William Wilberforce, der Sklavenfreund Ein Lebensbild, für die deutsche Jugend und das deutsche Volk gezeichnet

Part 9

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Aber was half es viel, daß Wilberforce bei all' diesen Gelegenheiten, den Mächtigen der Erde nahezukommen, darauf bedacht nahm, wo es nur irgend anging, ein gutes Wort für seine Herzenssache einzulegen? Was half's, daß er sich wegen derselben mit den angesehensten Männern Frankreichs in Briefwechsel einließ? Was half's, daß der englische Bevollmächtigte beim Wiener Kongreß die bündigsten Anweisungen erhalten hatte von seiten des Prinz-Regenten, die Sklavensache mit aller Entschiedenheit so wie es Wilberforce wünschte, zu betreiben? -- Der Erfolg all dieser Bemühungen war nur ein sehr geringer. Es wurde nur erreicht, daß der Sklavenhandel auf einen ganz bestimmten Teil der afrikanischen Küste beschränkt werden sollte. Denn außer dem Könige Ludwig XVIII. waren unter den höher gestellten Männern Frankreichs nur sehr wenige, die sich für die völlige Aufhebung des Sklavenhandels hatten gewinnen lassen. Daß diese Angelegenheit gerade von England so nachdrücklich betont, so kräftig betrieben wurde, gereichte ihr am allerwenigsten zur Empfehlung bei den Franzosen. Wie freudig man auch in Frankreich aufatmete, daß nun der Druck, welchen der Mann von Elba geübt hatte, aufhörte, es verdroß dennoch den französischen Hochmut im stillen, daß sich England allein unter den von ihm bekämpften Mächten unter diesen Druck nicht hatte beugen lassen.

Wer hätte aber denken sollen, daß das, was auf dem Wege friedlicher Unterhandlungen nicht hatte erreicht werden können, mit einem Male durch einen Machtspruch dessen hinausgeführt werden würde, der so lange nicht nur seinem eigenen, sondern auch fremden Völkern das Joch der Knechtschaft aufgedrückt hatte?

Am 1. März 1815 kehrte Napoleon von Elba zurück nach Frankreich, und wenn auch er sogleich von allen Monarchen Europas in die Acht erklärt wurde, war doch der Glanz seines Namens für die Eitelkeit der Franzosen so berückend, daß alle gegen ihn gesendeten Truppen des Königs dem gefeierten Feldherrn zufielen, und daß er ohne Widerstand den von dem geflüchteten Ludwig XVIII. verlassenen Thron Frankreichs wieder einnehmen konnte. Und -- wer hätte sich nicht darüber wundern sollen? -- eine seiner ersten Regierungshandlungen war die, daß er die gänzliche Aufhebung des Sklavenhandels verordnete, und zwar für sofort, ohne daß er sich an die im Pariser Frieden festgesetzte fünfzehnjährige Frist kehrte.

Allerdings dauerte ja die ganze wiederhergestellte Kaiserliche Herrlichkeit nicht länger als 100 Tage und wurde bei Waterloo und bei Belle-Alliance durch die Anstrengungen Blüchers und Wellingtons ohne jegliche Hoffnung auf Wiederauferstehung begraben; aber als Ludwig XVIII. wieder auf den Thron Frankreichs zurückgekehrt war, mußte es als eine Unmöglichkeit erscheinen, jenen Machtspruch Napoleons gegen den Sklavenhandel wieder aufzuheben.

