Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839)
v. Ottenfels im Begriff sei, Constantinopel zu verlassen, weil kein
Christ seines Lebens mehr sicher sei. Ob er dies ohne Erlaubnis seines Hofes darf, weiß ich nicht zu entscheiden. Doch meint der Kaiser, daß die Verfolgungen, welche in Constantinopel und in der Türkei gegen die Christen beginnen, nur zu deutlich beweisen, daß der Hatischeriff eine Kriegserklärung gegen die gesamte Christenheit sei und aus diesem Gesichtspunkt betrachtet hofft er, daß Österreich seine bisherigen Grundsätze in der griechischen Angelegenheit wird fahren lassen und dann gemeinschaftliche Sache mit den Alliierten machen wird, womit dann die große Alliance wieder kräftig und ungeteilt dastände, ja es würde ein wahrer Kreuzzug werden (~il serait une véritable croisade~).
Falls der Krieg ausbricht, so sagt der Kaiser, würde sich die Campagne in drei Abschnitte teilen. Der erste vom April bis Juni; der zweite eine Ruhe bis zum September wegen der großen Hitze und wegen des Mangels an Furage in den Monaten, ehe die Ernte gemacht ist und der dritte vom September bis dahin, wohin die Operationen oder die Nachgiebigkeit der Pforte führen wird. Der Winter sei nicht zu fürchten und also wegen der Jahreszeit kein Abschnitt nötig zu machen. Im ersten Abschnitt müsse der Balkan erreicht werden, die Ruhe also daselbst eintreten, während dem zweiten würden alle Reserven und die Garden zur Armee stoßen (den 1./13. September) und so alsdann mit erneuten Kräften die Operationen des dritten Abschnittes beginnen. Die vorteilhafteste Operations-Linie wird natürlich die längs dem Meere sein von Anfang an, weshalb auch die Flotte des Schwarzen Meeres zur Protegierung der Operationen beordert ist. Nach einigen Nachrichten sollen sich bedeutende türkische Streitkräfte bei Rusdschuk sammeln, dagegen aber auch bei Babatag (in der Gegend, wo die Donau vor ihrem Abflusse die Ecke bildet) Verteidigungsmaßregeln ergriffen sein, als auf der Operations-Linie längs dem Meere liegend, die ihnen wohl auch gefährlich erscheinen mag.
Nach dem Gang, den die Dinge jetzt in der Türkei nehmen, glaubt der Kaiser, daß auf keine Nachgiebigkeit nicht mehr zu rechnen ist, weder jetzt noch später, sondern daß das Ganze mit dem Umsturz der türkischen Macht endigen wird, wenngleich er nur ungern von dieser Möglichkeit spricht. Sollten wir bis Constantinopel wirklich vordringen und ich bin zuerst dort, sagte der Kaiser mir neulich, so sollen die Andern mit meinem Benehmen und Vorschlägen zufrieden sein; kommen mir die Andern etwa auf irgend eine Art zuvor, so setze ich keinen Fuß in Constantinopel und lasse die Andern machen, was sie wollen und meliere mich nicht darein. Ich wiederhole Ihnen nur diese Worte, die der Kaiser wohl nur mir und seinem Schwager sagte, ohne weiteres diplomatisches Gewicht darauf zu legen; denn es dürften doch, wenn es wirklich so weit kommen sollte, wohl Verhältnisse eintreten, die jene Äußerungen vergessenswerth machen dürften. Tritt die andere Chance doch noch ein, daß die Pforte während des Krieges nachgibt endlich, so sind die dann eintretenden Verhältnisse in der erwähnten Instruktion an Lieven vorgezeichnet und die völlige Selbständigkeit Griechenlands dann zunächst stipuliert.
Der Kaiser trat mit der Nachricht ins Zimmer, daß der Friede mit Persien geschlossen sei[28] und zugleich die Schlüssel von Ardibile eingetroffen seien... Der Schah hat augenblicklich, als er die ernstliche Fortsetzung des Krieges erfahren hat, sich nachgiebig gezeigt und die ganze Summe der Contribution der russischen Avant-Garde unweit Zangan überliefert, und war der größte Teil bereits in Mijana eingetroffen. Der Schah hat dem Abbas Mirza aufgetragen, den Frieden sogleich zu unterzeichnen...
St. Petersburg, 3./15. März 1828.
Gestern ist der erwartete zweite Courier aus London[29] eingetroffen. Die von ihm überbrachten Nachrichten sind die offizielle Antwort des englischen Cabinettes auf die von Rußland gemachten Vorschläge, wie sie in der Instruktion an Fürst Lieven enthalten waren. Sie sind, wie nach meinem letzten Brief schon zu erwarten war, nicht nach Wunsch des Kaisers ausgefallen, indem jene Vorschläge nicht Eingang fanden und dagegen von England eine Demarche vorgeschlagen wird gerade der Art, wie Sie dieselbe durch Grafen Bernstorff vor vier Wochen hierher machen ließen. Der Kaiser wird darauf nur bedingt eingehen, indem aus seiner Antwort an Sie damals schon hervorging, daß er diesen Schritt als zu spät kommend betrachtete; doch will er sich jetzt gerade nicht opponieren; dagegen trennt er aber immer mehr die griechische Frage von den Griefs, die er zufolge des Hatischeriffs individuell gegen die Pforte zu verfolgen hat und wird daher in den ergriffenen Maßregeln dieserhalb nicht die mindeste Änderung entstehen und ganz das geschehen, was mein letzter Brief für den neu eingetretenen Fall voraussagte, nur mit dem Unterschiede, daß die Schritte, welche ich damals als von England allein etwa ausgehend bezeichnete, nun, wenn es angenommen wird, von allen 5 Mächten geschehen werden. So würden also Unterhandlungen und Krieg zugleich gehen und bestehen, nur zu verschiedenen Zwecken; der Krieg aber gemäß einen wichtigen mittelbaren Einfluß auf die Unterhandlungen haben und so durch den Krieg vielleicht der Frieden erhalten werden. Daß den Unterhandlungen, falls sie sich zerschlagen, ein allgemeiner Angriff folgt, dürfte die Drohung sein, mit welcher sie unternommen würden.
Die gestrigen Nachrichten aus Persien sagen, daß die ganze Contribution ausgeliefert ist und Abba Mirza erneuten Befehl zur schleunigen Unterzeichnung des Friedens erhalten hat...
St. Petersburg, den 6./18. März 1828.
