Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4

Part 25

Chapter 251,312 wordsPublic domain

»Nun? Was könnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationales vorspielen, da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so müßte man Ihnen zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen Rezepten braut. Sind Sie ein Württemberger, so könnten Sie erfahren, wie man die Landstände wählte. Sind Sie ein Rheinpreuße, und drückt Sie der Schuh, so lassen Sie den eigenen Fuß operieren, denn an dem Normalschuh darf nichts geändert werden. Sind Sie ein Hesse, so trinken Sie ganz ruhig Ihren Doppelkümmel zum Butterbrot, aber denken Sie nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schön war und in der nächsten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, daß Ihnen die Haare zu Berge stehen, und hungern Sie, bis Sie eine schöne Taille bekommen -- --«

»Herr, sind Sie des Teufels!« fuhr der Baron auf. »Wollen Sie uns alles Nationalgefühl absprechen? Wollen Sie --«

»Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Höhe!« rief der Marquis. »Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre Dame! Das finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der Kammer?«

Die Glocken von Notre Dame ertönten in feierlichen Klängen. Chorgesang und das Murmeln kirchlicher Gebete näherte sich, und eine lange Prozession, angeführt von den Missionaren, betrat die Bühne. Da sah man königliche Hoheiten und Fürsten mit den Mienen zerknirschter Sünder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen des ersten Ranges, die schönen Augen gen Himmel gerichtet, die ~à la~ Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die niedlichen Füßchen bloß und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die Herzogin D--s, die Komtesse de M--u, die Fürstin T--d im Kostüm einer Büßenden zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee, nicht mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand, hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen Uniform der Marschälle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und Gebetbücher unter dem Arm, über die Szene ging, da wandte sich der Marquis ab, die Soldaten der alten Garde an unserer Seite ballten die Fäuste und riefen Verwünschungen aus, und wer weiß, was meinen Akteurs geschehen wäre, hätte man faule Aepfel oder Steine in der Nähe gehabt? Das hohe Portal von Notre Dame hatte endlich die Prozession aufgenommen, und nur der Schluß ging noch über die Szene. Es war ein Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm eine Vulgata trug. Man hatte ihm einen ungeheuren Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt, an welchem ihn zwei Missionare wie ein Kalb führten. So oft er aus dem ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprünge fallen wollte, wurde er mit einer Kapuzinergeißel gezüchtigt und schrie dann, um seine Zuchtmeister zu versöhnen: »~Vive le bon Dieu! vive la croix!~« So brachten sie ihn endlich mit großer Mühe zur Kirche. Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.

»Haben Sie nun Genugtuung?« sagte der Marquis zu dem Lord. »Was ist Ihr Skandal auf der Börse gegen diesen kirchlichen Unfug? O, mein Frankreich, mein armes Frankreich!«

»Es ist wahr,« antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen die Hand drückte, »Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an diese tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten Geschmacks, der fröhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich sollte schon im Jahre 1826 vergessen haben, daß es einst der gesunden Vernunft Tempel erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht möglich, es ist ein Blendwerk der Hölle!«

»Das möchte doch nicht so sicher sein,« sagte ich. »Das Vaterland des Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der Jesuitismus dort zur Mode wird, möchte ich für nichts stehen.«

»Aber was wollten Sie nur mit dem Affen in Notre Dame?« fragte der Baron. »Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?«

»Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joko, der sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von den Missionaren bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen Seitensprüngen schließen könnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn wohl in der Kirche taufen.«

»~Goddam!~ was Sie sagen. Doch Sie scheinen mit der Theaterdirektion bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgeführt wird. Wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter, denn ich finde diese Pantomimen etwas langweilig.«

»Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat,« antwortete ich. »Es wird nämlich ein diplomatisches Diner aufgeführt, das der Reis-Efendi den Gesandten hoher Mächte gibt, das Siegesfest der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das Hauptstück der Tafel macht ein Roastbeef von dem griechischen Patriarchen, den sie lebendig geröstet haben, und zum Beschluß wird ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er sein mag, mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner mohammedanischen Majestät eröffnet.«

»Ei!« rief der Marquis. »Was wollen wir diese Schande der Menschheit sehen? Ihre Londoner Börse war lächerlich, die Prozession gemein und dumm, aber diese ekelhafte Erbärmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen! Kommt, meine Freunde. Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn von Garnmacher hören, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische Diner betrachten!«

Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf und verließen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem derben Fluche zurück und rief: »Wahrlich, es steht schlimm mit der Zukunft von 1826!«

Inhalt.

Erster Teil.

Einleitung.

Seite

Erstes Kapitel. Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft 5

Zweites Kapitel. Der schauerliche Abend 10

Drittes Kapitel. Der schauerliche Abend. (Fortsetzung) 17

Viertes Kapitel. Das Manuskript 24

Die Studien des Satan auf der berühmten Universität ...en.

Fünftes Kapitel. Einleitende Bemerkungen 30

Sechstes Kapitel. Wie der Satan die Universität bezieht und welche Bekanntschaften er dort machte 34

Siebentes Kapitel. Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte 40

Achtes Kapitel. Der Satan bekommt Händel und schlägt sich. Folgen davon 46

Neuntes Kapitel. Satans Rache an Doktor Schnatterer 49

Zehntes Kapitel. Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhört; er verläßt die Universität 53

Unterhaltungen des Satan und des ewigen Juden in Berlin.

Elftes Kapitel. Wen der Teufel im Tiergarten traf 60

Zwölftes Kapitel. Satan besucht mit dem ewigen Juden einen ästhetischen Tee 67

Dreizehntes Kapitel. Angststunden des ewigen Juden 74

Vierzehntes Kapitel. Der Fluch. Eine Novelle 83

Fünfzehntes Kapitel. Das Intermezzo. -- Die Trinker 92

Satans Besuch bei Herrn von Goethe.

Sechzehntes Kapitel. Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur 100

Siebzehntes Kapitel. Der Besuch 107

Der Festtag im Fegefeuer. Eine Skizze.

Achtzehntes Kapitel. Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwürdige Subjekte kennen 113

Neunzehntes Kapitel. Geschichte des deutschen Stutzers 120

Zweiter Teil.

Vorspiel, worin von Prozessen, Justizräten die Rede, nebst einer stillschweigenden Abhandlung: »Was von Träumen zu halten sei?« 132

Der Fluch. Novelle. (Fortsetzung) 142

Mein Besuch in Frankfurt.

1. Wen der Satan an der Table d'hote im weißen Schwanen sah 203

2. Trost für Liebende 208

3. Ein Schabbes in Bornheim 215

4. Das gebildete Judenfräulein 220

5. Der Kurier aus Wien kommt an 226

6. Der Reis-Efendi und der Teufel in der Börsenhalle 229

7. Die Verlobung 233

Der Festtag im Fegefeuer. (Fortsetzung.)

1. Der junge Garnmacher fährt fort, seine Geschichte zu erzählen 236

2. Der Baron wird ein Rezensent 240

3. Das Theater im Fegefeuer 248

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 26: Kastel → Kassel es brenne drüben in {Kassel}

S. 47: Groschenstück → Groschenstrick Würgers ein {Groschenstrick} war

S. 52: Züge → Zunge schien seine {Zunge} gelähmt

S. 56: höchstpreislichen → höchstpreuslichen (nach anderen Ausgaben) einer {höchstpreuslichen} Zentral-Untersuchungskommission

S. 189: vom → dem er diese Nachricht {dem} Kardinal

S: 207: Haned → Hand mit ihrem Jokofächer auf die {Hand}