Woge und Wind: Eine Strandnovelle in Versen

Part 1

Chapter 13,772 wordsPublic domain

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_.

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Von demselben Verfasser erschienen im gleichen Verlag:

Das grüne Huhn. Roman Im Spinnwinkel. Roman Winterfrühling. Gedichte Märtyrer. Drei Einakter Schusselchen. Tragikomödie

Georg Reicke

Woge und Wind

Eine Strandnovelle in Versen

1922

Schuster & Loeffler in Berlin

Alle Rechte vorbehalten

1

›Die Fahrt wär überstanden -- Gott sei Dank! Vier Stunden unterwegs mit raschen Pferden Auf gutem Weg -- es dauert reichlich lang!

Allein mir scheint der Lohn dafür zu werden, Denn lieblich blickt das Dörfchen, still und grün, So recht geeignet, von der Stadt Beschwerden

Sich zu erholen und des Amtes Mühn Für kurze Zeit sich aus dem Sinn zu schlagen. Zwar, in den Gärtchen vor den Häusern blühn

Herbstblumen schon, auch stehn in diesen Tagen Die meisten leer, allein noch hie und da Gibt ein bewohntes Zelt, ein Kinderwagen,

Ein Hund, der knurrend nach den Pferden sah, Dem späten Gast ein freundlich Lebenszeichen. Und zwischen Gartengrün und Häusern, nah,

Als sei's mit wenig Schritten zu erreichen, Im Mittagsglanz ein breiter Streif, das Meer -- So blau und still, und herrlich ohnegleichen.

Das ist's! Das war mein Wunsch! Das trieb mich her!‹

2

›Schön guten Tag! Ihr könnt vielleicht mir sagen, Wo man hier unterkommt. Soviel ich seh, Mag man getrost an jeder Türe fragen.

Nur kein Hotel! Die Kellner -- das Diner -- Von weitem schon fasst mich geheimes Grausen. Nein -- einfach Häuschen lieber, nah der See,

Wo zu mir dringt der Wogen köstlich Brausen, Davor ein Plätzchen, wo man schreiben kann -- Sonst sei es, wie es sei; so will ich hausen.‹

Der biedere Alte sah mich schmunzelnd an, Zog langsam dann die Pfeife aus dem Munde Und spuckte kräftig aus, eh' er begann:

»Das ist hier alles frei schon in der Runde! Am schönsten möcht's ja dort im Giebel sein, Mit Seeblick. Gegenüber ist zur Stunde

Das Zimmer freilich noch besetzt, allein Ich hoff, das stört Sie nicht!« ›Das ist die Frage. Wer wohnt dort?‹ »Eine Dame.« ›Jung noch?‹ »Nein!

Kein junges Mädchen!« ›Also alt -- da trage Ich doch Bedenken.‹ »Nein, auch noch nicht alt.« ›Aha! so Mittelalter! Ob ich's wage?‹

»Man merkt sie gar nicht, Herr! Vier Wochen bald Ist sie nun hier; sie scheint wohl krank gewesen Und bleibt tagsüber unsichtbar im Wald.

Sie dauert mich beinah. Sie soll genesen Und lebt so ganz allein.« ›Das kann nicht schaden. Wohl Witwe gar?‹ »Das nicht! Ich konnte lesen,

Dass sie an ihren Gatten schrieb nach Baden.« ›Nun gut! versuchen wir's! Doch war's gewagt, Auf Ihr Haupt will ich dann die Folgen laden.‹

»Die nehm ich gern auf mich! Wenn's sonst behagt, Ich möchte wetten, dass der Herr sich wegen Der stillen schwarzen Dame nicht beklagt.

Was ist an einer Fremden auch gelegen?«

3

Der erste Tag vorüber! Draussen rauscht Der feuchte Nachtwind in den Lindenzweigen; Am offnen Fenster hebt vom Wind gebauscht

Sich die Gardine und das nächt'ge Schweigen Trägt fernen Laut des Meeres mir herüber Ins Giebelstübchen, das seit heut mein eigen.

