Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1862 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Ortsnamen (Altdorf/Altorf) und Personennamen (Walter/Walther) wurden vereinheitlicht, um Verwechslungen vorzubeugen.
Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+
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Wilhelm Tell.
Ein Schauspiel
von
Schiller.
Stuttgart.
Cotta’scher Verlag.
1862
Personen.
+Hermann Geßler+, Reichsvogt in Schwytz und Uri. +Werner+, Freiherr +von Attinghausen+, Bannerherr. +Ulrich von Rudenz+, sein Neffe. +Werner Stauffacher+, } +Konrad Hunn+, } +Itel Reding+, } +Hans auf der Mauer+, } Landleute aus Schwytz. +Jörg im Hofe+, } +Ulrich der Schmid+, } +Jost von Weiler+, } +Walther Fürst+, } +Wilhelm Tell+, } +Rösselmann+, der Pfarrer, } +Petermann+, der Sigrist, } aus Uri. +Kuoni+, der Hirt, } +Werni+, der Jäger, } +Ruodi+, der Fischer, } +Arnold vom Melchthal+, } +Konrad Baumgarten+, } +Meier von Sarnen+, } +Struth von Winkelrieth+, } aus Unterwalden. +Klaus von der Flüe+, } +Burkhart am Bühel+, } +Arnold von Sewa+, } +Pfeifer von Luzern.+ +Kunz von Gersau.+ +Jenni+, Fischerknabe. +Seppi+, Hirtenknabe. +Gertrud+, Stauffachers Gattin. +Hedwig+, Tells Gattin, Fürsts Tochter. +Bertha von Bruneck+, eine reiche Erbin. +Armgart+, } +Mechthild+, } +Elsbeth+, } Bäuerinnen. +Hildegard+, } +Walther+, } Tells Knaben. +Wilhelm+, } +Frießhardt+, } Söldner. +Leuthold+, } +Rudolph der Harras+, Geßlers Stallmeister. +Johannes Parricida+, Herzog von Schwaben. +Stüssi+, der Flurschütz. +Der Stier von Uri.+ +Ein Reichsbote.+ +Frohnvogt.+ +Meister Steinmetz+, +Gesellen+ und +Handlanger+. +Oeffentliche Ausrufer.+ +Barmherzige Brüder.+ +Geßlerische+ und +Landenbergische Reiter+. Viele +Landleute+, +Männer+ und +Weiber+ aus den Waldstätten.
Erster Aufzug.
Erste Scene.
+Hohes Felsenufer des Vierwaldstättersees, Schwytz gegenüber.+
Der See macht eine Bucht ins Land, eine Hütte ist unweit dem Ufer, =Fischerknabe= fährt sich in einem Kahn. Ueber den See hinweg sieht man die grünen Matten, Dörfer und Höfe von Schwytz im hellen Sonnenschein liegen. Zur Linken des Zuschauers zeigen sich die Spitzen des Haken, mit Wolken umgeben; zur Rechten im fernen Hintergrund sieht man die Eisgebirge. Noch ehe der Vorhang aufgeht, hört man den Kuhreihen und das harmonische Geläute der Heerdenglocken, welches sich auch bei eröffneter Scene noch eine Zeit lang fortsetzt.
=Fischerknabe= (singt im Kahn).
Melodie des Kuhreihens.
Es lächelt der See, er ladet zum Bade, Der Knabe schlief ein am grünen Gestade, Da hört er ein Klingen, Wie Flöten so süß, Wie Stimmen der Engel Im Paradies. Und, wie er erwachet in seliger Lust, Da spielen die Wasser ihm um die Brust. Und es ruft aus den Tiefen: Lieb Knabe, bist mein! Ich locke den Schläfer, Ich zieh ihn herein.
=Hirt= (singt auf dem Berge).
Variation des Kuhreihens.
Ihr Matten, lebt wohl! Ihr sonnigen Weiden! Der Senne muß scheiden, Der Sommer ist hin. Wir fahren zu Berg, wir kommen wieder, Wenn der Kukuk ruft, wenn erwachen die Lieder, Wenn mit Blumen die Erde sich kleidet neu, Wenn die Brünnlein fließen im lieblichen Mai. Ihr Matten, lebt wohl! Ihr sonnigen Weiden! Der Senne muß scheiden, Der Sommer ist hin.
