William Wilberforce, der Sklavenfreund Ein Lebensbild, für die deutsche Jugend und das deutsche Volk gezeichnet

Part 10

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Wilberforce, dessen sittliches Gefühl sich dagegen sträubte, daß dem Volke von höchster Stelle aus solch ein böses Beispiel gegeben werden sollte und der, wenn die Scheidung der königlichen Ehe wirklich erfolgte, davon einen beklagenswerten Nachteil für die öffentliche Sittlichkeit befürchtete, bot im Parlamente alles auf, die Scheidung zu verhindern. Er fragte nichts danach, daß er sich dadurch das Mißfallen der Königin zuzog. Allein die Hartnäckigkeit dieser ließ jeden Vergleich zwischen den beiden Gatten vergeblich erscheinen, und es wäre wohl sicher zum Vollzug der Scheidung gekommen, wenn nicht im August 1821 der Tod der Königin eingetreten wäre. Auch hierbei zeigte es sich wieder recht klar, wie Wilberforce weder nach rechts noch nach links sah, wenn ihm sein Weg durch eine klar erkannte Pflicht vorgezeichnet war. Denn nicht blos, daß er durch sein Auftreten im Parlamente bei der Ehescheidungs-Verhandlung die Gunst der Königin aufs Spiel setzte, nein er lief auch dadurch Gefahr, wieder in die Ungunst des Volkes zu geraten. Denn dieses stand in seiner großen Mehrzahl auf der Seite der Königin gegen den König, welcher sich durch sein zügelloses Leben, sowie auch durch seine Regierungsgrundsätze bei dem Volke äußerst mißliebig gemacht hatte und schon einmal von einem wütenden Volkshaufen thätlich angegriffen worden war.

In seinem häuslichen Leben erlitt jetzt Wilberforce einen empfindlichen Verlust durch den Tod seiner ältesten Tochter Barbara. Dieselbe war schon im Jahre vorher kurz nach der Verheiratung des ältesten Bruders und um eben die Zeit, da Isaak Milner starb, schwer erkrankt gewesen, hatte sich aber unter der sorgfältigen, zärtlichen Pflege, welche ihr Vater und Mutter bei Tag und Nacht selbst gewidmet hatten, wieder soweit erholt, daß man sie dem Leben gewonnen glauben durfte. Doch jetzt im Jahre 1821 trat ein Rückfall ein, welchem ihre geschwächten Kräfte nicht gewachsen waren. Der Tod knickte die liebliche Menschenblume, die sich im Lichte des wahren Christentums zu herrlicher Blüte entfaltet hatte.

»Ich werde nie«, so schrieb Wilberforce an einen Freund, »die Zärtlichkeit, den Glauben, die Liebe und die Andacht vergessen, mit welcher sie, nachdem sich auf ihren Wunsch alle Übrigen entfernt hatten, ihr letztes hörbares Gebet für sich und für uns sprach. Gehalten durch eine demütige Hoffnung auf die Gnade Gottes in ihrem Erlöser und Fürsprecher, war sie fähig, ihre Leiden mit Geduld und Ergebung zu tragen und eine Fassung zu bewahren, über welche sie sich selber wunderte. An dem Todestage selbst bat sie, man möge ihren Arzt fragen, ob noch Hoffnung auf Besserung sei, »aber wenn nicht«, fügte sie hinzu, »so ist alles gut«. -- Sie starb wie jemand, der einschläft, kaum ein Laut, nicht der geringste Kampf. Ich bin in der Dankbarkeit gegen den Geber alles Guten fast verpflichtet, meine Freunde aufzufordern, daß sie sich mit mir als über ein Zeugnis der göttlichen Gnade freuen. Das Bewußtsein, daß es unserm Kinde wohl ist, ist für uns ein Stärkungsmittel von unschätzbarer Wirksamkeit.«

