William Wilberforce, der Sklavenfreund Ein Lebensbild, für die deutsche Jugend und das deutsche Volk gezeichnet

Part 5

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Wiederum sprach er mit dem ganzen Feuer seiner hinreißenden Beredsamkeit; wiederum unterstützten ihn die beiden sonstigen Gegner, Pitt und Fox mit gleicher Kraft und Entschiedenheit, aber sein Antrag fiel dennoch durch. Doch hatten die gehaltenen Reden wenigstens den bei den gegenwärtigen Zeitläufen immerhin nicht unbedeutenden Erfolg, daß man sich mit 238 gegen 45 Stimmen für den Vorschlag erklärte, auf allmähliche Abschaffung des Sklavenhandels Bedacht zu nehmen. Es mußte jedoch dafür erst in einer neuen Parlamentssitzung ein besonderer Antrag eingebracht werden.

Wilberforce konnte sich zu solch einem Antrage nicht entschließen, weil dadurch das einstweilige Fortbestehen des Sklavenhandels als gesetzmäßig hingestellt worden wäre. An seiner statt übernahm es einer der Minister ihn zu stellen und wollte den 1. Januar 1795 als den Tag angenommen haben, von welchem ab der Sklavenhandel aufhören müsse. Das war aber den meisten ein zu naher Termin und nach langen, heißen Verhandlungen wurde endlich auf den Antrag von Wilberforce mit 151 gegen 132 Stimmen der 1. Januar 1796 als Endtermin für den Sklavenhandel angenommen.

Hätte nur auch das Oberhaus, das diesen Beschluß ebenfalls annehmen mußte, wenn er Gesetzeskraft erlangen sollte, in denselben eingestimmt! Allein dies war nicht der Fall, sondern es verschob seine Entscheidung bis zur nächsten Sitzung.

Obwohl so noch durchaus nichts Festes und Bestimmtes erreicht war, ergossen doch die »Westindier« die ganze Schale ihres Zornes über Wilberforce, als den Mann, der im Kampfe gegen sie sich nicht zur Ruhe bringen ließ. Nicht blos, daß die schändlichsten Verleumdungen wider ihn ausgestreut wurden, nein selbst mörderische Pläne wurden gegen ihn geschmiedet, sodaß ihn seine Freunde nicht ohne bewaffnete Begleitung wollten auf die Reise gehen lassen. Möglich, daß auch seine Ernennung zum französischen Bürger, welche ihm in dieser Zeit zukam, nur eine böswillige Anzettelung seiner Feinde war, die ihn dadurch als einen unzweifelhaften Anhänger der französischen Revolution verdächtigen wollten. Freilich wurde ihm diese zweifelhafte Ehre sogleich wieder entzogen und sein Name aus den Listen der französischen Bürger gestrichen, als er in den Vorstand einer Gesellschaft trat, die sich die Unterstützung der durch die Revolution aus Frankreich vertriebenen Geistlichen zum Zwecke gesetzt hatte.

Der Krieg mit Frankreich, welcher ausbrach, nachdem die Franzosen ihre gerühmte »Brüderlichkeit« soweit getrieben hatten, daß sie am 21. Januar 1793 ihren König hinrichteten, brachte notwendig einen Stillstand in die Verhandlungen über die Sklavensache. Nun, wo man gesehen hatte, wie die Grundsätze der Revolution in Frankreich zum Umsturz aller bestehenden Ordnung führen konnten, schrack man vor allem zurück, was nur den mindesten Zusammenhang mit diesen Grundsätzen zu haben schien, wie man das ja bereits den Bemühungen der Sklavenfreunde und unseres Wilberforce insonderheit zum Vorwurfe gemacht hatte. Das Parlament weigerte sich in seiner großen Mehrzahl, auch nur die Entscheidung vom vorigen Jahre zu erneuern.