=Alpenjäger=
(erscheint gegenüber auf der Höhe des Felsens).
Zweite Variation.
Es donnern die Höhen, es zittert der Steg, Nicht grauet dem Schützen auf schwindlichtem Weg; Er schreitet verwegen Auf Feldern von Eis; Da pranget kein Frühling, Da grünet kein Reis; Und, unter den Füßen ein neblichtes Meer, Erkennt er die Städte der Menschen nicht mehr; Durch den Riß nur der Wolken Erblickt er die Welt, Tief unter den Wassern Das grünende Feld.
(Die Landschaft verändert sich, man hört ein dumpfes Krachen von den Bergen, Schatten und Wolken laufen über die Gegend.)
=Ruodi=, +der Fischer+, kommt aus der Hütte. =Werni=, +der Jäger+, steigt vom Felsen. =Kuoni=, +der Hirt+, kommt mit dem Melknapf auf der Schulter; =Seppi=, sein Handbube, folgt ihm.
=Ruodi.=
Mach hurtig, Jenni. Zieh die Nane ein. Der graue Thalvogt kommt, dumpf brüllt der Firn, Der Mythenstein zieht seine Haube an, Und kalt her bläst es aus dem Wetterloch; Der Sturm, ich mein’, wird da seyn, eh’ wir’s denken.
=Kuoni.=
’s kommt Regen, Fährmann. Meine Schafe fressen Mit Begierde Gras, und Wächter scharrt die Erde.
=Werni.=
Die Fische springen, und das Wasserhuhn Taucht unter. Ein Gewitter ist im Anzug.
=Kuoni= (zum Buben).
Lug, Seppi, ob das Vieh sich nicht verlaufen?
=Seppi.=
Die braune Lisel kenn’ ich am Geläut.
=Kuoni.=
So fehlt uns keine mehr, die geht am weitsten.
=Ruodi.=
Ihr habt ein schön Geläute, Meister Hirt.
=Werni.=
Und schmuckes Vieh -- Ist’s euer eignes, Landsmann?
=Kuoni.=
Bin nit so reich -- ’s ist meines gnädigen Herrn, Des Attinghäusers, und mir zugezählt.
=Ruodi.=
Wie schön der Kuh das Band zu Halse steht.
=Kuoni.=
Das weiß sie auch, daß sie den Reihen führt, Und, nähm ich ihr’s, sie hörte auf zu fressen.
=Ruodi.=
Ihr seyd nicht klug, ein unvernünft’ges Vieh --
=Werni.=
Ist bald gesagt. Das Thier hat auch Vernunft: Das wissen +wir+, die wir die Gemsen jagen. Die stellen klug, wo sie zur Weide gehn, ’ne Vorhut aus, die spitzt das Ohr und warnet Mit heller Pfeife, wenn der Jäger naht.
=Ruodi= (zum Hirten).
Treibt ihr jetzt heim?
=Kuoni.=
Die Alp ist abgeweidet.
=Werni.=
Glücksel’ge Heimkehr, Senn!
=Kuoni.=
Die wünsch’ ich euch. Von eurer Fahrt kehrt sich’s nicht immer wieder.
=Ruodi.=
Dort kommt ein Mann in voller Hast gelaufen.
=Werni.=
Ich kenn’ ihn, ’s ist der Baumgart von Alzellen.
=Konrad Baumgarten= athemlos hereinstürzend.
=Baumgarten.=
Um Gotteswillen, Fährmann, euren Kahn!
=Ruodi.=
Nun, nun, was gibt’s so eilig?
=Baumgarten.=
Bindet los! Ihr rettet mich vom Tode! Setzt mich über!
=Kuoni.=
Landsmann, was habt ihr?
=Werni.=
Wer verfolgt euch denn?
=Baumgarten= (zum Fischer).
Eilt, eilt, sie sind mir dicht schon an den Fersen! Des Landvogts Reiter kommen hinter mir; Ich bin ein Mann des Tods, wenn sie mich greifen.
