Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4
Part 21
»Wie meinen Sie das?« fragte er verwundert. »Als ich in Dessau war, ließ ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier, gehe ich nicht jeden Tag in die Börsenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag in die neue Judenstraße, um das Neueste zu erfragen?«
»Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er verbeugte sich lächelnd), das heißt, ein Mann mit diesen Mitteln, der etwas wagen will, muß _selbst_ eingreifen in den Lauf der Zeiten.«
»Aber mein Gott,« rief er verwunderungsvoll, »das kann ja jetzt niemand als der Rothschild, der Reis-Efendi und der Herr von Metternich. Wie meinen Sie denn?«
»Ueber Ihr Glück, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine Krisis sich bilden, die Sie stürzt. Ebenso im Gegenteil, können Sie durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere steigen.«
»Gewiß, gewiß,« seufzte er. »Aber ich sehe nur noch nicht recht ein --«
»Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht und dem _großen Portier_ ein Stück Geld in die Hand gedrückt hat, läßt noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und fährt und fliegt nach Frankfurt, und bringt die Depesche, wem?«
»Ach, dem Glücklichsten, dem Vornehmsten!«
»Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort mancherlei erfahren, ohne gerade der österreichische Beobachter zu sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen Krisis, eines bedeutenden Vorfalls kommen --«
»Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von Rußland sei plötzlich --«
»Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als daß es die Leute glauben! Unwahrscheinliches, Ueberraschendes muß auf der Börse wirken!« --
»Also etwa, der Fürst von M. sei ein Türke geworden? habe dem Islam geschworen?«
»Ich sage Ihnen, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht mit allem möglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier sogleich ein paar Stationen weiterreisen, lassen Sie den Brief einige Geheimniskrämer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Börsenhalle, so kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre Papiere mit Gewinn ab.«
»Aber, lieber Herr,« erwiderte der Kaufmann von Dessau kläglich, »das wäre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Sünde für einen rechtlichen Mann, bedenken Sie, ein Kaufmann muß im Geruch von Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben.«
»Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen muß, und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrügen, ob Sie einem alten Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe Experiment im großen vornehmen, das ist am Ende dasselbe.«
»Ei, verzeihen Sie, da muß ich denn doch bitten; an der Prise, die das Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Börse werden; viele Häuser können fallieren, andere wanken und im Kredit verlieren, und das wäre dann meine Schuld!«
»So, mein Herr?« sagte ich mit mitleidigem Lächeln zu der schwachen Seele. »So, Sie schämen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was man auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie nicht? Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben Sie zurück? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende nicht scheuen, ohne für eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie, eine Rebekka könne man dadurch verdienen, daß man im weißen Schwanen wohnt und seufzt, daß man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem Grafen Rebs, grollt?«
»Aber, mein Herr,« rief der Seufzer etwas pikiert, »ich weiß gar nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, für eine Teilnahme erzeigen; ich weiß gar nicht, wie ich das nehmen soll?«
»Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt, daher meine Antwort. Uebrigens bin ich ein Mann, der reist, um überall das Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben.«
»Bitte recht sehr, eine so ganz gewöhnliche Physiognomie wie die meine --«
»Das können Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender Geist --«
»Finden Sie das wirklich?« rief er, indem er lächelnd meine Hand faßte und verstohlen nach dem Spiegel blickte; »es ist wahr, man hat mir schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mir sogar versichert, ich sei dem berühmten Dannecker auf der Straße aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in den König von England gekommen, um von mir etwas für seinen Johannes abzusehen.«
»Nun sehen Sie, wie muß es nun einen Mann, wie ich bin, überraschen, so wenig Mut, so wenig Entschluß hinter dieser freien Stirne, diesem mutigen Auge zu finden!«
»Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel stiegen in mir auf, und -- nun, Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich fühle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein gewisses Etwas, ja -- so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daran rücken und einen Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!«
3.
Ein Schabbes in Bornheim.
Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quälte, war die Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stürzen, wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafür wußte ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon in der neuen Judenstraße auf seine Seite bringen, mußte ihm bedeutende Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an dem ganzen Unternehmen unbewußt teil und gewann zugleich mit dem Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt und mußte einige Achtung vor einem Mann bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu berechnen wußte, der seine Kombinationen so geschickt zu machen verstand.
Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken, noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen, und lud mich ein, mit ihm nach _Bornheim_ zu fahren, wo der Schabbes heute die noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstraße, überhaupt alle Stämme Israels versammelt habe.
Wir fuhren hinaus; der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der Hoffnung, sein Auge hob sich freier; um seine Stirne, seinen Mund war jede Melancholie verschwunden, sein großer runder Kopf steht nicht mehr zwischen den Schultern, er trägt ihn freier, erhabener, als wollte er sagen: »Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus Zwerner und Komp. aus Dessau, nächstens eine bedeutende Person an der Börse, und wenn es gut geht, Bräutigam der schönen Rebekka Simon in der neuen Judenstraße!«
Aus dem Garten des goldenen Löwen in Bornheim tönten uns die zitternden Klänge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter Violinen entgegen; das Volk Gottes ließ sich vormusizieren im Freien wie einst ihr König Saul, wenn er übler Laune war. Wir traten ein; da saßen sie, die Söhne und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit funkelnden Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern, wie aus _einer_ Form geprägt, da saßen sie vergnügt und fröhlich plaudernd und tranken Champagner aus saurem Wein, Zucker und Mineralwasser zubereitet, da saßen sie in malerischen Gruppen unter den Bäumen, und der Garten war anzuschauen, als wäre er das gelobte Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volk verheißen hatte. Wie sich doch die Zeiten ändern durch die Aufklärung und das Geld!
Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreißig Jahren keinen Fuß auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen mußten, wenn man ihnen zurief: »Jude, sei artig, mach' dein Kompliment!« dieselben, die von dem Bürgermeister und dem hohen Rat der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt anzuschauen. Ueberladen mit Putz und köstlichen Steinen saßen die Frauen und Judenfräulein; die Männer, konnten sie auch nicht die spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Kniee ihres Volkes verleugnen, suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Männer hatten sich sonntäglich und schön angetan, ließen schwere goldne Ketten über die Brust und den Magen herabhängen, streckten alle zehn Finger, mit blitzenden Solitärs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen geben: »Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwählte Volk? Wer hat denn alles Geld, gemünzt und in Barren, als wir? Wem ist Gott und Welt, Kaiser und König schuldig, wem anders als uns?«
»Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des Morgens,« rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am Arme; »schauen Sie dort, unter dem Zelt von hölzernem Gitterwerk. Der mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Löckchen am Ohr ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstraße, die dicke Frau rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiß sich in Zukunft zu separieren nach und nach.«
»Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? ich sehe sie noch nicht --«
»Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir bei, ich muß Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und Ratgeber?«
»Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien,« gab ich ihm zur Antwort, »reise in Geschäften meines Hofes nach Mainz.«
»Ah,« rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich königlich an den Hut gegriffen hatte, »Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht bloß Titular ums liebe Geld? Das freut mich, Dero werte Bekanntschaft zu machen. Hätte es mir gleich vorstellen können, Sie haben einen gar tiefen Blick in die Staatsaffairen. Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich ansehen können; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettmäßiges in Dero Visage.«
»Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehen wir zum Juden, ich hoffe, Ihnen nützlich sein zu können.«
Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte an, und als wir vor dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schöne dunkelrote Herzkirsche. Die Tante, »das neidische Gewölk,« erhob sich, und nun ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht übel. -- Sie hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Rasse, und ihre Augen konnten den Seufzer wohl bis aufs Herz durchbrennen, obgleich er zur Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.
Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die Taube von Juda und überließ es mir, den alten Simon zu unterhalten. Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflößt zu haben. »Haben da ein schönes Fach erwählt, Herr von Schmelzlein,« bemerkte er wohlgefällig lächelnd; »habe immer eine Inklination für die Diplomatik gehabt, aber die Verhältnisse wollten es nicht, daß ich ein Gesandter oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus der ersten Hand! Man kann viel komplizieren und dergleichen; was ließen sich da für Geschäfte machen!«
»Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten Verhältnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen Haken. Man weiß oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im Kopf umher.«
Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken, nehme ich es auch noch auf. »Zeviel?« sagte er. »Ich für meinen Teil kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun als eine lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, _Sie_ stehen solide in Wien. Ihr Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was der Herr von M. auf dem Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach.«
»Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!«
»Gut, ~très bien bon~! Gut gegeben, hi! hi! hi! ~à propos~, wissen Sie Neues aus daher?« Er rückte mir noch näher und wurde verfänglicher.
»Herr Simon,« sagte ich mit Artigkeit ausweichend, »Sie wissen, es gibt Fälle --«
»Wie!« rief er erschrocken, »Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas! Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des Herrn gewesen? Waas?«
»Um Jottes willen, Papa!« schrie Rebekka, indem sie den Arm des zärtlichen Seufzers zurückstieß und aufsprang. »Doch kein Unglück? Mein Jott! Doch nicht hier in Frankfort?«
»Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach mit Ihrem Herrn Papa über Politik und rechnete einige Fälle auf, und er hat mich holter nicht recht verstanden.«
Sie preßte mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf den erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief.
»Nee! Was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen Bejriff von!« lispelte sie. »Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzählen Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hätten ins Parterre jestanden und wären melancholisch jewesen?«
Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des Seufzers wurden feuriger, er zog, als »das Gewölke« ein wenig im Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und gestand ihr, wenn ich anders recht gehört hatte, daß nächstens die Metalliques und die ... um drei Prozent steigen werden.
»Herr von Schmelzlein!« sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren Wein zu sich genommen hatte, »Sie haben mir da einen Schreck in den Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Fälle, wie kann man auch nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen! Nun, Sie wollten sagen?«
»Es gibt Affairen,« fuhr ich fort, »wo der Diplomat schweigen muß. Ueber das Nähere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht befragen wollen; nur soviel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten Vertrauen --«
»Der Gott meiner Väter tue mir dies und das!« rief er feierlich. »So ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner Tochter das geringste --«
»Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, soviel kann ich Ihnen sagen, daß nächstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; _ganz_ zu allernächst. _Für_ oder _gegen_ wen, darf ich nicht sagen; doch Herr von Zwerner --«
»_Von_ Zwerner?«
»Nun, ich nenne ihn so, man weiß ja nicht, was geschieht; an ihn war ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich glaube, wenn ich anders richtig schließe, er muß in den nächsten Tagen Kuriere aus Wien bekommen.«
»Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar, ich sagte immer, hinter _dem_ steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft; ei, sehe doch einer! Hält sich Kuriere mit Wien! Und, wenn man fragen darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?«
»Ja.«
»Ei, darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der Efendi? Hat er?«
»Mein Herr Simon, ich bitte --«
»O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?«
»Trauen Sie auf nichts, ich _warne_ Sie, auf keine Nachricht trauen Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiß vielleicht mancherlei und hat nicht das drückende Stillschweigen eines Diplomaten zu beobachten.«
»Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der Zwerner aus Dessau; zwar, er ist ein solides Haus, das ist keine Frage, aber denn doch nicht so außerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm machen ließe?« setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß sich diese beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Dies war der Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte schon am Köder. Ich gab dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nähern, und nahm seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.
4.
Das gebildete Judenfräulein.
Wie war sie graziös, das heißt geziert, wie war sie artig, nämlich kokett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt.