Dem Kriege mit Frankreich war Wilberforce entgegen gewesen. Als derselbe unvermeidlich wurde, weil die französische Nationalversammlung auf die Rückberufung des englischen Gesandten nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. damit antwortete, daß sie an England den Krieg erklärte, drang Wilberforce bei seinem Freunde Pitt darauf, daß England sich nur verteidigen solle, wenn es von Frankreich wirklich angegriffen würde. Allein da Pitt ein erbitterter Gegner des revolutionären Nachbars war, so ging er darauf nicht ein, und zum erstenmale fanden sich die beiden Freunde in entschiedenem Gegensatze.

Wenn er aber auch so für den äußeren Frieden nichts durchsetzen konnte, so beteiligte sich Wilberforce desto eifriger an einem anderen Friedenswerke, zu dem sich jetzt Gelegenheit bot, und das ihm schon längere Zeit am Herzen gelegen hatte.

Es lag nämlich die Notwendigkeit vor, die Karte der englischen Kolonien in Asien zu erneuern, und es kam im Parlament zu Verhandlungen über die sittlichen und religiösen Zustände der Eingeborenen in jenen Kolonien, bei denen der Regierung zum Vorwurfe gemacht werden mußte, daß sie diesen Zuständen bisher gar keine Aufmerksamkeit zugewendet habe. Da verlangte denn Wilberforce, daß Geistliche und Lehrer nach Ostindien geschickt würden, welche den Eingeborenen das Christentum brächten, wie dies von seiten der Sekten der Methodisten und Baptisten bereits geschehen sei. Er bekämpfte dabei mit aller Entschiedenheit den Grundsatz, dem die englische Regierung bisher gefolgt war, und der dahin ging, daß es am besten sei, die Eingeborenen bei ihrem Heidentum zu lassen. Es war ein tiefer Schmerz für ihn, zu sehen, wie sein Vorschlag mit allgemeiner Gleichgültigkeit aufgenommen wurde und sogar nur bei einzelnen der Bischöfe Unterstützung fand. Vergebens machte er geltend, daß eine Ablehnung seiner Forderung gleichbedeutend sei mit der öffentlichen amtlichen Erklärung, man achte das Christentum nur deshalb, weil es die im Lande bestehende Religion sei, nicht aber deshalb, weil es allein den rechten Heilsweg zeige und eine göttliche Offenbarung sei. -- Seine Anträge wurden nicht angenommen.

Als mit der Hinrichtung Robespierres am 27. Juli 1794 die Schreckensherrschaft in Frankreich ihr Ende erreicht hatte, hielt Wilberforce die Zeit für gekommen, den Frieden mit Frankreich wieder herzustellen und England wieder die Segnungen des Friedens zuzuwenden. Trotz der entgegenstehenden Ansicht der meisten seiner Freunde, trotzdem, daß er dadurch wieder mit Pitt in offenen Widerspruch treten mußte, brachte er, lediglich den Mahnungen seines Gewissens folgend, im Dezember 1794 seine Friedensanträge im Parlamente ein. Er zog sich dadurch nicht blos die Unzufriedenheit des Königs, sondern auch seiner Wähler zu, achtete aber dessen nicht, sondern unterstützte nach Ablehnung seiner eigenen Anträge schon im Februar des folgenden Jahres wieder den Antrag auf Wiederherstellung des Friedens, welchen ein anderes Parlamentsglied eingebracht hatte, sowie jeden anderen dahin zielenden Antrag, der im Laufe dieser Parlamentssitzung gestellt wurde. -- So heilig war ihm eine einmal gewonnene gewissenhafte Überzeugung.

Zu einer inneren Entfremdung zwischen Wilberforce und Pitt kam es indessen durch diese Gegnerschaft in Sachen des Krieges keineswegs. Pitt wußte zu gut, daß der Freund lediglich aus der Gewissenhaftigkeit seiner Überzeugung heraus diese Gegnerschaft aufrecht erhielt und alles war zwischen beiden vergessen, als sich auch die Minister dem Frieden mit Frankreich glaubten zuneigen zu müssen.