=Ruodi.=
Warum verfolgen euch die Reisigen?
=Baumgarten.=
Erst rettet mich, und dann steh ich euch Rede.
=Werni.=
Ihr seyd mit Blut befleckt, was hat’s gegeben?
=Baumgarten.=
Des Kaisers Burgvogt, der auf Roßberg saß --
=Kuoni.=
Der Wolfenschießen! Läßt euch der verfolgen?
=Baumgarten.=
Der schadet nicht mehr, ich hab’ ihn erschlagen.
=Alle= (fahren zurück).
Gott sey euch gnädig! Was habt ihr gethan?
=Baumgarten.=
Was jeder freie Mann an meinem Platz! Mein gutes Hausrecht hab’ ich ausgeübt Am Schänder meiner Ehr’ und meines Weibes.
=Kuoni.=
Hat euch der Burgvogt an der Ehr’ geschädigt?
=Baumgarten.=
Daß er sein bös Gelüsten nicht vollbracht, Hat Gott und meine gute Axt verhütet.
=Werni.=
Ihr habt ihm mit der Axt den Kopf zerspalten?
=Kuoni.=
O, laßt uns Alles hören, ihr habt Zeit, Bis er den Kahn vom Ufer losgebunden.
=Baumgarten.=
Ich hatte Holz gefällt im Wald, da kommt Mein Weib gelaufen in der Angst des Todes. „Der Burgvogt lieg’ in meinem Haus, er hab’ Ihr anbefohlen, ihm ein Bad zu rüsten. Drauf hab’ er Ungebührliches von ihr Verlangt, sie sey entsprungen, mich zu suchen.“ Da lief ich frisch hinzu, so wie ich war, Und mit der Axt hab’ ich ihm ’s Bad gesegnet.
=Werni.=
Ihr thatet wohl, kein Mensch kann euch drum schelten.
=Kuoni.=
Der Wütherich! Der hat nun seinen Lohn! Hat’s lang verdient um’s Volk von Unterwalden.
=Baumgarten.=
Die That ward ruchbar; mir wird nachgesetzt -- Indem wir sprechen -- Gott -- verrinnt die Zeit --
(Es fängt an zu donnern.)
=Kuoni.=
Frisch, Fährmann -- schaff den Biedermann hinüber!
=Ruodi.=
Geht nicht. Ein schweres Ungewitter ist Im Anzug. Ihr müßt warten.
=Baumgarten.=
Heil’ger Gott! Ich kann nicht warten. Jeder Aufschub tödtet --
=Kuoni= (zum Fischer).
Greif an mit Gott! Dem Nächsten muß man helfen; Es kann uns allen Gleiches ja begegnen.
(Brausen und Donnern.)
=Ruodi.=
Der Föhn ist los; ihr seht, wie hoch der See geht; Ich kann nicht steuern gegen Sturm und Wellen.
=Baumgarten= (umfaßt seine Knie).
So helf euch Gott, wie ihr euch mein erbarmet --
=Werni.=
Es geht ums Leben. Sey barmherzig, Fährmann!
=Kuoni.=
’s ist ein Hausvater und hat Weib und Kinder!
(Wiederholte Donnerschläge.)
=Ruodi.=
Was? Ich hab’ auch ein Leben zu verlieren, Hab Weib und Kind daheim, wie er -- Seht hin, Wie’s brandet, wie es wogt und Wirbel zieht Und alle Wasser aufrührt in der Tiefe. -- Ich wollte gern den Biedermann erretten; Doch es ist rein unmöglich, ihr seht selbst.
=Baumgarten= (noch auf den Knien).
So muß ich fallen in des Feindes Hand, Das nahe Rettungsufer im Gesichte! -- Dort liegt’s! Ich kann’s erreichen mit den Augen, Hinüberdringen kann der Stimme Schall, Da ist der Kahn, der mich hinübertrüge, Und muß hier liegen, hülflos und verzagen!
=Kuoni.=
Seht, wer da kommt!
=Werni.=
Es ist der Tell aus Bürglen.
=Tell= mit der Armbrust.
=Tell.=
Wer ist der Mann, der hier um Hülfe fleht?
