Woge und Wind: Eine Strandnovelle in Versen

Part 2

Chapter 23,826 wordsPublic domain

Doch klopft' ich sacht: ganz leise und gedehnt Klang's da: herein. Ich öffnete mit Zagen. Da stand sie selber, die ich heiss ersehnt.

Um sie herum im Zimmer aber lagen Auf Tisch und Stühlen Kleider, Bücher, Schuhe Und was sie sonst zusammen noch getragen.

Und mittendrin vor einer Koffertruhe, Die halbgefüllt von ihrer Arbeit sprach, Stand sie und sah mich an in starrer Ruhe.

›Was hast du vor? was willst du?‹ also brach Das Schweigen ich; mein eigner Laut erschien Mir matt und klanglos vor des Herzens Schlag.

Und sie darauf: »Du siehst -- ich wollte fliehn.« ›Vor wem?‹ »Vor dir -- und mir! Ach wär's gelungen, Zum Besten wär uns allen es gediehn.«

›Und ohne Wort --!‹ »Ich habe schwer gerungen; Ich hab gekämpft, wie einer kämpfen kann ...« ›Und jetzt? Und nun?‹ »Nun ward ich doch bezwungen.«

›Du bleibst? gehst nicht?‹ -- Sie aber sah mich an, Als ob nun nichts ihr mehr zu sagen bliebe: »Kann ich denn gehn, du böser lieber Mann,

Wenn du mich hältst, den namenlos ich liebe?«

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Weisst du wohl, als ich einzog, fragte ich Vorsorglich gleich den Wirt, wer sonst im Haus Noch etwa wohne -- und da nannt' er dich.

Und ich, nichts ahnend, forscht' ihn weiter aus, Nach Alter, Nam' und Stand. Da sagt' er mir, Du seist schon über Jugendzeit hinaus;

Sehr scheu und einsam; wärst zur Heilung hier; Recht krank und elend; überdies ja Frau Und jedenfalls ganz ungefährlich mir.

Ich folgte der Beschreibung, und genau Wie er gesagt, hatt' ich dich mir gedacht. Und heute, wenn ich dir ins Antlitz schau,

Wenn mir dein liebes Auge schelmisch lacht, Wenn ich verspüre deines Körpers Nähe Und wie mich all das Liebe toll gemacht --

Ja, wenn ich nur dran denke -- ich gestehe (Aus meinem Blick hast du's wohl lang gelesen), Dass heut, du Zauberin, in dir ich sehe

Gefährlichste Gefahr, die je gewesen!

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Es liegt in mir ein Hang zur Zärtlichkeit, Ich lieb es, einen weissen Arm zu küssen, Zu streicheln einen Strumpf, ein seidnes Kleid,

Und sitze gern zu meiner Liebsten Füssen. Ein wenig lieb ich auch Koketterie Und finde es noch süss, dafür zu büssen.

Und jetzt erfahr ich -- all das liebt auch sie Und zeigt es mir mit soviel Schelmerei Und Übermut -- (ich ahnt' ihn früher nie!) --

Dass, wäre mein gefangnes Herz noch frei, Es sicher heute anfing, ihr zu schlagen. Nun aber freu ich mich der Sklaverei,

Die sie mir auferlegt seit manchen Tagen. Nur dünkt die Kette oft mir noch zu leicht; Ich liesse willig mich recht weidlich plagen,

Und wär belohnt, wenn sie zum Dank vielleicht Entgeltend überstandene Gefährden Zum Kusse mir die duft'gen Hände reicht.

Wie küsst' ich oft sie, konnte satt nicht werden, Es neu zu tun, wenn neckend sie zum Scherz Sich mir entzog mit reizenden Gebärden!

