Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2

Part 9

Chapter 93,769 wordsPublic domain

»Wie ich meinen Vater kenne,« sagte der junge Mann, »so wird er dieses Bild vielleicht noch lieber in Ihrem Hause als in dem seinigen sehen. Ich bitte, erlauben Sie, daß ich es dort aufhänge.«

»Sie machen mir ein großes Geschenk, lieber Robert,« sagte Thierberg; »wohin ist es mit unseren Gesinnungen gekommen? Ich glaube, wir denken im Grunde gleich über diesen Bonaparte, und doch sind _Sie_ es, der mir ihn anbietet, und mir macht es Freude, ihn anzunehmen. Ich habe wenige Bilder, aber einige alte, gute; suchen Sie sich etwas aus, nehmen Sie dafür aus meinem Schloß, was Sie wollen.«

»Halt!« rief der General, »bei diesem Handel bin ich auch beteiligt; ich kenne den unglücklichen Geschmack meines Sohnes und weiß, wie wenig er auf _alte_ Bilder hält; wollen Sie ihm nicht ein _jüngeres_ dafür geben? Thierberg, vor diesem Bilde, das nun auch für Sie von Bedeutung ist, wiederhole ich meine Werbung: Ihre Anna um diesen Napoleon.«

Der alte Herr war betreten, er warf verlegene Blicke auf die Umstehenden; endlich haftete sein Auge auf Davids Gemälde. »Du hast viel verschuldet,« sprach er, »Europas alte Ordnung hast du umgeworfen, und nun nach deinem Tode willst du dich in meine Haushaltung mischen?«

»Herr Baron!« sagte der alte Hans mit gerührter Stimme, »nehmen Sie es einem alten Diener nicht ungnädig auf, aber wissen Sie noch, was Sie zu dem braven Kapitän sagten, und was Sie mir oft erzählt haben? Monsieur, haben Sie gesagt, wenn Sie einst durch Schwaben kommen und in unsere Gegend, so vergessen Sie nicht, auf Thierberg einzusprechen, daß Sie mich nicht zu Ihrem ewigen Schuldner machen.«

Herr von Thierberg aber strich sich nachdenklich mit der Hand über die Stirne, warf noch einen zögernden Blick auf das Bild und führte dann Anna zu Robert Willi. »Nimm sie hin!« sagte er fest und ernst. »Ich habe es nicht tun wollen, aber vielleicht war es gut, daß _dies_ alles so kommen mußte; nimm sie hin!«

Mit großer Rührung umarmte der General den alten Mann, und indem Robert überrascht und selig seine Braut, wir wissen nicht ob zum erstenmal, an seine Lippen drückte, schüttelte der Gast aus der Mark, um nicht ganz teilnahmlos zu erscheinen, dem alten Diener herzlich die Hand. Albert hat nachher erzählt, daß er in jenem feierlichen Augenblick, trotz seines inneren Widerstrebens, gut napoleonisch gesinnt gewesen sei und zum erstenmal in seinem Leben jene Macht und Ueberlegenheit gefühlt und anerkannt habe, die jener große Geist auf die Gemüter zu üben pflegte.

Er erzählte auch, daß der alte Thierberg jenen sonderbaren Tausch niemals bereut habe; er fand in seinem Schwiegersohne Eigenschaften, die er ihm nie zugetraut hatte, und als er ihn bei der Verwaltung der Güter seines Vaters mit Rat und Tat unterstützte, lebte er im Glücke seiner Kinder die Tage seiner eigenen Jugend wieder.

Von der Hochzeit des jungen Paares sprach der Gast aus der Mark nicht gerne, man sah ihm an, daß er lieber selbst mit der liebenswürdigen Anna vor den Altar getreten wäre. Einen Zug aber aus diesem glänzenden Tag pflegte er bei Wiederholung dieser Geschichte nie zu vergessen, vielleicht nur, um jene schwärmerischen Anhänger Napoleons und seinen neubekehrten Oheim ins Komische zu ziehen. Der alte Gardist des Generals, erzählte er, habe alle Domestiken und einige junge Burschen zum Vivatschreien abgerichtet und die schöne Braut mit ins Geheimnis gezogen; er habe seine Leute unter die Türen des großen Saales im Schlosse Thierberg gestellt, und als nun mancher Toast ausgebracht war, sei auch Anna mit dem Kelchglas aufgestanden und habe mit ihrer süßen Stimme »dem Bild des Kaisers« die Ehre eines Toasts gegeben. Da wurde der Jubel rauschend, die Gäste stießen an, Hans und der Gardist schwangen zum Zeichen ihre Mützen, und wohl aus fünfzig Kehlen schallte ein jauchzendes: »~Vive l'empereur!~«

Die letzten Ritter von Marienburg.

