Part 3
Schon vor der Abreise war es zwischen ihm und Milner zu einer sehr ernsten Unterredung gekommen, die für Wilberforce einen kräftigen Stachel in seinem Herzen zurückließ. Milner hatte nämlich einen Mann, von dem Wilberforce behauptete, daß er die Anforderungen an ein echt christliches Leben zu hoch spanne, mit großer Kraft und Wärme verteidigt und dadurch bewiesen, daß er dieselben Anforderungen an einen rechten Christen stelle. Da war denn in Wilberforce das Gewissen mit aller Macht rege geworden und hatte ihm bezeugt, daß er selbst noch weit davon entfernt sei, diesen Anforderungen zu genügen, und daß deshalb sein Christentum noch kein rechtes sei. Den Stachel, den dieses Zeugnis seines Gewissens bei ihm zurückließ, konnte er nicht wieder los werden und brachte sowohl auf der Reise selbst, wie auch während des mehrwöchentlichen Aufenthaltes in Nizza, in allen Gesprächen mit Milner die christlichen Wahrheiten und die christlichen Pflichten immer wieder zur Besprechung. Was die Belehrungen des frommen Milner dann bei ihm angeregt hatten, ein ernstes Verlangen, mit seinem Christentum endlich einmal wirklichen vollen Ernst zu machen, das wurde noch durch ein gutes Buch bestärkt, welches Wilberforce zu Nizza in die Hände fiel und welches den »Anfang und Fortgang der wahren Gottseligkeit« zum Gegenstande hatte.
Dieses Buch machte auf den angeregten Mann einen solchen Eindruck, daß er es fast nicht aus den Händen legte und als er anfangs des Jahres 1785 mit Milner nach England zurückreiste, während seine Mutter und seine Schwester noch in Nizza blieben, selbst während der Reise darin studierte und mit Milner das Gelesene besprach. Wie dieser ihm ernstlich anriet, machte er es sich nun zum heiligen Vorsatze, die Wahrheit des Gelesenen und Besprochenen selbst an der heiligen Schrift und ihren Aussprüchen zu prüfen und dem bisher nur zu sehr vernachlässigten heiligen Buche wieder die gebührende Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Über diesen Vorsatz kam er freilich vor der Hand noch nicht hinaus, denn bald hatten wieder die Parlamentsgeschäfte, sowie das zerstreuende Londoner Leben sein ganzes Sinnen und Denken, sowie seine ganze Zeit so in Anspruch genommen, daß es mit dem eifrigen Forschen im Worte Gottes nicht viel wurde.
Erst auf der zweiten Reise nach Italien, die er nach Beendigung der Parlamentssitzungen mit Milner antrat, um Mutter und Schwester von Genua abzuholen, wohin dieselben inzwischen übergesiedelt waren, kam es wirklich zu einem solchen ernsten, eifrigen Suchen in der Schrift. Wilberforce hatte ein neues Testament in der griechischen Grundsprache mitgenommen und las dasselbe unterwegs gemeinschaftlich mit seinem Begleiter. Und diesem wurde es nun gegeben, die Tiefen des Schriftwortes für Wilberforce so zu erschließen, daß die göttliche Wahrheit diesem zur festesten, innigsten Überzeugung wurde.
Die Rückreise von Genua wurde durch die Schweiz gemacht, und Wilberforce lernte bei einem längeren Aufenthalte in Zürich den frommen Lavater kennen, dessen tief und fest gegründeter Schriftglaube, dessen durch die innigste Frömmigkeit geweihte Persönlichkeit einen unverwischbaren mächtigen Eindruck auf ihn machten und ihm recht lebendig unter die Augen stellten, wieviel ihm selber noch zu einem rechten Christen fehle.