Vorgestern Abend erhielt ich Ihren gnädigen Brief; ich teilte dem Kaiser sogleich Ihre Ansichten über die politischen Verhältnisse mit. Er sagte, daß ihn diese Ihre Ansichten nicht überraschen könnten, da sie mit Ihren früheren übereinstimmten. Doch hätte er es für seine Pflicht gehalten, Ihnen sein Raisonnement vor vier Wochen mitzuteilen, glaubend, daß manche Veränderungen damals eingetreten wären, die vielleicht Ihrerseits ein entscheidendes Handeln und Auftreten, wenn auch nur in Aufforderungen Anderer bestehend, möglich gemacht haben würden. Wenn der Kaiser also auch nicht überrascht über Ihre Antwort war, so tat sie ihm doch leid. Mir gab er jedoch auch das Zeugnis, daß ich stets diese Ihre Antwort vorhergesehen hätte, weil ich Ihre Ansicht genau kannte und sie ihm immer von Neuem vorgehalten habe. Während ich also auf diese Art dem Kaiser Ihre Ansicht opponiere, Ihnen dagegen die des Kaisers mitteile, scheint es, habe ich den Anschein bei Ihnen bekommen, als ließe ich mich durch den Kaiser entrainieren. Das Memoire, was ich dieserhalb durch Graf Bernstorff erhalten soll, wird mich natürlich ungemein interessieren, doch glaube ich dessen Inhalt vorhersagen zu können, da ich, wie gesagt, vermuten darf, daß ich Ihre Ansichten nicht vergessen habe. Sollte mich jedoch meine Äußerung: „daß mir das Handeln Preußens jetzt als das Hauptgewicht erscheine, welches die Inclination der politischen Wagschale bestimmen würde“, eine Äußerung, die ich mir kurz vor dem Abschieds-Augenblick in Berlin schon zu machen mir erlaubte, sollte mir diese Äußerung die Bemerkung zugezogen haben, daß ich Preußens Stellung verkenne, so werde ich allerdings hierüber eine Belehrung in Bernstorffs Mémoire[30] hoffen dürfen zu finden.
Ihre Bemerkungen über die vorauszusehenden Verwickelungen, wenn Rußland Englands Ansichten nicht aufnimmt, teilte ich gleichfalls dem Kaiser mit. Er erwiderte, daß sein jetziges Alleinhandeln der Natur sei, daß diese Verwickelungen wohl nicht zu befürchten seien. Sollten jedoch welche später aus Englands Benehmen entstehen, so könne er wenigstens ruhig darüber sein, daß er sie nicht herbeigeführt habe. Denn im trilateralen Vertrage wäre expreß gesagt, daß, wenn die erste Maßregel der auszusendenden Flotten nicht zum Ziele führe, so werde man zu ernsteren Maßregeln schreiten. Unter diesen ernsteren Maßregeln könnten aber natürlich keine anderen verstanden gewesen sein, als kriegerische. Diese seien nun also vorgeschlagen, nachdem erneute Unterhandlungen nach Navarin(o) sich zerschlagen hätten und den Abgang der Gesandten zur Folge sogar gehabt haben. Statt darauf einzugehen, gemeinschaftliche coërcitife Maßregeln zu unternehmen, wolle man nun von Neuem unterhandeln, also gegen die Bestimmungen des trilateralen Tractates und damit also wiederum den Gang ergreifen, der seit 7 Jahren nicht zum Ziele geführt habe; und welche Garantie sei vorhanden, daß, da man jetzt von Seiten Englands den kriegerischen Maßregeln keine Folge geben wolle, diese Folge-Gebung eintreten würde, wenn die vorgeschlagenen erneuten Unterhandlungen sich etwa zerschlügen und für dies Zerschlagen der Krieg als Folge bestimmt worden wäre? Wahrscheinlich würde man alsdann wieder einige Monate temporieren, dann aber erneut zu Unterhandlungen raten und so ins Unendliche fortfahren.
Doch wie mein letzter Brief schon meldete, wird sich der Kaiser diesen Vorschlägen nicht opponieren, jedoch auch seinerseits sich sehr bestimmt aussprechen und während dem handeln. Denn das fortwährende Temporieren und nicht Ernstmachen müsse ja die Pforte immer mehr bestärken, sich zu opponieren, da immer nur gedroht wird und den ernsthaftesten Drohungen doch keine Folge gegeben wird. So reize man die Pforte also ordentlich zur fortgesetzten Opposition bei jeden erneuten Unterhandlungen.
Im Sommer 1819 bemühte sich Prinz Wilhelm, unterstützt von seiner Schwester Charlotte, die Einwilligung seines königlichen Vaters für seine Verbindung mit der schon seit 1817 geliebten Prinzessin Elise von Radziwill zu erlangen. Friedrich Wilhelm III. schwankte auch in dieser familiären Angelegenheit in seinen Meinungen und Entschlüssen ständig hin und her, um so mehr, als die Unebenbürtigkeit der Prinzessin bald für gleichgültig, bald für hindernd in bezug auf die in Aussicht genommene Eheschließung gehalten ward. Erst im Juni 1826 hat er seine Zustimmung endgültig verweigert. Auf der Reise nach der Schweiz hatte Prinz Wilhelm 1826 bei der Hochzeit seines Bruders Karl mit Maria von Weimar deren jüngere Schwester Augusta kennen gelernt; vielleicht hat er im Anschluß daran in Karlsruhe die oben genannte Prinzessin Cäcilie von Schweden (1807/44) gesehen, die Tochter jenes Gustav IV. Adolf (1778/1837), der mit Friederike von Baden in einer 1812 geschiedenen Ehe vermählt und Mitte Mai 1809 seines Thrones verlustig erklärt worden war; er führte dann ein seltsames Wanderleben und weilte in der fraglichen Zeit als Oberst Gustavsson in Leipzig. Die mannigfachen Absonderlichkeiten dieses Mannes lassen es verstehen, daß der vorsichtige Friedrich Wilhelm III. von der ersten medizinischen Autorität seines Staates, dem „so höchst ehrwürdigen“ Christoph Wilhelm Hufeland (1763/1836), wie der König an seine Tochter Charlotte am 14./26. August 1836 nach Petersburg schrieb (Hohenzollernjahrbuch 1916, S. 169), ein Gutachten über den Geisteszustand Gustav Adolfs IV. einholte, das schließlich in der wichtigen Frage einer künftigen Königin von Preußen den Ausschlag gab; Prinzessin Cäcilie heiratete den Großherzog August von Oldenburg. Prinz Wilhelm hat, wie aus dem obigen Briefe hervorgeht, lange in seinen Empfindungen zwischen den beiden Mädchen hin und her geschwankt; darauf deutet auch eine Briefstelle an den Vater aus Petersburg vom 23. December/4. Januar 1828:.... Beim Beginn des verflossenen Jahres war ich weit entfernt zu glauben, daß dasselbe von Einfluß auf mein künftiges Schicksal sein würde -- und doch war es so; wieviel ernster mußte ich also nicht beim Eintritt in das nun vor uns verschlossene gestimmt sein, da es Pläne zur Ausführung bringen dürfte, die jetzt noch unentschieden in mir liegen. Möge der Himmel meine Wahl leiten und mir eine Zufriedenheit schenken, die ich lange entbehren mußte. Ihnen dadurch Freude zu machen und mir stets Ihre Gnade zu vergewissern ist ja dabei mein Hauptaugenmerk.... Des Prinzen Wilhelm Petersburgreise ist oft als eine „Brautfahrt“ gedeutet worden (vgl. Th. Schiemann, Historische Zeitschrift, N. F., Bd. 44, 1892, S. 243/50), was wohl nur in dem Sinne richtig ist, als die Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna von Rußland als die Großmutter der Prinzessin Augusta von Weimar deren künftigen Gatten kennen lernen sollte, wenn vielleicht auch ein Satz aus einem Berichte Schölers (14. April/6. Mai 1828) an den König darauf deuten könnte, daß eine russische Großfürstin für den Prinzen Wilhelm von Preußen als Lebensgefährtin in Aussicht genommen war: „Bei der hohen Achtung und wahrhaften Zuneigung, welche Seine Kgl. Hoheit sich hier allgemein erworben haben, teilt die ganze Residenz das Bedauern der kaiserlichen Familie, den Prinzen aus ihrer Mitte scheiden zu sehen und gibt nicht ohne Schmerz eine Hoffnung auf, mit welcher man, in Folge der Eigenheit des menschlichen Herzens, die Erfüllung eines lieben Wunsches keinem Zweifel unterworfen zu halten seit längerer Zeit sich geschmeichelt hatte.“
St. Petersburg, 13./25. März 1828.
