Wo Gritlis Kinder hingekommen sind Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 8. Band

Part 7

Chapter 74,059 wordsPublic domain

»Doch, es ist gewiß wahr, Tante; geh doch zu Fanis Mutter und mach, daß es ihr recht ist und daß sie nicht klagt beim Papa«, flehte Emmi. »Ich will dir alles erzählen, dann kannst du’s schon sehen und der Marget sagen, wie gut es dem Fani jetzt gehen kann. Siehst du, im Blatt stand eine Anzeige vor ein paar Tagen, die hieß so: ›Ein Dekorationsmaler in Basel würde einen Knaben von elf bis zwölf Jahren zu sich nehmen gegen leichte Beschäftigung, er könnte auch das Handwerk erlernen.‹ Dann war noch die Adresse dabei. Das habe ich schnell dem Fani gezeigt, denn wir haben schon lange nachgesonnen, wie er ein Maler werden könnte und nicht in die Fabrik gehen müßte, und das war gerade das Rechte, denn du hattest ja gesagt, das hieße Verzierung und der Fred hat noch gesagt, es heiße auch Theaterwand. So wußte ich ja schon, daß der Fani da schöne Bäume und Blumen und Kränze machen müßte, und habe ihm das alles gesagt, und er wollte schrecklich gern gehen. Zuerst wollten wir es seiner Mutter sagen, aber er sagte, dann könne er gewiß nie, nie gehen, denn sie sage, das sei keine Arbeit, sondern nur Lumperei, und sie wolle nichts davon wissen. Dann haben wir ausgemacht, er solle jetzt nur einmal gehen, ich wollte dann schon sagen, wo er sei, wenn sie fragen, und dann würde er schnell schreiben und sagen, daß er jetzt ein Maler werden kann.«

»Aber, um’s Himmels willen, was richtest du doch für Zeug an, Emmi«, brach die Tante hier aus; »es ist ja wirklich schrecklich! Wo wird der Junge nun hinkommen und wie kann er ohne Geld nur nach Basel gelangen?«

Emmi sagte, sie habe ihm alles Geld gegeben, das sie besessen, er komme gewiß nach Basel, wenn nur die Tante jetzt mit der Mutter reden wollte, weil sie gerade so eifrig den Fani suche, wie sonst nie. Auch die Tante fand, das sei das erste, was sie tun müsse. Dann wollte sie sogleich nach Basel schreiben, um zu wissen, ob der Fani wirklich dort angelangt und in was für Händen er sei. Die Tante verlor keine Zeit. Sie schlug ihr Tuch um und eilte hinaus dem Wäldchen zu, hinter dem der Weg zu Heiris Häuschen niederstieg. Aus der niederen Haustür trat eben noch Herr Bickel, als die Tante sich nahte. Er bemerkte abschließend: »Wie gesagt, das Vagabundieren, das er im Brauch hat, hört dann auf, ich ziehe ihm jede vergeudete Zeit am Lohn ab.«