Nichtsdestoweniger kam es aber bei Wilberforce noch nicht sogleich zu einem ernsten Versuche, solchem Vorbilde nachzueifern. Vielmehr ließ der sechswöchentliche Aufenthalt in dem Badeorte Spaa, welcher auf der Heimreise den Rhein hinab besucht wurde, noch nicht die mindeste Spur davon sehen, daß Wilberforce auch nur daran denke, den weltlichen Genüssen und Vergnügungen zu entsagen und den Weg eines ernsten, im Lichte des Wortes Gottes geführten Lebens zu betreten. Gleichwohl begann hier aber in ihm der innere Kampf zwischen seinem laut und immer lauter mahnenden christlichen Gewissen und den Neigungen seines natürlichen Menschen.
Der Gedanke, daß er plötzlich von der Welt abgerufen werden könne, ohne in rechter Weise für das Heil seiner Seele gesorgt zu haben, ergriff ihn mit Macht, das Bewußtsein, bisher von seinen Gaben und von seiner Zeit nicht den rechten gottgewollten Gebrauch gemacht zu haben, legte sich wie ein Zentnerstein auf seine Seele, und unter solchen beängstigenden Gedanken lernte er fühlen und ahnen, welch einen festen, starken Trost es gewähren müsse, wenn man die Verheißungen des Evangelii so recht voll und ganz mit dem Glauben ergriffen habe. Das trieb ihn denn zum Suchen in der Schrift und zum herzlichen Gebete um den wahren Glauben.
Vor seiner Reisegesellschaft verschloß er jedoch noch ganz den schweren Kampf, der in seinem Herzen begonnen hatte; er wollte ihn in der Kraft seines Gottes und Heilandes allein durchkämpfen, und sein demütiger, keuscher Sinn hielt ihn ab, davon den andern gegenüber etwas merken zu lassen. Nur dem Tagebuche, das er jetzt regelmäßig zu führen anfing und das für uns die reichste und klarste Quelle ist, die rechte Erkenntnis und das volle Verständnis seiner inneren, geistlichen Entwickelung daraus zu schöpfen, vertraute er an, was außer ihm und seinem Gotte niemand wissen sollte. Wir sehen daraus, welch eifriges Ringen seiner Seele er sichs kosten ließ, in Christo, dem Heilande, Friede zu finden, und wie er auch allmählich durch Gottes Gnade fand, was er suchte.
Besonders gesegnet wurde für ihn die freie Zeit, welche er nach seiner Heimkehr im November noch hatte, bis die neue Parlamentssitzung begann, die in den Februar des nächsten Jahres fiel und ihn natürlich wieder nötigte, in das unruhige öffentliche Leben zurückzukehren. Er brachte diese Zeit zu Wimbledon in der Nähe von London zu, wo er sich eine Wohnung mietete, die es ihm möglich machte, ohne allzugroße Unbequemlichkeit zu den Parlamentssitzungen zu fahren, und doch auch die Stille der Einsamkeit zu haben, so oft er sich deren bedürftig fühlte. Hier widmete er sich ganz dem Nachdenken über sich selbst und der ernstesten, eifrigsten Beschäftigung mit dem Worte Gottes und anderen religiösen Büchern.
Jetzt schwand auch allmählich die Scheu bei ihm, mit dem, was sein Herz erfüllte, an die Öffentlichkeit zu treten; er wurde ein eifriger Besucher der Kirche und richtete in seinem eigenen Hause einen regelmäßigen, täglichen Hausgottesdienst ein, dem alle seine Diener anwohnten und den er selbst leitete. Nur zum Tische des Herrn wagte er noch nicht zu gehen, weil er dazu noch zu unwürdig zu sein glaubte, und es noch nicht gelernt hatte, sich ganz und ohne Rückhalt der Gnade des Heilandes zu übergeben. Die Briefe an seine Schwester aus dieser Zeit sind voll von den herzlichsten Bitten, sich ernstlich der Beschäftigung mit dem Worte Gottes hinzugeben; es drängte ihn nun, wo er für sich selbst die Quelle des Heils und des Friedens gefunden hatte, zu derselben auch diejenigen hinzuweisen, die seinem Herzen nahestanden.