=Kuoni.=
’s ist ein Alzeller Mann; er hat sein’ Ehr Vertheidigt und den Wolfenschieß erschlagen, Des Königs Burgvogt, der auf Roßberg saß -- Des Landvogts Reiter sind ihm auf den Fersen. Er fleht den Schiffer um die Ueberfahrt; Der fürcht’t sich vor dem Sturm und will nicht fahren.
=Ruodi.=
Das ist der Tell, der führt das Ruder auch, Der soll mir’s zeugen, ob die Fahrt zu wagen.
(Heftige Donnerschläge, der See rauscht auf.)
Ich soll mich in den Höllenrachen stürzen? Das thäte Keiner, der bei Sinnen ist.
=Tell.=
Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt. Vertrau auf Gott und rette den Bedrängten.
=Ruodi.=
Vom sichern Port läßt sich’s gemächlich rathen. Da ist der Kahn, und dort der See! Versucht’s!
=Tell.=
Der See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen. Versuch es, Fährmann!
=Hirten= und =Jäger=.
Rett ihn! Rett ihn! Rett ihn!
=Ruodi.=
Und wär’s mein Bruder und mein leiblich Kind, Es kann nicht seyn; ’s ist heute Simons und Judä, Da rast der See und will sein Opfer haben.
=Tell.=
Mit eitler Rede wird hier nichts geschafft; Die Stunde dringt, dem Mann muß Hülfe werden! Sprich, Fährmann, willst du fahren?
=Ruodi.=
Nein, nicht ich!
=Tell.=
In Gottes Namen denn! Gib her den Kahn! Ich will’s mit meiner schwachen Kraft versuchen.
=Kuoni.=
Ha, wackrer Tell!
=Werni.=
Das gleicht dem Waidgesellen!
=Baumgarten.=
Mein Retter seyd ihr und mein Engel, Tell!
=Tell.=
Wohl aus des Vogts Gewalt errett’ ich euch! Aus Sturmes Nöthen muß ein Andrer helfen. Doch besser ist’s, ihr fallt in Gottes Hand Als in der Menschen!
(Zu dem Hirten.)
Landsmann, tröstet ihr Mein Weib, wenn mir was Menschliches begegnet. Ich hab’ gethan, was ich nicht lassen konnte.
(Er springt in den Kahn.)
=Kuoni= (zum Fischer).
Ihr seyd ein Meister Steuermann. Was sich Der Tell getraut, das konntet +ihr+ nicht wagen?
=Ruodi.=
Wohl bess’re Männer thun’s dem Tell nicht nach, Es gibt nicht Zwei, wie der ist, im Gebirge.
=Werni= (ist auf den Fels gestiegen).
Er stößt schon ab. Gott helf dir, braver Schwimmer! Sieh, wie das Schifflein auf den Wellen schwankt!
=Kuoni= (am Ufer).
Die Flut geht drüber weg -- Ich seh’s nicht mehr. Doch, halt, da ist es wieder! Kräftiglich Arbeitet sich der Wackre durch die Brandung.
=Seppi.=
Des Landvogts Reiter kommen angesprengt.
=Kuoni.=
Weiß Gott, sie sind’s! Das war Hülf’ in der Noth.
=Ein Trupp landenbergischer Reiter.=
=Erster Reiter.=
Den Mörder gebt heraus, den ihr verborgen!
=Zweiter.=
+Des+ Wegs kam er: umsonst verhehlt ihr ihn.
=Kuoni= und =Ruodi=.
Wen meint ihr, Reiter?
=Erster Reiter= (entdeckt den Nachen).
Ha, was seh’ ich! Teufel!
=Werni= (oben).
Ist’s der im Nachen, den ihr sucht? -- Reit zu! Wenn ihr frisch beilegt, holt ihr ihn noch ein.
=Zweiter.=
Verwünscht! Er ist entwischt.
=Erster= (zum Hirten und Fischer).
Ihr habt ihm fortgeholfen.
Ihr sollt uns büßen -- Fallt in ihre Heerde! Die Hütte reißet ein, brennt und schlagt nieder!
(Eilen fort.)
=Seppi= (stürzt nach).
