Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2
Part 8
Sie nickte schweigend Gehorsam zu. Aber von jenem Augenblick an, wo sie mit einem kurzen, aber kräftigen Vorspiel den Gesang anhob, schien auf ihren lieblichen Zügen eine Art von Begeisterung aufzugehen; eine zarte Röte spielte auf ihren Wangen, ihre Augen glänzten, und um den schönen Mund, der die Töne so voll und rund hervorströmen ließ, spielte anfangs ein Lächeln, das mehr und mehr in Wehmut überging. Es war eine französische Ode, aus welcher sie einige Stellen vortrug; die Melodie, bald heiter, ermunternd, bald erhaben und triumphierend, bald ernst und getragen, schmiegte sich an das wechselnde Versmaß und den Gedankengang der Strophen, und so süß war ihre Stimme, so ausdrucksvoll ihr Vortrag, so hinreißend ihr ganzes Wesen, das mit dem Gesang sich zu verschmelzen schien, daß die Männer, wenn sie gleich über den Gegenstand die verschiedensten Gesinnungen hegten, doch von dem Strom der Töne mit fortgerissen wurden. Wie erhaben war ihr Vortrag, als sie sang:
~Cachez ce lambeau tricolore! C'est sa voix; il aborde, et la France est à lui.~
Ernst, beinahe traurig, doch nicht ohne Triumph, fuhr sie fort:
~Il la joue, il la perd; l'Europe est satisfaite Et l'aigle, qui, tombant aux pieds du Léopard, Change en grand capitaine un héros de hasard, Illustre aussi vingt rois, dont la gloire muette N'eût jamais retenti chez la postérité; Et d'une part dans sa défaite, Il fait à chacun d'eux une immortalité.~[1]
[1] ~Sept Messéniennes nouvelles par C. Delavigne. 1re. Le départ.~
Als sie geendet hatte, legte sie die Gitarre nieder und ging, während die Männer noch in verlegener Stille saßen, schnell hinweg.
»~Il la joue, il la perd~,« sprach der alte Thierberg lachend. »Eine große Wahrheit! Und dieser Dichter, wer er auch sein mag, konnte jenen Mann nicht besser schildern; seine ganze Größe bestand ja nur darin, daß er das ~rouge et noir~ so hoch als möglich spielte, und der alte Satz, daß der _kaltblütigste_ Spieler endlich gewinnt, bestätigte sich an ihm. Der Leopard hat doch die Bank gesprengt, und Wellington wird es eben darum keinen Kummer machen, wenn man ihn ~héros de hasard~ nennt.«
»Wie lächerlich sind solche Hyperbeln!« rief Rantow, »als ob zwanzig Könige ihren Nachruhm, ihre Unsterblichkeit diesem Sommerkönig zu verdanken hätten! Was uns betrifft wenigstens, so wird man eingestehen müssen, daß der Ruhm der preußischen Waffen älter ist als der des sogenannten Siegers von Italien, und nicht erst von der großen Nation geadelt werden mußte.«
»Und dennoch,« erwiderte der General mit großer Ruhe, »dennoch wird man _einst_ nicht sagen, es war Bonaparte, der zur Zeit dieses oder jenes Königs lebte -- man wird sagen, Herr von Rantow, sie waren Zeitgenossen Napoleons. Doch was den Obergeneral des englischen Heeres in der Bataille von Mont St. Jean betrifft, so möchte es die Frage sein, ob ihm der Titel ~héros de hasard~ sehr angenehm ist; soviel ist wenigstens gewiß, daß er jene Schlacht nicht gewonnen, sondern nur -- _nicht verloren hat_.«
»Es ist ein Glück für die Welt,« bemerkte Thierberg lächelnd, »daß man Ihren Satz umkehren kann, und daß er dann noch höhere Wahrheit enthält; Ihr Herr und Meister hat jene Schlacht _zwar nicht gewonnen_, aber desto gewisser _verloren_.«