Die Gedanken und Gefühle, welche Wilberforce am Begräbnistage des geliebten Kindes seinem Tagebuche anvertraute, sind zu bezeichnend für sein inneres Leben, zu bezeichnend besonders für die innige Dankbarkeit gegen Gott, welche sein Herz erfüllte, als daß wir uns enthalten könnten, sie wenigstens teilweise hier mitzuteilen. Es war ein ungewöhnlich kalter Wintertag, an welchem das Begräbnis stattfand, und Wilberforce mußte sich, so schwer es ihm auch wurde, in Rücksicht auf seine schwache Gesundheit enthalten, den Sarg zum Grabe zu geleiten. Aber klagte und weinte er nur daheim? Nein, im Gegenteile.

»Ich sah den Sarg«, schreibt er. »Wie eitel der Zierrat, wenn man daran denkt, in welchem Zustand der Erniedrigung sich der Körper befindet, der im Sarge liegt! Bald nachdem der Leichenwagen und unsere lieben Freunde fort waren, bin ich in mein kleines Zimmer gegangen, und hier beschäftige ich mich nun mit Schreiben und mit Gebet, indem ich Gott für seine wunderbare Güte gegen mich preise und meine äußerste Unwürdigkeit beklage. Denn wahrlich, blicke ich auf mein vergangenes Leben zurück und übersehe es; vergleiche ich besonders die zahlreichen, fast unzähligen Beweise von Gottes Freundlichkeit gegen mich damit, wie ich sie vergolten habe: so bin ich überwältigt und kann mit Wahrheit dem Zöllner nachsprechen: »Gott sei mir Sünder gnädig!« -- Es ist eine besondere Güte gegen mich, und die fast einzigartigen Vorzüge, die ich genossen habe, was mich so mit Demütigung und Scham erfüllt. Meine Tage erscheinen wenig, wenn ich zurückschaue, aber sie sind eher alles andere gewesen, als böse. Ich bin in allerlei Weise gesegnet worden, und zwar auf bleibende Weise, besonders dadurch, daß ich ein heiteres Gemüt und so reichliche Glücksgüter empfing. -- Ich bin so frühe für Hull ins Parlament gekommen, dann für Yorkshire sechsmal erwählt worden und hörte nur auf, für diese Grafschaft Parlamentsglied zu sein, weil ich selbst diese Stellung aufgab. Ich bin zum Werkzeuge erwählt worden, die Abschaffung des Sklavenhandels vorzubringen; ich habe mächtig der Sache des Christentums in Indien helfen können; ich bin nie in üblen Ruf gebracht, sondern immer bei allen öffentlichen Geschäften unterstützt worden. Ich entging der Lebensgefahr durch eine plötzliche Beihülfe der Vorsehung. Man hat mich nie beschimpft, weil ich mich weigerte, mich zu duellieren. -- Ich habe mich so spät, 37 Jahre alt, verheiratet und doch eine der liebevollsten Frauen gefunden. Ich habe 6 Kinder gehabt, welche alle auf das äußerste an mir hangen. Obgleich uns unsere teure Barbara entrissen ist, so haben doch im ganzen wenige Menschen solchen Grund zur Dankbarkeit wegen der Kinder, die immer lauter Liebe gegen mich waren. -- Kein Mensch hat wohl je so viele liebe Freunde gehabt; sie überwältigen mich ganz mit ihrer Güte und zeigen, daß es weise war, Freundschaften mit Männern meines Ranges zu pflegen, vor allem religiöse Menschen zu Freunden zu wählen. Die Großen und Edlen behandeln mich jetzt alle mit Achtung, weil sie sehen, daß ich unabhängig von ihnen bin, und einige, glaube ich, fühlen eine wahre Anhänglichkeit an mich. -- Ferner habe ich Gaben genug, um mir Ansehen zu erwerben, wie durch die natürliche Gabe, öffentlich zu reden, obwohl mich mein Augenübel leider beim Studieren wie beim Schreiben hindert. -- Ferner bin ich zu einem Werkzeuge gemacht worden, viel geistliches Gute durch mein Werk über das Christentum zu stiften. Wie viele haben mir mitgeteilt, es sei für sie das Mittel gewesen, daß sie sich Gott zugewendet haben!«

