Part 4
Die herzliche Freude über diesen ersten, wenn auch nur sehr kleinen Erfolg trug gewiß nicht wenig dazu bei, die Besserung zu beschleunigen, die im Befinden des Kranken zu Bath wider alles Erwarten eingetreten war. Bald konnten die Ärzte Wilberforce gestatten, den Gebrauch des Bades einzustellen, und nach einem kurzen Aufenthalte in Cambridge, wo er mit Milner zusammensein und von demselben wieder manche Anregung für sein geistliches Leben empfangen konnte, begab er sich nach Rayrigg, seinem stillen Landsitze in Westmoreland, um dort seine völlige Genesung abzuwarten, auf die jetzt mit voller Sicherheit gehofft werden konnte.
Und diese völlige Genesung kam mit Gottes Hülfe trotz der beständigen Aufregung, welche die ununterbrochen kommenden und gehenden Gäste bereiteten, die sich nach der Gesundheit des verehrten Mannes erkundigen und ihm seine Einsamkeit zu erleichtern suchen wollten. Allerdings war und blieb seine Gesundheit eine schwache, welche ihm die größte Mäßigkeit und die strengste Enthaltsamkeit in seiner Lebensweise zur Notwendigkeit machte; allein er fand doch wieder die Kraft, nicht nur an den Parlamentssitzungen teilzunehmen, sondern auch noch nebenher für seine Sklavensache thätig zu sein.
Selbst von Rayrigg aus machte er, sobald er es wagen durfte, da und dort Besuche, bei denen er durch seinen persönlichen Einfluß die Teilnahme für seine Bestrebungen zu gunsten der Sklaven zu wecken und zu verbreiten suchte und unterstützte dadurch wesentlich Clarkson, der beauftragt worden war, zu dem nämlichen Zwecke das Land zu bereisen.
Für die Parlamentssitzung von 1789 bereitete er sich wieder auf das Eifrigste vor, um alle schon gesammelten und noch täglich eingehenden Beweise für die Grausamkeit und Schändlichkeit des Sklavenhandels recht bei der Hand zu haben und damit alle Einwendungen der Gegner, gründlich beseitigen zu können. Er ging wieder einen ganzen Monat auf's Land, um ganz ungestört zu bleiben und arbeitete wohl 8 bis 9 Stunden am Tage. Selbst die Nachricht von der Erkrankung seines Freundes Milner konnte ihn nicht bewegen, sich zu einem Besuche desselben von seiner Arbeit loszureißen, während er doch noch kurz vorher am Kranken- und Todesbette seiner Tante erfahren hatte, wie gesegnet das Krankenlager eines frommen Menschen für die Besucher desselben werden könne.
Was ihn nicht ruhen ließ, war eine Mitteilung Pitts über die gewaltigen Anstrengungen, welche die Gegner machten, um die öffentliche Meinung zu ihren gunsten zu stimmen und in Zeitungen und Flugschriften dem Lande zu beweisen, daß durch eine Aufhebung oder auch nur Beschränkung des Sklavenhandels nicht allein das Wohl der westindischen Kolonien aufs Spiel gesetzt würde, die der Sklaven notwendig bedürften, sondern auch der ganze Handel der englischen Nation Gefahr liefe, geschädigt zu werden.
Da galt es denn in der That auch, schlagende und unwiderlegliche thatsächliche Gegenbeweise in genügender Zahl bei der Hand zu haben.
Wohlgerüstet mit denselben und voll festen Vertrauens auf die siegende Macht der Wahrheit trat Wilberforce am 12. Mai 1789 vor das Parlament und entwickelte mit der vollen Kraft seiner ausgezeichneten Beredsamkeit alle Gründe, die nur gegen den Sklavenhandel geltend zu machen waren. Vier ganze Stunden redete er fast bis zur völligen Erschöpfung seiner Kraft, und ein hochstehender Mann äußerte nachher über diese Rede: »Das Haus, die Nation, ja Europa sind Wilberforce auf das Äußerste verpflichtet, daß er diesen Gegenstand in der meisterhaftesten, eindringlichsten und beredtesten Weise vorgebracht hat.«
Von allen Seiten beglückwünschte man Wilberforce, als er von der Rednerbühne herunterstieg. Und doch was war der thatsächliche Erfolg seiner Rede? Nur eine kleine Verbesserung des vorjährigen Beschlusses, daß jedes Sklavenschiff nur eine seinen Räumen entsprechende Anzahl von Sklaven aufnehmen dürfe.