Ganz traulich ist's. Das Licht brennt freilich trüber Als man gewohnt, und sonst auch, was sich zeigt, Die kahlen, kalkgetünchten Wände, drüber

Die Balkendecke, etwas schief geneigt, Und Schrank und Sofa, Tisch und Bettgestelle Sind primitiv genug, wenn man's vergleicht --

Doch schaut es alles sauber, schmuck und helle, Und -- was entbehrt man nicht, blaut dieses Meer Und kürzen uns die Stunden Strand und Welle.

Die ganze Zeit schon trieb ich mich umher, Von mittags an, da ich vom Wagen sprang, Durchstrich das Birkenwäldchen kreuz und quer,

Lag dann am Strande, als die Sonne sank, Und eben noch, das nächt'ge Meer zu sehen, Schritt ich ein Stündchen an der See entlang.

Nun bin ich müd und will zur Ruhe gehen. Mein Gegenüber schlief wohl längst schon ein. Vor ihrer Türe sah ich eben stehen

Die Schuhe, die sie trägt; sehr schmal und fein Fast sagte ich, kokett --; zwar, das entspricht Dem Bild des Wirtes wenig doch -- mag sein,

Dass er geirrt -- wer irrt in Frau'n sich nicht?

4

Ein Blatt vor mir, die Feder in der Hand, Gedanken spinnend, sitz in aller Frühe Ich schon im Zelt. Was lang im Geist gebannt,

Vielleicht dass hier, wo ich so frisch erglühe, Es rascher sich mir rundet zum Gedicht. Indess -- mein Hoffen scheint vergeb'ne Mühe,

Leer bleibt das Blatt, die Feder rührt sich nicht Und die Gedanken irren kreuz und quer, Wetteifernd mit den Blicken. Morgenlicht

Spielt hell um Busch und Baum; vom Strande her Weht leiser Windhauch und in blauer Stille Durch graue Buchenstämme grüsst das Meer.

Wie --? und mich treibt ein eigensinn'ger Wille In mich zurück, in totes Wort zu zwingen, Was mich beseelt? nur wie durch enge Brille

Das Leben zu beschauen? Doch nein! Es dringen Umsonst nicht deine Stimmen an mein Ohr! Welt, du hast recht! Fort mit den toten Dingen,

Fort Feder und Papier! Ich war ein Tor! Fürwahr, ich wollt', es wäre mir gegeben, Was je sich Schönes mein Gedicht erkor,

Anstatt zu schreiben, lieber zu erleben!

5

Zwar -- zum Erleben scheint's hier nicht gemacht, Kaum zwanzig Menschen gibts. Allein es fing Doch besser an schon, als ich mir gedacht.

Ich sah die fremde Dame heut -- (sie ging Gerad zum Baden) --, zwar vom Rücken nur Und die Entfernung auch war nicht gering;

Doch merkt ich wohl: graziös ist die Figur, Nicht eben gross, nur grade Mittelmass, In Wuchs und Gang von Alter keine Spur!

Wie zierlich ihr das Morgenkleidchen sass -- Weiss-grau gestreift der Stoff. Dazu das Haar Im Nacken kurzgeschnitten und -- man sah's,

Da ohne Hut sie ging -- ganz kraus. 's ist klar, Sie ist noch jung. Mein biedrer Alter sprach Wohl nur so hin, was am bequemsten war.

Sie ging ein wenig müde, ganz gemach, Und ahnte nicht des Lauschers in der Nähe. Ich aber sah aus meinem Zelt ihr nach,

Bis sie verschwunden. Seltsam -- ich gestehe, Dass ich neugierig ward! Des Wirts Geschmack Ist doch nicht sehr verlässlich, wie ich sehe ...

Ich wüsste gerne, wie sie aussehn mag.

6

Wie war's? Wie kam's? Fast muss ich mich besinnen. Ich wiederhol mir's schon zum zehnten Mal Und weiss noch immer nicht, womit beginnen.

Zur Mittagstafel trat ich in den Saal Im Strandhotel. Der Gäste Zahl war klein; Man sass bereits. So blieb mir keine Wahl,

Ich nahm den einzig freien Platz. Allein, Kaum dass ich Musse fand mich umzuschauen, Schlug mir das Herz bis in den Hals hinein.