Als Sie im Oktober vorigen Jahres von mir eine Erklärung wünschten, welchen Entschluß ich in Folge der im Sommer unternommenen Reise zu fassen gesonnen sei, war meine Antwort, daß die Bestimmung meiner Zukunft von der Wahl zwischen Prinzessin Augusta und Prinzessin Cecile abhängig sei als denjenigen beiden Prinzessinnen, welche mir von den kennengelernten als die ausgezeichnetsten erschienen.
Diese Wahl jedoch damals gleich zu treffen war mir meiner Überzeugung nach nicht möglich, weil dazu eine Kenntnis in gleichem Maße von +beiden+ Prinzessinnen gehörte, ich bis dahin aber nur Prinzessin Augusta in so weit hatte kennen lernen, daß ich mir ein ziemlich gegründetes Urteil über sie erlauben durfte, dahingegen ich Prinzessin Cecile nur erst flüchtig konnte kennen gelernt haben, da ich sie nur wenige Tage sah. Da aber trotz dieser flüchtigen Bekanntschaft Prinzessin Cecile mich dennoch, trotz jener genaueren der Prinzessin Augusta beschäftigte und zwar auf eine Art, die ich nicht von der Hand zu weisen dürfen glaubte, so ging meine Bitte an Sie, die Sie auch genehmigten, dahin, daß ich eine nähere Bekanntschaft der Prinzessin Cecile auf eine nicht auffallende und Niemand compromittierende Art suchen dürfte. Und wenn ich alsdann beide Prinzessinnen in gleichem Maaße kennte, so wollte ich danach meine Wahl festzustellen suchen. Da Sie diese meine Ansichten gut hießen, so würde ich nicht nötig haben, jetzt wieder auf diese Angelegenheit zurückzukommen, wenn ich nicht schon in jener ersten Unterredung in Charlottenburg bemerkt hätte, daß Ihr Wunsch es sei, meine Entscheidung möchte für Prinzessin Augusta ausfallen. Da Sie jedoch deshalb meine Pläne nicht misbilligten, so glaubte ich es auch wagen zu dürfen, auf deren Ausführung mein Augenmerk zu richten. Seit jener Unterredung kamen mir vielerlei Äußerungen zur Kenntnis, die mir das bestätigten, was ich von Ihnen selbst zu verstehen geglaubt hatte, daß nämlich, wenngleich gegen die ganzen Verhältnisse der Prinzessin Cecile nichts einzuwenden sei, was eine Verbindung mit ihr unmöglich oder unpassend machte, doch gerade ihre eigentümliche Stellung, diese Verbindung nicht +vorzugsweise+ wünschenswert machte. Diese Ihre Ansicht glaube ich auch in Ihrer Äußerung enthaltend gefunden zu haben, die Sie mir machten, als ich bei Gelegenheit, daß Sie meine Reise hierher genehmigten, von meiner Zukunft sprach. Sie sagten, Sie müßten nur zu bedenken geben, daß die sehr unangenehme Möglichkeit obwalte, daß das Übel, an welchem der Vater der Prinzessin Cecile litte, auch erblich sei und auch mit überspringenden Generationen erblich sei; ich glaubte also aus dieser Äußerung schließen zu müssen, daß Sie mich durch dieselbe von meinen Absichten detournieren zu suchen wollten. Wenngleich ich die Möglichkeit einer solchen Erblichkeit nicht bezweifeln konnte, so konnte ich jedoch auch nur bemerken, daß mir bis jetzt nirgends ein Zeichen obzuwalten scheine, welches jene Möglichkeit anzeige. Seit meinem Hiersein erfuhr ich nun jedoch, daß diese mögliche Erblichkeit der Geisteskrankheit Ihnen so erheblich erscheint, daß Sie sich durch Hufeland haben ein Gutachten über diese Angelegenheit geben lassen, welches die Möglichkeit des Vererbens eines solchen Übels bestätigt und als wahrscheinlich angibt.
Die Sicherstellung, welche Sie für sich durch dies Gutachten für jede Zukunft, falls ich auf jener Verbindung bestände, zu verschaffen suchten, muß ich vollkommen anerkennen. Ja ich muß die Pflicht anerkennen, welche Ihre väterliche Liebe hat und Ihre höchste Stellung, mich ernsthaft und aufs gewissenhafteste auf diese Möglichkeiten aufmerksam zu machen und mir die Verbindung vollkommen zu untersagen, falls augenscheinlich Gefahr obwaltet.
Aus allem Angeführtem glaube ich aber nunmehr erneuert den Schluß ziehen zu müssen, daß es Ihnen lieb wäre, wenn die mir getanen Vorhaltungen mich bewegen könnten, nach Ihrem Wunsche von der näheren Bekanntschaftmachung der Prinzessin Cecile abzusehen und mich für Prinzessin Augusta zu entscheiden.
Wenn ich nun dies auch nicht unbedingt zu tun vermag, so sehe ich mich dennoch veranlaßt, meinerseits einen Schritt zu tun, der mich über meine Zukunft aufklärt, indem ich nur erlaube, die Frage zu stellen: „ob Sie aus jenen Gründen mit dem quästionierten Gutachten in Händen von Ihrem höchsten und väterlichen Standpunkte aus die Pflicht zu haben glauben, Ihre Einwilligung zu der in Rede stehenden Verbindung zu versagen, falls ich nach genauerer Bekanntschaft der Prinzessin Cecile um deren Hand wirklich anhielte?“
Von Ihrer gnädigen Beantwortung dieser Frage hängt dann natürlich mein ganzes ferneres Verhalten ab.
Glauben Sie Ihre Einwilligung geben zu können, so brauche ich in meinen Plänen nichts zu verändern.
Glauben Sie Ihre Einwilligung nicht geben zu können, so muß ich davon abstehen, die nähere Bekanntschaft der Prinzessin Cecile erst noch machen zu wollen, denn in der Ungewißheit, ob ich Ihre Einwilligung erhalten könnte, darf ich nie diese nähere Bekanntschaft suchen, weil sie leicht dahin führen könnte, daß das Aufgeben dieser Verbindung dann schmerzlicher sein dürfte, als es jetzt noch der Fall sein kann.