Die Sklavenhalter und Sklavenhändler, die »Westindier« wie wir sie fortan mit einem gemeinschaftlichen Namen nennen wollen, hatten nämlich aus Furcht vor der offenbar gewaltigen Wirkung der Rede, die Wilberforce gehalten, eine sofortige Abstimmung und Beschlußfassung des Parlamentes dadurch zu hintertreiben gewußt, daß sie den Antrag stellten, der nicht wohl abgelehnt werden konnte, das Parlament möge selbst ein Zeugenverhör anstellen, um die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der von Wilberforce aufgeführten Beweise zu untersuchen. Damit war die Entscheidung wieder für ein Jahr verschoben; denn es war unmöglich, vor Schluß der gegenwärtigen Sitzung noch eine genügende Anzahl von Zeugen zu vernehmen, wenn auch sofort damit begonnen wurde.
Schmerzlich bewegt, aber doch nicht entmutigt, eilte Wilberforce nach Beendigung der Sitzung wieder zu den Heilquellen von Bath, um dort Ruhe und Stärkung zu suchen, und hatte die Freude, nicht nur seine Mutter und seine Schwester daselbst vorzufinden, sondern auch den Sohn seines schon genannten Verwandten John Thornton, Henry Thornton, mit dem er eine innige und feste Freundschaft schloß.
Von Bath aus besuchte er auch seine alte Freundin Hannah More, die sich aus den gelehrten Kreisen Londons, mit welchen sie sonst verkehrte, völlig zurückgezogen hatte, um ihre reichen Geistesgaben im Dienste des armen, völlig unwissenden Landvolkes zu verwenden und für dessen Unterricht zu sorgen.
Auf einen schönen Punkt in der Nähe aufmerksam gemacht, unternahm der für Naturschönheiten äußerst empfängliche Wilberforce einen Ausflug dorthin, vergaß aber bald alle Naturschönheiten, als er die armen, leiblich und geistig verkommenen Bewohner der schönen Gegend kennen lernte.
»Miß Hannah, es muß etwas für Chidder (so hieß die Gegend) geschehen!« das war der Ausruf, mit dem er bei seiner Rückkehr die Freundin begrüßte und auf den er immer wieder zurückkam, wenn er erzählen sollte, wie ihm die besuchte Gegend gefallen habe.
Die Not des armen Volkes, welche er durch eigene Anschauung kennen gelernt hatte, bewegte sein mitleidiges Herz so sehr, daß er mit der Freundin sogleich beschloß, dort in Chidder Schulen anzulegen und sich bereit erklärte, alle Kosten auf seine Tasche zu übernehmen, wenn Miß Hannah sich der damit verbundenen Mühewaltung unterziehen wolle.
»Wozu könnte ich besser meinen Überfluß anwenden?« antwortete er ablehnend, als ihm die Freundin für sein hochherziges Anerbieten danken wollte, und freute sich in der Folge jedesmal herzlich, wenn er hörte, daß das Unternehmen guten Fortgang habe.
Auch die Parlamentssitzung von 1790 brachte für die Sklavensache keine wesentliche Förderung. Man fuhr nur fort, Zeugen zu verhören, und zwar Zeugen für und wider den Sklavenhandel, wenn auch die »Westindier« das Zeugenverhör ihrerseits gerne geschlossen gesehen hätten, nachdem die für sie günstigen Zeugen vernommen waren. Das Ende der Sitzung war da, ehe die Vernehmungen beendigt waren.