Doch neu erhaschend drückt' ich sie an's Herz, Schlang fest den Arm um sie und sah sie an -- Dann sprach sie leis -- wie innig Glück und Schmerz

Mir in den Worten lag: »Du lieber Mann!«

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»Komm abends, Lieber, heut in meine Stube, Wenn's dunkel wird. Ich hab dir was zu sagen. Doch komm bestimmt! (Ich freu mich, wie ein Bube

Am Tag vor Heiligenabend!) Willst du fragen, Verrat ich dir ... doch nein! Komm selbst und sieh! Inzwischen freilich musst du's schon ertragen,

Dass ich unsichtbar bleibe. Dein Genie Wird sicher sich die Zeit recht gut vertreiben, Auch ohne mich! Bis abend also! ... Sie ...«

In meinem Zimmer morgens fand dies Schreiben Ich an der Erde liegen, durch den Spalt Der Tür hindurchgezwängt. Daheim zu bleiben

Schien mir unmöglich jetzt. So war ich bald Schon unterwegs, den schmalen Pfad entlang, Den sie so gerne ging, quer durch den Wald

Bis zum geborstnen Stein. Ermüdet sank Ich hier ins Moos, und wo beim letzten Mal Ihr liebes Haupt geruht, küsst' ich zum Dank

Mit heissem Mund die Erde. Süsse Qual, Geliebtes Weh, wie füllst du mir die Brust! Gedanken, Töne, Bilder ohne Zahl --

Und doch nur einer Regung mir bewusst: Dass, wenn die Sonne dort hinabgestiegen Im weissen Raum, der Wiege meiner Lust,

Ich wieder darf zu ihren Füssen liegen!

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Ein zaubrisch Bild aus Schönheit, Lieb und Licht, Ein holdes Spiel von Phantasie und Leben -- Ein wacher Traum -- ein lebendes Gedicht --

Wie nenn' ich's nur? Vergebliches Bestreben! Nur Worte gibt's! und Worte, ach, wie leer, Wenn uns des Daseins Fülle ward gegeben.

Ich trat herein, herzklopfend fast; ein Meer Von Kerzenglanz durchflutete das Zimmer, So sieghaft hell, als wenn es Sonne wär.

Auf Tischen, Spiegel, Schrein und wo sonst immer Ein Platz sich zeigte, festlich aufgestellt Erglänzten Lichte; ihrem hellen Schimmer

Mit schlanken Gräsern schwesterlich gesellt Erglühten rote Beeren, und die Wände Bedeckten Zweige wie ein grün Gezelt.

Inmitten aber all des Lichts, als fände Ich eine Märchenfee, in lichter Seide Stand sie vor mir und reichte mir die Hände.

Kaum kannt ich sie! Von faltig weissem Kleide Umflossen die Gestalt, das wunderbar Die schlanken Glieder zeigte; breit Geschmeide

Um Hals und Nacken, Blumen in dem Haar Und Blumen an der Brust; so stand sie da, Wie ich sie nie gesehn. Ich aber war

Betäubt. Kaum weiss ich selber, was geschah, Bis ich sie endlich fragte: ›Hexlein, sage, Was treibst du hier?‹ Auf Zehen trat sie nah

Und flüstert mir ins Ohr: »An diesem Tage Ward einst dein Lieb geboren.« ›Und du hast, Du böse Liebste -- --‹ »Ei, sieh an! nun klage

Noch, Undank, gar! Du bist bei mir zu Gast! Und ist nicht alles festlich hergerichtet? Schau doch umher! Glänzt's nicht wie im Palast?

Hast du schon selber je so hübsch gedichtet Mit Licht und Blumen? Undankbarer Mann, Was schiltst du noch? Du bist zu nichts verpflichtet,

Wenn dir mein Fest missfällt, und Beifall kann Ich gern entbehren.« Also plaudernd kehrte Sie mir den Rücken. Doch mich packt es an

Mit heisser Glut, und meinen Küssen wehrte Der scheue Mund sich nicht. Dann sprach ich so: ›Wie bist du reich! Was ich auch je entbehrte,

Heut erst, heut bin ich arm! Kaum weiss ich, wo Ich Worte finde, würdig dir zu sagen, Wie du mich glücklich machst!‹ »Des bin ich froh,

Denn schrecklich, glaub mir, wär das zu ertragen.« ›So darf ich gar nichts geben?‹ »Nein, Dein Blut Scheint viel zu hitzig! Doch -- willst du es wagen,

So sag, dass du mich liebst, und dann ist's gut!« ›Die Zunge redet schlecht.‹ »So lass sie schweigen Und sprich mir mit den Augen! Nein -- die Glut

Versengt mein Herz! Du sollst mir gar nichts zeigen, Sollst glauben, dass ich eine Königin, Vor der du, Page, stumm dich hast zu neigen.«

›Doch mancher Page trug gar hohen Sinn!‹ »Dafür ward er bestraft.« ›Doch _nach_ dem Lohn, Den ihm die Königin gab!‹ »Ich aber bin

_Die_ Königin nicht! Der Menge Spott und Hohn Ertrüg ich leicht! Doch bitter muss sich's rächen, Stösst man sein eignes bessres Selbst vom Thron.