Mit kindlicher Liebe habe ich in meinem dankbaren Herzen jeden Schritt bewahrt, den Sie taten, um meine Zukunft sich glücklich gestalten zu sehen. Daher bitte ich auch nunmehr aus der Tiefe des Herzens, daß Sie meine Frage gnädig aufnehmen und ganz nach Ihrer Überzeugung beantworten mögen. Doch muß ich Sie noch darum bitten, mir nicht auf +meine+ Verantwortung für die Folgen der gefürchteten Erblichkeit die mögliche Verbindung mit Prinzessin Cecile zusagen zu wollen und sich zu überzeugen, daß mein Herz noch durchaus nicht für eine der beiden Prinzessinnen sich entscheidender ausspricht wie früher.
Der Grund, warum ich gerade jetzt mit diesem entscheidenden Schritt gegen Sie hervortrete, ist der, daß in dem Falle die ferneren Pläne auf Prinzessin Cecile ganz aufgegeben werden müßten, ich wohl keine bessere und erwünschtere Gelegenheit finden könnte, Prinzessin Augusta noch näher kennen zu lernen und die dann nötig werdenden Schritte einzuleiten und zu tun als bei deren bevorstehender Ankunft hier mit ihrer Mutter... Der Kaiser hat mir mündlich heute beim Fahren zur Parade das förmliche Anerbieten gemacht, ob ich die zu erwartende Campagne nicht mit machen wollte... ich glaubte ihm antworten zu können, daß von einer Mißbilligung Ihrerseits ich nichts zu fürchten haben würde, indem die sich darbietende Gelegenheit wohl für jeden Soldaten zu interessant und wichtig sei, als daß Sie die Teilnahme an derselben versagen würden... daß sich Ihre Einwilligung wohl davon abhängig fühlen würde, in welcher Stellung sich Preußen zur Pforte beim etwaigen Ausbruch des Krieges befinden würde... Der Kaiser hat mich bei Zeiten von diesem seinen Anerbieten in Kenntnis gesetzt, damit ich der Distance wegen nicht zu spät Ihre Willens-Meinung erführe, wenngleich die Kriegs-Deklaration noch nicht erfolgt ist... So liegen Ihrer gnädigen Bestimmung zwei wichtige Fragen vor, deren Lösung ich mit ungemeiner Ungeduld entgegensehe, da sie von dem höchsten Einfluß auf meine ganze Zukunft sein werden. Von Ihrer väterlichen Liebe erwarte ich die Entscheidung, die für mein Herz und für meine militärische Tätigkeit von gleichem unendlichen Werte sein wird.
Ihr Sie zärtlichst liebender gehorsamer Sohn
Wilhelm.
20. März/1. April.
.... die Ansicht, daß Preußens... Anschluß am trilateralen Vertrag gewiß den von Österreich nach sich gezogen haben würde. Wenn Sie sich gnädigst erinnern, zu welcher Zeit Ihnen der Kaiser diesen Antrag und die Aufforderung demgemäß auf Preußen zu wirken machte, so werden Sie finden, daß dies der Moment war, wo die Einigkeit der drei Verbündeten auf dem Culminations-Punkt war, Anfang Februar, und es damals also wohl sehr begreiflich war, daß der Kaiser diesen Moment benutzt wünschte, um Preußen und Österreich sich anschließen zu sehen. Aus dieser Zeit-Zusammenstellung glaube ich, dürfte folgen, daß der Kaiser Preußens Interesse nicht verkannte.
Preußen wünschte das gemeinsame Handeln der Mächte der großen Alliance; in jenem Moment war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß eine solche Vereinigung möglich sei. Jetzt ist es ganz anders.
Es ist dem Kaiser leid..., daß Preußen[31] gar nicht mehr an die Möglichkeit glaubt, auf Österreich wirken zu können, in einem Augenblicke, wie gesagt, wo dieses selbst ernst anfängt zu reden und daß Preußen ein solches Zureden für unnütz hält, weil es nicht auf eine Macht einwirken zu können glaubt, die mit dem Oriente selbst grenzt, während Preußen doch vollkommen damit einverstanden ist, daß die Sachen sich im Oriente ändern müssen und dieserhalb mit Österreich ganz divergierte, es also nicht aufhören müsse, es von seiner Ansicht überzeugen zu wollen. Das feste Halten Preußens an Österreich trotz der völlig divergierenden Ansicht im Prinzip begriff der Kaiser zwar bisher, wegen des Scheines der großen Alliance; jetzt aber, wo sich die Verhältnisse anfangen anders zu gestalten, würde es dem Kaiser sehr wehe tun, wenn Sie sich zu denen halten wollten, mit denen Sie im Prinzip nicht einverstanden sind, während Sie die aufgeben, mit denen Sie übereinstimmend im Prinzipe sind...
Was der Kaiser von dem ernsthaften Schritte Österreichs erfahren hat, ist folgendes: daß es der Pforte erklären will -- nach Rußlands Vorschlag und Drängen im Januar --, daß sie durchaus jetzt nachgeben müsse, wo nicht, so würde sich auch Österreich den Verbündeten anschließen und gemeinschaftlich mit ihnen über dasselbe kriegerisch herfallen und habe es zu dem Ende ein Corps in Bereitschaft... Von Frankreich hat der Kaiser gestern erneuert die intimsten Versicherungen erhalten, mit dem Bemerken, daß es erneuert die dringendsten Vorstellungen in London mache, um das Kabinett zur Annahme der russischen Proposition zu bringen. Jedenfalls glaubt der Kaiser, Frankreichs ganz sicher zu sein, selbst für den Fall, wenn England ganz abspringen sollte... Den Kaiser hat diese ganze Vereitelung, wie sie jetzt durch Englands Umspringen erzeugt wird, keinen Moment frappiert, indem er von jeher vorher sah, daß England im Trüben fischen wollte und eigentlich allein handeln wollte und egoistisch, zum Nachteil aller anderen handeltreibenden Nationen, in der orientalischen Frage. Die Ruhe Europas ist erhalten, sobald England dem Tractat treu bleibt und den von Rußland und Frankreich vorgeschlagenen Maßregeln beitritt, meint der Kaiser; springt also England jetzt ab, so erzeugt es den Krieg und die Unruhe, wahrscheinlich in ganz Europa, wovon es doch gerade das Gegenteil will. Der Kaiser sagte mir: Die Verhältnisse, die sich in der Türkei gestalten, sind für Rußland zehnmal wichtiger, als für alle andern Staaten, die selbst durch ihren Handel mit jenem Lande in Verbindung stehen. Diesetwegen habe er müssen eine sehr bestimmte Sprache gegen die Pforte gleich bei seinem Regierungsantritte führen und die Akkermannschen Unterhandlungen waren die Folge davon. Als sich diese Verhandlungen zu seinen Gunsten entschieden hätten, habe er nichts weiter