Aber wie weit entfernt ist Wilberforce von Stolz und Selbstüberhebung bei dieser Aufzählung der ihm verliehenen Gaben und der von ihm geübten Wirksamkeit! Wie sieht er vielmehr alles als Gnadengaben und Gnadenwirkungen von oben herab an und gibt in tiefster Demut dem Herrn allein die Ehre dafür!

»Und das alles,« so bekennt er, »dauert nun schon so lange, obgleich ich Gott so viele Ursache gegeben habe, es mir zu nehmen! Diese zu nennen, gehört nicht hierher, aber mein Herz weiß und fühlt sie und wird sie hoffentlich immer fühlen. Es ist aber eine große Gnade, daß Gott mich befähigt hat, einen reinen gleichmäßigen äußeren Wandel zu führen, sodaß ich meinem christlichen Bekenntnisse niemals Schande gemacht habe. Lobe den Herrn, meine Seele! Und nun, Herr, will ich mich noch feierlicher und entschlossener Dir weihen, und wünsche, noch mehr, als ich es je gethan habe, meine Fähigkeiten zu Deiner Ehre und in Deinem Dienste anzuwenden.«

Gewiß eine eigentümliche Totenfeier am Begräbnistage eines lieben Kindes! Aber wer könnte zweifeln, daß es dadurch dem tiefbetrübten Vater möglich wurde, seinen großen menschlichen Schmerz unter die Füße zu treten und sich zu dem Worte Hiobs aufzuschwingen: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!?«

IX.

Wie an dieser Tochter, so durfte Wilberforce aber auch an seinen übrigen Kindern hohe, heilige Vaterfreude erleben und die gottgesegneten Früchte einer Erziehung einernten, die von der größten Weisheit und Liebe geleitet war und besonders bei den höchsten, heiligsten Herzensangelegenheiten stets aus die größte Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit drang.

Er wollte nicht, daß seine Söhne in seine eigenen Fußstapfen treten und sich auch zu Männern des Parlaments heranbilden sollten. Er kannte dazu die Versuchlichkeit der öffentlichen Thätigkeit und die Gefahren, welche dieselben für das innere Leben hat, viel zu gut aus eigener Erfahrung. Vielmehr war es sein inniger Wunsch, daß sich seine Söhne, soweit sie sich dazu eigneten, dem Dienste der Kirche widmeten, und er durfte auch die große Freude erleben, daß sie diesen heiligen Beruf mit innerer Zustimmung und voller Herzensfreudigkeit ergriffen.

Wie sehr er darauf bedacht war, daß ihnen die rechte innere Weihe für diesen Beruf zu teil werde, daß sie vor allem rechte Männer des Gebets würden, wie er selbst zu seinem eigenen täglich verspürten Segen durch Gottes Gnade einer geworden war, mag folgende Stelle aus einem Briefe an einen seiner Söhne zeigen, der in Cambridge seinen Studien oblag:

»O mein teuerster Sohn,« schreibt er, »was gäbe ich darum, Dich als ein Licht in der Welt zu sehen! Der Gedanke daran lockt mir Thränen in die Augen und macht mich fast unfähig, fortzuschreiben. Mein teuerster Sohn, stecke dein Ziel hoch, strebe danach, ein Christ zu werden im vollsten Sinne des Wortes! Wie wenig weißt Du, zu welchem Dienste Dich Gott berufen kann! Die Jünglinge unserer Tage sind nicht in Gefahr, dem Feuer und Schwerte ausgesetzt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden; aber die Folge dieser Sicherheit ist, daß sie sich auch nicht auf die mildere Form der Verfolgung vorbereiten, welche zu erdulden sie vielleicht berufen werden. Aber alles ist möglich durch's Gebet, möchte ich sagen, und warum auch nicht? Denn daß es allmächtig ist, liegt in der gnädigen Ordnung Gottes, des Gottes voll Liebe und Treue. O darum bete, bete, bete, mein teuerster Sohn. Aber bedenke auch wohl, daß Du Deinen inneren Zustand nicht nach Deinem Gebete beurteilen darfst, sondern nach dessen Wirkung auf Deinen Charakter, Dein Gemüt und Deinen Wandel!«