Sie gingen wieder einträchtig zusammen, als die Regierung vom Parlamente die Berechtigung zu außerordentlichen Maßregeln forderte, um den Revolutionsgeist unterdrücken zu können, der sich immer weiter im Lande auszubreiten schien und immer kecker und unverhohlener hervortrat. Schon predigte man offen in eigens dazu berufenen Versammlungen den Aufruhr gegen die Regierung, verbreitete ungescheut Bilder, durch welche der König auf dem Gange zum Schaffot dargestellt wurde, ja wagte es sogar, den König persönlich zu beunruhigen und zu beschimpfen, als er zur Eröffnung des Parlamentes fuhr. -- Da unterstützte denn Wilberforce furchtlos und kräftig, wenn auch ungern, die Forderung der Regierung und half dazu, daß sie, wenn schon auch erst nach langem und heißem Redekampfe bewilligt wurde.

Er hatte aber damit nicht allein die Feindschaft der Freiheitspartei auf sich geladen, die sich auch im Parlamente gebildet hatte, sondern auch die ganze Masse seiner Wähler in der Grafschaft York wider sich erbittert, die sich von dem Revolutionsgeiste hatten bestricken lassen. Als er nun hörte, daß diese eine große öffentliche Versammlung abhalten wollten, um ihrem Unwillen gegen das Ministerium und seine Absichten Ausdruck zu geben, beeilte er sich, zu dieser Versammlung noch zurecht zu kommen und benutzte dazu sogar, ohne irgend welches Bedenken, weil sein eigener Wagen für eine so weite eilige Reise nicht gehörig in Ordnung war, den Wagen, den ihm der so verhaßte Minister zur Verfügung stellte.

Allein als Wilberforce am Orte der Versammlung ankam, stellte es sich heraus, daß die sogenannte Freiheitspartei doch noch nicht so groß war, als man befürchtet hatte, und bei Eröffnung der Versammlung waren die Freunde und Anhänger des Ministeriums entschieden in der Überzahl. Ohne Furcht vor etwaigen Feindseligkeiten gegen seine Person trat Wilberforce in die stürmisch tobende Versammlung hinein, verschaffte sich Gehör und hielt eine glänzende Rede, die den Erfolg hatte, daß eine ganz gegenteilige Kundgebung als die beabsichtigte zu stande kam, nämlich eine Schrift, die bald mit zahlreichen Unterschriften bedeckt war, und worin man die entschiedenen und kräftigen Maßregeln des Ministeriums gegen die revolutionäre Partei vollständig billigte, und dieser Vorgang fand bald auch in anderen Grafschaften Nachahmung.

So hatte Wilberforce den deutlichsten Beweis geliefert, wie falsch die ihm gemachten Vorwürfe wegen Hinneigung zu den Grundsätzen der Revolution gewesen seien, und glaubte denn nun, ohne aufs neue solche Vorwürfe erleiden zu müssen, seine Sklavensache wieder in Angriff nehmen zu können. Denn entmutigt war er durch die bisher nur errungenen geringen Erfolge keineswegs, und es lag gerade jetzt wieder ein besonderer Grund vor, in seiner Sache ernstlich vorzugehen.

Frankreich hatte nämlich, um den verhaßten englischen Nachbarn einen empfindlichen Schaden zuzufügen und wo möglich die ganze Negerbevölkerung auf seinen westindischen Besitzungen in Aufruhr zu bringen, auf seinen eigenen Besitzungen drüben alle Neger für frei erklärt, und es dadurch auch wirklich dahin gebracht, daß auf den englischen Inseln Granada, St. Vincent und Dominica Empörungen der Neger stattfanden. Da hatten denn die Freunde des Sklavenhandels wieder Oberwasser und wußten den Mund nicht voll genug zu nehmen, um auszuschreien, daß man hier sehen könne, wozu die Freundschaft gegen die Neger führe.