Ach, dummes Zeug! Wir woll'n von andrem sprechen!«

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»Man kann so oft von schlechten Frauen lesen, Die ihrem Gatten, den sie einst geliebt, Treulos aus Leichtsinn, Eitelkeit gewesen.

Auch glaub ich gerne, dass es manche gibt, Die früh gezwängt in unwillkommne Ehe Nach schwerem Kampfe doch Verrat geübt.

Ich kann noch fassen, wenn ich's auch nicht sehe -- Es steht in Büchern so, den vielgeduld'gen! -- Dass sich's für manches Herz von selbst verstehe.

Zwar mag ich nicht der leichten Ansicht huld'gen (Weit eher läge mir die strengre nah) -- Doch kann die Tat allein ich wohl entschuld'gen.

Nur eines steht mir wie ein Rätsel da: Wie solche Frau, noch die gestohlne Stunde In Kopf und Herz, dem Mann ins Antlitz sah,

Wie sie hohnsprechend dem geweihten Bunde Noch ihm gehört, noch täglich zu ihm kam Mit frecher Stirn und lügenhaftem Munde!

Wenn unter seinen Blicken sie vor Scham Nicht niedersinkt, fürwahr, ich möchte glauben, Dass jede Dirne zarter sich benahm.« --

›Es liegt mir fern, dein Fühlen dir zu rauben. Allein mir scheint, du bist im Widerspruch, Du willst zugleich verbieten und erlauben.‹

»Ganz oder gar nicht! Wagte ich den Bruch, So sei er ganz gewagt: es muss gelingen!« ›Und wenn doch nicht? -- Es ist der Sünde Fluch,

Dass sich unlöslich tausend Fäden schlingen.‹ »Nein! _eine_ Lösung gibt es stets -- den Tod!« ›Doch wär's nicht stolzer, mit dem Schicksal ringen?‹

»Wie lang? Bis man vielleicht in Schmach und Not Am Boden liegt? Durch List, Gewalt, Verrat Als Sieger sieht -- dem man die Stirne bot?

Sieg oder Sterben steht auf jede Tat, Die, folgend nur dem eigenen Gewissen, Der Menschheit alt Gesetz zu Boden trat.

Das aber ist kein Sieg, wenn ich den Bissen, Der selber mir mein gutes Recht erscheint, Erbetteln muss von tausend Hindernissen.

Und dann -- was will ich noch? Die Welt verneint, Was ich begehr': nun wohl, ich kann's verstehen, Dass man sich's nimmt -- und geht. Jedoch vereint

Mit dem, den man bestahl, durchs Leben gehen, Das trüg ich nicht! eh' brächt' ich selbst mich um! -- Doch es wird dunkel und das ew'ge Wehen

Benimmt den Kopf. Ich denk, wir kehren um.«

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»Sag, was ich dir zu Liebe könnte tun -- Sprich! fordre alles! was ich bin und kann, Ich geb es gern! Ich lieb dich einmal nun

Und will nichts wissen, als dass du der Mann, Der endlich mir das heisse Glück gebracht, Danach ich mich gesehnt von Jugend an.

Was hast du Wunderbarer nur gemacht Aus diesem kalten Herzen? Wie gefunden Den Weg dazu? Und hast du nicht bedacht,

Dass einem andern schon ich bin verbunden Und dir nichts geben darf? Du lieb Gesicht, Bist wirklich du? kein Traumbild nächt'ger Stunden?

Den ich hier halte, hier am Herzen dicht, Bist du es wirklich, der mich angesehen Und mich -- mich liebt? Sprich nicht! o bitte nicht!