1.

»Guten Morgen, Neffe der Musen!« rief mit munterem Ton der junge Rempen einem Bekannten zu, dem er am Markt begegnete; »Ihre Augen leuchten, Ihre Mienen drücken eine gewisse Behaglichkeit aus, und ich wollte wetten, Sie haben heute schon gedichtet.«

»Wie man will, bester Stallmeister,« entgegnete jener, »in Reimen zwar nicht, aber an meinem neuen Roman habe ich ein paar Kapitel geschrieben.«

»Wie, an einem neuen Roman? Das ist göttlich, auf Ehre! Aber, bitte Sie, warum so geheim mit solchen Dingen, so verschlossen gegen die nächsten Bekannten und Freunde? Sonst ließen Sie doch hin und wieder ein Wörtchen fallen über Anordnung und Charaktere, lasen mir und anderen einige Strophen; wie kommt es denn, daß _dies_ alles nun vorüber ist?«

»War es euch denn wirklich interessant?« fragte der Dichter nicht ohne wohlgefälliges Lächeln; »ich muß gestehen, mir selbst kommt, wenn ich etwas niedergeschrieben habe, alles so leer, so gemein, so langweilig vor, daß ich mich ennuyierte, wenn ich es nur in den Revisionsbogen wieder durchlas; da dachte ich denn, es könnte euch auch so gehen.« --

»Uns? Gewiß, es machte uns immer Vergnügen!«

»Gut, lassen Sie uns dort bei dem Italiener eintreten und etwas trinken, dabei will ich Ihnen den Plan meines neuen --«

»Wie!« rief der Freund des Dichters lachend. »So frühe schon am Tage in die Restauration? Sind wir denn Leute aus einer neumodischen Novelle, daß wir gleich anfangs, des Tages nämlich, in einem Wirtshaus sitzen müssen, als ob es außer der Kirche und der Weinstube kein öffentliches Leben mehr geben könnte?«

»Wie kommen Sie nur auf diese Vergleichung!« entgegnete jener. »Wie oft waren wir morgens bei Primavesi!«

»Es ging mir nur so durch den Kopf,« sprach der Stallmeister; »gestehen Sie selbst, seit Tieck mit Marlow und Green im Wirtshaus zusammenkam, glauben sie alle, es könne keinen schicklicheren Ort geben, um eine Novelle anzufangen; erinnern Sie sich nur an die Almanache des letzten Jahres; doch Sie selbst sind ja solch ein Stück von einem Poeten, und wenn Sie durchaus heute mit dem Italiener anfangen wollen, so mögen Sie Ihren Willen haben.«

»Sie werden erwartet, Herr Doktor Zundler,« sagte der Italiener, als die beiden Männer in den Keller traten, »der Buchhändler Kaper sitzt schon seit einer Viertelstunde im Eckstübchen und fragt oft nach Ihnen.«

Der Stallmeister machte Miene, sich entfernen zu wollen; Doktor Zundler aber faßte heftig seine Hand. »Bleiben Sie immer,« rief er, »kommen Sie mit zu dem Buchhändler; er wird wohl von meinem neuen Roman gehört haben und mir Verlag anbieten; da können Sie einmal sehen, wie unsereiner Geschäfte macht; habe ich ja selbst schon oft Ihren Pferdeeinkäufen beigewohnt.«

