Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839)
v. Kamptz hat bei Übernahme des Ministerium teils öffentlich, teils
privatim erklärt, daß er Alles, was in seiner Macht stände, anwenden würde, um die französische Gesetzgebung abzuschaffen; er wolle sie, was er auch völlig erfüllt hat, so durchführen, daß sie in ihrer Konsequenz gestört werde und somit von selbst fallen müsse. Darauf hat er in zwei Jahren eine Rundreise in der Provinz gemacht und nun mit einem Male die entgegengesetzte Sprache geführt, sich auf das Lebendigste für die Erhaltung der französischen Gesetzgebung ausgesprochen und seine ~bonnes offices~ zu diesem Zwecke versichert. Kaum von dieser Rundreise zurückgekehrt, hat er sich wieder ganz in der früheren Art ausgesprochen und in Privatbriefen vernehmen lassen und wieder in der früheren Richtung verfahren. Es bedarf wohl gar keines Kommentars, um die Mißstimmung aller Klassen der Bevölkerung, aber namentlich des Beamtenstandes und der gebildeten Mittelklasse zu erklären, wenn man einen so hochgestellten Staatsmann so veränderlich in seinen Ansichten erblickt, von dem das Wohl und Wehe der Bevölkerung abhängen soll. Hierzu gesellt sich nun aber noch eine Schwäche in der Behandlung der Personal-Verhältnisse, welche noch weniger dem Ministerium Kamptz Achtung erwerben kann. Er steht mit vielen Justizbeamten in Correspondenz, die ihm so zu sagen den Hof machen; die Personen begünstigt er bei Anstellungen und Beförderungen, wobei die ärgsten Mißgriffe vorgekommen sein sollen. Außerdem hat er das ihm in einzelnen Fällen von Ihnen delegierte Begnadigungsrecht in einem Maaße mißbraucht und ausgedehnt, daß es fast sprichwörtlich am Rhein geworden ist, wenn ein Verbrecher nach der Strenge der Gesetze verurteilt wird, derselbe gar bald zum Nachteil der Mitmenschen von Herrn v. Kamptz begnadigt werden würde.
Wenn derselbe somit also alle Achtung, alles Vertrauen und Ansehen verloren hat, so ist es nur zu erklärlich, wie sich gegen denselben nur +eine+ Stimme in dieser Beziehung erhoben hat, ja wie leider sich in den Reihen der Justizbeamten eine Opposition gegen ihren Minister erhebt, die an und für sich gewiß sehr sträflich, aber wahrlich nicht zu verwundern ist.
Wenn alle diese Ansichten und Mitteilungen einzeln nur mir zu Ohren gekommen wären, so würde ich noch kein großes Gewicht darauf gelegt haben; aber ich kann versichern, daß meine Umgebung auf der Reise mir fast täglich aus jedem Nachtquartier dieselben Mitteilungen zu machen hatte, sodaß es unter uns fast schon zur täglichen Begrüßung gehörte, was man Neues über Herrn v. Kamptz vernommen habe. Somit ist die Stimmung gegen denselben also als eine ganz allgemein mauvaise nur anzusehen. Sie ist aber um so übler, als die Justiz doch diejenige Partei ist, welche Jedermann einleuchtend ist und die am allermeisten besprochen wird. Eine so begründete Mißstimmung aber über diese Branche bestehen zu lassen, während noch so viele andere Gründe zur Aufregung in jener Provinz vorhanden sind in diesem Augenblick, scheint einer großen Aufmerksamkeit wert. Und da die Abhülfe für den gegebenen Fall rasch gefunden ist, und mit Schonung für die Person eintreten kann, die Ruhe, das Vertrauen der Provinz aber vor Allem jetzt erhalten werden muß, so habe ich keinen Anstand nehmen dürfen, mich hier offen auszusprechen.
Ich hoffe von Ihnen nicht mißverstanden zu werden bei diesem Schritt; es ist der erste der Art, den ich tue, wohl wissend, daß mir für gewöhnlich die Einmischung in solche Verhältnisse nicht zusteht. Aber meine Stellung im Laufe dieses Jahres zur Rhein-Provinz, die Dringlichkeit des questionierten Verhältnisses, das mir nur zu klar geworden ist, ließen mich zum Besten Ihres Dienstes und des Landes diese Zeilen aufsetzen.
Was nun noch die französische Gesetzgebung an und für sich anbetrifft, so gehöre ich zwar zu denen, die sie so früh wie möglich abgeschafft zu sehen wünschen. Indessen, da man dieselbe nun 25 Jahre in Kraft gelassen hat, so scheint es mir nicht möglich, sie anders als bei Erscheinen der umgearbeiteten allgemeinen Gesetzgebung aufheben zu können, ohne die Stimmung am Rhein jetzt zu irritieren. Die Provinz hierüber zu beruhigen, dürfte sehr wichtig sein; bis zum Erscheinen jener revidierten Gesetzgebung aber ist gewiß es von Wichtigkeit, daß die französischen Gesetze in’s Deutsche übersetzt werden und als rheinisches Recht in Kraft bleiben. Diese Arbeit in Jahresfrist vollenden zu können, wird allgemein versichert.
Wenn der Minister v. Kamptz die Revision der Gesetzgebung vorläufig noch behält, so wird ihm die Entbindung vom Rheinischen Ministerium weniger empfindlich sein. Dasselbe soll, allen gehörten Ansichten nach, am besten wieder mit dem Justizministerium zu verbinden sein, wo es ein Departement bilden würde, an dessen Spitze zu stellen allgemein der Regierungspräsident Reppenthal zu Köln als der Fähigste zu diesem Posten bezeichnet wird. Ihre Entschuldigung über den gewagten Schritt mir untertänigst erbittend, verbleibe ich
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Berlin, den 3. December 1838, ½12 Nachts.
Gott hat unsere Wünsche und Hoffnungen auf das gnädigste in Erfüllung gehen lassen. Zehn Minuten vor 11 Uhr ist Augusta sehr rasch und glücklich von einer Tochter[97] entbunden worden. Nicht genug können wir Gott danken für die so leichte und rasche Entbindung. Welch’ ein Kontrast mit vor 7 Jahren. Gestern Mittag empfand Augusta einige Anzeichen, daß es recht bald zur Entbindung kommen würde. Da es heute ganz so wie gestern blieb, so fuhr sie um 2 Uhr spazieren. Um 5 empfand sie etwas mehr Schmerzen; die Hebamme erklärte aber, daß bis Morgen Mittag an nichts zu denken sei. Um ½8 wurden die Schmerzen heftiger und häufiger und um 9 erklärte die Hebamme, daß die Geburt in ganz Kurzem bevorstände. Trotz der langen Erwartung waren wir auf diese Schnelle nicht gefaßt, sodaß Alles über Hals und Kopf arrangiert ward. Augusta ging ins Bett um ½10 und um 11 Uhr weniger 10 Minuten war sie entbunden ohne alle künstlichen Mittel, bloß durch die Hebamme im Beisein von ~Dr.~ Hack.
Augusta hat im Ganzen eigentlich wenig gelitten, was schon in der kurzen Dauer der Wehen begründet ist. Dennoch war sie sehr erschöpft und mehreren Ohnmachten nahe. Nach ¼stündigem Schlaf kam sie ganz zu sich und fühlt sich wohl.
Mademoiselle ist sehr blühend und stark zur Welt gekommen und hat gewaltig geschrien, bis der unersättliche Durst gestillt ward.
Gott gebe, daß Mutter und Tochter ferner sich Seines Segens zu erfreuen haben.
Ihr sehr glücklicher Sohn
Wilhelm.
Berlin, den 18. Juni 1839.
Soeben war der Fürst Wittgenstein bei mir, um mir Ihre gnädigen Bestimmungen wegen der Geldangelegenheiten bei meiner bevorstehenden Badereise anzuzeigen sowie das Geschenk eines Landaulet-Reise-Wagens, welchen die Ärzte für wünschenswert halten.
Kaum weiß ich Worte zu finden, um Ihnen meinen tiefgefühlten Dank für diese Beweise Ihrer unendlichen Gnade, Liebe und Fürsorge auszusprechen. Es sind Beweise, die mir so tief ins Herz gehen, daß ich kaum Herr meiner Thränen bin, wenn ich die Bedeutung dieser Gnaden mir klar mache.
Möge der Himmel mir die verlorene Gesundheit wiederschenken und es mir dann vergönnt sein, mit neuer Kraft mich Ihrem Dienst zu weihen und damit die kindliche Dankbarkeit abzutragen, zu der ich immer, aber heute mehr wie je, verpflichtet bin.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Berlin, den 15. Juni 1839.
Bei der unendlich gnädigen Art, mit welcher Sie für meine diesmalige Badereise gesorgt haben, wird es mir schwer, mit folgendem Vortrage Sie anzugehen und ich muß es, weil der ~Dr.~ Kuntzmann mir wiederholt es zur Pflicht gemacht hat. Es ist auch nicht für mich, sondern für Augusta, daß ich sprechen muß. Sie leidet seit ihrem letzten Wochenbett wieder so bedeutend an Dérangement des Unterleibes, daß ihr der Gebrauch Marienbads unerläßlich geworden ist und zwar an der Quelle, indem der Gebrauch dieses Brunnens hier schon fast gar keine Wirkung mehr tut. Der Grund, warum ich so spät mit diesem Vortrag komme, liegt in dem Kampf, den ich mit Augusta und ihrem Arzt gehabt habe, indem Letzterer auf die Badereise bestand, Erstere jedoch aus Discretion gegen Sie wegen der zu erbittenden Reisemittel durchaus sich sträubte auf den Plan einzugehen. Wenn ich nun diese Discretion doppelt in diesem Jahre teilen müßte, so gebietet es mir doch auf der anderen Seite die Pflicht für Augustas Gesundheit, Ihre Erlaubnis zu dieser Badereise nachzusuchen und um die nötigen Reisemittel zu bitten.
Der Schein einer Vergnügungsreise dürfte doch wohl auf diese Reise nicht zu werfen sein, weil, als solche betrachtet, wohl nichts natürlicher gewesen wäre, als daß Augusta mich nach meiner schweren Krankheit nach Ems begleitet hätte, was für sie und mich eine Beruhigung gewesen wäre. Aber aus obiger Diskretion haben wir diesem Wunsch nicht nachgegeben und als Ihre gnädige Bestimmung über die pecuniären Verhältnisse meiner Reise mir bekannt wurden, war nun schon des ~Dr.~ Kuntzmann dringende Bitte wegen Marienbad geschehen, sodaß nun eine nachträgliche Bitte um Augustas Mitreise nach Ems auch nicht mehr zulässig war.