Ich glaub, ich träume, und es wär Vergehen, Aus solchem süssen Traume jemand wecken. Schon sah ich nächtens jüngst den Tag erstehen,

Der wie Posaunenton uns wird erschrecken. Ein Schauder fasst mich an -- ich fürchte mich. Geliebter Mensch, kannst du mich nicht verstecken

Vor Welt und Menschen, ganz allein für dich?«

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Im feuchten Sand verfolgend ihrer Schuhe Graziöse Spur, die mir der Mond enthüllt, Schreit ich am Meer entlang. Rings tiefste Ruhe.

Kaum, dass die letzte Welle leise schwillt Und heimlich plätschernd mit dem Silberschimmer Im Sande spielt. Und schau --: welch holdes Bild?

Im kleinen holdverschwiegnen Giebelzimmer Lehnt sie am Fenster -- weisses Mondlicht rinnt Um die Gestalt und küsst mit blauem Flimmer

Den weissen Hals. Sie aber steht und sinnt. Ob er noch kommt? Sonst war er stets schon da --! Wie hell es draussen ist --! Ich bin ein Kind!

Verbot ich's ihm nicht selbst? -- Allein er sah Wohl deutlich, dass ich scherzte. Böser Mann, Nahmst du's für Ernst? Doch nein! er lachte ja

Und fragte noch, ob ich auch lügen kann! -- -- Noch denkt sie so -- da, horch, vor ihrer Schwelle Erklingt ein Schritt -- ganz leise pocht es an,

Die Türe geht -- und in der Dämmerhelle Steht er vor ihr. »Du? Heut? Ich glaubte nicht ...« ›Ich sehnte mich!‹ »Wonach?« -- ›Auf dieser Stelle

Vor dir zu knieen und dein lieb Gesicht Im Mondenschein zu sehn.‹ »So sieh -- und geh! Allein du bleibst?« ›Schau nur, das weisse Licht!‹

»Es malt recht schön!« -- ›Ich aber, wenn ich's seh Auf Arm und Hals und weissen Gliedern weilen, Fürwahr ich glaub, dass ich vor Neid vergeh,

Lässt du mich solche Nacht nicht mit ihm teilen!‹

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»Ich wüsste gern -- --« ›Was, Liebchen, willst du wissen?‹ »Ich wüsste gern, ob du mich wirklich liebst! Versteh mich recht! Du kannst mich jetzt nicht missen --

Das weiss ich wohl, und wenn du Küsse gibst, Glaub ich auch, dass du mein mit Herz und Sinn ...« ›Und ist das nicht genug? Mir scheint, du schiebst

Mir heimlich unter, dass ich treulos bin.‹ »Das glaub ich nicht, allein ihr Herrn Poeten Seid wunderliche Leut'! Ihr liebt so hin!

Sooft ein hübsch Gesicht euch nahgetreten, Gleich brennt ihr lichterloh! und nächstesmal, Kommt's wieder so, seid ihr nicht erst gebeten!«

›Natürlich, ja! Wir lieben sonder Wahl! Wir kennen Liebes-Leid nicht wie ihr andern! Statt tiefsten Fühlens steht bei uns die Zahl,

Und erst Gesetz ist: lasst die Lippen wandern!‹ »Halt an --! Im Ernst: ob jene ew'ge Macht, Die durch das Wasser ehemals Leandern

Zu Hero trieb, auf schwankem Seil bei Nacht Romeo einst zu seiner Julia führte -- Ob diese jemals euch das Herz entfacht,

Das weiss ich nicht. Was ich davon verspürte, War heiss und stark -- und dennoch kann es sein, Dass es genau so andern schon gebührte

Und ich -- trat nur in fremde Rechte ein. Hab ich nicht recht? Gesteh! was kannst du sagen?« ›Du irrst trotzdem! Der Vorwurf lässt uns rein!

Wenn wirklich unsre Herzen schneller schlagen, So ist's, weil Sehnsucht uns den Busen schwellt, Weil wir das Schöne nicht so leicht ertragen.

Als andre wohl, weil wir in dieser Welt Das Abbild jener suchen, der wir dienen, Der Schönheit, die das All umfangen hält.

Und darum, wenn sie jemals uns erschienen, Sei's, wo es sei -- da streben wir ihr zu Und sagen daraus Honig, wie die Bienen.‹

»Sonst nennt man's Schmetterling!« ›Boshafte du!‹ »Im Ernst -- hör auf! ich leiste gern Verzicht!« ›Nur eines noch -- dann lass ich dich in Ruh!