»Er hat sie verloren,« antwortete der General; »was die Welt damit verlor, will ich nicht aussprechen, aber jene Strophe, womit Anna ihren Gesang schloß, drückt aus, wer noch am Abend jenes unglücklichen Tages, als Cäsar und sein Glück von der Uebermacht zerschmettert wurden, als meine braven Kameraden auf Mont St. Jean den letzten Atem aushauchten -- der _Größere war_.«
»Der Größere! Und dies können Sie noch fragen, General?« entgegnete heftig der junge Mann aus der Mark. »Als die Strahlen der Abendröte über jenes denkwürdige Feld streiften, beleuchtend die Schande Frankreichs und sein verwirrtes Heer, als blutend, aber unbesiegt, das englische Heer jene Hügel deckte und Deutschlands Völker stolzen Schrittes in die Ebene herabstiegen, um den Kampf siegend zu entscheiden -- denken Sie sich, ich bitte, jenen erhabenen Moment, und sagen Sie mir, wer da der Größere war?«
»Der Gott des Zufalls,« erwiderte der General. »Mächtiger war er wenigstens als jener alte Held, der auch noch an seinem letzten Schlachttage zeigte, welche mächtige Kluft zwischen dem Genie und roher, wohlgenährter, tierischer Kraft befestigt sei. Er ist gefallen, nicht weil ihm England oder Deutschland gewachsen waren, sondern weil er früher oder später fallen mußte, weil er einen Vertilgungskrieg gegen sich selbst führte, der seine Kräfte aufrieb; oder können Sie mir beweisen, daß an jenem Tage von Waterloo das Genie des englischen Feldherrn oder gar Ihres Blücher ihn besiegte?«
»Seien wir gerecht,« nahm der junge Willi das Wort; »geben wir zu, daß ihm keiner seiner militärischen Gegner gewachsen war, so beweist dies noch immer nicht für jene innere Größe, für jene moralische Erhabenheit, welche die Mitwelt mit sich fortreißt, ihr Jahrhundert bildet und Segen noch auf die späte Nachwelt bringt. Napoleon war ein großer Soldat, -- aber kein großer Mensch.«
»Sohn!« erwiderte der General, »wie kannst du in irgend einem Fach des Wissens groß, größer als sonst ein Mann des Jahrhunderts werden, _ohne ein großer Mensch_ zu sein? Die Maschine ist es nicht, nicht dieser Körper ist es, was sie groß macht, es ist der Geist. Jene veralteten Formen Europas, von klugen Männern vor tausend Jahren ausgedacht, stürzten zusammen, weil es Formen waren, die der Geist verlassen hatte; sie brachen ein vor den Blitzen seines Genies, sie hatten das Schicksal jener Leichname, die in Grüften eingeschlossen, in ihren fürstlichen Leichenprunk gehüllt, Jahrhunderte überdauern, weil sie die Kerkerluft ihres Grabes nicht vermodern läßt. Berühre sie mit _lebendiger_ Hand, hauche sie an mit _freiem_ Odem, und -- sie zerfallen in Asche!«
»Dies beweist nicht gegen mich,« sagte Willi.
»Und wo ist denn das große und feste Reich, das der große Mann gründete?« unterbrach ihn Thierberg; »Sie vergleichen unsere schönen, alten Institutionen, Gott möge es Ihnen verzeihen, mit einem Leichnam, aber was war denn jener korsische Kaiserthron, was sein Staatsgebäude als ein Kartenhaus?«
»Ich habe nie gesagt, daß Napoleon der Mann war, einen großen Staat zu gründen,« antwortete der alte Willi; »Frankreich war unter ihm ein Lager, dessen erste Posten die Rheinbundstaaten bildeten. Er hätte vielleicht ein Ende genommen, das seiner oder Frankreichs unwürdig gewesen wäre, wenn er einige Jahre in beständiger Ruhe und in Frieden regiert hätte.«
»So war also das Ende, welches er nahm, seiner würdig?« fragte Rantow lächelnd.
