Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2
Part 23
»Edler Ritter,« antwortete ich und errötete vor meiner Zeit, »die Zeiten haben sich geändert. Ihr würdet wahrscheinlich als Demagoge verhaftet werden bei sotanen Umständen und Verhältnissen, denn weder Habsburgs Banner noch die Oriflamme, weder Englands Harfe noch Hispaniens Löwen sieht man in jenen Gefechten.«
»Wer ist es denn, der gegen den Halbmond schlägt, wenn es nicht diese sind?«
»Die Griechen selbst.«
»Die Griechen? Ist es möglich?« rief Johannes; »und die andern Staaten, wo sind denn diese beschäftigt?«
»Noch haben sie Gesandte bei der Pforte.«
»Mensch, was sagst du?« sprach Roland, starr vor Staunen; »kann man es ignorieren, wenn ein Volk um seine Freiheit kämpft? Heilige Jungfrau, was ist dies für eine Welt! Wahrlich das möchte einen Stein erbarmen!« Er quetschte im Zorn, während er die letzten Worte sprach, den silbernen Becher wie dünnes Zinn zusammen, daß der Wein darin hoch an die Decke spritzte, fuhr rasselnd auf vom Tisch, nahm seine Tartsche und sein langes Schwert und schritt düster mit dröhnenden Schritten aus dem Gemach.
»Ei, was ist der steinerne Roland für ein zorniger Kumpan!« murmelte Rose, nachdem er die Pforte klirrend zugeworfen, indem sie etliche Weintropfen, die sie benetzten, vom Busentuch abschüttelte. »Will der steinerne Narr auf seine alten Tage noch zu Felde ziehen! Wenn er sich sehen ließe, sie steckten ihn gleich ohne Barmherzigkeit als Flügelmann unter die Brandenburger Grenadiere, denn die Größe hat er.«
»Jungfer Rose,« erwiderte ihr Petrus, »zornig ist er, das ist wahr, und er hätte können auf andere Weise davongehen; aber bedenket, daß er einst Furioso, wahnsinnig war und noch ganz andere Sachen getan, als silberne Becher zerquetscht und Frauenzimmer mit Wein besudelt. Und genau beim Lichte besehen, kann ich ihm seinen Unmut auch nicht verdenken; war er doch auch einmal ein Mensch und dazu ein herrlicher Paladin des großen Kaisers, ein tapferer Ritter, der, wenn es Karl gewollt hätte, allein gegen tausend Muselmannen zu Felde gezogen wäre. Da hat er sich denn geschämt und ist unmutig geworden.«
»Laßt ihn laufen, den steinernen Recken!« rief Bacchus, »hat mich geniert, der Bursche, hat mich geniert. Er paßt nicht unter uns, der Lümmel von zehn Schuh, er sah immer höhnisch auf mich herab. Die ganze Freudigkeit und mein Vergnügen hätt' er gestört. Wir wären nicht zum Tanzen gekommen, nur weil er mit seinen steifen, steinernen Beinen keinen tüchtigen Hopser hätte riskieren können, ohne elend umzustülpen.«
»Ja tanzen, heisa, tanzen!« riefen die Apostel; »Balthasar spiel' auf, spiel' auf!«
Judas stand auf, zog ungeheure Stülphandschuhe an, die ihm beinahe bis zum Ellbogen reichten, trat zierlich an die Jungfrau heran und sagte: »Ehrenfeste und allerschönste Jungfer Rose, dürfte ich mir die absonderliche Ehre ausbitten, mit Ihr den ersten --«
»~Manum de~ --« unterbrach ihn Bacchus pathetisch. »Ich bin es, der den Ball arrangiert hat, und ich muß ihn eröffnen. Tanze Er, mit wem Er will, Meister Judas, mein Röschen tanzt mit mir. Nicht wahr, Schätzerl?«
Sie machte errötend einen Knicks zur Bejahung, und die Apostel lachten den Judas aus und verhöhnten ihn. Mir aber winkte der Weingott heroisch zu; »versteht Er Musik, Doktor?« fragte er.