»Er wird, denk’ ich, erst Lohn haben müssen, eh’ man ihm davon abziehen kann«, sagte Marget halblaut, während Herr Bickel gewichtigen Schrittes davonging. – Die Tante trat in das Häuschen ein. Man kam von der Straße unmittelbar in die Küche und von da in die Stube. Die Tür dahin stand offen, und nahe dabei standen in der Stube zwei uralte Wiegen, eine für das Kleine und eine für den Hanseli, und auf der anderen Seite in der Küche stand der Waschzuber, den die Marget dahin gerückt hatte, um zu gleicher Zeit ihrer Arbeit obliegen zu können und die drei Buben samt dem Kleinen unter den Augen zu haben. Obschon der Hanseli zwei Jahre alt war, hatte er noch seine Wiege, und diese diente zu gleicher Zeit als Bettstatt und als Beruhigungsmittel für ihn. Schlug er jetzt, seit Elslis Wegbleiben, sein bekanntes Geschrei auf, so legte ihn die Mutter auf der Stelle in die Wiege hinein, wo er, durch die schaukelnde Bewegung beruhigt, alsbald vom Schlaf übermannt wurde. Eben jetzt stand der Heirli auf der einen und der Rudi auf der anderen Seite der beweglichen Bettstatt und beide stießen aus Leibeskräften die heranschaukelnde Wiege immer einer dem anderen zu, so daß der darinliegende Hanseli längst in den tiefsten Schlaf versunken war und darin erhalten wurde. Die Tante setzte sich auf den hölzernen Schemel neben den Waschtrog hin und forderte die Marget auf, fortzufahren an ihrer Arbeit; sie habe mit ihr zu reden, das könne aber neben dieser Arbeit geschehen. Sie fing nun ganz zahm und behutsam an, der Marget beizubringen, wohin der Fani gekommen sei, und fügte auch gleich bei, sie werde unverzüglich nach Basel schreiben, um inne zu werden, wo er hingekommen sei und was der Meister mit ihm im Sinne habe. Sie würde ihn auch gleich wiederkommen lassen, wenn der Vater und die Mutter es haben wollten. Die Marget stand noch unter dem Eindruck des Lohnabziehens. Der Vorteil für den Fani und die ganze Haushaltung schien ihr schon nicht mehr so groß zu sein, wie sie zuerst gedacht hatte. Wenn nun der Fani da unten sein Essen und seine Kleider verdienen könnte und so unversehens ein Handwerk erlernte und vielleicht bald sein eigenes Auskommen hätte, so wäre das doch eigentlich besser als alles, was er daheim erreichen könnte, und man hätte so keine Sorgen bei dem ganzen Verlauf. Diese Gedanken gingen der Marget schnell hintereinander durch den Kopf, und es währte gar nicht lange, so sagte sie der Tante, es wäre gewiß dem Vater so recht, wie ihr selbst, wenn die Tante alles in die Hand nehmen und nachfragen wollte, wie es der Fani habe, und wenn sie ein wenig dazu sehen könnte, daß der Bub’ etwas Rechtes lerne. Sie wollte dann schon noch mit dem Vater reden und nachher den Bericht bringen, was er dazu sage; aber die Marget schien ganz überzeugt zu sein, daß er dieselbe Meinung haben werde, die sie habe. Die Tante fühlte sich sehr erleichtert, denn sie hatte nicht gewußt, wie die Sache von der Marget aufgenommen würde und ob sie nicht vielleicht einen großen Lärm machen würde über das Fortlaufen des Buben, was doch im Grunde Emmi verschuldet hatte. Sie fragte noch dem Elsli nach und hörte, daß es zwischen der Schule durch und bis zur Stunde des Schlafengehens seine ganze Zeit auf dem Eichenrain zubringe. Für sie sei es gar keine Hilfe mehr; mit den beiden Buben mache sie’s nun, wie sie könne, und beklagen könne sie sich nicht, denn die Mutter des kranken Kindes sei eine gute und vernünftige Frau, die wisse, daß die armen Leute auch etwas brauchen, um leben zu können. Das Elsli bringe jeden Abend einen Taglohn mit, den es gewiß nicht verdienen könne, und dazu so viel Kleider von dem kranken Kinde, daß sie dem Elsli für lange Zeit nichts anzuschaffen habe. Diese Nachricht erfreute die Tante sehr und mit frohem Herzen kehrte sie zurück, denn es war alles so viel leichter abgegangen, als sie erwartet hatte.