Wilberforce freute sich selbstredend dieses erfolgreichen Machtspruchs von Herzen, wenn er auch deshalb von dem gefallenen Tyrannen keine bessere Meinung bekam. Er urteilte nach wie vor über ihn als eine Zuchtrute Gottes für die Völker Europas und drückte sich dahin aus, als er von seiner Wiederkunft von der Insel Elba hörte: »Er führt unbewußt den göttlichen Willen aus, und es ist wahrscheinlich, daß die Leiden, welche er früher über die Nationen Europas gebracht hat, die beabsichtigte Wirkung der Demütigung und Besserung nicht hervorbrachten; deshalb ist es ihm erlaubt worden, noch einmal aufzutreten und die Summe des menschlichen Elends zu mehren.«

Es war gleichsam eine prophetische Anwandelung, die Wilberforce am 18. Juni, dem Tage der Schlacht bei Belle-Alliance zu seinen Kindern sprechen ließ, als er sie bei dem Kirchgange auf dem stillen Dorfe, wo er sich gerade mit ihnen befand, auf die Schönheit der Natur aufmerksam machte: »Vielleicht bestehen in diesem Augenblicke, da wir so in Frieden zum Hause Gottes gehen, unsere braven Soldaten einen heftigen Kampf in Belgien. O wie dankbar sollten wir für alle Güte Gottes gegen uns sein!«

Nach London zurückgekehrt, erfuhr er, daß sein »vielleicht« zur Wahrheit geworden war, und zwar aus sicherster Quelle. Denn ein Adjutant, den Blücher eigens herübergesandt hatte, brachte dem Prinz-Regenten die Freudenkunde von dem großen Siege, den die Engländer und Preußen nach heißem Kampfe erfochten hätten.

»Hat Ihnen der Marschall Blücher noch einen anderen Auftrag gegeben?« fragte der Prinz-Regent den willkommenen Boten.

»Ja,« antwortete dieser, »er hat mir aufgetragen, Herrn Wilberforce von allem, was vorgegangen ist, zu benachrichtigen.«

»So gehen Sie auf alle Fälle selbst zu ihm,« antwortete der Prinz-Regent, »Sie werden sich über ihn freuen.«

VIII.

Wilberforce durfte jetzt, wo nur noch Spanien und Portugal an dem Sklavenhandel festhielten, ohne sich aber voraussichtlich noch lange dem Drucke der öffentlichen Meinung entziehen zu können, in bezug auf seine große, heilige Sache hell und freudig in die Zukunft blicken. Aber um so trüber und trauriger gestaltete sich für ihn persönlich die Gegenwart.

Schon am 15. Januar 1815 nämlich war sein treuer Mitarbeiter und Freund Henry Thornton gestorben, von welchem er selbst bezeugt, daß derselbe einer seiner ältesten, genauesten, innigsten und wertvollsten Freunde gewesen sei, und dessen Verlust ihm um so schwerer fiel, weil er in christlicher Beziehung auf völlig gleichem Boden mit ihm gestanden hatte und so ein Austausch der Herzen über die höchsten, heiligsten Dinge und Fragen des Lebens zwischen ihnen möglich gewesen war.

Bald nach demselben starben ihm noch zwei andere Freunde, die seinem Herzen ebenfalls nahe gestanden hatten, sodaß er an Hannah More schrieb: »Wie ergreifend! Wir schauen uns alle unwillkürlich um und fragen mit forschendem Blicke: Wer ist wohl der nächste, Herr? O möchten diese Warnungen die gehörigen Folgen haben, daß sie uns für die Vorladung bereit machen!«

Und wenn auch nicht +der+ so doch +die+ »nächste« ließ nicht lange auf sich warten; denn schon am 13. Oktober folgte die Witwe von Henry Thornton ihrem Gatten nach mit einem Tode, der für den an ihr Sterbebett berufenen Wilberforce im höchsten Grade erbaulich wurde. Als er am Morgen ihres Todestages in die Versammlung einer Hülfs-Bibelgesellschaft ging, konnte er es nicht lassen, dort von dem tiefen Eindrucke, welchen die Sterbende auf ihn gemacht hatte, beredtes Zeugnis zu geben.

