Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839)

v. Ense weiß zu berichten, daß man unterdessen aus Petersburg

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unter der Hand bei der Prinzessin Marie anfragte, wie sie sich zu einer Heirat ihrer jüngeren Schwester mit dem älteren Bruder ihres Gatten stellen würde; man erhielt am russischen Hofe darüber wohl eine beruhigende Antwort; so sehr aber die Heirat des Prinzen Wilhelm nun auch entschieden war, „so hielt man dies doch noch ganz geheim“, ja im Juni schien sie dem klatschsüchtigen, aber trefflich unterrichteten Beobachter „noch keineswegs in Richtigkeit; man tut auf der russisch-weimarischen Seite sehr kostbar und der Prinz ist eben auch nicht sehr eifrig“. Dieser traf am 11. September in Wien ein, um dort den Manövern beizuwohnen; militärische Interessen und die Schilderung höfisch-gesellschaftlicher Interessen stehen in den Briefen der nächsten Wochen im Mittelpunkt; am 11. November reiste er wieder ab, um, ohne Berlin zu berühren, über Prag und Teplitz nach Weimar zu gehen. Denn von dort war nun der auch für seine Zukunft entscheidende Schritt erfolgt: man erwartete ihn als Brautwerber.

Schon 1823 hatte von Augusta v. Weimar Goethe in Marienbad geäußert, daß sie „ein ganz liebenswürdiges und originelles Geschöpf sei, das schon jetzt ganz seine eigentümlichen Gedanken und Einfälle habe“, und als sie verlobt war, rühmte er „ihren hellen Verstand, ihre hohe Bildung, ihr reiches Wissen: sie hat etwas gelernt, sie kann schon mitsprechen in der Welt“. Dieses Urteil des geistigen Hofes von Weimar wird durch eine Äußerung Wilhelm v. Humboldts bestätigt und ergänzt, der 1827 an den preußischen Minister v. Stein schrieb: „Prinzessin Augusta soll schon in früher, kaum der Kindheit entgangener Jugend einen festen und selbständigen Charakter haben. Ihr lebendiger und durchdringender Geist spricht aus ihrem Blick; ihre Züge sind im höchsten Grade bedeutungsvoll und ihre ganze Gestalt wird sich -- wenn sie nicht ein wenig zu stark ist --, in einigen Jahren gewiß noch schöner als sie jetzt schon erscheint, entwickeln.“

Wien, den 26. September 1828.

Mit etwas ruhigerem Herzen kann ich Ihnen heute Mitteilung über die mich am wichtigsten und meisten interessierende Angelegenheit machen[37]. Ich erhielt nämlich gestern einen Brief vom Großherzog von Weimar, der mir sehr herzlich und freundschaftlich auf den meinigen antwortet. Und wenn freilich die Hauptperson noch nicht geredet hat, so bin ich doch schon zufrieden, daß der Vater sich beistimmend ausspricht, indem er schreibt: „Eben so offen wie Sie verehrtester Prinz, mit mir reden, gestehe ich Ihnen, daß ich nicht +Nein+ sagen werde, wenn meine Tochter +das Ja+, bezüglich auf Sie ausspricht, welches Sie, gnädigster Herr, nicht ungern hören werden. Augusta sah Ew. Kgl. Hoheit freilich nur als erstere gleichsam noch ein Kind war; jetzt muß meine Tochter Sie, verehrtester Prinz, mit anderen Augen betrachten; es ist daher ratsam, daß man sich wiedersehe und spreche. Ich brauche wohl nicht hinzuzusetzen, daß Sie, lieber gnädiger Herr, uns in jeder Hinsicht sehr willkommen sein werden.“

Der Nachsatz enthält also auch zugleich die Weisung, was gewünscht wird und die stillschweigende Antwort auf meine Demarsche bei Prinzessin Augusta selbst. Leider ist es aber nicht mehr möglich, über Berlin bis zum 30. September in Weimar zu sein. Außerdem fehlt mir auch noch eine Antwort von der Groß-Fürstin, die ich wohl jedenfalls abwarten muß, ehe ich nach Weimar reise...

Weimar, den 14. Oktober 1828.

Meinem Reiseplan gemäß bin ich am 12. glücklich hier angelangt, aber nicht, wie ich hoffte, um Mittag, sondern erst Abends 7 Uhr, indem ich beim Passieren des Erzgebirges von einem so ungeheueren Gewitter mit rasendem Sturm und Regengüssen überfallen ward, daß, wenngleich ich die Reise ununterbrochen fortsetzte, doch nur fast im Schritt fahren konnte, da die Nacht über alle Maßen dunkel war. So machte ich die 22 Meilen von Teplitz[38] bis Leipzig in 22 Stunden und mußte, um noch zur Soiree wenigstens hier zu sein, ohne zu dinieren bis hier fahren. Ich gestehe es, ich kam etwas matt an und die Erwartung eines solchen Wiedersehens, das meiner hier wartete, war auch nicht gemacht, meine Kräfte zu stählen. Karl[39] war mir bis Eckartsberga[40] entgegengekommen und fachte meine matten Lebensgeister wenigstens durch gute Aussichten hier auf. Ich machte in Eckartsberga halbe und hier ganze Toilette und erschien dann bei der verwitweten Großherzogin[41], wo, wie alle Sonntage, große Soiree war. Die Herrschaften empfingen mich sehr gnädig und zuvorkommend. Marie hatte aber glücklicher Weise sich mit ihrer Schwester und einer Gräfin Gourief in dem letzten Salon etabliert, sodaß ich dort also ohne viele Zeugen das erste Wiedersehen hatte. Daß dasselbe zwar mit starkem Herzklopfen, sonst aber mit allen den Formen geschah, als sei nichts im Werke, versteht sich. Prinzessin Augusta, die ich embelliert finde, empfing mich mit großer Herzlichkeit, wie ich es immer an ihr gewohnt war. Sie jetzt noch mit ganz anderen Augen betrachtend als früher, kann ich mir nur stets Glück wünschen, daß die Wahl auf sie fiel. Ihr Verstand, Geist, ihre Herzlichkeit und Herzensgüte spricht sich bei jeder Gelegenheit aus. Und ich möchte der Bemerkung gern Raum geben, als dürfte ich mir Hoffnung machen, mit glücklichem Erfolge einst hier abzugehen. Freilich konnte bis jetzt zwischen uns noch nicht viel verhandelt werden, was uns sehr viel näher in der zu erzielenden Beziehung gebracht hätte, denn dazu ist uns noch nicht Marge gegeben worden, aber Anspielungen konnte ich doch fallen lassen, die freilich nur mit starkem Erröten und embarassiertem Ausweichen beantwortet wurden.

Ich wünsche jetzt nur, bald klar über meine Zukunft zu sehen. Die Großfürstin sagte darauf, daß sie ihrer Tochter ganz freien Willen in ihrem Entschluß ließe; ihr einstiges Verhältnis zu Marie sei so delicat, daß sie nur eine wirkliche Neigung dasselbe überschreiten machen könne. Daher müsse eine genaue Bekanntschaft vorausgehen und Sie würden mir gewiß alle Zeit bewilligen hier zu bleiben, um dieselbe machen zu können. Ich bemerkte darauf, daß, was mich beträfe, eine nähere Bekanntschaft zu machen wohl nicht nötig sei, da ich mit Bedacht und Überzeugung, glücklich zu werden, die Hand der Princeß gefordert habe; doch, da mir vor allem daran liegen müsse, daß die Prinzessin mich aus ebenfalls eigener Überzeugung wähle, so würde ich abwarten, bis ich Ihren Beschluß darüber vernehmen würde. Da bis gestern mir jedoch auf keinerlei Weise Gelegenheit geboten ward, die Prinzessin zu sprechen anders als in großem Cerkel, so ließ ich darüber mein Bedauern durch Karl und Marie aussprechen, was denn zur Folge gehabt, daß ich jetzt eine Entrevue haben soll... Ich hoffe zu Gott, daß ich nach diesem Gespräch etwas klarer über die Ansichten der Prinzessin Augusta werde urteilen können als bisher, wo alles nur auf Mutmaßungen und Beobachtungen basiert ist.

Die Morgende verstreichen hier stets mit Jagden, von denen ich vergeblich bisher wegen einer Entrevue zurückbleiben zu dürfen bat.

Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn

Wilhelm.

Weimar, den 20. Oktober 1828.

Von hier und meinen hiesigen Verhältnissen kann ich Ihnen die besten Nachrichten geben, wenngleich ich noch nichts officielles mitteilen kann, indem von oben herab man noch schweigt. Aber in den unteren Haupt-Regionen ist es nicht mehr so stumm geblieben und dies ist allerdings die Hauptsache. Da ich nach einigen Tagen Aufenthalt hier bemerkte und nach den Äußerungen der Großfürstin es vielleicht mit Bestimmtheit ersah, daß sie wünschte, die Sache wenigstens nicht zu übereilen, wenn nicht auf die lange Bank zu schieben, dem ich mich ruhig unterworfen haben würde, wenn ich bemerkt hätte, daß Prinzessin Augusta mit dieser Hinausschiebung aus Unentschlossenheit einverstanden war, ich dies Letztere von der Prinzessin keineswegs gewahr ward, sondern mir aus hingeworfenen und sehr gut aufgenommenen und wohl verstandenen Worten die Überzeugung wurde, daß ich Alles zu hoffen hätte, so beschloß ich meinen Angriff direkt zu machen. So kam es denn, daß ich am 16. Abends nach dem Souper allein im Salon stand mit ihr, ihren zerbrochenen Eventail[42] in der Hand haltend; sie verlangte denselben zurück und indem ich ihr denselben hinhielt, legte ich meine Hand in die ihrige, sie fragend: wollen Sie diese behalten? Sie verlor fast alle Contenance vor Rührung, reichte mir aber gleich darauf die Hand hin und dieser Händedruck und ihr Blick sprachen Alles aus, was ihr Mund nicht auszusprechen vermögend war. Sie können denken, wie glücklich ich war und daß die Nacht ziemlich schlaflos dahinstrich. Den ganzen anderen Tag ließ ich ruhig vorübergehen, um die Prinzessin nicht in Verlegenheit zu setzen und nur einzelne Anspielungen erlaubte ich mir. Den 16. erfuhr ich dann von ihr, daß sie der Großfürstin von jener Scene gesprochen habe. Natürlich wollte ich nun gern auch mit dieser sprechen, aber doch abwarten, ob sie nicht zuerst mir ihrer Tochter Antwort sagen würde, die sie mir mitzuteilen gleich in der ersten Unterredung versprach, als ich ihr sagte, daß ich dieselbe ruhig erwarten würde. Da dies aber gestern, am 19., nicht geschah, so erfragte ich durch Prinzessin Augusta, ob ich heute kommen könnte und soeben brachte mir Mary die Antwort, daß ich morgen früh erst zur Groß-Fürstin kommen solle und ließ sie dabei fallen, als wünsche man die Entscheidung bis zum 26.[43], dem Geburtstag der Kaiserin-Mutter, hinauszuschieben. Das würde mich nun gar nicht arrangieren, weil ich, wie Sie sehen, mit der Prinzessin so ziemlich im Klaren bin, diese 8 Tage also noch als eine Comödie verstreichen müssen.

Nach dem Vorgefallenen sehen Sie, daß ich das Ja-Wort der Prinzeß eigentlich bereits habe. Ich glaube mit Zuversicht Ihnen sagen zu können, teuerster Vater, daß ich Ihnen eine Tochter zuführe, mit der Sie zufrieden sein, die Ihnen ihre ganze Liebe schenken wird und der Sie gewiß die Ihrige dann nicht versagen werden. Es ist nicht gut, zu viel Gutes im Voraus weder über innere noch äußere Vorzüge zu sagen; mein Urteil über die letzteren kennen Sie bereits und ich glaube aussprechen zu können, daß die inneren die äußeren übertreffen. Sie werden sich leicht denken können, in welcher Stimmung ich mich befinde, in diesen entscheidenden Tagen, in denen ich mein bisher so bewegtes Leben sich einem sicheren, frohen Ziele sich nähern sehe. Gott schenke mir in Gnaden die Erfüllung der Absichten, zu denen ich mich jetzt berechtigt sehe.

Weimar, den 25. Oktober 1828.

Kaum weiß ich die Feder zu führen, um Ihnen endlich zu melden, daß der geheimnisvolle Schleier von dem Verhältnis aufgezogen ist, welches sich seiner Entscheidung näherte oder eigentlich im Factum schon entschieden war.

Heute, ~à la veille~ des Geburtstages der Kaiserin-Mutter, war dazu ausersehen, um im Familienkreise mir das Ja-Wort der Prinzessin Augusta förmlich zu geben! Die Familie war dazu um 11 Uhr bei der Großfürstin versammelt; die Großfürstin empfing mich im Neben-Zimmer, wohin mich der Großherzog geleitet hatte und umarmten mich beide dort zum Erstenmale als zu ihnen gehörig; sie führten mich nun zu den Übrigen, legten unsere Hände in einander, worauf ich Augusten in die Arme sank, freilich, ohne ein Wort sprechen zu können!!! Die Großherzogin umarmte mich mit einer Herzlichkeit und Innigkeit und solcher Rührung, daß ich fast alle Fassung verlor; so waren denn auch Mary und Carl von einer Herzlichkeit und von einem so tiefen Gefühl, daß ich nie, niemals diese Scene schon wegen Aller Teilnahme vergessen werde, wenn nicht sie es wäre, welche mein Lebensglück mir sichert! Ja! dies kann ich mit aller Überzeugung aussprechen, denn ich habe Augusten in diesen Tagen so ganz kennen gelernt und gesehen, daß ich mich nicht einen Moment in ihr getäuscht habe und sie von jeher richtig beurteilte. Ich preise Gott, der mir in seiner Gnade dies Glück nach so manchem Sturm zu Teil werden läßt und kann nur zu ihm flehen, daß er mich würdig erhalte, dies Glück zu genießen und der Prinzeß das Glück zu bereiten, was mein einziges Streben von nun an sein wird!

Ihr Segen und der der teueren, unvergeßlichen Mutter wird mir nahe sein, jetzt und immerdar, wenn ich mich dessen würdig zeige! Dazu gebe Gott mir die Kraft!

Seit meinem letzten Briefe an Sie hatte ich die Unterredungen mit den zwei Eltern und der Großmutter. Ich kann nicht genug rühmen und loben, wie sehr sämtliche Herrschaften mich mit Gnade und Barmherzigkeit empfingen bei diesem entscheidenden Schritte. Da die Großfürstin sehr wünschte, den heutigen Tag abzuwarten, so konnte ich nach einigem Sträuben doch nichts dagegen einwenden, und ich gab nach.

Wie unendlich gut und liebevoll Augusta in diesen Tagen für mich war und wie ich nun heute seit dem entscheidenden Moment so ganz ihre Liebe zu mir erkannt habe, vermag ich nicht zu schildern. Ich verstehe mich manchmal selbst nicht, denn so wenig bin ich gewohnt, ein Glück festzuhalten und zu besitzen. Die ersten Worte, die mir Augusta heute sagte, zeigten mir eine Tiefe des Gefühls, die sie mir über Alles teuer macht; sie sagte: Möchte ich Ihnen doch jemals +die+ ersetzen können, die ich ersetzen soll! Zweimal wiederholte sie diese Worte! Mehr vermag ich nicht zu sagen!

Sie werden mir wohl erlauben, nun noch 8 bis 10 Tage hier zu bleiben; den Oberst von Lützow sende ich aber nach Berlin mit dieser Freuden-Post, zugleich, weil er meine Geschäfte endlich übernehmen muß. Sie erlauben doch gewiß auch an Karl und Mary nun noch einige Tage über Urlaub zu bleiben, da der erteilte vierwöchentliche Urlaub das heutige schöne Ereignis nicht voraussah.

Die Briefe für Petersburg hat der Oberst Lützow und Sie haben wohl die Gnade, wie bei Karls Versprechung einen Feldjäger mit denselben an die Kaiserin-Mutter zu senden[44]. Den Brief für den Großfürsten Konstantin werde ich morgen nachsenden. Die Großfürstin wünscht, daß bis zur Antwort von der Kaiserin-Mutter Alles noch in Nebel gehüllt bleibe; ich soll es Ihnen ausdrücklich als ihren Wunsch mitteilen. Die Antwort aus Warna[45] wird aber wohl nicht abzuwarten nötig sein. Gott sei Dank, daß Warna über ist. Das war eine Freude und ein Jubel gestern, als ich beim Diner die Estafette mit dieser Nachricht erhielt. Also heute lauter Freude und Frohsinn.

Ich umarme Sie in Gedanken, teuerster Vater, und bitte, der Fürstin mich mit meinem Glück zu Füßen zu legen. Sie wird die Namens-Schwester gewiß freundlich empfangen. Ihren Segen anflehend

Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn

Wilhelm.

Weimar, den 31. Oktober 1828.

.... Vor allem war Augusta so gerührt, über Ihre gnädigen Ausdrücke und Bestellungen[46], daß sie kaum die Bestellung dafür an Sie mir auftragen konnte, die jedoch dahin zuletzt lautete: daß sie eigentlich keine Worte in solchem Augenblicke für Sie finden könne, daß sie zu gerührt und beschämt über Ihre Gnade sei und sich so glücklich fühle, Ihnen von nun an näher anzugehören und daß sie nur wünsche, auch in der Folge Ihre Gnade und Liebe zu verdienen. Daß sie sich derselben würdig zeigen wird, kann ich täglich mit mehr Überlegung aussprechen, denn täglich gewinnt Augusta mehr in meinen Augen, in meiner Liebe und Achtung. Doch ich mag ihr Lob nicht zu hoch im Voraus spannen, um sie nicht in der Wirklichkeit hinter demselben zurückbleiben zu sehen...

Wie haben wir uns gefreut über die Rückkehr Nicolaus’ nach Petersburg; welche enorme Freude wird es gewesen sein. Gott sei gepriesen, daß die Campagne doch noch so endigte; denn die letzten Momente waren gar sehr beängstigend. Hoffentlich wird ~le grand Turc~ nun im Winter ~traitable~ werden.

Weimar, 11. November 1828.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie auffallend es mir oft ist, in welchem Grade unsere Ansichten über fast alle Lebens-Verhältnisse und überhaupt über alle Gegenstände, die wir besprechen, zusammentreffen und übereinstimmen und wie dennoch Augusta Alles von demselben Gesichtspunkte aus ansieht wie ich. Wie sehr dadurch unser gegenseitiges Vertrauen wächst, läßt sich ermessen und wie froh wir zusammen einer glücklichen Zukunft entgegen sehen. Oft sagt man: die verschiedensten Charaktere geben die besten Ehen; ich denke aber, wir wollen beweisen, daß auch übereinstimmende es recht gut zusammen haben können.

Vorgestern hat die Großfürstin die Unterredung mit mir auf den Zeitpunkt der Vermählung gebracht und gleich damit angefangen zu sagen: ~nous en sommes pas du tout empressés de marier notre fille~. Ich erwiderte, daß in dem Grade, wie man es hier vielleicht nicht sei, man es gerade bei uns im Gegenteil sei; doch ich müßte bitten, zu sagen, was für einen Termin man sich hier denke. Gegen Ende des Sommers, Anfang August, war die Antwort. Ich erwiderte, daß Ihre Ansichten und meine Wünsche darin nicht sehr abwichen, indem wir den Monat Mai wünschten, es also vielleicht nur auf einen Unterschied von zwei Monaten ankäme; doch müßte dieser Unterschied nach unseren Ansichten ausgeglichen werden, indem der Sommer und namentlich der August eine Periode sei, wo ein Beilager in Berlin gar nicht mit dem nötigen Glanze, der doch zu solchen Dingen gehöre und den ich durchaus wünschen müßte, begangen werden könne. Darauf meinte die Großfürstin: dann könnte man ja die Vermählung hier begehen. Dagegen opponierte ich auf das allerbestimmteste, ausführend, daß dies bei keinem Ihrer Söhne der Fall gewesen sei, daß alle meine Verhältnisse und Interessen zu innig mit der Idee, meine Vermählung in Berlin begangen zu sehen, vereint seien, daß ich nie davon abgehen würde. Die Großfürstin sagte darauf, daß, wenn man ihr alle Wünsche abschlüge, sie ihrerseits gewiß in dem des Termines nicht nachgeben werde, denn es sei ihre letzte Tochter und die wäre sie gar nicht expressiert zu verlieren, auch könnte das Trousseau nicht fertig werden, ~etc.~ Ich entgegnete, daß Sie gewiß nachgeben würden über den Punkt des Termines, wenn Ihnen Gründe vorgeführt würden, die haltbar seien; die bisher angeführten seien es in meinen Augen keineswegs und würden es auch in den Ihrigen nicht sein, um so mehr, da, wenn der Mai nicht bestimmt werde zur Vermählung, dieselbe bis zum November, December aufgeschoben bleibe, weil die Manöver bis zum Oktober dauerten, die Sie einen Teil des Septembers am Rhein beschäftigten, und dann auch Berlin bis zum December nicht so gefüllt sei, um den gehörigen Glanz den Festlichkeiten zu geben. Da meinte die Großfürstin, das sei um so besser, um so länger behalte sie ihre Tochter, worauf ich aber entgegnete: um so schlimmer, denn um so länger entbehrte ich ihre Tochter, und ich sei alt genug geworden, um keinen langen Aufschub mehr erdulden zu wollen, um so mehr, da auch Karl und Marie nur vom November bis Mai versprochen gewesen wären und Karl doch damals nur 25 Jahre alt war. Kurzum, Jeder blieb bei seiner Meinung und ich endigte damit, daß ich durch den intentionierten Aufschub auch noch die Unannehmlichkeit hätte, nicht einmal häufiger Besuche hier machen zu können, indem ich es mit meiner Pflicht nicht vereinbaren könnte, noch ein zweites Jahr so lange von meinem Wirkungskreise entfernt zu sein, wie in diesem Jahre, indem die Geschäfte nur zu sehr darunter litten, wenn man sie so lange anderen Händen anvertrauen müßte.

Ein ebenso streitiger Punkt war der des Termines der Verlobung. Die Großfürstin will ihn nach Neu-Jahr, weil da die halbe Trauer um ist und man auf einige Tage farbige Kleider und Diamanten usw. anziehen könnte, Conzerte geben ect. Ich versicherte, daß, da die Verlobung doch nur eine Ceremonie sei, ich nicht darauf halte, daß alle jene Dinge dabei sich zutrügen, ich aber durch den gewünschten Termin verhindert würde, früher wiederzukommen, indem ich gehofft hätte, nach Karls Beispiel, gleich nach den Petersburger Antworten verlobt zu werden, also etwa zu Weihnachten; denn daß ich noch einmal herkäme, ohne verlobt zu werden, würde ich natürlich und ganz gewiß nicht tun. Es hinge also nur davon ab, ob ich in 4 Wochen oder in 2 Monaten wiederkommen sollte. Ich werde nun noch mit dem Großherzoge vor meiner Abreise über Alles sprechen und mündlich die Resultate berichten...

Der Fürstin lege ich mich zu Füßen. Seien Sie versichert, daß wir gewiß Alle täglich Gott danken und preisen für das Glück und die Zufriedenheit, die Sie in Ihrem Besitz finden und wir mit Ihnen. Möge es Ihnen lange, lange erhalten werden.

Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn

Wilhelm.

Weimar, den 12. November 1828.

Ach! Sie können sich denken, in welchem Zustande wir hier sind. Nein, wie war es denkbar, daß diese teuere Kaiserin[47], die so noch in der Kraft und Fülle der Gesundheit dazustehen schien, so bald uns entrissen werden würde. Ich betrauere in ihr ein Herz, das mir während 11 Jahren mit mütterlicher, wahrhaft mütterlicher Liebe zugetan war und das sich gerade jetzt diesen Namen mit Recht erringen sollte. O wie rührend ist sie noch in ihren letzten Stunden mit meiner Augusta und mir beschäftigt gewesen. Ich kann es nicht verschmerzen, daß sie nicht mehr die Kunde erhielt, daß Alles am Ziel sei...

Weimar den 22. November 1828.

.... Sonst hat die Großfürstin sehr viel Fassung dies Mal gezeigt ... hauptsächlich sagt sie immer, daß ihr der Anblick meines Verhältnisses zu Augusta Ruhe und Frieden wiedergäbe. Sie ist gegen mich von unendlicher Liebe und Herzlichkeit, denn sie sieht mich wie ein Vermächtnis der Kaiserin an, die mich viel mehr kannte als sie bisher und ihr immer so gnädig und liebevoll von mir gesprochen hat...

Wie mir bangt, Sie nach Allem wiederzusehen und zu umarmen, können Sie sich denken. Auf 14 Tage nahm ich von Ihnen Abschied und nun bin ich im dritten Monat schon abwesend.