Sofort war Wilberforce auf dem Kampfplatze und brachte am 18. Februar 1796 wieder seine alten Anträge auf Aufhebung des Sklavenhandels und wo möglich der Sklaverei selbst das Parlament, entwickelte auch wieder die alte, feurige Beredsamkeit für seine Herzenssache und wußte das thörichte Geschrei der Gegner mit der Wucht seiner Gründe zu übertäuben. Allein wiewohl er auch jetzt wieder von Pitt kräftig unterstützt wurde, konnte er doch seine Anträge nicht durchbringen, weil seine Freunde bei der schließlichen Abstimmung nicht in der nötigen Zahl auf dem Platze waren, und selbst der von ihm gestellte Antrag fiel durch, daß durch das Gesetz eine bessere Behandlung der Sklaven auf den Sklavenschiffen erzwungen werden möchte.

Tiefbetrübt über diesen neuen Mißerfolg würde Wilberforce wohl nicht daran gedacht haben, sich um seine Wiederwahl ins Parlament zu bewerben, wie es jetzt nötig wurde, wenn er nicht zweifellos an den endlichen Sieg seiner guten Sache geglaubt und es deshalb für eine heilige Pflicht angesehen hätte, seine Wirksamkeit im Parlamente unbeirrt und mit aller Kraft fortzusetzen. Seine Wiederwahl hatte denn auch nicht die geringste Schwierigkeit.

Bei einem Besuche seiner Mutter in Hull, den er bei Gelegenheit dieser Wiederwahl machte, durfte er mit inniger Freude wahrnehmen, wie die betagte Frau, die er so sehr liebte, jetzt durch Gottes Gnade innerlich eine ganz andere geworden und auf dem besten Wege war, sich mit ganzem, vollem Ernste dem wahren Christentum zuzuwenden. Ihre Bitte beim Abschiede, daß der Sohn ihrer fleißig in seinem Gebete gedenken möge, hat dieser gewiß von nun an mit doppelter Freudigkeit erfüllt.

Wer nach dem bisher Erzählten denken wollte, Wilberforce habe für nichts anderes Interesse gehabt, als für seine Sklavensache und höchstens für das, was derselben irgendwie dienen konnte, der würde ihn durchaus falsch beurteilen. Sein Herz, das von der Liebe Christi durchdrungen war, trieb ihn vielmehr, wo und wie er nur konnte, das leibliche und geistliche Wohl aller seiner Mitmenschen zu fördern.

Nicht blos, daß er bei jeder sich bietenden Gelegenheit für die heilige Sache der Mission eintrat und für ihre Ausbreitung und Förderung kämpfte, auch das leibliche Elend seiner Mitmenschen fand in ihm einen stets willigen und bereiten Helfer. So besuchte er, wenn er in London war, häufig die dortigen Krankenhäuser und brachte den Elenden neben geistlichem Zuspruche auch leibliche Erquickungen, ja hielt es nicht unter seiner Würde, ihnen auch selbst hülfreiche Handreichung zu thun. Auch unterstützte er nach wie vor seine Freundin Hannah More bei ihren Bemühungen, dem unwissenden Volke die Segnungen eines regelmäßigen Schulunterrichtes zuzuwenden und hatte dafür eine allezeit offene Hand.

Besonders aber beschäftigte ihn schon seit Jahren eine Schrift, an der er ununterbrochen während seiner Mußezeiten arbeitete und welche den Titel führen sollte: »Eine praktische Übersicht des vorherrschenden religiösen Lehrbegriffs der Bekenner des Christentums in den höheren und mittleren Ständen dieses Landes, verglichen mit dem wahren Christentum«, also eine Schrift, die mit der Sklavensache zunächst gar nichts zu thun hatte.