Gott schenkte Wilberforce das große Glück und die hohe Freude, daß sein zweiter und dritter Sohn sich zu ernsten, tüchtigen Geistlichen entwickelten und es wurde ihm vergönnt, sie beide noch vor seinem Tode in Amt und Würden zu sehen und mit eigenen Augen wahrzunehmen, daß sie ihr heiliges Amt ganz in dem Geiste führten, wie er es für nötig hielt, und mit der Treue und Gewissenhaftigkeit, für die sie in ihrem Vater das beste, leuchtendste Vorbild hatten. Der eine von ihnen wurde Vikar in East Forleigh in der Grafschaft Kent, der andere Rektor in Brighstone auf der Insel Wight. Für diejenigen Leser, welche mit den kirchlichen Verhältnissen in England weniger vertraut sind, sei dazu bemerkt, daß das Amt eines Vikars ebenso wie das eines Rektors ziemlich gleichbedeutend mit dem Amte unserer Pfarrer ist, nur mit dem Unterschiede, daß der Rektor seine eigene Gemeinde hat, während der Vikar eine der vielen Pfarreien, die den hohen englischen Geistlichen übertragen zu werden pflegen, verwaltet, jedoch ebenfalls ganz selbstständig.

Seinen ältesten Sohn mußte Wilberforce sich der Landwirtschaft widmen lassen; denn seine schwächliche Gesundheit, besonders eine schwache Brust machten ihn für das Pfarramt untüchtig. Dagegen trat der jüngste wieder in die Fußstapfen seiner beiden vor ihm stehenden Brüder, und auch ihn durfte Wilberforce, ehedenn er starb, auf dem besten Wege sehen, ein treuer Diener der Kirche zu werden.

Je mehr Wilberforce die Schwächen des Alters bei sich eintreten sah -- und sie traten bei seinem schwächlichen Körper ungewöhnlich frühe ein -- desto mehr enthielt er sich längerer Reden im Parlamente, die er vielmehr seinen jüngeren Freunden überließ. Allein um so kräftiger und auf noch weitere Kreise wirkte er dafür durch Schriften, welche er verfaßte.

So gab er im Februar 1823 wieder eine Schrift über die Sklavensache heraus, worin er, gestützt auf die reichen Erfahrungen eines fast 35jährigen Kampfes in dieser Sache, die grausame Behandlungsweise beleuchtete, welche die Neger noch immer in der Sklaverei zu erdulden hatten, aber auch zugleich schlagend nachwies, wie nötig es sei, für den religiösen Unterricht der Sklaven zu sorgen, ihnen zu einem gesicherten Familienleben zu verhelfen und so ihrer Freilassung vorzuarbeiten, die ja doch einmal kommen werde und müsse.

Der Erzbischof von Dublin war von dieser Schrift so begeistert, daß er ausdrücklich Wilberforce seinen Dank bezeugte und ihm sagte: »Dieser Zusatz zu den edlen Anstrengungen, welche Sie mit solcher Ausdauer für jenen so grausam behandelten Teil der gemeinsamen Kinder des Einen großen Vaters gemacht haben, wird von dem Segen begleitet sein, der solchen Arbeiten christlicher Liebe niemals ausbleibt.«

Ja ein westindischer Sklavenhalter fühlte sich beim Durchlesen der Schrift so ergriffen von ihrem Inhalte, daß er erklärte, wenn es auch sein ganzes Vermögen kosten sollte, dieses willig hingeben zu wollen, damit seine armen Neger nicht allein zur Freiheit der Europäer, sondern auch zur Freiheit der Christen gebracht würden.