Der Stallmeister folgte; in einer Ecke sah er einen kleinen, bleichen Mann, der hastig an einem Rippchen zehrte, und so oft er einen Biß getan, Lippen und Finger ableckte; er erinnerte sich, diese Figur hie und da durch die Straßen schleichen gesehen zu haben, und hatte den Mann immer für einen Krämer gehalten; jetzt wurde ihm dieser als Buchhändler Kaper vorgestellt. Zur Verwunderung des Stallmeisters sprach er nicht zuerst den Dichter, sondern ihn selbst an: »Herr Stallmeister,« sprach er, »schon lange habe ich mich gesehnt, Ihre werte Bekanntschaft zu machen. Wenn Sie oft an meinem Gewölbe vorbeiritten, ritten, ich darf sagen, wie ein Gott, da sagte ich immer zu meinem Buchhalter, und auf Ehre, es ist wahr, Winkelmann, sagte ich (Sie kennen ihn ja, Herr Doktor), Winkelmann, es fehlt uns schon lange an einem tüchtigen Pferde- und Bereiterbuch. Der Pferdealmanach erscheint schon lange nicht mehr, und was letzthin der Herr Baptist bei den Kunstreitern geschrieben, ist auch mehr für Dilettanten, obgleich die Vignette schön ist, Sie haben ja den Menschen persönlich gesehen, Herr Doktor; nun, sagte ich, ein solches Buch zu schreiben, wäre der Herr Stallmeister von Rempen ganz der Mann. Etwa fürs erste achtzehn bis zwanzig Bogen, statt der Kupfer nehmen wir Lithographien --«

»Bemühen Sie sich nicht,« erwiderte der junge Rempen, mit Mühe das Lachen unterdrückend. »Ich bin zum Büchermachen verdorben; es geht mir nicht von der Hand, und überdies, Herr Kaper, bei unserem Metier, gerade bei unserem, muß der jüngere sich bescheiden. Da kommt es auf Erfahrung an.«

»Und ich dächte, Sie hätten Verlag genug,« sagte der Doktor, wie es schien, etwas ärgerlich, von dem Buchhändler nicht gleich beachtet worden zu sein.

»O ja, Herr Doktor, Verlag genug, was man so verlegene Bücher nennt; ich könnte Deutschland in allen Monaten, die ein R haben, mit Krebsen versehen, Sie wissen ja selbst.«

»Ich will nicht hoffen,« rief der Dichter hoch errötend, »daß Sie damit etwa mein griechisches Epos meinen --«

»Mit nichten, gewiß nicht, wir haben doch hundert etwa abgesetzt und die Kosten so ziemlich gedeckt, und der Herr Doktor werden mir nicht übelnehmen, wenn ich sage, es war eine frühe Arbeit, eine Jugendarbeit; hat doch auch Schiller nicht gleich mit dem ›Tell‹ angefangen, sondern zuerst ›Die Räuber‹ geschrieben, und überdies noch die erste Ausgabe bei Schwan und Götz, wo Franz Moor noch in den Turm kommt, die gar nicht so gut ist als die zweite; aber seit man Ihre vortreffliche Novelle in der Amathusia für 1827, seit man Ihre Rezensionen und Kritiken und die Sonette vor vier Wochen gelesen hat, läßt sich Großes erwarten.«

Der Dichter schien beruhigt. »Ich habe Sie immer für einen Mann von gesundem Urteil gehalten, Herr Kaper,« sprach er mit gütigem Lächeln; »haben Sie vielleicht schon von meinem neuen Roman gehört?«

»Ich habe, ich habe,« erwiderte der Buchhändler mit schlauer Miene; »und wo, raten Sie, wo ich davon gehört habe? Sie erraten nicht? Warum kommen denn der Herr Doktor so gerne in mein Gewölbe? Etwa wegen meiner Leihbibliothek, auf welche Sie immer zu schimpfen belieben, oder wegen des Vis-à-vis?«

»Wie!« rief der junge Mann und drückte die Hand des Buchhändlers, »hätte etwa Elise --«

»Elise Wicklow, meinen Sie?« fragte der Stallmeister, etwas näher rückend.

