Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 4
Part 10
Den Wein kannst du mit Gold bezahlen, Doch ist sein Feuer bald verraucht, Wenn nicht der Gott in seine Strahlen, In seine Geisterglut dich taucht; Uns, die wir seine Hymnen singen, Uns leuchtet seine Flamme vor, Und auf der Töne freien Schwingen Steigt unser Geist zum Geist empor.
Drum, die ihr frohe Freundesworte Zum würdigen Gesang erhebt, Euch grüß' ich, wogende Akkorde, Daß ihr zu uns herniederschwebt! Sie tauchen auf -- sie schweben nieder Im Vollton rauschet der Gesang, Und lieblich hallt in unsre Lieder Der vollen Gläser Feierklang.
So haben's immer wir gehalten Und bleiben fürder auch dabei, Und mag die Welt um uns veralten, Wir bleiben ewig jung und neu; Denn wird einmal der Geist uns trübe, Wir baden ihn im alten Wein, Und ziehen mit Gesang und Liebe In unsern Freudenhimmel ein.«
Ob dies des Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt sagen; doch ließ er mich zuzeiten merken, daß er auch etwas Poet sei; die zwei alten Weingeister aber waren ganz erfüllt und erbaut davon; sie drückten dem _alten Menschen_ die Hand und gebärdeten sich, als hätte er ihnen die ewige Seligkeit verkündigt.
Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwölf Uhr. Der ewige Jude sah mich an und brach auf, ich folgte. Rührend war der Abschied zwischen uns und den Trinkern, und noch auf der Straße hörten wir ihre heiseren Stimmen in wunderlichen Tönen singen:
»Und wird einmal der Geist uns trübe, Wir baden ihn im alten Wein, Und ziehen mit Gesang und Liebe In unsern Freudenhimmel ein.«
Satans Besuch bei Herrn von Goethe
nebst
einigen einleitenden Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur.
Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern Und hüte mich, mit ihm zu brechen. Es ist gar hübsch von einem großen Herrn, So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.
_Goethe._
Sechzehntes Kapitel.
Bemerkungen über das Diabolische in der deutschen Literatur.
»Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dämonen und bösen Geister -- natürlich weil die Menschen selbst von Anfang an gesündigt haben und nach ihrem gewöhnlichen Anthropomorphismus das Böse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschäft es sei, überall Unheil anzurichten.« So würde ich ungefähr sprechen, wenn ich es zum Professor der Philosophie gebracht hätte und nun über die _Idee eines Teufels_ mich breit machen müßte.
In meiner Stellung aber lache ich über solche Demonstrationen, die gewöhnlich darauf auslaufen, daß man mich mit zehnerlei Gründen hinweg zu disputieren sucht; ich lache darüber und behaupte, die Menschen, so dumm sie hie und da sein mögen, merken doch bald, wenn es nicht _ganz geheuer um sie her ist_, und mögen sie mich nun Ahriman oder das böse Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich in allen Völkern und Sprachen. Es ist doch eine schöne Sache um das »~dicier hic est~«, darum behagt mir auch die deutsche Literatur so sehr. Haben sich nicht die größten Geister dieser Nation bemüht, mich zu verherrlichen und, wenn ich's nicht schon wäre, mich ewig zu machen?
In meiner ~Dissertatio de rebus diabolicis~ sage ich unter anderem folgendes: »§ 8. _Die Idee, das moralische Verderben in einer Person darzustellen, mußte sich daher den Dichtern bald aufdrängen_; diese waren, wie es in Deutschland meistens der Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit über Gegenstände hinzugleiten weiß; daher kam es, daß auch die Gebilde ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Füßen trugen, das sie nicht mit Gewandtheit auftreten ließ; sie stolperten auf die Bühne und von der Bühne und machten sich breit in Philosophemen, die der zehnte nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie auf einer engen Brücke ohne Geländer in Reifröcken einander ausweichen.
Daher kam es, daß auch die Teufel dieser Poeten gänzlich verzeichnet waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat dieser arme Teufel zuerst in der Hölle und dann auf der Erde herzuleiern!
Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus dem Puppenspiel von der Straße geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis er die rechte Größe hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetüm sollte verführen lassen.«
Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetüme, die hier aufzuführen der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel Spaß gemacht und ich kam mir oft vor, wie der Pulcinell des italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die Hörner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein ~Ecce homo~, sehet, das ist der Teufel, schrieb.
Doch auch dem Teufel muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt ein Sprichwort, folglich muß der Teufel zur Revanche auch wieder gerecht sein. »Ein jeder gibt, wie er's kann,« fuhr ich in der Dissertation fort, »und wie sich in jenen Poeten das moralische Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben sie auch ihre Teufel. Daher kommt es, daß Herr Urian bei Klopstock wieder bei weitem anders aussieht.