Große Überwindung kostete es ihn allerdings noch, auch seinen bisherigen Freunden kund werden zu lassen, welche innerliche Veränderung mit ihm vorgegangen war. Denn von den wenigsten derselben konnte er ein rechtes Verständnis für das, was sein Herz bewegte, erwarten, wohl aber desto mehr Spott und höhnisches Achselzucken. Allein die Erwägung, daß er ungestörter seinen Grundsätzen nach würde leben können, wenn er dieselben frei und rückhaltlos habe kund werden lassen, öffnete ihm den widerstrebenden Mund zum frischen, fröhlichen Bekenntnisse. Der gefürchtete Spott blieb nun freilich wohl aus, weil Wilberforce sich in zu hohem Maße die Achtung seiner Freunde erworben hatte, als daß man ihn hätte verspotten können; aber niemand begriff die mit dem Freunde vorgegangene Umwandlung. Man begriff am wenigsten bei ihm, der bisher als ein Muster von Sittenreinheit gegolten hatte, die demütigen Selbstanklagen wegen seiner Sünden; man schüttelte wohl im stillen den Kopf über ihn, ließ ihn aber sonst ruhig gehen und nahm am wenigsten von seiner Sinnesänderung Veranlassung, sich einmal auf den Zustand des eigenen Herzens zu besinnen.
Dies war auch bei seinem Freunde Pitt der Fall, der natürlich zu den Ersten gehörte, dem er sein Inneres erschloß. Stand auch der große Staatsmann dem wahren Christentum keineswegs feindlich gegenüber, sondern schätzte es hoch, wo es ihm als ein aufrichtiges, lebenskräftiges entgegentrat, er war doch von seinen staatsmännischen Geschäften und Sorgen zu sehr erfüllt, von seinen Arbeiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß er sich durch die inständigen Bitten, womit ihn Wilberforce bestürmte, hätte bewegen lassen, auch für die Sorge um sein Seelenheil Zeit und Kraft zu erübrigen.
Je weniger Verständnis und Entgegenkommen aber Wilberforce bei seinen bisherigen Parlamentsfreunden fand, desto mehr neigten sich ihm die Herzen aller derer zu, die selber schon ernste Christen geworden waren, oder es doch werden wollten, und die natürlich den reich begabten, schon so angesehenen jungen Mann mit Freuden als einen der ihrigen begrüßten. Sie nahmen sich seiner in Liebe an, teilten ihm mit, was sie selbst schon an inneren geistlichen Erfahrungen gesammelt hatten, und bewahrten ihn dadurch vor den Verirrungen, in welche Neubekehrte so leicht geraten, wenn ihnen brüderliche Leitung und Handreichung mangelt. Besonders waren es ein hochgeachteter Geistlicher Namens Newton und ein alter Verwandter, John Thornton, deren herzlicher Teilnahme und liebevoller Leitung er sich zu erfreuen hatte und die ihm vor allen Dingen den guten Rat erteilten, vorsichtig zu sein im Anknüpfen neuer Bekanntschaften und Freundschaften und sich nicht zu leicht von den alten Freunden abzuwenden, sondern sich nur im Verkehre mit ihnen der sorgfältigsten Wachsamkeit zu befleißigen.
Das Letztere wurde Wilberforce nun freilich schwer genug, und er mußte sich oft von seinem Gewissen anklagen lassen; aber er kannte ja nun die Quelle, aus welcher er immer wieder Beruhigung und Trost schöpfen konnte, sowie auch immer neue und wachsende Kraft zum Wachen und Beten, und die immer reichlicher für ihn zu fließen begann, als er erst gelernt hatte, das Vertrauen auf eigenes Verdienst und eigene Würdigkeit aufzugeben, das ihn bisher von dem Genusse des heiligen Abendmahls ferne gehalten hatte.