Erst glaubt ich meinen Augen nicht zu trauen, Denn vis-a-vis, leibhaftig, mir ganz nah Sprach sie zu einem Herrn mit busch'gen Brauen.

Der andre war sehr eifrig, doch man sah, Sie schien nur eben sein Gespräch zu leiden Und gab kaum halbe Antwort hie und da.

Inzwischen liess es sich nicht gut vermeiden, Dass sich ein rascher Blick zu mir verlor Und ich an seinem Glanz mich durfte weiden.

Ihr Nachbar stellte über Tisch mich vor, Doch liess er dann mich kaum zu Wort gelangen Und sie, geduldig, lieh ihm sanft das Ohr.

So ging's zu Ende, wie es angefangen, Mir viel zu schnell. Denn eh noch Zeit ich fand, Mich ihr zu nähern, war sie schon gegangen.

Ein seltsames Gesicht! Die Jugend schwand Wohl allzufrüh daraus. Nun sind die Züge So herb und mild zugleich. Auch ihre Hand

Ist blass und weiss, fast, wenn ich mich nicht trüge, Zu weiss, durchsichtig fast. Ein Dichter sagt, Dass solche Nachts auf krankem Herzen liege.

Ob's wahr? Ob ihr ein Wurm am Herzen nagt?

7

Ich sinn und sinne, geh auf stillen Wegen Und müh mich ernsthaft um mein Gleichgewicht, Jedoch umsonst: ich bleibe unterlegen.

Ich schau nur immer in ein bleich Gesicht Mit seltsam Widerspruch-gemischten Zügen, Aus denen eine kranke Seele spricht.

Und auch den Augen will nichts mehr genügen: Es scheinen See und Himmel, Wald und Strand Nur willens, sie um Bessres zu betrügen.

Um Bessres --? Wie? Bist du so schnell entbrannt? Seit wann? wofür? Ist sie nur hübsch zu nennen? Vielleicht das Kleid, das Haar, die schmale Hand --

Doch sonst --? Und würdest du sie wirklich kennen, Du fändest sie am Ende unausstehlich Und wärst heilsfroh, dich möglichst bald zu trennen!

Zwar -- hier am Strande ist man grad nicht wählig, Die Zeit wird lang, und stets allein zu gehen, Tagaus, tagein -- ich glaub, das macht allmählich

Ganz melancholisch noch! Ich will doch sehen, Mich ihr zu nähern. Mittags beim Diner Dürft' es vielleicht schon sich von selbst verstehen ...

Vielleicht noch besser abends an der See ...

8

Gut -- also nicht! Sie weicht mir sichtbar aus Und scheint verletzt. Im Grunde bin ich froh! Schliesslich reist' ich wahrhaftig nicht von Haus

Um, da ich kaum den Menschen dort entfloh, Hier Knall und Fall mich sterblich zu verlieben, Und -- soweit war's bald! 's ist wohl besser so.

Allein was nun? Was ich vorher getrieben? Die schöne Lust ist fort. Gott sei's geklagt, Ich wünscht' beinah, ich wär daheim geblieben.

Doch ärgert's mich! Ich hab mich schon gefragt, Was ich denn nur getan, das ihr missfiel. Mir fällt nichts ein; kein Wort, das ich gewagt;

Und wenn sie meiner häuf'gen Blicke Ziel, Das konnte sie fürwahr doch nicht so kränken. Nun -- einerlei! Beendet ist das Spiel --

Versuchen wir's, nicht mehr daran zu denken.

9

Und wie die nächsten Tage kamen, gingen -- Ich wüsst es nicht zu sagen. Doch es schien, Als sollte, was ich kaum geglaubt, gelingen.

Ich hielt mich fern, just ohne sie zu fliehn; Bemühte mich, wenn wir einander trafen, Besonders höflich meinen Hut zu ziehn,

Erfand mir selbst ein ganzes Heer von Strafen Für jeden Blick, der sich zu ihr verfangen, Und konnte wirklich auch ganz ruhig schlafen.