Es war nämlich für Wilberforce ein fortgesetzter tiefer Schmerz, zu sehen, wie wenig wahres, aufrichtiges und thatkräftiges Christentum in den Gesellschaftskreisen herrschte, darin er sich bewegte. Entweder trat ihm da eine vollständige Gleichgiltigkeit gegen das Christentum entgegen, die von diesem nicht einmal reden hören mochte, oder jene unerträgliche Schwatzhaftigkeit über das Christentum, der man es doch sofort abmerkte, daß sie ebensowenig aus aufrichtiger Hochachtung und Liebe für dasselbe hervorging, als ihr eine rechte christliche Erkenntnis oder gar eine wahrhaftige christliche Erfahrung zu Grunde lag. Diese betrübende Wahrnehmung ließ dem für das Christentum, dessen segensreiche Wirkung er täglich mehr an sich selbst erfuhr, begeisterten Manne keine Ruhe. Er betrachtete es als eine heilige Pflicht, mit der Gabe, die er empfangen hatte, auch anderen zu dienen, die derselben noch ermangelten, und möglichst viele von ihren falschen, verkehrten Wegen zu dem einzigen Wege zu rufen, der zum Frieden auf Erden und zur Seligkeit im Himmel führt.

Bei denjenigen, welche ihm persönlich näher standen, that er dies mündlich mit rückhaltsloser Offenheit, aber auch mit so liebenswürdiger Milde und mit so teilnahmvoller Eindringlichkeit, daß ihm niemand zürnen konnte, auch wenn er sich vielleicht durch ein ernstes, strafendes Wort verletzt gefühlt hätte.

Um aber auch auf weitere Kreise zu wirken, mit denen er keine persönliche Berührung hatte, schrieb er das erwähnte Buch. In der Einleitung zu demselben hob er besonders hervor, daß er, obgleich ein Nichtgeistlicher, sich doch verpflichtet gefühlt habe, solch ein Buch zu schreiben, weil er dafür halte, daß jeder Christ dazu berufen sei, das Heil seiner Nächsten nach Kräften zu fördern, und weil er denke, daß man einen Nichtgeistlichen für unparteiischer halten werde; er habe nicht für entschiedene Gegner des Christentums geschrieben, sondern für solche, die sich wohl Christen nennten, aber deren Leben durchaus nicht mit ihren Bekenntnissen übereinstimme.

Nachdem er nun zuerst die Haupt- und Grundlehren des Evangeliums: von der Sünde, von der Erlösung durch den Herrn Jesum Christum, von der Heiligung durch den heiligen Geist in tiefer, schriftgemäßer Weise besprochen und mit hoher Glaubensfreudigkeit als die rechte seligmachende Weisheit und Wahrheit bezeugt hatte, welche niemand ungestraft und ohne Schaden verachten könne, ging er besonders darauf aus, zu beweisen, wie eine Sittlichkeit ohne Glauben nur hohles, kraftloses, hinfälliges Wesen sei, wie aber der Glaube nicht etwa blos in dem Fürwahrhalten der christlichen Lehre bestehe, sondern vielmehr ein Sauerteig sei, der das ganze Wesen durchdringen und zu einer vollen, rückhaltlosen Hingabe des Herzens und Lebens an Gott und den Heiland treiben müsse. An dieser Beweisführung, bei welcher er besonders die Redensarten näher beleuchtete, mit denen die Weltmenschen in der Regel jede Zumutung mit ihrem Christentum Ernst zu machen, von sich abwiesen, schloß sich dann der Nachweis, wie wahres Christentum mit allen Lebensverhältnissen und mit jeder Lebensstellung wohl verträglich sei und durchaus nichts Unmögliches von seinen Jüngern fordere.

Sieben Jahre lang schon hatte Wilberforce an diesem Buche gearbeitet und, was er darin niederlegen wollte, nicht nur aufs Reiflichste erwogen, sondern auch an seinem eigenen Herzen und an seiner eigenen Lebenserfahrung soviel als möglich erprobt. Jetzt erst entschloß er sich, das Buch in Druck zu geben. Der Buchhändler, an welchen er sich deshalb wandte, hielt, nachdem er einen Blick in dasselbe gethan hatte, den Verfasser für einen liebenswürdigen Schwärmer, der aber mit dem Geschriebenen keinen großen Erfolg erzielen, sondern nur viel Spott und Hohn einernten werde. Dem Namen »Wilberforce« zu liebe, meinte er lächelnd, wolle er es wagen, 500 Exemplare zu drucken, aber es sei sehr fraglich, ob auch nur diese Absatz finden würden.