O meine Lämmer!
=Kuoni= (folgt).
Weh mir, meine Heerde!
=Werni.=
Die Wüthriche!
=Ruodi= (ringt die Hände).
Gerechtigkeit des Himmels! Wann wird der Retter kommen diesem Lande?
(Folgt ihnen.)
Zweite Scene.
+Zu Steinen in Schwytz, eine Linde vor des Stauffachers Hause an der Landstraße, nächst der Brücke.+
=Werner Stauffacher=, =Pfeifer von Luzern= kommen im Gespräche.
=Pfeifer.=
Ja, ja, Herr Stauffacher, wie ich euch sagte. Schwört nicht zu Oestreich, wenn ihr’s könnt vermeiden. Haltet fest am Reich und wacker, wie bisher. Gott schirme euch bei eurer alten Freiheit!
(Drückt ihm herzlich die Hand und will gehen.)
=Stauffacher.=
Bleibt doch, bis meine Wirthin kommt -- Ihr seyd Mein Gast zu Schwytz, ich in Luzern der eure.
=Pfeifer.=
Viel Dank! Muß heute Gersau noch erreichen. -- Was ihr auch Schweres mögt zu leiden haben Von eurer Vögte Geiz und Uebermuth, Tragt’s in Geduld! Es kann sich ändern, schnell, Ein andrer Kaiser kann ans Reich gelangen. +Seyd+ ihr erst Oesterreichs, seyd ihr’s auf immer.
Er geht ab. Stauffacher setzt sich kummervoll auf eine Bank unter der Linde. So findet ihn =Gertrud=, seine Frau, die sich neben ihn stellt und ihn eine Zeit lang schweigend betrachtet.
=Gertrud.=
So ernst, mein Freund? Ich kenne dich nicht mehr. Schon viele Tage seh’ ich’s schweigend an, Wie finstrer Trübsinn deine Stirne furcht. Auf deinem Herzen drückt ein still Gebresten. Vertrau’ es mir: ich bin dein treues Weib, Und meine Hälfte fordr’ ich deines Grams.
(Stauffacher reicht ihr die Hand und schweigt.)
Was kann dein Herz beklemmen, sag’ es mir. Gesegnet ist dein Fleiß, dein Glücksstand blüht, Voll sind die Scheunen, und der Rinder Schaaren, Der glatten Pferde wohlgenährte Zucht Ist von den Bergen glücklich heimgebracht Zur Winterung in den bequemen Ställen. -- Da steht dein Haus, reich, wie ein Edelsitz; Von schönem Stammholz ist es neu gezimmert Und nach dem Richtmaß ordentlich gefügt; Von vielen Fenstern glänzt es wohnlich, hell; Mit bunten Wappenschildern ist’s bemalt Und weisen Sprüchen, die der Wandersmann Verweilend liest und ihren Sinn bewundert.
=Stauffacher.=
Wohl steht das Haus gezimmert und gefügt, Doch, ach -- es wankt der Grund, auf dem wir bauten.
=Gertrud.=
Mein Werner, sage, wie verstehst du das?
=Stauffacher.=
Vor dieser Linde saß ich jüngst, wie heut, Das schön Vollbrachte freudig überdenkend, Da kam daher von Küßnacht, seiner Burg, Der Vogt mit seinen Reisigen geritten. Vor diesem Hause hielt er wundernd an; Doch ich erhob mich schnell, und unterwürfig, Wie sich’s gebührt, trat ich dem Herrn entgegen, Der uns des Kaisers richterliche Macht Vorstellt im Lande. Wessen ist das Haus? Fragt’ er bösmeinend, denn er wußt’ es wohl. Doch schnell besonnen ich entgegn’ ihm so: Dies Haus, Herr Vogt, ist meines Herrn des Kaisers Und eures und mein Lehen -- Da versetzt er: „Ich bin Regent im Land an Kaisers Statt Und will nicht, daß der Bauer Häuser baue Auf seine eigne Hand, und also frei Hinleb’, als ob er Herr wär’ in dem Lande: Ich werd’ mich unterstehn, euch das zu wehren.“ Dies sagend, ritt er trutziglich von dannen; Ich aber blieb mit kummervoller Seele, Das Wort bedenkend, das der Böse sprach.