Im Falle Ihrer Genehmigung wird Augusta jedenfalls ihre Reise nicht vor Mitte Juli antreten, um zu Ihrer Disposition bis zu Ihrer Abreise nach Teplitz zu bleiben und würde ich sie dann auf meiner Rückreise in Marienbad abholen können.
Durch Fürst Wittgenstein darf Augusta Ihrer gnädigen Entschließung wohl entgegen sehen.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Die Schweizer Reise.
Frankfurt a. M., den 3. August 1839.
Wieder zur Feder muß ich greifen, und dieses Jahr aus großer Entfernung, um Ihnen am heutigen teueren Tage[98] meine ebenso untertänigen wie herzlichsten und kindlichsten Wünsche für Ihr Heil und Wohl darzubringen. Möge Gottes Segen ferner wie bisher auf Ihnen ruhen und die Genugtuung für Ihren erhabenen und schweren Beruf auch ferner wie bisher Ihnen werden, im Hinblick auf die Segnungen, welche Sie verbreiten. Möge es mir gelingen, mir Ihre Gnade zu erhalten und Ihre väterliche Liebe, die sich in der neuesten Zeit so unendlich gnädig gegen mich aussprach und mich zu tief gerührtem Dank verpflichtet, zu verdienen. Meine Leistungen dereinst sollen Zeugnis von diesem meinem Danke und von meinem Willen geben.
Am 28. Nachmittags habe ich Ems[99] verlassen mit den Gefühlen der Dankbarkeit gegen die Vorsehung, die mir dort die Grundlage zur völligen Wiederherstellung gewährt zu haben scheint...
Bei meiner Ankunft hier empfing ich den Brief von Oberst v. Lindheim vom 23. Juli, den er mir in Ihrem Auftrage schrieb und also 8 Tage brauchte, um mich zu erreichen. Von Ihrer gnädigen Fürsorge für meine Gesundheit und der dieserhalb aufgestellten Bedenken gegen einen Aufenthalt in Baden-Baden bin ich tief durchdrungen... Die lebendigere Lebensweise in Baden-Baden mitzumachen oder nicht, hängt von meinem Befinden ab und dürfte ich wohl kein großes Behagen an der französischen Welt haben, welche dort +leider+ die Hauptgesellschaft bilden soll und der ich mich wohl nicht anschließen werde und mit dem Vorschützen meiner Gesundheit genug Veranlassung habe, mich zurückzuhalten, ohne anzustoßen...
Das Resumé dürfte also sein, daß die gehegten Bedenken gegen einen Aufenthalt in Baden-Baden verschwinden dürften, teils weil meine Gesundheit so fortgeschritten ist, daß ich Manches schon zu ertragen vermag, woran freilich bei meiner Abreise von Berlin nicht zu glauben war, teils aber die Lebensweise ganz in meiner Hand liegt. Wenn ich demnach also den 6. in Baden-Baden einzutreffen gedenke, so kann ich es nicht unterlassen, Ihnen nochmals für Ihre gnädigen Bedenken für meine Gesundheit meinen tiefgefühltesten Dank abzustatten. Diese Ihre väterliche Fürsorge geht noch deutlicher aus dem Opfer hervor, welches Sie mir im Briefe des Obersten Lindheim zu bringen befehlen. Das Aufgeben der Beiwohnung der Herbstmanöver ist ein schwerer, schwerer Entschluß. Alles hatte ich getan, um dieses Opfer nicht nötig zu haben zu bringen. Freilich muß ich es selbst eingestehen, daß Vorfälle eintreten könnten, die mir nachteilig werden dürften bei den Manövern und daß es vorsichtiger ist, wenn ich Ihrer gnädigen Anweisung Gehör gebe... Somit werde ich also verzichten müssen auf das, worauf ich mich so sehr gefreut hatte und namentlich auf ein Lager bei Potsdam, was ich selbst in diesem Jahre vorschlagen wollte. Dazu kommt noch, daß ich alle Läger bei Potsdam bisher versäumte; 1828 war ich in Wien, 1830 nach der Juli-Empörung befahlen Sie mir, die Revue über die vierte Armee-Abteilung abzunehmen. Auch die 6. Division wieder zu sehen, würde mir so große Freude gemacht haben. Doch der Vernunft werde ich wohl Gehör geben müssen. Wenn ich also dies große Opfer bringe, so darf ich dagegen mir eine Gnade ausbitten, die darin besteht, daß Sie mir gestatten, Augusta nach ihrer beendigten Kur nach Karlsruhe kommen zu lassen, um die fünf Wochen, welche ich nach Schluß meiner Kur bis zur Rückkehr nach Berlin (22. August bis Ende September) übrig habe, mit ihr zuzubringen und eine kleine Reise nach der Schweiz, vielleicht bis an die italienischen Seen, zu unternehmen. Diese Zerstreuung würde, mit der Freude, Augusta die herrlichen Gegenden sehen zu lassen, mich einigermaßen über das, was ich in der Heimat aufgeben muß, hinwegführen, ohne in eine Art Hypochondrie zu verfallen, was sonst möglich wäre, wenn ich tagtäglich, wenn auch entfernt, aber doch unbeschäftigt, nach Potsdam denken müßte...
Baden-Baden, den 20. August 1839.
.... Gestern Abend 7 Uhr ist Augusta glücklich hier angekommen. Sie können sich leicht unsere Freude denken. Denn unser Abschied war sehr, sehr schwer; ich ging selbst sehr besorgt um meine Gesundheit ab und Augusta war es wohl noch mehr als ich. Nun fand sie mich so ganz hergestellt und gesund aussehend, wie sie es selbst versichert es nicht erwartet zu haben. Dieser ihr Ausspruch wird hoffentlich auch Ihnen beweisen, daß meine früheren Darstellungen über meinen Zustand nur die Wahrheit enthielten und ich gewiß somit am besten alle Gerüchte widerlege, die man über Unvorsichtigkeit usw. meinerseits verbreitet hatte...
Baden-Baden, den 23. August 1839.
Nach Augustens Ankunft am 21. haben wir täglich Excursionen in der schönen Umgegend gemacht und wurden stets vom Wetter begünstigt. Gestern hatten wir einen Regentag und auch gestern noch kühles Wetter. Morgen werden wir der Großherzogin Sophie unsern Besuch in Karlsruhe machen; es ist gerade der Geburtstag des abwesenden Großherzogs. Am 30. gehen wir nach Freiburg,
den 1. nach Zürich, den 2. nach Luzern, den 3. auf den Righi, den 4. nach Wasen im Reußtal, } d. h. bei schönem Wetter, den 5. über die Furka nach der Grimsel, } sonst zurück nach den 6. nach Meyringen, } Luzern und so nach den 7. nach Grindelwald, } Thun usw. bis zum 8. den 8. nach Lauterbrunn und Interlaken, } den 9. nach Bern, den 10. nach Neuchatel, den 11. daselbst, den 12. nach Lausanne, den 13. nach Chamouny, den 14. nach Martigny, den 15. nach Brieg, den 16. über den Simplon, den 17. auf den Lago maggiore und nach Mailand, den 18. nach Como, den 19. am Comer See, den 20. über den Splügen, den 21. den halben Weg nach Insbruck, den 22. nach Insbruck, den 23. nach St. Johann, den 24. nach Salzburg, den 25. nach Vels, den 26. nach Budweis, den 27. nach Prag, den 28. nach Dresden, den 29. nach Berlin.
Sollten die Witterungs- oder die Gesundheitsverhältnisse eine Änderung herbeiführen, so würden wir namentlich die kleineren Excursionen in den kleinen Cantons unterlassen und dann um so viel früher den Simplon überschreiten. Da ich Mailand zu besuchen nicht in meinem Briefe aus Frankfurt a. M. vom 3. August erwähnte, so werde ich, da Sie auf diesen Brief Augustas Weiterreise gestatteten, die zwei Reisetage nach Mailand mehr nicht zur Liquidation bringen, um Ihre Gnade nicht zu mißbrauchen.
Nach diesem Plan hoffen wir also zu Augustas Geburtstag zurück zu sein; aber freilich mit Gewißheit läßt es sich nicht vorhersagen, ob nicht ein paar Tage manquieren könnten.
Es wird mir heute aus Berlin geschrieben, daß Sie noch nicht bestimmt hätten, wer die Manöver bei Potsdam commandieren wird, was mich ordentlich tourmentiert. Auch soll ja im Lehrbataillon und der Spandauer Garnison eine ungewöhnliche Krankenzahl einreißen; wenn nur nicht wieder die Cholera kommt, die schon in Schlesien sich zeigen soll. Dies Alles geht mir so im Kopfe herum, daß mir meine Abwesenheit immer schwerer wird, da gerade unter solchen Verhältnissen so Vieles anzuordnen sein würde, was Fürsorge erheischt.
Ich fühle jetzt fast zum ersten Male in meinem Leben, wie ohne Gesundheit Alles zerstört ist und man zu nichts taugt. Gott sei Dank, daß ich sagen kann, daß ich völlig hergestellt bin, was ich seit kurzem auch daran bemerke, daß ich unwillkürlich einen raschen Schritt wieder angenommen habe, den ich lange vermißt. Nächst Gottes gnädigem Beistande verdanke ich Ihrer Gnade zu meiner Wiederherstellung so viel, da Sie mir so Alles bewilligten, was zu meiner Beruhigung gereichte. Aber meinen Arzt, den ~Dr.~ Großheim, muß ich speciell Ihrer Gnade empfehlen, dem ich unendlich viel verdanke und der stets Ansprüche auf meine vollkommenste Anerkennung haben wird.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Karlsruhe, den 30. August 1839.
.... Gleich nach meiner Ankunft hier besichtigte ich mit dem General Lassolaye die von ihm vervollkommneten Geschütz-Lafetten, deren Konstruktion Ihnen eingeschickt worden ist. Die Sache erscheint ungemein praktisch für die Leichtigkeit und Gelenkigkeit, ohne Verminderung der Haltbarkeit. Ich bin aber nicht Techniker genug, um etwaige Übelstände zu ergründen; doch erscheint die Erfindung, die sich in den schlechtesten Gebirgswegen bewährt hat, jedenfalls beachtenswert...
Bern, den 12. September 1839.