Schon auf dem halben Wege kam der Oskar ihr entgegengelaufen. Er hatte bemerkt, daß Emmi schon seit einiger Zeit an der Hausecke stand und auf jemand wartete, das mußte ohne Zweifel die Tante sein; aber er hatte so dringende Geschäfte mit ihr abzutun, daß er sie durchaus zuerst sehen mußte. Er lief heimlich hinten ums Haus herum und eilte dem Wäldchen zu. Sobald er der Tante ansichtig wurde, stürzte er auf sie los und goß nun seine ganze Geschichte von dem verunglückten Sängerfest über sie: wie er vergessen hatte, daß noch gesungen werden sollte, und wie furchtbar alle Leute sie auslachen würden, und vor allen der Papa, wenn sie nun kämen und wollten dem Feste beiwohnen; das sah er nun ganz klar ein. Aber er hatte jetzt einen neuen, ganz herrlichen Gedanken: wenn man nun das Sängerfest schnell in ein anderes umwandeln würde, daß es morgen doch könnte abgehalten werden, eins, zu dem man die Fahne doch gebrauchen könnte und in der Festrede ja nur einige Worte zu ändern hätte? Die Tante wußte ja gewiß einen guten Rat zu geben, welches Fest an die Stelle des unausführbaren zu setzen sei, und Oskar schien auch nicht abgeneigt, die Sache so zu bearbeiten, daß schließlich anzunehmen wäre, er habe eigentlich absichtlich das Sängerfest in ein anderes verwandelt. Aber die Tante war nicht derselben Meinung. Sie erklärte ihm nun, was eigentlich der Sinn eines Festes sei, und daß man immer zuerst etwas Besonderes müsse geleistet haben, um nachher ein Fest darüber zu feiern. Da das nun aber nicht geschehen sei, so sollte Oskar warten, bis es einmal der Fall wäre, dann wollte die Tante ihm zu einer glänzenden Festfeier verhelfen.

Oskar war sehr herabgestimmt; aber er sah ein, daß da für einmal nichts Neues zu gründen war, und folgte der Tante ziemlich niedergeschlagen ins Haus hinein; er sah mit Besorgnis dem Nachtessen entgegen, da der Papa seine Fragen über das Fest von morgen wieder aufnehmen und so die ganze Enthüllung von dessen ruhmlosem Ausgang herbeiführen könnte. Eben schoß Emmi beim Anblick der Tante aus ihrem Hinterhalt hervor, um zu vernehmen, was die Tat, bei der sie so sehr beteiligt war, für Folgen haben konnte; aber auch sie mußte in unsicherem Bangen verharren, denn eben trat auch der Vater ins Haus hinein, und unmittelbar darauf mußte man sich zum Nachtessen hinsetzen. In ihren beklemmenden Erwartungen saßen Oskar und Emmi tief auf ihre Teller gebeugt am Tisch und keines von ihnen hob auch nur ein einziges Mal den Kopf auf, denn sie hofften in dieser Stellung am ehesten unbemerkt zu bleiben. Fred hatte schon ein paarmal forschende Blicke zu den beiden hinübergesandt; jetzt sagte er bedeutsam: »Es gibt auch einen Vogel, er heißt Strauß, #struthio#, der steckt den Kopf vornüber in den Sand hinein, denn er denkt, so sieht ihn der Jäger nicht. Diese Vögel leben in Afrika; bei uns kommen sie nur selten vor und nähren sich von Kartoffelsalat.«

Oskar, der eben, mit seinen Gedanken beschäftigt, in seiner Portion Kartoffelsalat herumstocherte, nahm die Beschreibung des Straußes mit ungewohnter Ruhe hin, und der Vater, der jetzt nach ihm hinschaute, lachte ein wenig und sagte: »Den drücken wohl die Festfreuden nieder?« Als aber keine weiteren Nachforschungen erfolgten und das Nachtessen auch ohne alle Nachfragen nach dem Fani vorüberging, standen Oskar und Emmi mit sehr erleichterten Herzen vom Tisch auf, denn wenn auch für Oskar die Gefahr eines sehr empfindlichen Hohnes und für Emmi diejenige eines strengen Tadels nicht vorüberwar, so war doch nun Zeit gewonnen, und da war ja immer die Tante, bei der man neuerdings Rat und Hilfe finden konnte.

Achtes Kapitel.

Beim Sonnenuntergang.