»Ich komme jetzt eben,« sagte er, »von einem Auftritte, wo der Wert des Buches, dessen Verbreitung der Gegenstand Ihrer Thätigkeit ist, sich klar entfaltet hat. Ich darf das Zeugnis nicht vorenthalten, welches hier von der heilenden und siegreichen Wirksamkeit der vom Geiste Gottes eingegebenen Schrift sich zeigte. Ich komme aus einem Zimmer, in welchem eine Witwe, umgeben von ihren nun bald völlig verwaisten Kindern, befähigt ist, dem letzten Feinde ruhig ins Auge zu sehen. Sie selbst besitzt einen Frieden, welchen nichts trüben kann, da er die Gabe Gottes ist. Ihre Kinder sind in gewissem Grade im stande, das Vorgefühl der Hoffnung ihrer Verherrlichung zu hegen. Es ist ein Auftritt, welchem man beigewohnt haben muß, um den vollen Eindruck im Herzen zu erforschen: ein Bewußtsein der Zufriedenheit und des Glücks in den Augenblicken des tiefsten äußeren Mangels und Kummers, eine Erhebung über die Leiden und Anfechtungen dieses vergänglichen Lebens. -- Laßt mich fragen: ist dieser Trost in Traurigkeit, diese Hoffnung im Tode etwa ein Familiengeheimnis, von dem die Menschen im allgemeinen ausgeschlossen sind? Nein, es ist das, was das Wort Gottes allen bietet, welche es ergreifen wollen. Wie konnte ich daher umhin, zu kommen und Ihnen Glück zu wünschen, daß es ihnen gestattet ist, die geehrten Werkzeuge des Allmächtigen zur Verbreitung einer solchen Herzstärkung in einer sterblichen Welt zu sein? Wie konnte ich umhin, mich zu freuen, daß es mir vergönnt ist, mich mit Ihnen zu vereinigen in den Bemühungen, durch welche diese unvergänglichen Segnungen in Umlauf gesetzt werden?«

Aber es waren nicht blos diese rasch hinter einander folgenden Todesfälle, wodurch ein trüber, trauriger Schatten in das Leben unseres Wilberforce fiel, sondern auch ein recht betrübendes persönliches Erlebnis.

Im Parlamente wurde nämlich ein Gesetzesvorschlag eingebracht, wonach von dem in England eingeführten Getreide ein Zoll erhoben werden sollte, die sogenannte »Kornbill«. Begreiflicherweise war dies keine erwünschte Maßregel für alle, die Brot kaufen mußten, weil dasselbe dadurch notwendig verteuert werden mußte, allein es war eine Maßregel, die sich zum Schutze der inländischen Ackerbauer als unbedingt nötig erwies. Wilberforce prüfte gewissenhaft und sorgfältig die Sachlage und trug, als er sich von der Notwendigkeit des Kornzolles überzeugt hatte, durchaus kein Bedenken, der Kornbill seine Unterstützung zu teil werden zu lassen.

Da wandte sich trotz seiner sonstigen allgemeinen Beliebtheit der Unwille des Volkes gegen ihn, und zwar in solchem Maße, daß er es für angezeigt hielt, eine Schutzwache von 6 Mann in sein Haus zu nehmen, um sich vor einem zu befürchtenden Sturme des Volkes auf dasselbe zu schützen. Auch er mußte es also erfahren, welch ein wetterwendisches Ding die Volksgunst sei und wie wenig es dieselbe verdiene, daß man begehrlich nach ihr hasche, ihr zu liebe vielleicht gar gegen die Stimme seines Gewissens handele.

So wenig ihn aber die Gunst oder Ungunst des Volkes in seinem Verhalten irgendwie beeinflussen konnte, so wenig machte er sich auch aus den Gunstbezeugungen, die ihm von seiten des Hofes zukamen, als dieser in Brighton seinen Aufenthalt nahm, wo sich Wilberforce jetzt eben mit seiner Familie aufhielt. Der Prinz-Regent lud ihn zu wiederholten Besuchen ein und überhäufte ihn mit Artigkeiten. Er trug sogar selbst Sorge dafür, daß, wenn Wilberforce die Einladung zu Tische angenommen hatte, nur solche Personen in seine Nähe gesetzt wurden, von denen er keine Kränkung in seinen religiösen Anschauungen und Gefühlen zu befürchten hatte.

