Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4

Part 2

Chapter 23,730 wordsPublic domain

»›Kellner, Stock und Hut!‹ rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod, und die Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen Brust herauf. ›In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele; -- vergnügten Abend, meine Herren!‹ setzte er hinzu, indem er sich mit einem freundlichen Bückling zu uns wandte und dann den Saal verließ.

»›Was war das?‹ fragten wir uns. ›Sind wir alle wahnsinnig?‹ --

»Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster hinaus, während unser gutes altes Närrchen in steifen Schritten über die Straße stieg. An der Haustüre zog er einen großen Schlüsselbund aus der Tasche, riegelte -- der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgültig zu -- riegelte die schwere, knarrende Haustüre auf und trat ein.

»Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück, man sah, wie er dem unsrigen an die Zimmertüre entgegenging.

»Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich von Entsetzen und zitterten. ›Meine Herren,‹ sagte jener, ›Gott sei dem armen Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.‹ -- Wir lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, daß es ein Spaß von Barighi sei, aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das Haus gehen können, außer mit den überaus künstlichen Schlüsseln des Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geschehen, noch an der Tafel gesessen, wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende Maske anziehen können, vorausgesetzt auch, er hätte sich das fremde Haus zu öffnen gewußt. Die beiden seien aber einander so greulich ähnlich gewesen, daß er, ein zwanzigjähriger Nachbar, den echten nicht hätte unterscheiden können. ›Aber um Gottes willen, meine Herren, hören Sie nicht das gräßliche Geschrei da drüben?‹

»Wir sprangen ans Fenster, schreckliche trauervolle Stimmen tönten aus dem öden Hause herüber, einigemal war es uns, als sähen wir unsern alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am Fenster vorbeijagen. Plötzlich aber war alles still.

»Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag, hinüberzugehen; alle stimmten überein. Man zog über die Straße, die große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich niemand hören lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der Polizei und dem Schlosser, man brach die Türe auf, der ganze Strom der Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche Frisur schrecklich zerzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.

»Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo jemals eine Spur gesehen.«

Drittes Kapitel.

Der schauerliche Abend.

(Fortsetzung.)

Der Professor hatte seine Erzählung geendet, wir saßen eine gute Weile still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich, ich wollte das Gespräch wieder anfachen, aber auf eine andere Bahn bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform, wenn ich nicht irre ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen, zuvorkam.

»Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, daß er unzähligemal für einen andern gehalten wurde oder auch Fremde für ganz Bekannte anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem Leben bestätigt gefunden, daß die Verwechselung weniger bei jenen platten, alltäglichen nichtssagenden Gesichtern, als bei auffallenden, eigentlich interessanten vorkommt.«

Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen, aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres Natas. »Jeder von uns gesteht,« sagte er, »daß er dem Gedanken Raum gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein gebietender Blick, sein gewinnendes Lächeln ganz dazu gemacht, auf ewig sich ins Gedächtnis zu prägen.«

»Sie mögen so unrecht nicht haben,« entgegnete Flaßhof, ein preußischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison zurückzukehren. »Sie mögen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle aus den launigen Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz für Ihre Behauptung spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata gekannt und weiß, daß er einen Fuß kleiner und wenigstens um zwei dicker war als ich und auch sonst nicht die geringste Aehnlichkeit in Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte ich alle Tage den Verdruß, von Sängern, Tänzern, Geigern und Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu sein und lange Klagen über schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhören zu müssen. Selten gingen sie überzeugt von mir weg, daß _ich_ nicht Michele d'Agata sei. Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermädchen meldet mich an: ›Herr Agata‹. Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata begrüßt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den ich wohl kannte. ›Guten Abend, Herr Agata,‹ war sein Gruß, indem er vorüberging. -- Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele d'Agata.«

Ich wußte dem guten Hauptmann Dank, daß er uns aus den ängstigenden Phantasien, welche die Erzählung des Professors in uns aufgeregt hatte, erlöste. Das Gespräch floß ruhiger fort, man stritt sich um das Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichterschnitt zu haben, über den Einfluß des Geistes auf die Gesichtszüge überhaupt und auf das Auge insbesondere, man kam endlich auf Lavater und Konsorten; Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr wiederkäuen, ich zog mich in ein Fenster zurück. Bald folgte mir der Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu betrachten.