»Nicht der Platz, auf welchem wir stehen,« versetzte der General nicht ohne Wehmut, »nicht der Raum, sei er groß oder klein, gibt uns Würde oder Schmach. Wir sind es, die uns und unsern Posten adeln oder schänden. Die Welt hat gelacht und gehöhnt, als man den größten Geist des Jahrhunderts auf eine öde Insel verbannte. Dort, an der höchsten Felsenspitze, haben sie den alten Adler angeschlossen, wo er nur in die Sonne, auf den weiten Ozean und in einige treue Herzen sah. Aber man hat nicht bedacht, wie vielen Stoff zum Lachen man der Nachwelt gebe; es war nicht _Strafe_, was ihn dorthin verbannte; wer in Europa konnte _ihn strafen_? Es war -- _Furcht_. So mußte es kommen, daß man in ihm noch immer den _Gefürchteten_ sah; und manche Herzen, die sich von ihm abgewendet hatten, fingen an, ihn wieder zu lieben; pflegt doch das Unglück die Menschen zu versöhnen, und -- es war ja nichts an seine Stelle getreten, was ihn hätte vergessen machen können.«
»Glauben Sie etwa, Herr Nachbar,« sagte Thierberg, »es hätte wieder ein solcher Attila auftreten müssen, nur um die Zeitungsschreiber zu unterhalten? Vergessen wird man wohl jenen Namen noch lange nicht, aber -- man wird ihn verdammen.«
»Mancher hat ein persönliches Recht dazu, und ich kann ihn darum nur beklagen, nicht entschuldigen, daß sein Gang über die Erde nicht die gebahnte Straße ging. Aber man wird auch mit andern Gefühlen sich seiner erinnern. Die Großen der Erde scheinen zwar nicht viel von ihm gelernt zu haben, desto mehr vielleicht die Kleinen. Er hat sich seine Bahn so erhaben aufgerissen als Alexander, er hat sie verfolgt wie Cäsar, man hat ihm gedankt wie dem Hannibal, auf jenem Felsen hat er gelebt wie Seneca, und seine letzten Tage waren eines Sokrates würdig.«
»In diesem Punkt werden wir nimmer einig,« erwiderte der alte Thierberg; »was mich betrifft, so kömmt er mir vor, als habe er seine Laufbahn eröffnet wie ein Aventurier, habe sie verfolgt wie ein Räuber, habe mit seinem Raub verfahren wie ein verzweifelter Spieler, und habe geendet wie ein -- _Komödiant_!«
»Wir sind noch nicht seine Nachwelt,« bemerkte Robert Willi. »Erst wenn alle Parteien, die persönliches Interesse aussprachen, von der Erde verschwunden sind, dann erst wird man mit klaren Augen richten. Mein Held ist er nicht, aber in seinen italienischen Feldzügen erscheint er wie ein Wesen höherer Art, und dies wenigstens werden auch Sie zugeben, Herr von Thierberg.«
»Es ist möglich,« versetzte der Alte, »er hat damals mein Staunen, meine Bewunderung erregt; aber wie schnell wurde ich von meiner Vorliebe geheilt! Wenn er damals den Bourbons den Thron zurückgegeben hätte -- die Macht hatte er dazu --, so wäre er mir wie ein Engel erschienen.«
»Dies war wegen seiner Armee, die anders dachte, unmöglich,« antwortete der General.