Wegen des Wiederkommens[48] wird gegenseitig die Zeit zu Weihnachten gewünscht, wo Sie mir vielleicht erlauben, auf 8-10 Tage herzugehen. Die Zeit der Verlobung ist hier noch unschlüssig, teils zum 30. Januar als dem Geburtstag der alten Großherzogin, teils zum 15. Februar als dem Geburtstag der Großfürstin gewünscht, weil dann auch die Hälfte der neuen Trauer um ist. Ich hätte nicht gewünscht, vor der Verlobung wieder herzukommen; doch bei der nun eingetretenen Verzögerung muß ich diesen Plan wohl aufgeben, um so mehr, weil die Verzögerung jetzt einen anzuerkennenden Grund hat, der früher, in meinen Augen, mangelte... Auch habe ich der Großfürstin gesagt, daß ich vermutete, daß nunmehr bei uns wenigstens kein Geheimnis mehr aus meiner Versprechung gemacht werden würde, da keine Antwort mehr, leider, abzuwarten sei.

Weimar, den 8. Januar 1829.

.... Es scheint ja am politischen Himmel ganz einig mit einem Male auszusehen, in Beziehung auf Griechenland, indem Rußland, Frankreich und England jenes Land als unabhängig gegen die Pforte erklärt haben sollen und daß jeder Schritt von Seiten der Türkei, durch gewaffnete Hand diese Unabhängigkeit anzutasten als ein Angriff auf die drei führenden Mächte betrachtet werden würde. Da dies ganz und gar die Ansicht ist, welche der Kaiser von Österreich und noch mehr Fürst Metternich mir aussprach und es auch wohl die Ihrige gewiß ist, so wäre also in dieser Beziehung eine völlige Einheit der Ansicht eingetreten, wenn nicht Österreich seit den zwei Monaten wieder umgesattelt hat[49].

Berlin, den 5. Februar 1829.

Gestern Abend habe ich die Einlage als Antwort der Großfürstin auf meinen Brief erhalten, in welchem ich ihr in Ihrem Auftrage von dem Zeit-Punkt meiner Vermählung sprach. Daß diese Antwort nicht gleich günstig ausfallen würde, konnte ich wohl vermuten. Daß sie aber so abgefaßt sein würde, wie Sie sehen werden, mußte ich weit entfernt sein zu erwarten, da sie in Ausdrücken und einem Tone geschrieben ist, die ich noch niemals gehört habe. Zum Glück habe ich eine Abschrift der gedachten Stelle meines Briefes behalten, welche ich hier beifüge, um Ihrem eignen Urteile es zu überlassen, ob eine solche Antwort zu erwarten war und jemals zu billigen ist.

.... ich bemerke, daß jene einzige Conversation, welche ich mit der Großfürstin über den Vermählungs-Termin hatte, gar nicht oberflächlich und unvollständig war, denn wir hatten eine Stunde conferiert, als wir unterbrochen wurden; aber Alles war ~de part et d’autre~ völlig durchgesprochen, wie ich es Ihnen damals schrieb.

Daß ich neulich nicht wieder von dem Gegenstande sprach, war bei der erneuten Trauer sehr begreiflich. Und jetzt, wo also ein Austausch der Ansichten eingeleitet wird, erhalte ich diese Antwort, die mir vorwirft, im vernichtenden Tone geschrieben zu haben und die Pretension aufstellt, daß Sie hätten selbst schreiben müssen...

Weimar, den 16. Februar 1829.

Schon in Wittenberg hatte ich eine Antwort der Großfürstin auf meinen Brief erhalten, die ich beilege, und also Frieden geschlossen war. Den fand ich also auch durch die Art meines Empfanges als etabliert bestätigt und so störte nichts die Freude des Wiedersehens.

Ich habe gestern meiner Prinzeß das Brautgeschenk, die Perlen, überreicht, die sehr gütig von Allen aufgenommen wurden. Heute übergab die Groß-Fürstin an Augusta ihr Braut-Geschenk, in einem Kamm und Collier von Rubis balais bestehend, ganz superbe.

Um Mitternacht. Die Verlobung ist vorüber und ich dadurch um einen bedeutenden und wichtigen Schritt näher dem so lang ersehnten Ziel. Gott wolle mir stets die Zukunft so heiter und zufrieden gestalten, als sie mir jetzt leuchtet und wie es die Gegenwart ist. Dies ist Alles sagen, was ich vermag, indem es ja alles sagt, was ich über Augustens Eigenschaften aussprechen kann. Die wichtigen Momente im Leben weiß sie gerade auf eine so schöne und hohe Art zu nehmen und mit mir zu besprechen, daß sie mir täglich edler und besser erscheint. Zu Gott flehe ich, daß er sie mir so erhalte und mich ihr würdig.

Ewig ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Weimar, den 1. März 1829.

Ihre Wünsche sowie die meinigen sind hinsichtlich des Termines und Ortes glücklich erreicht... ich habe mich mit der Großfürstin vor mehreren Tagen völlig über Alles ausgesprochen, Vergangenes und Zukünftiges; über das Vergangene sagt sie, sei Friede geschlossen durch die gegenseitig zuletzt gewechselten Briefe. Über die Zukunft, d. h. Termin und Ort der Vermählung[50], erklärte ich, daß ich Ihnen Alles übergeben hätte, seitdem Sie die Gnade gehabt hätten, auf jenen Brief der Großfürstin an mich zu antworten, ich also ganz nach Ihren Ansichten handeln würde und gleich Ihnen ruhig der Entscheidung entgegen sähe. Schon in dieser Unterredung merkte ich, daß sie entschlossen war, in Alles einzuwilligen, daß aber, wie sie damals sagte Mühe haben würde, den Großherzog zu disponieren.

Weimar, den 10. März 1829.

Gerade in +diesem+ Jahre den heutigen[51] Tag entfernt von Ihnen und dem teueren Ort zu begehen, der uns in der Mittagstunde zusammenführt, können Sie leicht denken, ist mir eine unendlich schmerzliche Entbehrung. Denn wie viel umfassend müßte heute wohl ein Gebet sein, daß an jener Stelle nur um so inbrünstiger und bedeutungsvoller gewesen sein würde. Ich habe +ihren+ Segen erfleht auf Alles, was in diesem Jahre mich so entscheidend treffen soll. Wäre +sie+ noch unter uns, so hoffe ich, würde sie mit der getroffenen Wahl zufrieden gewesen sein und die neue Tochter geliebt haben. An dem heutigen bedeutungsvollen Tag muß ich Ihnen also Augusta von Neuem empfehlen und Ihnen allein, da keine Mutter sie bei uns empfängt, deren Segen aber immer unter uns bleiben wird und so sich auch auf Augusten ausbreiten wird...

Die Mitteilungen kürzlich über unsern Finanz-Zustand haben allgemeines Interesse erregt, da sie den Flor desselben ankündigen. Mir, als Militär, ist dabei natürlich die ersparte Summe von 600000 Tlr. beim Kriegs-Etat in die Augen gesprungen und wenn ich freilich vermuten muß, daß diese Ersparnis für andere militärische oder allgemeine Staats-Haushalts-Angelegenheiten verwandt worden ist, so hat sich bei mir der Wunsch aufgedrängt, ob nicht ein Teil dieser Summe zum Etat des Kriegsministers gebracht werden könnte und zwar, um dafür unsere Cavallerie-Regimenter zu verstärken. Diese Argumentation scheint mir dasjenige zu sein, was Ihre Armee am notwendigsten bedarf, sobald die Finanzen es erlauben. Da Sie selbst vor Kurzem die Ansicht aussprachen und ich durch die Anschauung der starken russischen und österreichischen Cavallerie-Regimenter erneut auf die Wichtigkeit der Argumentation der unsrigen aufmerksam ward, so habe ich mich mit diesem Gegenstande beschäftigt... bei der Wichtigkeit des Gegenstandes und der vielleicht disponiblen Fonds unterstehe ich mich, hierauf aufmerksam zu machen, hoffend, daß diese freilich unberufene Einmischung mir von Ihnen nicht ungnädig aufgenommen werden wird.

Weimar, den 6. Juni 1829.

Um 11 Uhr bin ich hier angelangt und habe Alles wohl angetroffen, wenngleich auch Alles durch die bevorstehende Trennung und die vielen Abschieds-Scenen recht wehmütig gestimmt ist.

Vor allem soll ich aber melden, daß die Groß-Fürstin und der Großherzog sich entschlossen haben, nunmehr auch zur Vermählung nach Berlin zu kommen. Die Großfürstin fragte mich, ob sie es ohne Ihre Einladung tun dürfe; ich erwiderte, daß es den Eltern wohl nie benommen werden könne, ihr Kind zur Vermählung zu begleiten. Nun, dann soll mich der Kaiser beim König melden, sagte die Groß-Fürstin; der Großherzog wird Ihnen selbst dieserhalb schreiben... Sie können sich denken, wie froh Augusta und ich über diesen Entschluß ihrer Eltern sind, der den Abschied noch etwas hinausschiebt. Es ist kaum möglich, unter schöneren und froheren äußeren Auspizien eine Vermählung zu feiern; man könnte ganz hochmütig werden, wenn man nicht die Demut zu Hilfe nimmt. Gott gebe eine so glückliche Zukunft, als der Moment schön ist.

Halle, den 7. Juni 1829.

Die glücklich erfolgte Ankunft Augustens an Ihrer Grenze und im ersten Nachtquartier Merseburg eile ich Ihnen sogleich zu melden. Der heutige Morgen war natürlich ein schwerer Moment für meine arme Braut. Früh 7 Uhr waren wir in der Kirche, wo wir Stärkung und Fassung erflehten. Der Lehrer Augustens predigte und recht von Herzen. Bis 11 Uhr blieben wir dann beisammen ~en famille~. Um halb 12 erfolgte die Abreise. Ich fuhr fort, als das Abschiednehmen begann. An der Grenze erwartete ich Augusta, wo sie kaum eine halbe Stunde nach mir eintraf und ich sie im neuen Vaterlande bewillkommnete. Im starken Regen verließen wir Weimar, aber an der Grenze schien die Sonne herrlich und warm. Möge es ein günstiges Vorzeichen meiner Zukunft sein. Wie glücklich ich mich fühle, Augusta bei uns zu wissen, begreifen Sie. Und nun auch zu sehen, wie sie sogleich nach der schweren Trennung eine Stütze in mir sucht, ist mir unbeschreiblich rührend und tröstlich.

Von der Grenze bis Merseburg fehlte es denn auch nicht an unzähligen Ehrenpforten, Reden, Gedichten, weißgekleideten Mädchen. Alles war sehr hübsch geordnet, ordentlich und herzlich. Morgen will Augusta noch in Merseburg dem Gottesdienste beiwohnen und um 10 Uhr abreisen. Ich habe mich der Etikette wegen hierher begeben, werde aber zur Kirche in Merseburg sein. Gott geleite uns gnädig in Ihre Arme und in die Mitte der teueren Familie.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Weimar, den 26. Oktober 1829.

Preußen scheint in einem nie gekannten Ansehen in Süddeutschland zu stehen und wohl sehr mit Recht. Ein Aufsatz im Hesperus, einer Dresdner Zeitschrift[52], zeugt hiervon aufs deutlichste, den ich mit großem Interesse gelesen habe. Hier ist der Preußen-Sinn noch nicht der stärkste, was sich neuerdings durch den auf 12 Jahre verlängerten Zoll-Verband der kleinen Mächte erweiset. Ich habe hier mehrere der Herren gesprochen, die Alle wünschen sich anzuschließen an Preußen und Bayern ect., aber eine gewisse Rückschau ist allenthalben bemerkbar, die sie nie mit ganzer Sprache herauskommen läßt. Ich habe ihnen also die Zunge zu lösen gesucht und gesagt, daß wir wohl wüßten, daß Preußen von Wien aus als eine gefährliche, sich vergrößernde Macht geschildert würde, daß ich aber ersuchte, den Weg zu beobachten, den Sie seit 15 Friedensjahren gegangen wären, ob da wohl im geringsten eine solche Tendenz bemerkbar sei? Die embarassierten und widersprechenden und nichtssagenden Antworten, die ich darauf erhielt und die mir große Genugtuung waren, vermag ich hier nicht aufzuzeichnen. Auch an diesen Antworten habe ich gesehen, daß die Wahrheit ohne Rückhalt gesagt, Wunder wirkt, da man noch selten gewohnt ist, die Sachen und Verhältnisse beim rechten Namen zu nennen. Trotz dem 12jährigen Bunde kamen jetzt Deputierte nach Berlin, um zu einem gemeinsamen Bunde zu unterhandeln, also sind jene 12 Jahre eine reine Chimäre...

Weimar, den 5. November 1829.

Ich habe noch eine sehr lange und interessante Unterredung mit dem hiesigen Faiseur, Geheimrat Schweitzer[53], gehabt, den mir der Großherzog schickte, um über die Handels-Verhältnisse zu sprechen. Ich habe gegen ihn wie gegen Alle die gleiche offene und wahre Sprache geführt und die Satisfaction gehabt, zu sehen, daß auch dieser aus Verstand und Finesse zusammengesetzte Mann nichts einwenden konnte gegen die Tatsache, die ich anführte, nämlich daß ich niemals ein freundschaftliches Verfahren und kein annäherndes gegen Preußen darin finden könnte, wenn man sich in einem anti-Preußischen Bund auf 12 Jahre länger bindet, während man zugleich mit Preußen unterhandeln will. Da ich ganz und gar die Stellung Preußens so erkannt habe, wie Sie es angeben, so hoffe ich durch die freie Darlegung dieser unserer Stellung hier vielleicht Gutes bewirkt zu haben. Die Groß-Fürstin sprach mir heute ganz in diesem Sinne, nachdem sie noch vor wenigen Tagen, wie ich durch Augusta weiß, eine ziemlich andere Gesinnung offenbart hatte. Ja, sie ging sogar so weit, daß sie sagte: Sie müßten mehr tun, um Deutschland zu sich und von Österreich abzuziehen. Ich erwiderte, daß ich nicht glaubte, daß Sie dies tun würden, da mir dies auch nicht nötig schien, indem es nur Jalousie geben könne, auf der andern Seite aber Sie die Satisfaction bereits hätten, viele Mächte sich Ihnen nähern zu sehen, und in einem Worte faßte ich es so zusammen: ~Le Roi verra venir les autres~.

Eine Klage, die ich öfters schon hörte und hier auch wieder, ist die, daß die Beamten nicht immer in dem geziemenden Tone zum Auslande sprechen und daß namentlich die Räte in den Ministerien und Regierungen darin fehlen und dadurch, daß sie in anmaßendem Ton reden und schreiben, sie mehr die Stimmung gegen Preußen als für dasselbe gewinnen. Eine Prüfung der Befehle in diesem Punkte dürfte gewiß nicht überflüssig sein, obgleich ich meine Überzeugung darüber dahin ausgesprochen habe, daß die Arrogance einiger Beamten doch unmöglich eine Mißstimmung gegen eine sonst so anerkannt erleuchtete Regierung erzeugen könne.

Das eigene Heim.

Berlin, den 11. März 1830.

Nachdem Sie so gnädig gewesen sind, für Carl und Albrecht bestimmte Palais zu ihren immerwährenden Wohnungen anzuweisen, darf auch ich wohl erneut mit der Bitte herantreten, auch uns ein wirkliches Palais verleihen zu wollen. Da freilich nun alle vorhanden gewesenen prinzlichen Palais, außer der Universität, zu ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgekehrt sind, so kann erklärlich nichts anderes übrig bleiben, wenn Sie die Gnade haben wollen, mich mit meinen Brüdern gleich zu stellen, als ein Privathaus zu wählen und dasselbe nach Palaisdimensionen einzurichten und umzubauen oder ein ganz neues zu erbauen. Zu letzterem Projekte lag Ihnen bereits früher ein Plan vor.

Wir können aber nicht leugnen, daß seitdem wir unser jetziges Haus bewohnen, uns die Lage desselben in jeder Beziehung so angenehm und so jeder anderen Lage vorzuziehen erscheint, daß wir den Plan gefaßt haben, dasselbe uns von Ihnen als bleibende Palais zu erbitten und es dieserhalb dem notwendigen Umbau zu unterwerfen. Wir haben daher einen Plan zu diesem Umbau selbst entworfen, ihn auch durch Geh. Rat Schinkel[54] prüfen und corrigieren lassen, und dieser Plan ist es, den ich Ihnen in der Anlage untertänigst vorlege[55].

Der große Übelstand, der unserem jetzigen Hause anklebt, ist, daß es weder Hofraum noch Stallungen hat und wegen seiner geringen Ausdehnung und Terrainbesitz keine Vergrößerung erlaubt, ohne das Grundstück, welches der Minister von Schuckmann jetzt inne hat, zu überschreiten.

Ohne Zuziehung dieses Grundstückes zu dem unsrigen ist daher eine Palais-Einrichtung hier für uns unmöglich. Der anliegende Plan zeigt, in welcher Art allein auf eine bequeme Art die Ställe und Remisen angelegt werden können und wie dadurch ein Hofraum noch übrig bleibt, der die notwendigste Größe hat.

Was nun unser Haus an und für sich anbetrifft, so glaubten wir anfänglich die Mauern der unteren Etage conservieren zu können: es hat sich aber gezeigt, daß sie viel zu schwach sind, um einen höheren Bau zu tragen; auch daß die Balkenlagen der Etagen schon so verdorben sind, daß sie erneuert werden müssen. Das Haus wird daher müssen ganz abgerissen werden; die dadurch entstehenden Kosten werden durch das dabei gewonnene Material wiederum gedeckt. Um dem Hause aber einige etwas größere und Palaisdimensionen im Innern geben zu können sowie eine regelmäßige Mitte, die ihm bisher fehlte, so ist eine Vertiefung nach dem Hofe zu, eine Erweiterung auf die Hälfte des kleinen Gartens und ein Überbau über die Gasse nach dem Niederländischen Palais[56] projektiert, wozu die Genehmigung der Tante[57] einzuziehen sein würde. Die so zu gewinnende Mitte ward bedingt durch das Grundstück der Bibliothek, von welchem dennoch einige Fuß genommen werden mußten und daher nicht noch mehr vom kleinen Garten zugezogen werden konnte. Der Rest des Gartens würde in eine Art Terrasse verwandelt werden können. Der kleine Hof hinter dieser Terrasse mußte wegen einiger Bibliotheksfenster ausgespart werden.

Die Einteilung der Wohnungen in den verschiedenen Etagen geht aus den Plänen hervor. Was die Wohnung anbetrifft, so ist sie für den Fall der möglichen Nachkommenschaft bestimmt. Das jetzige Schuckmannsche Haus würde nur die drei Wohnungen der Oberhofmeisterin und der beiden Hofdamen aufnehmen, sowie das Hofmarschallamt, meine beiden Militärbureaus und die Wohnung für das auf Quartier Anspruch habende Domesticale. Sollte dann noch Raum übrig bleiben, so würde ich einige meiner alten Diener, welche bis zu meiner Verheiratung freie Wohnung hier hatten, dort unterbringen, die es wohl verdienen, da einer derselben jetzt 30 Jahre, ein anderer 28 Jahre, 20 Jahre bei mir ist. Außerdem reicht das Kellergelaß im zu erbauenden Palais nicht aus, so daß die des Schuckmannschen Hauses ebenfalls gebraucht würden.

Sie werden sich hiernach gnädigst überzeugen, daß, wenn streng genommen nicht das ganze Schuckmannsche Haus vielleicht gebraucht würde, doch eine Teilung desselben unmöglich ist, es auf der anderen Seite wiederum gar nicht zu entbehren ist. Auch in der Zukunft dürfte es vielleicht noch sehr nützlich werden.

Die Unterbringung des Ministeriums des Innern dürfte keine Schwierigkeiten haben, indem das Haus des Staatskanzlers in sofern disponibel ist, als der Geheimrat v. Stägemann[58] in demselben zur Miete wohnt. Die Bureaus des Ministers Graf Lottum[59], welche sich in jenem Hause befinden, oder die des Ministers v. Schuckmann[60] würden die Acquisition eines kleinen Locals nötig machen. (Als Carl sein Palais erhielt, mußten für den Generalstab und für das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten gleichfalls Locale beschafft werden.) Übrigens wird die Deplacierung des Ministeriums des Innern ungefähr erst in zwei Jahren nötig, da der ganze Bau und die Einrichtung bis zum Einziehen wohl drei Jahre erfordern würde, im dritten Jahre aber erst mit dem Bau der Stallungen vorgeschritten zu werden braucht. Im Schuckmannschen Hause selbst würden nur unbedeutende Wohnungseinrichtungen vorkommen, wie dies in jedem lang bewohnt gewesenen Hause der Fall ist, die Damen sich überdies selbst möblieren müssen und für die Bureaux-Einrichtung alles existiert.

Demungeachtet kommt der Kostenanschlag schon hoch genug und erreicht dieselbe Summe, welche alle diejenigen Projecte erreichten, die ich Ihnen voriges Jahr vorlegte. Der Geh. Rat Schinkel hat nämlich den Bau nach den höchsten Sätzen (die des Museums) angeschlagen, um eher dahinter in der Ausführung zu bleiben, als sie zu übersteigen, wonach derselbe mit der ganzen Einrichtung bis zum Einziehen 340000 Thlr. beträgt. Von den hierin begriffenen 80000 Thlr. Einrichtungskosten gehen die sämtlichen Möbel ab, welche bei der Einrichtung unsers jetzigen Hauses angeschafft wurden, wodurch die Summe noch um Etwas also sich ermäßigt.

Was für eine Einrichtung hinsichtlich unsers jetzigen Hauses und des Schuckmannschen getroffen werden soll, wird von Ihrem Befehl abhängen, ob dieselben nämlich von ihren jetzigen Behörden erkauft werden oder ob sie wie bisher auf deren Rechnung benutzt werden sollen. Das unsrige gehört nämlich dem Militärfond und das Schuckmanns der Landeswitwenkasse. Der Kauf beider Grundstücke würde ungefähr 100000 Thlr. betragen.

Wenn Sie nun die Gnade hätten, diesen Bau zu genehmigen, so würde ich vorschlagen, denselben unter Schinkels Leitung durch einen Militärcommissarius, Capitän Moser, ausführen zu lassen, weil derselbe gewiß manche Ersparnis erzielen wird.

Während des Baues selbst würden wir Sie gnädigst ersuchen, uns im Schloß eine Wohnung zu bestimmen, vielleicht einen Teil des großen Appartements des seligen Königs, sodaß ich meine alten Zimmer wieder bewohnen könnte. Auf diese Art wird keines des gewöhnlich im Gebrauch seienden Fremden-Appartements der Disposition entzogen.

Wir dürfen vielleicht um so rascher einer Entscheidung von Ihnen entgegensehen, da für diesen Sommer unserm Hause, wenn wir es so ferner bewohnen müßten, eine Hauptreparatur bevorsteht, indem das Dach fast ganz neu gebaut werden muß, die Schornsteine so baufällig sind und so feuergefährlich angelegt, daß die Balken seit mehreren Wochen, vom Putz abgefallen, in den Schornstein frei hineinstehen, daß sie neu gebaut werden müssen, wobei sämmtliche Plafonds ruiniert werden und wahrscheinlich auch die Tapeten; die Balkenlage zwischen den Etagen teilweise erneuert werden muß, wodurch also die Parquets und die ganzen Stuben ruiniert würden. Somit würde diese Hauptreparatur sehr viel Geld kosten und doch nur ein sehr schlechtgebautes Haus nur teilweise ausflicken.

Wie schön übrigens das neu zu schaffende Palais den Platz hier zieren würde, brauche ich kaum anzuführen, da es zu den übrigen schönen Gebäuden ein schöner Schluß sein würde, um so mehr, da, wie ich höre, die Statue Friedrichs des Großen hier vor unsern Fenstern errichtet werden soll.

Der Geheimrat Schinkel hängt freilich sehr an seinem früheren Projekt auf dem Packhofe, was gewiß sehr schön ist, aber wegen seiner zurückgezogenen Lage uns mit der hiesigen Lage nicht vergleichbar erscheint. Ich lege dieses Projekt auch wiederum bei[61] und bemerke nur, daß der Kostenbetrag desselben, wie ich ihn voriges Jahr angab, viel zu gering war und er nach den jetzt für den hiesigen Bau von Schinkel angenommenen Sätzen sich nicht auf 300000 Thlr. beläuft, sondern auf 415760 Thlr., wobei der Bau von zwei Quais und der Ankauf des Platzes (aus dem Museumsfond) nicht mit inbegriffen ist.

Um die Übersicht zu haben, wie die jetzigen Grundstücke, welche wir und Schuckmann bewohnen, zu einander liegen und gebaut sind und wie die projektierten Veränderungen sich dazu verhalten, habe ich den Plan ~C~ beigefügt. So sehr wir nun erwartungsvoll Ihrer gnädigen Entscheidung entgegen sehen, wohl einsehend, daß es nichts Geringes ist, was für uns wir von Ihrer Gnade erbitten, namentlich wenn ein Vergleich der nötig werdenden Summen gegen die Summe gezogen wird, welche Sie für Carl und Albrecht bewilligt haben, aber dies gehet lediglich aus dem Verhältnis hervor, daß bei uns nicht wie bei den Brüdern von der Einrichtung eines Palais zum Palais, sondern von der Umformung eines Privathauses in ein Palais die Rede ist, da keine Palais mehr vorhanden sind, wenn nicht das Projekt wieder aufgenommen würde, die Universität dadurch wieder disponibel zu machen, daß man sie nach dem dazu einzurichtenden Academiegebäude überträgt.