=Gertrud.=
Mein lieber Herr und Ehewirth! Magst du Ein redlich Wort von deinem Weib vernehmen? Des edeln Ibergs Tochter rühm’ ich mich. Des vielerfahrnen Manns. Wir Schwestern saßen, Die Wolle spinnend, in den langen Nächten, Wenn bei dem Vater sich des Volkes Häupter Versammelten, die Pergamente lasen Der alten Kaiser, und des Landes Wohl Bedachten in vernünftigem Gespräch. Aufmerkend hört’ ich da manch kluges Wort, Was der Verständ’ge denkt, der Gute wünscht, Und still im Herzen hab’ ich mir’s bewahrt. So höre denn und acht’ auf meine Rede! Denn, was dich preßte, sieh, das wußt’ ich längst. -- Dir grollt der Landvogt, möchte gern dir schaden, Denn du bist ihm ein Hinderniß, daß sich Der Schwytzer nicht dem neuen Fürstenhaus Will unterwerfen, sondern treu und fest Beim Reich beharren, wie die würdigen Altvordern es gehalten und gethan. -- Ist’s nicht so, Werner? Sag’ es, wenn ich lüge!
=Stauffacher.=
So ist’s, das ist des Geßlers Groll auf mich.
=Gertrud.=
Er ist dir neidisch, weil du glücklich wohnst, Ein freier Mann auf deinem eignen Erb, -- Denn er hat keins. Vom Kaiser selbst und Reich Trägst du dies Haus zu Lehn; du darfst es zeigen, So gut der Reichsfürst seine Länder zeigt; Denn über dir erkennst du keinen Herrn, Als nur den Höchsten in der Christenheit -- Er ist ein jüngrer Sohn nur seines Hauses; Nichts nennt er sein als seinen Rittermantel; Drum sieht er jedes Biedermannes Glück Mit scheelen Augen gift’ger Mißgunst an. +Dir+ hat er längst den Untergang geschworen -- Noch stehst du unversehrt -- Willst du erwarten, Bis er die böse Lust an dir gebüßt? Der kluge Mann baut vor.
=Stauffacher.=
Was ist zu thun?
=Gertrud= (tritt näher).
So höre meinen Rath! Du weißt, wie hier Zu Schwytz sich alle Redlichen beklagen Ob dieses Landvogts Geiz und Wütherei. So zweifle nicht, daß sie dort drüben auch In Unterwalden und im Urner Land Des Dranges müd’ sind und des harten Jochs -- Denn, wie der Geßler hier, so schafft es frech Der Landenberger drüben überm See -- Es kommt kein Fischerkahn zu uns herüber, Der nicht ein neues Unheil und Gewalt- Beginnen von den Vögten uns verkündet. Drum thät es gut, daß euer Etliche, Die’s redlich meinen, still zu Rathe gingen, Wie man des Drucks sich möcht’ entledigen: So acht’ ich wohl, Gott würd’ euch nicht verlassen Und der gerechten Sache gnädig seyn -- Hast du in Uri keinen Gastfreund, sprich, Dem du dein Herz magst redlich offenbaren?
=Stauffacher.=
Der wackern Männer kenn’ ich viele dort Und angesehen große Herrenleute, Die mir geheim sind und gar wohl vertraut.
(Er steht auf.)
Frau, welchen Sturm gefährlicher Gedanken Weckst du mir in der stillen Brust! Mein Innerstes Kehrst du ans Licht des Tages mir entgegen, Und, was ich mir zu denken still verbot, Du sprichst’s mit leichter Zunge kecklich aus. -- Hast du auch wohl bedacht, was du mir räthst? Die wilde Zwietracht und den Klang der Waffen Rufst du in dieses friedgewohnte Thal -- Wir wagten es, ein schwaches Volk der Hirten, In Kampf zu gehen mit dem Herrn der Welt? Der gute Schein nur ist’s, worauf sie warten, Um loszulassen auf dies arme Land Die wilden Horden ihrer Kriegesmacht, Darin zu schalten mit des Siegers Rechten, Und unterm Schein gerechter Züchtigung Die alten Freiheitsbriefe zu vertilgen.
