Part 2
Gegen den Negerhandel jedoch erhob sich die öffentliche Meinung erst zu Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts, und zwar besonders infolge der eifrigen Bemühungen der englischen Quäkersekte und ihrer Führer G. Fox und W. Penn. Als es ihnen gelungen war, durch Wort und Schrift die Gewissen aufzuwecken, begann in England der Kampf gegen die Sklaverei und nahm nun von Jahr zu Jahr größeren Umfang an, wie sehr auch die westindischen Sklavenhalter und die englischen Sklavenhändler alles aufboten, denselben lahm zu legen. Und man muß es den Engländern lassen, daß sie die schwere Schuld, die sie den armen Schwarzen gegenüber auf sich geladen hatten durch den von ihnen getriebenen und geduldeten Negerhandel, redlich abzuzahlen bemüht gewesen sind und noch immer sich bemühen. Denn sie sind es, die mit schweren Kosten für den Staat an den afrikanischen Küsten beständig Wachtschiffe kreuzen lassen, um den Sklavenhändlern ihre Beute abzujagen, und wenn der Kommandant des englischen Geschwaders, welches diesen edlen Zweck zur Ausführung bringen soll, noch im Jahre 1880 an der Ostküste Afrikas 60 Sklavenschiffe weggenommen und 855 Negern wieder zur Freiheit verholfen hat, so beweist das ebensowohl, daß der Sklavenhandel noch heute keineswegs völlig unterdrückt ist, wie auch das, daß England nach wie vor beharrlich und redlich bemüht ist, den Schandfleck abzuwaschen, den der Sklavenhandel auf den englischen Namen gebracht hat.
Auch die nachfolgenden Blätter sollen den lieben Lesern einen englischen Mann vorführen, der zu seiner Zeit ein Hauptförderer dieser Bemühungen gewesen ist, und der deshalb nicht blos den Namen des »Sklavenfreundes« mit vollem Fug und Rechte verdient, sondern ebensosehr es verdient, daß sein Andenken von jedermann in hohen Ehren gehalten wird.
II.
+William Wilberforce+ -- so heißt der Ehrenmann, um den es sich handelt -- wurde geboren am 24. August des Jahres 1759 zu Hull in der Grafschaft York, und zwar als der einzige Sohn unter vier Kindern, von denen zwei Schwestern schon in früher Kindheit wieder verstarben. Sein Vater Robert Wilberforce leitete seine Abkunft von einer alten, vornehmen Familie her, die lange Zeit hindurch im östlichen Teile der Grafschaft York ein ausgedehntes Stammgut besessen habe, war aber jedenfalls ein nach unseren Begriffen reicher, nach englischen Begriffen wohlhabender Mann. In Gemeinschaft mit seinem Vater, der bis in sein Alter hinein das entscheidende Familienhaupt geblieben zu sein scheint, betrieb er ein ausgedehntes Handelsgeschäft und verwaltete den großen Landbesitz, den die Familie hatte.
Der kleine William kam als feines, krausgliedriges Kind zur Welt und hat die Körperschwachheit, mit welcher er ins Leben eintrat, bis zu seinem Lebensende nicht völlig zu überwinden vermocht. Aber wer ihm in die hellen, geistvollen Augen sah, konnte ihm schon an der Wiege prophezeien, daß einmal etwas Rechtes aus ihm werden würde. Zum Knabenalter herangewachsen, entwickelte er trotz seines schwächlichen Körpers eine ungemeine Lebhaftigkeit und ein reiches, tiefes Gemütsleben, das ihn schnell zum Liebling aller machte. Außergewöhnlich frühe entfaltete er eine große Redefertigkeit, wie sie Kindern seines Alters in der Regel nicht eigen ist und erinnert damit an das allbekannte Sprüchlein: Was ein Dörnchen werden will, spitzt sich bei Zeiten.
Noch ehe er das zehnte Lebensjahr erreicht hatte, verlor er seinen Vater, und da die Mutter sich wohl selbst nicht für fähig hielt, den lebhaften Knaben richtig zu erziehen, wurde er zu einem Oheim von väterlicher Seite gebracht, der mit ihm denselben Namen hatte, vielleicht also sein Pate war.