Sollten wir von Ihrer Gnade die Bewilligung der hier gemachten Vorschläge erlangen, so würden wir Ihnen unendlich dankbar sein, wie wir es schon für so viele Beweise Ihrer Liebe und Gnade ewig sein werden.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Berlin, den 29. April 1830.

Soeben erhalte ich ein Schreiben des Kriegsministers, eine Antwort auf den Vortrag, den ich ihm in Bezug auf meine militärischen Ausgaben gemacht hatte, in welcher er mir Ihre genommene Entscheidung über diesen Punkt mitteilt. Wenngleich ich gehofft hatte, von Ihrer Gnade einen Zuschuß zu erhalten, bei den ganz klar nachgewiesenen Mehrausgaben jährlich von 800 Rthlr., so muß ich Ihre abschlägige Antwort hierauf freilich ruhig hinnehmen, nicht so aber kann ich dies mit der Ankündigung, die Sie mir durch den Kriegsminister machen lassen, daß Sie mich vom Commando der ersten Gardedivision entbinden wollten, wenn mich dasselbe wegen meiner pecuniären Verhältnisse geniere. Vor 10 Jahren berief mich Ihre Gnade zu diesem Commando, noch in einem sehr frühen Alter. Als Sie mich wenige Jahre darauf an die Spitze des III. Armeecorps stellten[62], beließen Sie mir jenes Commando und da durfte ich wagen zu hoffen, daß Ihr Vertrauen und Ihre Zufriedenheit mit meinen Leistungen es war, die mich dieses Vorzuges eines doppelten Commandos würdigten. Die Anhänglichkeit, welche ich an dies mein erstes selbstständiges Verhältnis habe, sowie, ich darf es aussprechen, die Anhänglichkeit, welche mir jene Untergebenen seit 10 und 12 Jahren bewiesen haben, sind Ihnen nicht unbekannt geblieben; meinen ganzen Stolz setzte ich in das bewiesene Vertrauen, einem Commando vorzustehen, von welchem die Instruction in die ganze Armee übergegangen ist und jährlich übergeht. Und diesen mir so teuer gewordenen, ehrenvollen Posten lassen Sie mir jetzt anbieten, um 400 Rthlr. aufzugeben, nachdem Sie durch den Kriegsminister mir sagen ließen, daß Sie annehmen, daß die Prinzen Ihres Hauses es als eine Ehrensache betrachten würden, wenn Ihre Gnade ihnen Militärcommandos anvertraut. Ich darf es Ihnen nicht verschweigen, daß dies Anerbieten, aus +diesem+ Grunde, mein Inneres so gewaltsam erschüttert hat, daß nur Tränen meinem gepreßten Herzen Luft machen konnten. Das Gefühl der Ehre ist in mir so rege, daß es sich nur mit dem Gefühl der Dankbarkeit vergleichen kann, welche mich belebt, daß Ihre Gnade mich berief, in ausgedehntem Wirkungskreise dieses den Militär-Stand allein leitende Princip immer mehr zu verbreiten und recht innig mit dem Geiste meiner Untergebenen zu verschmelzen. Daß Sie dies Ehrgefühl je bei Ihren Söhnen vermissen könnten, ist unmöglich. Unfähig werden Sie mich daher auch halten, aus Mangel an Ehrgefühl und um 400 Rthlr. weniger auszugeben, eine Stelle aufzugeben, die bisher mein Glück wegen ihrer Wichtigkeit und wegen Ihres bewiesenen Vertrauens machte. Sollte ich dies Vertrauen verloren haben, so bin ich jeden Augenblick bereit, einem Würdigeren meine Stelle zu überlassen.

Was nun jedoch den von Ihnen verminderten Zuschuß von 800 Rthlr. betrifft, so muß ich mich wenigstens über den Verdacht rechtfertigen, als wäre jene Forderung unbillig. Denn ich kann nur annehmen, daß +dies+ der Grund ist, der mir Ihre Verweigerung zuzog. Ich unterstehe mich daher Ihnen hier meine ganzen pecuniären Verhältnisse darzustellen.

Der mir bewilligte Etat von 88000 Thlr. ist in seine bestimmten Etats abgeteilt und Ersparnisse bei denselben sind sehr unsicher. Für unsere Person beziehen die Princeß und ich jeder 6000 Thlr. von diesem Haupt-Etat, von welchem, wie Sie leicht denken können, bei der Princeß, die gar nichts von zu Hause erhält, nichts erspart werden kann; ich kann nicht nur nichts zurücklegen, sondern brauche die mir von Ihnen so sehr gnädig verliehenen 11000 Thlr. Zulage vollkommen. Sollten Sie eine Durchsicht meiner Rechnungen befehlen, so scheue ich diese nicht, da ich, eingedenk Ihrer Worte, als Sie mir jene Zulage gaben: „daß wir auch eine gute Anwendung von derselben machen sollten“ versichern darf, daß die Hälfte auf Unterstützungen verwendet ist. Der erste Jahresabschluß meiner Etats-Rechnungen hat eine Ersparnis von 4000 Thlr. ergeben. Davon sind 3000 Thlr. zur Reise nach Weimar gebraucht worden, so daß 1000 Thlr. erspart sind. Sollte eine solche Reise also auch nur ein Geringes mehr einst kosten, so ist gar kein Überschuß vorhanden. Dieser Fall dürfte bereits in diesem Jahre eintreten, wo die schlesische Reise, die zur Revue usw. vorkommen werden. An den mir bewilligten Inspektionsreise-Geldern wird fast nichts erspart, da sie nach dem Bedürfnis bewilligt wurden. Aus dieser getreuen Übersicht werden Sie sich gnädigst überzeugen, wie sehr mich eine, nun also zur Norm werdende Mehrausgabe von jährlich 800 Thlr. genieren muß, da die möglichen Ersparnisse nur hinreichen, extraordinäre Ausgaben wie Reisen ect. zu leisten. Was nun noch die Summe betrifft, welche ich mein Vermögen nenne, und welche aus den Ersparnissen seit meinen Kinderjahren besteht, die mir der General Braun im Jahre 1817 übergab sowie aus der Erbschaft von Mama und aus den Etatersparnissen bis zum vorigen Jahr, so beläuft sich diese auf 70000 Rthlr. Von denselben habe ich beinahe 30000 Thlr. teils zinsenfrei, teils verzinset nach und nach verliehen und dürften mehrere (Teile) dieser Summe, wie ich bereits mehrfach die Erfahrung gemacht habe, wohl nicht zurückzuerhalten sein, ohne geizig und indelicat zu erscheinen.

Das ist also die einzige Summe, über die ich disponieren kann, die sich aber, wie gezeigt, nicht vermehren, sondern nur vermindern kann. Wenn Sie nun gnädigst bedenken, daß ich noch keine Besitzung habe, also weder zur Acquerierung einer solchen noch zur Unterhaltung derselben diese Summe bisher verwandte, ich auch noch kein Palais besitze, dessen Einrichtung gewöhnlich die angeschlagenen und bewilligten Kosten, wie bekannt fast bei allen Bauten, übersteigt, Sie diese Mehrkosten aber, wie bei Carls Palais-Bau, nicht zu übernehmen die Gnade haben, so werden Sie sich ebenso gnädigst überzeugen wollen, daß ich alle Ursache habe, mit meinem sogenannten Vermögen haushälterisch umzugehen, ungerechnet, daß man doch vernünftiger Weise eine Summe sich für unvorhergesehene Fälle und für jede Zukunft zu erübrigen sucht.

Ihrer gnädigen Überzeugung und Ansicht muß ich es nun, nach dieser wahrhaften Darstellung, überlassen zu beurteilen, ob ich eine unbillige Forderung tat, wenn ich um 800 Thlr. Zuschuß antrug und bemerke ich nur nochmals, daß ich beim Generalcommando 6 Zulagen an Adjutanten zu zahlen habe, aus dem Militär-Zuschuß, während Fritz[63] mit demselben Zuschuß nur 3 Zulagen zahlt, hier also eine Vergleichung, wie Sie sie mir durch den Kriegsminister aufstellen lassen, nicht haltbar erscheinen dürfte. Daß ich diese Zulagen jedoch verringern sollte, kann wohl in Ihrer Intention nicht liegen, da es sich mit der Würde meiner Stellung nicht vereinigen läßt.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Der Hallenser Kirchenstreit.

Ems, den 19. Juli 1830.

Die Ereignisse zu Halle[64] in kirchlicher Hinsicht ziehen die Aufmerksamkeit von ganz Deutschland ungemein auf sich. Überall hört man davon sprechen und ist sehr gespannt auf ihren Ausgang. Niemand kann sich denken, daß die zwei questionierten Professoren im Amt bleiben können, da eine bloße Verwarnung nicht ausreichend erscheint bei der allgemeinen Aufmerksamkeit, die die Sache erregt hat, und ein Exempel zu statuieren wohl im höchsten Grade notwendig geworden ist. Denn bei dem regen Leben für Religion und deren Wahrheiten, das sich jetzt wiederum zeigt, sollte ich meinen, könnte man der entgegengesetzten Richtung der verfälschten Religion nicht kräftig und bestimmt genug entgegentreten. Daher erscheint mir der Ausgang der Halleschen Händel ungemein wichtig in jeder Beziehung. Sehr schlimm ist es freilich, daß die gedruckte Dogmatik[65] dieser Herren so allgemein verbreitet ist, so allgemein nach ihr gelehrt wird und von allen rationalistischen Geistlichen, deren es nur noch zu viele gibt, den jüngeren Theologen empfohlen und gepriesen wird, so daß die Absetzung des Verfassers im Amt zwar noch nicht Allem abhelfen wird, aber doch Allen die Augen öffnen muß... Eine andere Klippe, die zu umschiffen bleibt, ist nun wieder die sogenannte Frömmelei, die affichierte Zungen-Religion, worin mir viel Eitelkeit und überhebendes Wesen zu liegen scheint, sowie ein böser Schritt zum Sectieren und Separieren. Ich höre, daß Herr v. Gerlach, der Bruder des meinigen[66], der jene Hallenser Dinge ans Licht brachte, auch in dieser frömmelnden Richtung sein soll und da wäre es auch wohl weniger eitel gewesen, wenn er die Sache nicht hätte drucken lassen, so ihm ja der Weg offen stand, Ihnen die Anzeige jener Abscheulichkeiten zu machen...

Die Pariser Julirevolution.

Mit dem Regierungsantritt Karls X. im Jahre 1824 waren in Frankreich rückschrittliche Tendenzen und Elemente erneut ans Ruder gekommen. Gesetzgebung, Verwaltung und Presse gerieten in mannigfache Abhängigkeiten, Parteikämpfe erfüllten die Kammern, Leitungen, Gerichte und Salons, deren Debatten einen europäischen Widerhall fanden. 1828 kam es zu einer regierungsfeindlichen Mehrheit unter den Deputierten; an Stelle des Ministerpräsidenten Villèle amtierte Herr von Martignac, der vergeblich versuchte, eine gemäßigte Mittelpartei zu bilden. Karl X. glaubte daher im Juli 1829 ein Ministerium seiner Wahl einsetzen zu können, an dessen Spitze der unbeliebte Herzog Jules de Polignac trat. Der König hoffte durch Erfolge in der auswärtigen Politik durch Eroberungen am Rhein oder durch Kolonialerwerb in Algier eine Regierung nach seinem Sinne durchführen zu können; als aber die heimgeschickte oppositionelle Mehrheit der Deputierten-Kammer durch die Neuwahlen wieder dorthin zurückkehrte, begann die Situation sich zuzuspitzen; der „rechtlose Willkürakt“, durch den Karl X. mit seinen „Ordonnanzen“ vom 25. Juli 1830 das Wahlrecht einschränkte und die Preßfreiheit aufhob, kostete ihm den Thron. Die Pariser Revolution vom 26. bis 29. Juli, deren allgemeine Bedeutung nach einem Worte Jakob Burckhardts in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ als europäische Erschütterung viel größer als die spezielle politische war, der dreitägige Aufstand, in welchem die Pariser Liberalen durch das großstädtische Proletariat den legitimen König davonjagen ließen und den nationalen auf den Thron setzten, das Werk der studierenden Jugend und gleich ihr republikanisch gesinnter Arbeiter triumphierte über die militärischen Mittel des verblendeten Königs. Der Befehlshaber der königlichen Truppen, Marschall Marmont, konnte die Lage nicht halten; die „Ordonnanzen“ wurden zurückgezogen und ein volkstümliches Ministerium mit dem Herzog von Mortemart in Aussicht genommen; trotzdem aber verhandelte der König insgeheim mit den Männern um Polignac weiter und verlor somit die letzte Möglichkeit eines Ausgleiches; in der Frühe des 30. Juli hatte der jugendliche Thiers, der Redakteur des „~National~“, der am meisten zum öffentlichen Widerstande gegen die „Ordonnanzen“ beigetragen hatte, durch einen glänzend stilisierten öffentlichen Aufruf auf den Herzog von Orléans als auf den kommenden Mann Frankreichs hingewiesen. Im Stadthaus von Paris führte der alte Lafayette wie einst im Jahre 1789 die Nationalgarden des Landes, und die Riesenstadt zitterte vor einer Wiederholung blutiger Straßenkämpfe.... da beschleunigte jener meisterhafte Aufruf die Bildung einer Partei Orléans.

Louis Philippe, Herzog von Orléans, hatte sich in den entscheidenden Tagen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen; jetzt erging an ihn die Aufforderung, den Posten eines Generalstatthalters zu übernehmen, der er sich nicht mehr entziehen konnte. Im Laufe des 31. Juli hatte er durch eine Proklamation diese Würde angenommen und zeigte sich mit Lafayette unter der Trikolore dem Volk: das Schicksal Karls X. war besiegelt; am 2. August hat er mit dem Dauphin auf die Krone verzichtet, und wenige Tage später bestieg der „Bürgerkönig“ Louis Philippe den Thron von Frankreich. Seine europäische Anerkennung ist verhältnismäßig rasch erfolgt.... Prinz Wilhelm weiß in den nachfolgenden Briefen dieses Vorgehen der Mächte nicht scharf genug zu tadeln. Im selben Monat, am 25. August 1830, brach in Brüssel die belgische Revolution aus; noch waren die europäischen Kabinette durch die französischen Ereignisse derartig verwirrt, daß sie diesen neuen, gefährlichen Unruhen zunächst verhältnismäßig gleichgültig gegenüberstanden. Durch einen Besuch bei dem ihm verwandten niederländischen Hofe Im Haag hatte Prinz Wilhelm die Ereignisse in Paris fast aus nächster Nähe miterleben können; wenn ihn auch Ende August desselben Jahres eine militärische Inspektionsreise nach dem Rheinland rief, so blieb er doch mit dem niederländischen Hofe in enger Verbindung und erlebte den Beginn der Trennung der durch die Willkür der Großmächte 1814/5 zusammengekuppelten Nationalitäten der Holländer und Belgier.

Das kunstreiche Gebilde des europäischen Friedens mit seinen wohlabgemessenen und aufeinander berechneten Pfeilern, Legitimität der Krone, christlicher Sinn der zur heiligen Allianz vereinten Monarchen-Völker, die je nach ihrer geschichtlich gewordenen Eigentümlichkeit ihren gesetzlichen Anteil am Leben besaßen --, dies Gebäude, umsorgt von den einen, gehaßt von den andern, das selbst die gefährliche Erschütterung des Aufstandes der Griechen gegen ihren legitimen Sultan schließlich überdauert zu haben schien, stürzte zusammen. Kunst, Weisheit und Gesittung, die in seinem Innern Schutz gefunden hatten, schienen aufs neue gefährdet. Nichts Geringers als einen Rückfall in die Barbarei, einen neuen Dreißigjährigen Krieg weissagte Niebuhr. Die Angst, daß wie vor vierzig Jahren das Feuer nicht auf seinen Herd beschränkt bleiben und die Welt wiederum in seine Flammen getaucht werden würde, schien Recht zu bekommen, als die Revolution nach Belgien übergriff. Preußen begann vielleicht gar, nicht allein durch die Nachbarschaft der Rheinprovinz, sondern vor allem durch das nahe verwandtschaftliche Verhältnis seines Königs zu dem Beherrscher des niederländischen Gesamtstaates -- Friedrich Wilhelms III. Schwester Wilhelmine war die Gattin des Königs der Niederlande -- unmittelbar hineinverwickelt zu werden, ganz abgesehen davon, daß sich für ein revolutionäres Frankreich aus dem benachbarten -- belgischen -- Ereignis ungeahnte Möglichkeiten zur Wiederaufnahme der Politik von 1792 ergaben. Eine Wolke neuer Revolutionskriege drohte am Horizonte heraufzuziehen.... Doch die belgischen Verhältnisse klärten sich.... die Londoner Botschafterkonferenz gab der von den Revolutionären durchgeführten Trennung ihren nachträglichen Segen; im Januar 1831 wurden unter dem Vorantritte Preußens von dem vereinigten Europa die Grundmauern des zukünftigen belgischen Staates gelegt.

Im Haag, den 28. Juli 1830.

.... Der gestern hier bekannt gewordene ~Coup d’état~ des Königs von Frankreich erregt allgemeines Aufsehen und allgemeine Besorgnisse. Die Nachrichten, die man hier haben will, sollen, wenn sie gegründet sind, die Besorgnisse sehr gegründet erscheinen lassen und eine nicht zu berechnende Reaction befürchten lassen. Im entgegengesetzten Falle, d. h. wenn dieser ~Coup d’état~ glückt und ohne Reaction verläuft, so ist Charles X. nur Glück zu wünschen, denn die Wirtschaft würde doch zu toll in Frankreich, wenn nicht, so sind leider die Folgen unberechenbar.

Im Haag, den 2. August 1830.

Wenngleich ich annehmen darf, daß Sie von Allem unterrichtet sind, was sich Schreckliches in Paris in den Tagen vom 27. bis 30. ereignet hat, so nehme ich keinen Anstand, dasjenige Ihnen hiermit schleunigst zukommen zu lassen, was man hier teils direkt, teils indirekt erfahren hat. Die Abdication des Königs und des Dauphins zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux, unter Vormundschaft des Herzogs von Orléans, scheint sich nicht zu bestätigen. Herr d’Agoult, von dem erst heute die ersten Meldungen eingegangen sind, schreibt, daß Marschall Marmont noch einen Teil von Paris besetzt hält; eine Deputation der sich constituiert habenden Regentschaft hat ihm folgende Vorschläge gemacht: Der König soll sogleich das Ministerium wechseln, sogleich die Ordres vom 25. Juli zurücknehmen und die Kammern zum 3. berufen, dann wolle man weiter mit ihm unterhandeln. Marmont habe erklärt, er habe keine Instruktionen, werde aber Polignac aufsuchen, der in der Nähe sei. Nach einer halben Stunde sei er mit der Antwort gekommen, daß auf solche Conditionen nicht unterhandelt werden könnte, worauf ihm die Deputation erwidert: ~Voulez-vous donc la guerre civile?~ was Marmont mit einer stillschweigenden Verbeugung und weggehend beantwortet habe. Der König soll, nach Einigen, mit 8-10000 Mann nach der Vendée, nach Anderen nach Lille sich gewendet haben. In Lille waren auch Unruhen ausgebrochen, die aber durch die Garnison ohne Blutvergießen gestillt worden sind. Nach eben eingehenden Nachrichten hat die Stadt aus ihrer Mitte eine Municipalität gewählt. Die ganze Picardie soll im Aufstand sein. In Rouen sind die Unruhen den Parisern gleich gewesen. Da alle Nachrichten übereinstimmen, daß die Garde und die übrigen Truppen in Paris trotz des enormen Verlustes treu geblieben sind und von der übrigen Armee also wohl dasselbe zu erwarten steht, so behalte ich die Hoffnung, daß, wenn der König nur fest bleibt, er noch im Stande sein wird, die Sache herzustellen, wenn die erste Wut in Paris sich gelegt haben wird und zugleich die Politik des übrigen Europas sich als recht einig und imposant darstellt. Der König der Niederlande, bei dem ich gestern und vorgestern in Loo[67] war, wo gerade diese Nachrichten ankamen, war noch unentschieden, was er tun sollte; bevor er irgend ein Message an Karl X. sendet, falls er sich der Grenze nähert, will er erst abwarten, was derselbe für Maßregeln ergreift, doch scheint es, werden hier die Grenz-Festungen stärker besetzt und armiert und Alles zu einer schleunigen Complettierung und Mobilmachung vorbereitet. Der König hier ist der Ansicht, daß, den Fall ausgenommen, daß Charles X. mit seiner treu bleibenden Armee die Ruhe und seine Autorität wiederherstellt, jeder andere Fall nur die mittelbare oder unmittelbare Einwirkung der bewaffneten Macht der anderen Staaten nach sich ziehen kann, d. h. entweder einen Grenz-Cordon oder geradezu einen Einmarsch in Frankreich auf Wunsch seines Königs, um ihn zu restituieren. Aber dann nur Einheit und Übereinstimmung, um nicht etwa einzeln sich Extras auszusetzen. Mir scheint dies Raisonnement des Königs sehr richtig. Er ist für seine südlichen Provinzen ganz ruhig bis jetzt, und mit Recht, da alle geheimen Nachrichten von dort den Geist als sehr gut beim Empfang der schrecklichen Pariser Begebenheit schildern. Die Festigkeit des Königs diesen Winter hier gegen die Generalstaaten ist von unberechenbarem Nutzen also gewesen, wie man sieht. Gott gebe, daß alles so bleibt.

Das Extra-Blatt des Courier français, welches die heillose Proclamation Lafayettes an die National-Garde enthält, wie die 1000 anderen kleinen Charakter-Züge der ~citoyens~, werden Sie wohl erhalten haben, da es hier angekommen ist wie sonst die gewöhnlichen Zeitungen.

Ihnen den Eindruck, den dies Alles auf mich gemacht hat, zu schildern bin ich nicht im Stande. Bei Lesung dieser Sachen glaubt man Zeitungen von vor 40 Jahren zu lesen. Es ist wirklich gräßlich. Ich hatte den festen Glauben, bei Allem, was man in Frankreich sich trainieren sah, daß dennoch nichts zum Ausbruch kommen würde, weil eben die Nation die Greuel einer Revolution +gesehen+ hat und +kennt+, und also eher wie jede andere davor zurückbeben müßte. Aber nein. Eine 40jährige bittere Erfahrung hat sie nicht klüger, nicht ruhiger gemacht.

Sollte es wirklich zu Truppenbewegungen in dieser großen Catastrophe kommen, so darf ich wohl mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß Sie mich nicht vergessen werden, wenn selbst mein Corps nicht mobil gemacht würde.

Soeben erfahre ich, daß der englische Ambassadeur hier sich bereits über die französischen Angelegenheiten abgesprochen hat und zwar Englands Verhalten als völlig passiv geschildert, selbst in dem Fall, daß Charles X. die Unterstützung der Alliance in Anspruch nimmt. Daß man hier diese Ansicht nicht teilt und wohl nicht von vielen Gouvernements geteilt werden dürfte, begreift sich leicht, und namentlich ist wohl Niemand mehr interessiert an der Sache als Preußen und Niederland durch die langen Grenzen. Die Unbegreiflichkeit der englischen Politik verleugnet sich also wiederum nicht. Mögen nur die anderen Mächte recht einig sein und einen gemeinschaftlichen raschen Entschluß fassen, denn mir scheint, daß der moralische Eindruck, den dies in Frankreich machen muß, so groß sein wird, daß ein Krieg dadurch évitiert wird. Trennung und Zeitverlust scheint mir in diesem Moment das Unglücklichste zu sein. Graf Douavaroff geht als Courir nach Petersburg auf Wilhelms[68] Wunsch und bringt diesen Brief nach Berlin; vielleicht dürfte von Ihrer Seite diese Gelegenheit nach Petersburg gleich benutzt werden, um Ihre Ansicht dahin zu überbringen.

Soeben erhielt Fritz einen Brief eines niederländischen Generales, der gerade auf Urlaub sich in Paris befunden hat und am 29. Mittags es verließ während der tollsten Massacres. Seine Schilderungen sind schrecklich. Die umgekommenen Menschen werden zwischen 15 und 20000 angegeben. Alle Bäume auf den Boulevards sind umgehauen, um Verhaue zu bilden, damit die Cavalerie nicht agieren konnte.

Im Haag, den 4. August 1830.

Die heutigen Nachrichten aus Frankreich sagen, daß der König auf dem Marsch nach Nantes ist, daß aber die ihn begleitenden Truppen nach und nach (ihn) verlassen und daß die Nachrichten, die man in Paris über die Stimmung der Vendee hat, sehr ungünstig lauten. Wohin wird sich also der König wenden? Der heute angekommene Constitutionel indigniert aufs Äußerste durch seine revolutionäre Sprache und durch die Erzählungen über des Herzogs von Orleans Benehmen. Es scheint danach aber nicht, daß der Herzog +für+ den König und seine nächsten Agnaten zu arbeiten scheint. Die Sache des Königs scheint demnach verloren zu sein, sowie die des Dauphins; werden sie resignieren zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux? Wird der Herzog von Orleans die bloße Vormundschaft über den Bordeaux übernehmen wollen? Wird Charles X. nicht die Unterstützung der Alliance in Anspruch nehmen, um die Legitimität wiederherzustellen und einzusetzen? Dies sind wohl Fragen, die ganz Europa jetzt in Bewegung setzen werden und deren Antwort die größten Folgen haben muß.