Mit dem Ende dieser Sitzung waren die 7 Jahre abgelaufen, für deren Dauer die Mitglieder des Parlaments in England gewählt wurden, und Wilberforce mußte sich deshalb einer Neuwahl unterwerfen. Allein sein Name war schon so berühmt geworden, daß er sich seinen Wählern in Yorkshire nur vorzustellen brauchte, um ohne Weiteres eine Erneuerung seiner Wahl auf weitere 7 Jahre zu erlangen.
Und doch hatte er etwas gethan, was bei jedem Anderen Anstoß und Widerwilligkeit erregt haben würde: er hatte die Wahl ausgeschlagen zu einem Vorsteher bei den großen Pferderennen, die in York abgehalten wurden, und die bekanntlich noch heute, wo sie auch gehalten werden, bei den Engländern in hohem Ansehen stehen. Er hatte jedoch den jährlichen Beitrag, den er für die Beteiligung an den Rennen hätte entrichten müssen, dem Hospitale der Grafschaft überwiesen, um zu zeigen, daß ihn nicht der Geiz abhalte, an einer Sache teil zu nehmen, für die er nach seiner ganzen Anschauungsweise kein besonderes Interesse haben konnte.
Daß sich seine Schwester um diese Zeit mit einem frommen Manne, dem Geistlichen Clarke zu Hull, vermählte, war für Wilberforce eine große Freude. Denn nun durfte er hoffen -- und diese Hoffnung erfüllte sich auch -- daß die Bemühungen, die er selbst bisher gebraucht hatte, seine Schwester auf den Weg eines ernsten, lebendigen Christentums zu ziehen, und die auch keineswegs ganz vergeblich geblieben waren, von berufenen und geschickten Händen weiter geführt werden und gewiß zu einem gesegneten Ziele kommen würden. Auch für das geistliche Leben der geliebten Mutter durfte er von der Einwirkung des neuen Schwagers die gedeihliche Förderung erwarten, die sein treues, frommes Sohnesherz so sehnlich wünschte.
Nach einer stärkenden Kur in den Bädern von Buxton gab sich Wilberforce daran, die von dem Unterhause vorgenommenen Zeugenverhöre zu prüfen und durchzuarbeiten, welche bis jetzt schon 1400 große Bogenseiten füllten. Galt es doch, die Scheingründe, welche für den Sklavenhandel geltend gemacht worden waren, zu entkräften und so den Gegnern die Waffen zu entreißen, mit denen sie ihre schändliche Sache verteidigten.
Auf dem stillen Landsitze eines Jugendfreundes, wo er vor störenden Besuchen sicherer war als in seinem eigenen Heim, bewältigte Wilberforce diese ungeheure Arbeit, ohne danach zu fragen, ob es seine Gesundheit aushielte. Und Gott der Herr, in dessen Dienste und zu dessen Ehre zu arbeiten er sich bewußt war, verlieh ihm die dazu nötige Kraft. Wohl mag es eine Stärkung gewesen sein, die aus derselben Quelle ihren Ursprung nahm, daß ihm in diesen arbeitsvollen Tagen John Wesley, der Stifter der Methodistengemeinde, folgenden Brief schrieb:
»Mein teurer Herr! Wenn es nicht die göttliche Allmacht ist, welche Sie berufen hat, ein Athanasius im Kampfe mit der Welt zu sein, so sehe ich nicht ab, wie Sie das glorreiche Unternehmen zu Ende bringen wollen, gegen eine Schändlichkeit aufzutreten, welche eine Schmach der Religion Englands und der menschlichen Natur ist. Wenn es nicht Gott ist, der Sie zu dieser Sache berufen hat, so werden Sie durch den Widerstand der Menschen und Teufel besiegt werden. Aber ist Gott für Sie, wer mag dann wider Sie sein? Sind alle Feinde zusammen stärker als Gott? O ermüden Sie nicht, gutes zu thun! Schreiten Sie fort im Namen Gottes und in der Kraft seiner Stärke, bis die amerikanische Sklaverei für immer von derselben verschwindet! Sie ist das Schimpflichste, was je unter der Sonne bestand. Daß Er, der Sie von Ihrer Jugend an geführt hat, fortfahren möge, Sie hierbei und in allen Stücken zu stärken, das ist das Gebet Ihres