»Welch ein leichtsinniges Volk,« seufzte er, »ich habe sie jetzt soeben gewarnt und die Hölle ihnen recht heiß gemacht, ja, sie wagten in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige möchte daraus hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche, als ob der Versucher nicht immer umherschliche.«

Ich mußte lachen über die Amtsmiene, die sich der Professor gab. »Noch nie habe ich das schöne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen bemerkt,« sagte ich; »aber Sie setzen mich in Erstaunen durch Ihre kühnen Angriffe auf die böse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie sich denn wirklich ein, dieser harmlose Natas ...«

»Harmlos nennen Sie ihn?« unterbrach mich der Professor, heftig meine Brust anfassend, »harmlos? Haben Sie denn nicht bemerkt,« flüsterte er leiser, »daß alles bei diesem feinen ... Herrn berechneter Plan ist? O, ich kenne meine Leute!«

»Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?«

»Haben Sie nicht bemerkt,« fuhr er eifrig fort, »daß der gebildete Herr Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm fünf Nächte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten gestern nacht fünfzehnhundert Dukaten gewinnen ließ? Er nennt den abgefeimten Spieler einen Mann von den nobelsten Sentiments und schwört auf Ehre, er müsse über die Hälfte wieder an den Fremden verlieren, sonst habe er keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt, wie er den Oekonomierat gekörnt hat?«

»Ich habe wohl gesehen,« antwortete ich, »daß der Oekonomierat, sonst so moros und misanthrop, jetzt ein wenig aufgewacht ist, aber ich habe es dem allgemeinen Einfluß der Gesellschaft zugeschrieben.«

»Behüte. Er läuft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er, ein Bruder Liederlich zu werden. Der Esel reist krank im Lande umher, behauptet einen großen Wurm im Leib zu haben und macht allen Leuten das Leben sauer mit seinen exorbitanten Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn dieser Wundermann erwischt, gibt ihm ein Pülverlein und rät ihm, nicht wie ein anderer vernünftiger Arzt, Diät und Mäßigkeit, sondern er soll seine Jugend, wie er die fünfzig Jahre des alten Wurms nennt, genießen, viel Wein trinken etc., und das ~et cetera~ und den Wein benützt er seit vier Tagen ärger als der verlorne Sohn.«

»Und darüber können Sie sich ärgern, Herr Professor? Der Mann ist sich und dem Leben wiedergeschenkt --«

»Nicht davon spreche ich,« entgegnete der Eifrige, »der alte Sünder könnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern daß er sich dem nächsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren muß. Ich habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon zusehends.«

Der Eifer des guten Professors war mir nun einigermaßen erklärlich, der liebe Brotneid schaute nicht undeutlich heraus. --

»Und unsere Damen,« fuhr er fort, »die sind nun rein toll. Mich dauert nur der arme Trübenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber übermorgen soll er hier ankommen, und wie findet er die gnädige Frau? Hat man je gehört, daß eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer glücklichen Ehe sich in ein solches Verhältnis mit einem ganz fremden Menschen einläßt, und zwar innerhalb fünf Tagen!« --

»Wie? die schöne, bleiche Frau dort!« rief ich aus. --

»Die nämliche bleiche;« antwortete, er, »vor vier Tagen war sie noch schön rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf der Straße, fragt, wohin sie gehe, hört kaum, daß sie ~Rouge fin~ kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heißt ~bon ton~), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie habe ein so interessantes ~je ne sais quoi~, das zu einem blassen Teint viel besser stehe. Was tut sie? wahrhaftig, sie geht in den nächsten Galanterieladen und sucht weiße Schminke; ich war gerade dort, um ein Pfeifenrohr zu erstehen, da höre ich sie mit ihrer süßen Stimme den rauhhärigen Bären von einem Ladendiener fragen, ob man das Weiß nicht noch etwas _ätherischer_ habe? Hol' mich der T...! hat man je so etwas gehört?«

Ich bedauerte den Professor aufrichtig, denn wenn ich nicht irrte, so suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schönen Frau auf den schon etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Daß es aber mit Natas und der Trübenau nicht ganz richtig war, sah ich selbst. Von der Schminkgeschichte, die jenen so sehr erboste, wußte ich zwar nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand, hatte keinen weiteren Kommentar nötig, um die gegenseitige Annäherung daraus zu erläutern.

Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. »Himmel,« seufzte er, »und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grübchen auf den blühenden Wangen, in dem Schmelz ihrer Zähne, in diesen frischen, zum Kuß geöffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen Formen der schwellenden --«

»Herr Professor!« rief ich, erschrocken über seine Ekstase, und schüttelte ihn am Arm ins Leben zurück. »Sie geraten außer sich, Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?«

»Er hat sie auch,« fuhr er zähneknirschend fort. »Haben Sie nicht bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhältnissen fragte? Wie sie rot ward? Jung, schön, wohlhabend, Witwe -- sie hat alles, um eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Männer von Ruf in der literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen -- Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wüßten, bester Doktor, was mir neulich der Oberkellner sagte, aber mit der größten Diskretion, daß man ihn vorgestern nacht aus ihrem Zimmer ...«