Als ihn sein Schwager Stephen wegen dieser ihm erwiesenen Artigkeiten neckte und meinte, er würde am Ende doch noch »Peer«, d. h. Mitglied des Oberhauses, werden, antwortete er, da dürfe man unbesorgt sein, er werde als William Wilberforce leben und sterben; denn er sehe immer mehr, daß die Großen in der Welt am meisten zu bemitleiden seien und er danke deshalb stets seinem Gotte, daß er ihn in eine Stellung geführt habe, welche für seine Kinder nicht die großen oder wohl noch größere Versuchungen und Gefahren herbeiführen würde, die er selbst zu bestehen habe.

Auch gab es für diese Gunstbezeugungen des Hofes bald wieder ein heilsames Gegengewicht in seinem Leben, das ihn, wenn er sich ja hochmütigen Regungen hätte hingeben wollen und können, alsbald wieder niederziehen und demütig machen mußte.

Nicht allein, daß er von dem Ministerium im Stiche gelassen wurde, als er die sogenannte »Registerbill« wieder im Parlamente einbrachte, wonach die Zählung und namentliche Aufzeichnung der Sklaven, wie sie für die Insel Trinidad angeordnet worden war, und sich dort sowohl als ausführbar, als auch segensreich bewiesen hatte, für alle englischen Kolonieen in Westindien angeordnet werden sollte; nein auch die Gegner der Sklavensache regten sich wieder mit Macht, als sie inne wurden, welch' zarte Rücksichten das Ministerium damit auf die Selbstständigkeit der Regierungen in den Kolonieen nahm. Sie glaubten jetzt jedes weitere Fortschreiten des Sklavenfreundes in seinen Bestrebungen wirksam hindern zu können, und wählten dazu das verwerfliche Mittel, dessen Persönlichkeit anzutasten und nicht nur im Parlamente, sondern auch in Flugschriften, welche sie unter das Volk warfen, Wilberforce auf das schnödeste zu verdächtigen und zu verleumden. Man ging darin so weit, daß Wilberforce einmal mit bitterem Lächeln im Parlamente sagte: »Wenn alles, was mir meine Gegner vorwerfen, wahr wäre, so hätte ich schon vor 30 Jahren des Todes schuldig erklärt werden müssen.«

Es war jedoch nicht die Furcht vor diesen Verleumdungen, welche ihn abhielt, in der Sitzung des Parlamentes von 1816 die Registerbill wiederum einzubringen, sondern der erfreuliche Umstand, daß sich jetzt Spanien zur völligen Aufgebung seines Sklavenhandels zu entschließen schien und deshalb in Verhandlungen mit England eintrat, die durch das Einbringen der Registerbill hätten gestört werden können. Allerdings zogen sich diese Verhandlungen bis ins folgende Jahr hin, weil Spanien für die Aufgebung des Sklavenhandels eine hohe Entschädigungssumme forderte; aber sie kamen doch endlich zum erwünschten Austrage, nachdem man über eine Entschädigungssumme von 400,000 Pfund Sterling (= 8 Millionen Mark) übereingekommen war, welche England bezahlen sollte. Dagegen verpflichtete sich Spanien, bis zum Jahre 1820 den Sklavenhandel aufzugeben, hielt aber trotzdem nachher diesen Termin nicht ein, sondern erfüllte erst im Jahre 1822 sein Versprechen.