wünschen können, denn das seit Jahren compromittierte Ansehen Rußlands bei der Pforte und der Einfluß, den es doch natürlich stets auf dieselbe auszuüben suchen muß, war wiedergewonnen. Aus diesem Grunde hätte er auch nicht nötig gehabt, in der griechischen Angelegenheit etwas zu tun, um so weniger, da er... gar nicht gesonnen gewesen sei, für sie wohl gar aus Enthusiasmus zu handeln. Er hätte also aus diesem Grunde auch nicht nötig gehabt, das englische Anerbieten, zu Gunsten der Griechen zu wirken, anzunehmen und zu deren Pacificirung die Hand zu bieten, wenn er sich nicht hätte sagen müssen, daß sein Zurückweisen dieses Anerbietens England nicht gehindert haben würde, seine Vorschläge und Pläne zur Veränderung der Dinge im Oriente demnach durchzuführen, welche es, alsdann allein handelnd, auch ganz nur zu seinem Vorteile und gewiß zum größten Nachteile Rußlands geordnet haben würde. Eroberungs- und Aquisitions-Pläne möchten gleichfalls wohl bei England obgewaltet haben, wie die Geschichte der Ionischen Inseln beweisen könnte... Frankreichs Handels-Interesse verlangte es, daß die orientalischen Verhältnisse eine andere Gestaltung gewännen; dieses trat nun also auch dieserhalb mit der Sprache hervor. England und Frankreich mußten sich also wegen dieser orientalischen Frage begegnen und gewiß auf eine unangenehme Art. Da nun also nicht anzunehmen war, daß England sich durch Rußlands Refus abhalten lassen würde, seine Absichten im Oriente zu verfolgen, wobei ihm noch zu Statten kam, daß die Griechen sich ja selbst an dasselbe gewandt hatten, um für sie sich zu interessieren, ebensowenig aber anzunehmen war, daß sich Frankreich und England gütlich über jene Verhältnisse vergleichen würden, so nahm der Kaiser das englische Anerbieten an, um dem egoistischen und Allein-Handeln Englands zu begegnen und um ein Zerwürfnis zwischen England und Frankreich zu verhindern und um somit also die Ruhe und Eintracht in Europa zu erhalten. So entstand das Petersburger Protokoll vom 4. April 1826 von Seiten des Kaisers in der Hauptabsicht, Ruhe in Europa zu erhalten, durch die Pacificierung Griechenlands seinen Handel noch mehr zu sichern und somit sein Ansehen bei der Pforte noch mehr zu sichern. Als dies Ansehen durch den Akkermannschen Vertrag hergestellt war, erklärte der Kaiser an England, daß er es seinetwegen nicht mehr nötig habe, dem Protokoll Folge zu geben, indem er Alles erlangt habe zum Besten Rußlands, was er von der Pforte nur verlangen könnte. England erwiderte auf die zweimalige derartige Vorstellung, daß es seinerseits sich in der Notwendigkeit befände, den Bestimmungen des Protokolls durchaus Folge geben zu müssen; dadurch demasquierten sich Englands egoistische Absichten immer mehr in den Augen des Kaisers und er hielt es für notwendig, dieserhalb schon im gedachten Protokoll die Bestimmung ausdrücklich aufzunehmen, daß von keinem Teile Eroberungs- oder Acquisitions-Pläne beabsichtigt würden; somit waren England freilich in ganz Europa die Hände gebunden, nicht dergleichen wahrscheinlich intentionierte verborgene Absichten einseitig ausführen zu können. Rußland kostete es nichts, dies Versprechen zu geben, indem jede Länder-Vergrößerung für dasselbe ein Nachteil sei. Frankreich trat diesen Protokoll-Bestimmungen später bei und verlangte zuerst dessen Umwandlung in ein Tractat. So waren also die verschiedenen Interessen durch einen Tractat vereint und dadurch die Ruhe und Einigkeit Europas gesichert. Diese Verhältnisse konnten also nur gestört werden, wenn ein Teil seinen Verpflichtungen ungetreu wurde, d. h. dem gemeinsamen Verband sich entzog, um einseitigen Plänen Folge zu geben.
Dies Letztere scheint nun allerdings leider Englands jetziges Benehmen sein zu wollen. Wollte es die Pacificierung Griechenlands wirklich, so könnte es jetzt keinen Augenblick anstehen, nachdem alle Mittel erschöpft sind, mit Gewalt auf die Pforte wirken zu wollen. Da es diese Gewalts-Mittel aber gegen seine beiden Alliierten zurückweiset, so gehet daraus wohl deutlich hervor, daß es etwas anderes als die gemeinschaftliche Pacificierung der Griechen wünscht, nämlich dort allein sprechen zu wollen und somit entlarvt es sich selbst.
Englands Plan scheint bestimmt zu sein, sich von dem trilateralen Vertrag zurückziehen zu wollen, dieserhalb jedoch mit Frankreich noch nicht zu brechen, es sich überhaupt angelegen sein zu lassen, auf dem Kontinente Alliierte zu sammeln, wahrscheinlich um Rußland mit denselben vereint zu bedrohen und so vom Türkenkriege abzuhalten. Dies Suchen von Alliierten dürfte also wohl zunächst auf Preußen und Österreich gerichtet sein. Überhaupt kann es Preußen nicht ruhig mit ansehen, daß dergleichen Alliancen sich schließen, wie die zwischen Österreich und England wäre und sein Verweigern zum Beitritt zu derselben dürfte vielleicht selbst dies ganze Projekt hindern und eine Aufforderung Preußens an England, den Frieden Europas dadurch nicht zu stören, daß es einseitig von einem Vertrage abspringt, während seine zwei Mit-Alliierten fest zusammenhalten, von einem Vertrage, an dessen Existenz es selbst schuld ist und den es vorschlug und gegen Rußlands anfängliche Vorstellungen durchsetzte, eine solche Vorstellung Preußens in London, wie gesagt, könne vielleicht noch eine plötzliche Wendung erzielen. Wenn eine allgemeine Verwicklung entsteht, so ist daran nur der englische Egoismus und die österreichische bisherige Starrheit Schuld. Wie traurig.
St. Petersburg, 24. März/5. April 1828.
.... die Armee, die zwischen dem 20. und 25. April den Pruth überschreitet und die der Kaiser, bevor sie die Donau erreicht, einholen will. Jedenfalls will er beim Übergange über die Donau zugegen sein. Wo? hat er mir noch nicht gesagt und da ich nur eine Regel gemacht habe, den Kaiser nach nichts abzufragen, was er mir nicht mitteilen zu wollen zu beabsichtigen scheint, so habe ich darüber, wie überhaupt über den ganzen Operationsplan garnichts erfahren.