Hier im Hause des Oheims fand er denn, was ihm weder die Schule zu Hull, die er bis jetzt besucht hatte, noch auch das Elternhaus gegeben: einen echt christlichen, frommen Geist. Die Tante gehörte der Sekte der Methodisten an, und wie sie selbst eine warme, aufrichtige Liebe zu Gottes Wort und eine tiefe Erkenntnis seiner heiligen Wahrheiten besaß, so suchte sie beides auch dem jungen Neffen einzupflanzen. Schien doch dessen reiches, tiefes Gemüt so recht dazu geeignet, die göttliche Wahrheit freudig in sich aufzunehmen und nachhaltig in sich wirken zu lassen. Was die eigne Mutter, die erst spät zum lebendigen Christentum kam, an dem sinnigen Knaben versäumt hatte, suchte die Tante desto eifriger nachzuholen und gewann durch die liebreiche Art ihrer erziehlichen Einwirkung einen nachhaltigen Einfluß auf Williams Gemüt.
Allein das still ernste, fromme Wesen, welches dadurch bei dem Knaben einkehrte und sich bei seinen gelegentlichen Besuchen im Elternhause deutlich genug kundgab, war keineswegs weder nach dem Sinn der Mutter noch des Großvaters, der ebensowenig wie diese für ein ernstes Christentum viel übrig hatte. Man befürchtete, die fromme Tante werde den Jungen ganz zu ihrem Methodismus und zu dessen Weltflüchtigkeit herüberziehen, und ihn dadurch zu der hohen, glänzenden Lebensstellung untüchtig machen, zu der ihn seine reichen Geistesgaben einmal führen zu müssen schienen.
William wurde deshalb schon wieder 1771 nach Hull ins Elternhaus zurückgerufen und sowohl die Mutter wie der Großvater boten alles auf, die frommen Eindrücke wieder zu verwischen, die er bei der Tante empfangen hatte. Der Großvater drohte ihm sogar damit, ihn enterben zu wollen, wenn er das häßliche methodistische Wesen nicht ablege. Da die Mutter ein reiches geselliges Leben liebte und das Haus selten von Gästen leer war, so konnte es kaum ausbleiben, daß der lebhafte zwölfjährige Knabe seine bisherigen Lebensgewohnheiten bald vergaß und mehr und mehr an den Zerstreuungen und Genüssen eines weltlichen geselligen Lebens Geschmack gewann. Die eifrige Beschäftigung mit dem Worte Gottes, die ihm die Tante beim Abschied noch besonders auf das Gewissen gebunden hatte, nahm von Tag zu Tag mehr bei ihm ab, und bald ergötzten ihn die weltlichen Dichter Englands, die man ihm geflissentlich in die Hände spielte, mehr als die einfachen kunstlosen Worte des heiligen Buches.
Aber trotzdem konnte der gute Same, den die fromme Tante in das kindliche Herz ausgestreut hatte, nicht ganz erstickt werden. Ein ernster Sinn, der durch das zerstreuende gesellschaftliche Leben wohl für Tage und Wochen in den Hintergrund geschoben werden konnte, aber dennoch sich immer wieder geltend machte, wenn in der häuslichen Geselligkeit größere Ruhepausen eintraten, blieb der unverlierbare Gewinn des Aufenthalts im Hause des Oheims. Und wenn derselbe auch an der Beschäftigung mit den weltlichen Dichtern, die für den Knaben einen hohen Reiz besaß, einen gefährlichen Feind hatte, so gewann doch William durch diese Beschäftigung die außergewöhnlich große Fertigkeit im mündlichen und schriftlichen Ausdrucke, welche ihm in seinem späteren Leben so sehr zu statten kam. Durfte er es doch wagen, schon als 15jähriger Knabe einen Aufsatz gegen den Sklavenhandel, dessen Gräuel schon jetzt sein mitleidiges Herz schaudern machten, an den Herausgeber einer öffentlichen Zeitschrift einzusenden, ohne daß derselbe als ein knabenhaftes Machwerk eine Zurückweisung erfahren hätte!
Schon mit 17 Jahren war der reichbegabte William in seinen Kenntnissen so weit gefördert, daß er für den Besuch des St. Johns College auf der Universität Cambridge für reif erachtet werden konnte und dasselbe auch wirklich bezog, um den Kreis seiner Kenntnisse noch mehr zu erweitern und sich jene allgemeine Geistesbildung zu erwerben, die zur Erlangung einer geachteten Lebensstellung unerläßlich war. Denn von einem besonderen Lebensberuf, zu dem er sich hätte vorbereiten müssen, war einstweilen keine Rede bei ihm.