Seit dem Tage, da das Elsli zum ersten Male bei der kranken Nora eingetreten war und sie sich bald gut verstanden hatten, war das Kind die tägliche Gesellschaft der Nora geblieben. Von Auslaufen und Besorgungen Machen war nie eine Rede gewesen, denn Nora konnte es täglich kaum erwarten, daß das Elsli erschien, und bis zum letzten Augenblick seines Bleibens ließ sie es nicht von ihrer Seite weg. Die Mutter, die keine größere Freude kannte als die, ihrem Kinde einen Wunsch zu erfüllen, freute sich an dem neuen Interesse der Nora und gewährte gern die Bitte, daß das Elsli ganz nur zu ihrer Gesellschaft da sein möchte. Frau Stanhope sah auch mit großer Befriedigung, wieviel lebendiger und fröhlicher die Nora geworden war, seit sie diese tägliche Gespielin hatte, und hieß darum auch das Elsli kommen, so oft es nur konnte, auch am Sonntag, und hielt es gut in ihrem Hause. So kam es, daß das Kind jede Stunde des Tages außerhalb der Schule und bald auch den ganzen Sonntag, vom Morgen bis zur Nacht, unzertrennlich mit der Nora zubrachte. Es ging dabei eine große Veränderung mit dem Elsli vor. Es war ein so bildsames Geschöpfchen, daß es unwillkürlich in seiner Erscheinung, im Ton seiner Stimme, in allen Gebärden so wurde, wie seine Umgebung war. Nun sich die Nora, mit solcher Lebendigkeit und solcher Freude an seinem empfänglichen Wesen, täglich stundenlang mit ihm beschäftigte und alles, was sie dachte und hoffte, alles, was in ihrem Inneren vorging, dem Elsli mitteilte und es ganz und gar mit ihrem eigenen Leben erfüllte, kam es so, daß auf das Elsli auch äußerlich nach und nach gänzlich die Art der Nora übergegangen war. Es hatte den Ton ihrer Stimme, es sprach in ihren Worten, es machte die Bewegung ihrer Hand, das ganze Elsli war verändert. Auch für die Schule war eine große Veränderung mit dem Elsli vor sich gegangen. Wenn es jetzt unmittelbar nach der Schule zu Nora kam, wurden gleich zuerst alle Bücher und Hefte ausgepackt und die Arbeit der Schulaufgaben unternommen. Die Nora hatte viel und gut gelernt und es war ein ganz neues Interesse für sie, der aufmerksamen Schülerin nachhelfen und alles erklären zu können, was sie nicht verstand. Für das Elsli war es eine nie gekannte Freude, endlich einmal seine erfüllten Aufgaben, wie die anderen Kinder, in die Schule bringen zu können und nun wiederholt von dem Lehrer die Worte zu hören, die er in so freundlichem Tone sagte: »Das hast du gut gemacht, Elsli, mit dir bin ich nun sehr zufrieden.«

Waren die Schularbeiten beendigt und auch das Abendessen vorüber, dann saßen die Kinder ganz nah zusammen und fingen ihre Gespräche an, deren sie niemals müde wurden. Nora erzählte von dem schönen Lande, wohin sie gehen wollten, und das Elsli folgte mit ganzem Entzücken jedem Worte, denn die Nora erzählte so, als sehe sie alles vor sich, so daß auch vor dem Elsli alles lebendig dastand und es nie genug bekam von der beglückenden Unterhaltung. Zuletzt sagte Nora immer noch ihr Lied, und auch das konnte das Elsli nie genug anhören. Wenn dann der Abend zu Ende war und das Elsli gehen mußte, kam ihm jedesmal zum Schluß noch ein trauriger Gedanke, und es sagte ängstlich: »Wenn du nur nicht einmal allein gehst, Nora, und ich zurückbleibe; was müßte ich dann machen?« Aber die Nora tröstete es jedesmal und sagte, der liebe Gott rufe ihm dann schon, wenn sie ihn im Himmel recht darum bitte, was dann das Elsli wieder beruhigte, so daß es jeden Abend mit einem glücklichen Herzen, wie es vorher nie gekannt hatte, heimkehrte.

So waren die sonnegoldenen Tage des Septembermonats herangekommen. Die Kinder saßen zusammen und schauten durch das offene Fenster, an dem Noras Lehnstuhl stand, nach dem Abendhimmel hin, wo die Sonne untergehen wollte. – Nora war den ganzen Tag müde gewesen und hatte wenig geredet. Ganz still saßen auch jetzt die Kinder nebeneinander und schauten nach dem golden leuchtenden Himmel hin. Jetzt strahlten die Flammen der scheidenden Sonne noch einmal glühend empor, und wie ein goldener Strom ergoß sich das Leuchten über Bäume und Hügel auf die Wiesen herab.