Gestern bei meiner Ankunft hierselbst erhielt ich ein Schreiben des Fürsten Wittgenstein vom 29. v. M., in dem er mir in Ihrem Auftrage schreibt, daß Sie mir meine weitere Reise oder Rückkunft lediglich anheimstellen, indem Sie mich zwar vom Kommando der Manöver entbunden hätten, aber dies meine Rückkunft nicht ausgeschlossen habe. Welch’ einen Eindruck diese Ihre Ansicht auf mich gemacht hat, vermag ich nicht zu beschreiben. Keine Ahnung hatte ich von derselben. Ich bin drei Wochen ohne Antwort geblieben auf meine Anfrage, ob ich, da ich das schwere, schwere Opfer brächte, nicht zum Manöver zurückzukehren, mit Augusta diese Zeit in der Schweiz verreisen dürfte. Erst am 19. August erfuhr ich durch Luisens Brief an Augusta, daß Sie deren Reise zu mir und ihre fernere Reise mit mir genehmigt hätten. In Karlsruhe erhielt ich Ihren gnädigen Brief vom 20. August, worin Sie sogar eine Andeutung wegen einer Traubencur in Meran, also zum Oktober, machen; wie konnte ich nach diesem Allen annehmen, daß Sie meine Rückkehr zur Manöverzeit erwarten? Auch darf ich es frei gestehen, daß ich nicht es mir klar zu machen weiß, in welcher Art sich meine Anwesenheit in Berlin und Potsdam nach Ihren Intentionen gestalten sollte, ob, wenn ich hergestellt, als Zuschauer bei einem Truppenkommando erscheinen sollte oder hätte kommandieren sollen, so lange es schön Wetter und nicht fatiguant war, oder ob ich als Reconvalescent hätte, wie im Frühjahr, zu Hause bleiben sollen?
Wäre mir Fürst Wittgensteins Brief 48 Stunden früher zugekommen, so wäre ich Tag und Nacht nach Berlin geeilt und hätte am 15. September mir Ihre Befehle selbst in dieser Beziehung erbeten; das ist nun unmöglich. Ja, wenn mir Ihre Intention nur in Baden bekannt geworden wäre, so hätte ich den ersten Plan meines Arztes, nach der Molkencur eine kleine Schweizertour bis zum Beginn der Manöver, selbst mit Augusta ausführen können. So aber ist Fürst Wittgensteins Brief an dem Tage, den 29. v. M., geschrieben, an welchem wir unsere Reise begannen und mir hier zugekommen, nachdem wir 14 Tage verreiset sind und zwar heute, wo das Lager bezogen wird. Den Brief des Oberst v. Lindheim vom 23. Juli aus Teplitz konnte ich aber auf keinerlei Art so auslegen, daß ich nach Berlin kommen sollte, ohne mein Kommando zu übernehmen. Und wenn ich dies hätte übersehen zu verstehen, so hätte ich wohl erwarten dürfen, daß mir mein Mißverstehen sogleich angedeutet worden wäre, als ich am 3. August Augustas Reise zu mir und mit mir während der Manöverzeit bei Ihnen beantragte. Dies Alles aber geschah nicht, sondern Ihre Genehmigung zur Schweizer Reise erfolgte ohne alle Restriction. Somit ich also in jeder Beziehung recht unglücklich bin. Denn ich sehe nun, daß ich gegen Ihren Willen abwesend vom Manöver bin und gegen Ihren Willen reise. Mir wollen Sie gnädigst dieses unglückliche Mißverständnis nicht aufbürden, und schicke ich dieserhalb dem Fürsten Wittgenstein heute die nötigen Briefe und Korrespondenzen zu. Unsere Reise ist über alle Begriffe vom Wetter begünstigt; die himmlischsten Sommertage begleiten uns fortwährend, so daß wir Alles im vollsten Maaße genießen und ich war bis heute vollkommen wohl.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Personenregister
Albrecht, Prinz von Preußen S. 64, 68.
Alexander I., russischer Kaiser S. 82.
Alexandrine, Prinzessin von Preußen, jüngere Schwester des Prinzen Wilhelm, Großherzogin von Mecklenburg S. 118.
Altenstein, K. v., preußischer Unterrichtsminister S. 97.
Auber, französischer Komponist, S. XIX.
Augusta, Prinzessin von Weimar S. 27f.
Bazaine, P.-D., französischer General in russischen Diensten S. 5.
Bernhard, Prinz von Weimar, niederländischer General S. 96.
Bernstorff, Chr. G. Graf v., preußischer Minister S. 10, 24/5.
Cecile, Prinzessin von Schweden S. 28f.
Charlotte, Prinzessin von Preußen, Schwester des Prinzen Wilhelm, Kaiserin von Rußland S. 3.
Constantin, älterer Bruder des russischen Kaisers Nikolaus I. S. 8, 51.
Curtius, Ernst, Erzieher des Prinzen Friedrich Wilhelm S. 130.
Elise, Prinzessin v. Radziwill S. 26.
Ferdinand, österreichischer Erzherzog, dann Kaiser S. 21.
Friedrich, Prinz der Niederlande, Vetter des Prinzen Wilhelm S. 78f.
Gesenius, Theologieprofessor in Halle S. 72.
Gerlach, L. v., Adjutant des Prinzen Wilhelm S. 73.
Gerlach, O. v., Geistlicher in Berlin S. 72.
Godet, Fr., Erzieher des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen S. 130f.
Goethe, W. v. S. 45.
Grollmann, Generalleutnant S. 113.
Gustav IV. Adolf von Schweden S. 21.
Hengstenberg, E. W., Theologieprofessor in Berlin S. 72.
Hufeland, Chr. W., Arzt S. 27, 29, 43.
Humboldt, Wilh. v. S. 45.
Kamptz, K. Chr. A. H. v., preußischer Justizminister S. 132f.
Karl II., Herzog von Braunschweig S. 96.
Karl X., König von Frankreich S. 74f., 111.
Karl, Prinz von Preußen S. 47/8, 50, 64, 66, 68.
Karl, Herzog von Mecklenburg, Stiefbruder der Königin Luise S. 99.
Lafayette S. 74, 77.
Langhans, K. F., Architekt S. 117.
Lieven, Chr., russischer Botschafter in London S. 8, 24.
Lottum, K. Fr. H. v., preußischer Staatsmann S. 66, 101.
Louis Philippe, Herzog von Orleans, später der „Bürgerkönig“ S. 74f.
Luise, Königin von Preußen S. 50, 58.
Luise, Prinzessin von Preußen, später Großherzogin von Baden S. 135.
Luise, Großherzogin von Weimar S. 47.
Maria Feodorowna, Kaiserin-Mutter von Rußland S. 3, 27, 37, 49, 50, 51, 54.
Maria Feodorowna, Großherzogin von Weimar S. 37, 46f.
Maria, Prinzessin von Weimar S. 47, 48, 50.
Marmont, französischer Marschall S. 74-76.
Metternich, Fürst, Leiter der österreichischen Politik S. 56, 118.
Don Miguel, König von Portugal S. 36, 87.
Miltiz, v., preußischer Gesandter in Konstantinopel S. 10.
Motz, Fr. Chr. Ad. v., preußischer Finanzminister S. 16.
Natzmer, O. v., preußischer General S. 129.
Neander, Aug., Theologieprofessor in Berlin S. 130.
Nicolaus I., Kaiser von Rußland S. 3f.
Ottenfels, v., österreichischer Gesandter in Konstantinopel S. 3, 18, 21.
Paskewitsch, russischer General S. 2, 17-18.
Polignac, J. de, französischer Minister S. 74, 76.
Schinkel, K. Fr., Architekt S. 64, 66/7, 115, 117.
Schöler, F. v., preußischer Diplomat in Petersburg S. 3f.
Schuckmann, K. Fr. v., preußischer Minister S. 66, 68.
Schweizer, Chr. W., weimarischer Staatsmann S. 62.
Stägemann, Fr. Aug., preußischer Staatsmann S. 76.
Tatischtschew, russischer Botschafter in Wien S. 5f., 41.
Wegscheider, Professor in Halle S. 72.
Wellington, Herzog v., britischer Feldherr und Staatsmann S. 9, 15, 83, 85.
Wilhelm, Prinz Radziwill S. 107/8.
Wilhelm, Prinz zu Solms S. 105/6.
Wilhelm I., König der Niederlande S. 77.
Wilhelmine, Prinzessin von Preußen, Königin der Niederlande S. 65, 75.
Wittgenstein, Fürst, preußischer Hausminister S. 136, 143/44.
Witzleben, J. v., Generaladjutant Friedrich Wilhelms III. S. 8.
Faksimile des Briefes auf den Seiten 50-52
Fußnoten:
[1] Ein einziges Mal fällt in diesen Briefen ein Wort über ein Ereignis des Theaters... aus dem Neuen Palais schreibt der Prinz am 19. Juli 1835 an seinen Vater: Vor einigen Tagen haben wir die erste Aufführung des ~Cheval de bronze~ gesehen. Das Ganze ist sehr schön ausstaffiert; das Sujet etwas matt mitunter und die Musik bei weitem nicht so in die Ohren fallend, wie Aubers frühere Opern, obgleich mehrere sehr hübsche Stellen vorkommen; der erste Akt läßt einen vorzüglich sehr ruhig.
[2] Festschrift der Kaiser Wilhelm-Gesellschaft, 1921, S. 261.
[3] Vgl. S. 34.