»Sie erinnern sich,« fuhr der Alte fort, »daß ich Ihnen öfter von einem französischen Kapitän erzählte, der mich in der Schweiz aus großer Verlegenheit rettete; -- der einzige Franzose, den ich achte, und für den ich noch jetzt alles tun könnte. Mit diesem sprach ich damals auch über _diesen_ Punkt. Ich sagte ihm, daß Frankreich ohne Rettung verloren gehe, wenn es in der ewigen, sich immer von neuem gebärenden Revolution fortfahre. Nur ein König an der Spitze könnte es retten. -- Er gab es zu; er sagte mir, daß die Bourbons eine große Partei in Paris hätten, und daß mein Gedanke vielleicht erfüllt würde. Ich fragte ihn, wie der Konsul Bonaparte, der damals an der Spitze stand, darüber dächte. ›Er äußert sich nicht,‹ erwiderte mir der Kapitän, ›aber wenn ich ihn recht verstehe,‹ setzte er lächelnd hinzu, ›so wird Frankreich bald nur _einen_ Meister haben.‹ Ich deutete dies Wort meines neuen Freundes damals auf die Zurückkunft der Bourbons, leider ist es an Bonaparte selbst in Erfüllung gegangen.«
Der junge Willi war schon zu Anfang dieser Rede aufgestanden; er hatte Annas Vater die Geschichte von seinem Kapitän schon einige Dutzendmal erzählen gehört, und sein Blut wallte in diesem Augenblick noch zu unruhig, als daß er sie von neuem anhören mochte; er ging mit zögernden Schritten im Saal auf und nieder; als aber der alte Thierberg im Gespräch mit dem General auf die jetzigen Verhältnisse Frankreichs einging, ein Punkt, über den sie niemals in Streit gerieten, gesellte sich auch Rantow zu dem jungen Willi. Er ließ sich von ihm die Geschichte der letzten Wochen noch einmal wiederholen, führte ihn unbemerkt in das nächste Zimmer und dann auf die breite Hausflur. Dort hielt er plötzlich inne und flüsterte dem erstaunten jungen Mann ins Ohr: »Sie dürfen vor mir kein Geheimnis mehr haben; Anna hat mir alles entdeckt, und auf meinen Beistand können Sie sich verlassen.« Noch einen Augenblick zweifelte Robert, weil ihm diese Nachricht zu neu und unerwartet kam; als aber Rantow ins einzelne einging und ihm erzählte, was in jener Schreckensnacht vorgefallen sei, als er ihm entdeckte, wie ungünstig gegenwärtig die Verhältnisse seien, da stand jener nicht länger an, die Hilfe, die ihm geboten wurde, anzunehmen; er bat Albert, ihm, wenn es möglich wäre, Gelegenheit zu verschaffen, mit Anna zu sprechen.
Der Gast aus der Mark dachte einige Augenblicke nach, ob er dies möglich machen könnte. Anna hatte ihn zwar selbst nie auf ihr Boudoir im Turm eingeladen, aber er hoffte, in solcher Begleitung nicht unwillkommen zu sein; das einzige, was ihn hätte abhalten können, war die Furcht vor dem Zorn seines Oheims, im Fall diese Zusammenkunft entdeckt wurde; aber die Lust, wo er nicht selbst die Rolle übernehmen konnte, wenigstens die Intrige zu unterstützen, siegte über jede Bedenklichkeit; er winkte dem jungen Willi, ihm zu folgen. Der Gang nach Annas Turm war ihm bekannt. Nach der Lage ihrer Fenster mußte ihr Gemach noch zwei Stockwerke höher liegen als der Saal. Sie stiegen eine enge, steile Treppe von Holz hinan, die unter jedem Tritte, so behutsam sie auch stiegen, ächzte. Zum nicht geringen Schrecken begegnete ihnen auf dem ersten Stock der alte Hans, der sie verwundert ansah. Albert winkte seinem Gefährten, nur immer voranzugehen, er selbst nahm, ohne in seiner Bestürzung zu bedenken, ob es klug sein möchte, den alten Diener auf die Seite. »Hans!« sagte er, »wenn du deinem Herrn ein Wort --« -- »O,« erwiderte jener schlau lächelnd, »da hat es gute Wege, so wenig als in jener Nacht, da Sie mich beinahe in den Neckar warfen, ich bin so still wie ein toter Hund.« Beruhigt folgte Rantow dem Liebhaber; sie hatten bald das Ende der Treppe erreicht und standen nun auf einer Art von Vorsaal; die Reinlichkeit und Zierlichkeit, die hier herrschte, ließ ahnen, daß man sich nicht mehr weit von Annas Gemach befinde. Zwei Türen gingen auf diesen Vorplatz; sie wählten auf gutes Glück die nächste, pochten an -- keine Antwort. Sie pochten wieder; jetzt tat sich die zweite Tür auf, und Anna erschien auf der Schwelle.
