bleicher als sonst, in den Kissen liegen.

Aber jetzt konnte sich Hannchen nicht länger halten. Mit einem Jubelschrei stürzte es sich an das Bett, kletterte wie ein Kätzlein hinauf und umarmte stürmisch die Mutter, als wollte es sie nie mehr loslassen. »Mutti, hast du stark Schmerzen gehabt?« fragte die Kleine. »Nein Herzchen, diesmal nicht so sehr, das letztemal war es schlimmer!« »Das letztemal? O Mutti! das war ja ich! aber ich kann ganz sicher nichts dafür. Und gleichwohl hast du mich lieb?« »Erst recht, mein Hannchen; alle hab' ich euch mit Schmerzen geboren, drum seid ihr alle mir so lieb.« Und eins ums andere kam, um die Mutter zu küssen, und mehrmals war die Wange ganz naß, die die Kinder an das Angesicht ihres Mütterchens schmiegten.

Jetzt aber kam das Schwesterchen an die Reihe. Winzig klein, die Äuglein geschlossen, lag es warm eingehüllt in seinem Korbe und hatte keine Ahnung, daß es von vielen neugierigen Kinderaugen liebend betrachtet werde. Keines wagte sich ganz nahe, nur Hannchen streckte ihren rechten Zeigefinger aus und tupfte ganz sachte an das Näslein der Kleinen, um zu sehen, ob es auch wirklich warm und lebendig sei. Dann kam Frau Burkhard und führte die Kinder hinaus. Luise gab ihnen das Nachtessen, und bald lag jedes sanft schlafend in seinem Nestchen, nachdem noch der Onkel statt der Mutter die Runde gemacht und ihnen den Gute-Nacht-Kuß gegeben hatte. --

Am andern Vormittag durften alle Kinder ins Schlafzimmer, um zu sehen, wie Julchen -- so mußte das neue Schwesterchen heißen -- den ersten Schoppen bekam an der Brust seiner Mutter. Hannchen stand zur Erlangung besserer Übersicht auf den Schemel und war ganz entzückt über die lustige Weise, wie Julchen seinen kleinen niedlichen Mund spitzte zum Saugen.

»Aber Mutter, warum gibst du dem Kinde nicht aus der Flasche, wie Tante Gertrud?« fragte Hannchen ganz erstaunt; »habe ich denn auch an deiner Brust getrunken, als ich klein war?« »Natürlich, mein Kind,« antwortete die Mutter, »euch allen habe ich von meiner Milch geben können. Denn der liebe Gott schafft nicht nur die Kinder im Schoß der Mutter, sondern er gibt ihr auch eine Nahrung in ihre Brust, von der das Kind trinken soll nach der Geburt, manchen Monat lang, bis es seine Zähne bekommt und sitzen kann.« --

Nach dem Mittagessen erschien der Vater, der von einer großen Geschäftsreise heimkam und nicht wenig erstaunt war über das vorgefallene große Ereignis, das er erst für die nächste Woche erwartet hatte. Hannchen wich nicht von seiner Seite und erzählte ihm alles genau, so daß ihr Plaudermäulchen keinen Moment stille stand. »Und weißt du,« berichtete der kleine Wildfang eifrig, »Mutti gibt dem Julchen selber zu trinken, sie braucht gar keine Flasche, und Julchen kann schon ordentlich saugen, ganz von selbst, es hat ihm's niemand gezeigt. Ich will schnell Mutti fragen, ob du auch mal zusehen darfst; wenn du auf den Schemel stehst, siehst du es sehr gut!« --

Abends mußte dann der Onkel verreisen, die drei Großen begleiteten ihn auf den Bahnhof. Als aber vier Wochen um waren, an einem prächtigen Sonntage, da kam er wieder, diesmal samt seiner Frau, der Tante, und zwar zu Julchens Taufe als Pate. Groß war die Freude im Hause Hotze! Und als nun gar zwei große Landauer vorfuhren, das Julchen im prächtigen Paradetuch hineingetragen wurde, und auch Muttchen, das längst wieder auf den Beinen war, einstieg, da war der Jubel unbeschreiblich. Karl durfte vorne und Fritz bei der hintern Kutsche auf den Bock steigen, Hannchen aber dem Vater auf den Schoß sitzen. Die drei Großen fuhren mit Onkel und Tante im zweiten Wagen. Kein Wölklein trübte den herrlichen Tag, wie im Fluge gingen nach der ernsten kirchlichen Feier die schönen Stunden zu Hause dahin.

Um sechs Uhr mußten die Basler Abschied nehmen, zum großen Leidwesen aller. Hannchen hätte sicherlich geweint, wenn nicht schnell die Mutter ihm versprochen hätte, es dürfe heute Abend dem Julchen das neue Schlüttli, das die Tante gebracht, ganz alleine anziehen. Das wirkte, und tapfer schluckte es seine Tränen hinunter.

»War's nicht ein schöner Tag, Kinderchen?« fragte der Onkel beim Abschied. »Ja«, riefen sie alle, »aber halt am allerschönsten war es vor vier Wochen im Gartenhäuschen, als du uns erzähltest, wie der liebe Gott die Kindlein erschafft!«

Schlußwort

an alle Kinder, welche diese Erzählung gelesen haben.

So, nun wißt auch Ihr, wie die Kindlein zur Welt kommen, denn es ist wirklich genau so, wie der Onkel berichtete. Nun braucht Ihr nicht mehr die Köpfe zu strecken, wenn ein Bub in der Schulpause ganz leise vom Werden der Kindlein berichtet, oder wenn ein Mädchen auf dem Heimwege meldet, es wolle Euch etwas sagen, aber kein Mensch dürfe es wissen -- und dann erzählt es, wie die Kinder geboren werden. Da sagt Ihr dann einfach: O, das wissen wir schon lange, das hat uns ja die Mutter zu lesen gegeben! Nie werdet Ihr von nun an dabei sein, wenn über diese ernsten Dinge heimlich und unschön geredet wird, und nie werdet Ihr mithelfen, wenn Kameraden lachen über eine Frau, weil man merkt, sie werde bald ein Kindlein haben. Von einer solchen Frau sagt man: sie ist »in gesegneten Umständen«, weil Gott einen großen Segen auf sie gelegt hat; darum sollen wir sie mit Achtung, ja mit Ehrfurcht grüßen. Ist Euch noch etwas nicht klar, so fragt Eure Eltern, die wissen es besser, als vorwitzige Schulkinder. --

So recht werdet Ihr dies allerdings erst verstehen, wenn Ihr groß seid. Vielleicht wird dann dem einen oder andern von Euch auch ein liebes Kindlein geschenkt, und dann werdet Ihr an den Onkel denken im Gartenhäuschen und mit ihm sagen: es ist etwas Herrliches und Wunderbares, wenn der liebe Gott neues Leben erschafft!

End of Project Gutenberg's Woher die Kindlein kommen, by Dr. Hans Hoppeler