Allein es sollte mit seinem Studieren vorläufig nicht viel werden. Denn kaum hatte er die Universität bezogen, so starben rasch hinter einander sowohl sein Großvater als auch sein Oheim. Als der einzige männliche Sproß der Familie erbte William nach dem englischen Gesetze das ganze väterliche und großväterliche Vermögen, und da der Oheim keine Kinder hatte, so fiel ihm auch dessen bedeutendes Vermögen zu. So saß denn der Jüngling plötzlich dem Überflusse im Schoß und sah sich all den mannigfaltigen Versuchungen ausgesetzt, welche derselbe im Gefolge hat.
Bald sammelten sich um den reichen Erben eine Schar leichtfertiger Gesellen, die ihm helfen wollten, seine Schätze in einem ausschweifenden Leben zu vergeuden und die sich so diese Schätze selbst zu nutze zu machen suchten. Allein wie sie sich auch an ihn drängten, es gelang ihnen nicht, ihn in den Kot ihrer gemeinen niedrigen Genüsse hineinzuziehen; der gute Geist, den ihm die fromme Tante eingeprägt hatte, verleugnete sich nicht, sondern wurde ihm Schirm und Schild, sodaß er sich schon nach kurzer Zeit mit Ekel von der schlechten Gesellschaft abwandte.
Er suchte besseren Umgang und fand ihn auch. Denn seine vortreffliche Unterhaltungsgabe, sein schlagfertiger, treffender Witz, sein schöner Gesang, seine allerdings nicht unbedenkliche Kunst, andere Menschen in ihrem Gebahren täuschend nachzuahmen, vor allen Dingen aber sein liebenswürdiges, gemütvolles Wesen: das waren lauter Vorzüge, die schnell einen weiten Kreis von Freunden um ihn sammelten und ihn zum geschätzten und geliebten Mittelpunkte desselben machten. Mit ernstem Studieren wurde es da freilich nicht viel, da William bei allen Vergnügungen seiner jugendlichen Freunde zugegen sein mußte und von ihnen, wenn er sich auch einmal zurückhalten wollte, mit freundlicher Gewaltsamkeit zur Teilnahme genötigt wurde.
Wenn er auch in seinem späteren Leben es oft bedauern mußte, seine Lernzeit mehr den Vergnügungen als den Studien gewidmet zu haben, und den eifrigsten Fleiß aufzuwenden genötigt war, um das in der Jugend Versäumte wieder nachzuholen, so fand er doch auch in dem Strudel der Geselligkeit, dem er sich überließ, manche wertvolle Bekanntschaft, die ihm sonst vielleicht entgangen wäre. So schloß er mit dem nachmals so berühmt gewordene Staatsmann Pitt schon hier auf der Universität einen Freundschaftsbund, der nachher für das ganze Leben vorhielt und ihm nicht blos für das studentische Leben einen gewissen Halt gab und ihn den Ernst des Lebens nicht ganz vergessen ließ, sondern ihm auch für die Folgezeit von großem Vorteile war.
Wie wenig das freie lustige Studentenleben vermocht hatte, ihn völlig um den Lebensernst zu bringen, zu welchem durch den Einfluß der Tante ein so guter Grund gelegt worden war, zeigte sich auch bei seinem Abgange von der Universität. Da sollte er, um den Grad und Titel zu erlangen, der in der Regel den Abgehenden beigelegt wurde, die Glaubensartikel der englischen Staatskirche unterschreiben und sich durch seine Unterschrift zur Annahme derselben verpflichten. Aber weil es um seine genaue Bekanntschaft mit diesen Artikeln etwas bedenklich aussehen mochte, verbot es ihm seine Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit, dieselben so leichtfertig und gedankenlos zu unterschreiben. Er verweigerte deshalb seine Unterschrift und mußte sichs gefallen lassen, ohne einen Grad und Titel die Universität zu verlassen.
Am nächsten hätte es wohl jetzt für unsren Wilberforce gelegen, in das von seinem Vater und Großvater geführte Handelsgeschäft einzutreten, welches nach deren Tode ein Verwandter für seine Rechnung weiter geführt hatte. Nicht blos, daß ihm dadurch eine ruhige, bequeme Lebensaufgabe zu teil geworden wäre, nein es winkte ihm auch dabei eine behagliche und doch ehrenvolle Lebensstellung.