John Wesley.«
Wie erhebend mußten für Wilberforce diese Worte sein aus dem Munde eines Mannes, der so eifrig war, rechtes Christentum zu fördern, und dessen Name überall in England einen hellen guten Klang hatte, selbst bei denjenigen, welche die Wege, die er einschlagen zu müssen glaubte, nicht billigten! Und doch wie demütig und bescheiden schreibt Wilberforce in seinem Tagebuch bei dieser Gelegenheit: »Möge Gott mir verleihen, daß ich fortan mehr zu seiner Ehre lebe und möge er mich in dem großen Werke segnen, das ich unter den Händen habe. Möchte ich zu ihm aufblicken nach Weisheit und Kraft und der Gabe, andere zu überzeugen! Möchte ich mich für den Ausgang ihm mit vollkommener Ergebung unterwerfen! Möchte ich Ihm ganz die Ehre geben, wenn ich das Ziel erreiche, und, wo nicht, von Herzen sprechen können: Dein Wille geschehe!«
Was den ersten Seufzer angeht, daß ihm gegeben werden möge, mehr zu Ehren Gottes zu leben, so hat Wilberforce denselben nicht blos hier, sondern auch an anderen Stellen seines Tagebuches wiederholt ausgedrückt, ohne Zweifel deshalb, weil er sich innerlich Vorwürfe darüber machen zu müssen glaubte, daß er dem gesellschaftlichen Leben zuviel Zeit und Kraft widme. Aber was wollte er machen, wenn sich, wo er auch sein mochte, die verschiedenartigsten Leute um ihn drängten, und ihn selbst in die entferntesten Gegenden verfolgten, um Rat und Beistand bei ihm zu suchen oder sich auch nur seines Umganges zu erfreuen.
»Ihr Haus ist ja gerade wie die Arche Noahs,« schrieb ihm einmal seine mütterliche Freundin Hannah More, »voll reiner und unreiner Tiere.«
Und das Gleichnis traf in der That zu. Denn außer Missionsfreunden und befreundeten Parlamentsgenossen, die mit ihm in betreff der gemeinschaftlichen guten Sache Rat pflegen wollten, sah er sich auch von solchen angelaufen, die in ganz gewöhnlichen, weltlichen Dingen Rat und Unterstützung von ihm begehrten und denen er sich, weil sie zu seinen Wählern gehörten, nicht entziehen konnte.
Wir verstehen es darum wohl, wenn er in seinem Tagebuche wiederholt schreibt: »Was für Gründe mich auch bestimmten, ein offenes Haus zu haben, so ist es doch gewiß, daß Einsamkeit und Ruhe der Betrachtung und dem Wachen günstiger sind. Ich will streben, mir öfters Zeiten des ununterbrochenen Umgangs mit Gott zu sichern.«
Wir verstehen es ebensowohl, daß es ihn nach jeder der arbeitsvollen und aufregenden Parlamentssitzungen, innerlich drängte, sich irgendwo solch stille Zeiten zu verschaffen, die er an den Badeorten, die er seiner Gesundheit wegen besuchen mußte, unmöglich finden konnte.
Was aber den letzten Seufzer in den oben angeführten Worten seines Tagebuches angeht, daß es ihm, wenn er in der Sklavensache sein vorgestecktes Ziel nicht erreichen sollte, gegeben werden möge, von Herzen zu sprechen: »Dein Wille ist geschehen!«, so scheint ihm diesen eine Vorahnung dessen, was nun kommen sollte, in das Herz und in die Feder gedrängt zu haben.
IV.