Jener Abbadona ist ein gefallener Engel, dem das höllische Feuer die Flügel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und würdig ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt, mir wenigstens kommt dieser Klopstockische Gottseibeiuns vor wie ein Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den Tabagien und spießbürgerlichen Klubs nicht recht zu finden weiß und darum unanständig jammert.«
So ungefähr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und ich gebe noch heute zu, daß die Auffassung wie jeder Idee, so auch der des Teufels sich nach den individuellen Ansichten des Dichters über das Böse richten muß; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen berühmten Mann, der, kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt, sondern der Erde und künftigen Jahrhunderten angehören könnte, es entschuldigt ihn nicht darin, daß er einen so schlechten Teufel zur Welt gebracht hat.
Der _Goethesche Mephistopheles_ ist eigentlich nichts anders als jener gehörnte und geschwänzte Popanz des Volkes. Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, für die Bocksfüße hat er elegante Stiefel angezogen, die Hörner hat er unter dem Barett verborgen -- siehe da den Teufel des großen Dichters! Man wird mir einwenden, das gerade ist ja die große Kunst des Mannes, daß er tausend Fäden zu spinnen weiß, durch die er seine kühnen Gedanken, seine hohen überschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die Volkspoesie knüpft. -- Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie sie sagen, so hoch über seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm beherrschen läßt, ist es eines solchen Dichters würdig, daß er sich in diese Fesseln der Popularität schmiegt? Sollte nicht der königliche Adler dieses Volk bei seinem populären Schopf fassen und mit sich in seine Sonnenhöhe tragen?
Verzeihe, Wertester, erhalte ich zur Antwort, du vergissest, daß unter diesem Volke mancher eine Perücke trägt; würde ein solcher nicht in Gefahr sein, daß ihm der Zopf breche und er aus halber Höhe wieder zur Erde stürzt? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat aus jenen tausend Fäden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter geflochten, auf welcher seine Jünger säuberlich und ohne Gefahr zu ihm hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche, gleich Noah schwebt er mit ihnen über der Sintflut jetziger Zeit und schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der kleinen Poeten strömt.
Ein wässeriges Bild! entgegne ich, und zugleich eine Sottise; befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe, und dann seine Stierlein und Eselein, seine Pfauen und Kamele, Paar und Paar auf die Erde spazieren lassen?
Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines sich zuschreiben, sich ein Patent darüber ausstellen lassen und über seine Schenke schreiben: »Hier allein ist Echter zu haben,« wie Maria Farina auf sein kölnisches Wasser, so für alle Schäden gut ist?
Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen; gerade dadurch, daß er einen so überaus populären und gemeinen Teufel gab, hat Goethe offenbar nichts für die Würde seines schönsten Gedichtes gewonnen. Er wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende werden ausrufen: »Wie herrlich! das ist der Teufel, wie er leibt und lebt.« Um die übrigen Schönheiten des Gedichtes bekümmern sie sich wenig, sie sind vergnügt, daß es endlich einmal eine Figur in der Literatur gibt, die ihrer Sphäre angemessen ist.
»Aber erkennst du denn nicht,« wird man mir sagen, »erkennst du nicht die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles liegt?«
Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als den gemeinen Ritter von dem Pferdefuß, wie er in jeder Spinnstube beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch näher zu beleuchten. Ich werde nämlich vorgestellt als ein Geist, der beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten muß:
»Gesteh' ich's nur! Daß ich hinausspaziere, Verbietet mir ein kleines Hindernis, Der Drudenfuß auf Eurer Schwelle;«
und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,
»Bedarf ich eines Rattenzahns;«
daher befiehlt:
»Der Herr der Ratten und der Mäuse, Der Fliegen, Frösche, Wanzen, Läuse«
in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer, die Kante, welche ihn bannte, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer treten, ohne daß der Doktor Faust dreimal »Herein!« ruft. In andere Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stübchen, trete ich ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlüssel zu diesen sonderbaren Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:
»Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, Es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!«
Doch weiter. --
Ich stehe auf einem ganz besondern Fuß mit den Hexen. Die in der Hexenküche hätte mich gewiß liebevoller empfangen, aber sie sah keinen Pferdefuß, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren, mache ich eine unanständige Gebärde.
»Mein Freund, das lerne wohl verstehen, Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.«
Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:
»Verlangst du nicht nach einem Besenstiele? Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.«
Auch hier
»Zeichnet mich kein Knieband aus, Doch ist der Pferdefuß hier ehrenvoll zu Haus.«
Um unter diesem gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur durch Gedankenstriche
»Der hatt' ein -- -- -- -- So -- es war, gefiel mir's doch«
anzudeuten wagt.
Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwärtiger, hämischer Geselle, der
»-- -- kalt und frech Ihn vor sich selbst erniedrigt.«
Ich bin ohne Zweifel von häßlicher unangenehmer Gestalt und Gesicht, zurückstoßend, was man, mit mildem Ausdruck, markiert, intrigant, und im gemeinen Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.
Daher sagt Gretchen von mir:
»Der Mensch, den du da bei dir hast, Ist mir in tiefer, inn'rer Seele verhaßt. Es hat mir in meinem Leben So nichts einen Stich ins Herz gegeben Als des Menschen widrig Gesicht. -- Seine Gegenwart bewegt mir das Blut, Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen. -- -- Kommt er einmal zur Tür herein, Sieht er immer so spöttisch drein Und halb ergrimmt. -- Es steht ihm an der Stirn geschrieben, Daß er nicht mag eine Seele lieben etc.«
Daher sage ich auch nachher:
»Und die Physiognomie versteht sie meisterlich, In meiner Gegenwart wird's ihr, sie weiß nicht, wie; Mein _Mäskchen_ da weissagt verborgnen Sinn, Sie fühlt, daß ich ganz sicher ein Genie, Vielleicht wohl gar der Teufel bin.«
Soll das bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nähe eines Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein unangenehmer Geruch, eine schwüle Luft, die ihr meine Nähe ängstlich macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel früher ahnet als der schon gefallene Mensch; wie Hunde und Pferde vor nächtlichem Spuk scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein -- es ist nur allein mein Gesicht, mein _Mäskchen_, mein lauernder Blick, mein höhnisches Lächeln, das sie ängstlich macht, so ängstlich, daß sie sagt:
»-- Wo er nur mag zu uns treten, Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr --«
Wozu nur dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das jedermann Mißtrauen einflößt, das zurückschreckt, statt daß die Sünde, nach den gewöhnlichsten Begriffen, sich lockend, reizend sehen läßt?
Wer hat nicht die herrlichen Umrisse über Goethes Faust von dem genialen Retzsch gesehen! Gewiß, selbst der Teufel muß an einem solchen Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pünktchen bilden das liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens, Faust in der vollendeten Blüte des Mannes steht neben ihr, welche Würde noch in dem gefallenen Göttersohn!
Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern. Die unangenehmen Formen des dürren Körpers, das ausgedörrte Gesicht, die häßliche Nase, die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel -- hinweg von diesem Bild, das mich schon so oft geärgert hat.[7]
[7] Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht irre, so ertappt man hier den Satan auf einer größern Eitelkeit, als man ihm fast zutrauen sollte; gewiß hat ihn nichts anderes gegen jenen verehrten Dichter aufgebracht, als daß er ihn mit etwas lebhaften Farben als häßlich darstellt; diese Bemerkung wird um so wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, daß er oben in dem zweiten Abschnitt selbst gesteht, daß durch seine Inkarnation einige Eitelkeit in ihn gefahren sei; Meister Urian gibt sich übrigens durch den übertriebenen Eifer, mit welchem er seine Mißgestalt rügt, eine Blöße, die ihm nicht hätte beigehen sollen.
Und warum diese häßliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum, antworte ich, weil Goethe, der so hoch über seinem Werk schwebende Dichter, seinen Satan anthropomorphisiert; um den gefallenen _Engel_ würdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief gefallenen _Menschen_. Die Sünde hat seinen Körper häßlich, mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften gewühlt und es zur Fratze entstellt, aus dem hohlen Auge sprüht die grünliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hämisch wie der eines Elenden, der alles Schöne der Erde schon gekostet hat und jetzt aus Uebersättigung den Mund darüber rümpft; der Unschuld ist es nicht wohl in seiner befleckenden Nähe, weil ihr vor diesen Zügen schaudert.
So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte, einen schlechten Teufel gemalt.
Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel könne nun einmal nicht anders aussehen, er _könne_ sein Gesicht, seine Gestalt nicht _verwandeln_? Nein, man lese:
»Auch die Kultur, die alle Welt beleckt, Hat auf den Teufel sich erstreckt; Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen, Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen? -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut, Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere --«
Und an einem andern Ort läßt er mich mein Gesicht ein »Mäskchen« nennen; folglich _kann_ er sich eine Maske geben, _kann_ sich verwandeln; aber wie gesagt, der Dichter hat sich begnügt, das _nordische Phantom_ dennoch beizubehalten, nur daß er mich von »_Hörnern, Schweif und Klaue_« dispensiert.
Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun ein vom Dichter so hochgestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon durch ihre Maske verdächtig macht, ins Verderben geführt werden? Darf jener große Geist, der noch in seinem Falle die übrigen hoch überragt, darf er durch einen gewöhnlichen »Bruder Liederlich«, als welchen sich Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und -- muß nicht _diese_ Maske der Würde jener Tragödie Eintrag tun?
Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu ändern, und meine verehrte Großmutter würde über diesen Gegenstand zu mir sagen: »Söhnchen! διαβολε! Bedenke, daß ein großer Dichter ein großes Publikum haben und, um ein großes Publikum zu bekommen, so populär als möglich sein muß.«
Siebzehntes Kapitel.
Der Besuch.
Bei diesem allem bleibt Faust ein erhabenes Gedicht, und Goethe einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht wundern, daß ich ein großes Verlangen in mir fühlte, diesen Mann einmal zu sehen. Ich hätte ihm einen unerwarteten Besuch machen können, ja, wenn ich oft recht ärgerlich über mein Zerrbild war, stand ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostüm des Mephistopheles nächtlicherweise zu erscheinen und ihm einigen Schrecken in die Glieder zu jagen. Aber eine gewisse Gutmütigkeit, die man zuweilen an mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine schlaflose Nacht zu machen.
Ich entschloß mich daher, als ~Doctor legens~, ein ehrsamer Titel auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es ist mit berühmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein ehrlicher Pächter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt, so ist sein erstes, daß er in der Schenke den Hausknecht fragt: »Wann kann man den Löwen sehen, Bursche?« -- »Mein Herr,« antwortet der Gefragte, »die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der Löwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leib hat, daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen.«
Geradeso erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem jungen Amerikaner hinüber. Auch in sein Vaterland war des Dichters Ruhm schon längst gedrungen, und er machte auf der großen Tour durch Europa dem berühmten Mann zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen könnten? Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefährten etwas unscheinbar geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit mißtrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage beantwortete, ob wir auch Fräcke bei uns hätten?
Wir waren glücklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. »Sie werden wahrscheinlich nach dem Diner, um fünf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind Seine Exzellenz am besten zu sprechen. Zweifle auch gar nicht, daß Sie angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen aus Amerika nach Weimar kommt, wäre es doch unbarmherzig, einen ungesehen wieder fortzuschicken.«
Dieser Patriotismus ging doch wahrhaftig sehr weit. Doch wir ließen den guten Mann auf dem Glauben, der junge Philadelphier komme ~recta~ nach Weimar und gehe von da wieder heim. Uebrigens hatte er richtig prophezeit: ~Doctor legens~ Supfer, wie ich mich nannte, und Forthill aus Amerika waren auf fünf Uhr bestellt.
Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter wohnt sehr schön. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte Treppe führt zu ihm. Eine tiefe geheimnisvolle Stille lag auf dem Hausgang, den wir betraten. Schweigend führte uns der Diener in das Besuchzimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit, verbunden mit Würde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger Gefährte betrachtete staunend diese Wände, diese Bilder, diese Möbel. So hatte er sich wohl das _Stübchen des Dichters_ nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Größe des Erwarteten zu steigen. Alle Nüancen von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte hörbar, sein Auge war starr an die Tür geheftet, durch welche der Gefeierte eintreten mußte.
Ich hatte indes Muße genug, über den großen Mann nachzudenken. Wieviel weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt.
Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die höchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen. Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der zunächst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft. -- Goethe hat sich seine eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm noch keiner voranging, noch keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, daß der Mensch _kann_, was er _will_. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie, von einem Geist, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem Höheren geführt habe -- das Zeitalter hat _ihn_ gebildet.
Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben Werther in das liebe Deutschland brachte. Die Lotten schienen wie durch einen Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war Legion. Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur daran gefehlt, daß _er_ das Hörnchen an den Mund setzte, und bei dem ersten Ton, den er angab, mußte Pfaffe und Laie, Nönnchen und Dämchen in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heißt dieses große schöpferische Geheimnis? _Alles zu rechter Zeit._ Der Siegwart hatte die harten Herzen aufgetaut und sie für allen möglichen Jammer, für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht, da kommt Goethe.
Die Türe ging auf -- er kam.
Dreimal bückten wir uns tief -- und wagten es dann, an ihm hinaufzublinzeln. Ein schöner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle, wie die eines Jünglings, die Stirne voll Hoheit, der Mund voll Würde und Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und auf seiner Brust glänzte ein schöner Stern. -- Doch er ließ uns nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines Weltmannes, der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns zum Sitzen ein.
Was war ich doch für ein Esel gewesen, in dieser so gewöhnlichen Maske zu ihm zu gehen. ~Doctores legentes~ mochte er schon viele hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm zulieb auf die See gingen, gewiß wenige. Daher kam es auch, daß er sich meist mit meinem Gefährten unterhielt. Hätte ich mich doch für einen gelehrten Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi ausgegeben! Hätte ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können, wie sein Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Kabanen von Louisiana über ihn und seinen Wilhelm Meister sich unterhalte? -- So wurden mir einige unbedeutende Floskeln zu teil, und mein glücklicherer Gefährte durfte den großen Mann unterhalten.