Aber sein lebhafter, strebsamer Geist konnte sich an einer solchen Aufgabe und Stellung nicht genügen lassen; es lockte ihn vielmehr, statt in die ruhige Stille des Privatlebens in die geräuschvolle Unruhe des öffentlichen Lebens einzutreten. An diesem Entschlusse war ohne Zweifel der nahe Umgang mit seinem Universitätsfreund Pitt wesentlich schuld, der schon von Haus aus für den Staatsdienst und die Geschäfte des öffentlichen Lebens bestimmt gewesen war und dem es dann auch offenbar gelungen war, dafür dem Freunde Geschmack beizubringen.
Wilberforce löste das großväterliche Handelsgeschäft, das er nicht in seinem Namen fortführen lassen mochte, ganz auf und bewarb sich in seiner Vaterstadt Hull um die Ehre, deren Vertreter in dem Hause der Abgeordneten des Volkes, in dem sogenannten Parlamente zu werden. Um sich dazu tüchtig zu machen, nahm er, nachdem er sich zur Wahl angemeldet hatte, seinen Wohnsitz in London, und wohnte regelmäßig den Sitzungen des Parlaments bei, dessen Verhandlungen er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgte. Daß er durch seinen Freund Pitt, mit welchem er dort wieder zusammentraf, nur noch in seinem Vorsatze befestigt wurde, die öffentliche Laufbahn eines Parlamentsmitgliedes zu betreten, ist leicht zu denken.
Aber hieß es nicht zuviel erwarten, wenn Wilberforce annahm, seine Mitbürger würden ihn, der jetzt erst 21 Jahre zählte, wirklich zu ihrem Vertreter im Parlament wählen? Das mochte er sich wohl manchmal selber fragen und konnte dann gewiß diese Frage im Blicke auf seine Jugend und Unerfahrenheit nicht anders als bejahen. Allein gleichwohl ging sein sehnlicher Wunsch in Erfüllung und im Jahre 1780 wurde er wirklich zum Parlamentsmitgliede für Hull erwählt.
Zeugt dies laut für die großen Hoffnungen, die seine Landsleute auf den jungen Mann setzten, so zeugt es hinwiederum auch dafür, wie wenig er sich der hohen, kaum erwarteten Ehre, die ihm durch seine Wahl zu teil geworden war, überhob und sich dadurch stolz und hochmütig machen ließ, daß er trotz seiner großen Redefertigkeit in der ersten Parlamentssitzung, die er mitmachte, seinen Mund nicht aufthat, sondern nur in aller Demut und Bescheidenheit auf die Reden anderer lauschte und außer den Sitzungen den größten Fleiß aufwandte, sich über jede Sache, die zur Verhandlung kam, vorher auf das genaueste und sorgfältigste zu unterrichten. Dabei kam ihm denn sein heller, klarer Geist trefflich zu statten und befähigte ihn, über jede vorkommende Sache eine feste durch keinen fremden Einfluß bestimmte Meinung zu gewinnen, und sich so die Selbstständigkeit in seinen Urteilen zu retten, die ihn sein ganzes Leben hindurch nicht verließ und die ihn, wenn sie ihn auch oft genug mit seinen besten Freunden in Widerspruch brachte, doch in keinen Widerstreit mit seinem eigenen Gewissen kommen ließ.
Und nur von seinem Gewissen sich leiten zu lassen, wurde jetzt, wo er unter dem Ernste des Lebens den leichten Jugendsinn mehr und mehr ablegen lernte, sein fester, unumstößlicher Grundsatz, von dem er sich gelobte, niemals auch nur einen Fingerbreit abzuweichen.
So war es denn auch vorzugsweise die Stimme seines Gewissens, welche ihn trieb, sofort, nachdem die Parlamentssitzung geendigt war, London zu verlassen und sich in die ländliche Stille zurückzuziehen. Denn je sorgfältiger er auf diese Stimme achtete, desto lauter rief ihm dieselbe zu, daß das geräuschvolle öffentliche Leben in der großen Stadt tausendfältige Versuchungen bereite, das innere geistliche Leben zu vernachlässigen und unter den unaufhörlichen Zerstreuungen des gesellschaftlichen Lebens einer unwürdigen, verderblichen inneren Zerfahrenheit zu verfallen. Und doch fing er jetzt, wie ein Brief an seine Schwester deutlich zeigt, an, einzusehen, daß das innere Leben nicht vernachlässigt werden dürfe, wenn man an wahrem Werte täglich zunehmen wolle, daß dasselbe aber nicht wachsen und gedeihen könne ohne ernste Sammlung des Herzens zu gewissenhafter Selbstbetrachtung.