Wir glaubten, ehe wir zur Schilderung der eigentlichen Lebensarbeit unseres Helden übergingen, zuerst, wie es im Vorstehenden versucht ist, seiner inneren Entwickelung etwas genauer nachgehen zu müssen. Denn wenn er nicht durch Gottes Gnade das geworden wäre, was wir bisher ihn haben werden sehen, ein entschiedener, glaubensfester und liebeseifriger Christ, so würde er sicher nicht der edle, mutige, aufopfernde Menschenfreund geworden sein, dessen Name nie vergessen werden wird und darf, wo diejenigen aufgezählt werden, die sich in besonderem Maße um die Menschheit verdient gemacht haben.
III.
Das wahre, lebendige Christentum, dem sich Wilberforce zugewandt hatte, hinderte ihn nicht, die Pflichten eines Parlamentsmitgliedes mit voller Treue und Hingebung zu erfüllen. Das wäre ja auch gewiß kein wahres Christentum, welches zur Erfüllung des irdischen Lebensberufs, darein man von Gott gesetzt ist, untüchtig machte. Und Wilberforce sah seine Wirksamkeit im Parlamente in der That als den Beruf an, den ihm Gott der Herr angewiesen habe, und hat sich dabei auch sicherlich nicht getäuscht.
An den Sitzungen des Parlamentes im Jahre 1786 konnte er allerdings nur wenig Anteil nehmen wegen eines bösen Augenleidens, das ihn befiel. Er hatte sich durch eifriges Studieren, womit er die Lücken in seiner Universitätsbildung auszufüllen suchte, welche er jetzt oft empfindlich fühlte, die ohnehin schwachen Augen gründlich verdorben und mußte es sich auf den Rat eines ihm befreundeten Arztes zu Leeds gefallen lassen, den Spätherbst und einen Teil des Winters in dem Badeorte Bath zuzubringen.
Ehe er sich dorthin begab, brachte er 14 Tage bei seiner Mutter und Schwester in Hull zu, welche er beide seit der italienischen Reise nicht mehr gesehen hatte. Hier gelang es ihm denn, die Besorgnisse der Mutter völlig zu beschwichtigen, denen sie sich hingegeben hatte, als das Gerücht zu ihr drang, ihr Sohn habe sich der Sekte der Methodisten angeschlossen. Wilberforce hatte sie freilich schon brieflich einigermaßen beruhigt und ihr versichert, daß er nach keiner menschlichen Lehre frage, sondern nur die heilige Schrift zur Richtschnur seiner Gedanken und Handlungen nehmen und sich nur von deren Vorschriften bei der Erfüllung der ihm obliegenden Pflichten auf dem Platze, den ihm die Vorsehung angewiesen habe, leiten lassen wolle. Allein die mütterliche Befürchtung, der Sohn möge gleichwohl auf allerlei Thorheiten und Ueberspanntheiten verfallen sein, schwand erst gänzlich, als sie ihn persönlich wieder sah. Denn nun erkannte die Mutter, daß die ganze Veränderung, die mit dem Sohne vorgegangen war, nur in einer größeren Freundlichkeit und inneren Ruhe bestand, als er früher gehabt hatte, und in einem noch viel liebevolleren, bescheideneren und achtungsreicheren Benehmen gegen sie selbst, als er es schon früher bewiesen.