Nachdem Wilberforce am 19. März 1823 eine aus der Sekte der Quäker hervorgegangene Bittschrift um Aufhebung des Sklavenhandels ins Parlament eingebracht und warm befürwortet hatte, schlug sein Freund Buxton, der jetzt die gemeinsame Sache im Parlamente führte, einen Beschluß vor, die Sklaverei überhaupt für unvereinbar mit dem Christentum, wie auch mit der englischen Verfassung zu erklären, ohne daß er jedoch die Annahme dieses Beschlusses durchsetzen konnte. Es war indessen damit der offene Kampf gegen die Sklaverei überhaupt und für die völlige Aufhebung derselben im Parlamente begonnen.

Als im weiteren Verlaufe des Jahres 1823 die Minister, um doch ihrerseits etwas zu thun und ihren guten Willen zu beweisen, das Los der Sklaven mildern zu helfen, das Verbot erließen, daß die Aufseher der Negersklaven in den westindischen Kolonien fortan die gewaltige Peitsche nicht mehr immer bei sich trügen, von der die Sklavenhalter behauptet hatten, daß sie nicht sowohl zu grausamen Züchtigungen gebraucht würde, als vielmehr nur das Zeichen sei, woran die Neger ihre Aufseher erkannten, war in den Kolonien wieder ein Sklavenaufstand ausgebrochen. Die Sklaven hatten nämlich von diesem Verbote gehört und warteten vergeblich darauf, daß es auch beachtet würde; denn die Regierungen der Kolonien wagten nicht, dasselbe zu veröffentlichen. Die Sklaven sahen nun natürlich ihre Herren, die Pflanzer als diejenigen an, welche die wohlmeinenden Absichten des englischen Ministeriums für sie hintertrieben, hatten auch wohl das Verbot der Peitsche, welche für sie das große Zeichen der Sklaverei war, irrtümlich so aufgefaßt, als ob damit die ganze Sklaverei verboten sei, und erhoben sich deshalb gegen die Pflanzer in einem Aufstande, worin etliche Weiße das Leben verloren.

Wilberforce, befürchtend, daß dadurch die Sklavensache wieder in Nachteil käme, konnte es sich trotz seiner Körperschwachheit nicht versagen, als Redner aufzutreten und tadelte das Verbot der Peitsche als eine unvorsichtige Maßregel, wodurch bei den gänzlich daraus unvorbereiteten Schwarzen unbegründete und zu weit gehende Hoffnungen erweckt worden seien, die fast mit Notwendigkeit zu dem Aufstande hätten führen müssen. Er erklärte alle halbe Maßregeln dieser Art für nutzlos, ja gefährlich und forderte das Parlament in der eindringlichsten Weise auf, schleunig und fest vorzugehen.

»Ich fürchte«, sagte er, »wenn die Neger an der Hülfe durch das englische Parlament verzweifeln, so werden sie ihre Sache in die eigene Hand nehmen und immer wieder aufs neue versuchen, ihre Befreiung auf gewaltsamem Wege selber herbeizuführen.«

Trotzdem, daß er sich durch diese Rede eine heftige Lungenentzündung zugezogen hatte, trat er doch, kaum genesen, noch einmal im Parlamente auf, um die Behauptung der Sklavenhalter zu entkräften, daß die Freilassung der Sklaven, die jetzt gefordert werde, für sie das unausbleibliche Verderben sein würde, und wiederholte die von ihm ausgesprochene Befürchtung, die soeben mit seinen eigenen Worten erwähnt wurde.