Sie errötete, als sie die beiden jungen Männer sah, doch, als habe dieser Besuch nichts Auffallendes an sich, lud sie dieselben durch einen freundlichen Wink ein, näher zu treten. »Ihr kommt wohl, um die schöne Aussicht von meinem Turm zu betrachten?« sagte sie; »jetzt erst fällt mir bei, daß du nie hier warst, Albert, aber so ganz bin ich schon an diesen herrlichen Anblick gewöhnt, daß es mir nicht einmal einfiel, dich hierher einzuladen.«
12.
Das Gemach war klein, die Geräte gehörten einer früheren Zeit an, aber dennoch war alles so freundlich und geschmackvoll geordnet, daß Rantow, nachdem er die Aussicht geprüft, die nächsten Umgebungen gemustert und alles recht genau angesehen hatte, dieses Zimmer für das schönste im Schloß erklärte. Nur eine breite Kiste, von schlechtem Holz zusammengezimmert, die auf einer Kommode stand, schien ihm nicht mit den übrigen Gerätschaften zu harmonieren. So ungerne er die beiden Liebenden, die, anscheinend in die Aussicht auf das Tal hinab vertieft, eifrig zusammen flüsterten, stören mochte, so war doch seine Neugierde, zu wissen, was der geheimnisvolle Schrank verberge, zu groß, als daß er nicht seine Base darüber befragt hätte.
»Bald hätte ich das Beste vergessen!« rief sie aus; »das Bild für Ihren Vater ist heute angekommen, Robert; ich habe es hierhergestellt, weil mein Vater nie hierher kommt, und weil ich es doch auch betrachten wollte.« Sie rückte unter diesen Worten den Deckel des Schranks, Willi half ihn herabnehmen, und das Bild eines Reiters, der auf einem wilden Pferd eine Anhöhe hinansprengt, wurde sichtbar.
»Bonaparte!« rief Rantow, als ihm die kühnen, geistvollen Züge aus der Leinwand entgegensprangen.
»Erkennst du ihn?« fragte Anna lächelnd. »Das war der Sieger von Italien!«
»Ich hätte nicht geglaubt, daß die Kopie so gut gelingen könnte,« bemerkte Willi; »aber wahrlich, David war ein großer Maler. Wie edel ist diese Gestalt gehalten, wie glücklich der Einfall, diesen hochstrebenden Mann nicht in der gebietenden Stellung eines Obergenerals, sondern in einer Kraftäußerung aufzufassen, die einen mächtigen Willen und doch eine so erhabene Ruhe in sich schließt.«
»Ich kenne das Original,« sagte Rantow, »es ist in der Galerie zu Berlin aufgestellt, und ich finde diese Kopie trefflich; für Liebhaber des Gegenstandes, worunter ich nicht gehöre, gewinnt dieses Gemälde um so höheres Interesse, als die Idee dazu von Napoleon selbst ausging. Man sagt, David habe ihn malen wollen als Helden, den Degen in der Hand, auf dem Schlachtfelde; Bonaparte aber erwiderte die merkwürdigen Worte: ›Nein! Mit dem Degen gewinnt man keine Schlachten; ich will _ruhig_ gemalt sein -- auf einem wilden Pferde.‹«
»Dank dir für diese Anekdote,« erwiderte Anna, »sie macht mir das Bild um so lieber, und nicht wahr, Robert,« setzte sie hinzu, »auch dein Vater soll durch seine Originalität nur noch mehr erfreut werden.«
»Anna!« unterbrach die Beschauenden eine dumpfe, wohlbekannte Stimme. Sie sahen sich um, der alte Thierberg, auf seinen Diener gestützt, stand mit hochrotem, zürnendem Gesicht und zitternd vor ihnen; der General, welcher seitwärts stand, schien verlegen und ängstlich. Aber so schnell war dieser Schreck, so groß die Furcht Annas vor ihrem Vater und so furchtbar sein Anblick, daß sie zu schwanken anfing, und hätte der General sie nicht unterstützt, sie wäre in die Knie gesunken.
»Sind das die gerühmten Sitten Ihres Herrn Sohnes?« wandte sich der Alte bitter lachend zu dem General, indem er bald den Sohn, bald den Vater ansah; »heißt das, wie Sie mir vorzumalen suchten, sich in den zartesten Grenzen des Anstandes halten? Herr! Wie kommen Sie dazu, mit meiner Tochter _allein_ auf ihrem Zimmer zu sein?«
»Onkel --« rief Rantow, um ihn zu belehren.