=Gertrud.=
Ihr seyd +auch+ Männer, wisset eure Axt Zu führen, und dem Muthigen hilft Gott!
=Stauffacher.=
O Weib! ein furchtbar wüthend Schreckniß ist Der Krieg; die Heerde schlägt er und den Hirten.
=Gertrud.=
Ertragen muß man, was der Himmel sendet; Unbilliges erträgt kein edles Herz.
=Stauffacher.=
Dies Haus erfreut dich, das wir neu erbauten. Der Krieg, der ungeheure, brennt es nieder.
=Gertrud.=
Wüßt’ ich mein Herz an zeitlich Gut gefesselt, Den Brand wärf’ ich hinein mit eigner Hand.
=Stauffacher.=
Du glaubst an Menschlichkeit! Es schont der Krieg Auch nicht das zarte Kindlein in der Wiege.
=Gertrud.=
Die Unschuld hat im Himmel einen Freund! -- Sieh vorwärts, Werner, und nicht hinter dich!
=Stauffacher.=
Wir Männer können tapfer fechtend sterben: Welch Schicksal aber wird das eure seyn?
=Gertrud.=
Die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen: Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei.
=Stauffacher= (stürzt in ihre Arme).
Wer solch ein Herz an seinen Busen drückt, Der kann für Herd und Hof mit Freuden fechten, Und keines Königs Heermacht fürchtet er -- Nach Uri fahr’ ich stehndes Fußes gleich. Dort lebt ein Gastfreund mir, Herr Walther Fürst, Der über diese Zeiten denkt, wie ich. Auch find’ ich dort den edeln Bannerherrn Von Attinghaus -- obgleich von hohem Stamm, Liebt er das Volk und ehrt die alten Sitten. Mit ihnen Beiden pfleg’ ich Raths, wie man Der Landesfeinde muthig sich erwehrt -- Leb wohl -- und, weil ich fern bin, führe du Mit klugem Sinn das Regiment des Hauses -- Dem Pilger, der zum Gotteshause wallt, Dem frommen Mönch, der für sein Kloster sammelt, Gib reichlich und entlaß ihn wohlgepflegt. Stauffachers Haus verbirgt sich nicht. Zu äußerst Am offnen Heerweg steht’s, ein wirthlich Dach Für alle Wandrer, die des Weges fahren.
Indem sie nach dem Hintergrunde abgehen, tritt =Wilhelm Tell= mit Baumgarten vorn auf die Scene.
=Tell= (zu Baumgarten).
Ihr habt jetzt meiner weiter nicht vonnöthen. Zu jenem Hause gehet ein, dort wohnt Der Stauffacher, ein Vater der Bedrängten. -- Doch sieh, da ist er selber. -- Folgt mir, kommt!
(Gehen auf ihn zu; die Scene verwandelt sich.)
Dritte Scene.
+Oeffentlicher Platz bei Altorf.+
Auf einer Anhöhe im Hintergrunde sieht man eine Veste bauen, welche schon so weit gediehen, daß sich die Form des Ganzen darstellt. Die hintere Seite ist fertig, an der vordern wird eben gebaut, das Gerüste steht noch, an welchem die Werkleute auf und nieder steigen; auf dem höchsten Dach hängt der Schieferdecker -- Alles ist in Bewegung und Arbeit.
=Frohnvogt.= =Meister Steinmetz.= =Gesellen= und =Handlanger=.
=Frohnvogt=
(mit dem Stabe, treibt die Arbeiter).
Nicht lang gefeiert, frisch! Die Mauersteine Herbei! den Kalk, den Mörtel zugefahren, Wenn der Herr Landvogt kommt, daß er das Werk Gewachsen sieht! -- Das schlendert wie die Schnecken!
(Zu zwei Handlangern, welche tragen.)
Heißt das geladen? Gleich das Doppelte! Wie die Tagdiebe ihre Pflicht bestehlen!
=Erster Gesell.=
Das ist doch hart, daß wir die Steine selbst Zu unserm Twing und Kerker sollen fahren!
=Frohnvogt.=