[4] Friedrich v. Schöler (1772/1840), der von 1807 bis 1834 als ausgezeichneter und in schwierigen Situationen bewährter Diplomat bei der preußischen Gesandtschaft in Petersburg tätig war, ehe er in gleicher Eigenschaft an den Frankfurter Bundestag übersiedelte, hat in seinen regelmäßigen Berichten an Friedrich Wilhelm III., die für einen Teil dieser Veröffentlichung trotz ihrer Verwertung in Th. Schiemanns Geschichte Rußlands noch manch’ wertvollen Beitrag liefern, sofort von der Anwesenheit des Prinzen Wilhelm in der russischen Hauptstadt Notiz genommen: „Seine Kgl. Hoheit ist im Winterpalais abgestiegen, in einem neuen Appartement, den Zimmern Ihrer Majestät der regierenden Kaiserin so nahe als möglich; die Wohnung Sr. Majestät des Kaisers liegt ebenfalls in diesem Teil des Schlosses; Seine Kgl. Hoheit waren daher so zu sagen im Augenblick des Eintretens von den Armen der ganzen kaiserlichen Familie auf das liebevollste und herzlichste umfangen.“ (Schöler an den König, 21. 12./2. 1. 1827/8) -- Prinz Wilhelm selbst berichtet über Schwester und Schwager: „Nicolas ist unbegreiflich stark geworden, so, daß er von hinten dem seligen Kaiser erinnert; dabei ist er auch im Gesicht viel wohler und stärker als vorig(es) Jahr, sodaß dieses Kaiser-Paar seines Gleichen suchen kann.“
[5] „Am 8. December verließen die Botschafter von England, Sir Stratfort Canning, und Frankreich, General Graf Guilleminot, und am 16. December auch der russische Gesandte, v. Ribeaupierre, Konstantinopel, um sich über Smyrna nach dem Occident zu begeben. Fast gleichzeitig traf von Wien die Nachricht ein, daß Metternich, offenbar im Gefühl der Unmöglichkeit, unter den obwaltenden Umständen der Stimme der Billigkeit und Mäßigung Gehör zu verschaffen, die ihm übertragene Vermittlung ablehne. Der österreichische Internuntius Baron v. Ottenfels -- von den Vertretern der Großmächte der einzige, der bis dahin in einiger Verbindung mit den türkischen Ministern geblieben war -- verlor damit ebenfalls alles Vertrauen, und die Pforte stand ohne jeglichen diplomatischen Rat da.“ (G. Rosen, Geschichte der Türkei, 1826 bis 1856, Erster Teil, 1866, S. 55.) Dazu die Bemerkung des Prinzen Wilhelm, St. Petersburg, 23. Dec./4. Jan. 1827/8: .... Vor drei Tagen erhielt der Kaiser die Nachricht, daß Ribeaupierre nicht nach Odessa, sondern widriger Winde halber nach Triest hat gehen müssen, ein Zufall, der dem Kaiser sehr lieb ist, indem er sagte: der Himmel habe die Instruktion ihm zukommen lassen, die er vergessen habe, ihm nach Konstantinopel zu senden. Ribeaupierre erhält Befehl, in Triest zu bleiben und sich womöglich mit seinen zwei Kollegen fortwährend in Kommunikation zu erhalten.
[6] Auf einen nicht erhaltenen Brief vom 4./16. Januar 1828 bezieht sich folgender Satz aus einem Schreiben Friedrich Wilhelms III. an seinen Sohn aus Berlin, den 18./30. des genannten Monats:.... Der Bericht hatte für mich das bedeutendste Interesse, da ich aus ihm besser als auf irgend eine Weise die Art ersah, wie man oder besser gesagt, wie der Kaiser seine Lage und die Lage der Dinge im Orient überhaupt in Beziehung auf die griechische Angelegenheit beurteilt. Du hast in diesem Berichte auf’s Neue zu beweisen, mit welcher Aufmerksamkeit und Auffassungsgabe Du einem so wichtigen Gegenstand zu folgen weißt und freut es mich, Dir darüber meine Zufriedenheit ausdrücken zu können....
[7] „Der erste Grund an der Verzögerung, welche die Ausführung des Friedensbeschlusses erleidet, bleibt immer die Liebe des Schahs zu seinen Schätzen. Er soll sich nicht entschließen können mehr als 100000 Kruß, die ungefähr zweimal so viel Silberrubel wert sein mögen, in einem Tage auszugeben. Da nun Sr. Majestät genötigt ist, sich von dem Werte von 5 Millionen Kruß oder 40 Millionen Rubel Banco-Assignationen zu trennen, so würde die Auszahlung jedenfalls etwas lange dauern, wenn General Paskewitsch nicht die Mittel hätte, einige Beschleunigung in dieselbe zu bringen. Indeß soll die Fortschaffung dieses baren Geldes von Teheran bis Tawris nicht unbedeutende Schwierigkeiten haben, unter welchen die Neigung des früheren Besitzers desselben, bei dieser Gelegenheit wieder zu dem ihrigen zu gelangen, vielleicht nicht die kleinste sein dürfte.“ (Schöler, 25. Jan./6. Febr. 1823.)
[8] Der russische Gesandte in Paris.
[9] Das ausgesprochen reaktionäre Ministerium Villèle war Anfang Januar 1823 durch den gemäßigten Royalisten Martignac ersetzt worden, der eine freiheitlichere innere Entwicklung anstrebte.
[10] „Prinz Wilhelm hat aus Petersburg an den Major v. Wilisen geschrieben, der Kaiser Nikolaus werde in keinem Falle von seinem bisherigen Gange hinsichtlich der Türken nachlassen; der Krieg sei unvermeidlich, wenn die Türken nicht nachgeben. Er ist sehr gegen Österreich, dessen Schuld es sei, daß man nicht längst aufs Reine gekommen sei und dem allein alles bevorstehende Blutvergießen zur Last falle. Mit dem jetzigen französischen Ministerium ist man in Petersburg sehr zufrieden, nennt es das ~ministère des braves gens~ und lacht über den Grafen Pozzo di Borgo, der da meint, es könne und dürfe keinen Bestand haben.“ (Varnhagen v. Ense in seinen „Blättern aus der Preußischen Geschichte“, am 5. Januar 1828.)
[11] Der „Kaiserliche IngenieurGeneral“ Pierre-Dominique Bazaine (1783/1838) war durch Napoleons Vermittlung seinerzeit in russische Dienste getreten und galt als ein ausgezeichneter Fachmann.
[12] Russischer Botschafter in Wien.
[13] Die allgemeine politische Situation war in diesen Tagen völlig ungeklärt: „Österreich hat gegen die drei Mächte, welche den Londoner Vertrag unterzeichnet haben, eine ziemlich dreiste Sprache angenommen; das Verhältnis beider Kaiserhöfe zu einander ist sehr gereizt und gerade das beunruhigt den König“, notierte Varnhagen von Ense in seinen Blättern aus der preußischen Geschichte am 5. Januar 1828. Auch Schölers Berichte wissen davon zu melden: „Die Meinung, daß Rußland den Krieg mit der Pforte wünsche, oder die Meinung, daß es diesen Krieg scheue, sind beide gleich große, aber häufig, bald hier, bald dort genährte Irrtümer, die wesentlich dazu beigetragen haben, die gegenwärtige Verwicklung der griechischen Pacificationsangelegenheiten herbeizuführen.“ (Schöler am 24. 12./5. 1. 1827/8); „Österreich verfolgt ganz unbegreiflicher Weise den höchst bedenklichen Zweck, die Übereinstimmung der verbündeten Mächte so viel als möglich zu hindern“ (Schöler am 28. 12./9. 1. 1827/8), und Friedrich Wilhelm III. schreibt aus Berlin seinem Sohn am 5./17. Februar 1828:.... besonders haben mir die politischen Neuigkeiten, die Angelegenheiten Rußlands in Beziehung auf Österreich betreffend, angenehm sein müssen, da sich ziemlich bestimmt daraus ergiebt, daß letzteres Kabinett sich in einem wünschenswerteren Sinn als seither ausspricht. Im übrigen befinden wir uns noch immerfort in einer gewissen Krisis in Betreff der orientalischen Angelegenheit, da sich England seit dem Ministeriumwechsel noch immer nicht recht über seine eigentlichen Absichten darüber erklärt hat....
[14] Der ältere Bruder des Kaisers Nicolaus lebte in Warschau, nachdem er im Dezember 1825 im „Großmutsstreit“ auf die Krone verzichtet hatte.
[15] „Das alberne Gerücht, daß im Falle eines Türkenkrieges preußische Truppen das Königreich Polen besetzen und verwahren werden, ist überall verbreitet und wird gar sehr geglaubt.“ (Varnhagen von Ense, Blätter aus der Preußischen Geschichte, Eintragung vom 5. Januar 1828.)
[16] Job v. Witzleben (1783/1837, seit 1834 preußischer Kriegsminister) war Generaladjutant des Königs, „zwanzig Jahre lang der mächtigste Untertan im Staate“ und, wie Friedrich Wilhelm III. sagte, „mein Freund und Mitarbeiter an den großen Plänen zur Beglückung des Volkes“.
[17] Christoph Lieven (1774/1839), der russische Botschafter in London.
[18] „Erwägt man, daß der Kaiser vor einiger Zeit noch gegen den Prinzen Wilhelm des Umstandes gedachte, daß die vielen inneren Geschäfte die neuen englischen Minister hindern würden, sogleich die auswärtigen in Erwägung zu ziehen, dagegen aber jetzt, und seit kurzem erst mit besonderer Bestimmtheit von dem Termine des Einrückens in die Fürstentümer spricht, so hat man die Erklärung dieser Verschiedenheit in den Äußerungen des Monarchen“ -- eine widersinnige, zwecklose Phrase in der Eröffnungsrede des englischen Parlamentes, die man der Eitelkeit des Herzogs Wellington und dem Einflusse des Fürsten Esterhazy, des österreichischen Gesandten, zuschreibt, hat die Empfindlichkeit des Kaisers sehr erregt --; „es bleibt nur zu wünschen, das die Vorliebe des -- englischen -- Königs für den österreichischen Botschafter und die eigne Verfeindung mit dem russischen den nunmehrigen Premierminister von England zu keiner falschen Maßregel verleite.“ (Schöler, 9./21. Februar 1828.)
[19] Der Sieger von Waterloo, Wellington, (1769/1852) übernahm Mitte Januar 1828 die Leitung des englischen Ministeriums.
[20] „Alles, was von dem Ministerio unter Herzog Wellington zu erwarten ist, wird demnach wirklich auch nicht weiter gehen, als bisher, nämlich den Ereignissen sich nach wie vor hingebend wird das Ministerium ebenso als die beiden letzteren nur den Vorwurf, daß man den Bedingungen des Tractates nicht nachgekommen sei, möglichst zu vermeiden und dadurch den Kaiser Nicolaus abzuhalten suchen, seinen eignen Weg zu gehen. Seinerseits hat dieser Monarch unterdeß einen Schritt getan, der keinen Zweifel übrig läßt, daß er selbst dem Erfinder des Protokolls vom 4. April wenigstens kein Übermaß von Neigung zur Erfüllung desselben in seiner erweiterten Gestalt zutraue, indem er sich bewogen gefühlt hat, persönlich an den Herzog von Wellington zu schreiben und demselben die besondere Berücksichtigung zu Gemüte zu führen, die Herzog Wellington -- mehr als jeder Andere -- der Erfüllung des Zweckes jenes Protokolls zu widmen verpflichtet sei. Die Antwort des Herzogs ist noch nicht erfolgt, indeß weiß man aus den neusten Berichten des Fürsten Lieven, daß das kaiserliche Schreiben seine Wirkung nicht verfehlt und die bestimmteste Zusage von Seiten des neuen Premierminister veranlaßt hat, die Stipulationen des Vertrages gewissenhaft zu erfüllen und Alles aufzubieten, die Zwecke desselben vollständig zu erreichen. Hiernach scheint denn wirklich jenes Schreiben zur glücklichen Stunde angekommen zu sein, da Fürst Lieven früher gemeldet hatte, daß ihm über die guten Dispositionen des Herzogs nur indirect Versicherungen gemacht worden wären.“ (Schöler, 28. Januar/9. Februar 1828.)