Wäre doch eine Zusammenkunft der großen Souveraine[69] jetzt schnell möglich, um einen großen schnellen Entschluß zu fassen. Denn bevor man zusammenkommt, muß Alles so klar schon sein, daß man einen Entschluß fassen kann.

Der König ist heute vom Loo hier eingetroffen; es werden die Grenz-Festungen, welche nicht hinreichende Garnisonen haben, stärker besetzt werden, dieselben gegen einen gewaltsamen Angriff vorbereitend armiert werden und zum 1. September, wo die Beurlaubten stets einkommen, aber nicht vollzählig, sollen dieselben complett eingezogen werden, mit Ausnahme der Reserve-Bataillone. Man ist hier natürlich sehr gespannt, was Sie wegen Luxemburg und Saarlouis befehlen werden, so wie überhaupt auf die vorbereitenden Maaßregeln am Rhein, da die Niederlande von Niemand eher und kräftiger Unterstützung erwarten können, als von Preußen, wenn es zum Extreme kommen sollte. Von Thionville aus sind Vorposten gegen unsere Grenze ausgesetzt worden.

Im Haag, den 6. August 1830.

Die Hoffnung, daß der König von Frankreich das Äußerste wagen würde, um seine Macht und sein Ansehen, d. h. seinen Thron wieder herzustellen, ist verschwunden. Die heute hier erhaltene Eröffnungsrede des Herzogs von Orleans in den Kammern zeigt uns offiziell die Resignation des Königs und des Dauphins an. Glücklicherweise nicht die des Herzogs von Bordeaux, welche aber von der sublimen Nation auch verlangt wird. Sollte Charles X. auch zur Resignation für den minorennen Kleinen noch gezwungen werden, so scheint es mir, kann Europa diesen Akt nicht anerkennen; es würde ja die Revolution bis zur letzten Neige anerkennen und legalisieren.

Daß hier nur dieser Gegenstand die stete Conversation macht, können Sie leicht denken. Die Meinungen, die sich hier ausbilden, zerfallen in zwei Hauptabteilungen; 1.) darf man die stattgehabte Revolution ungestraft von Europa gehen lassen, also sie legalisieren, oder muß man ihr auf das Bestimmteste und Entschiedenste entgegen treten und Frankreich züchtigen? 2.) Darf man eine solche Züchtigung vornehmen, ohne befürchten zu müssen, die revolutionären Prinzipien fast in allen Staaten zum Ausbruch zu reizen und wird man nicht vielmehr aus dieser Befürchtung die Revolution anerkennen müssen, was mit anderen Worten heißt, die Revolutions-Partei in ganz Europa cajolieren und zur nächsten Nachahmung des 27. bis 29. Juli anspornen?

Daß ich natürlich zur ersten Abteilung dieses Raisonnements halte, brauche ich wohl kaum erst zu versichern.

Die Revolution ward nach 20jähriger Dauer im Jahre 1814 bekämpft, besiegt und der legale Stand der Dinge durch die Wiedereinsetzung der Bourbons auf den Thron ihrer Väter durch ganz Europa wieder hergestellt. Die Revolutionen von Spanien, Neapel und Piemont wurden durch gewaffnete Hand gedämpft, die abgesetzten Souveräne wieder eingesetzt und ihre Staaten durch vieljährige Occupation der Befreiungsarmee beruhigt. Jetzt bricht in dem Lande, wovon aus aller revolutionäre Stoß ausging, wovon aus er seit 15 Friedensjahren nach allen Seiten hin verbreitet und unterhalten ward, eine neue Revolution aus und der König und seine Dynastie (werden) entthront. Kann Europa in diesem Falle anders handeln, weniger tun, als es in Spanien, Neapel und Piemont tat? Ist der jetzige Fall nicht viel graver, erhebt die Revolution in diesem Moment den Kopf nicht viel mächtiger und gefährlicher als seit 15 Jahren? Mir scheint die Crisis gekommen zu sein, wo es sich entscheiden muß, ob die Legitimität oder die Revolution triumphieren soll. Die Legitimität wird triumphieren, wenn Europa einen einmütigen, allgemeinen Beschluß zur Züchtigung Frankreichs faßt. Die Revolution wird triumphieren, wenn Europa dem jetzigen Treiben in Frankreich ruhig gewähren läßt, sie wird dadurch legalisiert und kein Thron dürfte mehr sicher stehen.

Durch eine Züchtigung Frankreichs wird meiner festen Überzeugung nach der revolutionäre Stoff in Europa unterdrückt und durch strenges Gericht in Frankreich dieser Stoff vielleicht allenthalben -- wenigstens auf lange, wenn auch nicht auf immer -- ausgerottet.

Die entgegenstehende Ansicht sagt: dieser revolutionäre Stoff ist in Europa viel zu sehr verbreitet (in den Niederlanden, vielleicht linkem Rhein-Ufer, Polen, Italien, Spanien), als daß man es wagen dürfte, gegen die Revolution anzukämpfen; man würde in dem Falle es erleben, daß in allen genannten Ländern jener Stoff zum Ausbruch käme und es wäre sehr die Frage, ob es gelingen würde, ihn mit den eigenen Truppen und Kräften, ein Jeder bei sich, zu überwältigen. Auch habe die jetzige französische Revolution einen Schein von Recht, indem man den König Charles X. beschuldigen könne, seinen Eid einigermaßen gebrochen zu haben (was ich nicht zugeben kann, da ihm der Artikel 14 der Charte das Recht zu extraordinären Maaßregeln beilegt und den Gebrauch desselben freilich seinem Gewissen allein überlassen muß) und wenn, wie ich gern zugebe, Charles X. meiner Ansicht nach jetzt und so nicht hätte diesen ~Coup d’état~ ausführen sollen, so hat darüber doch Niemand als die Nation mit ihm zu richten oder gar das Recht, ihn zu entthronen.

Was den ersten Teil dieser entgegenstehenden Ansichten betrifft, so habe ich schon meine Nichtbefürchtungen dieser Art ausgesprochen; sollte eine solche revolutionäre Reaction aber wirklich durch ganz Europa sich erzeugen, nun so ist es immer besser, daß man seine Feinde kennen lernt und sie zu bezwingen sucht; da hoffe ich denn doch, daß ein Jeder bei sich zu Stande zu kommen wissen wird. Denn es ist allenthalben der Kampf aus demselben Prinzip gegen dasselbe Prinzip. Der Sieg steht bei Gott.

Was nun die Züchtigung Frankreichs betrifft, so muß ich freilich gestehen, daß ich sehr glücklich mich preise, die Art derselben nicht vorzuschlagen zu brauchen. Am schwierigsten ist der Fall, wenn der Herzog von Bordeaux unter Vormundschaft des Herzogs von Orleans erhalten wird, weil in diesem Fall einige Legalität sich einmischt; doch nie kann man übersehen, daß die Nation durch Revolution gegen ihren König dahin gelangte. Da aber alle Proklamationen sagen, daß gegen den Bordeaux der Umstand spreche, daß er zu einer Dynastie gehöre, die sich ~par la grace de dieu~ genannt habe, jetzt aber ein König nur ~par la volonté du peuple~ bestehen könne und solle, so wird an die Erhaltung der Rechte des Bordeaux wohl nicht zu denken sein. Dann scheint mir der Fall klar zu sein: Europa muß mit gewaffneter Hand die Rechte des Herzogs von Bordeaux herstellen und Frankreich mit seiner Revolution und seinem Orléans zu Paaren treiben.

Krieg scheint mir leider unausbleiblich. Handelt Europa nicht so, wie ich hier es andeute, so greift uns Orleans in Zeit von einem Jahre an; das linke Rhein-Ufer ist sein Ziel, um zum Tyrann dann zu werden.

Ob die Züchtigung Frankreichs dann noch in einer langen Occupation oder in Verringerung seines Gebietes bestehen soll, das sind Fragen, die heute wohl schwer zu entscheiden sind.

Aber wenn Europa handelt, so muß es gemeinsam, kräftig, mit aller Macht auftreten und recht vorbereitet in den Kampf treten; denn er wird nicht leicht sein.

Wäre es doch möglich, daß eine Zusammenkunft zwischen Ihnen, den beiden Kaisern und dem hiesigen König möglich wäre; wie rasch und wie viel besser verhandelt sich alles mündlich. Die Heilige Alliance muß jetzt oder niemals zeigen, daß sie noch existiert und ganz im Geiste des seligen Kaisers[70] handeln.

Noch ist in den Niederlanden Alles ruhig; aber in Brüssel spricht man doch schon sehr laut ~du grand exemple donné de la France; van Maassen c’est notre Polignac, c’est une bonne leçon pour Monsieur van Maassen etc.~ In Köln aber auch hat der Darmstädter Graf Wittgenstein in einem Zeitungssalon zugesehen, wie die Pariser Nachrichten vom Stuhle herab laut vorgelesen wurden und bei den tollsten Stellen Bravos und Applaudissements erschallt sind.

Das sind ein paar Züge, die beweisen, was zu erwarten wäre, wenn die Pariser Revolution ungestraft hingeht und somit legal wird oder was zu erwarten ist, wenn Orleans das linke Rheinufer erobern will und die Niederlande... Der König hat hier nur die Verstärkung der Artillerie in den Gränz-Plätzen angeordnet, aber nicht die durch Truppen anderer Waffen...

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Im Haag, den 8. August 1830.

Die Nachricht, daß Charles X. der Gefahr des nach Rambouillet gestürmten bewaffneten Haufens in die Hände zu fallen entronnen ist, hat uns freilich sehr erleichtert hier, aber die Gefahr bleibt immer noch sehr dringend für ihn bis zu dem Moment, wo er sich wird embarquieren können...

Den Fürsten Wittgenstein, der die Kölner Mitteilungen gemacht hat, habe ich gestern gesprochen... er meint, daß sie vielleicht nur eine Scene gewesen, wie man sie wohl an vielen Orten erlebt haben würde, ohne deshalb auf einen allgemeinen schlechten Geist rechnen zu können, worin ich ihm ganz beistimme...

Der König hat gestern den General Constant au secret nach London gesandt, um mit dem Herzoge von Wellington zu conferieren, namentlich in militärischer Hinsicht über die hiesigen Lande und wiederum speciale über den Festungsgürtel, der in seiner jetzigen Verfassung ganz offen, unarmiert dasteht. Denn, wenn etwas unternommen werden sollte, so wünscht der König vor Allem, daß dem Beschlusse des Congresses von Aachen[71] zu Folge Preußen und England die zu besetzen übernommenen Festungen auch sofort besetzen würden, was uns wohl 24-30000 Mann kosten würde.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Im Haag, den 12. August 1830.

Gestern früh erhielten wir hier die Nachricht von der nunmehr wirklich erfolgten Erhebung auf den Thron des Herzogs von Orléans und daß Lafayette diese Art König ~par la volonté de la sublime nation et par la constitution la plus belle république~ getauft hat, eine Taufe, die Ironie und Wahrheit zugleich enthält. Was ich und die mit mir Gleichgesinnten hier sagen, werden Sie aus meinem langen Brief folgern, nämlich daß der nun also wirklich bei Seite geschobene und übergangene Herzog von Bordeaux der Anknüpfungspunkt für Europa wird, indem es dessen Rechte auf die Krone behauptet, verteidigt und für ihn Alles wagen müßte. Man hat in den merkwürdigen Sitzungen der Kammern gesehen, wie offen und frei sich Viele für die Legitimität und für den Herzog von Bordeaux ausgesprochen haben. Außerdem stimmen die Nachrichten aus Frankreich darin überein, daß freilich die Revolution sich überall (breit) gemacht hat, weil Paris das unglückliche Beispiel gab, daß aber nur in wenig Orten sich Enthusiasmus gezeigt und vielmehr eine allgemeine Bangigkeit, ein allgemeiner Schrecken über das Geschehene sich ausspricht, fürchtend, daß der blühende Zustand des Landes, die glücklichen Verhältnisse mit dem Auslande usw. sich nur zu leicht ändern werden. Mir scheint es daher, daß man für die Sache des Herzogs von Bordeaux eine große Partei finden würde, obgleich man sich nicht verhehlen darf, daß eine Agression durch Europas Mächte eine große Einheit zur Abwehrung des Feindes erzeugen würde. Aber man hat sie 1815 überwunden und wenngleich nach 15 Friedensjahren sich Vieles consolidiert hat und kräftiger geworden ist, so würde 1830 oder 1831 der gerechten Sache auch der Sieg nicht fehlen.

Lord Bagot, der englische Ambassadeur hier hat... gesagt, daß er gewiß überzeugt sei, daß, wenn der Herzog von Orléans seine Thronbesteigung nur den Mächten anzeige, England gewiß die Antwort geben würde, daß seine Anerkennung von der übereinstimmenden Ansicht aller großen Mächte abhängen müsse, die sich dazu auf einem Congreß gewiß schleunigst versammeln würden.

Geheime Nachrichten, namentlich von der belgischen Grenze her sagen, daß die hiesige liberale Partei von der französischen auf’s inständigste gebeten wird, sich noch ganz ruhig zu verhalten, weil im entgegengesetzten Falle dies die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich ziehen müßte und zu Gegenmaßregeln veranlassen würde. Dies sei es, was sie in Frankreich am meisten fürchten müßten, weil ein Entgegentreten der Regierung gegen das liberale Prinzip jetzt der jungen Revolution nur höchst nachteilig werden könnte und die Angst für das Ausland noch mehr vermehren würde. Darum erscheinen auch mit einem Male in den hiesigen liberalen Blättern ruhigere Artikel. Diese Nachrichten scheinen mir nicht unwichtig der Berücksichtigung in diesen wichtigen Momenten und bei Beurteilung der Meinung Frankreichs und der liberalen Parteien.

Im Haag, den 13. August 1830.

.... als Wilhelm zu mir kam, um mich in Kenntnis von Wellingtons Ansichten zu setzen, die er ihm in einem Briefe... ausspricht. Das kurze Resumee dieses Schreibens ist folgendes: Die Hoffnung, welche seit 1815 bestand, den Frieden in Europa erhalten zu sehen, sei jetzt nicht mehr so groß nach den Ereignissen von Paris. Es sei ihm viel weniger bang für etwaige kriegerische Schritte des Orleans als für dergleichen von Seiten der enthusiasmierten Nationalgarden, die so ziemlich die Anarchie zu ihrem Ziele sich gesetzt zu haben scheinen. Die neue Regierung würde nicht im Stande sein, irgend einem unüberlegten Schritt dieser Banden vorzubeugen noch die Kraft haben, eine Reparation zu machen, falls fremdes Gebiet dabei betreten worden wäre. Kurzum, der Herzog deutet an, daß das Volk stärker als die Regierung ist (das ist es ja gerade, was die Revolution auch wollte) und daß man daher an den Grenzen sehr auf seiner Hut sein müßte. Er rät demnach das zu tun, was Sie für Saarlouis und Luxemburg angeordnet haben, nämlich die Grenzplätze gegen einen gewaltsamen Angriff zu sichern, jedoch alle Anstalten dazu mit dem wenigstmöglichen Aufsehen zu machen, damit keine Jalousie erregt wird. Außerdem rät er, gleichfalls wie Sie bereits befohlen haben, alle Anstalten zu treffen, daß Alles vorbereitet sei zu späteren größeren möglichen Ereignissen und sich immer so zu halten, daß man vorbereiteter als die Franzosen sei. Er schlägt vor, Feldgeschütze nach den Grenzfestungen zu senden, um, falls ~une colonne mobile Garde nationale~ sich eine Incursion erlauben sollte, ihr auch mit Geschütz entgegen gehen zu können.

Außerdem läßt der Herzog wissen, daß die Revolution in Paris keineswegs, wie es den Anschein habe, eine Sache des Momentes gewesen sei, sondern ein ~de longue main~ vorbereiteter Schlag, indem unter dem vermeintlichen Pöbel allenthalben verkleidete Offiziere, ~à demi soldé, vieux soldats de Napoléon~ und andere verkleidete ~messieurs~ sich befunden hätten, woher man denn auch die auffallende Ordnung im Gefecht so wie die völlig regelmäßigen Detachierungen zum Verhauen der Wege, zum Errichten der Barrikaden und so Mehreres sich erklären könne. Es war Alles vorbereitet, damit vom 3. bei Eröffnung der Kammern durch Charles X. die Revolution losbrechen sollte, wo man in der Thron-Rede oder sonst auf irgend eine Art Veranlassung dazu zu finden hoffte; die Ordonnanzen vom 25. Juli sollten der Sache zuvorkommen... den Erfolg aber sehen wir. Man sieht also immer deutlicher, daß die armen Bourbons hätten tun können, was sie wollten, ihnen das jetzige harte Los jedenfalls zugedacht war[72].

Im Haag, den 19. August 1830.

Sie werden auch die sehr widersprechenden Nachrichten über die Reise des Königs Charles X. erhalten haben. Vorgestern kam aus Paris die Nachricht, daß der König in Ostende landen würde, um sich dann zu Lande weiter nach Deutschland zu begeben. Gestern kam per Estafette die Nachricht, daß Marschall Moison den Befehl vom Herzog von Orleans erhalten habe, den König in keinem niederländischen Hafen landen zu lassen und wahrscheinlich nach Portsmouth gehen würde. Heute sind keine weiteren Nachrichten gekommen. Ich fürchte, daß der Empfang, den Charles X. in England erhalten wird, sehr niederdrückend für ihn sein dürfte, da, wenn auch niemand wohl seine Partei nehmen kann, doch wohl kein Volk so geneigt ist, seine Gesinnungen laut ausbrechen zu lassen, wie das englische. Übrigens muß man doch in den Befehlen Orleans’, der dem armen König, dem er Krone und Land nahm, nicht einmal erlaubt, frei seine Fluchtreise zu bestimmen, eine Härte und Impertinenz erblicken, die weit geht. Übrigens scheint mir sehr große Gährung in Paris fortwährend zu existieren, die uns alle Zeitungen seit mehreren Tagen wohl zeigten, aber noch mehr die Proclamation des Orleans vom 16. Die Contre-Revolution wird wohl nicht ausbleiben, denn die Ultra-Liberalen, sieht man wohl, sind noch lange nicht zufrieden. Gewiß erleben wir noch blutige Auftritte in Paris und ~le roi citoyen~ wird wohl auch müssen unter ~les concitoyens~ schießen lassen. Dies wird Europa wohl abwarten wollen; wenn nur dadurch nicht das Legitimitätsprinzip zu kurz kommt!

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Im Haag, den 20. August 1830.

Gestern langte hier aus London die Nachricht ein, daß Charles X. am 17. auf der Reede vor Portsmouth angelangt sei und so lange an Bord des Schiffes bleiben wollte, bis er Antwort aus London auf die Meldung seiner Ankunft erhalten haben würde. Diese Meldung war durch telegraphische Depesche nach London gekommen und die Antwort des Gouvernements noch nicht bekannt.

Eine andere sehr wenig erfreuliche Antwort gab noch gestern Abend der niederländische Ambassadeur, Falk, aus London, daß nämlich das englische Ministerium sehr geneigt sei, den Herzog von Orleans als König anzuerkennen... demnächst wäre jetzt das englische Gouvernement auch geneigt, Don Miguel[73] anzuerkennen, ob aus Legitimität oder revolutionären Prinzipien, weiß ich nicht.

Die Schlußfolge aus Beiden ist aber, daß also vorgeschlagen wird, zwei Revolutionen anzuerkennen oder aber die größte aller Inkonsequenzen zu begehen, in Portugal die Legitimität und zugleich in Frankreich die Revolution anzuerkennen.

Wenn bloß das confuse englische Ministerium so spräche, so würde ich mich eher von dem Donnerschlage erholen, den mir diese Nachricht gegeben hat; da aber russische und andere Diplomaten diese Ansichten teilen, so gestehe ich, daß mich eine Trauer erfüllt, die ich nicht bergen kann. Also die Revolte des Pariser Pöbels soll von ganz Europa anerkannt werden und ihr Resultat gekrönt. Das, was alle rechtdenkenden Menschen mit Schauder erfüllt hat, soll legalisiert werden? Welch’ eine Aufforderung für alle Übelwollenden zur Nachahmung würde in einer solchen Anerkennung liegen. Wie kann man einer Nation noch Treu und Glauben schenken, wie kann man ihre Eitelkeit durch solche Anerkennung noch mehren und stärken wollen, eine Nation, die zu allen solchen Freveln bereit ist, wie wir sie wieder seit drei Wochen sehen, wie wir sie seit 40 Jahren erlebt haben? Und wenn es noch die Nation wirklich wäre; aber es ist immer nur eine Partei, die den Anstoß gibt, der die betörte und leichtfertige Nation willenlos folgt. Also dieser Partei unterwürfe sich Europa durch jene Anerkennung; welch’ ein Triumph für diese Partei und für alle Revolutionen. Welche Throne würden da noch sicher stehen?

Die Gründe, die England zu diesen Anerkennungs-Ansichten bewegen, sollen die sein, daß es dadurch hofft, einer Republik oder einer Anarchie in Frankreich zuvor zu kommen. Allerdings wird man den sehr schwankenden Thron des Orleans durch Anerkennung consolidieren, aber auf Unkosten des Princips, das alle Throne nur erhalten kann. Aber bei der sehr großen Unsicherheit des Throns des Orleans, die sich täglich officiell und in privaten Unterhaltungen ausspricht, beim Austritt aller Wohldenkenden aus der Kammer, bei der Unzufriedenheit, die bei allen ~gens de bien~ existieren soll, bei allen solchen Erscheinungen bedarf es nur des Anstoßes von Außen, um das unsicher fundamentierte Gebäude umzuwerfen und die Legitimität durch den Bordeaux triumphieren zu lassen, dem man freilich eine Constitution zur Seite setzen und zu erhalten wissen muß, die Hand und Fuß hat.

Verzeihen Sie gnädigst diese freimütigen Äußerungen, aber ich war zu ergriffen, um sie Ihnen nicht mitzuteilen.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Im Haag, den 22. August 1830.

Was mir an Ihrem gnädigen Briefe natürlich das Interessanteste war, war Ihre Ansicht über das, was wegen der Ereignisse in Frankreich zu tun sei. Da ich daraus ersah, daß Sie mit der hier bereits bekannten englischen Ansicht sich einverstanden erklären, und wie man indirect nun auch weiß, daß Österreich so denkt und Rußland so denken wird, so sehe ich freilich, daß ich mit meiner Ansicht das Feld räumen muß, wobei es vielleicht vergönnt sein wird, daß ich meinem Innern die ausgesprochene Überzeugung bewahre und daß Gott gebe, daß meine Besorgnisse nicht kurz über lang eintreffen, namentlich wenn nun noch der Orleans anerkannt wird; dann dürften in 10 bis 15 Jahren viele dergleichen Könige auf Europas Thronen sitzen, wenn auch die mit mir Gleichgesinnten für die gute Sache zu sterben werden gewußt haben.

Da Sie selbst mit Gewißheit annehmen, daß über kurz oder lang wir von der Revolution werden ergriffen werden, weil Frankreich die Eroberung Belgiens und des linken Rheinufers verlangen wird, eine Ansicht, die ich in einem meiner ersten Briefe von hier auch schon auszusprechen wagte, so werden Sie es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich auch noch über diesen Gegenstand ausspreche und namentlich, ob nicht ein Angriffskrieg Europas gegen Frankreich jetzt vorzuziehen sei.

Frankreich ist in diesem Augenblick in einem Zustand von Unsicherheit über das, was es getan hat, über die Möglichkeit der Erhaltung des Erlangten, über die Maßregeln, welche Europa ergreifen wird, von dem Alle gewiß Mißbilligung und Strafe fürchten; demnächst daraus folgend sehen wir die Parteiungen täglich in Paris ausbrechen, die der Roi citoyen und die Seinigen mit Proklamationen dämpfen müssen; man sieht in den Journalen bereits die alte Unzufriedenheit mit dem Souverain und den Ministern ausgesprochen (trägt die Zügellosigkeit der Presse unter der vorigen Regierung nicht einen großen Teil der Schuld der jetzigen Revolution?); wir sehen die Armee in einer völligen Reorganisation, mit detachierten Armeen in Algier und Griechenland; wir sehen die freimütigen Äußerungen vieler Pairs und Deputierten, die sich aus den Ämtern zurückziehen, es mit ihrem Gewissen nicht vereinigen könnend, der neuen Regierung zu schwören und zu dienen (und wie stark mag die Partei derer nicht sein, die eben so denken, aber sich nicht ausspricht, die aber auf Europa hofft und wartet als Erlöserin?). Alle diese Verhältnisse werden noch Monate lang so bestehen, aber die Consolidierung des Reichs und der Verhältnisse wird mit Riesenschritten fortschreiten, wenn es erst erfährt, daß Europa nicht intervenieren wird oder gar Orleans anerkennt. Die Unsicherheit und Bangigkeit im Lande verschwindet dann, die Gutgesinnten unterwerfen sich dem Anerkannt-Bestehenden, die Armee ist reorganisiert, die detachierten Corps werden herangezogen.