Mit welcher Ungeduld sehe ich Ihren Bestimmungen über mich entgegen. Hier kommt es mir unmöglich vor, daß ich an allem, was ich sich hier vorbereiten sehe seit drei Monaten, nicht Teil nehmen sollte und so denkt man es sich hier auch allgemein für unmöglich, daß ich nun nicht mitgehen werde. Der Kaiser erhielt soeben einen Courir aus Paris, der erneut die besten Nachrichten überbrachte und auch aus England die Nachricht, daß, wenngleich sich dasselbe nicht mit Rußlands Maßregeln in soweit einverstanden erkläre, um sich zur Teilnahme an denselben zu verstehen, so würde es jedoch Rußland nicht hindern und aufhalten in seinen Absichten auf die Türkei.... Welch’ ein Glück für die allgemeine Ruhe Europas, wenn England einsiehet, daß es durch sein falsches Benehmen den allgemeinen Krieg im Begriff war anzuzünden ...
Den heute hier erschienenen Friedensschluß in Persien lege ich hier bei[32]... wären wir doch erst soweit mit der Türkei.
Die abgebrochene Contre-Revolution in Portugal ist eine merkwürdige Sache[33]. England wird da auch etwas ins Gedränge kommen.
St. Petersburg, 28. März/9. April 1828.
Aus England sind die letzten Eröffnungen auch günstiger, indem es wenigstens erklärt, sich nicht Rußlands Maßregeln opponieren zu wollen. Von Österreich fehlt noch immer die seit zwei Monaten erwartete Antwort... mit Frankreich ist der Kaiser außerordentlich zufrieden. Dagegen können die portugiesischen Geschichten wohl nur sehr unangenehm erscheinen. Hätte Don Miguel nur nicht schon in Wien die unglückselige Constitution beschworen, so wäre Alles gut. Aber so ist sein Benehmen unverzeihlich...
Gestern sind Nachrichten aus Bukarest angekommen, die von dem Einrücken eines 6000 Mann starken türkischen Corps in Serbien, von Bosnien kommend, Meldung machen. Es sollen große Grausamkeiten vorgefallen sein und den Serben annonciert worden, daß eine größere militärische Occupation folgen werde und alle Waffen abgeliefert werden sollten. Auch sind türkische Truppen in dem kleinen Freistaat Montenegro eingerückt. Der Kaiser ist über die Serbische Occupation sehr entrüstet, weil dieselbe ganz gegen die Tractate ist und ihm daher nur gerechte Waffen gibt, die Pforte nicht länger zu schonen[34]. Aber es ist wirklich wahr, Alles vereinigt sich, des Kaisers Politik höher und gerechter mit jedem Tag zu stellen. Das ist der Preis und der Lohn für Offenheit, Gewandtheit und Festigkeit in der Politik, die dem Kaiser nie genug zu danken sein wird.
St. Petersburg, den 3./15. April 1828.
.... Der Kaiser hat gestern Depeschen aus London und Berlin erhalten. Die ersteren annoncieren ihm officiell, was er schon wußte, daß England ihn in nichts hindern will, aber ihn aus dem Vertrag getreten betrachtet...
Die verbreitete Nachricht des von der Pforte den Griechen angebotenen Waffenstillstandes, um darauf Negotiationen anzuknüpfen, freut den Kaiser sehr, wenn es eine gegründete Nachricht ist, indem wegen der griechischen Angelegenheit er seine Instruktionen gegeben hat an Lieven und mit denen dieserhalb von England vorgeschlagenen Maßregeln teilweis einverstanden ist. Doch dies Alles hält ihn keinen Augenblick auf, seine eigenen Griefs gegen die Pforte mit gewaffneter Hand zu verfolgen. Den 25. April/7. Mai soll die Armee den Pruth überschreiten; am selben Tage will der Kaiser von hier abgehen...
Die Kaiserin-Mutter hat mit Einemmale ihrer Tochter die Reise hierher abgeschrieben[35], um, da sie nur bis zum August bleiben wollte, ihr diese beschwerlichen Reisen nicht so rasch auf einander machen zu lassen, da die Großfürstin noch Carlsbad brauchen soll später. Ich sehe mit desto größerer Ungeduld Ihrer Antwort entgegen. Der Mensch denkt, Gott lenkt, muß ich immer wieder sagen.
St. Petersburg, 5./17. April 1828.
.... Ansicht über Preußen, die Sie zur Grundlage der Antwort an den Kaiser legen wollen[36]; nämlich die, daß eine Erklärung Preußens an die übrigen großen Mächte Europas, daß es mit der russischen Politik einverstanden sei und die Rechtmäßigkeit seiner Maßregeln vollkommen anerkennt, von dem größten Einfluß auf die übrigen Kabinette in diesem Augenblicke sein wird. Die aus dieser offiziellen Erklärung entspringende Folge ist eine Eröffnung gegen Rußland, daß es unter solchen Umständen auf Preußen in sofern zählen könne, als es etwa in der Verfolgung seiner als rechtmäßig anerkannten Maßregeln von irgend einer Macht gestützt werden sollte. Dies ist der Wunsch des Kaisers; mehr verlangt er nicht... Wenn auf diese Art also Rußland, Frankreich und Preußen einverstanden sind, so dürfte sich so leicht wohl keine Separat-Alliance in Europa bilden, der nicht diese drei Mächte widerstehen würden. Aber gerade durch dieses Zusammenhalten im Prinzip der drei genannten Mächte würde es auch andern gar nicht einfallen, ein Separat-Bündnis zu schließen. Preußens Stellung kommt mir dabei vor wie ein drohender Hund, der nur erst noch warnt.
Heute noch sagte mir der Kaiser beim Abmarsch der Gardejäger-Reserve und der magnifiquen Fuß-Artillerie: ~je vous jure devant dieu, que je n’aimerais pas mieux que de tenir la même language envers l’Autriche; mais ils ne font rien pour gagner ma confiance. Voilà deux mois que j’attends une réponse de l’empereur d’Autriche sur une lettre que je lui ai écrit deux jours après qu’il me l’avait demandé~...
Schon vor längerer Zeit sagte mir der Kaiser, daß, wenn England wirklich ganz abgesprungen wäre, Frankreich aber fest an Rußland gehalten hätte, wodurch es sich dem benachbarten England leicht hätte exponieren können, so würde er mit Frankreich dieselbe Übereinkunft geschlossen haben, welche der selige Kaiser zur Zeit des französischen Einfalls in Spanien mit Frankreich schloß, nämlich es gegen Englands etwaiges Vorhaben zu schützen, zu welchem Ende der Großfürst Konstantin mit seiner Armee zur Disposition Frankreichs gestellt werden würde. Ehe ein Gebrauch dieses zur Disposition-Stellen gemacht worden wäre, dürften freilich noch manche andere Verhältnisse zur Sprache gekommen sein, jedenfalls zeigt es aber, wie sehr der Kaiser diejenigen Staaten achtet und seiner Unterstützung wert hält, die gleich ihm eine feste, offene, gerade, bestimmte und Treue haltende Politik gehen...
