William Wilberforce, der Sklavenfreund Ein Lebensbild, für die deutsche Jugend und das deutsche Volk gezeichnet

Part 11

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Trotz seiner 68 Jahre und seiner hinfälligen Gesundheit unternahm Wilberforce im Jahre 1827 eine längere Reise in das nördliche England, besonders durch die Grafschaft Yorkshire. Er wollte vor seinem Tode noch einmal die Gegend besuchen, welcher er seine beste Lebenszeit und -kraft gewidmet hatte und noch einmal den vielen Freunden, die er dort besaß, die Hand zum Abschiede drücken, auch wohl da und dort noch ein gutes heilsames Wort anbringen. Aber er fand von vielen seiner dortigen Freunde nur die Gräber und schrieb deshalb voll Wehmut an seine langjährige, nun 82 Jahre alte Freundin Hannah More: »Meine Freunde fallen täglich um mich her, die Begleiter meiner Jugend, damals weit stärker und weit gesunder als ich, sind fort, während ich noch bleibe. Was für eine Spanne Zeit uns auch übrig sein mag, möchten wir beide die noch kommenden Tage zur Vorbereitung auf den letzten verwenden.«

Und das that er seinerseits treulich während der Jahre, die er nun in Ruhe und Gleichförmigkeit auf seinem Highwood Hill verlebte. Nicht als ob er sich jetzt von allem geselligen Leben vollständig zurückgezogen und jenem trüben, finsteren Geiste gänzlicher Weltflucht sich überlassen hätte, den so viele fälschlich für die höchste Blüte des wahren Christentums ansehen, weil sie selber noch nichts wissen von wahrem Frieden und wahrer Freude im heiligen Geiste, die es möglich machen, das Apostelwort zu befolgen: seid allezeit fröhlich. Nein Wilberforce liebte auch jetzt noch ein heiteres, geselliges Leben und fand seine Freude daran, wußte aber freilich die geselligen Unterhaltungen auch so zu führen, daß sie für das innere Leben jedes Teilnehmers daran förderlich werden mußten, indem er aus den Erfahrungen seines reichen Lebens wie ein guter Haushalter altes und neues hervorbrachte. Übrigens war seine Zeiteinteilung eine durchaus geregelte und seine ganze Lebensweise eine durchaus einfache, seinen Jahren angemessene.

Bald nach 7 Uhr morgens pflegte er im Sommer wie im Winter aufzustehen, und dann über eine Stunde auf seinem Zimmer mit Selbstbetrachtung, Gebet und Lesen des göttlichen Wortes zuzubringen. Während er sich für den Tag ankleidete, ließ er sich vorlesen, um ja keine Zeit für den Geist unbenutzt zu lassen. Um halb 10 Uhr traf er mit den seinigen zur Familienandacht zusammen. Diese selber abzuhalten, ließ er sich nicht nehmen, auch wenn seine Gesundheit nicht die beste war. Er las dann einen Abschnitt aus der heiligen Schrift vor, gewöhnlich aus dem Neuen Testamente, erklärte ihn mit heiligem Ernste und mit Worten, die vom heiligen Geiste gelehrt waren, und schärfte ihn mit wunderbarer Beredtsamkeit ein.

Nach dieser Andacht, die etwa eine halbe Stunde dauerte, ging er, wenn es das Wetter irgendwie erlaubte, in den Garten, um sich an den Schönheiten der Natur zu erfreuen und sich die dafür so empfängliche Seele noch mehr zum Preise des Schöpfers stimmen zu lassen. Das Frühstück pflegte er auch jetzt spät einzunehmen, wie er sich schon längst gewöhnt hatte, um eine möglichst lange, ungestörte Arbeitszeit vor demselben zu haben. Aber desto länger verweilte er dann am Frühstückstische und ließ hier seine reiche, köstliche Gabe der Unterhaltung oft so in Fluß kommen, daß es 12 Uhr wurde, ehe er aufstand, besonders wenn er Besuch von lieben Freunden hatte, mit welchen er sich innerlich eins wußte und über die höchsten Lebensfragen frei und offen besprechen konnte.