»Ein wenig.«
»Taktfest?«
»O ja, taktfest wohl.«
»Nun so nehme Er dies Fäßlein da, setze Er sich neben Balthasar Ohnegrund, unseren Kellermeister und Zinkenisten, nehme Er diese hölzernen Küperhämmer zur Hand und begleite jenen mit der Trommel.«
Ich staunte und bequemte mich. War aber schon meine Trommel etwas außergewöhnlich, so war Balthasars Instrument noch auffallender. Er hielt nämlich einen eisernen Hahnen von einem achtfuderigen Faß an den Mund wie ein Klarinett. Neben mich setzten sich noch Bartholomäus und Jakobus mit ungeheuern Weintrichtern, die sie als Trompeten handhabten, und warteten des Zeichens. Der Tisch wurde auf die Seite gerückt, Rose und Bacchus stellten sich zum Tanze. Er winkte, und eine schreckliche, quiekende, mißtönende Janitscharenmusik brach los, zu der ich im Sechsachteltakte auf mein Faß als Tambour aufschlegelte. Der Hahn, den Balthasar blies, tönte wie eine Nachtwächtertute und wechselte nur zwischen zwei Tönen, Grundton und abscheulich hohem Falsett, die beiden Trichtertrompeter bliesen die Backen auf und lockten aus ihren Instrumenten Angst- und Klagelaute so herzdurchschneidend wie die Töne der Tritonen, wenn sie die Meermuscheln blasen.
Der Tanz, den die beiden aufführten, mochte wohl vor ein paar hundert Jahren üblich gewesen sein. Jungfer Rose hatte mit beiden Händen ihren Rock ergriffen und solchen an den Seiten weit ausgespannt, daß sie anzusehen war wie ein großes weites Faß. Sie bewegte sich nicht sehr weit von der Stelle, sondern trippelte hin und her, indem sie bald auf, bald nieder tauchte und knickste. Lebendiger war dagegen ihr Tänzer, der wie ein Kreisel um sie herfuhr, allerlei kühne Sprünge machte, mit den Fingern knallte und heisa, juhe! schrie. Wunderlich war es anzusehen, wie das kleine Schürzlein der Jungfer Rose, das ihm Balthasar umgetan, hin und her flatterte in der Luft, wie seine Beinchen umherbaumelten, wie sein dickes Gesicht lächelte vor inniger Herzenslust und Freude.
Endlich schien er ermüdet, er winkte Judas und Paulus herbei und flüsterte ihnen etwas zu. Sie banden ihm die Schürze ab, faßten solche an beiden Enden und zogen und zogen, so daß sie plötzlich so groß wurde wie ein Bettuch. Dann riefen sie die andern herbei, stellten sie rings um das Tuch und ließen es anfassen. »Ha,« dachte ich, »jetzt wird wahrscheinlich der alte Balthasar ein wenig geprellt, zu allgemeiner Ergötzung; wenn nur das Gewölbe nicht so nieder wäre, da kann er leicht den Schädel einstoßen.« Da kam Judas und der starke Bartholomäus auf uns zu und faßten -- _mich_; Balthasar Ohnegrund lachte hämisch; ich bebte, ich wehrte mich; es half nichts, Judas faßte mich fest an der Kehle und drohte mich zu erwürgen, wenn ich mich ferner sträube. Die Sinne wollten mir vergehen, als sie mich unter allgemeinem Jauchzen und Geschrei auf das Tuch legten; noch einmal raffte ich mich zusammen; »nur nicht zu hoch, meine werten Gönner, ich renne mir sonst das Hirn ein am Gewölbe,« rief ich in der Angst des Herzens, aber sie lachten und überschrieen mich. Jetzt fingen sie an, das Tuch hin und her zu wiegen, Balthasar blies den Trichter dazu. Jetzt ging es auf- und abwärts, zuerst drei, vier, fünf Schuh hoch, auf einmal schnellten sie stärker, ich flog hinauf und -- wie eine Wolke tat sich die Decke des Gewölbes auseinander; ich flog immer aufwärts zum Rathausdach hinaus, höher, höher als der Turm der Domkirche. »Ha,« dachte ich im Fliegen, »jetzt ist es um dich geschehen! Wenn du jetzt wieder fällst, brichst du das Genick oder zum allerwenigsten ein Paar Arme oder Beine! O Himmel, und ich weiß ja, was _sie_ von einem Mann mit gebrochenen Gliedmaßen denkt! Ade, ade! Mein Leben, meine Liebe!«
Jetzt hatte ich den höchsten Punkt meines Steigens erreicht, und ebenso pfeilschnell fiel ich abwärts. Krach! ging es durchs Rathausdach und hinab durch die Decke des Gewölbes, aber ich fiel nicht auf das Tuch zurück, sondern gerade auf einen Stuhl, mit dem ich rücklings über auf den Boden schlug.