»Ja, meine Herren! Fräulein Wicklow,« fuhr Herr Kaper, vertraulich flüsternd, fort, »doch nicht zu laut, wenn ich bitten darf; denn soeben hat sich der Oberjustizreferendar Palvi dorthin gepflanzt in seine tägliche Ecke --«

»Welcher ist es?« fragte der Stallmeister, sich umkehrend; »ich hörte mancherlei von diesem Menschen, sonderbares Gerede von den einen und hohes Lob von anderen; der junge Mann, der so düster in sein Glas sieht, ist Palvi?«

»Es ist nicht viel an ihm,« bemerkte der Dichter. »Auf der Universität -- ich war noch ein Jahr mit ihm in Göttingen -- war er so eine Art von Poetaster; einmal las ich ein paar gute Gedanken von ihm, die er zu einem Fest gemacht hatte; hier treibt er ein elendes, wüstes Leben und kommt selten in gute Gesellschaft.«

»Aber gerade wegen Fräulein Wicklow dürfen wir vor ihm nicht zu laut werden,« flüsterte der Buchhändler. »Ich weiß, er kam, als er noch auf Schulen war, zuweilen hinüber ins Haus, und wie mir meine Tochter sagte, soll einmal ein Verhältnis zwischen den beiden Leutchen --«

»Wie?« rief der Stallmeister gespannt.

»Possen!« entgegnete der Dichter, indem er auf seinen eleganten Anzug einen Blick herabwarf, »er sieht aus wie ein Landstreicher; bringen Sie mir Elise auch nicht in Gedanken mit diesem Menschen zusammen. Ich weiß, sie liebt die Poesie; alles Erhabene, Schöne gefällt ihr, und sagen Sie aufrichtig, hat sie von meinem Roman gesprochen?«

»Sie hat, und wie! Sie ist ein belesenes Frauenzimmer, das muß man ihr lassen; keine in der ganzen Stadt ist so delikat in der Auswahl ihrer Lektüre. So kommt es, daß sie immer in einer Art von Verbindung mit mir steht, und wenn ich etwas Neues habe, bringe ich es gleich hinüber, denn ich selbst habe es in meinen alten Tagen gerne, wenn ein so schönes Kind ›lieber Herr Kaper‹ zu mir sagt und gütig und freundlich ist. Es war letzten Sonntag, daß ich ihr den Roman, ›Die letzten Ritter von Marienburg‹, brachte, noch unaufgeschnitten, ich hatte ihn selbst noch nicht gelesen. Sie hatte eine kindische Freude und sprach recht freundlich und viel. Und wie wir so plaudern, komme ich auch auf Ihre Novelle, welche sie ungemein lobte und Stil und Erfindung pries. Und so sagte sie denn, ob ich auch schon gehört, daß Sie einen neuen Roman schreiben?«

»Ja,« fiel der Dichter feurig ein, »und einen Roman schreibe, Kaper, wie Deutschland, Europa noch keinen besitzt!«

»Historisch doch?« fragte der Buchhändler zweifelhaft.

»Historisch, rein geschichtlich, aber dies unter uns!«

»Historisch! das möchte ich auch raten!« sprach der Verleger, eine große Prise nehmend. »Das ist gegenwärtig die Hauptsache. Wenn man es so bedenkt, es ist doch eine sonderbare Sache um den deutschen Buchhandel. Ich war Commis in Leipzig, als ›Wilhelm Meister‹ zuerst erschien. ›Werther‹ und ›Siegwart‹ waren Mode gewesen, hatten Nachahmung gefunden lange Zeit. Aber mein Prinzipal sagte: ›Er wird sehen, Kaper (damals sprach man noch per Er mit den Subjekten), Er wird sehen, über kurz oder lang geschieht eine Veränderung.‹ So war's auch; wir gaben anfänglich nicht viel um den ›Wilhelm Meister‹, es schien uns ein gar konfuses Buch; aber siehe da, man schrieb allenthalben nach diesem Muster, und mancher hat sich ein schönes Stück Geld damit gemacht. Wieder eine Weile, ich hatte meine eigene Handlung etabliert, lag mir oft das Wort meines alten Prinzipals im Sinn: Alles im Buchhandel ist nur Mode. Wer eine neue angibt, ist Meister. Wie ich mich noch auf etwas Neues besinne und einen Menschen suche, der etwas Tüchtiges schreiben täte -- da haben wir's, kommt Fouqué mit den Helden und Altdeutschen, und alles machte nach. Und jetzt hat der Walter Scott wieder eine neue Mode gemacht; ich möchte mir die Haare ausraufen, daß ich keine Taschenausgabe machte, und nichts bleibt übrig, als etwa deutsche historische Romane, die gehen noch.«