Bis 3 Uhr Nachmittags zog er sich wieder zurück, um zu studieren oder Briefe zu schreiben, und erging sich dann bei gutem Wetter noch ein Stündchen im Garten, am liebsten in Gesellschaft mit seinen guten Freunden oder auch nur von seinem Vorleser, und, wenn er alleine war, gewöhnlich ein Liedchen vor sich hinsingend, das von der freudigen Stimmung seines Herzens Kunde gab.

Nach der Hauptmahlzeit, welche nach englischer Sitte erst um 5 Uhr Nachmittags, aber nie später, stattfand, legte er sich auf anderthalb Stunden nieder, um für den Abend, welcher in England stets dem geselligen Leben, wenn auch nur im engen Kreise der Familie gewidmet wird, neue Kräfte zu sammeln. Zuweilen arbeitete er nach der Ruhe noch eine Zeit lang bis zur Abendandacht, welche ebenso wie die Morgenandacht gehalten wurde, häufiger aber begab er sich sogleich wieder in den Kreis der Familie, wo denn der Abend oft bis nach Mitternacht mit Vorlesen, Erzählen und Gespräch zugebracht wurde.

Die schönste Zeit im Jahre war die Weihnachtszeit, welche stets alle seine Kinder um ihn versammelte, und die er, sich ganz von der Arbeit losmachend, immer im Schoße seiner Familie verbrachte. Da konnte er mit seinen Kindern, solange sie noch klein waren, spielen wie ein Kind; aber er ließ es auch freilich nicht daran fehlen, den schon mehr erwachsenen Kindern ein Wegweiser zu dem zu werden, der da arm ward um unseretwillen, auf daß wir durch seine Armut reich würden.

Waren einmal in späteren Jahren zwischen seinen Kindern, wie das ja wohl nirgends ganz ausbleibt, Verstimmungen und Entfremdungen eingetreten, so wußte er dieselben mit lindem Wort und liebreicher väterlicher Mahnung, oder noch lieber, wenn das hinreichte, mit einem witzigen Scherze wegzuschaffen, und setzte darein einen hohen Wert der jährlichen, weihnachtlichen Familienzusammenkünfte, daß sie die gegenseitige Liebe und Anhänglichkeit zwischen Eltern und Kindern sowohl, wie zwischen den Geschwistern so lieblich förderten.

»Unsere lieben Kinder«, schreibt er einmal nach solch einem gesegneten Familienfeste, »leben in vieler Einigkeit. Was für Grund zur Dankbarkeit habe ich, wenn ich meine fünf Kinder, meine Schwiegertocher und meine beiden Enkel um den Tisch versammelt sehe! Lobe den Herrn, o meine Seele!«

Indessen blieben diese Jahre der Ruhe und des glücklichen Stilllebens in Highwood Hill nicht ohne jede Trübung; ja der Feierabend seines Lebens sollte für Wilberforce nicht ohne schwere Prüfungen verlaufen, damit er das Sehnen nach der himmlischen Heimat immer völliger in sein Herz kommen lasse, wo kein Leid, kein Geschrei, keine Schmerzen mehr sein sollen.

In Highwood Hill selbst war keine Kirche, deren regelmäßiger Besuch doch für unsern Wilberforce ein wesentlicher Bestandteil seiner Sonntagsfeier war. Der Umstand, daß die nächste Kirche 3 Meilen weit entfernt war, würde ihn sicherlich vom Kaufe des Gutes abgehalten haben, wenn nicht der Bau einer neuen Kirche bereits so gut wie beschlossene Sache gewesen wäre. Um den Bau zu beschleunigen, erklärte sich Wilberforce gegen den Geistlichen des Kirchspiels sofort nach dem Antritte seines Gutes bereit, die Kosten des Baus teils aus eigenen, teils aus Mitteln, zu deren Hergabe er Freunde willig machen wolle, zu bestreiten. Um dem Geistlichen in allen Stücken entgegen zu kommen, ging er sogar auf dessen Wunsch ein, daß die neue Kirche nicht in Highwood Hill selbst, sondern eine halbe englische Meile entfernt in einem kleinen Weiler erbaut werden möge.