So lockend es auch für Wilberforce sein mochte, mit seinem Freunde Pitt und den vielen anderen Männern des Parlaments, deren Wohlwollen er sich bereits durch seine liebenswürdige Persönlichkeit gewonnen hatte, zusammenzubleiben und in ihrem Kreise die Parlamentsferien angenehm zu verleben, er folgte doch der mahnenden Stimme seines Gewissens und entfloh den Zerstreuungen und Genüssen des Londoner Lebens.
An den Ufern des Winandersees in der Grafschaft Westmoreland mietete er sich einen schönen Landsitz und brachte dort in ungestörter Stille den Sommer zu, sich nur an den harmlosen Genüssen des Landlebens genügen lassend, für deren erfrischende Wirkung er einen starken Sinn und eine besondere Vorliebe hatte.
Äußerlich und innerlich gestärkt kehrte er zu Anfang des Winters nach London zurück, wohin ihn die beginnende Parlamentssitzung rief. In dieser seiner zweiten Sitzung überwand er aber die jugendliche Scheu, die ihn während der ersten hatte schweigen lassen, und trat zum erstenmale als öffentlicher Redner auf. Aber wie staunte alles den jungen Mann an, der so glänzend und schlagfertig zu reden wußte! Von allen Seiten wurde er nach seiner ersten Rede beglückwünscht und es fehlte nicht an solchen, die es als ganz zweifellos hinstellten, daß ein solcher Redner mit der Zeit zu der Würde eines Mitgliedes des Oberhauses erhoben werden müsse.
Allein der bescheidene Wilberforce geizte durchaus nicht nach solcher Ehre und Würde und wies lachend die Propheten zurück, die ihm eine so glänzende Zukunft verhießen. Er begehrte nichts weiter, als ein tüchtiger Vertreter seiner Wähler im Parlamente zu werden und verband sich sogar mit mehreren seiner Freunde im Unterhause dazu, niemals die Würde eines Mitglieds des Oberhauses, niemals auch eine Stelle oder ein Gehalt anzunehmen, um nicht die edle Unabhängigkeit und Selbständigkeit, die sie jetzt besaßen, zu verlieren. Er ist auch zeitlebens diesem Entschlusse treu geblieben.
Als sein Freund Pitt im Jahre 1782 ins Ministerium kam, wahrte er selbst diesem gegenüber seine volle Unabhängigkeit, die sich durch keine Rücksichten beirren ließ. Er unterstützte ihn mit seinen Reden nur insoweit, als dessen Ansichten mit seinen eigenen völlig übereinstimmten; wo dies nicht der Fall war, wurde er ihm ein entschiedener Gegner trotz aller Freundschaft, die ihn mit ihm verband. Und für Pitt war dies kein Grund, den Freund fallen zu lassen. Im Gegenteile, er achtete Wilberforce deshalb um so höher und schloß sich ihm immer enger an. Fast täglich sahen sich die beiden Freunde und wurden sich nachgerade fast unentbehrlich, da sie beide in der von Witz und Laune gewürzten Unterhaltung, die sie mit einander führten, nach den anstrengenden Berufsarbeiten des Tages die beste Erfrischung fanden.
Auch wenn die Sitzungen des Parlaments zu Ende waren, trennten sie sich nicht immer, sondern vereinigten sich zu gemeinschaftlichen Reisen, oder Pitt überraschte den Freund auf seinem stillen Landsitz am Winandersee und blieb dort längere oder kürzere Zeit, einmal sogar ganze 4 Monate lang.
Da kamen denn auch wohl ernstere Unterhaltungen auf die Bahn, zu denen besonders Wilberforce jetzt mehr und mehr hinzuneigen begann, und infolge deren sich dann Pitt, der dem Christentum und der Religion überhaupt sehr kühl gegenüberstand, wohl überreden ließ, mit dem Freunde die Kirche zu besuchen.