»Ich bitte, verschonen Sie mich,« fiel ich ein, »gestehen Sie mir lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel gebracht hat.«

»Das ist es eben,« antwortete der Gefragte verlegen lächelnd, »das ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese über Chemie; er brachte einmal das Gespräch darauf und entwickelte so tiefe Kenntnisse, deckte so neue und kühne Ideen auf, daß mir der Kopf schwindelte. Ich möchte ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und Notizen bitten, es zieht mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in seine Nähe, und doch könnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen.«

Wie komisch war die Wut dieses Mannes, er ballte die Faust und fuhr damit hin und her, seine grünen Brillengläser funkelten wie Katzenaugen, sein kurzes schwarzes Haar schien sich in die Höhe zu richten.

Ich suchte ihn zu besänftigen. Ich stellte ihm vor, daß er ja nicht ärger losziehen könnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wäre; aber er ließ mich nicht zum Worte kommen.

»Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,« rief er, »um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer und hast eine feine Nase; aber ein ...r Professor, wie ich, der sogar in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine feinere als du.«

Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rücken zu entstehen schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und glaubte Natas höhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder das Lachen gehört, noch konnte er meine Erscheinung sehen, denn als er sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.

Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit war, ward die Türe aufgerissen, und Herr von Natas trat stolzen Schrittes in das Zimmer. Mit sonderbarem Lächeln maß er die Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden sei, und ich glaubte zu bemerken, daß keiner der Anwesenden seinen forschenden Blick auszuhalten vermochte.

Mit der ihm so eigenen Leichtigkeit hatte er der Trübenau gegenüber, neben der Frau von Thingen Platz genommen und die Leitung der Konversation an sich gerissen. Das böse Gewissen ließ den Professor nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, diesen Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz im Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von Trübenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter des Oekonomierats so viel Verbindliches zu sagen wußte, daß sie einmal über das andere bis unter die breiten Brüsseler Spitzen ihrer Busenkrause errötete, das feingeformte Füßchen der Frau von Thingen auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen ließ.

»Drei Mücken auf einen Schlag, das heiße ich doch -- meiner Seel'! aller Ehre wert,« brummte der zornglühende Professor, dem jetzt auch seine letzte Ressource, die ökonomische Schöne, so was man sagt, vor dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tönenden Schritten ging er an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine Mauer, neben seine Schöne, doch diese schien nur Ohren für Natas zu haben, denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde, »übermorgen,« und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine sehr zerstreut, meinte sie »1 fl. 30 kr. die Elle.«

Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der nicht daran dachte, daß er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder gut machen, ja, durch ein paar ~ottave rime~ sich sogar bei der Trübenau wieder insinuieren könnte, widersprach jetzt geradezu jeder Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil; denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem überlegen, führte ihn so aufs Eis, daß die leichte Decke seiner Logik zu reißen und er in ein Chaos von Widersprüchen hinabzustürzen drohte.

Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit der Zunge, gab aber dafür Anlaß zu desto feindseligern Blicken zwischen Frau von Trübenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer schönen, runden Arme sich bewußt, den gewaltigen silbernen Löffel ergriffen, um beim Eingießen die ganze Grazie ihrer Haltung zu entwickeln. Jene aber kredenzte die gefüllten Becher mit solcher Anmut, mit so liebevollen Blicken, daß das Bestreben, sich gegenseitig so viel als möglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.

Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends verdrängt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen höher zu färben und aus den Augen der Männer zu leuchten, da schien es mir mit einemmal, als sei man, ich weiß nicht wie, aus den Grenzen des Anstands herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mir auf und nieder, das Gespräch schnurrte und summte wie ein Mühlrad, man lachte und jauchzte und wußte nicht über was? Man kicherte und neckte sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfänderspiel mit Küssen in Vorschlag. Plötzlich hörte ich jenes heisere Lachen wieder, das ich vorhin vor dem Fenster zu hören glaubte. Wirklich, es war Natas, der dem Professor zuhörte und trotz dem Eifer und Ernst, mit welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres Gelächter ausbrach.

»Nicht wahr, meine Herren und Damen,« schrie der Punsch aus dem Professor heraus, »Sie haben vorhin selbst bemerkt, daß unser verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon begegnet ist? Sie schweigen? Ist das auch Räson, einen so im Sand sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gnädige Frau! Sagen Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!«

Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in großer Verlegenheit. »Ich erinnere mich,« gab ich zur Antwort, als alles schwieg, »von interessanten Gesichtern und ihren Verwechslungen gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von Natas aufgeführt.«

Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn unter die Interessanten zu zählen; aber der Professor verdarb wieder alles.