[21] Christian Günther Graf v. Bernstorff (1769/1835) war im April 1818 auf Hardenbergs Veranlassung aus dem dänischen in den preußischen Staatsdienst übergetreten und leitete damals die auswärtige Politik. „Wenn Bernstorff in den deutschen Angelegenheiten dem österreichischen Staatslenker einen allzu gefälligen Vortritt ließ, so lehnte er sich beim Eintritt der großen Ereignisse von weltgeschichtlicher Bedeutung bis zur Gefahr an Rußland; denn mit seiner Bezeichnung der Zumutungen Rußlands an die Pforte im Jahre 1828 als ‚gerechte Anforderungen‘, wobei er freilich wohl nur an die von der öffentlichen Meinung ersehnte Befreiung Griechenlands gedacht haben mochte, hätte er leicht einen Krieg wider Preußen hervorrufen können, in welchem die Westmächte sich mit Österreich zu seiner Vernichtung zusammen gefunden haben würden“ (Allg. Deutsche Biogr. Bd. 2, S. 498).
[22] Der preußische Gesandte in Konstantinopel.
[23] Dazu die ausführliche Äußerung Friedrich Wilhelms III. an seinen Sohn, Berlin, den 28. Februar/8. März 1828:.... mit einigem Befremden ersehe ich durch sie (d. i. Deine Briefe), daß man die politischen Verhältnisse Preußens aus einem Gesichtspunkte anzusehen fortfährt, den ich durchaus als unrichtig annehmen muß, ja, daß man Dich selbst fast dahin gebracht hat, diese Ansichten einigermaßen zu teilen. Allerdings haben sich seit Deiner Abreise von hier die orientalischen Angelegenheiten in einer für mich aber keineswegs unerwarteten Weise gestaltet. Die unsrigen sind jedoch dieselben geblieben und mußten auch ganz natürlich dieselben bleiben, wenn man nicht durchaus die Stellung Preußens verkennen will. ~Pour refraichir nos idées~, wie man zu sagen pflegt, habe ich den Grafen Bernstorff beauftragt, ein Mémoire für Dich anzufertigen, das ich Dir.... überschicken werde. Es enthält eine deutliche Übersicht über die jetzige Lage der Dinge, und die darin abgesprochenen Grundsätze sind vollkommen die meinigen. Ich überlasse Dir, davon beliebigen, aber vorsichtigen Gebrauch zu machen. Im allgemeinen ist die Lage Europas sehr bedenklich, zumal wenn Rußland mit den Ansichten Englands nicht einverstanden sein sollte und isoliert zu handeln entschlossen wäre, woraus unabsehbare Verwicklungen entstehen müßten, die höchst traurige Folgen haben müßten. Daß also unter solchen Umständen an eine tätige militärische Teilnahme unsererseits nicht gedacht werden kann, liegt klar zu Tage. Truppen zu haben, ist allerdings eine wesentliche Sache, allein blos um dies zu erlangen, macht man noch keinen Krieg nicht....
[24] Friedr. Christ. Ad. v. Motz (1775/1830) war von 1825 an preußischer Finanzminister, der für das Zustandekommen des deutschen Zollvereines von größtem Einfluß war.
[25] Wie verworren die politische Lage in dieser Zeit war, zeigt ein Satz aus einem gleichzeitigen, umfangreichen Berichte Schölers an den König vom 9./21. Februar 1828; die preußischen Gesandten „an den verbündeten Höfen“ hatten berichtet, „als ob man in Paris die Besetzung der Fürstentümer von Rußland nicht anders als unter Zustimmung der beiden anderen Mächte befahre, in London aber zu dieser Besetzung weder als isolierte russische Maßregel noch im Auftrage der Alliance seine Zustimmung zu geben gedenke. Rußland seinerseits hingegen erklärt, daß es fortwährend nur mit seinen Verbündeten in Übereinstimmung handeln werde.“
[26] „In der Tat, es dürfte schwer sein etwas zu erdenken, was mehr im Stande wäre, die Mäßigung des Kaisers Nicolaus zu Ende zu treiben und den Entschluß, allein gegen die Pforte loszubrechen, bei ihm zur Reife zu bringen als diese wiederholten Versuche Österreichs, die Alliierten von Rußland in einen Mittelweg zu ziehen, zu dem sie ohnehin mehr oder weniger geneigt sind, auf welchem aber die Herstellung des russischen Einflusses in Konstantinopel voraussichtlich in dem Maße nicht erreicht werden kann, in welchem er früher bestanden, Kaiser Nicolaus ihn durch die Konvention von Ackerman ihn wiederzugewinnen und nie mehr aufzugeben feierlich erklärt hat. Das berührt gerade die Stelle, die Österreichs Politik in der griechischen Angelegenheit wund gerieben und so empfindlich gemacht hat, daß jede Berührung höchst bedenklich wird; aber es ist zugleich der Punkt, über den die Täuschungen des Fürsten Metternich so lange angehalten haben, daß deren Übung unmöglich geworden scheint.“ (Schöler, 16./28. Februar 1828.)
[27] Türkische Bezeichnung für einen Erlaß des Sultans, der einen hochpolitischen Inhalt hat. Schöler bezeichnet den hier in Frage kommenden Hatischeriff (am 22. 2./5. 3. 1828) als „ein Denkmal muselmännischen Unsinns und tief eingewurzelten Hasses gegen Rußland und die ganze Christenheit, in welchem der Sultan unverhohlen ausspricht, daß die in Ackerman eingegangenen Bedingungen sämtlich zu erfüllen keineswegs seine Absicht sei und er, im Voraus überzeugt, daß der Säbel entscheiden müsse, nur gezögert habe, um Zeit zur hinreichenden Rüstung zu gewinnen.“
[28] Der König an seinen Sohn, Berlin, den 20. März 1828:.... Sehr wichtige Nachrichten gabst Du mir durch Deine Briefe. Der Persische Frieden ist unter ihnen die erfreulichste. Die orientalischen Angelegenheiten verwirren sich immer mehr, ein klares Bild sich jetzt von ihnen zu machen, ist unmöglich, die von mir von jeher vermutete Verschiedenheit der Ansichten und Interessen der größeren Mächte Europas fangen an, sich sehr deutlich zu zeigen, da England einen ganz neuen und ganz anderen Weg einzuschlagen auf dem Punkte steht, doch weiß ich darüber noch nichts ganz offizielles. Spränge es gänzlich ab, so wäre die Verwirrung unberechenbar....
[29] „Der am 3./15. März aus London in Petersburg eingetroffene Kurir überbrachte die Nachricht“, daß in der dortigen Ministerkonferenz die Abrede getroffen sei: noch einmal -- also trotz des Hattischerifs -- und zwar mit Zuziehung von Preußen und Österreich, Anträge in Konstantinopel zu machen. Dem gegenüber präzisierte Rußland seinen Standpunkt folgendermaßen: es fordert Genugtuung für die Verletzung seiner Traktate mit der Pforte und erklärt, selbige unverzüglich annehmen zu wollen, zugleich aber in Hinsicht der griechischen Angelegenheit den Vertrag vom 6. Juli zu befolgen. „Das gibt also eine Beratung, den Krieg zu vermeiden und den wirklichen Krieg daneben; wie lange wird hierbei das freundschaftliche Vernehmen unter den drei verbündeten Mächten bestehen können?“ (Schöler an den preußischen Minister des Auswärtigen, Graf Bernstorff, 3./15. März 1828.)
[30] Das Mémoire, in französischer Sprache -- also wohl auch für den Zaren bestimmt --, stellte in 28 Punkten die Lage dar. Vgl. dazu Anm. S. 11.
[31] Kaiser Nikolaus sagte auf der Parade zu Schöler am 3./20. März: „daß Preußen sich gegen die andern Mächte nach wie vor für Rußlands Recht erklärt, von einer tätigen Unterstützung ist nie die Rede gewesen“. Fast zur selben Zeit faßte der König in einem Brief an seinen Sohn (16./28. März 1828) die Lage dahin zusammen:.... Alles, was jetzt in der politischen Welt vorgeht, sind die Folgen des Protokolls und des trilateralen Vertrages; wollte man durch diese dahin kommen, wo wir gekommen sind, so ist der Zweck erreicht, denn daß das Resultat derselben das ergeben würde, was es ergeben hat, daran habe ich keinen Augenblick gezweifelt, daher ich auch die jetzige Lage der Dinge als etwas keineswegs unerwartetes betrachte. Wohin sie aber führen kann, ist nicht leicht vorauszusehen, denn daß der Trilateralvertrag ohne Krieg ein Unding war, war klar vorauszusehen. ~Et j’en reviens toujours à nos moutons~, das heißt auf die Grundsätze, die ich über diese Angelegenheit von Anfang an ausgesprochen habe, niemand aber wollte darauf hören. Nun ist die Verwirrung der Meinungen da; meine Schuld ist es nicht, denn ich habe zu Gunsten Rußlands bei Österreich und England zu wirken versucht, so viel ich vermochte ohne Unterlaß, allein umsonst. Österreich blieb wenigstens seiner Politik treu, aber was soll man von England denken? Wellington ist freilich nicht Canning und was dieser gebraut hat, will jener nicht ausbaden, weil, wie es klar genug war, Englands Interesse keinen verderblichen Krieg mit der Pforte haben will.... Schöler präzisierte Preußens Notwendigkeiten und Möglichkeiten sehr scharf: „Nun scheint aber Preußen mir die Macht zu sein, die diese Aufgabe, Europa vor einem allgemeinen Kriege zu bewahren, und damit zugleich die Frage lösen könne, welche Stellung sie in dem europäischen Staatenvereine einnähme und alle Verhältnisse scheinen mir dazu anzumahnen, gleichsam zu dem Entschlusse hinzudrängen, dieser Lösung uns zu unterziehen. Wenn Preußen, mit allen seinen bisherigen Erklärungen übereinstimmend, ernst und milde ausspricht, öffentlich ausspricht, daß es Rußlands volle Befugnis, ja selbst Verpflichtung, die Pforte zu Paaren zu treiben, anerkenne, und im eintretenden Falle nach dieser Überzeugung verfahren werde, dann werden England und Österreich sich gewiß nicht zu Schritten entschließen, zu denen sie ohnehin keine wahrhafte Verletzung eines wesentlichen Interesse auffordert. Eine solche Erklärung berechtigt aber vollkommen andererseits auch hinzuzufügen, daß selbige nur auf das Vertrauen in des Kaisers Mäßigung und festen Entschluß, sich keine anderweitigen Vorteile anzueignen, begründet sei, folglich auch nur mit diesem Vertrauen bestehen und gültig bleiben kann.“ (Schöler an Graf Bernstorff, 1/13. April 1828, dem Sinne nach identisch mit einem zwei Tage vorher an den König abgeschickten Bericht.)