Da war ich jüngst, schon spät, hinausgegangen Zum Birkenwald. Die Luft war mild und weich, Der Himmel trüb, von Wolken dicht verhangen.

Der Wald stand stumm, wie ein verzaubert Reich, Die Birken reckten schweigend schlanke Glieder Und kaum ein Atmen regte das Gezweig.

Doch plötzlich ging ein Flüstern hin und wieder -- Geheimer Laut, der fernem Meere glich, Und leise rauschend sank ein Regen nieder.

Mich focht's nicht an, und anfangs liess es sich, Vom Schirm geschützt, nur desto frischer schreiten Im feuchten Wind, der um die Schläfen strich.

Doch immer tiefer hüllte zu den Seiten Der Wald sich in ein regnerisches Grau -- Und ratsam schien's, zurückzugehn beizeiten.

Da, wie ich so nichts ahnend um mich schau, -- Ich muss es diesmal wirklich Zufall nennen -- Geht einsam grad vor mir die fremde Frau.

Ihr schwarzes Kleid war schon von fern zu kennen, Auch Gang und Haltung täuschten sicher nicht, Wenn uns ein gutes Stück auch mochte trennen.

An einer Stelle, wo der Wald sich licht Um eine Wiese dehnte, blieb sie stehen Und richtete zum Himmel das Gesicht.

Es schien ihr nicht geheuer auszusehen, Denn längre Weile stand sie zögernd da Und überlegte, wo sie könnte gehen.

Was weiter nun -- und wie es recht geschah, Ist mir nicht klar. Doch weiss ich noch wie heute, Dass ich sie nie bisher so heiter sah.

Sie tat, als sei'n wir altbekannte Leute, Die sich ganz gut sind, ohne sich zu lieben, Gestand, dass sie sich recht des Zufalls freute,

Der mich und meinen Schirm ihr zugetrieben, Erkundigte sich auch, was ich getan, Und warum ich so unsichtbar geblieben.

Erst wagt' ich ihrer Schulter kaum zu nah'n, Doch später, als die Dunkelheit sich senkte, Nahm ohne Zögern meinen Arm sie an.

Wie ich nun ganz nach ihr die Schritte lenkte Und fühlte, dass die liebliche Gestalt Zutraulich fest an meinen Arm sich hängte

Und wir so gingen durch den dunklen Wald Und Regenrauschen -- ward mir bunt zumute, Bald ängstlich, bald frohlockend, heiss und kalt.

Und wenn ich jetzt mit wieder ruh'gem Blute Zurück mir rufe jenen nächt'gen Gang, Dann fürcht ich fast, dass mich die böse Gute

Um alles brachte, was mir schon gelang.

10

Sie ahnt jetzt wohl, dass ich nicht so begehrlich, Als sich ihr rascher Argwohn vorgestellt, Und dass auch sonst ich ziemlich -- ungefährlich.

Nur manchmal plötzlich, wenn sie spricht, gesellt Ein etwas sich dazu -- fast könnt's mich kränken, Als ob sie doch mich nicht für sicher hält.

Sie pflegt zur Erde dann den Blick zu lenken, Besieht den Fuss, die Hand, so sehr genau, Dass man wohl merkt, sie hat noch ein Bedenken.

Jedoch, wenn ich ihr dann ins Antlitz schau, Versucht sie eiligst alles zu kachieren Und tut, als ob sie blindlings mir vertrau.

Wir gehen fast alltäglich jetzt spazieren, In Feld und Wald, an Uferberg und Strand Und wissen uns ganz gut zu amüsieren.

Ich tu recht förmlich, steif und unbekannt, Kaum, dass ich manchmal nach den Füssen spähe Und leicht im Schreiten streife ihr Gewand.

Auch wird sie immer offner, wie ich sehe, Erprobend das Vertraun, das sie mir lieh. So sprach sie neulich mir von ihrer Ehe.

Ihr Mann ist Arzt -- weit älter schon als sie. Sie sagt nicht viel von ihm, indess man kann Wohl draus entnehmen, dass er kein Genie.

Auch sonst hört sich die Sache fast so an, Als ob sie sonderlich nicht glücklich wäre ... Vielleicht ein stiller, gutmütiger Mann,

Und sie nervös! Dann hat man die Misere.