Solch eine Veränderung konnte ihr natürlich nur wohlgefallen und sie veranlassen, das eigene Herz mehr aufzuschließen für eine Religion, welche im stande war, wenn es ernst mit ihr genommen wurde, solch gesegnete Veränderung hervorzubringen. Die ernsten religiösen Gespräche, welche der Sohn jetzt mit besonderer Vorliebe in Gang zu bringen suchte, ließ sie sich willig gefallen und gewann dadurch allmählig selbst einen tieferen Einblick in die tröstlichen Wahrheiten des Christentums, als sie ihn bisher gehabt hatte. Sie stimmte jetzt völlig in das Wort einer Freundin ein, der sie ihre Besorgnisse wegen der mit William vorgegangenen Sinnesänderung vertraut haben mochte, und die, nachdem sie diesen persönlich kennen gelernt und in bezug auf die ihm schuld gegebene Thorheit beobachtet hatte, voll Begeisterung ausrief: »Wenn das Thorheit ist, so möchte ich wünschen, daß wir alle so thöricht würden!«
Das gesellige Leben, welches Wilberforce in dem Badeorte Bath in vollen Strömen umrauschte, konnte ihn jetzt in seinem ernsten Sinnen und Streben nicht mehr beirren; er schrieb vielmehr als Regel und Richtschnur für seinen Verkehr mit den Badegästen die schönen Worte in sein Tagebuch: »Wandle in Liebe! wo du auch bist, sei auf deiner Hut, eingedenk daß dein Handeln und Reden Einfluß haben kann auf das Gemüt derer, mit denen du zusammenkommst, indem sie mehr oder weniger geneigt werden, christliche Grundsätze aufzunehmen und ein christliches Leben zu führen!«
An den Parlamentssitzungen des Jahres 1787 konnte Wilberforce wieder vollen Anteil nehmen und war mit Eröffnung der Sitzungen wieder pünktlich auf seinem Platze, nach wie vor ein treuer Unterstützer seines Freundes Pitt, mit dessen staatsmännischem Handeln er sich nur selten im Widerspruche fand.
Was ihn aber jetzt, wo ihm die Augen für einen rechten Christenwandel geöffnet waren, besonders bewegte, war die vollendete Gleichgültigkeit gegen alles Heilige und Göttliche, die ihm sonst bei seiner Umgebung begegnete und vor allem die traurige Sittenlosigkeit, die er überall bei Hoch und Niedrig wahrnahm. Es war ihm unmöglich, dabei gleichgültig zu bleiben und es drängte ihn, seinerseits etwas zu thun, daß es besser werde.
Mit ein paar gleichgesinnten Freunden faßte er den Plan, einen »Verein zur Schwächung und Entmutigung des Lasters« zu gründen und ging mit Feuereifer an die Ausführung desselben. Er ließ sich dabei von der gewiß richtigen Ansicht leiten, daß es der wirksamste Weg sei größere Verbrechen zu verhindern, wenn man die kleineren mit allem Ernste strafe und den allgemeinen Geist der Zügellosigkeit, die Quelle aller Laster, zu unterdrücken suche; denn wenn auch durch die Einwirkung auf die äußere Handlungsweise die Herzen der Menschen nicht geändert werden könnten, so würden sie doch dadurch geweckt und aufgeregt.
Zunächst erwirkte er einen Königlichen Aufruf an die Statthalter der englischen Grafschaften, worin dieselben angewiesen wurden, die bestehenden Gesetze gegen Entheiligung des Sonntags, gegen Trunksucht und gegen die Verbreitung unsittlicher Schriften genau und strenge zu handhaben. Er mußte sich dabei freilich sagen, daß damit nicht viel gewonnen würde, wenn nicht überall die einflußreichsten Männer sich dazu verständen, persönlich gegen die herrschende Sittenlosigkeit anzugehen und selbst mit ihrem eigenen guten Vorbilde den niederen Ständen voranzugehen.
Er machte sich deshalb, sobald die Parlamentssitzungen geschlossen waren, auf die Reise, um in erster Linie alle Bischöfe, dann aber auch andere angesehene Männer für die heilige Sache, die ihm auf dem Herzen lag, zu gewinnen, und seinem heiligen Ernste, seiner liebenswürdigen Persönlichkeit gelang es auch, nicht nur sämtliche Bischöfe, sondern auch einen großen Teil der Mitglieder des Ober- wie des Unterhauses zum Eintritt in seinen Verein zu bewegen, welcher dann während einer ganzen Reihe von Jahren eine reich gesegnete Thätigkeit entfaltete.