Wenn so also in Jahr und Tag das neue Frankreich sich consolidiert haben wird und sich kräftig und gerüstet fühlt, einen Schlag nach außen tun zu können, dann wird es uns angreifen. Wenn der Himmel uns dann den Sieg gibt, so wird der Kampf, wie Sie selbst sagen, auch nicht leicht sein, nein, er wird ungleich schwerer als diesen Augenblick sein, da man dann nicht mehr darauf rechnen kann, einen unsicheren und schwankenden Thron, der nur von Parteiungen erzeugt und gehalten wird, mit einem Schlag wie 1815 zu zertrümmern, sondern weil man es alsdann mit einer, das neue Verhältnis teils lieb gewonnenen, teils ruhig ertragenden Nation zu tun haben wird. Und das Ende des Ganzen ist, daß man mit dem Geschöpf der Revolution einen Frieden schließt, wenn die Pariser nicht ihren Orleans wie ihren Napoleon und ihren Charles nach Belieben absetzen wollen und Europa dies abwarten muß, bis es mit dem Herzog von Bordeaux und der Legitimität hervortritt.

Wenn dagegen Europa jetzt mit diesem Princip auftritt und gemeinschaftlich wohl gerüstet in 2-3 Monaten den Krieg erklärte, bis wohin alle Armeen am Rhein concentriert sein könnten, so würde man Frankreich weder durch eine stillschweigende noch durch eine officielle Anerkennung des Geschehenen consolidiert haben, noch es consolidiert finden, sondern man findet es in dem geschilderten Zustande von Unsicherheit über die Möglichkeit der Erhaltung des Geschehenen, in der gerechten Besorgnis, einem Stoß von ganz Europa nicht widerstehen zu können; die gute Partei würde mit Ungeduld den Moment erwarten, wo die Legitimität triumphieren wird und wo der nicht anerkannte Souverain von Europa destituiert wird; man findet die Armee noch nicht organisiert und nicht einmal einen Feldherrn, wie Napoleon, der 1815 Alles electrisierte und der dennoch in einer Schlacht nur von zwei großen und einer kleinen Armee geschlagen unterlag. Wieviel Chancen also für das Gelingen eines Angriffskrieges +jetzt+ gegen Frankreich. Und selbst für den ungünstigst anzunehmenden Fall, den ich der Erste bin, als gewiß aufzustellen, daß im Moment, wo Europa Frankreich den Krieg erklärt, +alle+ Parteien zusammenstimmen und zusammenhalten werden, um den einfallenden Feind abzuwehren, so würde dadurch diese Harmonie im +jetzigen+ Moment von nicht größerer Dauer sein als 1815. So wie damals würde vielleicht mit einem Schlage die Sache beendigt, denn Orleans’ Thron scheint mir nicht einmal so fest zu stehen als der von Napoleon in 100 ~jours~.

Demnach hat es mich also bedünken wollen, daß ein Aggressiv-Krieg Europas jetzt gegen Frankreich nicht nur zum Besten und zum Triumph der guten Sache gereichen würde und die Revolution dadurch allenthalben auf lange Jahre unterdrückt werden würde, sondern auch der Kampf viel leichter und der Erfolg sicherer sein würde. Auch wer weiß, ob, wenn Frankreich einst Belgien und uns angreift, wir auf die Armeen der Verbündeten rechnen können, die sie jetzt des Princips halber stellen müßten oder dann nur auf die tractatmäßigen Corps.

Wie ungeduldig ich bin, zu erfahren, was Europa auch ohne Kriegserklärung beschließen wird, um sein Mißfallen mit der Revolution auszusprechen, begreifen Sie gewiß. Die Nicht-Anerkennung Orleans und die officielle Mißbilligung alles Geschehenen und damit Frankreich seinem Schicksal sich überlassend, dürfte jetzt doch noch nötig sein, um wenigstens einen moralischen Eindruck der Einigkeit Europas zu geben und dadurch Frankreich zittern zu machen.

Verzeihen Sie gnädigst meine freimütigen Äußerungen, aber der Moment ist zu groß, als daß ich es nicht wagen dürfte, mich auszusprechen, wenn es auch nur verhallende Worte sind.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Düsseldorf, den 28. August 1830.

In diesem Augenblick geht durch einen Privat-Brief aus Brüssel die Nachricht hier ein, daß daselbst am 25. Abends bei Aufführung der ~Muette de Portici~ ein Aufruhr ausgebrochen ist, der mit Pfeifen im 5. Akt begonnen hat. Darauf hat man die Presse des royalistischen Journales zerstört, die Wohnung des Justizministers und zweier anderer Beamten zerstört; die Rufe ~Vive la liberté, à bas les ministres, vive Napoléon II~ wurden ausgestoßen, die Wachen verhielten sich ruhig. Um 2 Uhr Nachts hat, da sich der Aufruhr nicht legte, das Feuer der Truppen begonnen; einige haben zu feuern refusiert, das Volk hatte eine Kanone erobert; das Schloß war in Gefahr und mit Cavallerie umgeben. Um 6 Uhr früh dauerte das Feuer fort; es sollten nach Augenzeugen-Nachrichten viele Menschen tot und blessiert sein.

So wäre denn die Revolution in Spanien und den Niederlanden über die Grenzen gebrochen[74]... Hier soll der Geist gut sein, einige Schreier ausgenommen. Ich bin sehr herzlich hier empfangen worden, mit Illumination und Hurrah und Fackelzug... Ich darf nicht unterlassen, untertänigst zu bemerken, wie schwach unsere Festungen besetzt sind, bei der Concentration des 2. Armee-Corps. Lüttich ist eine schlecht gesinnte Stadt. Jülich hat 100 Mann Garnison, Köln nicht mehr.

Köln, den 29. August 1830.

Die Brüsseler Unruhen scheinen sich gänzlich gelegt zu haben... die ganze Sache scheint nur den Charakter eines Excesses, allerdings der gröbsten und gefährlichsten Natur zu tragen, dem aber unleugbar ein politischer Grund zur Basis diente, der aber glücklicher Weise weder von den Behörden noch dem angesehenen Teile der Bürger geteilt wird...

Da ich nicht das Glück gehabt habe, in der Beurteilung der französischen Revolution und der gegen dieselbe zu unternehmenden Reppressalien und deren Bekämpfung Ihre Intentionen zu treffen, so scheue ich fast, über diese belgischen Ereignisse ein Urteil zu fällen. Aber dennoch drängt es mich, auszusprechen, was daraus werden soll, wenn die Untertanen ~ad libitum~ die Souveraine bedrohen und durch Wort und Tat zwingen wollen, die Minister und überhaupt die Regierungsprinzipien nach ihrem Urteil, nach ihrem Willen zu wechseln und zu ändern. Die Ereignisse in Paris seit 3 Jahren sollten doch recht aufmerksam machen, was daraus wird, wenn ewig den Schreiern Concessionen gemacht werden.

So sehen wir aber, wohin man kommt, wenn stets Concessionen gemacht werden, die so lange verlangt und gesteigert werden, bis die Souveränität der der Orleans gleich kommt, das heißt, ein Mannequin!

Ich kann daher meine Ansicht nicht ändern; so lange man nicht mit aller Kraft und Gewalt der Revolution da, wo sie am abscheulichsten ausgebrochen ist und zu Resultaten geführt hat, also in Paris, entgegen tritt, so lange wird man auch das revolutionäre Princip nicht unterdrücken, sondern es nur nähren und bald allenthalben zum Ausbruch bringen!

Alles hier ist Ihrer Person ganz ungemein und unumwunden ergeben. Die Behörden können freilich nicht leugnen, daß es allenthalben Vereine gibt, die bei großen Fabrikstädten wie hier und in Aachen namentlich Unruhen oder unruhige Auftritte herbeizuführen trachten könnten; aber an eine Folge übler Art von dergleichen wäre nicht zu denken.

Lippstadt, den 31. August 1830.

Die Ruhe, welche in den Niederlanden hergestellt zu sein schien, hat sich leider nicht bestätigt und ist im Gegenteil die Sache viel schlimmer geworden... Der König hat Ihre Unterstützung für seinen wankenden Thron in Anspruch genommen...

Leider sehe ich immer mehr meine Ansicht bestätigt, daß die Revolutionäre mit jedem Moment dreister und um sich greifender werden, als deren Principien nicht allgemein bekämpft und auf den Kopf getreten werden. Ich hoffe und rechne sehr darauf, daß die energischen Maßregeln in den Niederlanden die Brüsseler usw. zu Paaren treiben werden...

Lippstadt, den 1. September 1830.

Heute früh 7 Uhr erhielt ich die erste Meldung von dem Aufstande in Aachen... So niederschlagend auch der Auftritt in Aachen ist, so kann ich doch nicht leugnen, hat er mich nicht überrascht. Die Stimmung jenseits des Rheines ist nicht günstig gewesen: „sie dächten gar nicht daran, preußisch zu bleiben, auch wäre das Ihre Ansicht, denn nur darum, weil sie bald wieder französisch werden würden, hätten Sie ihnen die französische Gesetzgebung gelassen“... Von neuem zeigt sich also, daß die unglückselige französische Gesetzgebung Schuld an der Entfremdung der Gemüter von Preußen ist. Von allen Seiten bin ich wieder angelegen worden, Sie inständig zu bitten, die preußischen Gesetze lieber heute wie morgen einzuführen. Und ich kann nicht anders als aus voller Überzeugung Sie fußfällig zu ersuchen, die jetzige Crisis zu brauchen, um Ihre Gesetze so schnell wie möglich am Rhein einzuführen. Die Revision der Gesetzgebung, bis zu deren Beendigung die Einführung der preußischen Gesetze ausgesetzt bleiben soll, ist noch so weit im Felde, daß unter vielen Jahren an deren Beendigung nicht zu denken ist, um so mehr, als die damit beauftragte Commission auch sehr eigentümlich combiniert sein soll. Dieses beständige Hinausschieben der Einführung der Gesetze am Rhein hat auch schon die Ansicht verbreitet, man fürchte sich eigentlich jetzt, unsere Gesetze einzuführen. Diesem Allem könnten Sie jetzt so rasch ein Ende machen...

Lippstadt, den 3. September 1830.

Die soeben aus Elberfeld eingegangene Meldung des dort statt gehabten Auflaufes eile ich Ihnen zu übersenden. Der Bürgersinn hat sich, wie es scheint, dort und in Köln und in Aachen bei den verschiedenen Aufständen sehr gut gezeigt. Eine aufrührerische Affiliation zwischen allen Fabrikorten ist aber unverkennbar, die unstreitig von revolutionären Emmissairs herrührt; die Revolution sucht allenthalben die Gründe der Unzufriedenheit zu erkunden, um darauf Unruhe zu basieren; bei uns scheint sie aber bis jetzt noch glücklicher Weise keinen nahrhaften Boden zu finden.

Coblenz, den 6. September 1830.

Soeben erhalte ich aus dem Haag die Nachricht, daß Wilhelm von Oranien dort am 3. ganz unerwartet angelangt ist, um die Proposition der Belgier zu überbringen, Belgien als ein eigenes Königreich ganz vom Königreich Holland zu trennen. Unter dieser Bedingung wollten sie ferner die Herrschaft des Königs anerkennen. Wenn ich meine Meinung aussprechen darf, so glaube ich, hätte der König von Hause aus diese Trennung bei Übernahme der Krone verfügen sollen, weil diese beiden Nationen nie zusammenzubringen wären; dies hat mir wenigstens vom ersten Augenblick an eingeleuchtet. Es scheint, daß der König auf diese Trennung eingehen wird als einziges Mittel, Belgien sich zu erhalten ohne Blutvergießen. Was ihm diese Concession kosten wird im Laufe der Zeit, ist unberechenbar, denn wer den Finger gibt, muß bald die ganze Hand nachgeben.

So hätte denn die Revolution in Zeit von 4 Wochen den zweiten Sieg davon getragen...

Wir fangen an, etwas Luft zu schöpfen[75], seit der heutigen Nachricht aus Brüssel. Wilhelm von Oranien hat sich wirklich aufgeopfert, aber auch viel aushalten müssen. In Loewen und Lüttich ist die Gährung noch sehr groß...

Im Haag, den 13. September 1830.

.... daß der König aus Paris aus sicherer Quelle wisse, daß sich daselbst mit einemmale eine Menge deutscher Studenten von vielen Universitäten eingefunden hätten, die plötzlich alle abgereist seien, ~après avoir reçu le mot d’ordre~, wie der König sich ausdrückte, um ~ce mot d’ordre~ ihren Corporationen zu überbringen. Es sei dies von großer Wichtigkeit und von den deutschen Fürsten durchaus nicht außer Acht zu lassen, weil etwas sehr Unangenehmes sonst zu erwarten stände.

Der König trug mir auf, Ihnen dies doch gleich wissen zu lassen und habe er es allen Gesandten hier schleunigst mitteilen lassen.

Was daran wahr sein mag, ist schwer zu entscheiden; indessen in der jetzigen Zeit, wo die Pariser Revolution schon so viele Imitateurs findet, wovon die Ereignisse in Braunschweig[76] neuerdings wieder zeugen -- auch von Cassel fängt man an zu sprechen -- darf man wohl jede Andeutungen, die auf Conspiration hinweisen, nicht außer Acht lassen. Und wenn diese Studentengeschichte auch nur einen momentanen Aufstand erregen sollte, so kann der doch so manches Menschenleben kosten und daher ist jede Vorsicht wohl heute zu Tage um so mehr sehr zu empfehlen. General Borstell ist benachrichtigt, um für Bonn ein wachsames Auge zu haben und namentlich um zu erfahren zu suchen, ob wirklich Emmissaire in Paris gewesen sind und zurückkehrten und wie ihr Betragen ist. Bekannt ist, daß in den Hundstags-Ferien unglaublich viel deutsche Studenten nach Paris geeilt sind, um die große Nation in der Nähe zu bewundern.

Im Haag, den 14. September 1830.

Sie können sich gar nicht denken, mit welchem Vertrauen Alles auf Sie und Ihre Armee hier sieht. Der Eindruck, den die bei uns sogleich gestillte Emeute hier gemacht hat, ist nicht zu schildern; das Vertrauen zu Preußen ist dadurch um ein Unglaubliches gestiegen. In Alost mußte der Herzog Bernhard von Weimar[77] eine Emeute stillen; er konnte die Impertinenz der Behörden nicht bezwingen, so daß er endlich sagte: wenn sie so fortfahren zu handeln, so sind in 14 Tagen die preußischen Armeen hier, da wird kurzer Proceß gemacht; in 24 Stunden ist das Urteil dann gefällt und ausgeführt. Das hat einen solchen Eindruck gemacht, daß die Gesichter sich verzogen und sogleich klein beigegeben ward.

Im Haag, den 16. September 1830.

Gestern Mittag erfuhren wir hier die traurigen Nachrichten aus Dresden[78]. Die ungestrafte Pariser Revolution findet also, wie ich es leider nur zu wahr ahndete, immer mehr Nachfolger.

Was nun meine Besuche in den Städten am Rhein betrifft, die ich nach den stattgehabten Emeuten dort machte, so fand ich zuvörderst in Elberfeld eine Niedergeschlagenheit, die nicht zu schildern ist; der Empfang und die Versicherungen von Anhänglichkeit, welche ich 5 Tage dort vorher erlebt hatte, mochten den Anwesenden wohl eine Art Scham erzeugen, die ich mich veranlaßt fand selbst als falsch und unnötig ihnen vorzuhalten. Denn der Aufstand war ja durch die niedrigste Volksklasse erzeugt worden und durch diejenigen, welche jetzt als Repräsentanten der Bürgerschaft vor mir standen, sogleich ohne Militär gedämpft worden, sodaß ihnen ja nichts zur Last fiel, sondern ich im Gegenteil ihnen nur danken konnte für ihr schönes, entschlossenes und festes Benehmen. Diese Worte richteten sie wieder auf, und gewiß ist die Stimmung dort vorzüglich und die Anhänglichkeit an Ihre Person außerordentlich groß. In Köln war ich bei meiner ersten Anwesenheit ohne alle äußeren Zeichen von Enthusiasmus behandelt worden, ja ich möchte eher sagen, daß man in der Stadt fast keine Notiz von mir nahm, obgleich abends die Stadt erleuchtet war, aber schwerlich ganz freiwillig. Um so auffallender war es mir, daß, als ich nun nach dem Auflauf wieder herkam, der auch durch die Bürger allein gedämpft worden war, ich sogleich beim Aussteigen mit Hurrah von den Bürgern und von den Angeseheneren begrüßt ward, was sich auch wiederholte, wo ich mich sehen ließ, woraus ich sehr deutlich entnehmen konnte, daß sich die Bürger etwas darauf zu Gute taten, daß sie ihre Anhänglichkeit an Ruhe und Ordnung, an Ihre Person und an den bestehenden Zustand der Dinge auf eine so eclatante Art durch ihr Benehmen gegen die Aufrührer hatten kund tun können.

Die einzelnen Wünsche, die ich im allgemeinsten gehört habe, gehen hauptsächlich darauf hin, daß man es sehr gern sehen würde, wenn mehr Eingeborene in Westphalen und im Rheinland angestellt würden. Ein anderer Wunsch ist, daß die Geschäfte rascher betrieben werden möchten, indem die Sachen in den Ministerien entsetzlich verschleppt werden. Und dann noch, daß das Unterrichtsministerium praktischer eingreifen möchte, was freilich von Altenstein[79] nicht mehr zu erwarten ist...

Es sind heute schlechte Nachrichten aus Brüssel gekommen. Man hat dort die Thron-Rede öffentlich verbrannt und ein Auflauf von 5-600 Menschen hat stattgefunden; um 11 Uhr Abends war jedoch die Ruhe hergestellt. Es scheint, daß diese Nachricht zu ernsten Mitteln endlich den Anstoß gibt, aber die Generalstaaten sollen erst diese Mittel vorschlagen und verlangen; damit gehen immer mehrere Tage verloren; die jungen Truppen, die ~au qui vive~ stehen, schon einmal zurück mußten und von den Rebellen bearbeitet werden durch Emissairs und Proclamationen, werden mißmutiger; kurzum die Lage ist sehr bedenklich, wenn nicht bald und rasch etwas geschieht. Der König ist sehr niedergeschlagen. Er sagte mir heute: Wie haben sich die Dinge geändert, seitdem Sie bei uns sind; nirgends ist ja mehr Treu und Glauben zu finden; die heiligsten Rechte werden ja nicht mehr respectiert. Dann setzte er hinzu: Meine Lage ist verzweifelt; wenn ein europäischer Krieg ausbricht, so bin ich paralysiert; mein halbes Reich ist in Aufruhr, die Hälfte der Armee jenseits Brüssel in den Festungen isoliert und diese schwach besetzt; bleiben die Truppen nicht treu, so sind diese Festungen alle für Frankreich erbaut, die Finanzen, die blühten, sind schon jetzt gedrückt, die Papiere so gefallen, daß man mit ihnen keinen Handel machen kann; ich habe also gar keine Mittel tätig zu sein, wenn ein Krieg ausbricht...

Nimwegen, den 19. September 1830.

Gleich vorgestern, als nach dem Diner die ersten alarmierenden Nachrichten eintrafen, sandte der König seinen Adjutanten an Fritz, um ihm den Befehl zum Vorrücken gegen Brüssel zu geben, da nun kein Moment zu versäumen sei, die Residenz zum Gehorsam zu zwingen, bevor das platte Land im Aufstand sei. Fritz erhielt zugleich den Befehl, wenn er mit seinem Corps vor Brüssel concentriert stehe, eine Proclamation zu erlassen, in welcher die Stadt im Guten noch einmal zum Gehorsam aufgefordert wird und in welcher der König eine Art Pardon annonciert und nur die Rädelsführer zu strafen verspricht (eine Art limitierte Amnestie, von der Wilhelm sagt, daß sie doch die Hände nicht zu sehr bände; über das Geschehene ist nichts zu sagen, sonst glaube ich, sind die Amnestien nicht zum Heile der Throne ausgeschlagen). Wenn diese Aufforderung nach einigen Stunden Bedenkzeit nicht angenommen, und ausgeführt ist, so soll Fritz den Gehorsam mit Gewalt erzwingen und da habe ich ihn inständigst gebeten, jedes Straßen-Gefecht zu evitieren und Alles durch ein Bombardement zu zwingen suchen. Wahrscheinlich steht Fritz heute Abend schon vor Brüssel, spätestens morgen, sodaß am 21. bestimmt der entscheidende Schlag sein wird. Gott gebe seinen Segen.

Sollte die Sache manquieren, ja dann sagte mir der König gestern ausdrücklich, daß er alsdann Belgien aufgeben müßte für den Moment; er würde eine Defensiv-Stellung von Antwerpen nach Maastricht nehmen und in dieser die Unterstützung der Alliierten abwarten, die er dann sogleich in Anspruch nehmen würde. Er fügte hinzu, daß dann freilich ein allgemeiner Krieg unvermeidlich sei, da ihm Frankreich habe officiell anzeigen lassen, daß, wenn er von Europa unterstützt würde, der sogenannte König Orleans die Revolution Belgiens seinerseits unterstützen würde. Dahin wären wir nun also in Europa gekommen, daß, während fast alle Mächte die Revolution bekämpften, nun schon das Zerwürfnis eingetreten ist, daß eine bedeutende Macht erklärt, die Revolution unterstützen zu wollen, wenn die andern Mächte sie angreifen wollen. Wohin soll das noch führen[80]!

Ich hoffe, daß Fritz von Oranien in Brüssel den Frieden Europas auf einige Jahre wenigstens noch erhalten wird[81].

Weimar, den 28. September 1830.

Auf der Durchfahrt durch Gotha kommen soeben Reisende an, welche von Hanau bis Fulda, Fulda selbst ausgenommen, alle Städte im Aufruhr gefunden haben. Allenthalben würden, wie vor einigen Nächten in Hanau, die öffentlichen Bureaus und Beamten-Wohnungen geplündert und verbrannt und alles schreie nach Freiheit, der Kurfürst verweigere eine Verfassung, die Wappen wurden abgerissen, die Durchreisenden mußten mit: es lebe die Freiheit rufen, wobei man ihnen eine Axt vors Gesicht hielt; nicht nur die Städte, sondern auch die Bewohner des platten Landes sind im Aufstande; sie jagen die Schulzen und Amtsleute fort, ziehen bewaffnet von einem Ort zum andern, setzen sogleich Wachen und Signale aus, kurzum die Sachen werden natürlich durch immer noch nicht habhaft zu werdende Emmissaire nach ein und demselben Plane geleitet, überall wird gesengt und gebrannt, aber nirgends gestohlen. Auf Zuruf einer Stimme: es ist genug für heute geht alles ruhig auseinander gerade wie in Brüssel bei dem Rufe: ~c’est assez~. Der soeben eintreffende Großherzog von Oldenburg bestätigt nicht nur all’ die eben erzählten Greuel, sondern ist Augenzeuge derselben gewesen, indem auch ihm unter anderm jene Axt vorgehalten worden ist. In Fulda war gestern Mittag bei seiner Abreise die Unruhe auch schon ausgebrochen und die schwachen Behörden hatten sogleich die Licent-Erhebung, welches die Haupt-Forderung der Meuterer ist, aufgehoben. Das Militär sieht überall ruhig zu dem Unwesen zu. Der Großherzog von Oldenburg und der Herzog von Coburg, der mir gestern Rendez-Vous in Gotha gab, sprachen Beide äußerst determiniert, besonders ersterer hatte echte Ansichten über das Militär und seine Leistungen bei solchen Excessen ausgesprochen. Wenn nur endlich irgendwo einmal Ernst und Strenge gegen die Meuterer gezeigt würde und nicht überall die unzeitige Nachgiebigkeit erblickt würde[82]... Der Großherzog von Oldenburg machte den glaube ich ganz zweckmäßigen Vorschlag, man sollte mobile Colonnen formieren in hiesiger Gegend, in Böhmen und Bayern vielleicht, die sich gleich nach den aufgestandenen Gegenden zu begeben hätten, um sie zur Raison zu bringen. Der Herzog von Coburg drängt, wohl sehr mit Recht, auf eine Art Manifest des Bundes, in dem diese unerhörten Frevel öffentlich verpönt und als mit Gewalt zu bekämpfend dargestellt würden.

Weimar, den 14. Oktober 1830.

Sie haben mich durch den Grafen Lottum[83] befragen lassen, was es für eine Bewandtnis mit einer Rede habe, die ich in Coblenz gehalten hätte, die jetzt in mehreren Zeitungen gedruckt stehe. Wenngleich mir der Graf Lottum nicht sagen konnte, auf Befragen, ob Sie den Inhalt dieser sogenannten Rede tadelten, so mußte ich durch seine Sendung durch Sie an mich doch etwas Tadelndes vermuten. Es kann mir daher nichts übrig bleiben, als den wahren Zusammenhang der Sache vorzutragen, um mich dann Ihrem Schicksale zu überlassen. Daß ich keine Reden zu halten pflege, wissen Sie wohl und am allerwenigsten war meine Stellung in den Rhein-Provinzen diesen Sommer dazu geeignet; denn große Reden verfehlen oft ihren Zweck, wenn es auch nur darum wäre, weil die Menschen sich sagen: der will uns durch Redensarten gewinnen. Alles, was ich gesagt habe, war im Conversationstone gesprochen bei der Präsentation der Behörden, wo dann bald diese, bald jene Äußerung zu Einem oder dem Anderen oder auch zu Mehreren zugleich gesagt wird; und beim Interesse des Gegenstandes kam es natürlich oft, daß ein Jeder zu horchen versuchte, was ich sprach, dann also auch alle still waren und man so meinen Worten die Ehre angetan hat, sie in eine Rede zusammenzufassen.