Ich lag einige Zeit betäubt vom Fall. Ein Schmerz am Kopfe und die Kälte des Bodens weckten mich endlich. Ich wußte anfangs nicht, war ich zu Hause aus dem Bette gefallen oder lag ich sonstwo. Endlich besann ich mich, daß ich irgendwo weit herabgestürzt sei. Ich untersuchte ängstlich meine Glieder, es war nichts gebrochen, nur das Haupt tat mir weh vom Fall. Ich raffte mich auf, sah um mich. Da war ich in einem gewölbten Zimmer, der Tag schien matt durch ein Kellerloch herab, auf dem Tische sprühte ein Licht in seinem letzten Leben, umher standen Gläser und Flaschen, und rings um die Tafel vor jedem Stuhl ein kleines Fläschchen mit langem Zettel am Halse. -- Ha, jetzt fiel mir nach und nach alles wieder ein. Ich war zu Bremen im Ratskeller; gestern nacht war ich hereingegangen, hatte getrunken, hatte mich einschließen lassen, da war --; voll Grauen schaute ich um mich, denn alle, alle Erinnerungen erwachten mit einemmal. Wenn der gespenstige Balthasar noch in der Ecke säße, wenn die Weingeister noch um mich schwebten! Ich wagte verstohlene Blicke in die Ecken des düsteren Zimmers, es war leer. Oder wie? Hätte dies alles mir nur geträumt?
Sinnend ging ich um die lange Tafel; die Probefläschchen standen, wie jeder gesessen hatte. Obenan die Rose, dann Judas, Jakobus -- Johannes, sie alle an der Stelle, wo ich sie leiblich geschaut hatte diese Nacht. »Nein, so lebhaft träumt man nicht,« sprach ich zu mir; »dies alles, was ich gehört, geschaut, ist wirklich geschehen!« Doch nicht lange hatte ich Zeit zu diesen Reflexionen; ich hörte Schlüssel rasseln an der Tür, sie ging langsam auf, und der alte Ratsdiener trat grüßend ein.