Gleichwohl aber trat der Geistliche aus irgend einem unbekannten Grunde gegen Wilberforce in Widerstreit und griff ihn öffentlich, sogar in seinen Predigten, als einen eigennützigen, selbstsüchtigen Menschen an, der nur seinen eigenen Vorteil, nicht aber das Wohl der Gemeinde im Auge habe. Und wirklich, der ehrwürdige, selbstverleugnungsvolle Greis sah sich jetzt in seinem 70ten Lebensjahre genötigt, gegen die wider ihn geschleuderten gehässigen Verleumdungen öffentlich sich zu verteidigen, und der Bau der Kirche verzögerte sich von Monat zu Monat.

Tiefer und einschneidender in sein Schicksal wurde jedoch für Wilberforce ein anderes Erlebnis.

Wilberforce hatte sich, wie wir schon erwähnt haben, von jeher gewöhnt, sich nur als Gottes Haushalter über das ihm anvertraute irdische Gut zu betrachten und dasselbe deshalb in reichem, manchmal überreichem Maße zu Werken der Wohlthätigkeit verwandt. Er war der Ansicht, daß auch seinen Kindern mehr Segen für ihre Zukunft daraus erwachsen würde, als wenn er bemüht wäre, das Familienvermögen zu vermehren und tote Schätze zusammenzuhäufen.

Nun hatte er für seinen ältesten Sohn, der sich wegen seiner schwachen Gesundheit der Landwirtschaft gewidmet hatte, ein ansehnliches Gut kaufen lassen und sich dabei arglos in die Hände eines Unterhändlers gegeben, dem er volles Vertrauen glaubte schenken zu dürfen. Allein dieser ward zum Schelm an ihm, und brachte es durch seine Betrügereien und Kniffe dahin, daß Wilberforce einen sehr beträchtlichen Teil seines Vermögens verlor. Der Verlust war so bedeutend, daß er sich entschließen mußte, sein schönes Highwood Hill aufzugeben und seine ganze bisherige Lebensweise bedeutend einzuschränken.

Zwar erboten sich seine Freunde, als sie dies vernahmen, auf der Stelle ihm seinen Verlust zu ersetzen und selbst ein »Westindier«, der ihn trotz seiner Gegnerschaft in der Sklavensache persönlich hochachtete, machte ihm dahin zielende Anerbietungen; aber Wilberforce glaubte auf diese Anerbietungen, so wohl sie ihm auch innerlich thun mochten, nicht eingehen zu dürfen, sondern vielmehr seine Lebensweise nach seinen jetzigen Vermögensverhältnissen einrichten zu müssen.

Seine innere Heiterkeit blieb übrigens dabei ganz unangetastet, ja er pries die Vorsehung dafür, daß dieser Schlag nicht eher eingetreten sei, als jetzt, wo alle seine Kinder soweit erzogen waren und größtenteils schon eine gesicherte Lebensstellung hatten.

Er beschloß, mit seiner Gattin abwechselnd, bei seinem zweiten und dritten Sohne, die ja beide schon im Amte standen, Wohnung und Aufenthalt zu nehmen, und, wenn er es auch bedauerte, seinen lieben Garten aufgeben zu müssen, sowie die Möglichkeit, werte Freunde unter seinem eigenen Dache zu beherbergen, so freute er sich doch andrerseits sehr, nun der zarten Liebeserweisungen kindlicher Anhänglichkeit und Dankbarkeit unausgesetzt genießen zu können. Als er sich von einem kleinen Unwohlsein wiedererholt hatte, sagte er: »Ich kann kaum begreifen, warum mein Leben so lange erhalten wird, es sei denn, damit ich beweisen kann, daß ein Mensch ebenso glücklich sein kann ohne als mit Vermögen.«