»Fürwahr!« bemerkte der Stallmeister lächelnd, »so habe ich bisher ohne Brille gelesen, und der deutsche Parnaß ist in ganz andern Händen, als ich dachte. Nicht um das Interesse der Literatur scheint es sich zu handeln, sondern um das Interesse der Verkäufer?«

»Ist alles so ganz genau verknüpft,« antwortete Herr Kaper mit großer Ruhe, »hängt alles so fest zusammen, daß es sich um den Namen nicht handelt! Deutsche Literatur! Was ist sie denn anders, als was man alljährlich zweimal in Leipzig kauft und verkauft? Je weniger Krebse, desto besser das Buch, pflegen wir zu sagen im Buchhandel.«

»Aber der Ruhm?« fragte der junge Rempen.

»Der Ruhm? Herr, was nützt mich Ruhm ohne Geld? Gebe ich eine Sammlung gelehrter Reisen mit Kupfern heraus, die mich schwer Geld kosteten, so hat zwar meine Firma den Ruhm, das Buch verlegt zu haben. Aber wer kauft's, wer nimmt's, wer liest das Ding? Sechs Bibliotheken und ein paar Büchersammler, das ist alles, und wer geprellt ist, bin ich. Nein, Herr von Rempen! Eine vergriffene Auflage von einem Roman, eine Messe von höchstens dreißig Krebsen, das ist Ruhm, der echte, nämlich Ruhm mit Geld.«

»Das ist also ungefähr wie Tee mit Rum, es schmeckt besser,« erwiderte der Stallmeister, »aber ich meinte den schriftstellerischen Ruhm.«

»I nun, das ist etwas anderes,« antwortete er, »den haben die Herren neben dem Honorar umsonst. Und den weiß man sich zu machen, sehen Sie --«

2.

Doch die Forschungen des Herrn Kaper wurden hier auf eine unangenehme Weise durch einen Lärm unterbrochen, der im Laden des Italieners entstand. Neugierig sah man nach der Türe, welche durch ein Glasfenster einen Ueberblick über den unteren Teil des Gewölbes gewährte. Ein ältlicher und zwei jüngere Herren schienen in heftigem Streit begriffen; jeder sprach, jeder focht mit den Händen; der eine stürzte endlich mit hochgeröteten Wangen aus dem Laden, die beiden andern, noch keuchend vom Wortkampf, traten in das Gewölbe, wo die Freunde saßen.

»Herr Rat! Was ist mit Ihnen vorgefallen!« rief Doktor Zundler beim Anblick des älteren Mannes, der, ein gedrucktes Blatt in der Hand zerknitternd, atemlos auf einen Stuhl sank. »Haben Sie denn nicht gelesen, Doktor Zundler?« antwortete für den älteren der jüngere Mann, der unmutig und dröhnenden Schrittes im Zimmer auf und ab ging, »nicht gelesen, wie wir blamiert sind, nicht gelesen, daß man uns alle zusammen hier eine poetische Badegesellschaft, eine Bänkelsängerbande nennt?«

»Tod und Teufel!« fuhr der Doktor auf. »Wer wagt es, diese Sprache zu führen? Wer wagt, die ersten Geister der Nation auf diese Art zu benennen? Ich will nicht von mir sagen; was habe ich viel getan, um auf einigen Ruhm Anspruch machen zu können? Aber was für andere Männer finden sich hier! Sind es nicht -- die schönsten Zierden der Nation? So jung Sie sind, Professor, sind denn nicht alle Blätter voll Ihres Lobes wegen Ihrer Trauerspiele, und unser Rat --«

»Aber büßen sollen sie es mir, büßen,« rief der letztere, »so wahr ich lebe, und Zundler, Sie müssen mithelfen und alle, die ins Freitagskränzchen kommen. Hab' ich es mir darum sauer werden lassen zwanzig Jahre lang, daß man jetzt über mich herfällt, und wegen nichts, als wegen der Rezensionen über den dummen Roman: ›Die letzten Ritter von Marienburg‹, sonst wegen nichts!«

