Woge und Wind: Eine Strandnovelle in Versen
Part 3
Dann aufzustehen, eh' wir noch vergassen, Wie schön die Stunde war, die wir gelebt, Und einem andern unsern Platz zu lassen --
Ich hab bei dem Gedanken nie gebebt, Wie mancher andere wohl, und muss gestehen, Ich hätte mir ein Schön'res nie erstrebt.
Warum denn auch? Wenn man das Glück gesehen, Vielleicht gehalten mit der eignen Hand, War man nicht reich genug, um nun zu gehen?
Und ist's nicht klug, bevor der Schimmer schwand, Mit dem es uns umgab, von ihm zu scheiden, Aus freien Stücken, eh' sich's uns entwand?
Entgeht man nicht vielleicht nur Schmerz und Leiden, Die künft'ger Tag noch über uns verhängt? Du schweigst? Du willst den Nachtisch doch nicht meiden?
So lange still? Sag, hab ich dich gekränkt?« ›Du quälst mich fürchterlich!‹ »Ich quäle dich --?! Du hast auch recht! Wozu, dass man daran denkt!
Vergib mir, Lieber! Eine Natter schlich Durch meine Rosen. Doch sie ist entflohn. Komm, schau mich an. Du! Liebster! Küsse mich!
Bist du zufrieden jetzt? Ich lache schon!«
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Ein hässlich Wetter heut! Ganz grau die Welt! In dichten Strömen fliesst der Regen nieder, Scharf weht der Wind, kaum schützt das leichte Zelt,
Und kalter Schauer rieselt hin und wieder Durch Mark und Bein. Noch aber weicht man nicht, Nur fester hüllt man in sein Plaid die Glieder.
Mir gegenüber sitzt sie, das Gesicht Dem aufgeschlagnen Buche zugewendet. Doch liest sie kaum; die Seite rührt sich nicht,
Ob sie gleich fünfzigmal schon sie beendet. Was denkt sie wohl? Die finstre Stirne sagt, Dass hinter ihr sich ein Entschluss vollendet.
Nun schaut sie auf: allein das Auge zagt Mich anzusehen. Fremd mit toten Sternen Starrt sie ins Leere und die Lippe wagt
Sich nicht zu öffnen. ›Soll ich's wirklich lernen, Begann ich endlich, einzusehn, dass ich Die bösen Geister nicht mehr kann entfernen,
Dass du unglücklich dennoch bist -- durch mich?‹ Sie schüttelte betrübt das Haupt und wandte Jetzt voll den Blick mir zu: »Du täuschest dich,
Ich bin ganz glücklich!« ›Aber dennoch kannte Ich diese Augen froher einst.‹ »Vielleicht Bis heut! Allein in dieser Stunde sandte
Mein Gott Erleuchtung mir. Nun ist's mir leicht Die Zukunft anzuschauen, die mich quälte. So einfach scheint's und ist so schwer erreicht,
Gradaus des Wegs zu gehen, den man wählte.« ›Und wohin führt er dich?‹ »Zurück! Hinaus!« ›Du willst nach Haus?!‹ »An unsrer Liebe stählte
Sich meine Kraft. Jetzt halt ich alles aus.«
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»Nun sei's zu Ende! Morgen soll ich fort, Mein Mann verlangt nach mir. Wir müssen scheiden.« ›Nein, bitte nicht! Wenn du mich liebst, kein Wort!
Du machst es dadurch schwerer nur uns beiden, Als schon es werden wird.‹ »Es muss nun sein! Doch soll's uns nicht das schöne Glück verleiden.
Du weisst ja auch: ich bin auf ewig dein, Weisst, wie ich deinem Herzen ganz vertraut, Wie stolz ich bin, dass deine Seele mein,
Wie lieb mir wurde deiner Stimme Laut, Und wie ich gern auf diesen schönen Tagen Noch eine schönere Zukunft sähe auferbaut.