Aber diese Reise und die rastlose Arbeit, die er sich auf derselben zumutete, hatte einen überaus ungünstigen Einfluß auf seine Gesundheit gehabt, und sollte er für die nächste Parlamentssitzung wieder recht bei Kräften sein, so mußte er wieder die Bäder von Bath gebrauchen, die ihm schon einmal so sehr wohl gethan hatten. Er gewann denn dort auch wirklich die gesuchte Kräftigung und überdies eine ihm sehr wichtige und wertvolle Bekanntschaft, die mit der bekannten Schriftstellerin und frommen Freundin der Jugend Hannah More, mit welcher er von da ab zeitlebens in naher Verbindung und noch näherer Geistesgemeinschaft blieb.
Um diese Zeit fing aber auch Wilberforce an, +die+ Arbeit ernstlich und nachhaltig in Angriff zu nehmen, die fortan für ihn die wichtigste, ja so recht eigentlich seine Lebensarbeit werden sollte, und die ihm in ganz besonderem Maße die Hochachtung jedes edlen Menschen und einen unvergänglichen Platz in den Büchern der Geschichte erwarb, die Arbeit zu der Aufhebung des Sklavenhandels und zu der völligen Sklavenbefreiung.
Wir haben bereits gehört, wie Wilberforce schon in seinem 15. Lebensjahre dem Sklavenhandel seine herzlichste Teilnahme zugewandt und sogar einen kleinen Aufsatz über denselben geschrieben hatte, ohne Zweifel dadurch veranlaßt, daß er in seiner Vaterstadt Hull mit eigenen Augen ein Sklavenschiff gesehen hatte, und durch die grausame Behandlung der armen Sklaven im tiefsten Herzensgrunde ergriffen worden war. Was damals seine ungeübte Feder in Bewegung gesetzt hatte, konnte wohl für eine Zeitlang in den Hintergrund seines Herzens gedrängt, aber nicht ganz aus demselben verwischt werden. Das beweisen seine uns aufbewahrt gebliebenen Briefe, aus denen hervorgeht, daß er im Jahre 1781 einem Freunde welcher die westindische Insel Antigua besuchte, den Auftrag gab, sich über den Zustand der dortigen Sklaven genaue Kunde zu verschaffen, weil er, Wilberforce, beabsichtige, zu gelegener Zeit auf die Linderung der Leiden der unglücklichen Schwarzen hinzuarbeiten.
Diese edle Absicht wurde bei Wilberforce wieder bestärkt und gefördert, vielleicht auch erst wieder neu angeregt durch eine Preisschrift über die Sklaverei, die im Jahre 1785 erschien und die einen jungen Mann, Thomas Clarkson, zum Verfasser hatte, welcher in dem nun beginnenden Kampfe gegen die Sklaverei ebenfalls einen bedeutenden Namen gewann. Aber was jetzt Wilberforce seine frühere Absicht wieder aufnehmen und nicht wieder aufgeben ließ, das war sein durch die christliche Erkenntnis, welche er gewonnen hatte, geschärftes Gewissen. Der Kampf gegen die Sklaverei wurde ihm nun in der That Gewissenssache.
Aber es galt, in diesem Kampfe mit großer Vorsicht vorzugehen, wenn nicht von vorne herein alles verdorben werden sollte. Denn noch war die öffentliche Meinung so ziemlich ganz auf seiten des Sklavenhandels, und die Besitzer der 105 Schiffe, die schon im Jahre 1771 allein von Liverpool aus diesen schändlichen Handel betrieben hatten, und deren Zahl bei der Einträglichkeit dieses Handels wohl nicht gefallen, sondern eher gestiegen war, unterließen gewiß nichts, die ersten Spuren eines Gegensatzes und eines feindlichen Auftretens gegen ihr Geschäft sofort mit aller Macht zu unterdrücken. Man mußte jedenfalls gesicherte und nicht abzuleugnende thatsächliche Beweise für die bei dem Sklavenhandel vorkommenden Grausamkeiten haben, wenn man mit einiger Aussicht auf Erfolg es auch nur unternehmen wollte, die öffentliche Meinung umzustimmen und gegen den Sklavenhandel ins Feld zu führen. Denn nur gegen diesen, nicht aber gegen die Sklaverei überhaupt durfte man vorläufig den Kampf eröffnen.