»Sieh, sieh! Elsli!« rief Nora aus und ihre Augen leuchteten, wie Elsli sie noch nie gesehen hatte; »sieh, dort kommt der kristallene Strom herübergeflossen! O ich möchte dorthin und weit über den Strom gehen, o wie wird es schön dahinter sein, wo alle die Blumen und die glücklichen Menschen sind und wo sie so froh herumgehen und niemals müde werden! Aber jetzt bin ich so müde, Elsli, komm ein wenig näher zu mir, willst du?« Elsli rückte ganz nah heran und Nora legte ihren Kopf auf seine Schulter. »O, so bin ich gut«, setzte sie leise hinzu, »so sehe ich mitten, mitten hinein. O sieh, es ist, wie wenn der Himmel ganz offen stünde, und man sieht, wie es leuchtet drinnen und schimmert und glänzt. O wie schön! O wie schön!« – Auch das Elsli hatte noch nie ein solches Leuchten am Himmel und solchen Goldglanz auf allen Hügeln gesehen. In stummem Erstaunen schaute es darauf hin, und regungslos lagen die Kinder lange, lange da, bis gegen Abend hin aller Glanz erloschen war und leise ein weißer Nebel unten vom Tal aufstieg und sich über die Wiese legte. Jetzt trat Frau Stanhope ins Zimmer; sie hatte, wie nun oft geschah, Elslis Anwesenheit benutzt, in einem anderen Zimmer ihre Briefe zu schreiben. Sie nahte sich der Nora, die immer noch ganz still auf Elslis Schulter ruhte.

»Gott im Himmel«, schrie die Mutter auf, »Nora, mein Kind! Es ist nicht möglich! Erwache! Gib mir Antwort!«

Frau Stanhope war niedergekniet; sie zog die Nora an sich; einen Augenblick schaute sie auf das bleiche, stille Gesichtchen, dann warf sie sich über das Kind und schluchzte in Verzweiflung.

Schneeweiß vor Schrecken stand das Elsli da. Was konnte mit der Nora begegnet sein, das ihre Mutter so unglücklich machte?

»Hol den Arzt, Kind! Lauf, soviel du kannst!« stieß jetzt die schluchzende Mutter hervor. Elsli eilte fort. Der Arzt war nicht zu Hause; seine Frau gab dem Elsli Bescheid. Es mußte ihr alles erzählen, was sich zugetragen hatte. Dann sagte sie teilnehmend: »Ich glaube, der kranken Nora ist für immer wohl, die ist gewiß im Himmel.«

Das Elsli stand wie vom Schlag getroffen. »Ist sie nun schon gegangen?« fragte es tonlos. Dann stürzten ihm die Tränen unaufhaltsam die Wangen herunter und vor großer Erschütterung hatte ein Zittern seinen ganzen Körper erfaßt.

»Du armes Elsli«, sagte die Frau Doktorin, das Kind bei der Hand nehmend, »komm, setz dich einen Augenblick hier nieder!« Aber das Elsli war so von seinem Eindruck überwältigt, daß es nicht sitzen konnte. Es hielt sein Schürzchen vor die Augen und lief wieder fort, ganz kläglich vor sich hin jammernd: »O! o! Nun ist sie schon gegangen und ohne mich!« Als es bei Frau Stanhope eintrat, fand es diese noch in derselben Stellung über ihr Kind gebeugt und verzweiflungsvoll weinend und klagend. Elsli setzte sich auf den Schemel hin, den die Nora eben noch gebraucht hatte, und weinte ganz still. So verfloß wohl eine Stunde, dann kam der Doktor. Nachdem er eine kurze Zeit den Platz der Frau Stanhope eingenommen und sich über die Nora gebeugt hatte, wandte er sich zu der Mutter. »Frau Stanhope«, sagte er in rascher, aber teilnehmender Weise, »ich habe nichts mehr zu tun hier, suchen Sie das Unabänderliche zu tragen, das Kind ist tot. Ich will Ihnen meine Frau schicken.« Dann ging er.