»Schweig, Bursche!« antwortete ihm der zürnende Alte, indem er immer den jungen Willi mit glühenden Blicken ansah.
»Ich denke,« erwiderte dieser ruhig und mit stolzer Fassung, »die Erziehung Ihrer Tochter und Annas Sitten müßten Ihnen Bürge sein, daß ein Mann, selbst wenn er allein käme, sie besuchen dürfte, vorausgesetzt, sie will ihn empfangen, und über den letztern Punkt steht nach allen Gesetzen der guten Sitte der jungen Dame selbst, nicht aber Ihnen, Herr von Thierberg, die Entscheidung zu.«
Diese Worte schienen seinen Eifer noch mehr zu entflammen, er atmete tief auf; aber in diesem Augenblick trat sein Neffe mutig dazwischen und redete ihn auf eine Weise an, die, wie ihn sein kurzer Aufenthalt bei den Thierbergs gelehrt hatte, die Wirkung nicht verfehlen konnte. »Herr von Thierberg,« rief er bestimmt und mit ernster Miene, »Sie haben mir vorhin zu schweigen geboten, ich werde aber nicht schweigen, wenn man meiner Ehre zu nahe tritt. Ich bin es gewesen, der Herrn von Willi hierher führte, ich bin es gewesen, der ihn hier unterhielt, und er hat mich hierher begleitet, weil ich ihn darum gebeten habe.«
»Du warst zugegen?« fragte der Oheim mit etwas gemilderter Stimme. »Aber was Teufel geht dich das Zimmer meiner Tochter an? Was hattest du hier zu suchen?«
Mit einer theatralischen Wendung und sprechender Miene wandte sich der Neffe gegen die Hinterwand des Zimmers, deutete mit dem ausgestreckten Arm hin und sprach: »Hier steht, was ich suchte.«
Der Alte trat mit schnelleren Schritten, als seine Krankheit erlaubte, näher. Er betrachtete das Bild und blieb mit einem Ausruf des Erstaunens stehen; seine trotzige Miene klärte sich auf, seine Stirn entfaltete sich, sein blitzendes Auge schimmerte nur noch von Rührung und Freude. »Gott im Himmel,« rief er aus, indem er das Mützchen abnahm, das er beständig trug. »Wer hat mir das getan, woher, woher habt ihr ihn? Wer hat ihn meinen Gedanken nachgebildet, wer hat mir diese Züge, diese Augen hier, hier aus meinem Herzen herausgestohlen?«
Die Männer sahen sich staunend an, betreten richtete sich Anna auf und trat näher, denn sie besorgte, ihr alter Vater rede irre. »Wer hat dies Bild hierher gestellt?« fragte er nach einer Pause, indem er sich umwandte, und alle sahen Tränen in seinen Augen glänzen.
»Ich, mein Vater,« sagte Anna zögernd.
»O du gutes Kind,« fuhr er fort, indem er sie in seine Arme schloß, »wie unrecht habe ich dir vorhin getan! Als ich in dieses Zimmer trat, glaubte ich, du habest mich tief gekränkt, und doch hast du mich so unendlich erfreut! -- Kennst du ihn, Hans?« wandte er sich an seinen Diener. »Kennst du ihn nicht wieder?«
»Gott straf' mich, er ist's!« erwiderte der alte Reitknecht. »Solche schreckliche Augen machte er gegen die fünf Buschklepper, die uns auszogen, o das war ein braver Herr!«
Die, welche den Herrn und seinen Diener so sprechen hörten, konnten sich von ihrem Staunen kaum erholen, sie sahen sich lächelnd an, als ahnten sie eine sonderbare Fügung des Geschicks, als sei ein schweres Gewitter segnend über ihnen hinweggezogen. Der General aber, der bald Anna, bald das Bild mit blitzenden Augen betrachtet hatte, trat näher heran und fragte den alten Thierberg, wen er denn in diesem Bilde wiedererkenne?