»Was da! ich nehme kein Blatt vor den Mund!« sagte er, »ich behauptete, daß mir ganz unheimlich in Dero Nähe sei, und erzählte, wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwürgt haben, wissen Sie noch, gnädiger Herr?«

Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelächter im Zimmer umher, und plötzlich glaubte ich den unglückbringenden Doktor meiner Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein älterer, unheimlicher Mensch.

»Da hat man's ja deutlich,« rief der Professor, »dort läuft er als Barighi umher.«

»Barighi?« entgegnete Frau von Trübenau. »Bleiben Sie doch mit Ihrem Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretär Gruber, der da hereingekommen ist.«

»Ich möchte doch um Verzeihung bitten, gnädige Frau,« unterbrach sie der Oberforstmeister, »es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in Wiesbaden letzten Sommer associiert war.«

»Ha! ha! wie man sich doch täuschen kann,« sprach Frau von Thingen, den auf und ab Gehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, »es ist ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die Gitarre beibringt.«

»Warum nicht gar!« brummte der alte Oekonomierat, »es ist der lustige Kommissär, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D--n verschaffte.«

»Ach! Papa,« kicherte sein Töchterlein, »jener war ja schwarz, und dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der sich bei uns ins Praktische einschießen wollte?«

»Hol' mich der Kuckuck und alle Wetter,« schrie der preußische Hauptmann, »das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich morgen, gleich jetzt.« Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig auf und ab Gehenden losstürzen. Der Professor aber packte ihn am Arm: »Bleiben Sie weg, Wertester!« schrie er, »ich hab's gefunden, ich hab's gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der _Satan_!«

Viertes Kapitel.

Das Manuskript.

So viel als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend noch in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich auf alles wieder besinnen konnte. Ich muß in einem langen, tiefen Schlaf gewesen sein, denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und fragte, indem er die Gardine für die Morgensonne öffnete, ob jetzt der Kaffee gefällig sei?

Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei?

Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lächeln, das müsse ich besser wissen als er.

»Ah! ich erinnere mich,« sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu verbergen, »nach der Abendtafel ...«

»Verzeihen der Herr Doktor,« unterbrach mich der Geschwätzige. »Sie haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15.«

»Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor schon auf?«

»Wissen Sie denn nicht, daß sie schon abgereist sind?« fragte der Kellner.

»Kein Wort;« versicherte ich staunend.

»Er läßt sich Ihnen noch vielmals empfehlen, und Sie möchten doch in T. bei ihm einsprechen; auch läßt er Sie bitten, seiner und des gestrigen Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt.«

»Aha, ich weiß schon,« sagte ich, denn mit einemmal fiel mir ein Teil des gestern Erlebten ein. »Wann ist er denn abgereist?«

»Gleich in der Frühe,« antwortete jener, »noch vor dem Oekonomierat und dem Oberforstmeister.«

»Wie? so sind auch diese abgereist?«

»Ei ja!« rief der staunende Kellner, »so wissen Sie auch das nicht? Auch nicht, daß Frau von Thingen und die gnädige Frau von Trübenau --«

»Sie sind auch nicht mehr hier?«

»Kaum vor einer halben Stunde sind die gnädige Frau weggefahren,« versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht träume, aber es war und blieb so. Jean stand nach wie vor an meinem Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand.

»Und Herr von Natas?« fragte ich kleinlaut.

»Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der nicht gewesen wäre, wir wären heute nacht in die größte Verlegenheit gekommen.«

»Wieso?«

»Nun, bei der Fatalität mit der Frau von Trübenau. Wer hätte aber auch dem gnädigen Herrn zugetraut, daß er so gut zur Ader zu lassen verstünde?«

»Zur Ader lassen? Herr von Natas?«

»Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frühzeitig zu Bette gegangen und haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir.«

Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: »Es mochte kaum elf Uhr gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei --«

»Was für eine Geschichte mit der Polizei?«

»Nun, Nr. 15 ist vornheraus, und weil, mit Permiß zu sagen, dort ein ganz höllischer Lärm war, so kam die Runde ins Haus und wollte abbieten, Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn Polizeileutnants sein muß, beruhigte sie, daß sie wieder weiter gingen. Also gleich nachher kam das Kammermädchen der Frau von Trübenau herabgestürzt, ihre gnädige Frau wolle sterben. Sie können sich denken, wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf und zwölf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf, auf der Treppe begegnet uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe, hört kaum, wo es fehlt, so springt er in sein Zimmer, holt sein Etui, und ehe fünf Minuten vergehen, hat er der gnädigen Frau am Arm mit der Lanzette eine Ader geöffnet, daß das Blut in einem Bogen aufsprang. Sie schlug die Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl, doch versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen.«

»Ei! was Sie sagen, Jean!« rief ich voll Verwunderung.