Doch fühlst du selbst, wir durften es nicht wagen, Noch mehr zu fordern, als uns schon beschert; Denn zwischen uns und unsern Träumen lagen
Gewalten, die zu mächtig. Es gewährt Das Schicksal nie den Menschen ganz das Glück, Das es im Bilde anschaun sie gelehrt.
An einer Grenze ruft es stets: zurück, Du hast genug! Mehr sollst du nicht empfangen! Noch ginge gern man wohl ein kleines Stück.
Allein die Stimme ruft -- und all Verlangen Wird nicht gestillt. Da heisst es stolz zu schweigen Und umzukehren ohne Hass und Bangen.
So wollen wir auch uns nicht kleiner zeigen, Als uns das Schicksal fordert. Heut'ger Tag Ist unser noch. Will sich die Sonne neigen
Und kommt ein Morgen -- komme, was da mag!«
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»Geh jetzt und lass mich ruhn, geliebter Mann, Denn ich bin müd und eh die Nacht vergangen -- Du willst noch bleiben? siehst mich bittend an --?
So komm! Zum letztenmal! An meine Wangen Lehn deine Stirne und gib die Hände mir; Lass meinen Arm den Nacken dir umfangen,
Und Brust an Brust! So bin ich ganz bei dir Und halte noch einmal, was ich besessen. Die schöne Zeit! Wie war ich glücklich hier!
Und du, nicht wahr? auch du wirst nicht vergessen, Was manche traute Stunde uns gebracht Und Menschenworte nimmermehr ermessen.
Sag -- was war schöner? Wenn in stiller Nacht Ich bei dir lag, ins Ohr dir durfte sagen, Wie all das hier für dich nur träumt und wacht?
Wie -- oder wenn an sonnig-hellen Tagen Am blauen Meere wir spazieren gingen, Mit Wellen spielten, froh im Sande lagen,
Im Zelt geschwatzt von überklugen Dingen, Und ich so gern -- das ist nun meine Art, Von dir mir liess die schönen Blumen bringen?
Die lieben all! ich hab sie wohl verwahrt! Ach bring sie mir -- du kennst das offne Fach, Ich nehm sie mit auf meiner langen Fahrt.
Ihr stummen Zeugen! wie so manchen Tag Habt ihr verschönt! Glaubst du, ich kenn' noch jede. Die rote da -- wart' nur, schon sinn ich nach ...«
So plaudert noch der Lippe muntere Rede, Indes halb träumend schon die Seele zieht Auf dunklem Pfad in schauerliche Öde.
Doch plötzlich bricht sie ab. »Die Stunde flieht -- Nun lass und geh! Ich lege hier mich nieder Und ruh mich noch vor Schlaf, denn ich bin müd.
Hilf mir ein wenig noch. Leg mir die Glieder Zurecht! Die Füsse auch! Nein -- Lieber, du, Küss sie nicht mehr! Das weckt nur alles wieder!«
›Liegst du so gut?‹ »Vortrefflich! Meine Ruh Wird köstlich sein! Am besten wär's für immer! Nein, hab nicht Angst! Ich schwur, dass ichs nicht tu,
So halt ich's auch. In diesem trauten Zimmer War Lüge immer fern! Gern sagt ich dir Zu Nacht noch etwas Liebes, was du nimmer
Vergessen solltest!« ›Sage, dass ich hier Nur eine Stunde glücklich dich gemacht.‹ »Nur eine --? Namenlos! Es schwindelt mir,
Wenn ich dran denke! Doch jetzt gute Nacht.« ›So bleibt's bei morgen?‹ »Ja!« ›Wann seh ich dich?‹ »Im Traum.« ›Und leibhaft?‹ »Wenn du mein gedacht!«
Und schon mich wendend hielt ihr Auge mich. »Noch einen Kuss, den letzten!« flüstert' sie ... Dann schloss sie rasch den Blick. Ich aber schlich
Mich leis hinaus. Mir wankten fast die Knie.