»Das ist derselbe treffliche Kapitän,« antwortete er, »der mich am Fuß des St. Bernhard aus der Gewalt ruchloser Soldaten errettete; wie? Er ist derselbe, von welchem ich Ihnen so oft erzählte; das Muster eines braven Mannes, eines gebildeten und klugen Soldaten.«
»Nun, so bitte ich Sie,« fuhr der General mit inniger Rührung fort, indem auch ihm eine Träne im Auge schwamm, »ich bitte Sie im Namen dieses Mannes, den ich auch kannte, Sie mögen ihm vergeben, wenn er nachher anders handelte, als Sie damals dachten!«
»Wie? Sie haben ihn gekannt?« rief der Alte dringend, indem er die Hand des Generals faßte, »wer war er, wie heißt er, lebt er noch?«
»Er ist tot -- seinen Namen kannte die Welt -- dieser Mann hier ist --«
»Nun?« drängte der Alte den General, dem die Stimme zu brechen schien. »Wer? Doch nicht --«
»Dieser Mann,« rief der General mit einem feurigen Blick auf das Gemälde, »dieser Mann war -- _Napoleon Bonaparte_, der Kaiser der Franzosen.«
Der Alte setzte seine Mütze auf; er drückte die Augen zu, und in seinem Gesicht kämpfte Unmut mit Rührung. Doch als er nach einer Weile das Bild wieder ansah, schien er es nicht über sich zu vermögen, dem stolzen Reiter gram zu werden; »du also?« sprach er zu ihm, »du warst dieser -- kühne Mann? Das war also deine Meinung? Du hast mir mein Kleid, meinen Hut und meine Börse zurückgegeben, um mir nachher mein alles zu rauben?«
»Vater,« sagte Anna schmeichelnd, »wie glücklich waren Sie aber dennoch! Der erste Mann des Jahrhunderts hat so traulich zu Ihnen gesprochen.«
»Ja, das haben wir,« erwiderte der Alte lächelnd und nicht ohne Stolz, »recht freundlich haben wir uns unterhalten, ich und er, und er schien Gefallen an mir zu finden. Ich habe nicht gehört, daß der erste Konsul sich je gegen einen so offen ausgesprochen hätte, wie damals gegen mich. ›Frankreich wird nicht mehr lange ohne König sein‹, waren seine eigenen Worte; du hast es erfüllt, kleiner Schelm! -- Ha! Und gerade so sah er aus, so warf er noch einmal den stolzen Kopf herüber, als er sein Roß den Berg hinantrieb und die Feldmusik des Regiments herüberklang. General Willi -- es war doch ein großer Geist!«
»Gewiß!« sagte der General freudig gerührt, indem er dem Alten die Hand drückte. »Aber, wie kam nur dies Bild hierher zu Ihnen, Anna?«
»Darf ich es verschweigen, Robert?« antwortete sie; »nein, er hat es ja doch schon gesehen. Ihr Sohn wollte Sie an Ihrem Geburtstag damit überraschen, und ich erlaubte, daß das Bild einstweilen hier aufgestellt würde.«
Der alte Thierberg hatte aufmerksam zugehört; er schien überrascht und ging auf den jungen Willi zu, dem er seine Hand bot. »Junger Mann,« sagte er, »ich habe Ihnen vorhin bitter unrecht getan, ich sehe jetzt, daß Sie ein schönerer Zweck auf dieses Zimmer führte, als ich anfangs dachte; werden Sie mir meine übereilten Worte, meine Hitze vergeben?«
Robert errötete. »Gewiß, Herr von Thierberg,« antwortete er, »und wenn Sie noch zehnmal heftiger gewesen wären, so konnten Sie mich zwar kränken, aber niemals beleidigen; es ist hier nichts zu vergeben.«
»Wirklich?« erwiderte der alte Herr sehr freundlich, »und wenn ich fragen darf -- wo haben Sie das Bild gekauft? Könnte man nicht sich auch ein Exemplar verschaffen? Ich möchte doch den ~grand capitaine~, _meinen_ Kapitän, in meinem Zimmer haben.«