Wer hat wohl jenes köstliche Gedicht Von Romeo, Leandern einst geschrieben, Das dich so tief ergreift? Ein Dichter -- nicht?

Was hältst du wohl von dessen Herz und Lieben? Ein Schmetterling, nicht wahr? Mich wundert nur, Dass noch bis heut sein flüchtig Wort geblieben.

Allein -- was geh ich noch auf fremder Spur Und suche, was vor langer Zeit gewesen! Hier bin ich selbst! Weisst du, was ich erfuhr,

Seit ich dich sah? Kannst du im Aug' mir lesen, Was hier getobt? Ahnst du, geliebtes Weib, Wie ich an dir gekrankt? Und wenn genesen

Ich jetzt nicht von hier fliehe, jetzt noch bleib, Jetzt, da ich weiss, wohin du mich gebracht -- -- Glaubst du, dass flücht'ger Rausch, ein Zeitvertreib

Zum Diebe, zum Verbrecher mich gemacht?‹

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»Ich öffne nicht.« ›Wer sonst?‹ »Tu du's!« ›Nein du. Für dich ist er bestimmt!‹ »Doch will ich nicht.« ›Und wenn ich _auch_ nicht will?‹ »So bleibt er zu!

's ist auch am besten so! Dein Angesicht Ist mir viel lieber, als die Tinte da.« ›Doch --‹ »Still!« -- ›Ich halt's für deine Pflicht!‹

»Ich habe keine, solang du mir nah!« ›So schick' mich fort!‹ »Ich war's nicht, die dich rief.« ›Nun gut, so will ich gehn.‹ »Geh!« ›Soll ich?‹ »Ja!

Ich halt dich nicht!« ›Indes -- der arme Brief ...‹ »Er dauert dich noch gar? Mitleid'ger du, Da nimm! Doch hüte dich! Beim letzten schlief

Ich selber ein! Nun, hoff ich, hab ich Ruh!« So scherzend schnellte mit der Fingerspitze Den Tisch entlang sie einen Brief mir zu.

Er fiel herab; ich beugte mich vom Sitze, Sie aber hielt mich rasch am Arme fest: »Willst du durchaus, dass ich mich noch erhitze?

Was nützt ein Brief, der uns nur wissen lässt, Was wir auch ohne ihn schon beide wissen? Denn Stil und Satzbau sind nicht allzubest,

Und sonst, du weisst wohl selber, wie sie schliessen. Dass ich nicht deine Frau, du nicht mein Mann, Das ist nun so! Doch lass dich's nicht verdriessen,

Ich lieb dich doch! Sag -- wer's verbieten kann?« Sie lachte noch -- doch plötzlich ward sie ernst, Und sah bereuend, ängstlich fast mich an.

Dann sprach sie leis: »Wie schlecht ich bin! Du lernst Von mir fürwahr nichts Gut's! Ich rate dir, Dass du mich bald aus deiner Näh entfernst,

Denn schon verdarb ich dich! und bleibst du hier, Wir werden schlechter noch, bis ich vor Scham Dich nicht mehr ansehn kann; entflieh vor mir --

's ist schlimm genug, dass es schon soweit kam! Nein, sag mir nichts! Die Worte tun mir weh, Ich fürchte, dass ich schon zuviel vernahm --

Sieh mich nicht an! Geh fort! Ich bitt dich -- geh!«

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Auf sie zu warten, wenn sie morgens früh Zur Türe tritt -- mit ihr den Kaffee nehmen, Wenn's geht im Zelt; darüber ohne Müh

Zwei Stunden zu vertun; dann sich bequemen, Ins Bad zu steigen; wenn man fertig da, Im Garten auf sie wartend Platz zu nehmen,

Und da man kaum vom Strand sie kommen sah, Vergnügt ihr wie ein Kind entgegenlaufen, Als wenn uns lang kein solches Glück geschah;

Dann in das Dörfchen gehn, ihr Blumen kaufen; Zurückgekehrt die Mittagstoilette Mit Kunst bewundern, dazu einen Haufen

Verliebter Dinge sagen, gleich als hätte Man Wichtigeres niemals sich erstrebt Und sei ein Mann modernster Etikette --

Das heisst jetzt meine Arbeit! Davon lebt Jetzt meine Seele, die vor kurzen Zeiten Vor solchem Tändeln scheu zurückgebebt!