Das Scheiden von Highwood Hill wurde aber für Wilberforce noch durch einen harten Schlag erschwert, der ohne Zweifel die ihn am meisten erschütternde Heimsuchung seines Greisenalters war. Es starb ihm nämlich, als er sich eben von der lieblichen Stätte losgerissen hatte, welche der Ruheplatz für seine letzten Lebenstage hatte werden sollen, seine einzige noch übrige Tochter. Zwar konnte er auch von ihr mit innigem Danke gegen Gott »eine heilige, ruhige, demütige Zuversicht zu ihrem Heilande« rühmen, »mit der sie sich gleichsam auf den Arm ihres Erlösers lehnte«, aber es war doch für das Vaterherz etwas unsäglich Bitteres, noch einmal einem teuren Kinde in das frühe Grab sehen zu müssen, und in den trauten Kreis seiner Familie, worin er sich wohl fühlte, eine empfindliche Lücke gerissen zu sehen.

Wie rasch sich übrigens Wilberforce in das veränderte Leben eingewöhnte, und wie wohl es ihm dabei war, zeigt ein Brief an seinen Freund und Schwager Stephen. »Wir befinden uns«, so schreibt er aus dem Pfarrhause des einen Sohnes, »hier jetzt ungefähr 6 Wochen. Wie viel mehr Ursache habe ich, mich zu freuen, als über einen Verlust zu klagen, der einen solchen Erfolg gehabt hat! Wir sind unter das Dach unserer teueren Kinder gekommen; wir sind Zeugen, wie sie ein großes häusliches Glück genießen und gewissenhaft die Pflichten des wichtigsten Berufes erfüllen.«

Die Gebrechen des Alters stellten sich bei Wilberforce, wie er öfters mit herzlichem Danke gegen Gott erwähnte, nur langsam ein und ohne die schmerzhaften Leiden, die sich so oft damit verbinden. Es war im wesentlichen nur ein größeres Bedürfnis von Ruhe, welches sie herbeiführten und dieses Bedürfnis konnte er sich in den stillen Pfarrhäusern seiner Söhne besser befriedigen, als es in Highwood Hill möglich gewesen wäre, dessen nähere Lage bei London auch häufigere Besuche seiner Freunde wie Solcher, die Rat bei ihm suchen wollten, gebracht haben würde. Aber, wie groß auch sein Ruhebedürfnis war, er vergaß es doch gänzlich und zeigte sich noch stets als einen sehr unterhaltenden Gesellschafter, wenn ihn Freunde besuchten, ja konnte noch in wahrhaft jugendliches Feuer geraten, wenn es galt, jemand, der ihn besuchte, auf das Eine, was not ist, hinzuweisen und ihn von den Irrtümern seines Weges zu überzeugen.

Ebenso wurde er stets tief ergriffen und zu feuriger Begeisterung entflammt, wenn auf die Sklavensache die Rede kam, und wenn es sich darum handelte, die Notwendigkeit der völligen Abschaffung der Sklaverei zu beweisen.

Als ein Bild von ihm gemalt werden sollte, und der Maler, der ihn nicht als den müden, altersschwachen Greis abkonterfeien wollte, als welcher er jetzt erschien, begehrte, man möge ihm irgend eine geistige Anregung zu verschaffen suchen, da genügte es, daß jemand die Bemerkung fallen ließ, nach den neuesten Nachrichten würden die Sklaven in Westindien jetzt doch weit besser als früher behandelt. Sofort regte sich da in Wilberforce der heilige Eifer, dies aus den neuesten Nachrichten, die er selber besaß, zu bestreiten und es entspann sich eine so belebte Unterhaltung, daß der Maler von ihm ein Bild gewann, wie er es haben wollte, und wie es auch sein mußte, um ihn in voller Lebenswahrheit darzustellen.