Nach einer Weile kam die Frau Doktorin. Aber kein Wort des Trostes, das sie in ihrer herzlichen Teilnahme aussprach, fand Eingang bei der verarmten Mutter. Sie hatte sich wieder über ihr Kind geworfen und sah und hörte nicht, was um sie her vorging. Als die Frau Doktorin bemerkte, daß es für einmal unmöglich war, sich der trostlosen Frau zu nähern, trat sie zu dem Elsli heran, das immer noch auf seinem Schemel saß und leise fortweinte; sie faßte das Kind sanft bei der Hand und zog es auf. »Komm mit mir, Elsli«, sagte sie freundlich, »es ist Zeit für dich, heimzugehen. Wir wollen dich auch nicht vergessen, Elsli, und der liebe Gott vergißt keins seiner Kinder. Du mußt dich zu trösten suchen und denken, wie wohl es der Nora nun ist, da sie gar nie mehr krank sein wird.«

»O, wenn sie mich nur mitgenommen hätte«, schluchzte das Elsli, denn der Gedanke hatte sich so lange und tief bei ihm festgesetzt, daß sie dann miteinander gehen würden, und nun war die Hoffnung dahin und es war zurückgeblieben und nun so allein! Leise weinend ging es an der Seite der Frau Doktorin dahin, und auch als diese bei dem aufsteigenden Wiesenwege sagte: »Nun trennen wir uns; schlaf wohl, Elsli, und komm bald einmal zu uns«, zog es sein Schürzchen nicht von den Augen weg. Leise sagte es: »Gute Nacht!« und ging den Fußweg hinan, und immer hörbarer wurde sein Schluchzen, je weiter es von der freundlichen Begleiterin wegkam und je einsamer der Weg wurde, den es zu gehen hatte.

Die Mutter trat mit einem traurigen Herzen in das Haus ein, wo sie die Kinder alle um die Tante gelagert fand, stiller und nachdenklicher, als sie gewöhnlich waren. Die Tante hatte ihnen erzählt, daß die Nora gestorben und in den Himmel gegangen sei, was ihnen einen tiefen Eindruck gemacht hatte, jedem in einer besonderen Weise. Fred hatte gleich eine Menge Fragen und wollte genau wissen, wie Menschen sterben und wieder leben können. Emmi war sehr niedergeschlagen, denn es kam ihr nun in den Sinn, daß sie niemals mehr zu Nora zurückgekehrt war und ihr gar keine Freundlichkeit erwiesen hatte. Ganz still zogen sich heute die Kinder zurück, und als am späten Abend Mutter und Tante noch allein zusammensaßen, mußte die erstere der teilnehmenden Schwester noch den ganzen Kummer ausschütten, der ihr Herz so schwer machte. Da war die arme Mutter, die ihr einziges Kind in die Erde legen mußte und der mit keinem Worte des Trostes beizukommen war. Da war das zarte Elsli, das nun an die harte Arbeit zurückkehren mußte, die vielleicht so sehr über seine Kräfte ging, daß es sie nicht lange aushalten konnte. Dazu war es nun doppelt verwaist; die nahe Freundin, durch die es in ein neues Leben eingetreten war und in der es ganz gelebt hatte, war für immer weggegangen, und der Bruder Fani, an dem es mit aller Liebe hing, war fort, und vielleicht ja auch für immer fort; wer konnte wissen, wo der bleiben würde! Diese letztere Sache lag der Mutter auch als eine Last auf dem Herzen; war ja doch Emmi schuld daran und das ganze Unternehmen so unsicher, daß man nicht einmal die Zuversicht haben konnte, Fani lerne da wirklich etwas Rechtes, das ihm für seine Zukunft von Nutzen sein konnte. Die Tante hatte einer Bekannten nach Basel geschrieben und sie gebeten, den Mann aufzusuchen, bei dem Fani eingetreten sein mußte, und ihr Nachricht über den Charakter des Mannes und das ganze Verhältnis zu geben. Es war auch schon eine Antwort gekommen, sie war aber nicht gemacht, große Hoffnungen für Fani zu erwecken. Der Dekorationsmaler hatte den Fani wirklich in seinen Dienst genommen, da er Gefallen an dem offenen Wesen des Jungen fand, der ihm so zugelaufen kam und gleich seine ganze Geschichte erzählte. Der Maler hatte aber nur einen Buben gesucht, der ihm die großen Pinsel und Farbtöpfe nachtrage und ihm alles reinigen helfe und für ihn auslaufe. Dafür bekam er seinen Unterhalt von dem Meister, für seine Kleider sollte er aber selbst sorgen. Das war nun gar keine glänzende Anstellung für den Fani, und die Mutter riet bekümmert hin und her, was nun wohl das Beste wäre, das man tun könnte. Für einmal waren seine Eltern ja freilich damit einverstanden, daß er fortbleibe, da er keine bestimmte Anstellung habe; aber sie nahmen an, er verdiene wenigstens so viel, daß sie in keiner Weise mehr für ihn zu sorgen hätten, daß er im Gegenteil nächstens für sie eine Nachhilfe sein werde. So hatte die gute Mutter zu den alten immer wieder neue Sorgen zu tragen, und manchmal schon wäre ihr diese große Last zu schwer geworden, wenn die Tante nicht immer mitgetragen und durch ihre frohe Gemütsart jedem Kummer gleich auch eine erfreuliche Seite abgewonnen hätte. So hatte sie auch heute manches tröstende, erheiternde Wort für die Mutter, so daß auch diese zuletzt wieder mit Hoffnung und Zuversicht auf die kommenden Tage sehen und alles Sorgenerregende dem lieben Gott anheimstellen konnte.