Am 18. April 1791 kam die Sklavensache im Parlament wieder vor und Wilberforce ergriff sogleich das Wort, um vorzutragen, was er durch sein eifriges Studium der Zeugenverhöre gewonnen hatte. Sorgfältig vermied er jede Bemerkung oder Anspielung, welche die Gegner persönlich hätte verletzen können, nur die unzweifelhaft bewiesenen Thatsachen ließ er reden. Aber wie auch nach ihm sein Freund Pitt, ja selbst dessen entschiedener politischer Gegner Fox für die Abschaffung des Sklavenhandels die Stimmen zu gewinnen suchten, es half nichts. Mit 163 gegen 88 Stimmen wurde der dahin zielende Antrag verworfen.
Denn die »Westindier« hatten große Summen aufgewendet, sich Stimmen zu ihren Gunsten zu erkaufen und leider auch charakterlose Menschen genug im Parlamente gefunden, die sich erkaufen ließen. Wo aber Eigennutz und Geldgierde das große Wort führten, mußten die mächtigsten Gründe ihre Wirkung versagen, mußten selbst solche gewaltige Worte vergeblich bleiben, wie die folgenden, mit denen Wilberforce seine Rede geschlossen hatte:
»Von welchem Gesichtspunkte aus«, so rief er von Eifer glühend in die Versammlung hinein, »man auch die Sache betrachten mag, England hat die Pflicht, dieselbe zu fördern. Die Hälfte des verbrecherischen Handels wird von seinen Unterthanen geführt, und da demnach unsere Schuld so groß ist, so laßt uns auch bald anfangen, Buße zu thun. Es kommt einst ein Tag der Vergeltung, da wir von den Talenten, Fähigkeiten und Gelegenheiten, die uns gegeben waren, Rechenschaft thun müssen! Möge es uns dann nicht offenbar werden, daß wir unsere größere Macht zur Knechtung unserer Nebenmenschen, unsere größere Erkenntnis zur Schändung der Schöpfung Gottes angewendet haben!!«
Mit der oben erwähnten Abstimmung war denn für diese Parlamentssitzung wieder die heilige Sache der Sklavenfreunde beseitigt, aber auch ihr Mut gebrochen? auch der Eifer eines Wilberforce gelähmt? -- Keineswegs. Man schlug nur jetzt einen andern Weg ein.
Von den Vertretern des Volks war, wie sichs eben gezeigt hatte, nichts zu hoffen und zu erwarten, so beschloß man denn, sich an das Volk selbst zu wenden und dessen Gerechtigkeit und Menschlichkeit geradezu anzurufen. Es wurde ein Auszug aus den Parlamentsverhandlungen angefertigt, worin besonders die von Wilberforce als Waffen gebrauchten thatsächlichen Beweise für die Schändlichkeit des Sklavenhandels hervorgehoben waren, und dann dieser Auszug in zahllosen Abdrücken überallhin und in jeder möglichen Weise unter dem Volke zu verbreiten gesucht. Die Sklavenfreunde, an ihrer Spitze Wilberforce, ließen sich dabei weder Mühe noch Kosten verdrießen.
Aber man kam auch weiter auf den Gedanken, zu versuchen, ob man nicht in thatsächlicher Weise den Hauptgrund, welchen die Gegner stets für die Sklaverei vorbrachten, entkräften und in seiner Nichtigkeit blosstellen könnte. Das war nämlich der Grund: die Neger seien eigentlich gar keine Menschen, sondern nur menschenähnliche Tiere. Man berief sich dann dabei stets auf die Zeugnisse der Sklavenbesitzer, welche durch eigene, reiche Erfahrung hätten zu der Überzeugung kommen müssen, daß die Neger zu jeder geistigen Bildung völlig unfähig seien.