Und lockt's nachmittags uns, sie zu begleiten, Weil gar zu herrlich Himmel, Wald und Feld, So will kein Atemzug dawider streiten.

Dann geht man ihr zur Seite, sieht die Welt Im Sonnenglanze heiter lächelnd liegen -- Schaut nach den Wölkchen hoch am Himmelszelt,

Aufs blaue Meer, und wie die Möwen fliegen, Und fühlt beglückt, wenn man in Träumen steht, Sich leise eine Hand in unsre schmiegen.

Glückliche Zeit! Ob auch die Stunde geht, Die nächste scheint nur Schön'res noch zu senden Und Lüfte bringen, was der Wind verweht ...

Auf heissersehnten Lippen, lieben Händen Ruht Seligkeit, Entbehrung und Genuss, Und was beglückt, das können sie uns spenden --

Ob all das wirklich einmal enden muss?

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»Träumst du wohl oft?« ›Nicht viel‹ »Doch ich!« ›Von mir?‹ »Wie du neugierig bist!« ›Ich hörte sagen, Wer glücklich ist, träumt selten -- und von dir

Glaubt' ich das gar zu gern.‹ »Ich mag nicht klagen, Träum' ich doch oft von dir!« ›Ich aber fand: Zwar als ich ankam, in den ersten Tagen,

Da ich von fern dich nur und kaum gekannt -- Da kehrtest du mir alle Nächte wieder, Leibhaftig, wie dein Bildnis vor mir stand.

Da war das schwarze Kleid, das deine Glieder So weich umfliesst, des Lackschuhs sanfter Glanz, Vom Scheitel bis zum schmalen Fusse nieder --

Du warst es selbst, kein Traum! Ich sah dich ganz Wie du hier bist! Doch jetzt, seit du mein eigen Und ich dich küsse, will dein Bild -- ich kann's

Selbst nicht begreifen -- sich mir nimmer zeigen.‹ »Doch ich, du lieber Tor, begreif es wohl: Was willst du denn? So lass den Traum doch schweigen.

Ich weiss auch wirklich nicht, was er noch soll! Denn eben jene Lippen, die vor Zeit Im Traum nur winkten, schau -- ist es nicht toll? --

Jetzt küssen sie dich ja in Wirklichkeit!«

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›Du lasest wohl von Liebesleidenschaft In Büchern schon und die Poeten schildern -- Oft schien's zuviel mir -- ihre Wunderkraft

Am liebsten ja! In zauberischen Bildern Enthüllen sie der Liebenden Geschicke Des Lesers Sinnen, nichts besorgt zu mildern.

Wie man entzündet wird vom ersten Blicke, Wie aus dem Fünkchen, bald entfacht zur Glut, Die Flammen aufschlägt, die nichts mehr ersticke.

Sie sagen's alle -- und sie sagen's gut. Nur eines glaubt' ich nie: dass je ein Mann Zum Sklaven werde seinem heissen Blut,

Dass Stunden, Tage, Wochen, wie im Bann Sein Geist, verstrickt in liebendem Versenken, Untätig ruht; der einst soviel ersann,

Jetzt darin schwelgt, nichts mehr als sie zu denken! Und immer regte dann sich mir die Frage: Ist das des Lebens wert? Heut, soll mich's kränken,

Heut bin ich selbst soweit! Seit manchem Tage Leb ich nur dir und meinem heissen Lieben; Weiss selber kaum noch, was ich tu und sage --

Kein einzig Wort, das nicht für dich geschrieben! Kaum ein Gedanke mehr bei Tag und Nacht, Der nicht für dich sich regt! Was mir geblieben --

Nichts als der eine Wunsch, der ewig wacht: Bei dir zu sein! Von deinem Aug' geschieden, Ist Nacht und Tod; hier all, was glücklich macht:

Und alles das dein Werk! Bist du zufrieden?‹

29

Ein warmer Abend war es. Schweigend lagen Wir unter Sternen spät noch an der See. Die Wellen flüsterten. Wie heimlich Fragen

Klang's hin und wieder; dann wie schluchzend Weh, Das Menschenherz durchzieht; und wieder war, Als lachte jemand leise in der Näh.