Am folgenden Morgen bat Emmi etwas niedergeschlagen um die Erlaubnis, der Nora Blumen bringen und auf ihr Bett legen zu dürfen. Die Mutter erlaubte es gern und auf Freds Ansuchen hin auch, daß er Emmi begleite. Später wollte auch sie selbst nachkommen und Frau Stanhope besuchen. Die Kinder wurden eingelassen und vom Mädchen in das Zimmer geführt, wo Nora auf einem schneeweißen Bette lag, sie selbst so weiß und still, wie sie noch niemand gesehen hatte. Am Bette kniete die Mutter; sie schaute nicht auf und blieb regungslos auf ihrem Platze, das Gesicht auf das weiße Lager gedrückt. Emmi legte still ihre Blumen auf das Bett hin, dann erfaßte sie die Hand der Nora zum Abschied. Jetzt stürzten der Emmi die Tränen aus den Augen, denn da lag nun die Nora, kalt und schweigend für immer, und Emmi konnte ihr nie mehr etwas Freundliches tun, und da sie noch am Leben war, hatte es Emmi nie getan und war am liebsten gar nicht zu ihr gegangen, und doch war Nora so krank gewesen und so viel allein und hatte wenig Freuden gehabt. Das kam der Emmi nun sehr übers Herz und sie weinte leise fort, als sie nun mit Fred das Zimmer verließ. Einige Zeit nachher trat die Frau Doktorin in das stille Zimmer ein. Frau Stanhope erhob sich, sie hatte die Eintretende erkannt. Jetzt verwandelte der dumpfe Schmerz der Trauernden sich in einen ungeheuren Jammer. »O, können Sie es begreifen, wie ganz verarmt ich bin?« rief sie unter einem Strom von Tränen aus. »O, warum mußte der liebe Gott mir dieses einzige Kind nehmen? Hätte er mir Hab und Gut, allen Reichtum, alles, was ich besitze, weggenommen und mir mein Kind gelassen, ich hätte ja nicht gehadert, ich hätte ja gern alles entbehrt und alles getragen, wenn ich nur mein Kind behalten hätte! Das ist das Härteste, das mir widerfahren kann, das Allerhärteste; o warum muß ich gerade mehr als alle anderen leiden?«