Oft ist mir bei uns schon ein Grauen angekommen, wenn die Armee einmal mobil gemacht werden sollte, wegen des Mangels an jeder Vorschrift über diese Mobilmachung. Vor 6 Jahren ist jedem Armee-Corps aufgegeben worden, einen Mobilmachungs-Plan auszuarbeiten; das ist geschehen und man hat natürlich vermutet, daß die Einreichung dieser Arbeiten befohlen wurde, um nach diesen von jedem einzelnen Corps aufgestellten Ansichten eine allgemeine Bestimmung zu bearbeiten und als Vorschrift zu erlassen. Dies ist aber nicht geschehen. So ist also jedes Armee-Corps in diesem Moment zwar mit einer Arbeit versehen, nach der es isoliert handeln würde, wenn schnell eine Mobilmachung einträte; aber eben so viele Corps existieren, eben so viele Verfahrungs-Arten wird es auch geben und dies ist unmöglich für das Ganze. Ich habe diese Arbeit meines Armee-Corps gleich nach Übernahme des Commandos desselben durchstudiert und angefragt, ob die unendlich vielen zur Anfrage und Bestimmung angehaltenen Punkte nicht zur Erledigung eingereicht werden sollten, aber immer gehört, daß die Einreichung noch nicht befohlen wäre. Bei der Wichtigkeit dieses Gegenstandes habe ich mich jetzt, wo mir diese Verhältnisse hier so oft vor Augen treten, für verpflichtet gehalten, Ihrem gnädigen Ermessen diesen Gegenstand einmal in Erinnerung zu bringen...
Es ist heute ein österreichischer Courier angekommen, der aber wiederum nicht eine Zeile dem Kaiser überbracht hat, was ihn natürlich sehr ungehalten stimmt, wobei er jedoch stets seine Ruhe und Heiterkeit behält...
St. Petersburg, 11./23. April 1828.
Auf die Aufforderung in Ihrem Schreiben, den vorgeschlagenen Schritt noch zu tun, ohne den Marsch seiner Armee dadurch aufzuhalten, will der Kaiser jedoch nicht eingehen... Der Grund... sei, daß ja gerade die Propositionen, die er im December vorigen Jahres den Alliierten gemacht und auf die Sie jetzt wünschten, daß er mit einigen Modificationen zurückkäme, namentlich von England nicht angenommen seien, weil von einer Unterstützung mit gewaffneter Hand gegen die Pforte zur Annahme der Vorschläge die Rede gewesen sei. Jetzt, wo ihn individuelle Beleidigungen der Pforte zwingen, die Waffen zu ergreifen, habe er ja neuerdings allgemein erklärt, daß er trotzdem die Erreichung der Bestimmungen des Londoner Vertrages nicht aus den Augen verliere und daher beiden Angelegenheiten ~de front~ gehen würden. Hierin glaubt er, würden Sie ungefähr oder eigentlich dasjenige finden, was Sie vorschlügen. Daß nun England hierauf erklärt hat, daß es ihm sich nicht opponieren werde, aber auch nicht ihn mehr als in der Alliance seiend betrachte, dafür könne er nichts und ein erneuter Antrag dieser Art wäre ihm daher unmöglich zu machen... Dennoch versuchte ich aus Ihrem Briefe an mich dem Kaiser Ihren Antrag nochmals so darzustellen und annehmbar zu machen, daß Sie selbst recht wenig auf den glücklichen Ausfall dieses Schrittes bei der Pforte rechneten, aber Sie die Annahme hauptsächlich darum wünschten, um sein Recht nur noch heller erscheinen zu lassen, nachdem alle Versuche gemacht sind, friedlich zum Ziele zu gelangen; aber er gab mir wiederum dieselbe Antwort.
Der österreichische Courier... ist doch der Überbringer der langersehnten Antwort gewesen, was Graf Zichy jedoch einige Tage für sich behalten hat. Das Schreiben... enthält die längst bekannte Demarche Österreichs gegen die Pforte wegen des Waffenstillstandes und eine Menge Besorgnisse über die inneren Verhältnisse von Frankreich und der Halbinsel. Daß Graf Capo d’Istria den Waffenstillstand nicht angenommen hat, sondern die Instruktionen der drei ihn anerkannthabenden Mächte erwartet, die gewiß negativ sein werden, dürften Sie bereits wissen...
St. Petersburg, 14./26. April 1828.
Vorgestern erhielt der Kaiser aus London die Anzeige, daß das englische Kabinett die Proposition der österreichischen Intervention in der orientalischen Angelegenheit gänzlich von der Hand gewiesen habe, indem England niemals darauf eingehen könne, die völlige Freiheit Griechenlands als mit ~son~ (Englands) ~état physique~ unvereinbar anzuerkennen. Da dieser Vorschlag Österreichs, der ja bei der Pforte einseitig gemacht war, von den drei alliierten Mächten nicht gut geheißen worden ist, so gibt Graf Zichy diesem ganzen Vorschlage den Anstrich, als sei er von der Pforte gekommen und von seinem Hofe nur als ein Vorschlag mitgeteilt worden... Wie leicht übrigens Österreich seine Vorschläge fahren läßt, beweist mir noch mehr die auch vorgestern eingegangene Depesche des Grafen Tatischtscheff, die dem Kaiser meldet, daß er eine offizielle Unterredung mit Graf Metternich gehabt habe, der ihm annoncierte, daß unter den jetzigen Verhältnissen auch Österreich sich bewogen fühle, seine Relationen mit der Pforte aufzugeben und sich in Gemeinschaft mit Preußen dem trilateralen Vertrage anschließen würde... Auf mein Befragen, was er, der Kaiser, für einer Meinung sei wegen dieses Vorschlages, erwiderte er, daß ein Artikel des trilateralen Vertrages festsetze, daß, wer sich demselben anschlösse oder anschließen wolle, nicht zurückgewiesen werden würde... Daß Österreich anfing schwankend zu werden, zeigte sich wohl seit drei Monaten und namentlich seit der gewissen freimütigen Eröffnung von hier aus, die wohl mehr aus dem Leben gegriffen war und mehr Eindruck auf’s österreichische Cabinett gemacht hat, als es dasselbe eingestehen will... Nach dem jetzigen Benehmen und Vorschlägen Österreichs scheint es mir, als wäre eine dergleichen fortgesetzte Einwirkung auf dasselbe und namentlich so, wie sie der Kaiser im Februar von Ihnen wünschte, doch wohl auch zum Ziele führend gewesen und ich sage es mit einigem Stolze, Preußen hätte alsdann den Ruhm gehabt, die Einheit herbeizuführen, die es so sehr wünschte, während es jetzt umgekehrt geschieht und zwar von einer Macht, die sich das enorme Dementi gibt, seine stets vorgeschützten Prinzipien zu verleugnen oder aufzugeben, um das Ziel zu erreichen, was ihr früher ganz fremd sein wollte... Was England zu all dem sagen wird, ist am merkwürdigsten zu erwarten. Gott gebe, daß die Einheit endlich zu Stande kommt. Ob es die Furcht vor dieser wahrscheinlichen Einheit Europas ist oder die Concentrierung der russischen Armee, um die Grenze zu überschreiten, welche die Türken bewogen haben, den Großherrn zu zwingen, in Allem den Forderungen der Alliierten nachzugeben, ist jetzt noch nicht zu entscheiden, weil alle Details fehlen... Der Beweis würde wenigstens in dem Benehmen der Türken liegen, daß die Einheit nicht durch Österreich bisher gestört worden wäre und das Ernstmachen der Kriegsdrohung nicht beständig seit Jahren gegen Rußlands Forderungen und Vorschläge zurückgewiesen worden wäre, wir schon seit sehr langer Zeit zu dem Resultate gelangt sein würden, was sich jetzt ergeben zu wollen scheint.