Als von der westindischen Insel Barbadoes Nachrichten über heftige Negeraufstände einliefen, die dort stattgefunden, war dies natürlich wieder eine willkommene Gelegenheit für die »Westindier,« Wilberforce wegen seiner Bemühungen für die Sklaven anzugreifen. Man gab die Grausamkeiten, welche sich die empörten Sklaven erlaubt hatten, diesen allein schuld, ohne anerkennen zu wollen, daß dieselben von seiten der Sklavenhalter durch ihre grausame, schonungslose Behandlung der Neger veranlaßt worden seien; man suchte daraus die Notwendigkeit zu beweisen, alle Bemühungen zu Gunsten der Neger aufzugeben, weil diese, wenn sie von solchen Bemühungen wieder hörten, dadurch zu immer neuen Empörungen und blutigen Befreiungsversuchen gereizt würden, und ebensowohl auch die andere Notwendigkeit, die widerwilligen Neger durch strengen und harten Druck niederzuhalten. Wilberforce mußte wieder seine ganze Beredsamkeit aufwenden, um seine Sache, sowie sich selbst und seine Grundsätze zu verteidigen. Er unterschrieb jedoch willig eine Adresse mit, die den Prinz-Regenten bitten sollte, seine ernste Mißbilligung der Vorgänge auf der westindischen Insel auszusprechen, aber auch den Regierungen der Kolonieen auf das Ernsteste geeignete Maßregeln zur Verbesserung der Lage der Neger zu empfehlen.

Im Oktober 1816 traf unsern Wilberforce der schwere Schlag, daß seine innig geliebte Schwester, die Gattin seines Freundes Stephen, verstarb, das letzte Glied seiner Familie, von welcher er nun noch allein übrig war. Wenn er ihr mit trauerndem Herzen nachrühmen konnte, daß er in ihr die zärtlichste Schwester verloren habe, von der er in Wahrheit sagen könne, daß es wohl nie auf Erden eine anhänglichere, edlere und treuere Freundin ihres Bruders gegeben habe, so konnte er sich ebensowohl zum Troste sagen, daß sie in wahrem Frieden mit ihrem Gotte und Heilande heimgegangen sei.

Wilberforce hatte bisher immer nur auf Aufhebung des Sklavenhandels und bessere Behandlung der Sklaven, welche einmal das Joch der Knechtschaft trugen, hingewirkt, ohne noch die gänzliche Aufhebung der Sklaverei und völlige Freilassung aller Sklaven, die ihm doch als höchstes Ziel vorschweben mußten, anders als in gelegentlichen Äußerungen bei Freunden angerührt zu haben. Allein es wurde ihm immer mehr zur Überzeugung, daß er nun auch thatsächlich auf dieses Ziel lossteuern müsse, wenn sein Werk kein halbes bleiben sollte. So lange es Sklaven gab, konnte auch der harte, grausame Geist nicht aussterben, mit dem man sich gegen ihre Aufstände glaubte wappnen zu müssen, und der jedes menschliche Mitgefühl mit den armen Schwarzen ersticken mußte.

Eine große Freude wurde ihm dadurch bereitet, daß sich im Jahre 1817 der Negerkönig Heinrich I. auf der Insel St. Domingo oder Haïti geradezu mit einer Bitte an ihn wandte, und es damit bewies, daß die Schwarzen seinen Eifer für ihr Wohl kannten und zu seiner Menschenliebe das vollste Zutrauen hatten.