»Die letzten Ritter von Marienburg,« fragte der Buchhändler, der als Mann vom Fach mitsprechen zu müssen glaubte; »mich gehorsamst zu empfehlen, Herr Rat, aber ist es nicht bei Wenz in Leipzig erschienen, 3 Bände Oktav, Preis 4 Taler netto?«

»Und ich will nun einmal diese Schule nicht aufkommen lassen,« fuhr der Erboste fort, ohne auf Herrn Kaper zu hören; »woher kommt es, daß man keine Verse mehr lesen will, daß man die Lyrik verachtet, sei sie auch noch so duftig und gefeilt, daß man über die tiefsinnigsten Sonette weggeht wie über Lückenbüßer, woher, als von diesen Neuerungen?«

»Aber so zeigen Sie doch, ich bitte,« flüsterte der Doktor, das zerknitterte Papier fassend; »ist es denn wirklich so arg, so niederschlagend?«

»Lesen Sie immer,« erwiderte der Rat gefaßter, »lesen Sie meinetwegen laut, es ist doch in jedermanns Händen; die Herren sind ja ohnedies Zeugen meines Schmerzens gewesen, und mögen auch Zeugen sein, wie man Redakteur und Mitarbeiter eines der gelesensten Blätter behandelt!«

Der junge Mann entrollte das Blatt. »Wie? In den Blättern für literarische Unterhaltung? Nein, das hätte ich mir nicht träumen lassen; die waren ja sonst immer so nachbarlich, so freundlich mit uns! Ist es die Kritik, die anfängt: ›Ehe wir noch dieses Buch --‹«

»Ebendiese, nur zu!«

»Die letzten Ritter von Marienburg, historischer Roman von Hüon. 3 Bände. Leipzig. Fr. Wenz.«

»Ehe wir noch dieses Buch in die Hände bekamen, lasen wir in den Blättern für belletristisches Vergnügen eine Kritik, welche uns beinahe den Mut benahm, diesen dreibändigen historischen Roman nur zu durchblättern. Man kann zwar gewöhnlich auf das Urteil dieser Blätter nicht viel halten. Es sind so wenige Männer von Gehalt dabei beschäftigt, daß der wissenschaftlich Gebildete von diesen Urteilen sich nie bestimmen lassen kann; doch machte diese Kritik eine Ausnahme. Es ist nämlich eine Seltenheit, daß die Blätter für belletristisches Vergnügen etwas durchaus tadeln; selten ist ihnen etwas schlecht genug; aber diesmal hieben sie so unbarmherzig und greulich ein, daß wir im ersten Augenblick, auf die kritische Ehrlichkeit solcher Leute trauend, glaubten, dieser Roman müsse die tiefste Saite der Schlechtigkeit berührt haben. Doch zu einer guten Stunde entschlossen wir uns, nachzusehen, wie tief man es in der deutschen Literatur dermalen gebracht habe. Wir lasen. Aber welch ein Geist wehte uns aus diesen Blättern an! Welch mächtiges, erhabenes Gebäude stieg vor unsern Blicken auf; ein Gebäude in so hohem, erhabenen Stil wie die Marienburg selbst; wir fühlten uns fortgerissen, versetzt in ihre Hallen; der letzte Großkomtur und seine Ritter traten uns lebend entgegen, und noch einmal ertönte jene alte Feste vom Waffenspiel und den kräftigen Stimmen ihrer tapfern Bewohner. Wir wollen den Dichter nicht tadeln, daß ein Hauch von Melancholie über seinem Gemälde schwebt, der keine laute Freude, kein behagliches Vergnügen gestattet. Wo ein so großartiges Schicksal waltet, wo ein ganzes, großes Geschlecht untergeht, da muß ja wohl auch die zarte Liebe, die nur einen Frühling blühte, mit zu Grabe gehen. In diesem außerordentlichen Buche ist ein Geist unter uns getreten, so originell, so groß, so frei, daß er keine Vergleichung zuläßt. Er nennt sich Hüon, zwar ein angenommener Name, aber gut gewählt; denn der Verfasser scheint uns nicht minder würdig, von Oberon mit Horn und Becher beschenkt zu werden als jener tapfere Paladin Karls des Großen. Mit Vergnügen müssen einen solchen Jünger Meister wie Goethe und Tieck willkommen heißen, und unsere Zeit darf sich glücklich preisen, einen Mann wie diesen geboren zu haben.