St. Petersburg, 24. April/6. Mai 1828.
Durch die erste Ihrer Entscheidungen sehe ich mich nun endlich nach einer langen Reihe von Jahren, die voller Bewegung und Unruhe für mein Inneres waren, der Aufklärung und Feststellung meiner Zukunft mit der Gewißheit entgegen, die wenigstens für jetzt dem Teil gewahrt ist, der die Wahl getroffen hat. Die vorläufige Bestimmtheit hängt nun freilich noch von der Annahme der Wahl ab. Wie tief mich der Gedanke angriff, so weit nunmehr über meine Zukunft aufgeklärt zu sein, braucht keiner Worte. Aber die Worte des Dankes gegen Sie, teuerster Vater, kann ich nicht unterdrücken, daß Sie durch Ihren Ausspruch meinem Leben eine bestimmte Richtung gegeben haben. Wie in jeder Ihrer Bestimmungen, die auf mein ganzes Lebensverhältnis Einfluß haben, erkenne ich und erkläre ich auch hier wiederum nur Gottes Führung. Die getroffene Wahl war gewiß Sein Wille. Und so gehe ich getrost einem Zeitpunkt entgegen, der über mein ganzes ferneres Leben entscheidet, wenn die Wahl aufgenommen wird, da es einen Gegenstand betrifft, dem ich längst meine ganze Achtung gewidmet hatte, und an dessen Erwählung nur der Umstand hinderlich war, daß ich nicht leichtsinnig ein so zartes Verhältnis sich gestalten sehen wollte als es sein wird, in welchem nunmehr zwei Schwestern zu einander zu stehen kommen sollen... Was Ihre zweite Entscheidung betrifft, die mir das Beiwohnen der Campagne abschlägt, so können Sie leicht denken, daß ich von der Gewißheit, dieses so innig gewünschte Projekt aufgeben zu müssen, wie vernichtet war... Sie haben diesen Wunsch aus einem Gesichtspunkte abgeschlagen, gegen den ich, unter der Gefahr mich persönlich zu hoch oder zu niedrig anzuschlagen nichts einwenden kann... Hier, kann ich nicht verhehlen, hat Ihre abschlägige Antwort den Eindruck gemacht, als sei sie ein Beweis, daß Preußen doch wohl nicht so Rußlands Partei diesen Moment halte, als man es hoffte und glaubte... Für meine Persönlichkeit ist es mir sehr wert gewesen, daß hier die Freude über die Hoffnung, mich bei der Armee zu sehen, ebenso groß war als jetzt die Trauer, daß es nicht sein kann. Es mag dies etwas egoistisch und eitel lauten und nur auf diese Gefahr durfte ich es aussprechen.
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Der obige Brief ist die Antwort des Prinzen auf ein Schreiben seines königlichen Vaters aus Potsdam vom 20. April 1828:
Die Hauptgegenstände Deiner Briefe, auf die es ankommt, lassen sich auf drei Hauptpunkte reducieren: 1. Deine Verbindungsangelegenheiten, 2. die politischen Angelegenheiten, 3. die Campagne-Projekte betreffend.
Was den ersten Punkt betrifft, so habe ich mich darüber oft genug ausgesprochen, um alles Gesagte nicht von Neuem wiederholen zu müssen. Nach meinem Dafürhalten ist also jetzt leider nur auf Prinzessin Augusta Rücksicht zu nehmen. Gern überschickte ich Dir der Prinzessin Cäcilie wegen ein schriftliches Gutachten Hufelands, allein er ist schleunigst nach Ludwigslust berufen worden, da Alexandrine uns große Besorgnis gegeben. Ich hätte sehr gern gesehen, wenn Du womöglich die Ankunft der Großfürstin in Petersburg abzuwarten im Stande gewesen wärest... Den zweiten Punkt betreffend, muß ich mit Leidwesen bemerken, daß von Neuem Mißverständnisse über das, was hier beschlossen worden, entstanden sind, die ich zu berichtigen für höchst notwendig halte und deshalb beiliegendes ~P. M.~ habe anfertigen lassen. Die Nachrichten, die man über die Absichten Österreichs in Petersburg hat, stimmen nicht im geringsten mit den unsrigen, denn unter anderem ist die Armee noch nicht einmal auf den Friedensfuß complett und statt 11000 Pferde, die verlangt worden sind, um die Kavallerie-Regimenter zu complettieren, hat der Kaiser nur 3000 bewilligt. Die Nachricht der 200000 Mann, die man ausgehoben haben soll, ist also nur ein leeres Gerücht gewesen, denn wie gesagt: noch ist vom Kaiser kein Beschluß gefaßt, die Truppen auf den completten Friedensfuß zu setzen. Erst gestern erhielt ich von Wien aus diese Auskünfte. Es muß also durchaus Leute geben, die, um sich wichtig zu machen, dergleichen Gerüchte verbreiten, vielleicht weil sie glauben, sich dadurch angenehm zu machen... Nach allen Nachrichten scheint auch der türkische Einfall in Serbien wenigstens sehr übertrieben dargestellt, wo nicht gar durch die Zeitungen schon widerrufen zu sein.
Nun kommt der dritte und letzte Punkt. Sehr freundschaftlich und gütig war es vom Kaiser, Dir den Vorschlag gemacht zu haben, den türkischen Feldzug mit ihm zu machen. Daß ich es Dir jedoch nicht bewilligen kann, liegt klar zu Tage; die Gründe dazu wirst Du nach einiger Überlegung selbst zu finden im Stande sein. Wenn das Vaterland in Gefahr kommt, dann ist es Zeit, daß die Prinzen vom Hause mit leuchtendem Beispiel vorangehen, bis dahin aber liegen ihnen andere Pflichten ob. Erfahrung läßt sich allerdings in einem solchen Feldzuge sammeln und sein Leben auf’s Spiel zu setzen, finden sich auch wohl Gelegenheiten. Beides steht aber nicht im Gleichgewicht, da die dort zu sammelnde Erfahrung gegen jede andere Kriegsmacht wenig Anwendung finden dürfte; ich wäre also vor Gott verantwortlich, wenn ich zugäbe, daß Du in einer ganz fremden Angelegenheit Dein Leben aufs Spiel setzt.
Demnach also halte ich für passend, daß Du des Kaisers und Charlottens Abreise noch in Petersburg abwartest, dann aber Dich unverzüglich hierher zurückbegiebst. Ich weiß wohl, daß Dir das nicht gefallen wird, allein ich kann und darf nicht anders handeln, als es meine Pflicht ist...
Die Brautwerbung.
Auf die in Petersburg verbrachten vier Monate folgte im August 1828 ein kurzer Aufenthalt in dem Ostseebad Doberan; Varnhagen