Mein Haupt im Schosse haltend, sass sie, starr Den Blick aufs Meer gerichtet, lange Zeit. Doch endlich sprach ich: ›So ist's schön, nicht wahr?‹

Sie nickte langsam, gleich als riefe weit Sie ihren Geist zurück aus Weltenferne Dann sah sie an mich voller Innigkeit

Und sprach: »Wohl schön! So schön, dass ich nicht, gerne Mich frage, ob das Ende wir bedacht?« Sie senkte tief ins Antlitz mir die Sterne

Der dunkeln Augen. Wie vom Schreck erwacht, Fuhr ich empor. Doch sie mit weichen Armen Umschloss mich fest: »Sei ruhig! Noch ist's Nacht!

Und kennt die helle Sonne kein Erbarmen -- Was liegt daran? Ich hatte doch einmal Das Glück, an einem Herzen zu erwarmen;

Und trank ich Tod --: ich hatte keine Wahl!«

30

»Mein süsser Freund, seit du mit mir allein, Hast du zwar viel gelernt, doch eins noch nicht, So recht von Grund des Herzens wahr zu sein.

Die Wahrheit, mein' ich, die nicht nur so spricht, Wie sie empfindet, sondern der Geschehen Erst ganz Erfüllung ist, und Handeln Pflicht.

Wie ich das meine, wirst du schwer verstehen. Du bist zu anders, als ich selbst. Du wagst Den Dingen niemals klar ins Aug zu sehen;

Du liebst es allem, was du tust und sagst, Ein Mäntelchen, ein farb'ges, umzuhängen, In dessen Putz du dich recht wohl behagst.

Ein andrer suchte darauf hinzudrängen, Dass, was ihn ganz erfüllt mit inn'rer Wahrheit, Nach aussen wahr auch werde; ihn beengen

Des Zwiespalts Fesseln und er ringt nach Klarheit. Du liebst es in der Dämmerung zu bleiben, Fühlst nicht die Fesseln. Liebenswürd'ge Starrheit

Lässt deine Hände ruhn. Dem andern schreiben Gefühl und Herz die eignen Taten vor -- Du lässt dein Herz erst vom Gescheh'nen treiben.

Ich seh, du leihst nur ungern mir dein Ohr, Nicht wahr, zürnst mir sogar? Ich hab's gedacht. Doch -- glaube mir, ich werfe dir nichts vor!

Du hast dich ja nicht selber so gemacht, Wie du nun bist.« -- ›Und wie denn bin ich wohl?‹ »Ein Kind, das einen Apfel stahl und lacht.

Es sah an Nachbars Baum die Zweige voll Und brach sich einen ab; fragt nicht erst lange Nach wie? woher? und was nun werden soll --

Es lacht, geniesst die Stunde und die Schlange, Die hinterm Busche lauert, ahnt es nicht, Eh' man sie ihm gezeigt. Dann wird ihm bange,

Es schlägt sich schnell die Hände vors Gesicht Und sagt: ich mag nicht sehn! -- Sich so betrügen Ist klug vielleicht -- allein _die_ Kunst gebricht

Mir ganz und gar; ich will mich nicht belügen.« -- ›So bitte, sprich, was kann ich, soll ich nun? Wo fang ich an? Wie mag ich dir genügen?‹

»Nichts! gar nichts sollst du! kannst auch gar nichts tun, Jetzt ist es schon zu spät! Drum lass und komm, Ich sehne mich in deinem Arm zu ruhn,

So bin ich wieder stille, gut und fromm, Wie du mich wünschst! Verzeih, dass Bitterkeit Mich plötzlich so erfasst. Ein Funke glomm

Noch in der Asche! Doch -- ich bin befreit!«

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»Von einer Tafel, wenn's am besten schmeckt, Sich unbemerkt und leise wegzuschleichen, Eh' Überdruss der Speisen Zahl erweckt --

Ich glaub, es mag nicht leicht sein, so zu weichen, Weil manchen lieben Freund man da verlässt, Doch scheint's das Klügste mir für unsresgleichen.

Und wenn das ganze Leben ward zum Fest, Wir wirklich einmal an der Tafel sassen, An der es sich so köstlich schmausen lässt --