»Aber mit tiefer Indignation müssen wir hierbei einer Clique von Menschen gedenken, die diese edle Blume schon in ihrem Keim in den Staub drücken wollten. Freilich ist er euch zu groß, zu erhaben, ihr kleinen belletristischen Seelen; möge immer diese poetische Badegesellschaft in ihrem lauen Versewasser auf und nieder tauchen, nur bespritze sie nicht mit ihrem Schlammwasser den Wanderer, der am Ufer geht und sich verachtend abwendet. Ein Glück ist es übrigens, daß man anfängt, in der guten Gesellschaft auf reinere Melodien zu horchen, daß man diese Bänkelsänger dem Straßenpöbel überläßt.«

»190.«

Für den Stallmeister war es ein interessantes Schauspiel, die Gesichter der Zuhörer zu mustern, während der Dichter mit schnarrendem Tone diese Kritik ablas. Der Buchhändler, der ihm zunächst saß, versteckte schlecht seine Neugierde und eine gewisse Behaglichkeit hinter einer unmutigen Miene. Vielleicht hatte ihm der Hofrat einmal ein Verlagswerk schlecht rezensiert oder der Theaterdichter hatte ihm nichts zum Verlegen gegeben oder irgend einer der »Badegesellschaft« hatte ihn beleidigt. Er dachte wie so viele kleine Seelen im ähnlichen Falle: »Gottlob, es ist dafür gesorgt, daß die Rezensenten sich immer selbst wieder rezensieren.« Der Rat hatte den Mund auf seinen Stockknopf gepreßt, und seine Augen irrten auf dem Boden; der Theaterdichter zwang sich zu einer Art von vornehmer Ruhe, die ihm vorhin völlig gefehlt hatte. Sein »Ohe!« oder »Ei!«, das er hin und wieder mit einem kurzen Lachen herauspreßte, klang unnatürlich. Am merkwürdigsten war dem jungen Rempen ein stiller Zuhörer, der scheinbar ohne Teilnahme in der Ecke saß, der Referendär Palvi. Als der Doktor zu lesen anhub, lauschte er mit niedergeschlagenen Augen, dann ergoß sich plötzlich eine brennende Röte über seine Stirn und Wangen; sie verschwand ebenso schnell als der glänzende Blick seiner großen Augen, den er auf den Lesenden warf, und wer diesen Blick, dieses flüchtige Erröten nicht gesehen, konnte vor- und nachher glauben, er schenke weder diesen Literatoren noch der Ursache ihres Aufbrausens einige Aufmerksamkeit.

»Nun was sagen Sie dazu?« fragte der Theaterdichter, nachdem Doktor Zundler geendet hatte. »Sie sind ja auch mit gemeint, denn zahlreiche Stanzen, Sonette, Triolette und Kritiken finden sich von Ihrer Arbeit in den Blättern fürs belletristische Vergnügen.«

»Schweigen kann man nicht!« rief der Doktor entrüstet. »Ja, wir stehen alle für _einen_, und alle, die ins Freitagskränzchen kommen, müssen beleidigt sein, müssen sich rächen. Ich habe in Berlin einen Bekannten, in den Gesellschafter laß ich es rücken durch die dritte Hand, oder vielleicht nimmt es Doktor Saphir in die Schnellpost auf, ich kenn' ihn noch von Wien.«

»In meinen Theaterkritiken mache ich Ausfälle,« fuhr der Theaterdichter fort; »ah! wenn nur Marienburg nicht preußisch wäre, ich wollte mich rächen, wollte, oh! aber so könnte man alles für Anzüglichkeit nehmen. Und gegen die Blätter für literarische Unterhaltung kann ich nicht schimpfen, ich habe noch drei Trauerspiele dort liegen, die noch nicht rezensiert sind. Aber wo ein Loch offen ist, will ich einen Ausfall machen!«