Als im April 1833 zu Maidstone, dem Hauptorte der Grafschaft Kent, in der er sich gerade jetzt bei seinem Sohne in East Farleigh befand, eine Versammlung gehalten wurde, worin eine Adresse gegen die Sklaverei beschlossen werden sollte, ließ sich Wilberforce, obwohl er seit zwei Jahren nicht mehr öffentlich gesprochen hatte, doch nicht zurückhalten, die Versammlung zu besuchen und nicht allein als der erste die zu stande gekommene Adresse zu unterschreiben, sondern auch, obwohl nur mit schwacher Stimme für die heilige Sache zu sprechen, deren begeisterter Vorkämpfer er so lange Jahre hindurch gewesen war. Und wie freute er sich mit einer heiligen Freude, zu spüren, daß die öffentliche Meinung auf dem Punkte angekommen sei, wohin sie zu führen die letzte Anstrengung seines öffentlichen Lebens gewesen war! Denn in der ganzen großen Versammlung war niemand, der daran gezweifelt hätte, es müsse auf eine vollständige Beseitigung aller Sklaverei gedrungen werden.

Wie gerne gab er seine Zustimmung dazu, daß selbst eine Entschädigung von 20 Millionen Pfund Sterling (= 400 Millionen Mark), welche an die Sklavenbesitzer sollte bezahlt werden, dem Lande aufgebürdet werde.

Wie zuversichtlich schrieb er am Anfange des neuen Jahres an einen alten Freund und Kampfgenossen: »Ich wünsche Ihnen Glück, in ein Jahr eingetreten zu sein, das sich, wie ich zuversichtlich hoffe, dadurch auszeichnen wird, daß Sie sehen, wie dem mit Fluch beladenen Sklavenhandel der letzte tötliche Schlag gegeben, und die Freilassung der westindischen Sklaven endlich zu stande gebracht wird!«

X.

Hatte Wilberforce bisher schon, wenn er von dem Tode solcher vernahm, die ihm lieb und wert gewesen waren, immer an den eigenen Tod gedacht und sich nicht gegen die Mahnung verschlossen, die noch übrige Lebenszeit zur Vorbereitung auf denselben zu benutzen, so mußte ihm jetzt, wo er seine Lebenskraft von Tag zu Tage abnehmen fühlte, dieser Gedanke noch näher treten, diese Mahnung noch wichtiger werden.

Und es sollte jetzt auch in der That rasch mit seinem Leben zu Ende gehen. Als der 74jährige Greis im April 1833 seinen auf der Insel Wight angestellten Sohn besuchen wollte, wurde er von der Grippe befallen, die ihn schon öfters heimgesucht hatte, von der er aber immer in den heilsamen Bädern von Bath Heilung gefunden. Auch jetzt wurde er von den besorgten Seinigen wieder dorthin gebracht und blieb dort 2 ganze Monate. Aber die gehoffte Heilung wollte nicht eintreten. Im Gegenteile nahmen seine Kräfte zusehends ab, sodaß die Seinigen es für geraten hielten, ihn, ehe seine Kräfte noch weiter schwänden, nach London zu bringen und ihn dort der Pflege eines berühmten Arztes zu übergeben, der ihn schon einmal von der gleichen Krankheit schnell geheilt hatte.

Wilberforce fügte sich dem Wunsche seiner Angehörigen, obwohl es ihm selbst unzweifelhaft war, daß er keines irdischen Arztes mehr bedürfe. Er wollte sich eben in kindlicher Demut allem unterwerfen, was nur irgendwie als dem Willen Gottes entsprechend erschien, und dankte stets Gott für die Gnade, daß er ihn durch kein härteres Leiden prüfe, zumal durch kein solches, wodurch ihm die Klarheit des Geistes getrübt worden wäre.

Und wie klar blieb sein Geist! Ja wie gingen ihm die Geistesaugen heller und immer heller auf, die eigene Sündhaftigkeit und Unwürdigkeit vor Gott zu erkennen, aber auch in die Fülle der Gnade Gottes in Christo Jesu tiefe, beseligende Blicke zu thun! Immer wieder bezeugte er, daß er nicht wert sei der Barmherzigkeit und Treue, die Gott an ihm während seines ganzen Lebens gethan habe; immer wieder pries er mit den höchsten, begeistertsten Worten die Gnade, die ihn das höchste und beste habe gewinnen lassen, was es für den Menschen geben könne, den inneren Frieden, der in der Erlösung des Sohnes Gottes so festen und gewissen Grund habe.