Da beschlossen denn die Sklavenfreunde, eine Ansiedelung für freie Neger zu gründen, worin diese unter der Leitung von wohlwollenden Menschen gesammelt und sorgfältig unterrichtet werden sollten, um selbst zu zeigen, daß sie in der That vernunftbegabte, bildungsfähige Wesen seien. Es bildete sich eine Gesellschaft, welche die nötigen Mittel für diesen Zweck zusammenschoß, und auf der Westküste Afrikas von den dortigen Negerfürsten eine Strecke Landes erkaufte, die sich besonders zum Anbaue zu eignen schien und den Namen »Sierra Leone« führte. Wilberforce war einer von den ersten Leitern dieses Unternehmens.
Und dasselbe schien unter Gottes Segen glücken zu wollen. Es fehlte nicht an Negern, die den gebotenen Zufluchtsort gern annahmen. Denn in dem nordamerikanischen Befreiungskriege hatten sich eine ganze Anzahl entsprungener Sklaven aus den Südstaaten auf die Seite der englischen Regierung geschlagen und wacker gegen ihre früheren Herren kämpfen helfen. Sie waren natürlich von den Engländern für frei erklärt und nach Beendigung des Krieges auf der Halbinsel Neuschottland angesiedelt worden, um sie der Verfolgung ihrer ehemaligen Herren zu entziehen. Dort aber war ihnen das Klima zu rauh, und als sie deshalb von der afrikanischen Ansiedelung in Sierra Leone Kunde erhielten, sandten sie nach London und ließen die englische Regierung bitten, sie dorthin zu versetzen. Ihrem Wunsche wurde willfahrt, und in einer Stärke von 700 Köpfen siedelten sie nach der neuen Kolonie über.
Allerdings hatte die wohlgemeinte Ansiedelung anfangs nur schlechten Erfolg, da die Rohheit und geistige wie körperliche Trägheit der Neger fast aller Versuche spotteten, sie an ein geordnetes, thätiges Leben zu gewähren. Besser wurde es erst, als man mit Ernst daran ging, ihnen das Evangelium zu predigen und sie zum Christentume zu bekehren, und als unter christlichen Einflüssen ein neues Geschlecht herangewachsen war. Dann aber wurde auch die Kolonie in der That ein leuchtendes Zeugnis dafür, wie völlig haltlos und ungerechtfertigt die Ansicht sei, daß die Neger zum wenigsten eine untergeordnete Menschenrasse und zu jeder Bildung unfähig seien, und ist es bis heute, wo ja Gottlob, diese Ansicht kaum mehr einen ernsthaften Vertreter findet.
Die vorhin erwähnte Maßregel, den Auszug aus den Parlamentsverhandlungen über die Sklaverei und den Sklavenhandel in Massen unter das Volk zu werfen, trug gute Früchte. Der Gerechtigkeitssinn und das Menschlichkeitsgefühl fingen unter dem Volke an sich zu regen und sich gegen die Scheußlichkeiten des Sklavenhandels zu empören, nachdem dieselben einmal so recht nackt und klar auf Grund amtlicher Beweise aufgedeckt waren. Durch das ganze Land hin und her wurden Versammlungen gehalten und von denselben Bittschriften an das Parlament gerichtet, welche die Abschaffung des Sklavenhandels verlangten. Viele verbanden sich sogar im heiligen Eifer dazu, sich aller Erzeugnisse Westindiens zu enthalten, die der Sklavenarbeit ihren Ursprung verdankten.
Alles schien im besten Zuge und ließ hoffen, daß in der Parlamentssitzung von 1792 die Abschaffung des Sklavenhandels beschlossen werden würde, obwohl die Sklavenhändler von Liverpool 10000 Pfund Sterling (nach heutigem Gelde etwa 200000 Mark) aufwendeten, um wieder eine genügende Gegnerschaft im Parlamente zu schaffen.
Da kamen unglücklicherweise mit einem Male die Nachrichten von dem furchtbaren Sklavenaufstande auf der westindischen Insel St. Domingo oder Haïti, die völlig dazu angethan waren, alle wohlwollende Teilnahme für die Sklaven in unbefestigten Herzen zu ersticken.