Übrigens sprach ich mich nicht allein in Coblenz so aus, sondern in Cöln, Düsseldorf, Aachen, Lippstadt, Wesel usw.; überall sagte ich dem Sinne nach dasselbe und dies Alles habe ich mir aus den Inhalten Ihres eigenen Briefes... construiert. Demnach ging der Sinn meiner Worte dahin: „daß Sie es bedauerten, zum zweiten Male von der Bereisung der westlichen Provinzen und der dortigen Armee-Corps verhindert zu werden und daß Sie mir aufgetragen hätten, dies den Truppen und den Einwohnern bekannt zu machen“. Wenn im vergangenen Jahre ein so schöner Grund Sie von dieser Reise abgehalten hätte, so wäre es nur im höchsten Grade zu beklagen, daß in diesem Jahre der Grund ein so höchst trauriger, unglücklicher sei; denn bei den jetzigen gestörten Verhältnissen in Frankreich, die ganz Europa in Unruhe und Bewegung zu setzen drohen, hätten Sie natürlich die Residenz nicht verlassen können, um sich mit Ihren Alliierten desto rascher beraten zu können. Was die französische Revolution beträfe, so würden Sie sich nicht in diese inneren Angelegenheiten mischen; man würde die Revolution wie einen Krater beobachten, der in sich selbst ausbrennen müßte und man würde nur auf seiner Hut sein, daß dieser Krater keine Crevasse bekäme, aus der sich der Gährungsstoff auf andere Länder ergießen könne. Sollte Preußen jedoch nicht angegriffen werden, so wären Sie fest entschlossen, alle Ihre Kräfte aufzubieten, um den jetzigen Besitzstand zu erhalten, und Sie würden keinen Mann Ihrer bewaffneten Macht zurücklassen, um auch den letzten Ihrer Untertanen zu beschützen und sich zu erhalten. Was die verschiedenen Aufstände im Preußischen beträfe, so hätten Sie dem wohlgesinnten Teil der Untertanen Gelegenheit gegeben zu zeigen, wie sehr sie Ihrem Szepter anhingen, indem sie den Emeuten allenthalben rasch ein Ziel gesetzt hätten. Ich müßte aber einem Jeden zu bedenken geben, daß man nicht nur durch Aufstände gegen Sie sich auflehnen, sondern daß auch durch Gesinnungen und Handeln eines Jeden in seinem Wirkungskreise Auflehnung entstehen könne, und daher müßte ich namentlich die Behörden aufmerksam machen, genau den geregelten und vorgezeichneten Gang Ihrer Regierungsform ins Auge zu fassen, damit ein Jeder in Ihrem Sinne Recht und Billigkeit ausübe. Jede Abweichung hiervon wäre gegen Ihre Absicht und gegen den Sinn Ihrer Regierung und könne daher eine Ahndung nach sich ziehen.

Wenn Sie gegen diese Worte und deren Sinn etwas zu erinnern finden, so muß ich Belehrung darüber erwarten; ich glaube aber versichern zu können, daß sie nicht nachteilig gewirkt haben und das Interesse, welches Sie an den getrennten Provinzen nehmen, den Einwohnern von Neuem gezeigt und sie sehr erfreut hat.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Im Dienste des Staates.

Berlin, den 14. November 1830.

Auf meinen dienstlichen Antrag, den Kavallerie-Regimentern die Kriegsreserven-Mannschaften so lange zu belassen, bis die Augmentations-Mannschaft im Februar oder März eintrifft, habe ich heute die abschlägige Bescheidung des Kriegsministers auf Ihren Befehl erhalten. Verzeihen Sie gnädigst, wenn ich noch ein Mal in dieser Angelegenheit mich direkt an Sie wende. Mein Zweck kann ja kein anderer sein, als Ihre Kavallerie vor einem möglichen Erscheinen im Felde zu sichern, der ihr und ihrem Namen nur Nachteil bringen kann.

Die jetzige Stärke eines Kavallerie-Regimentes ist 462 Gemeine; davon sollen nun ein Drittel entlassen werden, also pp. 150 Gemeine; es verbleiben also ausrückender Stand 378 Gemeine. Davon Kranke, Kommandierte ect. vielleicht 18 Mann. Schlagfertiger Stand also 300 Mann.

Mit 300 Pferden also würde ein Kavallerie-Regiment marschieren, wenn im Laufe der nächsten Monate ein Marsch befohlen würde. Wenngleich ich die politischen Ereignisse nicht kenne, so scheint doch aus allem hervorzugehen, daß die Krisis gekommen ist, wo es sich entscheiden muß, ob in wenigen Wochen Belgien sich friedlich gibt oder ob es gezwungen werden muß, dem Willen Europas sich zu beugen. Tritt letzterer Fall ein, so scheint ein Einrücken unserer Truppen so schnell als möglich doch unumgänglich nötig, um noch so viel zu retten als möglich. Dann tritt aber auch der Fall ein, daß die Kavallerie-Regimenter am Rhein schnell aufbrechen müssen und nicht 14 Tage bis 3 und 4 Wochen auf die Einziehung ihrer Kriegsreserven warten können; folglich marschieren sie dann mit 300 Gemeinen. Noch schlimmer gestaltet sich das Ganze für mein Armeekorps. Dasselbe wird doch allerwenigstens nach dem Rhein marschieren müssen, wenn die dortigen Corps vorrücken (freilich wäre es mir lieber, wenn mein Corps gleich mit vor den Feind rücken könnte), dann habe ich also auch aber nur Kavallerie-Regimenter zu 300 Gemeinen; meine Kriegsreserve-Mannschaft kann ich aber unter 6 Wochen nicht in den jetzigen Garnisonen haben und nicht unter 2 Monaten am Rhein. Die jetzt einkommenden Rekruten pp. 150 müssen zurückbleiben oder unausexerciert folgen; dasselbe gilt von den Rekruten, die jetzt oder im Februar kommen sollen.

Ein Regiment hat jetzt etatmäßige Pferde 468; angenommen, es haben nur 18 Pferde ausrangiert, bleiben 450. Folglich, um den neuen Etat von 584 Pferden zu erreichen, bedarf es 134 Pferde; davon erhält es jetzt 60 und im Februar 74 Stück. Wenn also in den nächsten 4 Wochen ein Marsch eintritt, so muß ein Regiment 450 Pferde und 60 Pferde, Summa 510 Pferde mitnehmen; darauf hat es aber nur 300 gedienter Leute und 150 Rekruten, also genau 210 Pferde mehr zu warten, als es Leute zu deren Wartung hat und wenn die Rekruten mit die Pferde warten können, so bleiben immer noch 60 Pferde mehr als wartende Soldaten. In der Garnison in Ruhe läßt sich das allenfalls ertragen, aber auf einem Marsch wäre es ein entsetzlicher Übelstand[84].

Aus allem diesem fühlte ich mich daher bewogen, Ihnen nochmals den Antrag vorzulegen, die Kriegsreserven der Kavallerie-Regimenter des 3., 4., 7. und 8. Armeecorps so lange vor der Hand bei den Regimentern zu belassen, bis die zweite Remonte zur Augmentation eingetroffen ist, ungefähr so im Februar, bis wohin sich so Vieles am politischen Horizonte aufgeklärt haben muß und namentlich, ob man sich noch mehr oder weniger rüsten muß. Tritt bis dahin aber jenes Corps in Marsch, so sind die Kavallerie-Regimenter doch einigermaßen schlagfertig, was ohne Einbehaltung der Kriegsreserven fast nicht möglich ist. Am 23. d. M. sollen die Kriegsreserven meiner Kavallerie abgehen; die der 5. Kavallerie-Brigade sind schon zweimal fort gewesen und zweimal wieder eingezogen worden. Ich habe jedem Mann aus meiner Tasche einen halben Taler geschenkt, um sie einigermaßen für die gehabten Kosten an Kleidung und Putzzeug zu entschädigen. Dies zum dritten Mal zu erleben, was leicht möglich wäre bei der zu erwartenden Entscheidung der Krisis, wäre wohl sehr unangenehm in jeder Beziehung.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

(Ohne Datum.)

Wilhelm Solms hat mich in seiner Heiratsangelegenheit zum Mitvertrauten erwählt. Dieselbe ist Ihnen durch seine Mutter und deren Brüder bekannt gemacht worden, um Ihren Consens zu erbitten. Sie haben dabei ausgesprochen, daß Sie den Wunsch hätten, man möchte doch noch Versuche machen, ob man die Gräfin Kinsky-Mutter nicht vermögen könnte nachzugeben, daß auch die einstigen Töchter aus der zu schließenden Ehe den evangelischen Glauben annähmen. Sie sind darin Wilhelms Wünschen nur unterstützend beigetreten, doch hatte er gleich von Anfang an nicht die Hoffnung, daß seine künftige Schwiegermutter nachgeben würde, da es ihm Mühe gemacht hatte, die evangelische Religion für die Söhne zu erlangen.

Der Herzog Carl, welcher diese Religionsfrage der Töchter nun betrieb, verpflanzte dieselbe auf ein fremdes Terrain, indem er mit dem Gesetze einschreiten wollte, indem er seinem Neffen versicherte, Sie würden Ihren Consens nicht geben, wenn nicht das Gesetz erfüllet würde, d. h. nach des Herzogs Auslegung, die Töchter +müßten+ katholisch werden. Wilhelm Solms, der sich mit der Sache natürlich sehr vertraut gemacht hatte, auch bereits die Einwilligung seiner Mutter und seines Familien-Chefs, von Letzterem sogar durch offizielle Urkunde, hatte, daß die einstigen Töchter katholisch werden sollten, fand in den Gesetzen nirgends die vom Herzog Carl gemachte Auslegung derselben. Denn im Gesetz heißt es ausdrücklich so: die Regel ist, daß alle Kinder der Religion des Vaters folgen; wenn jedoch ein anderes bei den Ehepakten beschlossen wird, so mischt sich das Gesetz nicht darein; nur in dem Falle, daß eine Verschiedenheit der Wünsche obwaltet und eine Einigung nicht möglich ist, so tritt das Gesetz mit der aufgestellten Regel ein. Ja selbst wenn die Brautleute gleicher Meinung waren, bei der Geburt eines Kindes eines der nunmehrigen Eltern desselben aber die Meinung gewechselt haben sollte und eine Einigung gutwillig nicht möglich ist, so schreitet auf Verlangen wiederum das Gesetz mit seiner Regel ein. Diese hier aufgestellte Auslegung des Gesetzes beruht auf den Aussprüchen der Geheimräte v. Raumer, Savigny und Kamptz und ist auch die ganz allgemein in Anwendung kommende Praxis. Wilhelm Solms muß also vermuten, daß sein Onkel in der Auslegung des Gesetzes geirrt habe, was ihm dadurch noch mehr bestätigt ward, daß vor wenig Tagen sich der Herzog völlig lossagt, ferner in der Angelegenheit zu tun haben zu wollen und den Großherzog an seine Stelle setzt. Außerdem hatte aber der Herzog Carl auch noch obengenannte Urkunde des Fürsten Solms als unstatthaft angreifen wollen, obgleich sie schon in Wien mitgeteilt ist, behauptend, die mediatisierten Fürsten dürften dergleichen Dokumente in ihren Familien nicht ausstellen, wenn sie gegen Landesgesetze verstießen. Da aber, wie gezeigt, gegen die Landesgesetze gar nicht verstoßen ist, indem mit Übereinstimmung von allen Parteien die katholische Religion für die Töchter stipuliert ward, so fällt auch dieser Einwurf des Herzogs zusammen, abgesehen davon, daß den mediatisierten Häusern selbst solche Anordnungen zu treffen vorbehalten ist.

Wilhelm Solms ist nun natürlich sehr ~en peur~ zu vermuten, daß Ihnen die Sache als eine Ungesetzmäßigkeit vorgestellt sein möchte, was zu berichtigen ich sehr gern für ihn übernommen habe. Der hofft also, wenn der Großherzog Ihnen das Nichtnachgeben der Gräfin Kinsky wird angezeigt haben, Sie Ihren Consens erteilen werden, wenn Sie gesehen haben, daß Alles geschehen war, die Gräfin zu bewegen, Ihrem Wunsche nachzugeben; der Entscheidung Ihres Consenses wird das Gesetz nirgend im Wege stehen. Sie werden Zwei sehr glücklich machen, denn die Briefe der Braut schildern sie als sehr verliebt und sehr ausgezeichnet von Herz und Geist, und Wilhelm ist sehr entzückt und gefällt mir ganz ungemein in der ganzen Angelegenheit[85]...

Berlin, den 29. März 1831.

Wenngleich ich nicht weiß, ob Ihr Vertrauen dem Prinzen Radziwill[86] beim nächsten Avancement in der Armee eine Regiments-Commando-Stelle verleihen wird, so wäre dies bei seinem Anciennitäts-Verhältnis doch möglich. Ich glaube es daher der Freundschaft für ihn schuldig zu sein, über seine Persönlichkeit und über die daraus etwa entspringende Wahl des ihm anzuvertrauenden Regimentes Folgendes zu sagen.

Sein sehnlichster Wunsch und der seiner Familie ist es, einst das 19. Infanterie-Regiment zu befehligen, indem er demselben nun schon so lange angehört. Der jetzige Commandeur, Oberstleutnant v. Valentini, hat diesen Wunsch sehr begreiflich gefunden, sich ganz erbötig erklärt, ein Regiment zu tauschen, wenn es Ihr Befehl sei. Später hat er jedoch seine Ansicht in dieser Hinsicht plötzlich geändert. Dem General Witzleben teilte ich schon vor längerer Zeit den Wunsch des Prinzen mit. Er erwiderte mir, daß der Prinz zu sehr Pole sei, als daß man ihm dies Regiment anvertrauen könne und daß mehrere Dinge über ihn in dieser Beziehung berichtet seien, die Sie nicht veranlassen würden, ihm das 19. Regiment zu geben. Ich teilte dem Prinzen diese ganze Unterredung und Mitteilung des Generals Witzleben mit. Er war darüber nicht verwundert, weil er sehr wohl wußte, daß man von Posen aus so über ihn berichte. Als Mann von Ehre begnügte er sich zu erwidern, daß er sich nicht rechtfertigen würde, sondern die Zeit entscheiden lassen wollte. Wie wenig er übrigens blind über die Polen ist, wird seine Mitteilung -- schon vor einigen Jahren -- beweisen, wo er mich benachrichtigte, daß der Geist in Posen usw. anfinge sich zu verschlechtern usw. und daß er dieserhalb beständig zu predigen habe.

Jetzt seit der polnischen Revolution wird, glaube ich, ein Jeder, der ihn unparteiisch hat sprechen hören, ihm das Zeugnis erteilen, daß man nicht richtiger das Verhältnis beurteilen kann als er; aber freilich kann ich ihn dabei nicht lossprechen, manches Ding, was unter dem Großfürsten Konstantin geschehen ist, bei seinem Namen genannt zu haben und vielleicht nicht immer vorsichtig genug. Aber Rebellion bleibe für ihn Rebellion, wenngleich das Interesse von seines Vaters Landsleuten ihm am Herzen liegt. Wenn er sich also in dieser Beziehung mancher Unachtsamkeit wirklich anzuklagen haben mag, so ist das doch sehr weit entfernt von einer Gesinnung, die Mißtrauen gegen ihn aufkommen lassen könnte. Ich darf es Ihnen versichern, Sie können keinen ergebeneren und treueren Offizier in Ihrer Armee haben als ihn, denn Wenige kennen ihn so genau wie ich...

Der Prinz wird natürlich jedes andere Regiment, das Sie ihm übergeben, als ein unschätzbares Vertrauen übernehmen, aber ein sehr schmerzhaftes Gefühl wird es ihm sein und bleiben, glauben zu müssen, daß man aus politischen Gründen ihm mißtraut und daher von seinem jetzigen Regimente entfernt. Verzeihen Sie gnädigst, wenn Freundschaft und Überzeugung diese Zeilen mir eingeben.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Belvedère bei Weimar, den 26. Juni 1831.

Die russische Remonte schlägt außerordentlich gut ein und ist wirklich jetzt ~magnifique~; auch die Augmentations-Pferde sind sehr gut, so auch beim 3. Ulanen-Regiment. Leider kann ich nicht dasselbe von den sogenannten russischen Pferden sagen, welche das 2. Dragoner- und das 3. Husaren-Regiment als Augmentation erhalten haben für die außerordentlich guten, welche sie an die Regimenter des 4., 7. und 8. Corps haben vor 6 Wochen abgeben müssen. Diese sogenannten russischen Pferde sind nicht nur unter der Kritik schlecht, wenigstens zu Dreiviertel der ganzen Masse, sondern sind sie nicht einmal einstellungsfähig, was das Haupterfordernis dieser Augmentationspferde war... Der Kriegsminister ist freilich selbst sehr ungehalten auf diesen Ankauf und wenn er auch Ersatz stellen will, so kann er es doch nicht hindern, daß diese Regimenter statt in vier Wochen erst in mehreren Monaten schlagfertig auf die Kriegsstärke werden. Ich hatte es ihm vorher gesagt und bin wirklich sehr niedergeschlagen, weil meine Cavallerie die einzige in der ganzen Armee ist, der es so ergeht...

Im Neuen Palais, 30. Juli 1831.

In militärisch-cholerischer[87] Beziehung melde ich nur noch, daß auf Aufforderung des Generals v. Thile von gestern der Oberst v. Neumann angewiesen worden ist, eine Compagnie des Kaiser Franz Füselier-Bataillons und eine Escadron jenseits Stettin zu detachieren, indem die dortige Garnison nur 100 Mann disponibel zum Cordon bis zum Haff machen kann, daher die verlangte Aushülfe notwendig wurde. Das Füselier-Bataillon des ersten Garde-Regiments wird, wenn jene Lücke links geschlossen werden muß, auf dem rechten Flügel des Cordons diese Links-Schiebung ersetzen. Die Bataillone sind guten Muts ausmarschiert, um so mehr, weil die Soldaten nicht glauben, daß sie blos gegen die Krankheit, sondern gegen die Polen marschieren, wovon die nur mitgenommenen 15 scharfen Patronen sie nicht zu detrompieren vermochten. Die Bemerkung hörte man allgemein, daß man nach 16 Friedensjahren nicht erwartet hätte, zum ersten Male nach Osten und gegen eine Seuche wieder auszumarschieren und daß die westliche Richtung lieber eingeschlagen worden wäre, einen andern Feind findend. Wer weiß, was über kurz oder lang uns bevorsteht, dann ist die jetzige Zeit ein gutes Aguerriren...

Berlin, den 10. Februar 1832.

Durch den Kriegsminister ist mir Ihr Befehl zugegangen, nach welchem eine sehr bedeutende Beurlaubung bei der Infanterie eintreten soll. Die Staatskassen müssen freilich sehr erschöpft sein, da Sie sich zu dieser Maaßregel entschlossen haben, denn Niemand ist ja fürsorglicher für das Wohl der Armee als Sie und Niemand weiß daher besser als Sie, wie schmerzlich dieser Befehl der Armee sein muß, wie desorganisierend er momentan und vielleicht auf länger auf dieselbe wirken muß. Ich kann daher auch nicht, wenn ich es mir auch gern unterstehen möchte, auf Zurücknahme dieser Anordnung für die ganze Infanterie antragen; aber ich wage es, Ihnen die Lage der Infanterie des dritten Armee-Corps untertänigst vorzutragen. Durch die Dislocation derselben außer ihrem Cordon trifft diese Maßregel dieselbe ungleich härter und führt weniger zum Ziel der Ersparnisse.

1.) Die Beurlaubung wird nicht viel vor Ende des Monats eintreten, sodaß also ungefähr dieselbe nur auf 3 Monate eintritt.

2.) Nach meinem ungefähren Überschlag wird die Entlassung beim dritten Armee-Corps circa 2200 Mann betragen. Der Mann zu 3 Taler monatlich berechnet, gibt die Summe von 10000 Talern, in 3 Monaten also 30000 Taler, welche erspart werden.

3.) Davon sind jedoch wiederum abzurechnen wenigstens 14 Tage Hin- und 14 Tage Her-Marsch, also wieder ein Monat, sodaß wieder 10000 Taler abzurechnen sind, und es bliebe also nur ca. 20000 Taler Ersparnis.

4.) Wie Wenige werden sich finden, die auf eine so kurze Zeit nach Hause gehen, wie sie kein Unterkommen, kein Verdienst auf 2 Monate finden?

5.) Bei der Aussicht einer großen Revue für das dritte Armee-Corps wird die Maaßregel für dasselbe im höchsten Grade drückend. Die Desorganisation der Truppen tritt in dem Moment ein, wo die Compagnie-Exercier-Zeit beginnt, wo die Rekruten durch die Zusammenstellung mit den alten Mannschaften erst anfangen sich zu orientieren und als Soldaten zu fühlen. Das Fortschreiten der Ausbildung von Stufe zu Stufe, Compagnie-, Bataillon-, Regiments-Exercieren wird unmöglich, teils aus Mangel an Formations-Möglichkeit, teils weil mit vier wachtfreien Nächten die Mannschaft so fatiguirt wird, daß an ein systematisches Exercieren kaum zu denken ist. Jede Vermehrung von Kranken im Frühjahr, die leider jetzt immer zu erwarten ist, jedes kleine Kommando und andere Zufälligkeiten vermindern den wachtgebenden Stand, sodaß bald mit 3, bald mit 2 Nächten wird aufgezogen werden müssen. Bei einer solchen Fatigue hat die Erfahrung, namentlich in Coblenz bis zum Jahre 1830, gelehrt, daß die jungen Leute nicht auf dem Posten sich wach zu erhalten vermögen, sie schlafen ein, werden so betroffen, arretiert, sodaß ihre Existenz höchst gefährdet ist, da sie zwischen Ermattung auf Posten durch Mangel an Schlaf, was die Gesundheit untergräbt, und Arretierung wegen Erliegung der Fatigue zu wählen haben. Dies Bild erscheint grell, ist aber leider aus der Erfahrung von Coblenz gegriffen und findet sich in einem Brief von mir an den General Witzleben aus Ems von 1830. Ich fürchte mit Recht, daß ähnliche traurige Verhältnisse nun in Magdeburg, Erfurt, Cüstrin und Wittenberg eintreten werden. Wie soll bei solchen Fatiguen viel exerciert werden können? Die Ausbildung der Truppe ist also während der drei Monate fast unmöglich.

6.) Am 1. Juni soll die beurlaubte Mannschaft wieder eintreffen bei den Regimentern. Um Ihre Zufriedenheit zu erlangen im Herbst, ist es unumgänglich nötig, daß wie 1827 die Vorübungen der Truppe systematisch in ihrer größeren Zusammensetzung fortschreiten; sonst kann ich nicht verantwortlich sein für Ordnung der Ausführung des Verlangten. Eine desfalsige Berechnung ergibt, daß die Erfurter Garnison in der Hälfte Juli aufbrechen muß; sie hat also kaum 5 Wochen, um mit der Mannschaft im Detail alles nachzuholen, was erforderlich ist. Welch’ ein kurzer Zeitraum für die feine Ausbildung im Detail; welche Anstrengungen, welche Überbietung der Kräfte aller Teile gehört dazu, um zu Stande zu kommen? Eine so übermäßige Anspannung erkältet leicht den höchsten Eifer und die größte Lust. Und wenn es mir auch glückte, das Corps wie vor 6 Jahren Ihnen vorzuführen, so bangt mir wahrlich vor der Frage, was für Kräfte aufgeboten wurden, um in so kurzer Zeit so viel zu erreichen.

Aus dieser, ich fühle es, sehr kühnen und gewagten Darstellung der Folgen, welche die Beurlaubungsmaßregel bei meiner Infanterie haben wird, unterstehe ich mich darauf anzutragen, die Maßregel bei dieser Infanterie zurückzunehmen, teils, weil die Ersparnis-Erzielung bei derselben gering ist, durch ihre Dislocation, teils weil die Kräfte der Mannschaften beim Wachtdienst und bei den übereilten späteren Übungen gefährdet werden... Ich muß bemerken, daß meine Befehle zur Beurlaubung bereits abgegangen sind, eine gnädige baldige Entscheidung also sehr erwünscht ist.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Berlin, den 8. Oktober 1832.

Der gestrige Morgen in Bellevue, wo wir Charles X. und den Dauphin begrüßten, gehört gewiß zu den ergreifendsten Momenten des Lebens. Ich vermag den Eindruck nicht zu schildern, den der Anblick des Mannes, auf einer solchen Reise begriffen, auf mich machte, den man vor 17 Jahren in Folge so mühseliger Anstrengungen und Opfer auf den Thron seiner Väter zurückführen sah. Der Wechsel der entsetzlichen Schicksale trat zu grell hervor, als daß man nicht tief erschüttert sein mußte.