»In Rücksicht auf mich selbst«, sagte er zu einem lieben alten Freund, der ihn auf seinem Krankenlager besuchte, und ihn auf die zukünftige Herrlichkeit verwies, welcher er mit Zuversicht entgegensehen dürfe, »in Rücksicht auf mich selbst habe ich nichts so sehr mit Nachdruck zu wiederholen als die Bitte des Zöllners: Gott, sei mir Sünder gnädig.«

»Wenn ich bedenke, wie viel arme Leute leiden ohne die Bequemlichkeiten, welche ich habe, und die gütigen Freunde, welche um mich sind, so bin ich ganz beschämt darüber, wie es mir so gut geht.« Das war ein anderes seiner tief demütigen, dankerfüllten Worte.

Auch klagte er, wie er denn sein Leben lang sich selber nie genug gethan und sich stets für einen unnützen Knecht bekannt hatte, jetzt besonders darüber, daß er nicht mehr mit denen, die ihm nahe getreten seien, gebetet und sie nicht genug auf den rechten Weg gewiesen habe.

Stets waren seine Gedanken dem Heilande zugewandt, besonders wenn er Schmerzen hatte. In solch einer Stunde sagte er zu seinem Sohne Henry, der an sein Krankenlager geeilt war, und dem wir all die schönen Worte aus dem Munde des Sterbenden zu verdanken haben, die sich seinem Gedächtnisse unauslöschlich einprägten: »Gedenke daran, daß unser Heiland vom Himmel gekommen ist, und wenn uns ein kleiner Schmerz schon empfindlich ist, was hat Er nicht alles erduldet! Gewiß der Gedanke an die Leiden unseres Heilandes erregt Staunen und Verwunderung.«

Brachten ihm die zahlreichen Freunde, welche die Parlamentssitzung nach London zusammengeführt hatte und die es nicht versäumten, den von ihnen allen so hoch Geehrten fleißig zu besuchen, zarte Beweise ihrer Aufmerksamkeit und Teilnahme dar, so sagte er nachher wohl: »Wie ganz anders würden sie mich beurteilen und ansehen, wenn sie mich wahrhaft kennten!«

Am Freitage, den 26. Juli ließ sich der Kranke, um den herrlichen Sommertag zu genießen, auf seinem Stuhle ins Freie tragen; denn seine Schwäche ließ es ihm nicht mehr zu, auf den eigenen Füßen das Zimmer zu verlassen. Es war der Tag, an dem ein Gesetzesvorschlag wegen völliger Abschaffung der Sklaverei zum zweiten Male im Parlamente vorkam und auch zur Annahme gelangte. Als ihm die Nachricht davon überbracht und mitgeteilt wurde, daß auch die großen Geldopfer, die zur Entschädigung der Sklavenhalter für nötig erachtet wurden, kein Hindernis der Annahme des Gesetzes geworden seien, wie jubelte da der Leidende auf, der nun, was er als Jüngling gedacht, als Mann mit rastloser Ausdauer erstrebt hatte, vor seinem Ende noch mit dem sehnlich erwarteten Erfolge gekrönt sah! Mit welch inniger Dankbarkeit erhoben sich seine Blicke hinauf zu dem wolkenlosen Himmel, und falteten sich seine Hände bei dem Gebetsrufe: »O mein Gott, wie danke ich Dir, daß Du mich hast leben und ein Zeuge des Tages sein lassen, an dem sich England bereit erklärt hat, 20 Millionen Pfund für die Abschaffung der Sklaverei zu geben und sich von dieser Schande zu befreien!«

Wie ein stärkender Balsam schien diese Nachricht auf ihn zu wirken. Denn er fühlte sich am Abende dieses Tages so wohl und heiter, daß man sich schon der Hoffnung hingab; es werde doch noch möglich sein, ihn von London wegzubringen zu einem seiner Söhne, damit er im engsten Familienkreise seine Heimfahrt halte, an deren Nähe jetzt kaum mehr zu zweifeln war. Mit besonderer Inbrunst nahm er an der Abendandacht teil und freute sich der zarten Pflege und Aufmerksamkeit, die ihm alle widmeten.