Auf jener Insel, die im Ryswyker Frieden 1697 von Spanien, das sie seit der Entdeckung durch Kolumbus besessen hatte, an die Franzosen abgetreten worden war, lebten nämlich außer einer großen Masse eingeführter Negersklaven, die die Zahl der Weißen weit überwog, viele sogenannte »Mulatten«, welche Weiße zu Vätern hatten, und zum großen Teile freigelassen worden waren, oder doch den Negern gegenüber große Vorzüge genossen. Unter diesen »Farbigen«, wie sie hießen, hatten schnell die durch die französische Revolution in Gang gebrachten freiheitlichen Grundsätze Eingang gefunden und »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« war auch bei ihnen die feurig verfochtene Losung geworden. Aber es ist ja nur zu wohl bekannt, wie die Männer der Revolution die »Brüderlichkeit« nur für Diejenigen wollten gelten lassen, die in allen Stücken mit ihnen in das nämliche Horn bliesen, und ebensowohl die »Freiheit und Gleichheit« nur soweit gelten ließen, als es ihnen paßte. So war man denn auch in der Nationalversammlung zu Paris durchaus nicht gewillt, den Farbigen ganz gleiche Rechte mit den Weißen einzuräumen und brachte dadurch bei dieser Mischlings-Rasse, die durch ihr schnell aufloderndes, feuriges Wesen bekannt ist, eine furchtbare Gährung hervor. Es kam zu einer Vereinigung der Farbigen mit den sonst von ihnen tief verachteten und gehaßten Negern, und am 23. August 1791 brach ein furchtbarer Aufstand beider gegen die Weißen los, der zur schonungslosen Niedermetzelung dieser fast auf der ganzen Insel führte.
Diese bösen Nachrichten aus Westindien waren natürlich den Sklavenfeinden Wasser auf ihre Mühle und gaben ihnen willkommenen Grund, die Befürchtung auszustreuen, nach solchem Vorgange würden es auch die Neger auf den englischen Besitzungen in Westindien ihren Brüdern auf St. Domingo nachmachen und am Ende die ganze englische Herrschaft dort vernichten, wenn man sie nicht mit aller Strenge im Zaume halte und einen noch stärkeren Druck auf sie übe als bisher. -- Dazu kam, daß auch unter den englischen Sklavenfreunden nicht wenige waren, die den Grundsätzen der französischen Revolution huldigten und denselben auch in England Eingang zu verschaffen suchten.
Wilberforce, dessen heller, klarer Blick die Hohlheit der französischen Redensarten von den allgemeinen Menschenrechten von vorne herein durchschaute, bemühte sich vergebens, den unvorsichtigen Reden und Handlungen dieser seiner Kampfesgenossen zu wehren und mußte es erleben, daß man sein auf die Abschaffung des Sklavenhandels gerichtetes Streben mit den revolutionären Grundsätzen aus Frankreich in Verbindung brachte und ihn auf das schmählichste verleumdete. Er mußte es sogar erleben, daß König Georg III. wurde, was die Prinzen des königlichen Hauses zum Teil schon längst waren, ein entschiedener Gegner der Abschaffung des Sklavenhandels, während er sonst wohl, wenn er an Hoftagen mit Wilberforce zusammen traf, sich bei diesem freundlich nach seinen schwarzen Schützlingen erkundigt hatte. Wie weit dabei die Abneigung gegen die revolutionären Grundsätze mitspielte, oder aber die Rücksicht auf die königlichen Interessen, die geschädigt wurden, wenn die vom Sklavenhandel erhobenen Abgaben ausfielen, muß dahingestellt bleiben.
Nichts destoweniger trat Wilberforce am 2. April 1792 mit dem Antrage auf sofortige Abschaffung des Sklavenhandels vor das Parlament, ermutigt durch sein gutes Gewissen, welches ihn von einer Hinneigung zu den Grundsätzen der Revolution völlig freisprach und angefeuert durch seinen heiligen Eifer, der die gute Sache auch jetzt nicht ruhen lassen konnte.