[32] „~Supplément extraordinaire au Journal de St. Pétersburg. Nr. 36~“; es enthält in französischer Sprache die 16 Artikel des Friedensvertrages zwischen Rußland und Persien.
[33] Dom Pedro von Portugal hatte Anfang Mai 1826 auf die Krone verzichtet, übertrug sie auf seine siebenjährige Tochter Maria II. da Gloria und verlobte diese mit ihrem Oheim Miguel, den er im Juli des nächsten Jahres zum Regenten ernannte. Kaum war dieser jedoch im Februar 1828 in Lissabon angelangt, so hob er die Verfassung auf und ließ diesen Gewaltstreich durch die wieder einberufenen alten Landstände, die Cortes, gutheißen und sich am 30. Juni zum absoluten König ausrufen. Die hieraus entstehenden Wirren sind erst 1834 zu Ende gegangen.
[34] Am 14. April 1828 erließ Kaiser Nikolaus I. das Manifest, das die Kriegserklärung Rußlands an die Türkei enthielt.
[35] Die geplante Begegnung kam nicht zustande; am 21. April/3. Mai 1828 schrieb der Prinz seinem Vater aus Petersburg: Ein vor vier Tagen wieder eingetroffener Kurir aus Weimar brachte die Nachricht, daß die Großfürstin Marie dennoch kommt.... durch die so verspätete Reise der Großfürstin ist also auch mir jede Möglichkeit genommen, sie zu sehen. Ihre Entscheidung meinetwegen mag nun ausfallen wie sie wolle.... die Gelegenheit mir zu nehmen, einen Krieg mit zu machen, den man wünschen darf im Vergleich zu allen anderen möglichen Kriegen, kann ich mir nicht möglich denken.
[36] Der König an Prinz Wilhelm, Potsdam, den 9. April 1828:.... Mit dem von hier abzusendenden Feldjäger geht ein Antwortschreiben von mir an den Kaiser ab. Es ist die Antwort auf das, was mir durch Alopeus zugekommen ist, benebst einer Kopie der Instruktionen, die unsere Gesandten in London, Paris und Wien erhalten, um, nach des Kaisers Wunsch das Recht (bei den besagten Höfen) geltend zu machen, seine Angelegenheiten mit der Pforte allein zu betreiben, d. h. dieser den Krieg zu erklären wegen der Verletzungen des Traktats von Akkerman und der in dem Hattischerif ausgesprochenen Beleidigungen Rußlands. So sehr ich nun auch dies Recht anerkennen muß, das als eine immidiäre Folge des deplorablen Trilateral-Traktats anzusehen ist, so unumwunden habe ich mich dennoch darüber aussprechen müssen, wie wünschenswert es gewesen wäre, dies in anderer Weise geltend zu machen, um auch den letzten Schein von sich zu entfernen, als sähe Rußland sich wegen dieser Angelegenheit für gänzlich entbunden an, sie mit dem Trilateral-Traktat in Verbindung zu bringen.... Nach meiner Ansicht wäre es noch jetzt nicht zu spät, die von mir angeschlagene Sprache gegen die übrigen Mächte zu führen, denn wenn keine Zeit verloren wird, so werden die Operationen bis zur Donau auf keine Weise gehemmt, aber die Meinung für Rußlands gerechte Sache würde in den Augen der Welt noch unendlich dadurch gewinnen müssen.....
[37] Am 22. September 1828 hatte der Prinz an seinen Vater aus Wien geschrieben: Alles (wegen meiner Abreise) würde sich freilich ändern, wenn ich entscheidende Antworten aus Weimar erhielte und zwar günstige; der 30. September wird alsdann dort ein wichtiger Tag und ich gerate aufs Neue zwischen zwei Feuer. Meine Ungeduld über diesen Punkt wächst mit jedem Tage.
[38] Von dort schreibt der Prinz am 10. Oktober 1828 an seinen Vater: Ich unternehme diesen entscheidenden, wohl für mein ganzes Dasein entscheidenden Weg mit allem Vertrauen zu Gott, daß er mich nach Seinem Willen leiten, führen und ans Ziel bringen wird. Ist dieser Weg Sein Wille nicht, so wird Er mir Kraft und Standhaftigkeit geben, um Prüfungen zu bestehen.
[39] Prinz Karl v. Preußen, der dritte Sohn Friedrich Wilhelms III. (1801/83), vermählt seit 1827 mit Maria v. Weimar (1808/77), der älteren Schwester der Prinzessin Augusta.
[40] Kleines Städtchen in der Nähe von Großheringen bei Weimar.
[41] Luise Augusta v. Hessen, die von 1775 bis 1828 mit Karl August von Weimar vermählt war.
[42] Fächer.
[43] Die Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna (Sophie Dorothea von Württemberg), die Enkelin einer Schwester Friedrichs des Großen und zweite Gattin Pauls I. von Rußland, war am 25. Oktober 1759 geboren und starb am 5. November 1828 (vgl. S. 54).
[44] Der König teilte der Kaiserin-Mutter aus Charlottenburg am 26./28. Oktober 1828 die Verlobung seines Sohnes mit; der Brief hat die Adressatin, die am 5. November 1828 starb, nicht mehr erreicht. An ihrer Stelle antwortete Kaiser Nikolaus Mitte November desselben Jahres (Publikationen aus den Preußischen Staatsarchiven, Bd. 75, 1900, Nr. 410, 455). -- Dem Brautpaar gratulierte Friedrich Wilhelm III. mit folgenden Zeilen: Charlottenburg, den 27. Oktober 1828. .... Ein unter so günstigen Umständen geschlossener Bund gewährt sich die heitersten Aussichten für die Zukunft und wird auch sicher von Gott gesegnet werden. Daß der Segen einer liebevollen Mutter nicht ausgeblieben wäre, hätte sie dies frohe Ereignis erleben können, dafür glaube ich Bürge sein zu dürfen. Daß der meinige dabei nicht ausbleiben kann, versteht sich von selbst und recht übermäßig habe ich zu Gott gebetet, daß er Alles zum Besten lenken wolle.
Deiner Auserwählten bitte ich in meinem Namen zu sagen, daß sie sowohl von mir als unserer ganzen Familie mit eben der Herzlichkeit und Zuvorkommenheit aufgenommen werden würde, wie ihre Schwester Marie und daß wir uns glücklich schätzen, sie von nun an als die unsrige betrachten zu dürfen....
[45] Die Belagerung des türkischen Warna am Schwarzen Meer, bei der seit Anfang September Kaiser Nikolaus zugegen war, bildete ein Hauptereignis des russisch-türkischen Krieges; sie ging am 9. Oktober nach einer Dauer von 89 Tagen zu Ende.
[46] Vgl. S. 51, Anmerkung.
[47] Vgl. S. 49.
[48] Am 28. Dezember 1828 heißt es aus Weimar:.... Von den sehr zufriedenen Gesichtern, die mich hier empfangen haben, brauche ich wohl kaum eine Schilderung zu machen. Augusta war ganz content, wie es schien, mich wiederzusehen, und ich war es nicht minder. Sie war ~per attention~ bei meiner Ankunft nur in halber Trauer, das heißt in Grau, was mir gar lieb war, denn außer am Versprechungstag und dem Geburtstag der lieben, seligen Kaiserin sah ich sie nur schwarz....
[49] Am 17. Oktober 1828 hatte der König seinem Sohn aus Potsdam geschrieben: „.... Deine letzten Briefe aus Teplitz waren in der Tat mit so richtiger Fassungsgabe ausgesetzt, daß sie nicht leicht etwas zu wünschen übrig ließen und ich kann nicht unterlassen, Dir darüber meine ganze Zufriedenheit und mein ganzes Wohlgefallen auszudrücken. Wenn man so reist und beobachtet, wie Du, geschieht es mit Nutzen und trägt Früchte. Die politischen Unterredungen, die Du mit dem Kaiser und mit Metternich gehabt, haben ganz besonders meine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Ich hoffe, sie sollen nicht ohne Nutzen geblieben sein für das, was jetzt fast ausschließlich die größeren Mächte Europas beschäftigt. Mehr ins Detail einzugehen ist jetzt nicht der Augenblick.“ Vgl. dazu: „Der Kaiser von Österreich und Metternich haben mit dem Prinzen Wilhelm in Wien sehr ernstlich über die griechisch-türkischen Sachen gesprochen und ihn für die österreichische Ansicht zu gewinnen gesucht. Der Prinz sagte dem Kaiser dagegen, Österreich habe sich die öffentliche Meinung und mit ihr manchen Vorteil entfremdet, weil es die Griechen gleich von Anfang so sehr herabgesetzt, wenigstens ihre Sache und ihren Mut hätte man anerkennen müssen; ‚Schauens, Sie mögen Recht haben‘, sagte der Kaiser.“ (Varnhagen v. Ense, Blätter aus der preußischen Geschichte, Eintragung vom 2. Dezember 1828.)
[50] In dem Briefe von Prinz Wilhelm an seinen Vater aus Weimar vom 5. März 1829 taucht zum ersten Male der Vorschlag des Prinzen an die Großfürstin auf, das mit ihrem Bruder, dem Zaren, geplante Wiedersehen nicht in Warschau, sondern in Berlin gelegentlich seiner, d. h. des Prinzen Wilhelm Vermählung mit Augusta zu ermöglichen; Prinz Wilhelm bittet seinen Vater, daß er seiner Tochter und seinem Schwiegersohne diesen Vorschlag machen soll.... „es wäre das Glückseligste, was mir geschehen könnte und ein Wunsch ginge in Erfüllung, an dessen Erreichbarkeit ich nie gedacht hätte.“ Am 15. März schreibt Prinz Wilhelm an seinen Vater: „Daß Sie an Charlotte schrieben, um sie nach Berlin einzuladen, noch ehe ich darum bat, ist gar zu prächtig.“
[51] Todestag der Königin Luise. -- Am 18. Juli, ihrem Geburtstag, schreibt der Prinz an seinen Vater:.... Wir werden morgen zum Monument nach Charlottenburg gehen.... meine Gebete an der heiligen Stätte sind jetzt neuer Art, da ich ja für ein Glück dort zu danken habe, das gewiß von oben gehalten und gesegnet wird....