Der König war in seiner bekannten Art heiter und außerordentlich gerührt und dankbar über Alles, was ihm seit seinem Eintritt ins Preußische begegnet ist, denn allgemein soll man ihm die größte Teilnahme verbunden mit dem schuldigen Respect erwiesen haben... Er sprach über die Revolution und sagte, daß er immer nur das Wohl seines Landes im Auge gehabt habe und auch glaube, immer nur die richtigsten Mittel gewählt zu haben; aber freilich einen Fehler habe er gemacht, nämlich den, im Juli 1830 nicht 50000 Mann mehr nach Paris gezogen zu haben, aber er hätte eine solche Maßregel nicht für nötig gehalten, zu sehr auf die Gesinnung des Volkes rechnend. Er fürchtet sehr für Frankreichs Ruhe in den nächsten Monaten bei Eröffnung und während der Sitzung der Kammern, hinzufügend, er wünsche es nicht, denn er wünsche zur die Zufriedenheit des Landes, aber er fürchte nur Unruhen. ~Le gouvernement a bien de la peine de remettre les affaires en ordre et de se consolider~ sagte er auch unter anderm. Auch freute er sich über die Bundestagsbeschlüsse und sagte: ~la liberté de la presse, c’est le reste~...

Berlin, den 24. Februar 1833[88].

Es ist ein schwer zu beschreibendes Gefühl, mit welchem ich (in) diesem Augenblick die Feder ergreife, da ich weiß, daß ich mich über die ganze Zukunft der preußischen Armee aussprechen muß.

Vom Generalleutnant von Witzleben bin ich heute früh aufgefordert worden, mich über die künftige Dienstzeit des Infanteristen nach den mitgeteilten Plänen auszusprechen.

Früh schon hat mich Ihre Gnade und Ihr Vertrauen an die Spitze höherer Truppencommandos berufen, sodaß ich bereits aus den gesammelten Erfahrungen mir ein Urteil zutrauen darf. Wahrscheinlich berufen, dereinst noch die mir anvertrauten Truppen zur Erhaltung Ihres Thrones und Ihres Vaterlandes gegen den Feind zu führen, muß ich auch wissen, wie die Truppen beschaffen sind, mit denen ich so hohe Güter verteidigen soll. Eine Vernachlässigung meiner heiligsten Pflicht würde es sein, wenn ich in einem Augenblicke schweigen wollte, wo es darauf ankommt, die Beschaffenheit dieser Truppe so zu untergraben, daß deren Führer dereinst nicht mehr wissen können, ob sie für deren Gehorsam und Disciplin sich verbürgen können. Eine schwere Verantwortlichkeit würde ich auf mich nehmen, wenn ich in diesem entscheidenden Moment nicht auf das aufmerksam machte, was die Armee bedroht und wenn ich in ein System willigte, von dem ich nur Übles erwarte und vielleicht in einer fernen Zukunft -- wenn es zu spät ist -- hören müßte: warum hat man damals darein gewilligt, warum hat man nicht gesprochen, als es Zeit war.

Im Monat October habe ich es gewagt, über den fraglichen Gegenstand meine Ansichten ganz ~in exstenso~ vorzulegen. Wenn jenes Memoire es nicht vermochte, die Beschließungen abzuwenden, von deren Anwendung ich heute unterrichtet werde, so wird es freilich dieses Schreiben noch viel weniger vermögen, wo ich mich nur auf jenes Memoire beziehen kann. Aber verwahren muß ich mich gegen alle Folgen, die aus dem beabsichtigten Schritt entspringen müssen, und dies hiermit zu tun ist meine Pflicht.

Wohl weiß ich, daß gewichtige Stimmen keinen Übelstand in der verkürzten Dienstzeit des Infanteristen sehen wollen; noch heute sprach ich mit Generalleutnant Grollmann davon, aber wie künftig Unteroffiziere zu beschaffen sein werden, daran hatte er nicht gedacht, gleichfalls nicht, wie nach 16 monatlicher Dienstzeit sich noch Kapitulanten finden werden, die Pflanzschulen der Unteroffiziere. Er sagt, in 16 Monaten könne man einen Unteroffizier vollkommen ausexercieren und felddienstfähig machen; ich versichere dies in 8-10 Monaten tun zu wollen, aber weder in 8, 10 noch 16 Monaten erzieht man einen Soldaten, der es dem Geist nach ist, d. h. einen, der nicht aus Furcht vor Strafe, sondern aus einer gewordenen Überzeugung handelt, wie es ihm gelehrt ist. Wie will man Vertrauen auf einen Soldaten auf Vorposten setzen, der kaum unter den Augen des Vorgesetzten das Befohlene tut, weil er das Befohlene noch nicht inne hat und haben kann. Wie wird im Kriege die Disciplin in einer Truppe zu erhalten sein, die sie in 16 Monaten kaum der Idee nach kennen gelernt hat, dem Geiste nach aber gar nicht; wie wird diese Disciplin in der Landwehr, bei der Composition ihrer Offiziere aussehen, da sie in 16 Monaten nicht erlernt ist, geschweige denn nach 10 Jahren der Beurlaubung. Es gibt deutsche Armeen, die bei ihrer kurzen Dienstzeit weder das Vertrauen des In- noch Auslandes haben; die aber wohl +ein+ Renomee sich gemacht haben, das der Indisciplin. Die Preußische Armee zeichnete sich von jeher durch das Gegenteil aus; sie besitzt, und mit Recht, das Vertrauen des In- und Auslandes, weil ein Jeder fühlt, daß sie allein noch in Deutschland auf richtige Prinzipien gegründet ist, daß ihre Glieder zu wirklichen, kräftigen Kriegern erzogen werden, weil ihnen die Zeit dazu vergönnt ist. -- Wie wird sich das Alles ändern, wenn nun die Dienstzeit des Soldaten denen der andern Heere gleichkommt, auf die gerade dieserhalb man kein Vertrauen setzt.

Wenn wirklich die Reducierung der Dienstzeit von 36 auf 16 Monate stattfinden soll, so wird man sich vor einer Haupttäuschung zu wahren haben, nämlich der, daß man nicht mehr die Ansprüche an die Armee und Landwehr einst beim Beginn eines Krieges mache, die man an sie zu machen berechtigt war, als das Edikt vom Jahr 1814 erschien. Durch die Reducierung der Dienstzeit tritt die Infanterie auf die Linie der anderen kleinen deutschen Armeen und man ist nicht berechtigt, mehr von der unsrigen als von jenen zu verlangen. Das Edikt vom Jahre 1814 zeigte eine Armee von Linientruppen beim Beginn eines Krieges, in welcher eine feste soldatische Ausbildung möglich war, und daneben die Landwehr, welche durch jene feste soldatische Ausbildung gegangen war und daher ein Stamm sein konnte, trotz der langen Beurlaubung jener Ausbildung in allen Teilen Ehre zu machen. Jetzt nun soll der Vordersatz schwinden, was soll aus dem Nachsatz werden?

Die schöne Haltung der Armee gibt am meisten Stoff für die Laien, um die Behauptung der verkürzten Dienstzeit aufzustellen. Man kehre den Satz um: gesetzt, es wäre nicht gelungen, die Armee so schön zu erhalten, sondern das Gegenteil, würden die Laien nicht selbst behaupten, die Dienstzeit müsse verlängert werden? Denn es sehe die Truppe zum Erbarmen aus? Ganz einfach und schlagend ist der Satz, da ein Soldat 3 Jahre dienen +muß+, um dem +Geist+ nach Soldat zu sein, so kann er auch so gut aussehen, wie der preußische Soldat aussieht, aber nicht +um+ so gut auszusehen, soll er drei Jahre dienen.

Schließlich kann ich nicht unberührt lassen, daß ich aus sicherer und sehr wohl unterrichteter Quelle weiß, daß auch das Jahr 1832 wieder Überschüsse im Jahres-Abschluß liefert, die den früheren nicht nachstehen: ich muß daher noch einmal auf die im Memoire vom Oktober abgesprochene Ansicht zurückkommen; man zweige anderthalb Millionen von diesen nun seit 3 Jahren constant sich bleibenden Überschüssen zum Militär-Etat ab, lege das andere in den Schatz und Erlassung von Steuern möge eintreten, wenn jener gefüllt ist, aber ehe jene Millionen nicht zum Militär-Etat gebracht sind, darf kein Steuer-Erlaß eintreten. Ist dieser erst eingetreten, und die Dienstzeit verkürzt, wer kann +dann+ jemals daran denken, eine Steuer-Erhöhung und eine verlängerte Dienstzeit wieder vorzuschlagen? So stehen wir am Wendepunkt dieser ins tiefste Innerste mich erschütternden Frage, deren Lösung das Schicksal des Vaterlandes und des Thrones in sich schließt. Tief ergriffen und schmerzlich bewegt verbleibe ich

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Im neuen Palais, 30. Juli 1833.

Eine zweite Bitte, die ich vorzutragen wage, verdient eine sehr zarte Behandlung, da Sie mir dieselbe bereits vor 7 Jahren zwar nicht definitiv abgeschlagen, jedoch durch Ihre Nicht-Entscheidung auch nicht genehmigten. Es ist dies das Projekt eines kleinen Besitztums auf dem Babelsberg[89]. Sie fanden das damalige Projekt zu groß und zu kostspielig. Das, was ich jetzt vorzutragen wage, wird diesen Vorwurf nicht verdienen, da es nur eine Cottage von 50 Fuß Quadrat und eine kleine Garten-Anlage rund herum in sich begreift. Der ganze übrige Berg würde bleiben, wie er ist und nur gangbarer gemacht werden. Die projektierte Anlage würde am unteren Abhange zunächst dem Fischerhäuschen zu liegen kommen, mit einem kleinen Teil des offenen Feldes; das Ganze würde ungefähr 6000 Tlr. abzuführen kosten. Die neu angelegten Promenaden auf dem Berge, die jedoch weder von mir angelegt noch bezahlt sind, haben durch die schönen Aussichten, die sie gewähren, den Wunsch von neuem in mir rege gemacht, jenes frühere Projekt wieder aufzunehmen, da ich mich in der Wahl der schönen Lage wohl nicht geirrt habe. Augusta teilt sehr meinen Wunsch und den Gefallen an einem kleinen Besitztum. Im Gewährungsfall würde ich den Berg in Erbpacht nehmen, jährlich 90 Tlr., weil ich keinen andern Besitz-Titel anzugeben habe. Da die Zeiten jetzt friedlich sind, so darf ich hoffen, Ihre gnädige Einwilligung zu erhalten...

Weimar, den 23. Oktober 1833.

.... Ich war gestern in Erfurt... nach der Parade führte die Infanterie ein kurzes Exercieren aus. Die Truppen sahen sehr gut aus, wenngleich die schönen gedienten Leute vom Herbstmanöver zu vermissen waren... Auch das hiesige Bataillon habe ich in Parade gesehen. Es war sehr schwach... die Haltung ist mit einem gewöhnlichen Landwehrbataillon früherer Art zu vergleichen, da die Mannschaften erst vier Wochen bei der Fahne sind... exerciert ward nicht, so daß ich von dem neu eingeführten preußischen Reglement nicht urteilen konnte. Die Griffe haben sie nicht eingeführt, da sie noch französische Gewehre besitzen, also die preußische Chargierung nicht annehmen können. Es wäre vielleicht nicht unzweckmäßig, zu versuchen, das preußische Gewehr hierher zu verpflanzen, damit ein Anfang zur Egalisierung des Kalibers gemacht würde...

Weimar, den 31. Oktober 1833.

.... Vor einigen Tagen habe ich den nun von Ihnen bestimmten Infanterie-Etat und die auf 2 Jahre bestimmte Dienstzeit zugeschickt erhalten. Ich sehe, daß auf die Gegenrechnung, welche ich in meiner Eingabe im Juli machte, nicht berücksichtigt worden ist. Ich kann nur wünschen, daß meine Rechnung unrichtig war; indessen nach den bisherigen Erfahrungen muß ich fürchten, daß ich mich nicht verrechnete. Da nun zur großen Revue vor Ihnen, also höchstens alle vier Jahre, die Kriegsreserven-Rekruten eingezogen werden sollen, so sind die Bataillone vier Jahre lang incomplet, so daß beim Ausmarsch so viele rohe Rekruten eingezogen wenden müssen, als das Manquement beträgt und dies wirkt ebenso auf die Landwehr; ich bin daher nicht ohne Besorgnis.

Berlin, den 1. März 1834.

Die Vorbereitungen zum Umbau unsers Palais sind nunmehr so weit vorgeschritten, daß derselbe auf dem bisher innegehabten Grundstück unter den Linden in der Mitte dieses Monats beginnen kann, so daß bereits im Herbst das erneuerte Gebäude unter Dach sein kann. Mit Ihrer gnädigen Erlaubnis würden wir daher um die angegebene Zeit unsern Umzug nach dem Schlosse bewerkstelligen. Den Vorstellungen des Hofmarschalls v. Malzahn habe ich gern nachgegeben, wenn ich Ihre Genehmigung nachsuche, nicht die früher gewählten Räume bewohnen zu dürfen, sondern das kleine Appartement des seligen Königs, da dasselbe alle Bequemlichkeiten darbietet, die dem zuerst gewählten durch das Erscheinen des Kleinen[90] nun abgehen.

In der Anlage überreiche ich untertänigst die Pläne des Baurats Langhans[91], die die Genehmigung des Geheimrats Schinkel erhalten haben. Von den mitkommenden Façaden erscheint die im Florentinischen Stil mit den Bogenfenstern wegen ihrer Seltenheit in Berlin vielleicht den Vorzug zu verdienen. Sollten Sie jedoch den anderen den Beifall zollen, so sehe ich Ihren Befehlen entgegen, die ich aber vielleicht bald erbitten darf, damit der Baumeister sich auf das eine oder andere präpariere...

Dobberan, den 13. August 1834.

.... Durch den Hofmarschall von Malzahn bin ich benachrichtigt worden, daß Sie die Kosten der Instandsetzung der Fenster, Küchen usw. in dem mir im Schloß angewiesenen Räumen, nicht übernehmen zu wollen befohlen haben. Ich darf mich wenigstens über jenen Antrag rechtfertigen, denn ich habe ihn beim Hofmarschall gemacht, in der Voraussetzung, daß es seine Pflicht sei, die angewiesenen Räume in solchem Zustand zu überweisen oder herzustellen, daß sie brauchbar sind. In Küche und Keller war dies in einem so hohen Grade nicht der Fall, daß Sie die Details kaum glauben würden. Wie wenig aber die Wohnung selbst gegen die Winterwitterung geschützt ist, beweist die gemachte Aufnahme zu den Reparaturen, die der Kastellan besorgt hat und auch, daß Alexandrine[92] vorigen Winter ein Zimmer ganz hat verlassen müssen, weil es nicht mehr wegen Zug und Kälte bewohnbar war.

Ich glaubte diese Ausführungen machen zu dürfen, um wenigstens den Glauben von mir abzuwenden, als habe ich etwas Unbilliges verlangt. Die verlangte Summe war allerdings nicht bedeutend, aber ich glaubte das Recht auf meiner Seite zu haben, als ich dem Hofmarschall den Antrag machte, während ich mir ein Palais baue, die einstweilen überwiesenen Schloß-Zimmer nicht auch noch im baulichen Zustande halten zu müssen.

Wien, den 14. März 1835.

.... Immer mehr muß man die Weisheit bewundern, mit welcher der verstorbene Kaiser seine letzten Anordnungen traf, die, wenn sie auch länger schon mit dem Fürsten Metternich vorbesprochen waren, doch nur in den letzten Lebensaugenblicken zu Papier gebracht wurden. Das so zu nennende politische Vermächtnis für seinen Nachfolger, wovon mir Fürst Metternich eine Abschrift im engsten Vertrauen für Sie mitgeben wird, ist ein Muster von Weisheit, Einfachheit und Kürze und muß einen tiefen und heilsamen Eindruck auf Jeden machen. Die Einigkeit der kaiserlichen Familie fährt fort, sich bei jeder Gelegenheit abzusprechen; dieselbe Einigkeit in den Grundsätzen, zu den Handlungen, und in den allgemeinen politischen Ansichten ist bei allen höchsten Beamten und bei Allen, die ich sonst noch gesprochen habe, ungemein erhebend und erfreulich zu sehen. Die Armee soll in einer musterhaften Verfassung sein und durch ein enormes Avencement, was lauter junge Männer an die Spitze der Truppen brachte, auch in ihrem geistigen Elemente im höchsten Grade belebt. Durch alle diese Verhältnisse erscheint Österreich in diesem Moment trotz des entsetzlichen Stoßes, den es soeben erlitten hat, dennoch auf einem Standpunkt zu stehen, der volle Anerkennung verdient und der, wenn Menschen und Umstände so verbleiben, eine ungetrübte Zukunft versprechen; und daß die am Ruder stehenden Männer keine veränderten Umstände herbeiführen wollen, dafür bürgt das Gefühl des notwendigen Zusammenhaltens Aller; hier liegt die ganze Garantie für die Zukunft.

Berlin, den 24. April 1835.

Der Kriegsminister benachrichtigt mich heute in einem Privatschreiben, was Sie infolge seines erneuten Vortrages über die Dienstreisen zu erklären geruht haben. Ich muß zwar vermuten, daß der Minister bei dieser Gelegenheit auch meine Vorstellungen erwähnt hat, die ich ihm auf die Cabinetsordre vom 18. März gemacht habe. Da jedoch Ihre anderweitigen Erklärungen, die ich heute in Erfahrung bringe, die Besorgnisse für das fernere Wohl der Armee, welche mir meine Eingaben an den Kriegsminister diktierten, leider nicht benehmen, so halte ich es für meine Pflicht, als eines der Organe der Armee und vermöge meiner Kindesstellung zu Ihnen, hier in der Kürze die Gründe nochmals auszuführen, welche mir jene Besorgnisse einflößen.

Bei einer Armee von langer Dienstzeit läßt es sich einigermaßen denken, daß eine mehrmalige Inspicierung im Jahre durch die höchsten Vorgesetzten überflüssig sein mag, wenngleich ihr Unterbleiben auch hier niemals vorteilhaft auf den Geist der Truppen wirken wird; denn diese wollen ihren Vorgesetzten doch sehen und kennen lernen und werden es ihnen immer als Faulheit auslegen, wenn sie dieselben niemals in ihre Dislocierungen sich begeben sehen, wo man sich nach dem Ergehen der Truppe erkundigen kann, Mängeln abhelfen, kurzum Interesse für ihr Wohlergehen an den Tag legen siehet. Bei einer Armee jedoch wie die preußische, wo in der Linieninfanterie namentlich jährlich jetzt die Hälfte sich erneut und in der Kavallerie ein Drittel, da ist eine unausgesetzte Kontrolle der höheren Vorgesetzten durchaus von Nöten, teils um im Allgemeinen Spannung zu erzeugen, und auf der anderen Seite Aufmunterung, teils um Egalité in den Regimentern einer Brigade und eines Armee-Corps herbeizuführen. Selbst nach den heute erhaltenen Erklärungen ist es den Brigadekommandeuren völlig untersagt, ihre Regimenter anders als im Herbst bei den Regimentsconcentrationen zu besichtigen. Wenn sie nun hierbei in den Details Mängel entdecken, so ist nun keine Zeit mehr, um dieselben zu redressieren; dieselben werden sich also auf die fernere Brigade- und Divisionsübung ausdehnen und erst im Laufe des nächsten Jahres zur Abstellung kommen; ob sie aber abgestellt sind, davon soll sich der Brigadecommandeur nicht überzeugen dürfen, bis ein volles Jahr verlaufen ist und die nächste Regimentsconcentration eintritt, denn die Cabinettsordre sagt ausdrücklich, daß ein Truppenteil nur inspiciert werden soll, wenn er in seiner Ausbildung zurückgekommen ist; ein solches Zurückkommen ist aber sehr relativ und jedenfalls wird künftig des Brigadecommandeurs Erscheinen nur als eine Strafe zu betrachten sein, während es jetzt Ermunterung war. Da, wie ich heute erfahre, es den commandierenden Generalen ferner zwar gestattet sein soll, bei Gelegenheit der Landwehr-Inspicierung auch die Linientruppen zu sehen... wenn sie diese nun aber nicht zur Zufriedenheit ausgebildet finden, so trifft den Brigade- oder Divisionscommandeur unmöglich ein Vorwurf, denn sie durften sie ja nicht selbst zuvor inspicieren und sie sind also aller Verantwortlichkeit frei. Darf ich hiernach wohl noch auf die Stellung aufmerksam machen, in welche somit die höheren Vorgesetzten zu ihren Untergebenen gestellt werden? Erscheinen sie hiernach nicht während 11 Monate im Jahr völlig überflüssig und bloß für das Bureaugeschäft da zu sein? Der commandierende General und der Regimentscommandeur sind demnach die einzigen controllierenden und also verantwortlichen Behörden. Und wenn selbst, wie mir der Kriegsminister bemerkte, auch die Inspicierungen durch den commandierenden General nicht nötig erscheinen, so wäre also alle Verantwortlichkeit über die Ausbildung der Truppen einzig und allein dem Gutdünken der Regimentscommandeure überlassen. Ob dann die so oft lobend anerkannte Gleichmäßigkeit ferner noch erhalten werden kann und ob nicht vielmehr jedes Regiment nach der einseitigen Ansicht seines Kommandeurs ausgebildet sein wird, muß ich untertänigst zu beurteilen anheimstellen. Wenigstens würde es sehr hart sein, wenn irgend ein höherer Vorgesetzter künftighin für den Zustand seiner Truppen noch verantwortlich gemacht würde; jedenfalls müßte er sich immer ausbitten, nicht bevor ein Jahr abgelaufen ist, ein tadelndes Urteil aussprechen zu hören und im Laufe dieses Jahres muß er es wieder dem guten Willen des Regimentscommandeurs überlassen, ob er das Getadelte bessern will, da der Brigade- oder Divisionscommandeur erst nach einem Jahre nachsehen darf, ob er gebessert hat.

Außer den Übelständen, daß alle Kontrolle aufhört über die Truppen, wenn der neue Befehl durchgeführt wird, tritt auch noch der ein, daß die nähere Kenntnis der Führer der isoliert stehenden Truppenteile völlig aufhört. Je mehr Truppen zusammen sind zum Herbstmanöver, je weniger ist Kennenlernung der Einzelnen möglich; auch erlauben die Fatiguen dieser Zeit gar keine geselligen Vereinigungen, die einzige Art, wie man Individuen kennen lernt. Hierzu dienten nun gerade die Inspektionsreisen der verschiedenen Vorgesetzten hauptsächlich; wie soll aber künftig ein Brigadecommandeur in der Conduitenliste über die einzelnen Offiziere ein Urteil fällen können, die er nur im Gewühl des Herbstmanövers ein Mal im Jahre sieht? Wie steigert sich die Unmöglichkeit eines gediegenen Urteiles über die Untergebenen für die höheren Generale?

Alle Kenntnis der Garnisonen und Garnison-Einrichtungen hört künftig für die höheren Befehlshaber auf, gewiß zum größten Nachteile der Truppen, da man sich künftig ganz auf das Urteil eines Intendanturbeamten verlassen muß.

Wenn ich somit im Allgemeinen mich ausgesprochen habe über das Princip, was durch die neue Verordnung aufgestellt werden soll, so muß ich nun auch noch untertänigst von der Veranlagung sprechen, aus welchem das alte Prinzip aufgehoben wird. Es ist dies der Kostenpunkt, denn die Reisen sollen enorm kosten. Aus folgender Berechnung hoffe ich ziemlich klar zu zeigen, daß es wenigstens nicht die Generale sein können, welche die enormen Kosten veranlassen.

Im dritten Armee-Corps haben sämtliche Generale im Jahre 1834 2800 Taler verreist; in runder Summe 3000 Taler. Wenn man dies auf neun Generalcommandos anwendet, so ergibt sich eine Summe von 27000 Talern. Wenn man nun annimmt, daß kein Armee-Corps so übel hinsichtlich der Reisen dislociert ist als das dritte, indem nirgends so viele Bataillone isoliert garnisonieren (in Königsberg, Danzig, Stettin, Magdeburg, Erfurt, Posen, Breslau, Neiße, Münster, Wesel, Köln, Coblenz und Trier liegen Bataillone), so dürfte hieraus folgern, daß in anderen Armee-Corps auch viel weniger Reisen vorkommen und also noch gegen jene 3000 Taler erspart werden müßte. Dagegen sind einige Bezirke größer als der dritte und ich will daher sogar annehmen, daß nicht allein 27000, sondern 30000 Taler jährlich verreist werden, d. h. auf die Art, wie meine Generale im Jahre 1834: der Divisionsgeneral zweimal, der Brigadegeneral dreimal. Da nun der Reiseetat, wie er ausgeworfen ist, 190000 Taler beträgt, so bleiben 160000 Taler übrig für die Generalinspekteure und für die Inspekteure, Regimentscommandeure, wenn sie über vier Meilen haben, und für das Civil-Personal des Kriegsministeriums. Nun hat mir aber der Kriegsminister versichert, der Etat sei um 200000 Taler überschritten worden, also seien 390000 verreist worden. Wie das möglich gewesen ist, bleibt mir ein unauflösliches Rätsel. Ich weiß allerdings, daß ein General 11000 Taler allein verreist hat, ein anderer dagegen nur 600; aber selbst wenn man 11000 mit 2 Armee-Corps multipliciert, so kommen 22000 Taler auf die commandierenden Generale und es bleiben immer noch 222000 Taler übrig. Eines klareren Beweises bedarf es wohl schwerlich, daß es die Inspektionsreisen der +Generale+ nicht sind, welche, wenn sie auf das Notwendigste beschränkt werden wie im dritten Armee-Corps, jene ungeheuere Mehrausgabe verursachen. Wenn diese Beschränkungen allenthalben einträten, d. h. der commandierende General ein Mal, der Divisionscommandeur zwei Mal und der Brigadecommandeur drei Mal im Jahre reist oder das den verschiedenen Generälen sagte, daß sie, je nach ihrer Categorie, nicht mehr als eine gewisse Summe liquidieren dürften, die aber nach obiger Reisezahl berechnet werden kann und wie ich dies dem Kriegsminister speciell berechnet habe, so würde der Reiseetat nicht überschritten werden und dadurch alle Vorgesetzten in der Möglichkeit sein, ihre Truppen von Zeit zu Zeit zu inspicieren.