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Am nächsten Morgen, als ich bei ihr pochte, Rief keine Stimme mir wie sonst Herein. Ob sie um diese Zeit noch schlafen mochte?
Das war kaum glaublich. Doch es konnte sein, Dass sie vielleicht zum Scherze nur geschwiegen. Und leis die Tür aufklinkend trat ich ein.
Das Zimmer leer. Beim raschen Überfliegen Nicht eine Spur von ihr -- nicht eine mehr! Nur auf dem Kissen endlich sah ich liegen
Ein weisses Blatt. Ein Briefchen. Zentnerschwer Sank mir's aufs Herz. Dies Blättchen schloss nun ein Was Hoffnung mir und Furcht! Sein Inhalt der:
»Geliebter Freund! Du wirst mir böse sein, Dass ich so heimlich mich hinweggeschlichen, Und hältst gewiss für feig mich, schwach und klein.
Das bin ich auch. Sogar mit dir verglichen, Dem ich doch vorwarf, dass im Hass und Lieben Er allzuviel gezaudert und gewichen.
Wie falsch das war! Du bist dir treu geblieben Von Anfang bis zu Ende. Ich nur nicht, Ich hielt nicht stand! So ward ich fortgetrieben,
Die Woge von dem Wind. Doch reut's mich nicht! Mir ist es heut, als machten wir zusammen Noch einen schönen Gang in Dämmerlicht.
Hell leuchteten der Sonne letzte Flammen Auf unsre Wege, aber Wolken-Tücke Schwoll hoch und höher, bis sie drin verschwammen.
Wir schritten dennoch fort, versenkt im Glücke -- Da standen plötzlich wir vor einer Kluft, Schwarz wie die Nacht und tief und ohne Brücke.
Dich trug dein leichter Flügel durch die Luft, Ich konnte dir nicht folgen. So geschieden Stürzt' ich hinab und mich verschlang -- die Gruft.
Denn was ich vor mir sehe noch hinieden Ist Bessres kaum als Gruft: die Fremde, Ferne, Die einzig birgt wohl, was ich brauche, Frieden.
Ich will versuchen, ob ich drüben lerne Auch ohne Glück den Menschen noch zu dienen. Den Schwachen, Kranken, half ich immer gerne --
War ich's doch selbst! Und wärst du nicht erschienen, Ich wär des gleichen Wegs schon längst gegangen. Ich lese Zweifel jetzt in deinen Mienen,
Doch glaub' mir, es ist wahr! Nur ein Verlangen Hab ich daneben noch: Dass du nicht suchst, Nicht, wo ich bin, noch was ich angefangen --
Dir will ich tot sein. Ob du liebst, ob fluchst, Mir gilt es gleich. Ich werd dich nie mehr sehen. Du sollst es auch nicht. Falls du's doch versuchst,
Treibst du mich nur des letzten Wegs zu gehen, Den ich beinah schon jetzt gewählt. Drum: schweige Und lass ins Jenseits dir mein Bild verwehen.
Ring auch mit Zweifeln nicht und glaub, es zeige Vielleicht ein Ausweg sich. _Nicht jeder kann, Was ihm das Schicksal aufgab._ Also neige
Auch ich mich deinem Muss, mein -- halber Mann. Sei mir nicht gram, dass ich trotz aller Liebe Dir das so offen sag --: die ficht's nicht an!
Glaub nicht, wenn ich des Lebens bunt Getriebe Jetzt lassen muss, dass mir gross Leid geschähe! Das wär nicht wahr! Was mir noch übrig bliebe
Von seinem Schimmer ohne deine Nähe, Gilt mir ein Nichts. Und so gedenke mein Wie einer, die dich gerne glücklich sähe.
Dazu versuche eines: stark zu sein.«
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Unterschiedliche Schreibweisen des Originals wurden beibehalten. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.