[52] In der bei Cotta in Stuttgart -- nicht in Dresden! -- erscheinenden „encyclopädischen Zeitschrift für gebildete Leser“ Hesperus (1829) war in den Nummern 206 bis 219 ein anonymer -- „der Verfasser ist Katholik und Süddeutscher, war nie preußischer Untertan und ist auch jetzt in keinerlei Verband mit Regierung oder Untertanen dieses Landes“ -- Aufsatz aus dem November 1828: Ein neues Manuskript aus Süddeutschland, veröffentlicht worden, worin sich folgende Sätze finden: „Da erscheint die Morgenröte Deutschlands; man erstaunt über die Taten der Preußen.... eine unbekannte Kraft überwältigt Alles und siegt, die Riesenkraft der Einheit.... der Wiener Congreß täuscht Alles, noch hoffen Alle Alles von Preußen, auch diese Hoffnung schwindet. In jetziger Zeit, wo die moralische Kraft so viel zählt, mag man Preußen mit Recht den ersten Staaten beizählen, besonders wenn man seine vortrefflich eingerichtete Militärmacht, das Aufblühen seiner Finanzen, seiner Nahrungsquellen und seiner Bevölkerung sowie die Tätigkeit der Regierung, was Erhaltung und Bildung betrifft, mit in Anschlag bringt.“ Dann wird die Frage aufgeworfen, „ob Preußen die Eigenschaften hat, Deutschlands Schicksal zu leiten“; bei der Beantwortung wird zunächst festgestellt, daß „Preußen von allen deutschen Ländern am meisten in physischer und geistiger Kultur fortschreitet“, und das Für und Wider einer Alliance der übrigen deutschen Staaten mit Preußen erwogen: „die Alliance mit Preußen gäbe der Politik der deutschen Fürsten ihren wahren nationalen Haltepunkt, ohne daß ihre Selbständigkeit und Freiheit darunter leiden könnte; das Gewicht dieser echt deutschen Alliance gäbe erst Europa ein festes Centrum...., hier wäre der Embryo eines ewigen Friedens gefunden.“ Als Ergänzung zu diesen Gedankengängen diene eine Stelle aus einer in der gleichen Zeitschrift Nr. 247 vom 15. Oktober gedruckten Korrespondenz aus Rheinbayern: „der mit Preußen abgeschlossene Handelsvertrag ist bekannt gemacht worden und gewiß muß ganz Deutschland dem hochherzigen Monarchen, der es sich so mit Wärme angelegen sein läßt, Deutschland von den lästigen Binnenzöllen zu befreien und es zu vereinen, den wärmsten Dank zollen.“ Vgl. dazu folgende Briefstelle Friedrich Wilhelms III. an seinen Sohn: Berlin, den 31. Oktober 1829. .... Die sonderbare politische Stimmung oder Mißstimmung, die in Weimar zum Nachteile Preußens herrscht, ist ebenso absurd wie lächerlich und mir längst bekannt. Es ist dies die Folge des abgeschmackten Finassierens, dessen sich die mehresten deutschen Staaten angesteckt finden lassen. Das Warum ist schwer zu ergründen, da Hirngespinste die Stelle der Gründe vertreten müssen. Gottlob, daß sich’s an vielen Orten jetzt schon anders gestaltet, wie Du selbst es bemerkt hast. Mir macht alles dies weder kalt noch warm. Sollen die Herren sich mit Preußen verständigen, gut; wollen sie nicht, auch gut. Preußen bleibt nichtsdestoweniger, was es ist.
[53] Christian Wilhelm Schweitzer (1781/1856) war nach etlichen Jahren der Lehrtätigkeit in Jena 1818 als Geheimer Staatsrat in das Weimarsche Ministerium eingetreten, wo er sehr bald auf allen Gebieten der Verwaltung usw. die ausschlaggebende Stimme hatte, bis er im März 1848 zurücktreten mußte.
[54] Karl Friedrich Schinkel (1781/1841), einer der bedeutendsten Architekten des 19. Jahrhunderts, hatte bereits das alte Johanniterordenpalais in Berlin zum Palais des Prinzen Karl umgebaut; in Schinkels Sammlung architektonischer Entwürfe, Berlin, 1819/40, Tafel 134/5, finden sich zwei Entwürfe für das Palais Wilhelms I.
[55] Der erwähnte Plan liegt dem Originale des Briefes nicht bei.
[56] Das heute noch neben dem Palais stehende Gebäude, in dem jahrzehntelang das königliche Hausministerium untergebracht war.
[57] Die Schwester Friedrich Wilhelms III., Wilhelmine, war mit Wilhelm I., König der Niederlande, vermählt; ihr hatte das Palais ursprünglich gehört.
[58] Friedr. Aug. Stägemann (1763/1840), der Mitarbeiter Steins und Hardenbergs am preußischen Reformwerk, als Mitglied des Staatsrates in ausschlaggebender innerpolitischen Stellung.
[59] Vgl. Anm. S. 101.
[60] Kaspar Friedrich v. Schuckmann (1755/1834), ausgezeichneter preußischer Staatsmann, seit 1814 Minister.
[61] Auch dieser Plan liegt dem Originale nicht bei.
[62] Im Jahre 1824.
[63] Der Kronprinz.
[64] Die beiden Hallenser Theologie-Professoren Wegscheider und Gesenius waren die gefeierten Wortführer des protestantischen Rationalismus; der Berliner Theologieprofessor E. W. Hengstenberg ließ in seiner Evangelischen Kirchenzeitung im Januar 1830 (Nr. 5/6) einen anonymen, in Wahrheit aber von dem Berliner Geistlichen Otto v. Gerlach auf Grund „gut nachgeschriebener Kolleghefte und mündlicher Erzählungen der Zuhörer“ verfaßten Artikel: Der Rationalismus auf der Universität Halle erscheinen, in dem in beweglichen Worten auf die „Wunden hingewiesen ward, die der Unglaube diesen durch die Reformation so reichlich gesegneten Ländern geschlagen hat und zu schlagen fortfährt“. Friedrich Wilhelm III. ließ eine Untersuchung gegen die beiden Hallenser Professoren einleiten, die aber schließlich im Sande verlief.
[65] Wegscheiders ~Institutiones theologiae christianae dogmaticae~ erschienen erstmalig bereits 1815.
[66] Leopold v. Gerlach (1790/1861) war seit 1826 der persönliche Adjutant des Prinzen Wilhelm und seitdem auf das engste mit ihm verbunden.
[67] Loo ist das Sommerschloß des niederländischen Königspaares.
[68] Der König der Niederlande.
[69] Als im Sommer 1832 der Plan einer Zusammenkunft der Herrscher von Preußen, Rußland und Österreich daran scheiterte, daß in dem dafür in Aussicht genommenen Teplitz die Cholera ausgebrochen war, schrieb Prinz Wilhelm aus Alexandria am 12./24. Juli 1832 an seinen Vater: Darf ich mein Gefühl aussprechen, so stimmt es ganz mit dem des Kaisers (d. h. mit dem Bedauern über das Scheitern des Planes) zusammen. Denn diese Zusammenkunft war es, welche mein erster Gedanke nach der Revolution war. Jetzt, wo ohne solche Zusammenkunft man freilich eins geworden ist, die Verhältnisse in Frankreich aber täglich besorglicher werden, die bisherige Ruhe doch auch mit Opfern erkauft ist, die eine inhaltschwere Consequenz in sich schließen, da erscheint mir gerade der jetzige Moment so sehr geeignet und wichtig zur Zusammenkunft, um sich über die Dauer dieses precairen Zustandes Europas zu beraten. Denn wenn Fürst Taillerand auf die Frage, wie dieser Zustand sich lösen werde, geantwortet haben soll: ~ça finira par un hazard~, so frage ich immer: ~mais à quand ce hazard?~, und in diesem ~quand~ liegt der Ruin fast aller großen Staaten.
[70] D. h. russischen.
[71] Im Herbst 1818, wo die Mächte der Heiligen Allianz gegenseitige Übereinkommen für den Fall neuer Revolutionen getroffen hatten.
[72] Aus den Antworten des Königs an Prinz Wilhelm sei nur die folgende Briefstelle zitiert: Pfaueninsel, den 16. August 1830. Einige Wochen sind es erst her, daß ich Dir geschrieben, lieber Wilhelm, und was hat sich alles in dieser kurzen Zeit zugetragen. Unerhörtes, so viel Unerhörtes, daß das Schicksal Europas und insbesondere Preußens und Belgiens wieder ganz so auf der Spitze steht als in dem unseligen Zeitraume von 1789 zu 1814. Wahrlich, ein beugender und erdrückender Gedanke, und doch ist dem so und nicht anders.... Frankreich provozieren, hieße ein gefährliches Spiel wagen, obgleich mit Gewißheit über kurz oder lang mit Krieg zu rechnen ist, da es gewißlich die Gelegenheit vom Zaun brechen wird, um sich je eher, je lieber Belgiens und des linken Rheinufers zu bemächtigen. Daß dies nun und nimmermehr von uns zugegeben werden kann, unterliegt wohl keinem Zweifel, dann aber ist auch mit Gewißheit auf die öffentliche Meinung und auf den Schutz und Beistand unserer früheren Alliierten zu rechnen, obgleich wir auch dann kein leichtes Spiel haben werden.... (Dieser Brief stimmt fast wörtlich mit einem Schreiben Friedrich Wilhelms III. an seine Tochter Charlotte, Kaiserin von Rußland, vom gleichen Tage überein: vgl. Hohenzollernjahrbuch 1916, S. 152.)
[73] Vgl. Anm. 2 S. 36.