»Ich liebe die Tiplomattiker,« sagte sie unter anderem mit feinem Lächeln und vielsagendem Blick. »Es is so etwas Feines, Jewandtes in ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von ferne an, und wie angenehm riechen sie nach ~Eau de Portugal~!«
»O gewiß, auch nach ~Fleur d'orange~ und dergleichen. Wie nehmen sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?«
»Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben sechs bis sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jüngeren aber, die indessen hier bleiben und die Geschäfte treiben, sie müssen Pässe visieren, sie müssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen das Papier ordentlich zusammenlegen für die Sitzungen. Nun, was nun solche junge Herren Tiblomen sind, das sein ganz scharmante Leute, wohnen in die ~Chambres garnies~, essen an die ~Tables d'hôte~, jehen auf die Promenade schön ausstaffiert ~comme il faut~, haben zwar jewöhnlich kein Jeld nich, aber desto mehr Ansehen.«
»Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Fräulein, ist er wohl echt?«
»Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir gekostet achthundert Gulden, die ich in die Rothschildschen Los gewunnen. Und sehen Sie, dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden, und dieser Ring zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von den jutem Ton wie unsereine.«
»Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?«
»Finden Sie das ooch?« erwiderte sie anmutig lächelnd. »Ja, man hat mir schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie, ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde auf die Art meinen Jeist und mein Orkan aus.«
»Was lesen Sie? wenn man fragen darf.«
»Nu, ~Bellettres~, Bücher von die schöne Jeister. Ich bin abbonniert bei Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der weißen Schlange, und der verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher.«
»Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?«
»Nee, das tu' ich nicht. Diese Herren machen schlechte Jeschäfte in Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich natürlich jenug. Nee, den Jöthe lese ich nie wieder! Das is was Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu die Baronin -- ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich vor --«
»Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesen Gedanken eine erstaunliche Tiefe -- ein Chaos von Möglichkeiten --«
»Nu, kurz, den mag ich nich; aber wer mein Liebling ist, das is der Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens und namentlich des weiblichen Jemüts, ach, es is etwas Herrliches. Und dabei so natürlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere vierhändige Sonaten mit tiefen Baßpartien, mit zierlichen Solos, mit Trillern, die kein Mensch nicht verstehen und spielen kann, so wie der Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas Herrliches!«
»Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen Schriftsteller über alles. Diese anderen, besonders ein Schiller, wie wenig hat er für das Vergnügen der Menschheit getan. Man sollte meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines anderen Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! er kommt mir vor wie Champagner, und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet. Der echte verdunstet gleich, aber dieser unechte, setzt er auch im Grunde viele Hefen an, so ›brüsselt‹ er doch mit allerliebsten tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein.«
»O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unseren Clauren vormachen mit Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hälfte, jießt Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in das Janze, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie es sprudelt und brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nich, und ist ein wohlfeiles Jetränke. Nee, ich muß sagen, er ist mein Liebling. Und das angenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu denken, man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Körper, der ins Buch schaut, als der Jeist. Und wie anjenehm läßt es sich dabei einschlafen!«
»Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen,« rief lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns trat. »Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag.«
»Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner, haben wohl tiefe Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hören? Wie werden sie in der nächsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab' ich es erraten?«
»Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muß alles geheim gehalten werden! Muß _einen_ großen Schlag geben. Ist ein Goldmännchen, der Herr von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klären ihr alles auf. Sie ist auf diesem Punkt ein verständiges Kind und weiß zu rechnen, die Rebekkchen.«
Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hüpfte auf zierlichen Beinchen heran? Was lächelt schon von weitem so freundlich nach der Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Gräfchen Rebs, das alte, freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwänzelt.
Er schnupfte und ächzte, als er herankam, und doch konnte er auch in dem Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu sein schien, sein liebliches, süßes Lächeln nicht unterdrücken. Er warf sich ermattet neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dünnen Beinchen, so mit zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den matten, sterbenden Blick auf die schöne Jüdin und sprach: »Habe die Ehre, vergnügten Abend zu wünschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!«
»Mein Jott! Herr Israel! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen sind janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet nich! Herr Tipplomat, ~Eau de Cologne~! Haben Sie keines bei sich in die Tasche?«
So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den Ohnmächtigen mit zarter Sorgfalt. Da ich kein ~Eau de Cologne~ bei mir trug, so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der Vater wußte bessern Rat: »Da geht einer,« rief er freudig, »da geht ein scharmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der trägt beständig etzliches Kölner Wasser in seiner Rocktasche!«