Nachdem sich Wilberforce der Teilnahme und Unterstützung seines Freundes Pitt bei dem zu eröffnenden Kampfe versichert hatte, trat er in eine Gesellschaft ein, welche sich unter dem Vorsitze des Rechtsgelehrten Granville Sharpe gebildet hatte, zu dem Zwecke, sichere Erkundigungen einzuziehen, durch welche es möglich wäre, den öffentlichen Unwillen gegen den Sklavenhandel wachzurufen, und zu diesem Zwecke die nötigen Kosten aufzubringen. Denn diese Erkundigungen sollten nicht blos diesseits des Ozeans in England selbst gesammelt werden, wo sich ja Gelegenheit genug dazu bot, nein auch wie es drüben in Westindien um die eingeführten Neger stand, sollte in sichere Erfahrung gebracht werden.
Wilberforce arbeitete Tag und Nacht an der Sammlung und Sichtung der bereits eingegangenen Nachrichten und kam dabei zu der Überzeugung, daß schon diese allein Grund genug gäben, einen Antrag auf Abstellung des Sklavenhandels im Parlamente zu stellen. Er kündigte in seinem heiligen Eifer auch wirklich schon für den 2. Februar 1788 einen solchen an.
Aber die aufreibende, Körper und Geist gleicherweise angreifende Thätigkeit, die er sich zugemutet hatte, blieb nicht ohne Rückwirkung. Gegen Ende des Januar verfiel er in eine schwere Krankheit, die sich rasch so sehr verschlimmerte, daß er nicht mehr im stande war, zu der ihm verordneten Badekur in Bath abzureisen, und daß die Ärzte ihm nur noch höchstens 14 Tage zu leben gaben. Aber im Rate des Herrn war es anders beschlossen. Der bedenkliche Zustand der Krankheit hob sich wieder so weit, daß er nach Bath geschafft werden konnte, und die dortigen Heilquellen thaten auch diesmal wieder ihre gute Wirkung in Verbindung mit reichlichen Gaben von Opium, dessen Gebrauch von nun an für Wilberforce während seines ganzen ferneren Lebens eine Notwendigkeit wurde, so oft er eine Unordnung in seinem Körper verspürte.
Die Sklavensache war aber inzwischen nicht liegen geblieben. Pitt selbst hatte sie zu der seinigen gemacht und am 9. Mai 1788 einen Antrag im Parlamente gestellt, wonach dieses sich verpflichten sollte, im Beginn der nächsten Sitzung jedenfalls sogleich die Verhältnisse des Sklavenhandels in Erwägung zu ziehen. Weiter wollte Pitt nicht gehen, weil der fehlte, welcher das nötige Material von Beweisen in Händen hatte, auf die ein weitergehender Antrag hätte gegründet werden müssen.
Aber es geschah doch auch etwas Thatsächliches von Bedeutung. Auf den Antrag eines Sklavenfreundes, der sich mit eigenen Augen von der Einrichtung eines neu erbauten Sklavenschiffes überzeugt hatte und über die Anzahl der Sklaven erschrocken war, die in den engen Räumen desselben untergebracht werden sollten, wurde trotz des heftigsten Widerstandes der Vertreter von Liverpool durch einen Parlamentsbeschluß, dem auch das Oberhaus zustimmte, und der ebensowohl die königliche Bestätigung erlangt, festgesetzt, in welchem Verhältnisse zu dem vorhandenen Schiffsraum die Anzahl der einzuladenden Sklaven stehen müsse, und welche Maßregeln zu treffen seien, damit Leben und Gesundheit der noch immer enge genug zusammengepferchten Schwarzen möglichst geschont werde.