[74] Als Ergänzung möge hier das briefliche Bekenntnis des Königs an seine Tochter Charlotte vom 9./21. Dezember 1830 dienen (vgl. Hohenzollern-Jahrbuch 1916, S. 154): „Einen schlimmeren und verwickelteren politischen Zustand der Dinge in Europa habe ich noch nicht erlebt, und wie viel Schlimmes erlebte ich nicht schon! Daß hierbei die Lage Preußens die allerschlimmste zu nennen ist, ist wohl einleuchtend. An dessen südwestlicher Grenze das kecke, übermütige, kriegslustige Frankreich, alles Bestehende bedrohend, und neben diesem das noch im offenbaren Aufruhr befindliche, keinem vermittelnden Vorschlage Gehör gebende, rein tolle Belgien; den Geist der Unruhe, der im deutschen Vaterlande spukt, will ich ganz übergehen, obgleich auch er die größte Aufmerksamkeit erfordert; und nach Osten.... das verräterische und fanatische Polen.... wahrlich, es möchte schwer sein, sich eine schlimmere Lage zu denken. Mäßigung, kaltes Blut und sich nach Möglichkeit auf das Schlimmste gefaßt zu machen und vorzubereiten, ist alles, was dabei zu tun ist. Das Übrige ist von der Vorsehung zu erwarten, die sich doch des armen Europas über kurz oder lang wieder erbarmen wird.“
[75] Am 7. September 1830 heißt es ebenfalls aus Koblenz: Wie richtig es ist, gerade hier Truppen aus den alten Provinzen zu haben, in dieser bewegten Zeit, darf ich wohl aussprechen, ohne Mißtrauen gerade gegen die hiesigen Truppen zu zeigen, deren Geist sich excellent ausspricht. Aber Vorsicht ist ja nie überflüssig. Und wer weiß, was eine Proklamation von Frankreich beim Einfall in unser Land bewirken könnte. Jetzt haben die Bürger ihr Hab und Gut gegen den Pöbel-Aufstand verteidigt, ob sie es aber auch gegen einen Feind tun würden, dem sie so lange anhingen und zu dem sie noch immer hinsehen, ist die Frage; die Behörden sagen ja, ganz sicher bin ich nicht darüber.
[76] Herzog Karl II., der den Revolutionen in Paris und Brüssel zufällig beigewohnt hatte, mußte am Abend des 6. September 1830 der plötzlich und endlich ausbrechenden Wut des Volkes weichen und sein Land für immer verlassen.
[77] Bernhard v. Weimar, der zweite Sohn Karl Augusts (1792/1862), trat 1815 in die Dienste des neugebildeten Königreiches der Niederlande; er hat an der Niederwerfung der belgischen Revolution den wesentlichsten Anteil gehabt.
[78] Kurzer Aufstand am 9. September 1830.
[79] Karl v. Stein zum Altenstein (1770/1840) beeinflußte als preußischer Unterrichtsminister das geistige Leben des hier in Frage kommenden Zeitabschnitts wesentlich.
[80] Aus Charlottenburg meldet am 19. September 1830 der König seinem Sohn: „.... Auch hier haben wir, um in der jetzigen allgemeinen Mode nicht zurückzubleiben, einige tumultuarische Pöbel-Bewegungen gehabt, welche zwar sogleich im Entstehen unterdrückt wurden, dennoch aber es nötig gemacht haben, einen Teil der Garnison während der Nacht auf den Beinen zu halten....“ Nach einer brieflichen Notiz des Königs an seine Tochter Charlotte vom 13./25. September 1830 (vgl. Hohenzollernjahrbuch 1916, S. 152) war „Onkel Karl“, d. i. Herzog Karl von Mecklenburg, der bekannte Stiefbruder der Königin Luise, der Wiederhersteller der äußeren Ordnung in Berlin gewesen: „er hat sich mit großer Umsicht, Vorsicht und Festigkeit benommen und ist als der Hauptleiter des Ganzen anzusehen; ihm also verdankt man hauptsächlich, daß der Unordnung auf rechte Weise gesteuert ist und seitdem, wenigstens für jetzt, völlige Ruhe herrscht.“
[81] An seine Tochter Charlotte schreibt Friedrich Wilhelm III. nach Petersburg am 13./25. September 1830 (vgl. Hohenzollernjahrbuch 1916, S. 153): „Aus Belgien erwartet man mit Ungeduld und, ich möchte sagen, mit Bangigkeit Nachricht, indem Fritz Oranien (Pr. Fr. d. Niederlande, des Königs Schwiegersohn) am 17. Ordre empfangen hat, auf Brüssel zu marschieren, um die Revolution durch die Gewalt zu besiegen. Möchte es ihm gelungen sein.“
[82] Am 1. Oktober 1830 heißt es aus Weimar an den Vater:.... Die Umgegend hier ist noch immer in Gährung. Es sind 400 Mann nach Jena geschickt worden, um Arrestationen vorzunehmen und die Bürgerschaft zum Ablegen der Waffen zu nötigen, was auch sogleich erfolgt ist. Aus Ilmenau war auch eine Deputation hier; man hat sie aber ernsthaft auf den ungesetzlichen Schritt aufmerksam gemacht und sie sind ganz beschämt abgegangen....
[83] Karl Friedrich Heinrich Graf v. Wylich und Lottum (1767/1841) war ursprünglich als Offizier im militärischen Verwaltungsdienste tätig; seit 1818 hat er als Mitglied des preußischen Staatsrates die Finanzgeschäfte geführt, ohne irgendwie schöpferisch hervorzutreten.
[84] Am nächsten Tage korrigiert Prinz Wilhelm die Zahlen seines Schreibens in einer ergänzenden Tabelle, „da ich den Pferdebestand eines Kavallerieregiments bald exclusive, bald inclusive Unteroffiziere berechnet habe“.
[85] Prinz Wilhelm blieb auch weiterhin um Wilhelm Solms besorgt; aus Belvedere bei Weimar heißt es am 26. Juni 1831: Soeben erhalte ich einen Brief von Wilhelm Solms, der mir in seiner Herzens-Angst schreibt, indem ihm die Nachricht zugekommen sei, Sie wollten ihn nicht, seinem und seines Bruders und seiner Mutter Wunsch gemäß, nach Düsseldorf versetzen, sondern zu einem andern Regimente am Rhein. Ich glaube zwar nicht, daß dies Gerücht wahr ist, doch wollte ich nochmals Ihre Gnade für ihn in Anspruch nehmen, daß es bei seiner Versetzung nach Düsseldorf verbleibe, die ja so ganz für sein Verhältnis paßt.
[86] Wilhelm Radziwill, der Bruder der Prinzessin Elisa (1797/1870).
[87] Die Cholera drang im Sommer 1831 zum ersten Male als Seuche in Deutschland ein.
[88] Dieser Brief ist der einzige der Sammlung, der schon gedruckt ist (bei E. Berner, Kaiser Wilhelms des Großen Briefe, Reden und Schriften, Bd. 1, 1906, S. 108/12); das ist wohl nur dadurch zu erklären, daß Friedrich Wilhelm III. das Schreiben seines Sohnes wegen des darin behandelten Gegenstandes an die oberste Militärbehörde weitergab, wo zu den betreffenden Akten eine Abschrift davon genommen ward, ehe das Original wieder an den König zurückgelangte.
[89] Als Knabe hatte Prinz Wilhelm auf dem „Babertsberge“ eine Feldschanze angelegt; jetzt plante er dort ein einfaches Schlößchen. Auf der ersten Seite des dort benutzten Fremdenbuches machte der Prinz folgende Eintragung: Am 3. August 1833 erteilte mir der König die Erlaubnis, meinen Lieblingsplan, auf dem Babelsberg ein Landhaus und Garten gründen zu dürfen, in Ausführung zu bringen. Unter Leitung des Gartendirektors Lenné begannen sogleich die ersten Gartenanlagen. Im Oktober entwarf der Oberlandesbaudirektor Schinkel das Projekt zum Schlößchen und in den ersten Tagen des März 1834 begann der Bau desselben unter Leitung des Hofbauinspektors Gebhardt. Am ersten des Monats Juny ward der Grundstein gelegt und im September 1835 ward der Ausbau vollendet und das Schlößchen am 15. Oktober, als am Geburtstag meines Sohnes, eingeweiht.
[90] Der am 18. Oktober 1831 im Neuen Palais zu Potsdam geborene spätere Kaiser Friedrich III.
[91] Karl F. Langhans (1781/1869), der Sohn des Erbauers des Brandenburger Tores: „.... das einfache, durch edle und stattliche Verhältnisse ausgezeichnete Palais, eine Schöpfung, in der sich Langhans, ohne Schinkels Schüler gewesen zu sein, diesem ebenbürtig erwies“ (Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 17, S. 686).
[92] Die jüngere Schwester des Prinzen Wilhelm, seit 1822 mit dem Erbgroßherzog Paul Friedrich v. Mecklenburg vermählt.
[93] Oldwig v. Natzmer (1782/1861), des Prinzen „Lehrer in militärischen Dingen“ und darüber hinaus sein menschlicher Vertrauter; die beiden Veröffentlichungen von G. v. Natzmer: Aus dem Leben O. v. N., 1870, und Unter den Hohenzollern, 1887/9, sind wesentliche Ergänzungen zu den hier veröffentlichten Briefen.
[94] Fr. Godet (1812/1900) hatte in Neuchâtel, Bonn und Berlin studiert und war von 1838 bis 1846 Erzieher des kleinen Prinzen; er ging als Geistlicher dann wieder in seine schweizerische Heimat zurück. Ihm folgte als Erzieher des Prinzen Ernst Curtius; vgl. darüber: Ernst Curtius, Ein Lebensbild in Briefen, 1913, Bd. 1, S. 237 ff.
[95] August Neander (1789/1850) war ursprünglich Jude gewesen und trat dann zum Protestantismus über. In Heidelberg und Berlin -- hier seit 1813 -- hat er als der bedeutendste Kirchenhistoriker seiner Zeit gewirkt.
[96] Karl Chr. Alb. Heinr. v. Kamptz (1769/1849), ein stark reaktionärer Beamter, war Vorsitzender der Justizabteilung des preußischen Staatsrates.
[97] Die spätere Großherzogin Luise von Baden.
[98] Geburtstag des Königs.
[99] Die Kur war erfolgreich: am 18. August 1839 schreibt Prinz Wilhelm aus Baden-Baden an seinen Vater: Ob es die Nachfolge von Ems ist oder die Molkenkur oder die hiesige Luft, vermag ich nicht anzugeben, wenn ich versichern kann, daß seit einigen Tagen jede Spur meines Brustleidens verschwunden ist, was eine große Beruhigung und Freude mir gewährt. Wahrscheinlich werden wohl alle drei Ursachen zu dem günstigen Zustande meiner Gesundheit beigetragen haben....