»Möge es Gott gefallen«, so schloß er, »meine Befürchtungen zu schanden zu machen und den Ausgang günstiger zu gestalten, als ich befürchte!«

Dies waren die letzten Worte, welche er im Parlamente über seine Sache redete, denn die eben erst überstandene Krankheit machte es ihm zur unbestreitbaren Gewißheit, daß er jetzt seine öffentliche Wirksamkeit als Parlamentsredner gänzlich aufgeben müsse. Als ihn auf einer kleinen Reise zum Besuche eines Freundes ein wiederholter Anfall der Lungenentzündung heimsuchte, verließ er London und zog sich auf einen stillen Landsitz zurück, um fortan seine noch übrige Lebenskraft ganz der Schriftstellerei und seiner Familie zu widmen.

Vergebens setzten ihm diejenigen seiner Freunde, welche seine persönlichen Verhältnisse nicht genug kannten, zu, diesen Schritt nicht zu thun; vergebens bot man ihm an, ihm zu einem Sitze im Oberhause zu verhelfen, um nur ihn und seine reiche Erfahrung in den Dingen des öffentlichen Lebens nicht ganz entbehren zu müssen: wie er es früher als heilige Pflicht erkannt hatte, seine ganze Kraft an die übernommene Thätigkeit zu setzen, so erkannte er es jetzt, wo diese Kraft in sichtlicher Abnahme begriffen war, ebensowohl als heilige Pflicht, zurückzutreten und jüngeren, rüstigeren Kräften das Feld zu räumen.

»Ich habe schon lange beabsichtigt«, schrieb er in sein Tagebuch am 1. Februar 1825, »mich zurückzuziehen, sobald die Zeit dieses Parlaments zu Ende wäre; daher ist nur zu überlegen, ob ich es jetzt thun soll, oder am Schlusse der nächsten Sitzung. Die Frage ist also, ob eine beschränkte Teilnahme an dieser Sitzung mir soviel Aussicht zur Wirksamkeit gibt, um mich zu einem Verbleiben im Parlamente bis zu dessen Ende zu berechtigen. Der Arzt scheint es nicht für notwendig zu halten, mir die Teilnahme gänzlich zu untersagen, aber er äußerte die Furcht, daß ich, wenn eine Krankheit eintreten sollte, nicht Kraft genug haben würde, sie zu überstehen. Hätte ich nun keine andere Bahn für meine Thätigkeit, so möchte es, oder vielmehr: würde es unrecht sein, es nicht auf die Gefahr ankommen zu lassen. Aber erstens hoffe ich, meine Feder mit Vorteil anwenden zu können, wenn ich mich in das Privatleben zurückgezogen habe, und zweitens ist mein Leben gerade jetzt von besonderem Werte für meine Familie. Alle meine Kinder stehen in solchen Lebensabschnitten und Verhältnissen, welche es dem Anscheine nach äußerst wünschenswert machen, daß ich ihnen noch erhalten werde. Man entbehrt mich jetzt nicht sehr im Parlamente; unsere Sache hat mächtige Verteidiger, welche ihre Stellungen eingenommen haben. Das Beispiel eines Mannes, welcher sich zurückzieht, wenn er fühlt, daß seine körperlichen und geistigen Kräfte schwächer werden, kann nützlich erscheinen. Das Publikum ist so sehr daran gewöhnt, Männer einen lang fortdauernden Sitz im Parlamente zur Erlangung eines höheren Ranges benützen zu sehen, daß ein entgegengesetztes Beispiel um so nötiger ist und von einem Solchen gezeigt werden muß, welcher bekennt, nach christlichen Grundsätzen zu handeln.«

Wie man über die Wirksamkeit dachte, welche Wilberforce im Parlamente und auf das Parlament geübt hatte, mag folgende Stelle aus einem Freundesbriefe zeigen:

»Mit vielem Bedauern, obgleich, wie ich sagen kann, nicht mit großer Verwunderung höre ich von Ihrer Absicht, sich vom Parlamente zurückzuziehen. Es wird ein schmerzlicher Verlust für ihre zahlreichen Freunde und für den Staat sein, aber es ist wohl ein weiser Entschluß in Beziehung auf Sie selbst. Es muß Ihnen die Bemerkung sehr zur Zufriedenheit gereichen, daß der sittliche Ton des Unterhauses sowohl wie der Nation im allgemeinen viel höher ist, als da Sie zuerst in das öffentliche Leben eintraten. Es kann kein Zweifel sein, daß Gott Sie zu dem geehrten Werkzeuge gemacht hat, viel zu dieser großen Verbesserung beizutragen. Es gibt, hoffe ich, einige viel versprechende junge Männer, die auftreten werden; aber ach! jetzt keinen, welcher Ihren Platz einnehmen könnte. Ich wollte es gäbe mehrere Elisas, auf welche Ihr Mandat fiele (NB. man vergleiche 2. Könige 2, 13--15). Das Gebet von Tausenden wird Ihnen in das Privatleben folgen, und das meinige wird fortwährend darauf gerichtet sein, daß Ihr wertvolles Leben bis zu den spätesten Zeiträumen als ein Segen für Ihre Familie, für die Kirche Gottes und für die Welt möge erhalten bleiben!«

Wilberforce beschloß nun, London ganz zu verlassen und kaufte sich ein Gut, 10 Meilen nördlich von der Stadt, Highwood Hill genannt, um hier fortan in aller Stille und Ruhe bis an das Ende seiner Tage zu leben. Er hatte jedoch auch hier nicht in dem Maße, wie er es gehofft hatte, völlige Freiheit, über seine Zeit zu verfügen. Dazu gab es zu viele Freunde, von denen er sich nicht nicht ganz zurückziehen wollte, und die ihn, auch wenn er dies gewollt hätte, ihrerseits nicht losgelassen hätten, mit denen also ein fortgesetzter Briefwechsel unterhalten sein wollte; dazu gab es zu viele Gelegenheiten, mit Rat und That einzutreten, wo es sich um die Förderung des Reiches Gottes handelte, denen er sich nicht entziehen konnte und wollte.

So suchte er, als man in London eine Schule für höheren Unterricht der Handwerker, also etwa eine Schule nach Art unserer heutigen »Fortbildungsschulen«, einrichten wollte, seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß ja auch der Unterricht in der Religion in den Lehrplan aufgenommen würde, weil es unverantwortlich sei, daß man die Jugend in dieser höchsten und wichtigsten Sache ohne Unterricht lassen wolle.

Nicht minder bemühte er sich darum, daß an der Universität zu London, die jetzt neu gegründet werden sollte, ein besonderer Lehrstuhl für Vorlesungen über die Religion errichtet werde, welche jeder Student besuchen müsse, zog aber die Unterschrift seines Namens, welche er unter eine zu diesem Zwecke abgefaßte Bittschrift gesetzt hatte, wieder zurück, als man den Besuch der fraglichen Vorlesungen in das Belieben jedes einzelnen Studenten setzen wollte.

Begreiflicherweise aber war und blieb seine ganze, volle Teilnahme nach wie vor der Sklavensache zugewendet. Wenn es sich um diese handelte, ließ er sich sogar bewegen, in öffentlichen Versammlungen den Vorsitz zu führen, was er sonst überall ablehnte. Nur wollte er nichts von »Frauen-Vereinen« zur Unterdrückung der Sklaverei hören, wie man sie jetzt von verschiedenen Seiten her ins Leben zu rufen suchte. Sein klares, nüchternes Urteil entschied sich dafür, daß es der Frau zwar wohl anstehe, wenn sie im stillen für die gute Sache wirke, »aber«, so sagte er, »wenn Frauen öffentliche Versammlungen veranstalten, Schriften veröffentlichen, von Haus zu Haus gehen, um Bittschriften zustande zu bringen, so sind das Beschäftigungen, die mir unpassend erscheinen für den weiblichen Charakter, wie er uns in der heiligen Schrift gezeichnet worden ist.«