»Was kann ein Mensch«, rief er aus, »zum Schlusse seines Lebens mehr wünschen, als von seiner Frau und von seinen Kindern gepflegt zu werden, welche alle in Freundlichkeit und Liebe gegen ihn wetteifern!«

Jedoch die ungewöhnliche freudige Aufregung dieses Tages blieb nicht ohne Rückschlag. Am späten Abende stellte sich bei dem Kranken eine große Schwäche ein, und der folgende Tag brachte mehrere Schlaganfälle, die sein Gedächtnis schwächten und ihm große Leiden verursachten. Die Erklärung des Arztes, daß, wenn er diese Anfälle überlebe, noch schwerere Leiden, ja eine Störung des Verstandes in Aussicht ständen, mußte nun die Seinigen es als eine Gnade von Gott erbitten lassen, daß sein Ende nicht mehr allzu ferne sein möge.

»Ich bin in einem sehr leidenden Zustande«, klagte er am Sonntage in einem Augenblicke, da er ganz hellen, lichten Geistes war.

»Ja«, antwortete man ihm, »aber Sie haben ihren Fuß auf dem Felsen.«

»Ich wage nicht«, erwiderte er, »dies so bestimmt zu behaupten, aber ich hoffe, ich habe ihn darauf.«

Das waren seine letzten vernehmbaren Worte, und am Montage, den 29. Juli 1833 frühe morgens 3 Uhr hauchte er seinen letzten Seufzer aus.

Wer dürfte zweifeln, daß mit demselben die Seele des treuen Sklavenfreundes einging zu dem, der seines Herzens Trost und Teil war, weil er mit seinem heiligen Versöhnungs- und Erlösungsblute aller Sklaverei ein Ende gemacht hat, daß sie einging zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes?

Auf 73 Jahre 11 Monate hatte Wilberforce das reich gesegnete Erdenleben bringen dürfen, das wir aus den vorstehenden Blättern zu schildern versucht haben; aber für alle Zeiten wird sein Gedächtnis währen überall, wo man nach denen fragt, und um die sich bekümmert, welche in Wahrheit Wohlthäter der Menschheit gewesen sind.

Oder dürftest Du jetzt noch bezweifeln, lieber Leser, daß Wilberforce in der That ein solcher gewesen ist.

Hat er nicht durch unermüdliches Wirken demjenigen Teile der Menschheit, welcher vorher unbeanstandet das furchtbare Joch einer leib- und seelenmörderischen Knechtschaft getragen hatte und in der öffentlichen Meinung mit den Tieren fast auf gleiche Stufe gestellt gewesen war, nicht allein zur Milderung seiner Leiden geholfen, sondern auch zur Anerkennung seiner Menschenwürde und Menschenrechte?

Hat er nicht den übrigen Teil der Menschheit, der in seiner Verblendung der schwarzen und farbigen Rasse ohne Bedenken jenes furchtbare Joch der Sklaverei auferlegen zu dürfen geglaubt hatte, die Augen aufgethan und das Gewissen geschärft, das Jahrtausende hindurch geübte himmelschreiende Unrecht zu erkennen, und so den Fluch von ihm wenden helfen, der aus solchem Unrecht notwendig erwachsen muß?

Hat er nicht -- und das möchten wir als die höchste Wohlthat preisen, die er der Menschheit erwiesen -- durch sein ganzes Leben und Wirken es jedem, der nur sehen +will+, klar und unwiderleglich unter die Augen gestellt, daß das wahre, lebendige Christentum die Quelle aller Tugenden ist, und daß zumal jene Tugenden, die allein befähigen großes für die Welt zu vollbringen, lediglich aus dieser Quelle geschöpft werden können: Der heilige Eifer, der für das in Gottes Namen begonnene Werk glüht, der feste Mannesmut, der vor keiner Gegnerschaft und vor keiner Widerwärtigkeit zurückbebt, die unermüdliche Geduld, die sich durch keine fehlgeschlagene Hoffnung beugen läßt, die hingebende Selbstverleugnung, die von jedem Suchen des Eigenen absteht?