11

Zu ihren Füssen lag ich heut am Strand: Wir waren rasch ein gutes Stück gegangen, Nun sassen wir, uns auszuruhn im Sand.

Wie Kinder plauderten wir unbefangen Von allerlei; sehr neues war es nicht, Wir blieben gleich beim ersten besten hangen.

Auf einmal ward sie still. Das Angesicht Ganz steil emporgerichtet, war's als spähe Sie weissen Wölkchen nach, die einsam licht

Am blauen Himmel schwammen, gleich als sähe Sie Dinge dort, so schön wie unbekannt. So sass sie lang, vergessend meiner Nähe,

Derweil mechanisch ihre linke Hand Im Sande spielte. Endlich hob sie an, So leis', dass ich sie anfangs kaum verstand.

»Wie man in Menschen sich doch täuschen kann! Ich hatte Sie, da ich Sie nur gesehen, Ganz anders mir gedacht! Als einen Mann,

Den niemals mir gelänge zu verstehen. Mir schien, uns sei bestimmt, uns abzustossen, Im besten Falle -- uns vorbeizugehen.«

Ich wiederholte halblaut: ›Abzustossen?‹ Sie lächelte. ›Gewisslich‹ fuhr ich fort, ›Gewiss bin ich noch keiner von den Grossen,

Und bilde mir, soviel ich weiss -- mein Wort! -- Nichts Sonderliches auf mich selber ein. Doch scheint's, verzeihn Sie, mir ein eigner Sport,

Den Unbekannten gleich von vornherein, Eh' man noch kaum von ihm Notiz genommen, Verdammen wollen, für uns tot zu sein.‹

Sie, was sie sagte wohl zu meinem Frommen Bedenkend, sass noch eine Weile stumm, Allmählich sah ich ihr ein Lächeln kommen,

Kokett fast wandte sie zu mir sich um Und sagte munter: »Ja! ich kann's auch sagen. Ich dachte mir, Sie sei'n -- weiss Gott, warum! --

Ein Sonntagskind! Die konnt' ich nie vertragen.« ›Weshalb?‹ »Vielleicht, weil mir das Glück zuwider, Das sie so mühlos in der Welt erjagen.«

Nun brach sie ab. Ich rührte nicht die Glieder, Nur leise fragt ich endlich nebenbei Und beugte mich recht tief zur Erde nieder:

›Und -- denken Sie jetzt besser?‹ Gleich als sei Die Antwort ihr nicht lieb, sass still sie da. Dann sah sie auf und lächelte dabei

Und nickte leicht mir zu: »Ein wenig -- ja!«

12

›Zu Haus, und krank?‹ »Das zweite hoff ich nicht! Sie meinen, weil ich mich so hergesetzt Wie ein Patient, zu dem der Doktor spricht?

's ist nicht so schlimm! Wann sah'n wir uns zuletzt? Ach -- gestern abend, als ich von dem Stein Ins Wasser glitt und Sie sich so entsetzt.«

›Hab ich nicht recht gehabt?‹ »Gern sagt ich nein! Nur freilich, dass ich mit den nassen Füssen Die halbe Nacht spaziert im Mondenschein --

Das war nicht klug und dafür muss ich büssen. Gesteh ich nur, 's wär auch nicht schlimm gewesen, Hätt ich nicht noch ein anders -- dulden müssen.«

›Ich hoff, dass ich daran nicht schuld gewesen.‹ »Gewiss nicht Sie! Ich fand hier einen Brief Von meinem Gatten vor; den musst' ich lesen.«

›Der schlimmen Inhalts?‹ »Ja -- es ging mir tief. Ich will davon ein ander Mal erzählen, Wenn ich den Schmerz ein wenig erst verschlief.«

›Warum nicht gleich?‹ »Sie haben recht; mich quälen Ja die Gedanken selber immerfort -- Was soll ich meinem Freunde sie verhehlen!

Doch mach ich's kurz; man weiss aus kargem Wort Sich die Geschichte selber schon zu runden, Und weilt nicht gerne lang an ödem Ort.