»Sechs Uhr hat es eben geschlagen,« sprach er, »und wie Sie befohlen, bin ich da, Sie herauszulassen. Nun,« fuhr er fort, als ich mich schweigend anschickte, ihm zu folgen, »nun, und wie haben Sie geschlafen diese Nacht?«
»So gut es sich auf einem Stuhl tun läßt, ziemlich gut.«
»Herr,« rief er ängstlich und betrachtete mich genauer, »Ihnen ist etwas Unheimliches passiert diese Nacht. Sie sehen so verstört und bleich aus, und Ihre Stimme zittert!«
»Alter, was wird mir passiert sein!« erwiderte ich, mich zum Lachen zwingend. »Wenn ich bleich aussehe und verstört, so kommt es vom langen Wachen, und weil ich nicht im Bette geschlafen.« --
»Ich sehe, was ich sehe,« sagte er kopfschüttelnd; »und der Nachtwächter war heute früh auch schon bei mir und erzählte, wie er am Kellerloch vorübergegangen zwischen zwölf und ein Uhr, habe er allerlei Gesang und Gemurmel vieler Stimmen vernommen aus dem Keller.«
»Einbildungen, Possen! Ich habe ein wenig für mich gesungen zur Unterhaltung und vielleicht im Schlaf gesprochen, das ist alles.«
»Diesmal einen im Keller gelassen in solcher Nacht und von nun an nie wieder,« murmelte er, indem er mich die Treppe hinauf begleitete; »Gott weiß, was der Herr Greuliches hat hören und schauen müssen! Wünsche gehorsamst guten Morgen.«
* * * * *
»Doch hat daselbst vor allen Eine Jungfrau mir gefallen.«
Der Worte des fröhlichen Bacchus eingedenk und von Sehnsucht der Liebe getrieben, ging ich, nachdem ich einige Stunden geschlummert, der Holden guten Morgen zu sagen. Aber kalt und zurückhaltend empfing sie mich, und als ich ihr einige innige Worte zuflüsterte, wandte sie mir laut lachend den Rücken zu und sprach: »Gehen Sie und schlafen Sie erst fein aus, mein Herr.«
Ich nahm den Hut und ging, denn so schnöde war sie nie gewesen. Ein Freund, der in einer andern Ecke des Zimmers am Klavier gesessen, ging mir nach und sagte, indem er wehmütig meine Hand ergriff: »Herzensbruder, mit deiner Liebe ist es rein aus auf immerdar, schlage dir nur gleich alle Gedanken aus dem Sinne.«
»Soviel ungefähr konnte ich selbst merken,« antwortete ich. »Der Teufel hole alle schönen Augen, jeden rosigen Mund und den törichten Glauben an das, was Blicke sagen, was Mädchenlippen aussprechen.«
»Tobe nicht so arg, sie hören es oben,« flüsterte er; »aber sag' mir um Gottes willen, ist es denn wahr, daß du heute die ganze Nacht im Weinkeller gelegen und getrunken hast?«
»Nun ja, und wen kümmert es denn?«
»Weiß der Himmel, wie sie es gleich erfahren hat, sie hat den ganzen Morgen geweint und nachher gesagt, vor einem solchen Trunkenbold, der ganze Nächte beim Wein sitze und aus schnöder Trinklust ganz allein trinke, solle sie Gott behüten. Du seiest ein ganz gemeiner Mensch, von dem sie nichts mehr hören wolle.«
»So?« erwiderte ich ganz gelassen und hatte einiges Mitleiden mit mir selbst. »Nun gut, geliebt hat sie mich nie, sonst würde sie auch mich darüber hören; ich lasse sie schön grüßen. Lebe wohl!«
Ich rannte nach Hause und packte schnell zusammen und fuhr noch denselben Abend von dannen. Als ich an der Rolandsäule vorüberkam, grüßte ich den alten Recken recht freundlich, und zum Entsetzen meines Postillons nickte er mir mit dem steinernen Haupt einen Abschiedsgruß. Dem alten Rathaus und seinen Kellerhallen warf ich noch einen Kuß zu, drückte mich dann in die Ecke meines Wagens und ließ die Phantasieen dieser Nacht noch einmal vor meinem Auge vorübergleiten.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Weitere Korrekturen:
S. 15: hinab → hinauf Rückweg ins Schloß {hinauf} ist
S. 26: wilden → milden mit dem {milden} Schimmer des Mondes
S. 30: verschlossen → verschossenen in einem {verschossenen} Hofkleid
S. 128: die → wie treffend die Beschreibung, {wie} die Furcht vor
S. 150: noch → nach nie {nach} vier Uhr abends ein Mann
S. 200: Napoleine → Napoleone Generale, Platows, Blüchers, {Napoleone} und dergleichen