Mit diesem Negerkönige verhielt es sich aber folgendermaßen. Von dem großen Sklavenaufstande auf St. Domingo im Jahre 1791, von welchem bereits Erwähnung gethan wurde, und bei dem sich Neger und Farbige zur Vertilgung aller Weißen auf der Insel vereinigt hatten, war das Ende gewesen, daß in der That sämtliche Weiße, soweit ihnen nicht die rechtzeitige Flucht gelang, schonungslos niedergemetzelt wurden. Der französische Nationalkonvent hatte darauf am 4. Februar 1794 den Negern und Farbigen in dem französischen Teile der Insel völlige Freiheit und völlig gleiche Rechte mit den Weißen bewilligt und sogar einen der hervorragendsten unter den aufständischen Negern, einen gewissen Toussaint L'Ouverture, zum Obergeneral aller französischen Truppen auf der Insel eingesetzt. Als nun die Spanier 1795 im Frieden von Basel ihre Besitzungen auf der Insel an die Franzosen abgetreten hatten, nachdem ihr Versuch fehlgeschlagen war, gemeinsam mit den Engländern die mit den Franzosen verbündeten Neger zu besiegen, und auch die Engländer im Jahre 1797 die Insel ganz aufgegeben hatten, brachen die Neger in einem neuen Aufstande unter ihrem Führer Dessalines, auch die Herrschaft der Franzosen, so daß diese im November 1803 die Insel räumten. Jetzt warf sich Dessalines zum Herrscher der ganzen Insel auf, nahm den Titel: »Kaiser Jacob I.« an und führte ein rohes, grausames Regiment über Neger und Farbige. Aber schon nach einem Jahre wurde er in einer Empörung gegen ihn ermordet und nun brach die alte Eifersucht zwischen Negern und Farbigen wieder in hellen Flammen aus. Die Neger sammelten sich unter ihrem Generale Heinrich Christoph, die Farbigen unter dem Mulatten Pétion und teilten sich endlich friedlich in den Besitz der Insel. Die Farbigen gründeten unter Pétion eine Republik, die Neger unter Heinrich Christoph, welcher jedoch 1811 die Negerrepublik in eine erbliche Monarchie verwandelte und sich als König Heinrich I. die Krone aufsetzte. Obwohl als Sklave geboren, hatte er sich dennoch eine tüchtige geistige Bildung zu verschaffen gewußt und Erkenntnis genug gewonnen, um einzusehen, daß seine Herrschaft nur Bestand haben könne, wenn er sich bemühe, seine Schwarzen aus ihrer Rohheit und Unwissenheit herauszureißen.

Schon im Jahre 1815 hatte er sich mit Wilberforce in Verbindung zu setzen gewußt und ihm erklärt, daß er in allen Stücken seinem Rate folgen wolle. Wilberforce hatte mit Erlaubnis der Regierung diese Verbindung gerne angenommen und gepflegt, weil der schwarze König versichert hatte, nicht blos die englische Sprache, sondern auch die evangelische Religion in seinem Königreiche einführen zu wollen. Wie ihm der Negerkönig sein Bildnis zugesandt hatte, so schickte Wilberforce als Gegengabe sein eigenes, sowie das seines ältesten Sohnes nach Domingo hinüber.

Jetzt im Jahre 1817 wandte sich König Heinrich I. wiederum an Wilberforce mit der Bitte, ihm einen englischen Erzieher für seinen Sohn, sowie 7 Lehrer für das Volk und 7 Professoren für eine zu errichtende Hochschule zu senden, auch englische Landleute zur Ansiedelung auf St. Domingo zu bewegen, indem er zugleich 6000 Pfund Sterling (120,000 M.) zur Bestreitung der Kosten beilegte.

Niemand wird bezweifeln, daß es für Wilberforce eine Gewissenssache wurde, dieser Bitte zu entsprechen, und mit der ängstlichsten Gewissenhaftigkeit die Leute auszuwählen, die er für die Verhältnisse in St. Domingo als die tüchtigsten und geeignetsten ansah. Allein es waren fruchtlose Bemühungen; denn im Jahre 1820 erschoß sich König Heinrich I. bei einem Aufstande, welcher sich gegen ihn wegen allzu strenge geübter Gerechtigkeit erhob, und die ganze Insel kam nun unter die Herrschaft eines Mulatten Boyer.

Wilberforce, der sich bei dem Kongresse zu Aachen im Jahre 1818, allerdings vergeblich, bemüht hatte, für seinen König Heinrich I. die Anerkennung der europäischen Mächte zu erlangen, betrauerte es tief, daß der für die Bildung seiner Schwarzen so eifrige Mann ein solches Ende nahm und machte sich sogar Vorwürfe darüber, daß er für dessen christliche Bildung nicht genug gethan und gebetet habe.