Nicht wahr, Sie haben längst recht gut empfunden, Was zu verbergen ich bemüht noch war, Dass ich an ... ungeliebten Mann gebunden.

Ich war ein Kind, kaum sechszehn, siebzehn Jahr, Sie wissen, wie das geht, und wie sie sagen, Der Mann ist gut und reich und liebt dich wahr.

Das hört man gern und glaubt's. Mit tausend Fragen Auf Herz und Lippen tritt man ihm entgegen -- Doch ach! nicht einer hört man Antwort sagen!

Ich habe lang gesucht -- auf manchen Wegen, Umsonst! sein armes Herz blieb kalt und Stein. Da fühlt' ich Eis sich auch um meines legen.

Nur einmal noch kam flücht'ger Sonnenschein, Ganz hell, ganz nah; er ist nicht lang geblieben -- Mein Kindchen starb. Nun war ich ganz allein.

Und seit dem Tage hab ich all mein Lieben Im tiefsten Grund des Herzens eingesargt, Und niemals hat es Blüten mehr getrieben.

Nicht wahr --? Das Schicksal hat bei mir gekargt, Mehr als bei andern wohl. Und ich gestehe, Ich hab es manche Stunde ihm verargt,

Hab ihm gegrollt, dass es aus meiner Nähe So jeden kleinsten Strahl des Glückes bannte, Der sonst uns wohl versöhnt mit unserm Wehe!

Nun, man verlernt auch das!« Sie schwieg und sandte Geheimen Seufzer ihren Worten nach, Der mehr als diese all ihr Leid bekannte.

Es dunkelte im Zimmer allgemach, Kaum konnt' ich die geliebten Züge sehen Und ihre Augen finden, als sie sprach.

Da fühlt' ich in Minuten Stunden gehen Und tausend Fragen drängten sich heran -- Sie aber schien mein Schweigen zu verstehen.

»Nicht wahr, Sie fragen,« hob sie wieder an, »Warum ich nicht schon längst die Fesseln sprengte, Am besten damals gleich, als es begann?

Ich hab's versucht -- allein umsonst! Er schenkte Mir nicht Erhörung, und so ist's geblieben; Nur dass sich tiefer noch der Schleier senkte,

Der mich umnachtet. Ohne ihn zu lieben, Kann ich ihn doch, Gott sei's geklagt, nicht hassen. Noch neulich hab ich alles ihm geschrieben --

Er schreibt zurück: er könne mich nicht fassen -- Er würde gern für mich das letzte tun, Nur eines nie -- von mir sich scheiden lassen.

Und so gekettet schlepp' ich seufzend nun Mein Leben hin -- es soll nicht anders sein. Oft sehn' ich mich, für immer auszuruhn --

Man wird so müd! Am liebsten schlief ich ein!«

13

Der Tugendhafte, der vor lauter Tugend Sich selbst um jede schöne Freude bringt, Der gute Jüngling, der vor blöder Jugend

Nicht einen Kuss von rotem Mund erringt, Der Dichterling, der mit geheimem Beben Von Liebe nur in süssen Versen singt --

Ich hab sie gern dem Spotte preisgegeben, Fast für verächtlich hielt ich alle drei: Nun muss ich gleiches an mir selbst erleben!

Ist's Tugend? Blödheit? Fromme Schwärmerei? Doch wag ich ihr kein einzig Wort zu sagen, Das ehrlich eingesteht, wie weit es sei.

Ich schleich um sie herum seit manchen Tagen, Der Katze gleich, die um das Vöglein streicht, Nach dem sie lang schon frevle Lust getragen --

Und hab in aller Zeit doch nichts erreicht, Als heisser die Begierde nur entzündet, Die ohnehin schon Tag und Nacht nicht schweigt.

Und während so, der Tugend noch verbündet, Ich Sieger blieb, ersehn' ich doch mir immer Die Stunde nur, die Untergang mir kündet.