Wie hatte sich aber der gute Mann verrechnet! Kaum war im April 1797 der Druck vollendet, und das Buch ausgegeben, als auch bereits nach wenigen Tagen die 500 Exemplare vollständig vergriffen waren. Und damit war es nicht am Ende, nein, die Nachfrage nach dem Buche wurde so stark, daß im Laufe des nächsten halben Jahres 5 Auflagen in einer Stärke von im ganzen 7500 Exemplaren nachgedruckt werden mußten. Ja bis zum Jahre 1826 erlebte das Buch noch weitere 10 Auflagen und wurde ins Deutsche, Holländische, Französische, Italienische und Spanische übersetzt: jedenfalls ein unwiderlegliches Zeugnis von der Vortrefflichkeit und durchschlagenden Wirkung des Buches!

»Ich preise Gott,« so schrieb der fromme Bischof von London über dasselbe, »daß in diesen schrecklichen Zeiten solch ein Werk erschienen ist, und ich will ihn inbrünstig bitten, daß es weiterhin einen mächtigen Einfluß gewinnen möge, vor allem aber auf mein eigenes Herz, welches dadurch zur Demut und hoffentlich bald auch zur Wirksamkeit angeregt wird.«

Von allen Seiten kamen Wilberforce die ehrenvollsten Dankbezeugungen wegen seines Buches zu. Ja es zeigte ihm sogar jemand in einem namenlosen Schreiben an, er habe sich ein kleines Gut in der Grafschaft York gekauft, eigens zu dem Zwecke, bei der nächsten Wahl ins Parlament Wilberforce seine Stimme geben und ihm dadurch einen geringen Teil seiner Dankesschuld abtragen zu können.

Aber eitel konnte Wilberforce nicht werden, wenn er auch die Anlage dazu in eben dem Maße besessen hätte, als er sie nicht besaß. Seine Feinde und Gegner sorgten dafür, daß es neben den vielen Anerkennungen auch nicht an den härtesten, lieblosesten Beurteilungen des Buches fehlte. War es ihnen doch ein Dorn im Auge, daß der Name des von ihnen so bitter Gehaßten durch das Buch noch größere Berühmtheit erlangte, als er sie schon hatte.

V.

Wilberforce war bis jetzt, obwohl nahezu 38 Jahre alt, allein durchs Leben gegangen, ohne sich noch eine eigene Familie gegründet zu haben. Seine Besitzungen in Yorkshire ließ er durch seine dortigen Freunde und Bekannten verwalten, um nicht durch die gewöhnlichen, alltäglichen Lebenssorgen in seiner öffentlichen Thätigkeit gehindert zu sein. Obschon es ihm seine Mittel erlaubt hätten, erwarb er sich nicht einmal eine eigene Wohnung in London, wo er doch einen großen, wenn nicht den größten Teil seiner Zeit zubrachte.

»Als einzelner Mann,« sagte er später einmal, »fand ich ein Vergnügen an dem Gedanken, allein in einem gemieteten Hause zu leben. Denn so ward ich beständig daran erinnert, daß hienieden noch nicht meine wahre Wohnung und Heimat sei, und daß ich die Pflicht habe, nach einer besseren Heimat auszusehen und zu streben.«

Gleichwohl fühlte er sein Alleinstehen nicht selten als einen Mangel in seinem Leben, zumal, wenn er bei Besuchen seiner Freunde deren glückliches Familienleben sah, und die reinen erquickenden Freuden eines solchen schmecken und fühlen lernte. Denn seit der Verheiratung seiner Schwester fand er auch bei seiner Mutter, die einsam in Hull wohnte und sich von diesem Orte nicht trennen wollte, wenn er dieselbe gelegentlich besuchte, kein eigentliches Familienleben mehr, wie es sein gefühlvolles Herz begehrte.