Im Herbste des Jahres 1783 machten die beiden Freunde eine gemeinsame Reise nach Frankreich und suchten und fanden dort nicht blos Gelegenheit, mit den bedeutendsten Männern Frankreichs bekannt zu werden, sondern fanden auch Zutritt an den königlichen Hof. Ihr Aufenthalt dauerte jedoch nur 6 Wochen, weil sich für Pitt die Aussicht eröffnete, daheim das Haupt eines neuen Ministeriums zu werden, und er deshalb seine Rückkehr beschleunigen mußte. Wirklich wurde er auch gegen Ende des Jahres von dem Könige zu diesem hohen Posten berufen und hatte es seinem Freunde Wilberforce zu danken, daß die zahlreichen Gegner, die seine Wahl zu hintertreiben suchten, nichts ausrichten konnten.
Die meisten dieser Gegner gehörten nämlich der Grafschaft York an und waren Wilberforce zum größten Teile bekannt, sodaß er hoffen konnte, eine Einwirkung auf sie ausüben zu können. Er eilte deshalb sogleich in seine heimische Grafschaft und kam gerade zurecht, um einer Versammlung beiwohnen zu können, worin eine Bittschrift an den König gegen Pitt beschlossen werden sollte. Er ergriff darin das Wort und trat so feurig und kräftig für seinen Freund ein, daß alles dem gewaltigen Redner zujauchzte und selbst die erbittertsten Gegner Pitts nicht mehr wagten, gegen diesen den Mund aufzuthun.
Und was war der weitere Erfolg dieser Rede? Der einmütige Beschluß der Versammlung, den Redner als Vertreter der ganzen Grafschaft ins Parlament zu schicken, ein Beschluß, der denn auch trotz aller Anstrengungen einer Gegenpartei bei den nächsten Wahlen zur Ausführung gebracht wurde.
Damit hatte Wilberforce, der ja, um selbständig zu zu bleiben, weder ein Amt noch einen Sitz im Oberhause jemals annehmen wollte, die höchste Ehrenstufe erreicht, die bei solchem Vorsatze für ihn zugänglich war und war nun als Vertreter der größten Grafschaft Englands noch weit mehr als bisher im stande, seinem Freunde Pitt eine kräftige Unterstützung angedeihen zu lassen, wo er derselben benötigt war und wo es Wilberforce mit seiner gewissenhaften Überzeugung vereinigen konnte.
Im Herbste des Jahres 1784 machte Wilberforce in Gemeinschaft mit seiner Mutter und seiner Schwester eine Reise nach Nizza und Italien, die nach Gottes Rat für die Gestaltung seines inneren Lebens eine sehr bedeutungsvolle Wendung herbeiführen sollte.
Bisher hatte es nämlich Wilberforce trotz der Mahnungen seines Gewissens, trotz des je und dann mit Macht bei ihm hervorbrechenden Gefühles, daß es um sein inneres Leben nicht so stehe, wie es sollte, noch nicht über sich gewinnen können, mit seinem Christentum rechten vollen Ernst zu machen und ungescheut den Weg zu betreten, den ihn seine fromme Tante als den alleinigen Weg des Heils hatte kennen lehren. Das öffentliche Leben mit den großen Anforderungen, die es an sein Sinnen und Denken stellte, die Zerstreuungen des geselligen Lebens, denen er sich in London nicht entziehen konnte und mochte, hatten immer wieder die ernsten Vorsätze zu Schanden gemacht, die er wohl in seiner ländlichen Einsamkeit gefaßt hatte. Damit sollte es jetzt anders werden.
Mutter und Schwester brachten zwar in dieser Hinsicht keine Änderung zuwege, da beide selber noch nicht weit mit ihrem Christentum vorangekommen waren und deshalb keinen anregenden Einfluß auf ihn ausüben konnten. Wohl aber geschah dies durch den Begleiter, den sich Wilberforce auf die italienische Reise mitnahm. Das war der nachmalige Professor an der Universität zu Cambridge Isaak Milner, ein wahrhaft frommer Mann, der freilich sein von jeder Einseitigkeit und Engherzigkeit freies Christentum nicht äußerlich zur Schau trug, sondern im Äußeren eher das Gepräge eines Weltmannes an sich hatte, aber doch von der Wahrheit und Göttlichkeit des Christentums nicht allein auf das Innigste überzeugt war, sondern auch schon etwas an seinem Herzen erfahren hatte. Ihn, der ein alter Freund seines Hauses war, hatte Wilberforce gebeten, die Reise nach Italien mitzumachen, und sollte nun die Gewährung dieser Bitte zu einer Quelle reichen Segens für sich werden sehen.