Mir ist zumut wie einem müden Schwimmer, Der selbst nicht fasst, dass er noch nicht ertrank. Nur eben wieder: in dem weissen Zimmer

An ihrer Seite sass ich stundenlang Und plauderte von fremden, fernsten Dingen. Ich fühlte mich im Tiefsten wund und krank,

Und dennoch konnten Scherze mir gelingen, Als sei ich grad zum Lustigsten bereit -- Und als ich ging, ich schien mich kaum zu zwingen:

Doch Kopf und Herz sind fürchterlich im Streit!

14

Es donnert fern. Den Horizont umziehen Blauschwarze Wolken; bleiern ruht das Meer, Darüber flatternd weisse Möven fliehen.

Kein Blatt bewegt sich. Fieberheiss und schwer Erglüht die Luft, matt wird der Sonne Scheinen, Und atemlose Stille herrscht umher.

Ich lieg am Seeberg, wo sich Zweige einen Zu dichtem Zelt, um mich herum ein Wall Von Kinderspielwerk, Muscheln, Sand und Steinen.

Wie füllte Lachen, froher Stimmchen Schall Und Glücksgefühl und lärmende Bewegung Nur eben noch dies sonnbeglückte All!

Doch plötzlich stockt die lebensvolle Regung, Vom Spielzeug lässt die aufgehobene Hand, Sie wirft es fort fast ohne Überlegung.

Das Wetter fürchtend, das so jäh erstand Sucht jedes, wo ein schützend Dach es teilte, Und Welt und Menschen schweigen wie gebannt.

Die Seele auch, die eben noch verweilte Auf hundert Dingen, die sie gern umfasst -- Wenn schweren Unheils Bote sie ereilte,

Scheint alles plötzlich ihr wie schwere Last, Geeignet nur, den Blitzstrahl anzulocken. Sie wirft es fort -- in tatenloser Rast

Sieht sie das Wetter näher ziehn erschrocken Und fragt nicht mehr nach Sonne, Mond und Stern. So seh auch ich es nahn --: die Pulse stocken

Und Kopf und Herz sind still ... Es donnert fern.

15

Sie tippte mit dem Zeigefinger leise Mir auf die Stirn und sagte: »Wüsst' ich nur, Was hinter dieser Stirn da alles kreise.«

›Und wenn das kluge Köpfchen es erfuhr ...?‹ »Dann wüsst' ich auch mir leichter klar zu machen, Ob Sie so -- stark sind wirklich von Natur.«

›Und warum sonst?‹ Sie schwieg und liess mit Lachen Ihr Sonnenschirmchen Striche ziehn im Sand: »Je nun -- man sagt nicht eben alle Sachen!«

›Zumal, wenn man mit seiner lieben Hand Den armen Frager schon von Sinnen brachte Und ihn so schwach wie jeden andern fand!‹

Sie atmete erregt. Es war, als wachte In ihrem Innern eine Ahnung auf, Die sie auf einmal völlig haltlos machte.

Denn wie ich ihren Händen nun den Knauf Des Sonnenschirms entwand und die befreiten Langsam zu meinen Lippen zog hinauf,

Da sah sie irren Blicks mich an: Ein Streiten Von Hass und Liebe war's, Furcht und Verlangen. Ich aber wartete auf keinen zweiten,

An meinem Herzen hielt ich sie gefangen.

16

Am nächsten Tag, ich war schon früh am Strand Und kam grad heim, um nun zu ihr zu eilen -- Empfing ein Brieflein mich von ihrer Hand.

In raschen, heissen, lieberfüllten Zeilen Bat sie, ich möchte sie nicht falsch verstehn, Wenn sie den Tag mit mir nicht wolle teilen.

Doch könne sie mich leider heut nicht sehn, Vormittag wenigstens: liebt' ich sie noch, Sollt' ich allein recht weit spazieren gehn.

Wie ungern ich ihr folgte, tat ich's doch Und ging hinaus. Doch war mir bang zumute Und mein Gehorsam schien mir schweres Joch.

Auch trug ich's lange nicht. Mit heissem Blute Stürmt' ich zurück und hielt nicht eher ein, Als bis mein Fuss auf ihrer Schwelle ruhte.

Im Hause war's ganz stille. Sonnenschein Fiel durch die Tür, die leise angelehnt; Es schien dahinter alles leer zu sein.