Auf dem Kongresse zu Aachen waren zwar die Bemühungen, die Wilberforce gemacht hatte, um zu erringen, daß von seiten der dort tagenden europäischen Mächte der Sklavenhandel, von dem er nur zu gut wußte, daß derselbe nach wie vor weiter betrieben würde, nun in der That mit der Seeräuberei auf gleiche Linie gestellt würde, von keinem Erfolge gekrönt, aber die deshalb geführten Verhandlungen hatten doch das Gute gehabt, daß den Mächten einmal wieder die Scheußlichkeiten des Sklavenhandels recht in Erinnerung gebracht wurden. Wilberforce hatte sich noch einmal schriftlich an den Kaiser von Rußland gewendet, aber wie sehr auch dieser, wie sehr auch die englischen Bevollmächtigten bei dem Kongresse sich darum bemühten, es konnte weder hier in Aachen, noch auch auf dem 4 Jahre später stattfindenden Kongresse zu Verona die allgemeine Erklärung des Sklavenhandels für Seeraub erlangt werden.

Auch die »Registerbill«, obschon wiederholt von Wilberforce im Parlamente eingebracht und warm befürwortet, konnte nicht zur Annahme gelangen. Sie scheiterte stets an dem hitzigen Widerstande der »Westindier« und an ihrer steif festgehaltenen und deshalb von Vielen als richtig angesehenen Behauptung, daß die westindischen Kolonieen dadurch in ihrem Bestande gefährdet und dadurch auch England selbst schwer geschädigt werden würde. Die Verhandlungen darüber machten es aber allen Sklavenfreunden immer mehr zur unbestreitbaren Gewißheit, daß nur durch völlige Aufhebung der Sklaverei den entsetzlichen Grausamkeiten gegen die armen Neger ein Ende gemacht werden könne.

Vorläufig war jedoch für Wilberforce noch nicht daran zu denken, mit einem bestimmten dahin zielenden Antrage vor das Parlament zu treten. Die öffentliche Meinung in England war dafür noch nicht reif genug. Aber seine Papiere aus dieser Zeit geben Zeugnis davon, wie er sich fortwährend mit dem großen, edlen Gedanken beschäftigte und unablässig auf Maßregeln sann, wie vorläufig wenigstens das Elend der armen Schwarzen gelindert werden könne. Er mußte eben in seiner heiligen Sache wirken, so lange es Tag für ihn war, und die 60 Lebensjahre, die er nun schon auf dem Nacken trug, mußten ihm von Tag zu Tage mehr eine Mahnung daran werden, daß es für ihn nicht mehr weit bis zum Lebensabende und bis zu der Nacht sei, da niemand mehr wirken kann. Auch fühlte er, der eigentlich niemals recht gesund und kräftig gewesen war, deutlich, daß seine Lebenskraft sehr in der Abnahme begriffen sei, und daß er nicht mehr so wie früher in allen Angelegenheiten des Parlaments die ganze Arbeitskraft einsetzen könne und dürfe, wenn er für diejenige, welche ihm am meisten am Herzen lag, noch ein wenig Kraft behalten wolle.

Nur in Einer Angelegenheit, die mit seiner Sklavensache in keinem näheren Zusammenhange stand, konnte er es nicht lassen, wieder in die erste Reihe der Parlamentsredner einzutreten, weil sie ihm überaus wichtig erschien und im ganzen Lande große Aufregung verursachte.

Der Prinz-Regent, welcher für seinen dem völligen Wahnsinne anheimgefallenen und dazu noch erblindeten Vater Georg III. schon seit 1811 die Regierung führte, lebte mit seiner Gemahlin, einer braunschweigischen Prinzessin, in einer höchst unglücklichen Ehe, und es kam so weit, daß die Königin, die schon längst getrennt von ihrem Gemahle lebte, endlich die gänzliche gesetzliche Scheidung ihrer Ehe beantragte.