Allein so oft ihm auch schon der Gedanke mochte gekommen sein, sich einen eigenen Herd zu gründen, er hatte denselben bisher immer wieder von sich abweisen zu sollen geglaubt, weil er befürchtete, die Pflichten eines Familienhauptes würden ihn zu sehr in Anspruch nehmen, als daß er im stande wäre, dem Werke, das ihm ja mehr und mehr Lebensaufgabe wurde, die gebührende Zeit und Kraft zuzuwenden. Auch die eigene schwache Gesundheit mochte bei seiner Abneigung, sich zu vermählen, ein bedeutsames Wort mitsprechen.

Am allerwenigsten aber glaubte Wilberforce gerade jetzt an die Gründung einer eigenen Familie denken zu dürfen, wo er es hatte erfahren müssen, daß seine Gegner selbst vor meuchlerischen Anschlägen auf sein Leben nicht zurückscheuten, und wo überdies sowohl die immer noch nicht völlig beigelegten kriegerischen Unruhen, als auch der in immer höherem Maße um sich greifende Geist der Empörung und des Aufruhrs alle Verhältnisse im Lande unsicher machten.

Aber er sollte es erfahren, daß in der That die rechten Ehen »im Himmel geschlossen werden,« und daß Gottes Gedanken über seine Kinder oft ganz andere sind als die eigenen Menschengedanken, wenn dieselben auch auf dem Boden voller pflichtmäßiger Überzeugung erwachsen sind und durchaus nicht mit Gottes heiligen Geboten in Widerstreit stehen.

Denn gerade jetzt, wo er in Bath die Osterferien 1797 zubrachte, führte ihm des Herrn Hand Diejenige zu, welche bestimmt war, ihm ein reiches häusliches Glück zu bereiten, und so den Mangel auszufüllen, den er sich bisher in opferwilliger Selbstverleugnung geglaubt hatte auferlegen zu müssen.

Es war Barbara Ann, die älteste Tochter eines adeligen Herrn aus der Grafschaft Warwickshire, des Esquire Isaak Spooner zu Elmdon Hall. Schon die erste Begegnung dieser Dame hatte auf Wilberforce einen tiefen Eindruck gemacht und den Gedanken in ihm erweckt, daß eine Lebensgefährtin, die er sich erwählen sollte, gerade so und nicht anders sein müsse. Daß es aber nicht bestechende äußere Vorzüge waren, die diesen Eindruck auf ihn machten und ihm solche Gedanken erweckten, sondern vielmehr die inneren Eigenschaften, die er bei der neuen Bekannten wahrnahm und die sich ihm bei fortgesetzter Bekanntschaft immer deutlicher erschlossen, zeigt eine Stelle in seinem Tagebuche, welche er nach seiner Verlobung niederschrieb.

»Der Würfel ist gefallen,« heißt es da. »Ich glaube, sie eignet sich ganz besonders für mich, und manche Umstände schienen mir diesen Schritt anzuraten. Ich hoffe, Gott wird mich dabei segnen; ich will darum zu ihm beten. Ich halte sie für eine ächte Christin, liebevoll, gefühlvoll, verständig in ihrem ganzen Wesen, mäßig in ihren Wünschen und Bestrebungen, fähig, Glück und Unglück zu ertragen, ohne davon beherrscht zu werden. Wenn ich voreilig gewesen bin, so vergieb mir, o Gott! Aber wenn, wie ich zuversichtlich hoffe, wir beide Dich lieben und fürchten, und Dir dienen werden, dann wollest Du uns segnen nach dem untrüglichen Worte Deiner Verheißung.«

Am 23. April 1797 verlobte sich Wilberforce förmlich mit der Erwählten, und je näher er dieselbe kennen lernte, desto inniger wurde sein Dank gegen Gott, der sie ihn hatte finden lassen, desto freudiger und hoffnungsreicher sein Blick in die Zukunft, die sich bei der vollen inneren Übereinstimmung der beiden Verlobten zu einer glücklichen und gesegneten gestalten zu müssen schien.