Wenngleich ich kaum erwarten darf, daß diese Auseinandersetzungen Sie zu einer nochmaligen Recherche der ganzen Angelegenheit bewegen werden, namentlich, auf welche unverantwortliche Art jene enorme Summe hat können verreist werden, so glaube ich doch nicht schweigen zu dürfen, um so mehr, da mir noch nach meiner Eingabe an den Kriegsminister die Äußerungen vieler Generale zukamen, die ganz wie ich diese Angelegenheit betrauern.

Uns allen erscheint es sehr leicht, den existierenden Mißbräuchen entgegen zu arbeiten, ohne deshalb ein neues Princip der Ökonomie wegen in der Armee einzuführen, die sich beim alten Princip sehr wohl befand, während das neue nur Schmerz erregt hat. Denn allen Generalen kann es doch nur schmerzlich sein, ihnen eine Stellung gegeben zu sehen, von welcher aus sie auf die richtige Bearbeitung des ihnen anvertrauten Materiales keine Einwirkung haben sollen und sich daher auch aller Verantwortlichkeit überhoben zu sehen. Das unausbleibliche Gefühl, überflüssig zu sein, muß sich einem Jeden aufdrängen und kann unmöglich auf den Geist der Armee günstig wirken. Sehr wohl weiß ich, daß ich viel wage, mich so unumwunden über eine bereits von Ihnen erlassene Ordre auszusprechen. Aber täglich mehr mich überzeugend, welchen Eindruck diese Bestimmung auf die Befehlshaber gemacht hat, halte ich mich um so mehr verpflichtet, nicht zu schweigen, und Ihnen im Namen der Beteiligten zu zeigen, zu welchen Consequenzen jene Anordnungen führen.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Ludwigslust, den 12. Juni 1835.

Während meiner diesjährigen Inspectionsreise werde ich fast von allen Landesbehörden mit der Bitte angegangen, ob es nicht möglich sei, die Rekrutengestellung statt am 1. April im Herbst, also etwa am 1. Oktober eintreten zu lassen. Da natürlich dies der einstimmige Wunsch aller Militärs ist, so werde ich binnen kurzem mich unterstehen, einen officiellen Antrag untertänigst dieserhalb einzureichen, um wenigstens für das 3. Armee-Corps diesen Einstellungstermin zu erlangen.

Ich bin beständig für denselben gewesen und gab nur in der Kommission und in meinem Berichte deshalb nach, weil man eine Gleichmäßigkeit des Einstellungstermines beliebte und die nördlichen Armee-Corps die Winterkälte ohne Exercierhäuser gegen jenen Termin einwendeten. Im 3. Armee-Corps fällt dieser Grund fort, da fast überall Exercierhäuser oder Gelasse sind, auch die Garde sich ja bis vor 5 Jahren ohne dergleichen behalf. Für die Einwohner wäre dieser Termin deswegen unendlich vorteilhafter, weil alle Unsicherheit über die Einstellung des Einzelnen fortfällt, wenn er nicht 6 Monate zu Haus gehen muß, denn während der Zeit stellen die Regimenter Freiwillige ein und brauchen daher um so weniger Cantonisten; die also, welche nicht gebraucht werden, es aber erst im März erfahren, sind nun ohne Brot, da ihre Dienste gekündigt waren, die Einstellung der sogenannten Brotlosen fällt auch fort, d. h. derjenigen, welche im Herbst gleich erklären, ohne sofortige Einstellung nicht leben zu können; für Jeden solcher Rekruten muß nun also ein anderer entlassen werden, der noch nicht 2 Jahre dient. Durch alles dies entsteht eine Unsicherheit bei den Einzustellenden und eine Not für den Einzelnen, die mit einem Male gehoben wäre, wenn im Herbst ausgehoben und gleich eingestellt würde...

Berlin, den 14. Januar 1836.

In den Anlagen unterstehe ich mich, Ihnen untertänigst vorzulegen:

1.) einige Bemerkungen über zweckmäßig scheinende Einrichtungen bei der russischen Truppe;

2.) meine Ansicht über die jetzt im Werk stehende Veränderung der Kadettenanstalten;

3.) Vorschläge über Besetzung einiger Vakanzen im 3. Armee-Corps. Die Ansichten ~ad~ zwei habe ich weder den früheren noch den jetzigen Cadetten-Commandos mitgeteilt, obgleich sie denen des früheren entsprossen sind. Ich habe sie natürlich nur in allgemeinen Umrissen hingestellt, glaube aber, sie doch nicht unterdrücken zu dürfen in einem Moment, wo von Umformung dieser Anstalten die Rede ist.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Bei dem mir erst vor kurzem bekannt gewordenen Plan der Vermehrung der Kadettenanstalten durch Gründung zweier, in Schlesien und in Westphalen, welche zur Berliner so gestellt werden sollen in Gemeinschaft mit der Culmer und Potsdamer, daß aus den Provinzial-Anstalten die Zöglinge nur als Port d’Epee-Fähnriche in die Armee treten sollen, während die ausgezeichneten Zöglinge derselben nach dem Berliner Corps kommen sollen, um daselbst bis zum Austritt als Offiziere gebildet zu werden, liegt eine gewiß sehr heilsame Ansicht und Absicht zu Grunde. Doch scheint dabei ein früherer Plan des Generals v. Braase, den er vor Jahren schon dem Kriegsminister einreichte, ganz übersehen worden zu sein. Die Grundidee ist allerdings dieselbe, doch unterscheidet sich dieser Plan von dem im Werk stehenden dadurch, daß

1.) das Berliner Kadettencorps einen verringerten Etat von Zöglingen als jetzt erhalten sollte und daß dadurch

2.) bei einer solchen Verringerung die Kosten der neu zu errichtenden Anstalten ganz gedeckt werden können.

Die Ansichten, die für 1 sprechen, sind das gewiß vielfach gefühlte Bedürfnis, sich in der Armee einzelne Offiziere zu erziehen und zu bilden, die durch Vielseitigkeit der geistigen Bildung und durch eine höhere und feinere Erziehung zu mehrseitigen Verhältnissen vorbereitet sind und gebraucht werden können. Je höher man die Ansprüche steigert, je geringer wird die Anzahl der zu dirigierenden Zöglinge sein müssen und desto sorgfältiger wird alsdann Auswahl in den Vor-Anstalten zu treffen sein. Wenn der Etat dieser Anstalt auf 100 Zöglinge festgesetzt würde, so wäre dies wohl das Maximum, bei welchem man noch eine so sorgfältige Erziehung und Ausbildung erwarten kann als hier gewünscht wird. Unzertrennlich von einer solchen Anstalt ist jedoch ein längeres Verweilen in derselben. Es würde zu erwägen sein, ob dieses längere Verbleiben für alle Zöglinge durchgängig stattfinden sollte oder ob, wenn etwa das 19. Jahr als Austritt aus der Anstalt festgesetzt würde, mit welchem sie als Offizier zur Armee übertreten, die Fähigsten unter den Abscheidenden zwar auch zu Offizieren avancierten, aber nun noch vielleicht zwei Jahre eine fernere Ausbildung erhielten, nach welcher Zeit sie erst patentiert zur Armee versetzt würden, entweder mit dem Datum ihres Avancements zum Offizier oder bei ausgezeichneten Fähigkeiten und großer Application mit selbst vordatierten Patenten. Es würde dies eine Begünstigung sein, wie sie jetzt den Portepee-Fähnrichen zu Teil wird, welche nach vorzüglichem Examen ohne Vorschlag Allerhöchst avanciert worden. Wenn dies längere Verbleiben der Fähigsten beliebt würde, so könnten diese Zöglinge vielleicht danach in den Sommer- oder Herbst-Monaten Teil an den praktischen Übungen der Truppen nehmen. Eine Hauptbedingung würde für diese fähigsten Zöglinge bei ihrem Übertritt zur Armee die sein, daß sie, wenn sie auch noch so fähig für den Generalstab oder die Adjutantur qualificiert schon befunden würden, sie jedenfalls erst auf mehrere Jahre zum praktischen Dienst eintreten müßten bei der Truppe.

~ad~ 2.) durch die Verringerung des Etats des Berliner Cadettenhauses werden Räume und Gebäude disponible, die verkauft werden können. Der ganze Hausetat wird verringert und daher wohlfeiler, so daß aus diesen Ersparnissen ect. die Neueinrichtungskosten der zwei zu errichtenden Anstalten gedeckt werden können, sowie deren Neuetats keine Mehrkosten erzeugen würden.

Der bereits gehörte Einwand, daß die Officiere, welche die Kriegsschule besuchen, solche Individuen wären, als die sind, welche man hier im Auge hat und schaffen will, ist nicht haltbar, denn 1. werden die die Kriegsschule besuchenden Officiere der Natur der Sache nach nur in derselben unterrichtet, aber nicht ferner erzogen, und 2. findet zum Besuche dieser Schule keine Auswahl beim Anmelden durch höhere Vorgesetzte statt, sondern, wer die Fähigkeiten, das Examen machen zu können, in sich fühlt, meldet sich und nur das Bestehen im Examen entscheidet über ihre Annahme. Der große Nutzen, den die Kriegsschule übrigens stiftet, ist unverkennbar und muß dieselbe unverändert fortbestehen.

Der ganze hier gemachte Vorschlag ähnelt in Einigem der ehemaligen ~Ecole militaire~; nur daß die Zahl der Schüler größer ist und die Kosten nicht so disproportioniert wie in jener Anstalt wären. Folgendes würden ungefähr die zur Ausführung kommenden Änderungen in den verschiedenen Cadettenanstalten sein:

Die vier Provinzial-Cadettenanstalten werden etatmäßig auf 204 Köpfe gebracht; gibt 816 Zöglinge; das Berliner Cadettencorps wird etatmäßig stark 100 Zöglinge; Summa 916 Zöglinge.

Die Annahme in den Provinzial-Cadettenanstalten findet wie bisher statt mit dem 11. Jahre. Die Zöglinge verbleiben in denselben bis zum 17. Jahre, also 6 Jahre. Nach bestandenem Port d’Epee-Fähnrichs-Examen scheiden jährlich 34 aus, in Summa 136 Zöglinge und zwar 24 treten zur Armee über und 10 treten in das Berliner Cadettencorps, also 96 und 40 Zöglinge. Die auf solche Art erfolgende Complettierung des Berliner Cadettencorps ergibt ein Manquement von 20 Köpfen, welches absichtlich geschieht, um einer oder der anderen Anstalt Spielraum zu lassen, einige Zöglinge mehr hierher abzugeben, wenn sich mehr qualificierte vorfinden als 10. Das Verbleiben in dem Corps ist auf 2 Jahre festgesetzt, so daß jährlich die Hälfte, also 40 Zöglinge als Officiere in die Armee übertreten. Diese Anzahl verringert sich, je nach dem einige Zöglinge nach erfolgtem Officiers-Examen und nach Ernennung zu Officieren noch zu der höheren Bildungsklasse in der Anstalt zurückgehalten werden.

Die obigen jährlich übertretenden 96 Port d’Epee-Fähnriche und diese jährlich übertretenden 40 Officiere geben vorstehende 136 Individuen, die jährlich der Armee aus den Anstalten zuwachsen und welche Anzahl daher jährlich in den Anstalten neu aufgenommen werden kann. Für die zur höhern Bildungsstufe ausgewählten Zöglinge würde gleichfalls eine zweijährige Dauer angenommen als längeres Verbleiben in der Anstalt. Die Zahl dieser Eleven bleibt unbestimmt, dürfte aber 20 nicht überschreiten.

Da es vorkommt, daß fähige junge Leute in einem Jahre das Port d’Epee und Officiers-Examen machen, und dies vielleicht bei allen den Zöglingen zu erwarten stünde, welche zum Übertritt ins Berliner Cadettencorps ausersehen sind, so könnte angeordnet werden, damit sie ihren Mitzöglingen, die bald nach ihrem Übertritt zu Regimentern das Officier-Examen machen, nicht in der Anciennität einst unverschuldet nachstehen, daß diese Zöglinge bereits die ersten Jahre ihres Eintritts ins Berliner Corps zum Officier-Examen zugelassen werden. Bestehen sie im Examen, so könnte man ihnen gestatten, den Officierdegen zu tragen und würde ihnen Patente beim Austritt im nächsten Jahre von jenem Examentermine verleihen.

Wilhelm.

Marienbad, den 17. Juli 1836.

Eine interessante Mitteilung hat mir der König von Württemberg gemacht, die über die Schlauheit Louis Philipps einiges Licht gibt. Schon vor 3 Jahren ließ Letzterer durch eine Dame aus Paris, die in Stuttgart verschwägert ist, unter der Hand den König von Württemberg sondieren, ob der Herzog von Orleans wohl rechnen könnte, die Hand einer der Töchter des Königs zu erhalten; der König lehnte die Sache in ausreichender Antwort gänzlich ab. Demungeachtet erschien im vorigen Jahre, 1835, der französische Gesandte in Karlsruhe, Mr. de Mornais, in Stuttgart mit der officiellen Mission, um die Hand der ältesten Princeß für den Herzog von Orleans anzuhalten, wobei er den Auftrag hatte zu sagen, daß diese Verbindung in jeder Beziehung günstig für Württemberg sei, daß sie es aber dadurch noch mehr werden solle, indem Louis Philipp verspreche, den württembergischen Ländern jeden möglichen Vorteil zu verschaffen; denn, da es doch natürlich sei, daß über kurz oder lang ein Bruch mit Frankreich erfolge oder daß Unruhen in Deutschland ausbrächen, so würde er dann natürlich die Propaganda loslassen, wobei er aber verspreche, daß Württemberg von derselben so wie überhaupt bei jeder Gelegenheit verschont bleiben solle; bei einem Friedensschluß jedoch oder bei sonstiger Veranlassung werde Louis Philipp Alles anwenden, um das Königreich Württemberg bedeutend zu vergrößern.

Der König von Württemberg refusierte aber ganz bestimmt die Hand seiner Tochter, weil er dieselbe in Deutschland etabliert sehen wollte; übrigens sei er mit seiner jetzigen Lage völlig zufrieden, so daß also alle Verheißungen ihn nicht umstimmen würden und sei er entschieden, mit Deutschland Freud’ und Leid zu teilen...

Marienbad, den 3. August 1836.

Soeben erhalte ich aus Berlin die amtliche Mitteilung, daß Sie nicht die Gnade gehabt haben, auf meinen Vorschlag wegen der Verlegung des Einstellungstermines des Infanterie-Ersatzes vom Frühjahr auf den Herbst einzugehen. Ich kann nicht leugnen, daß mich diese Ihre Entscheidung recht bekümmert, da ich aus den entwickelten Gründen, militärischen sowohl wie administrativen, hoffen durfte, daß wenigstens ausnahmsweise, behufs der nächsten großen Revue des dritten Armeecorps das Verfahren genehmigt werden würde, um so mehr... als ich aus dem Kriegsministerium erfuhr, daß in demselben sowohl die Stimmen dafür sind als auch von den höchsten Zivilbehörden schon mehreremals dringend diese Angelegenheit in Anregung gebracht worden ist. Es kann also wohl nur die Privatansicht des Generals Schöler im kriegsministeriellen Bericht an Sie sich gegen die Maßregel ausgesprochen haben; der General v. Witzleben hätte es gewiß nicht getan. Die Ansicht, daß es eine Abweichung von dem Bestehenden sei, welche erst triftig untersucht werden müßte, darf ich vielleicht insofern bekämpfen, als im Bereich des dritten und vierten Armeecorps alle Militär- und Civilbeamten für die Verlegung sind, so daß also einer ausnahmsweisen oder versuchsweisen Ausführung gar nichts im Wege stehen würde und dieselbe vom gemeinen Mann selbst als eine große Erleichterung angesehen wird. Ich würde auf eine allgemeine Veränderung auf meinen Bericht allein niemals gerechnet haben, da die Zeit zu kurz war, vom Juli bis zum September die Sache in allen Provinzen untersuchen zu lassen. Aber da so viele gewichtige Stimmen sich dafür ausgesprochen haben, so rechnete ich wirklich mit Bestimmtheit auf die versuchsweise Einführung bei meinem Corps, welche Bitte ich nochmals auszusprechen mich unterfange.

Wollten Sie vielleicht noch ein anderes Urteil hören, so würde ich vorschlagen, den General v. Röder zu einem Bericht aufzufordern. General v. Natzmer[93] spricht mir fast täglich hier von dieser Angelegenheit und von seinem sehnlichen Wunsch, sie in Anwendung kommen zu sehen...

Babelsberg, den 17. Oktober 1837.

Wenn mit dem morgigen Tage mein Sohn sein 6. Jahr zurücklegt und dies öfters der Termin gewesen ist, an welchem die Prinzen Ihres Hauses aus den Händen der Bonnen in die der Gouverneure überzugehen pflegen, bisher dieses Überganges meines Sohnes jedoch noch nicht Erwähnung geschehen ist, so halte ich es für meine Pflicht, mich darüber heute noch gegen Sie auszusprechen. Die Madame Godet, dessen Sorge der Kleine bisher anvertraut war, ist in jeder Beziehung so ausgezeichnet und von so eminent-günstigem Einfluß auf die Entwicklung desselben gewesen, daß wir nicht dankbar genug sein können, daß sie uns vom Schicksal zugeführt worden ist. Dies ist aber auch der Grund, warum wir es sehr wünschen, daß der Kleine noch eine Zeit lang ihrer Pflege und Erziehung anvertraut bleibe, so daß nur erst im Laufe des Sommers wir den Übergang zu einem Gouverneur wünschen können. Was nun die Wahl selbst eines Gouverneurs betrifft, so ist sie unendlich schwer, wenn ich bedenke, welcher Zukunft mein Sohn vielleicht entgegen geht. Ich fühle die ganze Verantwortung nur zu schwer auf mir lasten, welche diese Wahl mit sich führt und ich muß gestehen, daß dieselbe eigentlich noch nicht fest bei mir ist. Mein Plan ist, einen älteren Offizier zu wählen als eigentlichen Gouverneur, unter ihm aber einen jüngeren Offizier angestellt zu sehen, der zugleich von jenem älteren die Richtung erhält, den Kleinen aber hauptsächlich dann leiten soll, wenn jener ältere Offizier durch Familienverhältnisse oder sonstige Abhaltungen behindert ist, um ihn zu sein. Vorläufig habe ich zum Gouverneur den Oberstleutnant von Unruh, meinen Adjutanten, ausersehen, ihm jedoch noch niemals davon sprechen wollen, bevor ich Ihre Ansicht kenne. Für den jüngeren Offizier ist meine Wahl noch nicht so festgestellt und werde ich mir vorbehalten, hierüber, wenn Sie den ganzen Plan genehmigen, später Vortrag zu machen.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Berlin, den 31. Mai 1838.

Ihren Wunsch, bei meinem Sohne außer dem Obersten v. Unruh als Gouverneur keinen zweiten jüngeren Offizier, sondern einen Zivil-Gouverneur anzustellen, habe ich natürlich nur als einen Befehl ansehen können und habe ich sofort Erkundigungen über dergleichen junge Männer angestellt. Es hat sich als ein ganz vorzügliches Subjekt der Sohn der jetzigen Bonne des Kleinen, Herr Godet[94] in Neuchatel herausstellt, den wir bereits seit längerer Zeit kennen, als er seine Studien hier machte. Da er sich der Theologie widmet, so adressierten sich unsere Erkundigungen an den Hofprediger Stracht und den Professor Neander[95], welche Beide dem jungen Godet das ungeteilteste Lob, namentlich Letzterer, erteilte.

Ich habe daher dem jungen Manne das Anerbieten, die Stellung bei meinem Sohne anzunehmen, gemacht und sehe seiner Antwort entgegen.

Der beste Termin zum Wechsel des Erziehungspersonales dürfte nun wohl erst der Herbst sein, indem mit den neuen Hoffnungen in meiner Familie dann gleich Alles auf ein Mal verändert werden könnte, um so mehr, da wir hoffen, Madame Godet bei dem zu erwartenden Kinde, wenn der Himmel Alles gnädig wendet, ihre Stelle anzuweisen. Auch ist durch die Feuersbrunst auf dem Babelsberge kein Gelaß mehr vorhanden, wo Gouverneur und Instructeur untergebracht werden könnten für diesen Sommer. Dagegen soll Oberst Unruh, wenn er mit mir vom Rhein zurückgekehrt sein wird, so viel als möglich sich in der Gesellschaft des Kleinen befinden.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Saarlouis, den 21. Juni 1838.

.... Aachen habe ich seit 8 Jahren noch unglaublich verschönert gefunden... Es herrscht viel Elegance und Luxus in Toiletten und Equipagen, sodaß ich ganz frappiert war. Die Zweige der Industrie in und um Aachen nehmen unglaublich zu, sowie auch auf der Straße von Trier hierher. Ich habe vielerlei Fabriken besichtigt... in Malmedy (ein so echt französisches Völkchen, daß man sich inmitten nach Frankreich versetzt glaubt, der enormen Patrioten ihren Reden nach zu urteilen) ..., die alle in Flor sind und außerordentlich in ihren grandiosen Anlagen, Einrichtungen und Resultaten sind. Es ist eine wahre Freude zu sehen...

Berlin, den 6. Oktober 1838.

Sie haben gnädigst vorläufig die Wahl des Obersten v. Unruh als Gouverneur meines Sohnes zu genehmigen geruht. Da dies Verhältnis nunmehr vollständig eintreten muß, so wollte ich nun die desfalsige Ernennung hiermit antragen. Die große Gewissenhaftigkeit des Obersten v. Unruh hat ihn aber den Wunsch aussprechen lassen, die Gouverneurstellung ihm vorläufig nur als ein Commando zu übertragen, während er noch mein persönlicher Adjutant bleibt, damit, wenn er oder ich die gewünschte Qualification zu seinem Amt nicht entsprechend fände, sein Rücktritt zu mir für beide Teile weniger empfindlich wäre. Da ich diese Ansicht nur teilen kann, so will ich also untertänigst hiermit darauf antragen, den Oberst v. Unruh nur zur Führung meines Sohnes mit Beibehalt seines Verhältnisses als mein Adjutant commandieren zu lassen.

Zum Untererzieher haben Sie gleichfalls vorläufig den Herrn Friedrich Godet zu wählen genehmigt; seine Ernennung würde daher nunmehr auch erfolgen müssen.

Beide Herren haben bereits seit diesem Sommer meinen Sohn des Öfteren besucht und sich mit ihm bekannt gemacht, um den Übergang mit einem Male nicht zu plötzlich für das Kind zu machen.

Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Berlin, den 30. November 1838.

Schon nach meiner Rückkehr von der ersten Inspektionsreise am Rhein im Sommer dieses Jahres hatte ich es für meine Pflicht gehalten, Ihnen Meldung von dem Eindruck zu machen, welchen mir die Stimmung der Bewohner in jenen Provinzen gemacht hatte. Was ich Ihnen gleich anfangs mündlich meldete, wollte ich schriftlich vervollständigen. Die Zeit in Teplitz ließ nur jedoch kaum so viel Muße, die militärischen Arbeiten zu vollenden; die zweite Inspektionsreise, die Herbstmanöver und vor allem die schon zum 4. Oktober damals anberaumte Ankunft der Oberpräsidenten jener Provinzen ließen jene Arbeiten unvollendet. Ich sehe mich jedoch jetzt veranlaßt, einen Teil jener Bemerkungen aufzunehmen und zur Sprache zu bringen, indem ich erfahren habe, daß dieser Gegenstand bereits Ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Es ist dies die Stellung des Minister von Kamptz[96] als Justizminister für die Rhein-Provinz oder für die französische Gesetzgebung.

Meine pflichtmäßige Überzeugung muß ich nach Allem, was ich darüber fast täglich auf meiner Reise hörte, dahin aussprechen, daß der Minister v. Kamptz alles und jedes Vertrauen in der Provinz verloren hat, jeglicher Achtung ermangelt und somit seine fernere Belassung in der Stellung unhaltbar geworden ist.

Die Gründe zu dieser Stimmung sind sehr kurz gefaßt folgende: Herr